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Meine Top 10 der Hinrunde

Zum Jahresabschluss noch ein kleiner Countdown: Meine Top 10 Themen der Hinrunde

10. Tim Wiese

Für Wiese war es eine katastrophale Hinrunde, mit einer Flut von Gegentoren, etlichen Patzern, Verletzungen und letztlich dem Verlust des Stammplatzes. Das Kapitel Hoffenheim könnte schon bald vorbei sein. Die Häme aus Bremen geht mir aber fast schon etwas zu weit. Im Sommer regt man sich über die “blöden Hamburger” auf, die Elia unnötigerweise auspfeifen, und ein paar Monate später singt man Tim Wiese in die zweite Liga? Guter Stil geht anders.

9. Pyrotechnik

Allein heute Nacht werden sich wieder mehr Menschen an Feuerwerkskörpern verletzen, als in der gesamten Bundesligageschichte. Das soll kein Plädoyer für Pyrotechnik im Stadion sein, nur die absurden Ausmaße aufzeigen, die dieses eigentlich kleine Thema inzwischen erreicht hat. Ich wünsche mir für 2013 ein wenig mehr Sachlichkeit von allen Beteiligten beim Thema Stadionsicherheit.

8. Schiedsrichterdiskussionen

Ein leidiges Thema. Diskussionen über den Schiri gehörten schon immer zum Fußball, aber die hysterischen Züge, die sie in dieser Saison annahmen, gingen zu weit und waren am Ende einfach nur noch nervig. Grundtenor: Fehler macht jeder mal, aber bitteschön nicht gegen meine Mannschaft! Vielleicht sollten sich Spieler und Trainer zur Abwechslung mal selbst hinterfragen, ob und wie sie durch ihr ständiges täuschen, lamentieren und diskutieren zu der von ihnen kritisierten Situation beitragen.

7. Eintracht Frankfurt

Die (neben Freiburg) Überraschungsmannschaft kommt aus Frankfurt. Als Aufsteiger in die Bundesligaspitze vorgedrungen, lange Zeit Verfolger Nummer 1 der Bayern gewesen und dabei schönen Offensivfußball gespielt. Vehs Ansatz ist für die Bundesliga eher untypisch. In den letzten Jahren waren es eher die defensivstarken und offensiv effizienten Mannschaften mit gutem Umschaltspiel, die die Liga aufmischten. Frankfurt zeigt, dass es auch anders geht. Mal sehen wie lange.

6. Thomas Eichin

Kurz vor Jahresende wurde dann doch noch der neue Geschäftsführer Sport vorgestellt. Letztlich hat Werder hier vieles richtig gemacht, kühlen Kopf bewahrt, zunächst die wichtigsten internen Entscheidungen (Filbry, Baumann) getroffen und sich dann einen externen Mann mit gutem Profil dazu geholt. Schon bei den anderen Kandidaten hat sich gezeigt, dass man nicht weiter im eigenen Saft garen will, sondern dass frischer Wind von außen erwünscht ist. Dass Eichin erst nach Beendigung der DEL-Saison kommt, weil er dort noch seine “Mission zu Ende führen” will, macht ihn nicht unsympathischer.

5. 12:12

Die Stille war beeindruckend, fast schon beängstigend. Ein völlig neues Gefühl in einem Bundesligastadion, das an Sonntagnachmittage auf Amateurplätzen erinnerte. Beeindruckend auch, dass die Fans verfeindeter Vereine durchaus zusammenhalten, wenn es um eine gemeinsames Ziel geht. Beim letzten Heimspiel in Bremen kam es jedoch zu Auseinandersetzungen zwischen Unter- und Oberrang der Ostkurve, die sich gegenseitig auspfiffen.

4. Die deutsche Champions League

Alle drei deutschen Teams als Gruppensieger weiter. Wer hätte das nach der Auslosung schon gedacht? Die Bayern bis auf den Aussetzer gegen BATE gewohnt souverän, Schalke lässt Arsenal hinter sich und Dortmund macht endlich den Qualitätssprung auf internationaler Ebene. Sehr erfreulich für den deutschen Fußball. Auch wenn ich international nicht per se zu den deutschen Teams halte, gönne ich zumindest Schalke und Dortmund den Erfolg und hoffe, dass sie möglichst weit im Wettbewerb kommen.

3. Bayerischer Verfolgungswahn

Souveräner Herbstmeister. In Pokal und Champions League problemlos weiter. Dennoch wird man bei den Bayern das Gefühl nicht los, dass sie die Situation kaum genießen können. Nervöse Blicke über die Schultern, ob da nicht doch ein Klopp oder ein Di Matteo aus dem Windschatten heran gerauscht kommt. Dabei könnte man sich über das Erreichte durchaus jetzt schon freuen, denn nach dem Vize-Triple letzte Saison war das (trotz großem Portemonnaie) nicht selbstverständlich.

2. SC Freiburg

Absolut beeindruckend, was man in nur einem Jahr als Trainer bewirken kann. Streich hat sein Team innerhalb kurzer Zeit zu einer echten Pressingmaschine gemacht, die zuletzt ein bis zwei Klassen über der individuellen Stärke der Spieler agierte. Ich habe mir Streich im Sommer als Werdertrainer gewünscht und könnte mir immer noch gut vorstellen, dass sein System gut zu den Spielern hier passen würde. Zu der Hinrunde kann man Streich und den Freiburgern jedenfalls nur gratulieren.

1. Klaus Allofs

Erfüllte sich seinen Kindheitstraum und wurde Manager beim VfL Wolfsburg, in dessen Bettwäsche er große Teile seiner Jugend verbracht hatte. Hilft nun anderen Wölfe-Fans (Hecking, Arnautovic, De Bruyne) dabei, sich ebenfalls ihre Kindheitsträume zu erfüllen. Herzlichen Glückwunsch!

