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Meine EM: Blancs gescheiterte Evolution

Spanien – Frankreich 2:0

Man wollte den Schatten von 2010 loswerden. Nun steht Frankreich nach vier Spielen bei dieser EM vor einem Scherbenhaufen. Die Reaktionen nach dem Ausscheiden zeigten, dass die Entwicklung in den letzten zwei Jahren nicht so viel wert waren, wie erhofft. Der Stachel sitzt noch immer tief.

Laurent Blanc versuchte es gegen Spanien mit einem sehr defensiven, asymmetrischen 4-5-1, bei dem auf der rechten Seite quasi ein zweiter Rechtsverteidiger spielte, der Jordi Albas Vorstöße eindämmen sollte. Links spielte Ribery deutlich höher. Von ihm erhoffte man sich die nötige Kreativität und Zuspiele für Karim Benzema. Der enttäuschende Nasri saß auf der Bank. Spanien spielte wie gewohnt im 4-3-3, diesmal wieder ohne echten Stürmer, dafür mit Fabregas als falscher Neun.

Über weite Strecken ließ das Spiel die Spannung vermissen. Spanien zeigte sich wie gewohnt ballsicher und war nicht gewillt, gegen einen in den ersten 45 Minuten harmlosen Gegner großes Risiko einzugehen. Nach der frühen Führung durch Xabi Alonso hielt man den Ball in den eigenen Reihen und in Frankreichs Hälfte, ohne die letzte Entschlossenheit auf dem Weg zum Tor. Es kamen Erinnerungen an 2010 hoch. Das spanische Tiki-Taka ist nicht zuletzt auch ein Defensivsystem, dem Frankreich wenig entgegen zu setzen hat.

In der zweiten Halbzeit wurde Frankreich etwas stärker, kam über die linke Seite zu einigen Chancen, von denen die meisten jedoch nicht wirklich gefährlich für Cassilas wurden. Ich hatte nie den Eindruck, dass Frankreich dieses Spiel gewinnen könnte. Spanien lässt den Esprit vermissen, den man beispielsweise vor vier Jahren ausstrahlte. Man verwaltet eher den Status als Nummer 1, als das man versucht, an den begeisternden Fußball der Jahre 2007 bis 2010 anzuknüpfen. Solange die Gegner dem so wenig entgegen zu setzen haben wie Frankreich, kann man an diesem Ansatz nicht viel kritisieren. Unterm Strich war es ein verdienter Sieg, der in Frankreich eine hitzige Diskussion um Spieler und Trainer auslöste.

Blanc wirkt angezählt, muss um seine Vertragsverlängerung bangen. Seine Taktik gegen Spanien ging nicht auf, das 0:1 fiel ausgerechnet über die rechte Abwehrseite, die Blanc mit seiner Aufstellung stärken wollte. Doch vor allem die Spieler, die schon 2010 in der Kritik standen, werden es in den nächsten Monaten nicht leicht haben. Die Disziplin in der Mannschaft ist schlecht und was einzelne Spieler im Turnier ablieferten, ist eine Frechheit. Samir Nasri bewies wieder einmal, dass er kein Mann für große Spiele ist und glänzte nach seiner Einwechslung mit einer fassungslosen Nicht-Leistung. Auch Malouda war sichtlich neben der Spur. Ribery spielte über weite Strecken mit sich selbst, hatte eine katastrophale Fehlpassquote und vorne verhungerte Karim Benzema, wenn er sich nicht weit mit nach hinten fallen ließ.

Alles in allem war der französische Ansatz in diesem Turnier interessant, aber er zahlte sich letztlich nicht aus. Die Mannschaft zerfällt unter Druck in ihre Einzelteile und wirkt nicht wie eine Einheit. Es wird wohl noch etwas dauern, bis Frankreich aus seinen hochklassigen, aber zerstrittenen Einzelspielern wieder ein Kollektiv macht und bei den großen Turnieren wieder etwas mitzureden hat. Bei dieser EM waren sie unterm Strich enttäuschend und fahren verdient nach Hause.

Meine EM: Frankreich hat wieder eine Mannschaft

Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Gestern noch der undisziplinierte Sauhaufen der WM 2010, der sich auf alten Lorbeeren ausgeruht und die Erneuerung des Kaders verschlafen hat. Heute schon einer der gar nicht mehr so geheimen Favoriten auf den EM-Sieg. Frankreich ist unter dem neuen Trainer Laurent Blanc seit nunmehr 21 Spielen ungeschlagen und geht mit viel Selbstvertrauen in das Turnier.

