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Krise? Ja – aber welche?

Die Bundesliga hat noch nicht mal begonnen und schon macht das Wort “Krise” die Runde, wenn über Werder Bremen berichtet wird. Ist es wirklich angebracht, nach nur einem verlorenen Pflichtspiel direkt wieder die Krisenrhetorik auszupacken?

Thomas Schaaf pflegte sich in solchen Situationen gerne darüber zu echauffieren, wie schnell die Medien dazu neigen, trotz weniger gespielter Partien bereits Abstiegskandidaten und sichere Meisterschaftsanwärter zu benennen. Das waren allerdings auch noch Zeiten, in denen Werder um die Champions League Plätze mitspielte und ein 2:2 in Bochum noch ein peinlicher Ausrutscher war. Ein Erstrundenaus im DFB-Pokal gegen einen Drittligisten gehört hingegen so langsam zum Bremer Fußballalltag. Deshalb stellt sich die berechtigte Frage: Ist das noch Krise oder ist das schon Normalzustand? Die Antwort ist so einfach wie ernüchternd: Die Krise ist Normalzustand geworden.

An dieser Stelle stellt sich die Frage nach einer Begriffsdefinition. In der boulevardesken Welt des Fußballjournalismus wird die Etikettierung an den letzten drei Ergebnissen festgemacht: Drei Mal verloren? Krise! Drei Mal gewonnen? Höhenflug! Mit dieser, auf kurzfristige Effekte fokussierten Betrachtungsweise kommen wir hier jedoch nicht zum Ziel. Wir drehen uns munter im Kreis und konstatieren mal eine Testspielkrise her, mal eine Pokalkrise dort. Immer in der Hoffnung, dass nun bitte der “Befreiungsschlag” kommen möge, der dem ganzen Spuk eine Ende bereitet. Aber weder war die Krise der Vorsaison mit dem Beginn der Sommervorbereitung vorbei, noch kann man davon ausgehen, dass sie es bei einem Sieg in Braunschweig wäre. Werder befindet sich vielmehr in einer strukturellen Krise. Diese Krise hat sich über Monate und Jahre mal mehr, mal weniger schleichend im Verein ausgebreitet und wird sich nicht in kurzer Zeit vertreiben lassen. Sollte Werder am Samstag in Braunschweig gewinnen, so ist das kein Befreiungsschlag, sondern lediglich eine (wenngleich wichtige) Genugtuung in Reaktion auf das Pokalaus.

Dies soll nicht die Wichtigkeit der Partie herunterspielen. Bei einer erneuten Niederlage droht die ohnehin schon angespannte Stimmung vollends zu kippen. Fans haben in der Regel ein ganz gutes Gespür dafür, ob ihre Mannschaft in einem Spiel alles gibt oder eher ein Pflichtprogramm herunter spult. In sportlich mageren Zeiten sind sie besonders dafür sensibilisiert. Wenn es schon keinen schönen Fußball zu bestaunen gibt, dann sollen die Herren Profis wenigstens Gras fressen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Mannschaft Fans und Umfeld wieder auf ihre Seite bekommt. Nur darauf lassen sich spielerische und taktische Feinheiten aufbauen, die aus Werder wieder mehr als nur ein Team aus dem unteren Tabellendrittel machen können.

Anders als in der Schlussphase der letzten Saison geht es derzeit nicht darum, den Karren noch schnell aus dem Dreck zu ziehen, bevor der Abstieg unvermeidlich wird. So mag die Angst vor einer Saison, in der der Klassenerhalt erneut erzittert werden muss, begründet sein. Deshalb von “Abstiegskampf ab dem 1. Spieltag” zu sprechen wäre dennoch falsch. Werder muss nicht nach vier Spieltagen zu drastischen Maßnahmen greifen, um das Ruder noch irgendwie rumreißen zu können. Vielmehr ist Robin Dutt gefordert, seinem Team nach und nach sein System so gut einzutrichtern, dass es funktioniert. Selbst ein Verein wie Augsburg hat vorgemacht, wie man trotz eines miserablen Starts mit fußballerischen Mitteln (selbstredend auf Grundlage großer Kampfbereitschaft) wieder nach oben kommen kann.