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen guten Rutsch und ein tolles, grünweißes Jahr 2013!

Nach Allofs

Na gut, jetzt komme ich nicht mehr drum herum, mich zu Allofs Abschied zu äußern. Dabei habe ich zum Abgang selbst gar nicht so viel zu sagen. Ich will mich hier nicht mit Stilfragen auseinander setzen, denn das haben andere schon getan. Nach einem Rückblick auf die Allofs-Ära ist mir mitten in der laufenden Saison auch nicht. Mich interessiert eigentlich nur, wie es jetzt für Werder weitergeht.

Allofs ist – trotz aller Kritik, der er sich in den letzten Jahren ausgesetzt sah – einer der Top-Manager der Liga und es greift viel zu kurz, ihn auf sein (angeblich) über die Jahre verloren gegangenes Händchen bei der Verpflichtung neuer Spieler zu reduzieren. Allofs hat unter finanziell schwierigen Bedingungen einen Verein, der sich selbst schon als graue Maus empfand, über Jahre hinweg in der Bundesligaspitze etabliert. Ihm saß dabei stets ein Aufsichtsrat im Nacken, der penibel auf die Ausgabenseite geachtet hat und Veränderungen eher kritisch gegenüber stand (man denke bspw. an den Klose-Transfer). Finanziell ist Werder mit den eigenen Möglichkeiten immer mehr ans Limit gegangen. Als die Erfolge ausblieben, bestand Allofs Aufgabe zum einen in der Konsolidierung, um die Kaderkosten an die reduzierten Einnahmen anzupassen. Zum anderen bestand sie jedoch auch darin, weiter eine wettbewerbsfähige Mannschaft zusammenzustellen. Als feststand, dass Werder auch in dieser Saison auf internationale Einnahmen verzichten muss, leitete Allofs den nötigen Umbruch ein, senkte die Gehaltskosten und verjüngte den Kader.

Im Nachhinein kann man Allofs späte Jahre durchaus kritisch sehen, denn die fehlenden Erfolge und ausbleibende Einnahmen fallen als Sportdirektor und Vorsitzender der Geschäftsführung in Personalunion ganz klar in seine Verantwortung. Egal, ob man den Niedergang nun mit dem Trainer, den Spielern oder schlechten Transfers begründet,all dies hatte letztlich Allofs zu verantworten. Dennoch sollte man die Schwierigkeit seiner Aufgabe nicht unterschätzen. Für manch andere Vereine endete im letzten Jahrzehnt die Phase des großen Erfolgs mit einem Knall, der sie an den Rand des Zusammenbruchs brachte (Kaiserslautern, Borussia Dortmund). Allofs hinterlässt hingegen trotz der sportlichen Talfahrt einen finanziell weitgehend gesunden Verein. Der 13-Millionen-Verlust des letzten Geschäftsjahrs konnte dank einer hohen Eigenkapitalquote relativ gut aufgefangen werden. Ob im kommenden Sommer weitere Einsparungen am Kader vorgenommen werden müssen, hängt vor allem vom sportlichen Abschneiden in dieser Saison ab.

Allofs Nachfolger wird es nicht nur deshalb schwer haben, weil er sich an den Erfolgen der Allofs-Ära messen lassen muss. Er wird es auch deshalb schwer haben, weil er einen sich im Umbruch befindenden Verein übernimmt, der strukturell nicht mit den großen Fischen der Liga mithalten kann, aber dennoch den Anspruch hat, an die erfolgreiche Zeit anzuknüpfen. Mittelfristig dürfte dabei für Werder kein Weg daran vorbeiführen, bei der Gewinnung von Sponsoren und sonstigen Geldgebern neue Wege zu gehen. Allofs selbst hat dies in jüngerer Vergangenheit schon häufiger angekündigt. Die größte Schwierigkeit könnte hierbei darin liegen, den eigenen Aufsichtsrat davon zu überzeugen.

Die Suche nach einem geeigneten Nachfolger gestaltet sich auch deshalb als schwierig, weil es gleich zwei Positionen zu besetzen gibt. Es gilt als wahrscheinlich, dass der neue Sportdirektor nicht gleichzeitig die Leitung der Geschäftsführung übernehmen wird. Somit bleibt die Möglichkeit, dem eher öffentlichkeitsscheuen Klaus Filbry den Vorsitz zu übergeben (Klaus Fischer kommt wegen seiner Doppelfunktion als Vereinspräsident nicht in Frage) oder die Geschäftsführung (wie bis 2009 der Fall) wieder auf vier Mitglieder zu erweitern. Der in den letzten Tagen am häufigsten genannte Name ist Dietmar Beiersdorfer, aber auch Aufsichtsratsmitglied Marco Bode sowie Chefscout Frank Baumann und Rune Bratseth werden gehandelt. Fraglich ist, ob auch namhafte externe Manager ohne “Stallgeruch” in Frage kommen. Nicht zuletzt ist es für den letzten verbliebenen starken Mann bei Werder, Willi Lemke, auch eine politische Entscheidung, um seine eigene Machtposition weiter zu stärken.

Den Zeitpunkt des Wechsels sehe ich nicht so kritisch, wie viele andere. Für einen Wechsel im Management gibt es keinen idealen Zeitpunkt. Wer auch immer Allofs Nachfolger werden, ihre Aufgabenstellung ist klar. Viel Eingewöhnungszeit gibt es angesichts der oben beschriebenen Situation ebenfalls nicht. Das wäre auch bei einem Wechsel im Winter oder zum Saisonende so gewesen. In jedem Fall bleibt der neuen Vereinsführung genügend Zeit, die kommende Saison vorzubereiten.

Zum Abschluss bleibt mir nur zu sagen: Danke Klaus Allofs für 13 überwiegend erfolgreiche Jahre! Ich hoffe die Lücke, die du hinterlässt, wird nicht so groß sein, wie ich befürchte.

