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Rezension: Spielverlagerung EM-Vorschau

Vorab: Die als E-Book erschienene Spielverlagerung EM-Vorschau ist keine leichte Kost. Die über 200 Seiten, die von ein paar Diagrammen abgesehen ausschließlich aus Fließtext bestehen, lesen sich nicht im Vorbeigehen. Das E-Book richtet sich an Menschen, die eindeutig zu viel Freizeit haben und mit dieser nichts besseres anzufangen wissen, als eben jenes E-Book zu lesen: Sogenannte “Fußball-Nerds”.

Ein Fußball-Nerd zeichnet sich dadurch aus, dass er von “polyvalenten Spielern” schwadroniert, im chaotischsten Mittelfeld noch ein “fluides System” erkennt und hinter jedem Stürmer, der freiwillig die eigene Spielhälfte betritt, eine “falsche Neun” vermutet. In der Fußballkneipe ist er der letzte, neben dem man sitzen möchte. Er erklärt auch dann noch gestenreich (und notfalls zur Verdeutlichung auch anhand von Kronkorken), was ein “abkippender Sechser” ist, wenn das Bier schon längst schal geworden ist. Alles in allem weiß der Fußball-Nerd nicht nur alles über Fußball, er weiß auch alles besser.

Wer sich von dieser Beschreibung nicht angesprochen fühlt, ist auf dieser Seite sowieso falsch und sicherlich nur durch einen unglücklichen Zufall hier gelandet, weil er bei Google nach “Clemens Fritz Freundin” oder ähnlichem gesucht hat. Allen anderen möchte ich die Spielverlagerung EM-Vorschau wärmstens ans Herz legen. In kleinteiligen Taktikanalysen werden hier die Teilnehmerländer vorgestellt, wie man es von spielverlagerung.de kennt. Dabei kommen unterschiedliche Stilmittel zum Einsatz, beispielsweise Portraits über Hansi Flick und Bert van Marwijk, ein Interview mit Zonal Marking Gründer Michael Cox sowie eine Retro-Analyse von Griechenlands Sieg bei der EM 2004.

Wer sich einen schnellen Überblick über die Teams verschaffen möchte, um beim Turnier wenigstens die Namen der wichtigsten Spieler der deutschen Gegner zu kennen, sollte lieber zu den üblichen Verdächtigen von Kicker oder Sport Bild greifen. Mannschaftsfotos und (unvollständige) Kaderlisten sucht man hier vergeblich. Stattdessen bekommt man tief gehende Erklärungen der Spielweise, der taktischen Ausrichtung und der Rollen der einzelnen Spieler. Der Fokus liegt hier ganz klar auf dem Fußball selbst. Dies ist zugleich die Stärke und die Schwäche des E-Books.

Die klare Ausrichtung weckt keine falschen Erwartungen. Hier bekommt man genau das, was einem versprochen wird, und das ist in sehr guter Qualität. Über 200 Seiten ist es manchmal ein wenig anstrengend zu lesen, aber das ist bei einem Werk dieser Tiefe kein größeres Problem. Durch die reine Beschränkung auf die einzelnen Mannschaften wirkt vor allem der Schluss ein wenig unrund. Hier würde man sich vielleicht noch einen abschließenden, allgemeineren Artikel wünschen: Einen Ausblick auf das Turnier, ein paar Worte zu den Gastgeberländern etc.

Keiner dieser Kritikpunkte wiegt jedoch wirklich schwer, zumal die Spielverlagerung EM-Vorschau in einer ganz eigenen Liga spielt. Über das Drumherum werden wir in den kommenden Wochen in der Berichterstattung in TV und Presse noch genug mitbekommen. Es ist schön, dass es nun auch ein EM-Heft gibt, in dem nur der Fußball im Mittelpunkt steht. Es ist weniger Konkurrenz für die etablierten EM-Sonderhefte, als Ergänzung für diejenigen, denen diese Sonderhefte nicht weit und tief genug gehen. Der Preis ist mit 5,95 € absolut angemessen. Schade, dass es keine gebundene Version gibt. Vielleicht ändert sich das bei entsprechendem Erfolg ja bei der WM 2014. Und Erfolg kann man diesem Projekt nur wünschen.

Was die Autoren von Spielverlagerung hier so “nebenbei” geschafft haben, ist mehr als nur ein Lob wert. Von daher wünsche ich mir und vor allem ihnen, dass sich das E-Book gut verkauft.

