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Wundern an der Weser

Nutzen wir also diesen Eintrag für ein paar allgemeinere Dinge. Letzte Woche wunderte sich Ralf Lorenzen in der taz darüber, dass Werder derzeit mit fast derselben Mannschaft die Bundesliga aufmischt, die in der ersten Jahreshälfte nur Zehnter geworden war. Wie sehr Statistiken doch täuschen können. Zumindest auf den ersten Blick.

Werder Bremen landete in der Bundesliga zwar nur auf einem abgeschlagenen Mittelfeldrang, gewann so ganz nebenbei aber den DFB Pokal und feierte dazu noch den größten internationalen Erfolg des deutschen Vereinsfußballs seit sieben Jahren – auch wenn nach dem Finale in Istanbul niemandem nach Feiern zumute war. Schauen wir uns Werders Ergebnisse aus dem ersten Halbjahr 2009 einmal genauer an: In der Bundesliga holte man aus 17 Spielen nur enttäuschende 19 Punkte. Vergleicht man diese Werte mit denen des zweiten Halbjahrs (15 Spiele, 28 Punkte), ist der Unterschied immens. Dabei sollte man bedenken, dass viele Spieler spätestens ab Mitte März die Bundesliga nur noch als erweiterte Trainingseinheit zwischen den Pokalspielen angesehen haben. Werder spielte pomadig und gab einige Spiele relativ kampflos ab. Anders sah es dagegen in den Spielen aus, in denen es für Werder um etwas ging: Aus 13 Spiele in den Pokalwettbewerben konnte Werder (auf 90 Minuten und ein Ligasystem bezogen) 23 Punkte verbuchen. Der Punkteschnitt von 1,77 pro Spiel ist dem heutigen von 1,87 schon um einiges näher.

Ergebnisse2009

Auch diese Statistik ist mit Vorsicht zu genießen: Der Pokal hat seine eigenen Gesetze kennt keine Unentschieden, bzw. bestraft sie nicht mit Punktverlust, wie das Punkte-System der Bundesliga. Im DFB-Pokal reicht ein Unentschieden zum Elfmeterschießen (siehe HSV), im UEFA-Cup können zwei Unentschieden direkt zum Weiterkommen führen (siehe Milan). Hat man das Hinspiel gewonnen, ist ein Unentschieden im Rückspiel in jedem Fall ausreichend, wovon Werder in St. Etienne und in Udine gebrauch machte. Anders als in dieser Bundesligasaison können diese Unentschieden also als optimale Ergebnisse angesehen werden. Ist es vor diesem Hintergrund wirklich so erstaunlich, dass Werder wieder eine gute Rolle in der Bundesliga spielt?

Auch wenn ich geneigt wäre, dies zu verneinen, ist es wirklich erstaunlich. Dafür gibt es zwei Gründe: Der erste sind die Abgänge von Frank Baumann und Diego. In der Vergangenheit hat Werder immer wieder die Verkäufe wichtiger Spieler kompensieren müssen und das meistens auch mit Erfolg bewerkstelligt. Die Nachfolger wurden in der Regel von außen eingekauft und im Vorfeld meist als schwächer eingestuft, als ihre Vorgänger. Beispiel Angriff: Für Pizarro kam Klasnic (2001), Klose ersetzte Ailton (2004), Sanogo ersetzte Klose (2007) und Pizarro wiederum Klasnic (2008). Beispiel Mittelfeld: Für Ernst kam Frings zurück (2005) und Diego ersetzte Micoud (2006). Beispiel Abwehr: Für Krstajic kam Fahrenhorst, (2004) der wiederum von Mertesacker ersetzt wurde (2006), und Naldo ersetzte Ismael (2005). Auch in diesem Sommer sah es ähnlich aus: Als Ersatz für Diego kam der junge Marko Marin und Frank Baumanns Karriereende sollte durch die Rückkehr Tim Borowskis aufgefangen werden. Es kam jedoch anders. Baumann wird als Kapitän und zentraler Defensivmann von Torsten Frings (inzwischen) wirklich gut ersetzt, was nicht zuletzt an dessen starkem Nebenmann liegt: Philipp Bargfrede, ein Nachwuchsspieler aus den eigenen Reihen, dessen Namen vor einem halben Jahr noch kaum jemand kannte. Im offensiven Mittelfeld gestaltet Mesut Özil nun das Spiel der Bremer und macht seine Sache so gut, dass mancherorts schon die Frage gestellt wird, ob Werder ohne Diego nicht besser sei, als man es mit ihm jemals war. Marin wirbelt derweil für viele überraschend im Angriff. Die Abgänge wurden also diesmal von innen heraus aufgefangen.

Allein diese Tatsache genügt schon, um viele Beobachter zum Staunen zu bringen. Der dahinter liegende Gedankengang lässt allerdings die Möglichkeit außer Acht, dass sich Spieler individuell und im Zusammenspiel verbessern können. Ist es wirklich so abwegig, dass eine Abwehrreihe, die über Jahre zusammenspielt, mit zunehmender Dauer besser wird? Ist es verwunderlich, dass sich junge Spieler wie Özil, Hunt oder auch Boenisch im Laufe ihrer Karriere steigern? Es verwundert höchstens, dass anscheinend alle diese Dinge gleichzeitig passieren. Und damit kommen wir zum zweiten Punkt, der Werders Erfolge verwunderlich macht: Die Konstanz. Nur eine Niederlage aus 25 Pflichtspielen sprechen eine deutliche Sprache. Hier spielt eine Mannschaft, die kaum noch weiß, wie man ein Spiel verliert und sich nicht mehr so leicht auskontern lässt, wie in den letzten Jahren. Pendelte man früher zwischen den Extremen grandioser und wirklich enttäuschender Leistungen, hält man heute konstant ein hohes Niveau. Mehr Galavorstellungen als in den letzten Jahren gibt es nicht, doch die Ausschläge nach unten halten sich in Grenzen.

Am Samstag hat Werder nun die Chance gegen die punktgleichen Schalker einen Big Point einzufahren. Wenn man ganz ehrlich ist, wäre es der erste. Ohne die überzeugenden Siege gegen Hoffenheim und Bilbao herabwürdigen zu wollen, ein Sieg gegen Schalke wäre noch eine Stufe höher einzuordnen. Gegen die direkten Konkurrenten aus München und Leverkusen sowie den Meister VfL Wolfsburg reichte es “nur” zu Unentschieden. Genug, um in der Spitzengruppe mitzuhalten – zu wenig, um sich abzusetzen. Ausgerechnet gegen die jungen, kampfstarken und schwer ausrechenbaren Schalker steht nun die bislang vielleicht größte Reifeprüfung an.