Diamonds are forever, Teil 1 – Die Hinrunde in 3 Akten

1. Akt: Im Zeichen der Raute

Werder hat im Sommer gut gearbeitet. Man hat aus der verkorksten letzten Saison die richtigen Schlüsse gezogen und einen Umbruch eingeleitet. Der alte Platzhirsch Torsten Frings wurde aussortiert und im Spätsommer ließ man auch seinen Stellvertreter Per Mertesacker ziehen. Die Einkäufe waren – durch Sparzwänge begünstigt – wieder kreativer als in den letzten Jahren. Statt (vorerst) gescheiterter Riesentalente verpflichtete man diesmal junge Spieler, deren Einsatzwillen unumstrittener war, als ihr fußballerisches Können. Lukas Schmitz kam ohne große Vorschusslorbeeren von Schalke und stabilisierte die linke Abwehrseite. Mit Aleksandar Ignjovski und Sokratis wurden zwei weitere Kämpfertypen für die Defensive geholt. Mit Andreas Wolf kam ein nicht unumstrittener Haudegen für die Innenverteidigung. Lediglich der Ekici-Transfer erinnerte an die ambitionierten Einkäufe der letzten Jahre.

Nach den Experimenten der Hinrunde der Vorsaison legte sich Thomas Schaaf diesmal früh auf ein System fest. Er setzte wie zu großen Teilen seiner Zeit bei Werder auf ein 4-4-2 mit Raute. Der Mannschaft gab dies in dieser Frühphase der Saison die Orientierung, die im vorigen Herbst gefehlt hatte. Der wichtigste Schachzug in dieser Phase war jedoch eine personelle Umstellung: Nach der Verletzung Tim Borowskis holte Schaaf den neuen Kapitän Clemens Fritz ins halbrechte Mittelfeld und stellte den gelernten Innenverteidiger Sokratis als Rechtsverteidiger auf. Dies stabilisierte sowohl das Mittelfeld als auch die Viererkette, zumal mit Prödl und Mertesacker zu Beginn der Bundesligasaison auch zwei Innenverteidiger zurückkehrten, die in der Vorbereitung gefehlt hatten.

Die peinliche Niederlage im Pokal gegen Heidenheim steckte die Mannschaft überraschend gut weg. Nachdem schon vor dem 1. Bundesligaspieltag die Krise greifbar war, wirkte Werder in den ersten Spielen der Saison überraschend gut eingespielt. Während andere hochgelobte Mannschaften (Leverkusen, Schalke, BVB) noch ihre Probleme hatten, holte Werder 12 Punkte aus den ersten 5 Spielen und stand plötzlich oben in der Tabelle. Rückkehrer Markus Rosenberg konnte sich in dieser Phase als Goalgetter auszeichnen und die starke Bank mit Ekici, Wesley, Arnautovic, Ignjovski und dem wiedergenesenen Naldo machte häufig den Unterschied aus.

2. Akt: Rückstände und Kampfeslust

Trotz aller guten Ansätze und erkennbarer Automatismen im Offensivspiel erreichte man nicht die spielerische Dominanz früherer Jahre. Das wäre angesichts der Vorsaison wohl auch zuviel erwartet. Die ersten Topspiele gegen Hannover und Dortmund gaben den Kritikern, die Thomas Schaafs System für nicht mehr zeitgemäß halten, allerdings neue Bestätigung. Werder geriet in dieser Phase der Saison immer wieder in Rückstand, häufig schon zu einem frühen Zeitpunkt im Spiel. Die Defensive zeigte sich wieder so anfällig, wie man es von Werder gewohnt ist. Zu viele individuelle Fehler (Wolf gegen Dortmund und Augsburg, Prödl gegen Köln), aber auch die altbekannte und systembedingte Konteranfälligkeit machten es den Gegnern zu einfach.

Überspielt wurden die Probleme in dieser Phase von einem geradezu unbändigen Siegeswillen und großer Laufbereitschaft. Die Mittelfeld-Achse Fritz – Bargfrede – Hunt gehörte in der Hinrunde zum Lauf- und Zweikampfstärksten, was die Bundesliga zu bieten hatte. Bei den häufig mitreißenden Aufholjagden war Werder jedoch zu abhängig von Claudio Pizarro, der sich immer wieder als Werders Lebensversicherung erwies. Von Automatismen im Spiel nach vorne war nur noch wenig zu sehen. Auf der 10er Position verlor Marin seine gute Form aus den ersten Spielen und auch Ekici fand nicht in die Rolle hinter den Spitzen hinein. Dazu machten es die Gegner dem Bremer Aufbauspiel immer schwerer. Der vertikale Ball ins Mittelfeld wurde durch konsequentes Zustellen der Rautenspieler meist verhindert und Schaafs Mannschaft fiel dagegen nicht viel ein.

3. Akt: Watschn

Trotz aller Probleme blieb Werder immer in der Nähe der Champions League Plätze. An 16 von 17 Spieltagen stand man auf einem Europacup-Platz. Im Weserstadion holte man 21 von 24 möglichen Punkten und war damit die beste Heimmannschaft der Liga. Auswärts bekam man allerdings zum Ende der Hinrunde enorme Probleme. Gegen die Schwergewichte der Liga geriet man ordentlich unter die Räder und kassiert gegen Gladbach, Bayern und Schalke 14 Gegentore. Die schallende Ohrfeige in Gladbach kam wenig überraschend, nachdem man gegen schwächere Gegner vorher einige Male den Kopf gerade noch aus der Schlinge ziehen konnte. Gegen Favres Team lief Werder mutig und zielgenau ins offene Messer.

