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Top 5 individuelle Leistungen im Achtelfinale

Acht Achtelfinals, acht mal setzt sich der Favorit durch. Zum ersten Mal in der WM-Geschichte stehen alle acht Gruppensieger im Viertelfinale. Was nach Langeweile klingt, war allerdings äußerst spektakulär, denn außer Kolbumbien gelang keinem Team ein ungefährdeter Sieg. Fünf Spiele gingen sogar in die Verlängerung.

Dennoch war es am Ende jedes Mal der Favorit, der die Nase vorn behielt – ein deutliches Indiz dafür, dass es sich hierbei nicht (nur) um Glück handelte. Es dürfte vielmehr die individuelle Klasse gewesen sein, die in den meisten Fällen am Ende den Unterschied ausgemacht hat. Somit liegt mein Fokus in der Nachbetrachtung ausnahmsweise mal auf den herausragenden Einzelleistungen des Achtelfinales:

1. Manuel Neuer

Eigentlich ist es unfair, hier nur einen Keeper herauszupicken, denn es gab gleich mehrere außergewöhnlich starke Torhüterleistungen. Tim Howard stellte gegen Belgien einen neuen WM-Rekord auf, was abgewehrte Torschüsse angeht. Am Ende musste er sich jedoch ebenso aus dem Turnier verabschieden, wie Mexikos Ochoa, der nicht nur die Brasilianer in der Vorrunde zur Verzweiflung brachte, sondern auch gegen die Niederlande lange Zeit der Garant dafür war, dass hinten die Null stand. Ebenfalls in der Vordergrund gespielt haben sich Chiles Torwart Claudio Bravo und Algeriens Rais M’Bolhi. Letzterer wehrte gegen Deutschland einige überragende Bälle ab, bevor ihn Schürrles Hackentrick überwinden konnte.

Sie alle wurden jedoch von Manuel Neuers Leistung gegen Algerien in den Schatten gestellt, weil dieser die ganze neue Dimension des Torwartspiels demonstrierte. So konsequent hat nicht mal Rene Higuita den Raum zwischen Mittellinie und Strafraum verteidigt. So beängstigend es auch erschien, wie problemlos Algerien mit langen Bällen hinter Deutschlands Viererkette kam, so bemerkenswert war es, dass nie ein Stürmer mit dem Ball am Fuß frei vor Neuer auftauchte. Weltklasse-Antizipationsspiel!

2. James Rodriguez

Kolumbien überzeugt in Abwesenheit des Superstars Falcao vor allem durch eine starke Mannschaftsleistung und schnellem Kombinationsspiel in der Offensive. Schon in der Vorrunde war erkennbar, dass James Rodriguez dabei zu den wichtigsten Akteuren gehörte. Im Achtelfinale feierte er nun seinen Durchbruch auf internationaler Bühne. Sein erster Treffer hat das Zeug, zum schönsten Tor der WM gewählt zu werden. Mir gefiel das 2:0 allerdings noch besser, weil es die kolumbianischen Stärken perfekt zur Schau stellte. Ein Team-Goal, bei dem selbst Arsène Wenger feuchte Augen bekommen haben dürfte. Wenn es gegen Brasilien um den Einzug ins Halbfinale geht, ist es für Kolumbien jedoch gut zu wissen, dass man einen Spieler wie Rodriguez in den eigenen Reihen hat, der auch im Alleingang eine Partie entscheiden kann – etwas, das den meisten Teams gefehlt hat, die im Achtelfinale ausgeschieden sind.

3. Kevin De Bruyne

In der Vorrunde haben weder Belgien noch De Bruyne den ästhetischen Ansprüchen genügt, die viele an sie stellen. Den Belgiern wird es egal sein, erreichten sie doch trotz des eher mäßigen Spieltempos ungefährdet das Achtelfinale. Gegen die USA zeigten die Belgier nun endlich, was in ihnen steckt. Bei schwierigen Bedingungen gingen sie hohes Tempo und wurden dabei von einem stark aufspielenden Kevin De Bruyne angetrieben. Mit insgesamt 10 vorbereiteten Torchancen war De Bruyne in einem der bislang besten Spieler des Turniers der herausragende Offensivspieler. Am Ende erzielte er das Führungstor und bereitet auch Lukakus Treffer vor. Man mag sich Kommentator Thomas Wark anschließen, dass es nicht gerade für José Mourinho spricht, diesen Spieler nicht an Chelsea gebunden zu haben.