Hier könnt ihr das E-Book erwerben:

Hier gibt es das E-Book als Kindle-Version (5,95 €)

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Mesut Özil – Das Bremer Missverständnis

Um keinen anderen Spieler wird in dieser Sommerpause im Umfeld von Werder Bremen so viel diskutiert, wie um Mesut Özil. Nach einer starken WM, bei der er nach Ansicht vieler Experten zu den besten Spielern gehörte, scheinen seine Tage bei Werder gezählt. Die Reaktionen der Fans auf die seit Monaten andauernden Gerüchte reichen von Unverständnis über Empörung bis hin zu blankem Hass. Vereinzelt gibt es jedoch auch Verständnis für den Nationalspieler, dessen Vertrag bei Werder noch bis 2011 läuft. Für mich zeigt sich in den Diskussionen eine Reihe von Missverständnissen über den Spieler Mesut Özil:

1. Özil ist gar nicht so gut, wie er gemacht wird.

Es gibt zwei Dinge, an denen die angebliche Überbewertung des Spielers Özil festgemacht wird:

“In wichtigen Spielen taucht Özil unter!”

Gern genannte Beispiele sind das UEFA-Cup Finale 2009, das Pokalfinale 2010 und das WM-Halbfinale gegen Spanien. In diesen Spielen kam Özil nicht so zur Geltung, wie man es von einem Weltklassespieler erwarten würde. Ganz davon abgesehen, dass kaum ein Spieler (inkl. Weltfußballer Messi) ohne Leistungsschwankungen auskommt, kann dieses Argument nicht völlig von der Hand gewiesen werden. Allerdings zeigen einige andere Beispiele, dass es sich hierbei wohl eher um normale Leistungsschwankungen eines jungen Spielers handelt, als um ein generelles Problem mit der großen Fußballbühne. Nach dem enttäuschenden UEFA-Cup Finale im letzten Jahr schoss Özil das Siegtor im Pokalfinale und war beim Finale der U21-EM der Man of the Match. In der abgelaufenen Saison bot er im vorentscheidenden Spiel um den 3. Platz gegen Schalke eine herausragende Leistung und auch auf der vermeintlich größten Bühne, bei der Weltmeisterschaft, präsentierte er sich von seiner besten Seite. An diesen letzten Halbsatz schließt sich das zweite Argument an:

“Özils Leistung bei der WM wird überbewertet!”

Gerade vor ein paar Tagen erst wieder gehört: Özil habe pro Spiel nur 2-3 gute Szenen gehabt und sich ansonsten versteckt. Dieses Argument beruht meiner Ansicht nach auf einem Missverständnis. Özil spielt auf der Spielmacherposition und wird deshalb als “echter 10er” angesehen. Özils Spielweise unterscheidet sich jedoch deutlich von der “klassischer” Spielmacher. Gerade für deutsche Verhältnisse – unser größtes Mysterium der letzten Jahre war die Frage, ob Michael Ballack nun 6er, 8er oder 10er ist – ist Özil ein höchst ungewöhnlicher Spieler. Er spielt sehr offensiv, meistens auf der Höhe eines zurückhängenden Stürmers, und holt sich nur wenige Bälle an der eigenen Mittellinie ab. Während bspw. Bastian Schweinsteiger aufblühte, als er nach hinten versetzt wurde und das Spiel endlich vor sich hatte, geht Özil den entgegengesetzten Weg. Er sucht in erster Linie nicht den Ball, sondern den freien Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners. Dadurch ist er für gegnerische Defensivabteilungen schwer zu greifen und schafft Räume für seine Mitspieler indem er Verteidiger aus der Viererkette lockt bzw. einen defensiven Mittelfeldspieler weit nach hinten zieht. Am Ball ist Özil gut, jedoch (noch) nicht auf allerhöchstem Niveau – ohne Ball ist er herausragend. Ähnlich wie Thomas Müller hat Özil ein extrem gutes Gefühl für Spielsituationen und Lücken, wobei Müller durch seine Torgefahr noch mehr auffällt. Bei der WM haben beide sehr voneinander profitiert, was vielleicht auch ein Grund für Özils mangelndes Durchsetzungsvermögen gegen Spaniens Sergio Busquets war.