Die letzten beiden Heimspiele boten aber auch Grund zur Hoffnung. Die Abhängigkeit von Pizarro scheint wieder geringer, die Automatismen im Spiel kamen wieder besser zur Geltung. Zuhause und gegen weniger starke Gegner kommt man mit dem gewählten System gut zurecht und kann auch spielerisch einigermaßen überzeugen. Auswärts und gegen personell wie taktisch starke Mannschaften läuft man immer wieder Gefahr, mit fliegenden Fahnen unterzugehen. Lediglich in München war eine deutliche Abkehr von der gewohnten Ausrichtung erkennbar. Hier ließ Schaaf sehr kompakt und tief agieren, ohne seine Grundformation der Raute aufzugeben. Gegen andere Gegner scheint er nicht bereit zu sein, von seiner Prämisse des aktiven Spiels, des “etwas Anbietens” abzuweichen. Auf Schalke war die Konsequenz erkennbar. Nicht die Raute war das Problem (auch Schalke spielte mit Raute), sondern der Anspruch, dem Gegner auch auf fremdem Platz spielerisch Paroli zu bieten.

Fazit: Best of the rest

Ein Fazit fällt in dieser Winterpause schwer. Einerseits sind deutliche Verbesserungen erkennbar, auf denen sich für die Rückrunde aufbauen lässt. Man hielt sich schadlos gegen die kleinen Vereine, was man in der Vergangenheit nicht immer behaupten konnte. Andererseits reichte es gegen die großen Gegner nicht. Die sechs Niederlagen kamen gegen die sechs besten Mannschaften der Liga. Die Rückrunde wird zeigen, wie stur Thomas Schaaf wirklich ist. Bleibt er bei seinem Anspruch, Werder wieder zu alter spielerischer Klasse zu führen? Und wenn ja: Schafft er es mit den gewählten Mitteln trotz aller Zweifler? Oder geht er den pragmatischeren Weg und trichtert dem Team in der Winterpause ein Alternativsystem ein (was nicht automatisch eine Abkehr von der Raute bedeuten muss), das zumindest gegen die übermächtigen und gleichwertigen Gegner zum Einsatz kommt?

Die Vertragsverlängerung der beiden sportlichen Leiter setzt besonders Schaaf unter Zugzwang. Als Krisenmanager und Bauherr hat er sich 2011 bewährt. Nun muss er zeigen, dass er auch den nächsten Schritt gehen kann.

Abteilung Attacke

Bin ich eigentlich der einzige verbliebene Fußballfan in Deutschland, der keine Angst vor den Bayern hat?

Um es klarzustellen: Die Bayern hatten einen starken, ja sogar einen brillanten Start in die Saison. Man kann den Fußball, der in München derzeit gespielt wird, bewundern und vielleicht sogar ein bisschen neidisch sein auf die Spielfreude, die Heynckes Truppe versprüht. Aber müssen wir in Ehrfurcht erstarren, weil die Bayern mit zwei Punkten Vorsprung die Tabelle anführen und voraussichtlich die Gruppenphase der Champions League überstehen werden?

Weihnachtsmann und Osterhase

Der Weihnachtsmann ist nicht der Osterhase, hat Uli Hoeneß einst gesagt. Die Oktoberfest-Maß ist aber erst recht nicht der Meisterschaftssekt. Schauen wir einmal nüchtern die Zahlen an: Bayern hat nach sieben Spieltagen drei Punkte weniger auf dem Konto als Mainz 05 vor einem Jahr. Meister wurde, wie man in Teilen Fußballdeutschlands offenbar schon vergessen hat, am Ende der BVB. Im Gegensatz zu Mainz scheinen die Bayern jedoch unangreifbar: Erst ein Gegentor hat man bisher kassiert – eines mehr als der VfB Stuttgart nach sieben Spieltagen der Saison 2003/04. Zur Meisterschaft hat es für Magaths Defensivkünstler dennoch nicht gereicht, wie jeder Werderfan weiß. Nun mag man einwenden, dass die Bayern eben die Bayern sind und nicht Mainz oder Stuttgart. Wenn die Bayern einmal oben stehen, dann bleiben sie auch oben. Allein diese Erkenntnis reicht aus, um den Meisterschaftskampf nach knapp 21% absolvierter Saisonspiele für beendet zu erklären.

Wer, so lautet die üblicherweise gestellte Gegenfrage, wenn man Bayerns Omnipotenz dieser Tage in Frage stellt, soll denn mit diesen Bayern mithalten? Bezogen auf die Bundesliga fällt es nicht leicht, eine positive Antwort darauf zu geben. Die einzige Mannschaft, der man es zutraut, einen davoneilenden Konkurrenten im Laufe der Saison noch einzuholen, ist eben der FC Bayern. Der Favorit holt den Underdog meistens noch ein, der Underdog den Favoriten jedoch fast nie. Genau deshalb ist die Resignation gerade so groß. Vielleicht ist die Frage aber auch ganz einfach falsch gestellt.

Dominanz als self-fulfilling prophecy

An 32 von 34 Spieltagen hat jedes andere Team der Liga nichts mit den Bayern zu tun. Es werden in dieser Zeit 96 Punkte vergeben, an deren Eroberung auch ein noch so starker FCB kein Team der Liga hindern kann. Es ist als völlig unnötig, sich abgesehen von den beiden direkten Duellen übermäßig mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Fixierung auf die Bayern ist im Gegenteil sogar hinderlich. Deswegen ist es durchaus verständlich, dass Klaus Allofs Werder neulich ausweichend als „Punktejäger“ bezeichnet hat, als er nach Werders Rolle gefragt wurde. Zum jetzigen Zeitpunkt muss noch keine Mannschaft „gejagt“ werden, denn das Feld ist noch dicht beisammen.

