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Mutlosigkeit statt Gladiolen

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle eine Vorschau aufs Rückspiel zwischen dem FC Bayern und Inter Mailand heute Abend schreiben. Eigentlich. Nun ist die letzte Woche bekanntgewordene Trennung zwischen den Bayern und Louis van Gaal dazwischen gekommen und mir ist die Lust dazu vergangen.

Eigentlich könnte es mir ja völlig egal sein, ob die Bayern van Gaal entlassen, bzw. ich freue mich als Werderfan sogar darüber, denn wenn die Bayern ihren zuletzt beschrittenen Weg aufgeben und zurück zum konzeptlosen Zweijahreskaufrausch mit fünfzigprozentiger Meisterschaftsausbeute kehren, dann kann das für uns nur gut sein. Trotzdem ärgert es mich. Es hat mich schon im November 2009 geärgert und wenn die Mannschaft nicht unerwartet doch noch in der Champions League weitergekommen wären, dann würde heute niemand über die ach so tolle letzte Saison reden. Zur Erinnerung: Bayern hat die Gruppenphase nur deshalb überstanden, weil Juve in Bordeaux verloren hat. Hätten sie gewonnen, wäre es am letzten Spieltag in Turin um nichts mehr gegangen.

Damals hing Louis van Gaals Bayernkarriere am seidenen Faden. Im Sommer darauf war er der neue Fußballmessias. Das Feierbiest. In dieser Saison ist er wieder der alte Sturkopf, der nicht auf die Weisheit der Bayernoberen hört und unbelehrbar ist. Diese Entwicklung sagt viel mehr über den Verein FC Bayern als über den Trainer van Gaal.

Man wusste schon vorher, dass van Gaal kein ganz einfacher Mensch ist, dass er gewisse Vorstellungen vom Fußball hat, die nicht unbedingt mit dem Fußballstammtisch harmonieren. Als van Gaal verpflichtet wurde war ich beeindruckt. Beeindruckt davon, dass die Bayern sich einen solchen Querkopf in Haus holen und ihn seine Ideen umsetzen lassen. Nach dem gescheiterten Experiment Jürgen Klinsmann sollte es ein Fußballlehrer sein, aber eben einer mit neuen Ideen, der den Verein nicht zurück in die Lethargie der zweiten Hälfte der Ära Hitzfeld fliehen ließ. Der Verein schien bereit für Veränderung, für einen großen Plan. Vor allem deshalb wirkt es so bizarr, dass van Gaals Leistung nun vor allem an den Ergebnissen festgemacht werden. Nicht, dass die Ergebnisse bei der Bewertung eines Trainers egal wären, aber was kann man als Trainer in knapp zwei Jahren eigentlich erreichen? Eine Meisterschaft gewinnen? Einen Pokal holen? Die Champions League? Das ganze noch mal? Vielleicht, aber einem Vereine eine Idee vom Fußball einpflanzen? Das ist ein langfristiger Prozess.

Aber war nicht genau das van Gaals Mission? Eine “Fußballphilosophie”, seine Fußballphilosophie bei den Bayern umsetzen? Das hat er getan. Konsequent und ohne Kompromisse. Mit Kompromissen kommt man in einem festgefahrenen System nicht weiter. Kompromisse weichen die Philosophie auf. Es war klar: Der Trainer hat das alleinige Sagen. Es war auch klar: Das wird bei den Bayern bestenfalls geduldet, aber niemals akzeptiert. Im Sommer wurden van Gaals Verdienste noch im Detail aufgelistet: Er hat ein passendes System gefunden, Spieler aus ihrer comfort zone bewegt (Lahm, Schweinsteiger), auf die Jugend gesetzt (Müller, Badstuber) und dazu seine offensive Spielidee umgesetzt.

Es mag im Sommer schon manche gegeben haben, die eine nahtlose Fortsetzung dieser Entwicklung in dieser Saison erwartet oder sogar verlangt haben. Solch eine Annahme ist völlig unrealistisch. Im Fußball läuft nichts linear, nach der überaus erfolgreichen Saison war ein gefühlter Rückschritt fast unvermeidbar. Es ist nicht diese Saison, die enttäuschend ist (auch wenn einige Ergebnisse es unzweifelhaft sind) – es war die letzte Saison, die eigentlich zu gut war. Bayern ist noch nicht die beste Mannschaft Europas. Auch nicht die zweitbeste. Aber Bayern ist auf einem guten Weg dorthin, trotz und auch wegen der Rückschritte.