2. Für Özils Entwicklung wären 1-2 weitere Jahre bei Werder am besten.

Als Mesut Özil von Schalke zu Werder wechselte, war er 19 Jahre alt und galt als einer der talentiertesten deutschen Mittelfeldspieler. In seinen inzwischen 2 1/2 Jahren an der Weser hat er sich weiterentwickelt, den Status des “Talents” spätestens in der abgelaufenen Saison überwunden und gehört mittlerweile zu den besten Mittelfeldspielern der Bundesliga. Seine Leistungen sind teilweise überragend, doch es fehlt noch an der Konstanz, die für die absolute Weltspitze nötig ist. Es gibt gute Argumente, die für einen Verbleib bei Werder für zumindest eine weitere Saison sprechen: Hier hat er ein ruhiges Umfeld und einen Trainer, der auf ihn baut. Dazu winkt in der kommenden Saison eine Champions League Teilnahme. Der Kader wäre bei Özils Verbleib ebenfalls stärker einzuschätzen. Bei einem Wechsel zu einem großen Verein hätte er stärkere Konkurrenz. Zudem würde der Druck um ein Vielfaches anwachsen. Allerdings ist es genau dieser Konkurrenzdruck, der Spieler auch weiterbringen kann. Wenn das Potential für die ganz großen Vereine reicht, wird kaum ein Spieler allzu lange für Werder zu halten sein. Die warnenden Beispiele der ehemaligen Werderspieler, die sich nach einem Wechsel nicht durchgesetzt haben, sind hier nur bedingt als Argument tauglich. Letztlich liegt es am Spieler selbst und an dessen Potential, sich auf höchstem Niveau zu beweisen. Vielleicht wird Özil daran scheitern, doch eine pauschale Aussage, dass er sich bei Werder besser weiterentwickeln kann, ist mehr Wunschdenken als erwiesene Tatsache.

Dazu kommen die Anfeindungen, die Özil schon jetzt entgegengebracht werden. Solange er keinen neuen Vertrag bei Werder unterzeichnet, wird er in der Fankurve kaum seinen schlechten Ruf verbessern können. Sollte Özil in ein Leistungsloch fallen, wie vor drei Jahren Miroslav Klose, würde er vermutlich starker Kritik ausgesetzt sein. Dies widerspricht den oben getroffenen Aussagen über das ruhige Umfeld bei Werder. Wenn die Leistung nicht stimmt, droht Özil bei Werder ein Spießrutenlauf, der seiner Entwicklung sicher nicht besser täte, als ein Platz auf der Bank des FC Barcelona.

3. Özil und sein Berater sind geldgeil

Diese Auffassung wurde geschürt durch die Kampagne, die von Özils ehemaligem Arbeitgeber nach einer erfolglosen Vertragsverlängerung betrieben wurde. Özil und sein Berater hätten absurde Forderungen gestellt, so der Grundtenor. Auch in diesem Jahr erweisen sich die Beiden als schwierige Verhandlungspartner. Der Hintergrund: Bei einer Vertragsverlängerung würden die zu erwartenden Transfererlöse bei einem Verkauf des Spielers steigen. Je geringer die Ablösesumme, desto größer die Chance auf ein hohes Handgeld für den Spieler. Bei einem ablösefreien Wechsel nach Vertragsende könnte Özil daher einen sehr hohen Betrag als Handgeld kassieren. Diese Spekulation auf einen höchstmöglichen Profit wird Özil und seinem Berater übel genommen. Sicherlich gibt es auch Spieler, die in dieser Situation anders handeln würden, doch grundsätzlich versuchen im Profifußball beide Vertragsparteien das bestmögliche für sich selbst herauszuholen. Allerdings zeigte gerade Özils Wechsel zu Werder, dass Geld nicht das alleinige Entscheidungkriterium für ihn ist. Das Argument der Fixiertheit auf den persönlichen Profit kann trotzdem nicht entkräftet werden.

Interessant wird es jedoch, wenn es zur Profitorientierung der Kritiker selbst kommt. Die Forderung den Spieler jetzt schnell möglichst teuer zu verkaufen passt nicht unbedingt zur vorangegangenen Kritik an Özil. Die Tatsache, dass Spieler von vielen Fans als freibewegliches Handelsgut angesehen werden, wird dabei gerne ausgeblendet. Einerseits wünscht man sich eine tiefe Verbundenheit der Spieler zum eigenen Verein, andererseits würde man die meisten Spieler persönlich zum Flughafen bringen, wenn denn die Ablöse stimmt. Das Profigeschäft führt immer wieder zu solchen Widersprüchen zwischen materiellem Denken und romantischer Vereinstreue. Es ist legitim, Fußballspieler für diese Einstellung zu kritisieren, doch dann sollte es sich generell gegen die Zustände im Profifußball richten und nicht selektiv gegen einzelne Spieler. Marko Marin und Per Mertesacker sind schließlich auch nicht ganz ohne finanzielle Anreize nach Bremen gekommen.