Wir können lange in Selbstmitleid versinken, weil unser Kader so schwach ist und keinen gehobenen Ansprüchen mehr genügt. Das ist der Stand heute, und er war schon vor der Saison ebenso bekannt wie der Umstand, dass nicht viel Geld vorhanden ist, um daran etwas zu ändern. Die Altlasten des Kaders lassen sich nicht in nur einer Transferperiode loswerden, wie Thomas Eichin treffend feststellte. Lautstark war in letzter Zeit eine bessere Einbindung der Jugendspieler gefordert worden, welche nun mangels Alternativen in der zweiten Reihe sicherlich kommen wird.

Wie lange wird es dauern, bis Werder die Krise hinter sich gelassen hat? Und befindet man sich noch im Abwärts- oder schon wieder im Aufwärtstrend? Das wird man erst mit etwas Abstand feststellen können. Wie bereits in meinem Post zum Saisonauftakt geschrieben, bin ich der Meinung, dass Werder die richtigen Weichen bereits gestellt hat. Doch Fußballvereine in langandauernden Krisen sind sensible Gebilde. Manch ein Verein hat sich nie mehr davon erholt. Werder hat sich immer durch Geduld und eine gewisse Gelassenheit ausgezeichnet, sowohl was die Vereinsführung als auch was die Fans angeht. Beides wird es auf dem schwierigen und mutmaßlich langen Weg zurück nach oben brauchen. Die Geduld gegenüber Leistungen wie beim Spiel in Saarbrücken ist hingegen am Ende.

Stahlbad

Bundesliga, 13. Spieltag: Schalke 04 – Werder Bremen 4:0

Ich bin Jahrgang 1981. Einige Monate vor meiner Geburt stieg Werder wieder in die Fußballbundesliga auf. Seitdem stand Werder in 29 Spielzeiten am Ende der Saison 27 mal in der oberen Tabellenhälfte. Als Werder das erste Mal in der unteren Tabellenhälfte stand, war ich 17 Jahre alt. Beim zweiten Mal 27. In beiden Jahren gewann Werder den DFB-Pokal. Selbst die schlechteste Saison, die ich als Fan jemals durchlitten habe, wäre für (mindestens) die Hälfte der Bundesliga ein Erfolg.

Mit dem Erfolg wachsen die Ansprüche. Sie müssen wachsen, weil es im Fußball keinen Stillstand gibt. Immer weiter, sonst wird man von den anderen abgehängt. Meister kann man in Bremen nicht jedes Jahr werden (wenn man sich die Statistik entsprechend hinbiegt, ist Werder in den letzten 16 Jahren nur einmal Meister geworden), aber die Champions League Qualifikation kann man schon erwarten. Erfolg begünstigt Erfolg. Der Kader wird teurer und hochwertiger, die Spieler talentierter und anspruchsvoller.

Zwar war allen Beteiligten bewusst, dass es auch mal eine schlechte (sprich: erfolglose) Saison geben würde. Dass es einmal nicht reichen würde, kurz vor Schluss noch auf Platz 3 zu springen. Dass man dies einmal nicht mit Erfolgen im Pokal überdecken könnte. Das macht das Jahr X nicht unbedingt schöner, aber zumindest ein wenig erträglicher, da man sich schon vorher damit auseinandergesetzt hat. Man hat sich das Mantra immer wieder ins Gehirn eingeprägt: “Irgendwann wird es auch uns treffen.”

Es trifft jeden einmal. Selbst die Bayern traf es 1992. Leverkusen rutschte 2002 direkt vom Champions League Finale in den Abstiegskampf. Den HSV hat es 2007 erwischt, die Hertha 2004 und dann schließlich 2010. Borussia Dortmund ging 2003 mit lautem Knall und war drei Jahre zuvor lange im Abstiegskampf. Auch Schalke hat es schon oft genug erwischt, genau wie die Traditionsmannschaften aus Kaiserslautern, Köln, Mönchengladbach und Nürnberg. Vielleicht sind wir einfach mal fällig.