Mit Glück, Können und einem wahnsinnigen Lauf ging es letzten Frühling bis ins Champions League Finale. Eine Mannschaft entwickelt sich aber in erster Linie indem sie schwierige Phasen übersteht und Hindernisse überwindet. Der Sieg über Juve letzte Saison war ein entscheidender Moment. Die Niederlage gegen Dortmund könnte ein weiterer entscheidender Moment sein. Wie geht die Mannschaft damit um, nicht unmittelbar sondern mittelfristig? Welche Strategien werden entwickelt, um nächste Saison besser zu sein? Dem Fortschritt der letzten Saison folgte die Reaktion der Konkurrenz in dieser Saison. Ist es auch nur ansatzweise überraschend, dass die Gegner in dieser Saison besser mit der Spielweise der Bayern zurechtkommen? Und genau darauf sollte es beim Rekordmeister nun ankommen, nämlich eine passende Antwort zu finden. Rasenschach.

Die Crux bei der Sache ist: Diese Entwicklung ist nur langfristig zu erkennen, bereinigt um “konjunkturelle Effekte” sozusagen. Stattdessen schaukeln sich die Bayern an den letzten drei bis vier Ergebnissen und van Gaals Sturheit hoch. Ich kann gut verstehen, dass einige Bayernfans gerade an ihrer Vereinsführung verzweifeln.

Und wie sieht es mit der Implementierung der Fußballphilosophie aus? Noch bevor sie im Verein in Fleisch und Blut übergegangen ist, wird sie bereits als selbstverständlich hingenommen. Wo genau standen die Bayern noch mal im Sommer 2009? Was hat sich seitdem geändert? Alles vergessen. Xavi Hernandez vom großen Vorbild FC Barcelona hat vor kurzem in einem Interview gesagt, dass nie die Identität geändert werden darf. Personal könne man austauschen, auch Trainer, aber nie die Identität. Das Problem bei den Bayern: Die Identität ist gerade erst in der Entstehungsphase. In Barcelona hatte Johan Cruyff acht Jahre lang Zeit, um seine von Rinus Michels übernommene Idee vom Fußball umzusetzen und zu verfeinern. Van Gaal hat sie fortgesetzt und heute ist es so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass man sich fast automatisch den passenden Trainer und die passenden Spieler dazu auswählt.

Wer formt nach van Gaal die Identität der Bayern weiter? Präsident Hoeneß? Vorstandsvorsitzender Rummenigge? Manager Nerlinger? Heynckes ist ganz sicher kein schlechter Trainer, aber er wird den Umbruch bei den Bayern nicht fortsetzen. Eher scheint er der größte gemeinsame Nenner zu sein, auf den sich die Clubführung einigen kann. Es ist ein: ja, wir wollen schon irgendwie, aber nicht so richtig. Eine solide Lösung, aber keine mutige. Ich hoffe sehr, dass sie dafür nicht belohnt werden.

Das Streben nach Glück

Fußball ist keine Mathematik. Das sagte jedenfalls vor zwei Jahren Bayerns Vorstandsvorsitzender Kalle Rummenigge. Jener Rummenigge, der vor kurzem Franz Beckenbauer mit einem (geklauten?) Kindergarten-Gedicht in den Ruhestand komplimentiert hat. Und auch beim obigen Satz irrt Rummenigge. Fußball ist reine Mathematik!

Ein Spiel, dessen Ergebnisse von der Summe der geschossenen und kassierten Tore, der gesammelten Punktzahl und der Tordifferenz abhängen, ist selbstverständlich Mathematik. Die geometrischen Formen, die sich auf einem Fußballplatz erkennen lassen, egal ob Viererkette, Dreieck oder Raute, werden jedem Mathematiker die Tränen ins Gesicht treiben. Ganz zu schweigen von all den Wahrscheinlichkeitsfaktoren, die ein Fußballspiel beeinflussen. Es dürfte jedem klar sein, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Dribblings in Strafraumnähe bei Lionel Messi größer ist als bei Per Mertesacker. Andersherum hat der gute Per in einem Kopfballduell in 2,20 m Höhe mit fast 100%iger Sicherheit die Nase vorn. In diesem Fall würde wohl niemand von Glück sprechen, denn die Ausgangslage ist eindeutig. Der Fußball besteht nun aber aus einer Vielzahl von Spielsituationen, deren Ausgang längst nicht so klar ist.