Wie wäre wohl die letzte Saison ausgegangen, hätte die Konkurrenz nach dem makellosen Saisonstart der Mainzer deren Überlegenheit einfach akzeptiert und fortan nur noch maximal um Platz 2 gespielt und Schadensbegrenzung betrieben? Vielleicht wäre Mainz deshalb nicht unbedingt Meister geworden, aber sie hätten es wesentlich leichter gehabt. Indem man die Vorherrschaft der Bayern als gegeben hinnimmt, macht man sie zur self-fulfilling prophecy.

Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass Bayern am Ende dennoch Meister wird. Deshalb braucht sich aber nicht die gesamte Liga nach sieben Spieltagen mit heruntergelassenen Hosen vor Ihnen zu bücken und es willenlos über sich ergehen lassen.

Werder-News 11/09/22

Nachdem ich gestern durch einen PHP-Fehler den gesamten Server lahmgelegt habe, ist das Blog nun wieder online. Die Werder-News könnt ihr nun auch direkt oben in der Menüleiste aufrufen. Werder-News des Tages:

*Danke Philippe!

Danke, Radio Bremen!

1 1/2 Monate lang war es hier still. Ich hatte eigentlich gar nicht vor, eine Sommerpause zu machen, aber es hat mir mal ganz gut getan, ein paar Wochen Abstand vom Blog zu haben.

Der Zeitpunkt zum Wiedereinstieg hat sich dann ganz von selbst ergeben. Manchmal braucht es eben ein Thema, zu dem man sich unbedingt äußern muss, weil man gar nicht anders kann. Ein solches ist die finanzielle Situation bei Werder Bremen, die derzeit sehr emotional im Verein, im Umfeld und in den Medien diskutiert wird.

Eigentlich ist die Situation sehr übersichtlich: Ohne die Zusatzeinnahmen aus dem internationalen Geschäft kann sich Werder den teuren Kader der letzten Jahre nicht mehr leisten. Das Gehaltsbudget wurde durch die Abgänge von Frings, Jensen und Pasanen bereits gesenkt. Mit den zu den Topverdienern zählenden Mertesacker und Wiese wurde bislang trotz auslaufender Verträge nicht ernsthaft verhandelt. Damit fährt Werder einen Konsolidierungskurs, der der Situation angemessen ist. Wer angesichts der ungewissen sportlichen Zukunft große Investitionen fordert, sollte sich der Folgen bewusst sein: Externe Kapitalgeber, Verschuldung, Abhängigkeiten. All die Dinge, die Werder nie gewollt hat und die man anderen Vereinen gerne vorhält.

Auf der anderen Seite muss sich der Verein natürlich auch sportlich auf die neue Saison vorbereiten. Ganz ohne Investitionen geht es dann doch nicht. Mit Ekici, Schmitz und Wolf hat Werder bereits drei Spieler verpflichtet und im Gegensatz zu den Vorjahren eine deutlich negative Transferbilanz aufgestellt. Dem traditionell sehr vorsichtigen Aufsichtsrat wird dieses Transferminus nun zu hoch. Er fordert Transfereinnahmen, bevor weitere Ausgaben für Spieler bewilligt werden. Auf der anderen Seite stehen Klaus Allofs und Thomas Schaaf, die neben der finanziellen Seite auch die sportliche Saisonplanung im Auge haben und nach Verstärkungen für die personell gebeutelte Abwehr verlangen.

Dank einer wieder einmal wenig vorteilhaften Außendarstellung steht Werder nun jedoch in der Öffentlichkeit als ein Verein, der so klamm ist, dass er sich nicht einmal mehr eine sechsstellige Ausleihgebühr für einen griechischen Innenverteidiger leisten kann. Die einzige wirklich wichtige Frage in diesem Zusammenhang lautet: Soll Werder in dieser besonderen Situation mit vier langfristig verletzten Innenverteidigern den bisherigen Weg der Risikovermeidung weitergehen oder im Interesse der sportlichen Zielsetzung eine Ausnahme machen?

Diese Frage ist den Boulevardmedien wenig überraschend nicht interessant genug. Dass jedoch ausgerechnet Radio Bremen auf diesen Zug aufspringt und mit an Volksverdummung grenzenden Aussagen das Bild eines fast-insolventen Fußballvereins zeichnet, das hat mich schon sehr enttäuscht. Während sich in den Bremer Lokalzeitungen durchaus interessante Artikel über die Situation bei Werder finden lassen (z.B. hier und hier), muss eines der Urgesteine in Sachen Fußballberichterstattung, nämlich Henry Vogt, auf Radio Bremen Vier den Kronzeugen für Werders finanzielle Nöte geben (Moderator: “Werder Bremen steht kurz vor der Pleite. Henry Vogt, wo ist das ganze Geld hin?” Vogt: “Alles ausgegeben.”).

Bremen Vier wurde gerade als Bremens beliebtester und meistgehörter Radiosender ausgezeichnet – auch, weil man häufig aus dem Einheitsbrei des Radiomainstreams herausragt und Mut zu ausgefallenen Sendungen bewiesen hat. Von einem solchen Sender – wie auch vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk allgemein – erwarte ich einfach mehr Information, weniger Sensationsgeilheit und vor allem den Willen, seinen Zuhörern einen Erkenntnisgewinn zu bieten. In diesem Sinne hat mich Radio Bremen gestern schwer enttäuscht. Trotzdem sage ich Danke: Danke, dass ihr mir einen Grund geliefert habt, meine Sommerpause zu beenden.

Talking Points

1. Kung-Fu Wiese

Es ist leider nicht das erste mal, dass Tim Wiese in dieser Hinsicht negativ auffällt, wenn das üble Foul an Olic auch schon knapp drei Jahre her ist. Für mich ist eine solche Aktion ein Zeichen, dass er nervlich eben doch nicht so über den Dingen steht, wie ich früher mal dachte. Ich kann auch nicht verstehen, dass manche Werderfans Verständnis für Wiese haben, weil er als einziger Rückhalt der Mannschaft von seinen Mitspielern immer wieder allein gelassen werde. Es sollte nun doch jeder bemerkt haben, dass auch Wiese nicht seine beste Saison spielt. Es gibt inzwischen in jedem Spiel mindestens eine Szene, bei der ich mir einen besser mitspielenden Torhüter wünschen würde, und da sind Wieses zahlreichen langen Bälle ins Nichts noch nicht mal mit berücksichtigt.