Und trotzdem erwischt es einen immer auf dem falschen Fuß. Es sind nicht die Jahre, in denen man wirklich damit rechnet. 2003 schien es aussichtslos, 2006 – nach Micouds Abschied – war zumindest eine gewisse Verunsicherung da. Es erwischte uns erst 2008/09, als mit Pizarro die Qualität in den Angriff zurückkehrte. Doch da gab es ja den Pokal und den UEFA-Cup. In diesem Jahr sah es nicht unbedingt rosig aus, aber insgesamt konnte man bei Werder wieder einen starken Kader erkennen, mit dem man erfolgreich um die vorderen Plätze mitspielen sollte.

Nun steht Werder nach dem 13. Spieltag mit 15 Punkten auf Platz 12. So klingt Mittelmaß. Die 31 Gegentore klingen schon eher nach Abstiegskampf. Rein tabellarisch ist mit 6 Punkten Rückstand auf die internationalen Plätze noch vieles möglich, doch darauf gibt es nach den zuletzt dargebotenen Leistungen keinen Grund zur Hoffnung. Auch die Pokalwettbewerbe werden keine Linderung mehr verschaffen.  Es läuft alles schief, möchte man meinen, zumindest aber sehr vieles. 0:10 Tore in den letzten drei Spielen, dabei einen Punkt geholt (angesichts des Torverhältnisses fast schon ein Erfolg) und den Eindruck einer ausgelaugten, zerbrechlichen und in vielen Teilen unstimmigen Mannschaft hinterlassen. Was steht uns noch alles bevor?

Die Liste für die Fehleranalyse ist lang und wird immer länger. Was ist Ursache, was Wirkung? Wo sind die positiven Ansatzpunkte? Welche Störfaktoren müssen beseitigt werden? Auch für die Verantwortlichen wird es immer schwieriger diese Fragen zu beantworten. Ist die viel beschworene “Werderfamilie” Teil des Problems geworden? Braucht es größere Umwälzungen im Verein? Sollen wir alles in Frage stellen, weil wir ein paar Fußballspiele verloren haben? “In Frage stellen” ist gut. In erfolgreichen wie erfolglosen Zeiten sollte man sich von Zeit zu Zeit fragen, ob man wirklich auf dem richtigen Weg ist. Grundsätzlich und losgelöst von aktuellen Trends oder Ergebnissen.

Es sind aber nicht wir Fans, die sie beantworten müssen, obwohl jeder von uns seine Meinung dazu hat und umso lauter kundtut, je länger die sportliche Krise des Vereins andauert. Zunächst müssen die Spieler sie beantworten, dann der Trainer, der Vorstand und schließlich der Aufsichtsrat. Letztlich geht es darum zu unterscheiden, ob es für uns einfach one of those years ist, oder ob das Schiff in eine falsche Richtung gesteuert wird.

Einige Vereine erholten sich von ihren Seuchenjahren nie wieder. Kaiserslautern, Nürnberg, Gladbach und Köln waren schon lange nicht mehr Gast in den vorderen Tabellenregionen. Andere kamen schon im Jahr drauf zurück: Leverkusen 2004 oder Hertha 2005. Wiederum andere mussten erst durch ein Stahlbad gehen, um langsam wieder den Anschluss zu finden. So ging es uns in den Jahren zwischen 1995 und 1999. So ging es Borussia Dortmund seit 2004. Nun ist die Zeit des BVB gekommen. Irgendwann wird auch unsere Zeit wieder kommen. Das neue Mantra.

21. Spieltag: Fußball am Morgen schafft Kummer und Sorgen

Cottbus – Werder 2:1

Ich bin derzeit in den USA, wie aufmerksame Leser wahrscheinlich bereits festgestellt haben. In Minnesota genauer gesagt. Neben 7 Stunden Zeitunterschied bedeutet das auch, dass ich die Spieler unserer kriselnden Lieblingsmannschaft nicht live im Fernsehen sehen kann, sondern nur über Live-Streams im Internet. Das Problem dabei ist, neben der teils schlechten Bild- und Tonqualität, vor allem die Unzuverlässigkeit. Es lässt sich nie mit Sicherheit im Voraus sagen, ob man ein Spiel nun sehen kann oder nicht.