4. Özil ist undankbar und hat einen schlechten Charakter

Ex-Werderspieler Diego verlängerte im Herbst 2007 seinem Wechsel seinen Vertrag bei Werder um weitere 12 Monate bis 2011. Dafür gab Werder dem Spieler ein Versprechen, ihn bei einem vernünftigen Angebot im Sommer 2009 gehen zu lassen. Die von vielen Werderfans als zu niedrig empfundene Ablösesumme ist auch Resultat dieser Vereinbarung. Mit Mesut Özil wurde dem Vernehmen nach ein ähnlicher Deal angestrebt: Eine Vertragsverlängerung mit deutlicher Gehaltsaufbesserung und der Aussicht auf einen problemlosen Wechsel bei entsprechenden Angeboten. Anders als Diego, dessen Vertrag ohnehin noch drei Jahre lief, ist Özil in einer ganz anderen Position. In einem Jahr kann er ablösefrei wechseln und das entgangene höhere Gehalt, das er bei einer Verlängerung bekäme, würde durch eine hohe Handgeldzahlung mehr als kompensiert. Verkauft ihn Werder dagegen schon in diesem Sommer, winkt bei einem anderen Verein schon jetzt ein höher dotierter Vertrag als er ihn bei Werder je bekommen könnte. Der Anreiz für eine Vertragsverlängerung ist also recht gering, wenn man nicht von einem langfristigen Verbleib bei Werder ausgeht.

Dennoch könnte Özil mit einer solchen Geste seinem Verein einen Gefallen tun, was bei Diegos Verlängerung sicherlich mit ausschlaggebend war. Dieses Vorgehen ist jedoch nicht alltäglich und kann nicht bei jedem Spieler vorausgesetzt werden. Werder hat sich in der Vergangenheit meistens sehr fair gegenüber den eigenen Spielern verhalten und auslaufende Verträge von verletzten (Kristian Lisztes) oder kranken Spielern (Ivan Klasnic) verlängert. Andererseits hat Mesut Özil öffentlich niemals gesagt, dass er seine Zukunft bei Werder sieht. Von daher wäre ein Verzicht auf einen neuen Vertrag konsequent und ehrlich. Zumal von Seiten vieler Fans auch das gegenteilige Verhalten bei Spielern kritisiert wird. Würde Özil Werder die Treue schwören und dann doch in einem Jahr wechseln, würde er als Verräter bezeichnet. In dieser Hinsicht kann man ihm nichts vorwerfen, denn er hat nie solche Äußerungen gemacht, auf die man ihn jetzt festnageln könnte. Interessant in dieser Hinsicht: Erfüllt ein Spieler seinen Vertrag ohne die von den Zuschauern gewünschte Leistung zu bringen, wird er ebenfalls schnell als Abzocker verschrien. Aus diesem Grund ist es auch absurd Klaus Allofs vorzuwerfen, er hätte Özils Vertrag schon vor über einem Jahr verlängern sollen. Werders momentane Probleme auf dem Transfermarkt kommen eher von Spielern, die der Verein abgeben will, aber aufgrund hoch dotierter Verträge nicht so einfach los wird.

Alle genannten Gründe führen zu einem schlechten Gesamtbild des Spielers und des Menschen Mesut Özil. Zwar teilen keinesfalls alle Fans diese negative Meinung, doch die allgemeine Stimmung scheint bereits in diese Richtung gekippt zu sein. Ob sich diese Entwicklung im Fall eines Verbleibs in diesem Sommer noch rückgängig machen lässt, darf bezweifelt werden. Von daher stellt sich auch die Frage, inwiefern Spieler und Verein in der kommenden Saison noch voneinander profitieren können. Daher deutet vieles auf einen Abschied hin. Ein Abschied, der beim introvertierten und verschlossenen Özil weniger emotional ausfallen dürfte als bei Publikumslieblingen wie Diego oder Ailton, der jedoch trotzdem schmerzen würde. Denn eines scheint sicher: Özil wird seinen besten Fußball nicht im Werdertrikot gespielt haben.

Trainerfrage

"Die Trainerfrage stellt sich nicht."

Bei vielen Vereinen kann der Trainer nach einer solchen Aussage seines Vorgesetzten bereits seine Koffer packen, den Mietvertrag kündigen und sich leise und dezent bei anderen Vereinen ins Gespräch bringen. Vereinsverantwortliche, die ihrem Trainer öffentlich den Rücken stärken, sind in etwa so glaubwürdig, wie es die Wahlergebnisse der DDR waren. Zu oft schon haben sich ihre Worte als reine Lippenbekenntnisse entpuppt, während im Hintergrund schon fleißig nach einem Nachfolger gesucht wurde.

Nun hat Werders Sportdirektor Klaus Allofs diese Worte in den Mund genommen. Deutet das auf einen baldigen Abschied von Trainer Thomas Schaaf hin? Nun, es gibt für Allofs im Prinzip keine Möglichkeit, sich öffentlich zu Schaaf zu bekennen, ohne dieselben Floskeln zu verwenden, die von seinen Kollegen schon so oft missbraucht wurden.

Überhaupt sieht sich Allofs momentan von Seiten vieler Fans mindestens ebenso starker Kritk ausgesetzt, wie sein Trainer. Es ist das erste Mal in der Ära Allofs/Schaaf, dass es grundsätzliche Kritik an der Arbeit des ehemaligen Erfolgsduos gibt. Doch worauf richtet sich die Kritik eigentlich?

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