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Meine EM: Englands Angst vor dem Vorrundenaus

In kaum einem anderen europäischen Land liegen Erwartungshaltung und Ertrag so weit auseinander, wie in England. Alle zwei Jahre fährt man (sofern einem die Kroaten keinen Strich durch die Rechnung  machen) mit hohen Erwartungen zum Turnier, wähnt sich als Mitfavorit und fährt dann enttäuscht nach Hause. Dieses Jahr dürfte es kaum anders werden, wenngleich die Erwartungshaltung nicht ganz so hoch ist wie sonst.

Mind the gap

Es sind keine Welten die England von der Weltspitze trennen. Man weigert sich – Kritiker außen vor – jedoch beharrlich, die richtigen Schlüsse zu ziehen und anschließend die richtigen Maßnahmen zu treffen. Der britische Fußball leidet nicht an einer Armut an Talenten. Er leidet jedoch an einem Interessenkonflikt zwischen der starken Premier League und der Nationalmannschaft. Während letztere dringend auf junge Talente angewiesen ist, können erstere dank riesiger Finanzkraft mangelnde Qualität im eigenen Nachwuchs durch Zukäufe ausgleichen. Zudem spielt die Nationalität der Nachwuchsspieler für die Vereine im modernen Fußball eine untergeordnete Rolle. Es wäre also dringend ein nationales Jugendförderungsprogramm notwendig, das einheimische Talent systematisch entdeckt und ausbildet. Andere Länder haben dies schon vor längerer Zeit erkannt – wenn auch meist erst nach herben Enttäuschungen. In England setzt sich die Erkenntnis erst allmählich durch, dass man hier den Anschluss verloren hat.

Vielleicht hat man zu lange auf den Durchbruch der “goldenen Generation” gehofft, die noch in Bruchstücken im aktuellen Kader vertreten ist. Jeder Teilerfolg, jeder Sieg gegen einen großen Gegner lässt diese Hoffnung wieder aufflammen. Dabei wird übersehen, dass diese Siege meistens in unwichtigen Freundschafts-, maximal in Qualifikationsspielen eingefahren werden. Wenn es darauf ankommt werden den Engländern die Grenzen aufgezeigt. Auffällig ist dann auch die Diskrepanz zwischen den Leistungen der Starspieler auf Vereinsebene und im Nationaltrikot. Doch in den Vereinen sind diese Spieler Teil eines internationalen Starkollektivs. Sie können auch deshalb herausragen, weil sie von ihren Mitspielern getragen werden. In der Nationalmannschaft bürdet man Spielern wie Lampard, Gerrard oder Rooney regelmäßig zuviel auf. Die Fallhöhe wird durch die heimische Regenbogenpresse vor den Turnieren durch unrealistische Einschätzungen noch künstlich erhöht. Hinterher ist dann die Verwunderung groß und die Kritik unverhältnismäßig hart.

Weder Fisch noch Chips

Der neue Trainer Roy Hodgson hat nun die undankbare Aufgabe, nach Fabio Capellos überraschendem Rücktritt in kürzester Zeit aus einem fragmentierten Kader ein Team zu formen. Die Causa John Terry vs. Rio Ferdinand wurde auf die vermutlich einzig mögliche Art gelöst. Ich denke jedoch, dass man mit Terry auf das falsche Pferd gesetzt hat. Nach dem Ausfall von Gary Cahill dürfte Joleon Lescott neben ihm verteidigen. Ashley Cole und Glen Johnson als Außenverteidiger sind ebenfalls gesetzt. Das Team ist insgesamt erfahren und hat auch einige talentierte Nachwuchsspieler in seinen Reihen, wie etwa Alex Oxlade-Chamberlain. Dennoch ist die Mischung nicht die beste. Einige Schlüsselspieler sind über ihren Zenit und von den ehemaligen Hoffnungsträgern hat sich nur Wayne Rooney konstant auf höchstem Niveau bewährt.

Milner und Walcott sind als Flügelzange nicht die ganz große internationale Klasse, aber sicherlich gut genug für dieses Turnier. Von Milner kann man keine herausragenden Dinge erwarten, aber er ist ein cleverer Spieler, der seine Aufgabe erfüllt. Um Walcotts Geschwindigkeit optimal einzusetzen braucht man allerdings eine sehr gute Feinabstimmung. An der mangelt es den Engländern jedoch und so bleibt diese Waffe zu häufig stumpf. Ernste Probleme hat England hingegen im zentralen Mittelfeld. Wo man früher zu viele Optionen hatte und es ständig Diskussionen gab, wer mit wem warum nicht zusammenspielen kann, herrscht nun ein Loch. Durch die Verletzung von Barry scheint es auf das Duo Steven Gerrard und Scott Parker herauszulaufen. Individuell sind beide gut, doch als Doppelsechs sehe ich sie nicht auf dem benötigten Niveau. Besonders schlimm wiegt hier der Ausfall von Jack Wilshere, dem spielerisch besten englischen Mittelfeldspieler. Der Verzicht auf ballsichere Akteure wie Carrick oder auch Scholes legt nahe, dass man gar nicht erst versuchen wird, den Ball lange zu halten.

Umso wichtiger wäre die Durchschlagskraft vorne, wo Rooney die ersten beiden Spiele gesperrt ausfallen wird. Bis dahin könnte es für England bereits zu spät sein. Zudem hat es sich in der Vergangenheit nicht als förderlich erwiesen, zu hohe Hoffnungen in einen Einzelspieler zu setzen. Man sollte von England keinen dominanten oder technisch hochwertigen Fußball erwarten. Hodgson weiß, dass sein Kader limitiert und die Zeit seit seiner Inthronisierung viel zu kurz ist, um spielerisch große Fortschritte zu machen. Es dürfte ein sehr “englischer” Stil sein, den seine Mannschaft an den Tag legt. Mit hohen Bällen wird man jedoch nur dann primär arbeiten, wenn Andy Carroll auf dem Platz steht. Schnelle, direkte Angriffe über die Flügel und vertikale Pässe in den Lauf der beweglichen Stürmer Welbeck und Young bieten sich als Angriffsoptionen an. Ob sie als reine Kontermannschaft weit in diesem Turnier kommen werden, ist fraglich.

Meine Prognose: Mehr als das Viertelfinale traue ich England nicht zu. Selbst das wird schwer zu erreichen, wobei zwei der drei Gruppengegner mit eigenen Problemen zu kämpfen haben.

Englands Gruppengegner

Ukraine
Frankreich
Schweden