Es gehört zum Wesen eines Sports, der (anders als z.B. Schwimmen oder Laufen) keine absolute Leistungsmessung zulässt, sondern Leistung immer in Relation zu der des Gegners ausdrückt, dass viel über die Hätte, Wäre und Wenns diskutiert wird. Dazu fallen im Fußball vergleichsweise wenige Tore, was den Einfluss des Zufalls noch verstärkt und das Spiel unberechenbarer macht als etwa Handball: Ein Glückstor fällt nunmal leichter als 35 Glückstore. Was jedoch keiner genau sagen kann, ist was ein Glückstor eigentlich ist. Ein Tor, dass von einer subjektiv gesehen unterlegenen Mannschaft geschossen wird? Ein Abpraller? Ein Tor in der letzten Minute? Rekordmeister Bayern hat das Schießen von “Glückstoren” über die Jahre so sehr kultiviert, dass das Wort “Bayerndusel” in den Fußballwortschatz eingeflossen ist. Dabei ist das Wort ein eigentlich unpassender Ausdruck für ein Phänomen, das man sich nicht so recht erklären kann.

Sicherlich kann man ab und zu mal “glücklich gewinnen”. Statistisch gesehen ist das eine positive Abweichung vom Erwartungswert. Dauerhaftes “Glück” gibt es jedoch nur mit den richtigen Verbindungen zur Wettmafia. Woran liegt also die Wahrnehmung des Münchner Erfolgs als Dusel? Ich sehe dafür zwei Gründe: Erstens ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein guter Spieler in der Schlussphase noch ein Tor macht größer als bei einem weniger guten Spieler (und es ist kaum zu bestreiten, dass die Bayern in der Regel über den besten Spielerkader der Bundesliga verfügen). Zweitens gibt es im Fußball viele Aspekte, die man mit Überlegenheit assoziiert, die aber für das letztliche Ergebnis unerheblich sind: Ballbesitz, Zweikampfverhältnis, Feldüberlegenheit oder Anzahl der Torschüsse (wer wüsste das besser als ein Werderfan?). Trotz all dieser Werte und “gefühlter Überlegenheit” kann eigentlich niemand mit Gewissheit sagen, wovon ein Torerfolg nun eigentlich abhängt. Deshalb sind Prognosen so schwer und deshalb beginnen Erklärungsversuche auch mit dem bereits gefallenen Tor. Ist es erst gefallen, kann man analysieren warum. Man kann die Faktoren aufzählen, die zu seiner Entstehung geführt haben. Wesentlich schwieriger wird es, zu erklären, warum dieselben Faktoren in einer anderen Situation NICHT zum Erfolg geführt haben.

Genau diese Ungewissheit, diese ständigen Überraschungen, egal wie lange man schon Fußball schaut, machen diesen Sport so interessant. Wir sind fasziniert und ratlos zugleich. Wir sind ständig auf der Suche nach Erleuchtung, um das Unerklärliche zu verstehen. Deshalb lieben wir die einfachen Wahrheiten (“Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten”), deshalb flüchten wir uns in Erklärungen, die unser Fußballgehirn zumindest für eine kurze Zeit befriedigen (“Die Mannschaft ist einfach nicht kaltschnäutzig genug, um die Überlegenheit in Tore umzuwandeln.”) und deshalb verleihen wir unserem Gerechtigkeitsempfinden ausdruck (“Das Tor ist unverdient!”). Letztlich hat es die Mannschaft verdient zu gewinnen, der wir es gönnen. Es sei also jedem ungenommen, weiterhin vom Bayerndusel zu sprechen, und sei es nur, um dem neuen Präsidenten des Vereins die Zornesröte ins Gesicht zu treiben. Vom Werderdusel will ich hingegen nichts hören. Dass Mertesacker in der Nachspielzeit nach einer Ecke mit dem Kopf an den Ball kommt und ihn in die Maschen wuchtet, hat nichts mit Glück zu tun. Das ist reine Mathematik, hab ich doch oben erklärt!