4. Angel Di Maria

Lionel Messi überstrahlt bei Argentinien derzeit alles, auch die eher biederen Auftritte seines Teams bei dieser WM (die aber vor allem Mittel zum Zweck sein dürften). Ähnlich wie bei Real Madrid spielt Di Maria somit ein Stück weit unter dem Radar, zumindest was die ganz große Wertschätzung der Öffentlichkeit angeht. Dabei war Di Maria in dieser Saison bereits im Champions League Finale der entscheidende Spieler auf dem Platz und spielte auch bei der WM eine gute Gruppenphase. Gegen die Schweiz stand er nicht nur wegen seinem Siegtor ausnahmsweise mal komplett im Mittelpunkt. Sein größter Wert für sein Team besteht jedoch eher in den weniger auffälligen Aktionen. Kaum ein Spieler auf der Welt versteht es so gut, sogleich Flügelspieler, als auch zentraler Mittelfeldspieler zu sein.

5. Louis van Gaal

Kurz hatte ich überlegt, an dieser Stelle Arjen Robben zu nennen. Mit seiner Fähigkeit Elfmeter herauszuholen, hat er am Ende das Weiterkommen gegen Mexiko perfekt gemacht. Bislang ist Robben sicher der herausragende Einzelspieler der WM, doch das größte Plus für die Niederlande ist der Trainer. Van Gaal verpasste seinem Team eine unkonventionelle, aber erfolgreiche Taktik und stellte gegen Mexiko zur rechten Zeit um. Warum nun schon wieder viele glauben, das Spiel habe gezeigt, dass Holland nun endlich wieder im 4-3-3 spielen müsse, ist mir schleierhaft. Van Gaal ist mehr Risiko eingegangen, als es für sein Team unvermeidbar war. Insgesamt war jedoch das 3-5-2/5-3-2 System (und seine konkrete Ausführung) der Garant dafür, dass die Niederlande defensiv keine allzu großen Probleme bekommen haben.

Sollte van Gaal mit diesem Team Weltmeister werden, wäre das sein absolutes Meisterstück – als ob er noch eins brauchen würde.

Das 4-2-4-0 – einmaliges Experiment oder echte Alternative?

Thomas Schaaf überraschte im Testspiel gegen Trabzonspor mit einem taktischen Experiment: Ohne echten Stürmer, aber dafür mit einem flexiblen Sechser-Mittelfeld trat Werder die Partie an. Marko Arnautovic blieb dabei außen vor, mit der Begründung, dass er im ersten Rückrundenspiel gegen Dortmund ohnehin gesperrt ist. Haben wir also die Formation gesehen, mit der Schaaf den Doublesieger bezwingen will? Könnte das 4-2-4-0 sogar als Alternative zum in der Hinrunde gespielten System werden?

Ohne Mittelstürmer – mit variabler Doppelsechs

Bislang spielte Werder in dieser Saison personell ein 4-3-3, welches meist als 4-1-4-1 ausgelegt wurde. Das neue System unterscheidet sich hauptsächlich dadurch, dass ein zusätzlicher Mittelfeldspieler im Zentrum eingesetzt wird und dafür die Sturmspitze wegfällt. Konkret bedeutete dies im Testspiel gegen Trabzonspor, dass Clemens Fritz im Zentrum neben Junuzovic spielte und Nils Petersen aus der Sturmspitze auf Arnautovics rechte Außenbahn versetzt wurde. Auf dem Papier ist dies also zunächst eine defensive Umstellung.

Im Spiel gegen den Ball war dies auch tatsächlich so zu beobachten: Die Außenstürmer spielten mannorientiert gegen die gegnerischen Außenverteidiger und rückten dadurch oft neben oder sogar hinter Fritz und Junuzovic. Hunt und De Bruyne pressten an vorderster Front, wodurch sich eine 4-4-2 Formation ergab. Interessant waren die Verschiebungen, mit denen Werder das System immer wieder veränderte. Nur einer der Sechser (meist Junuzovic) spielte fest vor der Abwehr, während sich der zweite immer wieder ins Angriffspressing einschaltete. Das Ergebnis war ein fluider Wechsel zwischen dem in der Hinrunde dominierenden 4-1-4-1 und besagtem 4-4-2 im Spiel gegen den Ball. Gegen Hoffenheim, als Ignjovski und Fritz für Hunt und Junuzovic ran mussten, hatte man bereits ähnlich agiert.

Falsche Neun oder falsche Zehn?

Damals hatte man jedoch eine klare Sturmspitze in den eigenen Reihen, die gegen Trabzonspor nicht vorhanden war. Interessanter war denn auch das Spiel in Ballbesitz und wie Werder versuchte, die Überzahl im Mittelfeld auszunutzen. Wie üblich unter Schaaf hatte jeder Mittelfeldspieler auch in der Offensive seine Aufgabe zu erfüllen. Einer der Sechser schob bei so ziemlich jedem Angriff mit vor, während der andere für die Absicherung sorgte. Die beiden im 4-1-4-1 als Achter bezeichneten Hunt und De Bruyne spielten hingegen so weiträumig in der Offensive, dass sie sich einer konkreten Bezeichnung fast entzogen. Meiner Meinung nach trifft hier weder die „falsche Neun“ noch die „falsche Zehn“ den Nagel auf den Kopf.