Nun darf Mielitz wieder für drei Spiele ran, der in der Hinrunde überragend gehalten hat. Wenn er nun ähnlich gute Leistungen abliefert, gibt es eigentlich keinen Grund, ihn nach Wieses Sperre wieder raus zu nehmen. Abgesehen davon, dass ich ihn für den besseren Torhüter halte, hat sich Wiese mit seiner Aktion auch das Argument verbaut, dass er dem nervlichen Druck besser gewachsen sei. Hugo Almeida wurde nach seiner roten Karte gegen St. Pauli öffentlich abgewatscht und in der Winterpause verkauft – Wiese wurde von Schaaf nach dem Spiel in Schutz genommen. Nach außen hin mag das (gerade kurz nach dem Spiel) noch vertretbar sein, aber intern muss es klare Worte geben. Ich glaube allerdings nicht, dass Schaaf Wiese wirklich auf die Bank setzt. Hier würde ich mir etwas mehr Vangaalismus wünschen.

2. Abschied von Dominik Schmidt?

Dominik Schmidt gehörte zu den wenigen positiven Figuren der Hinrunde. Mit seiner Entwicklung dürfte kaum noch jemand gerechnet haben. Als die Verletzungsprobleme am größten waren bekam er seine Chance und hat sie auf Anhieb genutzt. Eigentlich sollte die Verlängerung des zum Saisonende auslaufenden Vertrags längst unter Dach und Fach sein. Nun liegen die Verhandlungen darüber erstmal auf Eis und es sieht so aus, als würde Schmidt Werder zum Saisonende ablösefrei verlassen. Die finanziellen Vorstellungen liegen nach Aussagen beider Parteien “meilenweit” auseinander. Ob Werder nun besonders knauserig oder Schmidt besonders gierig ist, kann man ohne die Zahlen zu kennen nicht beurteilen (kolportiert werden bei 120.000 € derzeitigem Gehalt eine Forderung von 840.000 € und ein Angebot von 420.000 € jährlich).

Man fragt sich allerdings, wo Werders Schmerzgrenze liegt bei einem Spieler, der lange Zeit in der 3. Liga zu versauern drohte und sicher nicht zu den Topverdienern gehört. Schmidt ist nicht mehr der jüngste und möchte nun auch finanziell einiges aufholen. Allofs Signal ist klar: Die Zeiten, in denen auch Spieler aus der zweiten Reihe mit lukrativen Verträgen langfristig gebunden wurden, sind nach den schlechten Erfahrungen der letzten Jahre vorbei. Dass dabei ein selbst ausgebildetes Talent ablösefrei den Verein verlässt, nachdem es den Durchbruch in die erste Reihe geschafft hat, hinterlässt jedoch mehr als nur einen schlechten Nachgeschmack. Schmidt ist ein Spieler, der für einen Neuanfang in der kommenden Saison ideal geeignet wäre. Hat hier ein Spieler seinen Marktwert überschätzt oder spart Werder am falschen Ende?

3. Jesus

Nach Denni Avdic und Predrag Stevanovic hat Werder mit Samuel Firmino de Jesus seinen dritten Neuzugang der Winterpause verpflichtet. Der Brasilianer, der vom FC Sao Paolo ablösefrei verpflichtet wurde, ist als zusätzliche Option für die Innen- und Außenverteidigung vorgesehen. Über den Leistungsstand des 24-Jährigen lässt sich derzeit noch nicht viel sagen, doch es dürfte sich eher um eine Option für die Zukunft denn eine sofortige Verstärkung handeln. Damit bestätigt seine Verpflichtung den Kurs, den Werder in der Winterpause eingeschlagen hat: Perspektivisch den Kader verändern, statt ihn für die Rückrunde zu verstärken.

Wer auf qualitativ hochwertigen Ersatz für Hugo Almeida, den langfristig verletzten Naldo oder gar Mesut Özil gehofft hat, dürfte darüber enttäuscht sein. Finanziell scheint Werder nicht auf Rosen gebettet, wobei sich die Frage stellt, ob tatsächlich kaum Geld zur Verfügung steht oder man ein Polster für die magere Zeit ohne internationales Geschäft behalten möchte. Letzteres wäre bei der akuten Abstiegsgefahr nicht unbedingt verständlich, doch angesichts Werders konservativen Finanzpolitik durchaus vorstellbar. Andererseits muss man sich gerade wegen dieser konservativen Finanzpolitik die Frage stellen, warum in einer solchen Krise kein Geld für Verstärkungen vorhanden ist. Ist Werder wirklich einer der finanziell “gesündesten” Vereine Europas? Und falls ja, was nützt einem das, wenn man dafür sehenden Auges in Richtung zweiter Liga marschiert?

4. Problemzone Mittelfeld

Jahrelang war das Mittelfeld Werders Prunkstück. Heute sieht das anders aus. Der Abgang von Mesut Özil konnte bislang nicht kompensiert werden, weshalb die Rufe nach der Verpflichtung eines echten Zehners nicht verstimmen. Ich sehe Werders größeres Problem jedoch schon seit einiger Zeit eine Reihe dahinter. Seit Baumanns Rücktritt hat Werder ein Problem im defensiven Mittelfeld, das durch Bargfredes überragende erste Saison und Frings Formanstieg in der letzten Rückrunde ein Jahr lang kompensiert werden konnte. In dieser Saison überzeugt mich Frings überhaupt nicht und Bargfrede hatte in der Hinrunde ein kleines Formtief zu überwinden.