Die Spuren des Laurent Blanc

So richtig gravierend waren die personellen Probleme der Franzosen denn auch nicht. Zumindest die Klasse der einzelnen Akteure stand nur selten zur Diskussion. Problematischer war schon die Zusammensetzung in menschlicher wie taktischer Hinsicht. Ex-Trainer Raymond Domenech hatte sich dabei einen höchst zweifelhaften Ruf erarbeitet. Statt auf statistisch belegbare Daten und Fachkompetenz verließ er sich bei seiner Mannschaftsauswahl lieber auf metaphysische Aspekte wie die Sternzeichen der Spieler. Nicht wenige halten ihn daher für einen Scharlatan, der 2006 riesiges Glück (bzw. Zidane / Ribery / Henry) hatte und in der Folge vier weitere fruchtlose Jahre auf dem Trainerstuhl der Equipe Tircolore verbringen durfte. Zwei Turniere inkl. Vorrundenaus und Meuterei in Südafrika bedurfte es, um einen Trainerwechsel herbeizuführen.

Nachfolger Laurent Blanc ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Der Ex-Weltklassespieler feierte mit Girondins Bordeaux große Erfolge, bevor er vor zwei Jahren das Ruder bei der französischen Nationalmannschaft übernahm. Unter seiner Führung kehrten sportliche Vernunft und Disziplin zurück ins Team. Die Qualifikation für die EM verlief holprig, doch am Ende setzte man sich als Gruppenerster durch und zeigte sich seitdem in den Freundschaftsspielen deutlich verbessert. Siege gegen Brasilien, Deutschland und Gruppengegner England taten dem gebeutelten Selbstvertrauen gut. Langsam zeigt sich auch eine spielerische Verbesserung. Während man über weite Strecken der Jahre 2010 und 2011 selten attraktiven Fußball spielte, kann man immer mehr positive Elemente im Offensivspiel der Franzosen entdecken. Angesichts des Potenzials der Angriffsspieler sollte dies keine Überraschung sein, doch der Weg dorthin war nach den Querelen der Vergangenheit steinig.

Noch immer ein Weltklassekader

Im Gegensatz zu etwa Deutschland oder England hatte Frankreich in den letzten 10 Jahren nicht mit einem strukturellen Problem zu kämpfen. Der Vorsprung in der Jugendförderung ist zwar weggeschmolzen, doch das liegt weniger an Versäumnissen der Franzosen als an früheren Versäumnissen der Konkurrenz, die nun beseitigt wurden. Der französische Fußball bringt in schöner Regelmäßigkeit große Talente hervor. Der Trainer hat die Qual der Wahl, daraus ein funktionierendes Team zusammenzustellen. Dies scheint Blanc hervorragend gelungen zu sein. Das Prunkstück der Franzosen ist sicherlich das Mittelfeld. In der Dreierreihe hinter der beweglichen Spitze Benzema hat man in Ribery einen Weltklassespieler, der mit dem technisch begabten Nasri das Offensivspiel lenkt. Auf der rechten Seite stehen mehrere starke Flügelspieler zur Auswahl, die unterschiedliche Qualitäten mit ins Team bringen würden. Valbuena, Malouda oder auch Menez heißen hier die Kandidaten. Eine taktische Alternative wäre es, Malouda ins Zentrum zu ziehen und Nasri auf den rechten Flügel zu schieben.

Im zentralen Mittelfeld bangt man derzeit noch um M’Vila und Alou Diarra, die sich Verletzungen zugezogen haben. So ist Yohan Cabaye der einzige sichere Starter in der Doppelsechs. In der Abwehr setzt Blanc auf Erfahrung, bevorzugt hinten links Wadenbeißer Patrice Evra, wohl auch, weil Ribery noch immer nicht als fleißigster Spieler gilt, was die Defensivarbeit angeht. Auf der rechten Seite ist Blanc mutiger und setzt auf den offensivfreudigen Debuchy. Auch in der Innenverteidigung herrscht Aufgabenteilung. Mexes ist ein Verteidiger der humorlosen Sorte, während Partner Rami und Ersatzmann Koscielny für den moderneren, aufbaustarken Typus stehen. So ist Frankreich hinten trotz langsamer Innenverteidiger schwer zu knacken und mit der leicht asymmetrischen Formation auch offensiv schwer zu verteidigen.

Blancs Frankreich zählt wegen der Entwicklung der letzten 12 Monate, der individuellen Klasse der Spieler und die Erfahrung auf internationalem Niveau zu den Favoriten auf den Gesamtsieg. Doch während das Turnier für Spanien ein Jahr zu spät kommt, kommt es für Frankreich vielleicht ein Jahr zu früh. Viele Spielzüge und Abläufe sind noch nicht so verfestigt, wie bei den Niederlanden, Deutschland oder Spanien, weshalb ich Frankreich eine Stufe unter diesen Teams ansiedeln würde. Wenn bei den Franzosen alles läuft wie geplant, haben sie ernsthafte Chancen auf den Titel. Bei großen Turnieren läuft aber nur selten alles nach Plan und die Mannschaft wirkt auf mich noch nicht so gefestigt, dass sie gut damit umgehen könnte.

Meine Prognose: Frankreich wird Gruppensieger und qualifiziert sich für das Halbfinale. Dort scheidet man jedoch aus.

Frankreichs Gruppengegner:

Ukraine
England
Schweden