Häufig war De Bruyne der offensivere der beiden und besetzte sporadisch auch die Sturmspitze. Anders als bei einer „falschen Neun“ bestand seine Aufgabe jedoch nicht vor allem darin, die Innenverteidiger durch geschicktes Entgegenkommen aus der Viererkette zu ziehen. Vielmehr versuchte er, sich durch Läufe aus dem Sturmzentrum auf den Flügel Platz zu verschaffen, etwa so, wie es letzte Saison Markus Rosenberg getan hatte. Hunt agierte häufig ein paar Meter dahinter und stieß ebenfalls nur teilweise ins Sturmzentrum vor. Den gegnerischen Innenverteidigern sollte somit der Zugriff entzogen werden.

Werders 4-2-4-0-System

Werder im 4-2-4-0-System. In weiß sind die wichtigsten Offensiv-Varianten markiert, in schwarz die wichtigsten Defensivvarianten

Die Rolle von Nils Petersen

Hierfür gab es einen triftigen Grund: Die Rolle von Nils Petersen. Anders als Arnautovic ist er auf dem Flügel vieler seiner Stärken beraubt, während seine Schwächen noch mehr zum Vorschein kommen. Man müsste also von einer glatten Fehlbesetzung sprechen (was viele getan haben), wenn er seine Position an der Außenbahn strikt eingehalten hätte. Im gegnerischen Drittel wurde aus dem Rechtsaußen jedoch regelmäßig ein Mittelstürmer, der den direkten Weg vom Flügel in den Strafraum suchte. Das Ziel war es dabei, ihn im Rücken der Innenverteidiger in gefährliche Abschlusspositionen zu bringen und dann mit Hereingaben zu füttern. Diese Taktik funktionierte über das gesamte Spiel gesehen relativ gut, wobei Werder schon anzumerken war, dass es noch Abstimmungsbedarf bei Lauf- und Passwegen gibt. Leider vergab Petersen einige hochkarätige Gelegenheiten, doch Trabzonspors Hintermannschaft hatte große Probleme, sich auf Werders Spielweise einzustellen.

Durch Petersens häufiges Einrücken fehlte Werders Spiel auf der rechten Seite die Breite. Dadurch bekam das Offensivspiel von Rechtsverteidiger Gebre Selassie eine große Bedeutung. Er spielte ein gutes Stück höher als sein Gegenstück Schmitz auf der anderen Seite und schaltete sich häufiger in Werders Angriffe ein. Um das Risiko auf der rechten Seite nicht zu groß werden zu lassen, erwies sich der zusätzliche Mittelfeldspieler als wichtig, denn Fritz deckte häufig den Halbraum hinter Selassie ab, wenn dieser einen Vorstoß wagte. Dennoch besteht hier ein Risiko und einige Male wären Werder schlechte Abstimmungen fast zum Verhängnis geworden, als Trabzonspor in Selassies Rücken kontern konnte.

Hat das neue System Zukunft?

Wenn man das Spiel gegen Trabzonspor als Experiment betrachtet, wie soll man es bewerten? Zumindest in Teilen ist es geglückt. Der Gegner wurde überrascht und mit Hunt und De Bruyne hat man die Spielertypen im offensiven Mittelfeld, die man für ein stürmerloses Spiel braucht. Aus einer 4-4-2 Defensivformation kann offensiv durch situatives Verschieben schnell zwischen 4-2-4-0, 4-2-3-1 und 4-1-4-1 gewechselt werden.

Bei vier zentralen Mittelfeldspielern besteht jedoch auch die Gefahr, dass sie sich gegenseitig die Wege zustellen und das Offensivspiel vor dem Strafraum versandet. Teilweise wirkten die Bewegungen im Mittelfeld so unorthodox, dass es schwer fiel zu unterscheiden, was gewollte Rochaden und was schlecht abgestimmte Laufwege waren. Letztlich wird auch entscheidend sein, ob der Vorteil, den Werder durch Petersens Abtauchen auf dem Flügel und das folgende, überraschende Auftauchen im Strafraum hat, den Nachteile seiner Schwächen auf der Außenbahn und das Fehlen eines Mittelstürmers übertrifft.

Ob das neue System gegen Borussia Dortmund eine brauchbare Option ist, lässt sich nach einmaliger Ansicht schlecht beurteilen. In der Hinrunde überraschte man Dortmund schon einmal mit einem System ohne echten Mittelstürmer. Damals hielt De Bruyne jedoch meistens die Position vor dem Mittelfeld, während dies gegen Trabzonspor nicht der Fall war. Ich bin gespannt, ob Werder auch im nächsten Spiel gegen Wolfsburg das System weiter testet oder doch zur Ausgangsformation zurückkehrt. Ob das System auch nach Arnautovics Rückkehr weiterhin ein Thema ist, wird sich zeigen. Interessant ist es allemal, dass Schaaf den Verzicht auf einen (klassischen) Stürmer nicht völlig aus den Augen verloren hat.