Dahinter fehlen leider die Backups, die den Stammspielern Druck machen oder sie ersetzen könnten. Wesley kommt wohl am ehesten in Frage, doch der ist seit langer Zeit verletzt. Borowski und Jensen könnten dort aushelfen, spielten aus gesundheitlichen Gründen aber ebenfalls kaum eine Rolle. Niemeyer hat man vor der Saison nach Berlin verliehen, Nachwuchshoffnung Ikeng hat Probleme mit dem Kreuzband und der Disziplin.

Es krankt bei Werder in der Spieleröffnung. Die Bälle werden häufig nach außen oder lang in die Spitze gespielt, weil es im Mittelfeld kaum Anspielmöglichkeiten gibt. Frings ist immer für einen Zuckerpass gut, aber produziert zu viele Fehler und hat im Vergleich zu den Sechsern der Konkurrenz inzwischen deutliche Defizite. Es fehlt ein Passgeber im Mittelfeld, der im modernen Fußball meistens auf der (Doppel-)Sechs anzutreffen ist. Auf einen klassischen Zehner kann man verzichten (siehe Dortmund, Bayern oder Leverkusen), auf Sechser wie Sahin, Schweinsteiger oder Rolfes hingegen kaum. Vielleicht entwickelt sich Wesley in den nächsten Monaten dorthin. Auf dieser Position hat Werder im Sommer aber definitiv eine Baustelle.

5. Rangnick

Angeblich hat sich Klaus Allofs in einem Bremer Restaurant mit Ralf Rangnick getroffen, was zu vielen Spekulationen geführt hat (mehr Details dazu gibt es im Worum-Blog). Allofs bestreitet das und bezeichnet die Spekulationen als “Frechheit”. Einerseits wäre es schon ziemlich unvorsichtig, sich in einem bekannten Restaurant mitten in der Bremer Innenstadt mit einem potenziellen Schaaf-Nachfolger zu treffen. Andererseits kommt das Gerücht wohl von mehreren unterschiedlichen Quellen, was nahelegt, dass da zumindest ein Fünkchen Wahrheit dran sein könnte.

Ich finde es absolut nicht verwerflich, wenn sich unser Geschäftsführer auf die Zeit nach Thomas Schaaf vorbereitet. Es ist ja nicht völlig abwegig, dass Schaaf nicht über den Sommer heraus Werdertrainer bleibt. Den Markt sondieren und erste Gespräche mit potenziellen Kandidaten zu führen, gehört ganz einfach zu Allofs Aufgaben. Allerdings sollte dies auf diskrete Weise passieren und nicht bei einem Treffen im Madame Ho. Es würde jedoch zu Werders derzeitiger Außendarstellung passen.

6. Wohin geht der Trend?

Nüchtern betrachtet hat Werder in diesem Jahr eine solide (Hoffenheim), eine katastrophale (Köln) und eine über weite Strecken gute, am Ende aber schwache Partie (Bayern) abgeliefert. Während man zumindest in der Unbeständigkeit beständig ist, muss man sich langsam fragen, warum Werder seine Leistungen so schlecht dosiert. Lieber gegen die Bayern ohne Gegenwehr deutlich verlieren und dafür gegen Köln bis zum Umfallen kämpfen als andersherum. Zumindest punktetechnisch gesehen würde man damit besser fahren. Normalerweise müsste die Leistung der ersten 60 Minuten am Samstag Hoffnung für die kommenden Partien machen. Da Werder in dieser Saison jedoch kaum mal einen positiven Trend bestätigen konnte, glaubt kaum noch jemand an eine Fortsetzung gegen Mainz.

Das Programm der nächsten Wochen hat es in sich und weitere Aussetzer wie gegen Köln könnten dazu führen, dass Werder immer tiefer im Abstiegsstrudel versinkt. Auch Thomas Schaaf dürfte irgendwann der Geduldsfaden mit seinem Team reißen. Weder personell noch psychologisch bleiben ihm noch große Handlungsmöglichkeiten. Die siebenundzwanzigste Krisensitzung nimmt niemand mehr ernst und die weiterhin gut gefüllte Verletztenliste verhindert größere Umstellungen in der Mannschaft. Fraglich, ob Schaaf bei anhaltendem Misserfolg doch einen großen Umbruch (etwa durch Entmachtung von Frings und/oder Wiese) wagt oder sogar selbst zurücktritt.

Bobby

Wie alt ist eigentlich zu alt? Kann ein in einer Woche 37-Jähriger, der in seiner Karriere Welt- und Europameister wurde, lange Jahre auf Top-Niveau gespielt hat und sich momentan bei einem der besten englischen Clubs fit hält, einem Verein wie Werder helfen? Wenn Mikael Silvestre für die Defensive noch eine brauchbare Alternative ist und seine Erfahrung an die jüngeren Mitspieler weitergeben soll, könnte dann nicht auch Arsenal-Legende Robert Pires diese Rolle in der Offensive übernehmen?

Bobby ist seit Ende der letzten Saison vereinslos und trainiert momentan bei seinem ehemaligen Verein Arsenal mit. Der Spieler wäre also sofort verfügbar, ablösefrei und vermutlich für ein geringes Gehalt zu haben. Bislang hat noch kein Profiverein einen Vorstoß gewagt. Das einzige Angebot kommt von Fünftligist Crawley Town, der Pires ein leistungsabhängiges Jahressalär von etwa 175.000 Euro zahlen will. Da könnte Werder wohl noch gerade so mithalten.

Natürlich könnte man von dieser Verpflichtung keine Wunderdinge erwarten, aber auch mit 37 Jahren hat Pires noch mehr Klasse, als sie die meisten Bundesligaspieler je erreichen werden. Immerhin 37 Pflichtspiele hat er in der letzten Saison noch für seinen Ex-Verein FC Villareal bestritten. Julio Cesar war damals 36, Manni Burgsmüller auch. Also kommt, Klausi. Gibt dir einen Ruck!