Dank der Zeitverschiebung finden die Samstagsspiele für mich nun um 8:30 morgens statt. Im Moment kommt mir mein Jetlag noch zugute, aber bald schon wird es wieder eine Qual sein, samstags um 7:30 aufzustehen und dann mit Frühstücksmüsli in der Hand und Schlaf in den Augen auf einen 10×10 cm großen Bildausschnitt zu starren, in der Hoffnung, dass sich die Pixel zu einer flüssigen Bilderfolge zusammentun mögen. 15 Minuten nach Anpfiff hatte ich gestern endlich einen funktionierenden Stream, der leider (oder Gott sei dank!) den Ton aus dem Cottbuser "Stadion der Freundschaft" (ein Treppenwitz der Fußballgeschichte) nicht mittransportierte.

Vorher konnte ich über einen anderen Stream wenigstens die Bundesligakonferenz sehen, bei der Cottbus – Werder erwartungsgemäß keine große Rolle spielte. Viel verpasst habe ich dabei wohl nicht. Es klappt momentan einfach gar nichts, die Verunsicherung  der Mannschaft ist so tiefgreifend, dass kleine Erfolgserlebnisse, wie etwa eine glückliche Führung gegen Cottbus, nicht mehr stabilisierend wirken. Wie gegen Gladbach war die Führung schon nach wenigen Minuten wieder verspielt und nur durch etwas Glück lag Werder eine Minute später nicht schon im Rückstand. Auch wenn Werder danach durchaus noch Chancen hatte, das Spiel zu gewinnen, war das 1:2 in der letzten Minute ein Nackenschlag mit Ansage.

Man kann der Mannschaft ja nicht vorwerfen, dass sie nicht will. Das war höchstens gegen Bielefeld so. Ansonsten stimmte bei den Spielen zumindest der Einsatz. Gegen Gladbach und Milan betrieb man extrem viel Aufwand und wurde dafür nicht belohnt. In der jetztigen Situation scheint es keine Rolle mehr zu spielen, ob Werder ein Offensivfeuerwerk abbrennt, wie gegen Gladbach, mit Kampf dagegenhält, wie auf Schalke oder uninspiriert lange Bälle nach vorne schlägt, wie gegen Cottbus. Am Ende sieht das Ergebnis immer gleich aus. Gegen Gladbach hätte es einen Kantersieg geben können, gegen Milan eine gloreiche Europapokalnacht, gegen Cottbus wenigstens einen "Arbeitssieg". Gab es aber nicht.

Die altbekannten Probleme (Disziplinlosigkeit, Führungslosigkeit auf dem Platz) taugen nur bedingt als Erklärung. Es sollte für Bundesligaspieler möglich sein, ihre Aktionen zumindest halbwegs mit denen ihrer Nebenleute abzustimmen. Bei Werder fehlt diese Koordination gerade völlig. Bei Standards werden die Zuordnungen nicht eingehalten, bei Ballverlusten dauert es zu lange, bis sich die Mannschaft verschiebt um die Gefahr zu unterbinden. Im Angriff passen die Laufwege oft nicht. Man spricht immer von den "Mechanismen", die in einer Krise greifen. "Wenn man hinten drin steht, will der Ball eben nicht ins Tor." Oder auch: "Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß" (nicht wahr, Herr Fritz?). Alles schon tausendmal gehört und gesehen. Genaso wie Mannschaften, die eine solche Krise überwinden und plötzlich wieder befreit aufspielen. Die Frage ist, ob Werder es schafft, sich irgendwie selbst aus dem Dreck zu ziehen, bevor plötzlich die Bielefelds, Bochums und Cottbusse von hinten anklopfen.

Mein Live-Stream hat letztendlich bis zum Abpfiff durchgehalten. Eigentlich ist nach so einem Ergebnis der ganze Tag für mich gelaufen. Dummerweise hatte ich nach Spielende noch den ganzen Samstag vor mir. Fußball am Morgen ist einfach nicht mein Ding.