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Öffentlich-rechtliche Selbstverstümmelung

Was in den letzten 10 Tagen an undifferenzierter Scheiße Berichterstattung über die Vorfälle beim Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC durch die deutsche Fernseh- und Gazettenlandschaft geisterte, ist unerträglich. Alles wird in einen großen Topf geworfen und kräftig durchgemengt: Platzstürme, Bengalos, Ultras, Hooligans, Ausschreitungen. Oben drauf noch eine ordentliche Prise Empörung und Pathos fertig ist das Fußball-Süppchen. Zum Nachtisch darf Johannes B. Kerner dann noch ein gefallenes Kind flambieren. Guten Appetit!

Der Ausgangspunkt: Skandalspiel in Düsseldorf

Was ist eigentlich ein Skandal? In der Wikipedia wird er definiert als:

“(…) ein Aufsehen erregendes Ärgernis und die damit zusammenhängenden Ereignisse oder Verhaltensweisen.”

Man kann die Partie in Düsseldorf somit durchaus als Skandalspiel bezeichnen, doch worin bestand der Skandal? Zunächst waren da die Vorfälle im Auswärtsblock. Hertha-Fans warfen brennende Bengalos aufs Spielfeld. Das Spiel wurde unterbrochen, man hätte auch zu dieser Zeit schon über einen Abbruch diskutieren können. In der Nachspielzeit waren es dann die Fans der Fortuna, die eine Spielunterbrechung bewirkten, indem sie verfrüht das Spielfeld stürmten. Es war für jeden ersichtlich, dass es sich um feiernde Fans handelte, die irrtümlich dachten, das Spiel sei schon abgepfiffen. Dass einem als Hertha-Spieler da mulmig wird, wenn man in dieser Atmosphäre zurück aufs Spielfeld muss, ist verständlich. Von einer Gefahr für Leib und Leben kann man hingegen nicht sprechen.

Der Platzsturm hat Hertha die letzte Chance auf den Klassenerhalt gekostet. Er war in dieser Hinsicht höchst unsportlich, denn nach der langen Unterbrechung war kein faires Spiel mehr möglich. Ob in den 90 Sekunden sonst noch etwas passiert wäre, ist dabei unerheblich. Es wäre an den Mannschaften gewesen, dies auszutragen. Von daher kann ich die Berliner Proteste gut nachvollziehen. Andererseits wäre auch ein Wiederholungsspiel bei einer Partie, die sich bereits in der vierten Minute der Nachspielzeit befand, aus sportlicher Sicht nicht wirklich fair. So oder so bleibt am Ende ein fader Beigeschmack, fühlt sich mindestens einer der Vereine ungerecht behandelt. Bei mir persönlich hat das Spiel dazu geführt, dass ich Düsseldorf (für die ich vor dem Spiel Sympathien hatte) den Aufstieg nun genau so wenig gönne, wie ich Hertha den Klassenerhalt gegönnt hätte. Das spielt für die juristische Beurteilung seitens des DFB aber ebenso wenig eine Rolle, wie das Rechts- und Unrechtsempfinden anderer Fußballfans.

Mediale Aufarbeitung: Versagen auf ganzer Linie

Die Ebene, auf der nun die mediale Diskussion zu großen Teilen stattfindet, ist hingegen eine völlig andere: Hier wird nicht argumentativ die Sachlage diskutiert, es wird auch nicht über sportliche Fair- bzw. Unfairness gesprochen, nein, es wird skandalisiert und boulevardisiert. Der sportliche Skandal tritt gegenüber einem (angeblichen) allgemeinen, gesellschaftlichen Skandal folglich in den Hintergrund. Das Spiel musste nun als Beleg für all das herhalten, was die Klischeeschublade für Fußballfans hergibt.

Von Teilen der Medienlandschaft erwartet man nichts anderes. Wenn jedoch im gebührenfinanzierten, öffentlich-rechtlichen Fernsehen Effekthascherei über Aufklärung und Stammtischparolen über sachliche Diskussion gehen, dann haben wir ein ernsthaftes Problem. (Leider ist dieses Problem weder neu noch auf den Fußball begrenzt.) Was sich bei Hart aber fair und Menschen bei Maischberger abspielte, sollte jedem Medienschaffenden zu denken geben. Oftmals werden “die Medien” von Ultras und anderen Fan-Gruppierungen pauschal als Feindbild angesehen – was man zurecht kritisieren kann. Wenn jedoch in zwei der reichweitenstärksten Diskussions-Sendungen zweier der öffentlichen Aufklärung verpflichteten Sender so offensichtlich mit falschen Karten gespielt wird, dann gibt man dieser Haltung neuen Zündstoff und beschert ihr sicherlich auch neue Sympathisanten. Ultras mit Taliban zu vergleichen ist der rhetorische Platzsturm des ZDF.

Zum Thema “Gewalt im Stadion” hätte man eine wichtige, differenzierte und sicherlich auch hitzige Diskussion führen können. Die Sendungen (als Spitze des Eisbergs der Medien-Stimmen mit ähnlichem Tenor) hatten jedoch eine klare Agenda: Zu zeigen, dass Fans gewalttätig sind und es immer schlimmer und gefährlicher wird in deutschen Stadien. Die Mittel, die dazu gewählt wurden, waren propagandistisch und nicht journalistisch. Leider ist es nicht damit getan, solche Sendungen einfach zu ignorieren. Wenn mit öffentlichen Geldern gezielt und einseitig Meinungsmache betrieben wird, dann ist dies ein Missstand, den man nicht hinnehmen kann. Erweitert man den Horizont über den Fußball hinaus, zeigt sich, dass es sich durchaus um ein flächendeckendes Problem handelt.

Wenn der Fußball zur Grundversorgung zählt und seine Übertragung im Fernsehen deshalb mit öffentlichen Geldern finanziert wird, gibt es auch ein Anrecht auf eine mediale Aufarbeitung seiner Begleitumstände. Dabei darf und muss man ein Mindestmaß an journalistischer Sorgfalt und Qualität erwarten. Ansonsten entzieht sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk selbst jegliche Legitimation.

Schlussendlich lässt sich wieder einmal festhalten, dass Wiglaf Droste Recht hat: Niemand ist der Wahrheit ferner, als Johannes Baptist Kerner.