‘schab Vertrag

DFB-Pokal, 1. Runde: Rot Weiss Ahlen – Werder Bremen 0:4

Wie in den Jahren zuvor ein letztlich deutlicher Sieg zum Saisonauftakt gegen eine unterklassige Mannschaft. Im Gegensatz zu Union Berlin letztes Jahr erwies sich Ahlen jedoch in der ersten Halbzeit als echte Hürde. Werder kam schwer ins Spiel und musste vor dem Führungstor einige brenzlige Szenen überstehen. Danach lief dann fast alles wie erhofft und der Klassenunterschied wurde auf dem Feld deutlich sichtbar.

Thomas Schaaf entschied sich für das System mit der Raute und gegen das 4-2-3-1. Wie erwartet saßen deshalb Marin und Arnautovic zunächst auf der Bank und Hunt und Borowski nahmen die Halbpositionen im Mittelfeld ein. Werders Spielidee war von Anfang an erkennbar, doch es hakte noch bei der Genauigkeit im Kombinationsspiel. Da sich auch alle vier Spieler der Viererkette in der ersten Hälfte einige Aussetzer im Spielaufbau erlaubten, kam Ahlen immer wieder zu gefährlichen Konterchancen, die jedoch nur selten gut zu Ende gespielt wurden und deshalb meist von Werders Abwehr repariert werden konnten. Ahlen spielte vermehrt über die linke Bremer Abwehrseite und konnte Pasanen dabei einige Male bloßstellen. Mittelstürmer Knappmann suchte in jeder Situation den Torabschluss, agierte dabei jedoch häufig zu überhastet. Die beste Chance der ersten Halbzeit hatte Alder mit einem tollen Freistoß, der hinter Wiese an die Latte klatschte.

Werder befreite sich aus der Ahlener Druckperiode auf die bestmögliche Weise: Claudio Pizarro zog von links in den Strafraum und traf mit einem platzierten Schuss ins lange Eck. Danach kippte das Spiel klar zugunsten Werders. Özil, der zuvor ein eher mittelmäßiges Spiel hatte, drehte nun auf und war an allen gefährlichen Aktionen beteiligt. In dieser Phase hätte Werder das Spiel schon entscheiden können, vielleicht müssen. Stattdessen hatte nach der Pause erneut Knappmann die Chance zum Ausgleich, doch verlor allein vor Wiese die Nerven und ermöglichte diesem so seine beste Parade im Spiel. Kurz darauf traf Almeida, der zuvor ebenfalls kläglich vergeben hatte, per Kopf nach einer Ecke zum 2:0. Schaaf wechselte nun durch, brachte Marin für Özil und wenig später Arnautovic für Almeida. An der Einseitigkeit der Partie endete das aber nichts mehr, denn Borowski machte mit einem tollen Schuss nach einem verunglückten Klärungsversuch der Ahlener Defensive alles klar. So plätscherte das Spiel seine Ende entgegen, bis Marin mit einem schönen Heber den Schlusspunkt zum 4:0-Sieg setzte.

Die Raute scheint in dieser Phase der Saison die bessere Variante für Werder zu sein, gerade wenn man die Formkurven der Spieler so anschaut. Wenn Marin und Arnautovic bei 100% sind, spricht aber vieles für das 4-2-3-1, denn gerade bei Arnautovic hat man gesehen, dass ihm die Rolle des 2. Stürmers nicht wirklich auf den Leib geschneidert ist. Hunt und Borowski haben gestern zwar nicht überragend gespielt, doch sie erfüllten ihre Aufgaben ordentlich. Es war aber Bargfrede, der das Bremer Mittelfeld belebte und die Fäden zog. Defensiv aufmerksam, starker Spielaufbau und dazu noch viele Akzente nach vorne – wenn er das auch in der Bundesliga so umsetzen kann, müsste er auf der Sechserposition gesetzt sein.

Einiges hängt aber noch von den Wechseln ab, die sich in den nächsten Tagen entscheiden dürften. Mit dem Brasilianer Wesley ist alles klar, er wird in den nächsten Tagen einen 5-Jahres-Vertrag unterschreiben und kostet angeblich schlanke 7,5 Mio. Euro. Offiziell bestätigt ist der Transfer noch nicht, doch der Spieler selbst hat sich bei Twitter schon klar darüber geäußert, sich unter anderem bei Werders sportlicher Leitung für deren großes Bemühen bedankt. Im Fall Mesut Özils kommt zum ersten Mal seit Wochen wirklich (sprich: nicht nur in den Medien) Bewegung rein. Real Madrid hat ein Angebot abgegeben, das laut Allofs jedoch völlig inakzeptabel war. Özil selbst zeigte sich im Interview nach dem Spiel sichtlich hin und her gerissen zwischen seinen üblichen Kommentaren (“Ich hab Vertrag” und “Ich respektiere Werder Bremen”) und dem öffentlichen Interesse Reals und José Mourinhos (“Wenn man so ein Angebot hat, möchte man es gerne annehmen”). Dass Allofs Özil über das Angebot jedoch nicht informiert hat, ist schon ein wenig seltsam und gibt in der Öffentlichkeit kein gutes Bild ab. Özils Ärger darüber kann ich nachvollziehen, doch in seinem eigenen Interesse war es nicht sehr sinnvoll, dies an die Öffentlichkeit zu bringen. Eine Entscheidung muss in den nächsten Tagen fallen, sonst kommt vor dem wichtigen Spiel gegen Sampdoria zu viel Unruhe auf. Dazu braucht es entweder ein gutes Angebot von Real Madrid oder ein Machtwort von Allofs, der in dieser Angelegenheit jedoch am kürzeren Hebel sitzt.