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Top 5 individuelle Leistungen im Achtelfinale

Acht Achtelfinals, acht mal setzt sich der Favorit durch. Zum ersten Mal in der WM-Geschichte stehen alle acht Gruppensieger im Viertelfinale. Was nach Langeweile klingt, war allerdings äußerst spektakulär, denn außer Kolbumbien gelang keinem Team ein ungefährdeter Sieg. Fünf Spiele gingen sogar in die Verlängerung.

Dennoch war es am Ende jedes Mal der Favorit, der die Nase vorn behielt – ein deutliches Indiz dafür, dass es sich hierbei nicht (nur) um Glück handelte. Es dürfte vielmehr die individuelle Klasse gewesen sein, die in den meisten Fällen am Ende den Unterschied ausgemacht hat. Somit liegt mein Fokus in der Nachbetrachtung ausnahmsweise mal auf den herausragenden Einzelleistungen des Achtelfinales:

1. Manuel Neuer

Eigentlich ist es unfair, hier nur einen Keeper herauszupicken, denn es gab gleich mehrere außergewöhnlich starke Torhüterleistungen. Tim Howard stellte gegen Belgien einen neuen WM-Rekord auf, was abgewehrte Torschüsse angeht. Am Ende musste er sich jedoch ebenso aus dem Turnier verabschieden, wie Mexikos Ochoa, der nicht nur die Brasilianer in der Vorrunde zur Verzweiflung brachte, sondern auch gegen die Niederlande lange Zeit der Garant dafür war, dass hinten die Null stand. Ebenfalls in der Vordergrund gespielt haben sich Chiles Torwart Claudio Bravo und Algeriens Rais M’Bolhi. Letzterer wehrte gegen Deutschland einige überragende Bälle ab, bevor ihn Schürrles Hackentrick überwinden konnte.

Sie alle wurden jedoch von Manuel Neuers Leistung gegen Algerien in den Schatten gestellt, weil dieser die ganze neue Dimension des Torwartspiels demonstrierte. So konsequent hat nicht mal Rene Higuita den Raum zwischen Mittellinie und Strafraum verteidigt. So beängstigend es auch erschien, wie problemlos Algerien mit langen Bällen hinter Deutschlands Viererkette kam, so bemerkenswert war es, dass nie ein Stürmer mit dem Ball am Fuß frei vor Neuer auftauchte. Weltklasse-Antizipationsspiel!

2. James Rodriguez

Kolumbien überzeugt in Abwesenheit des Superstars Falcao vor allem durch eine starke Mannschaftsleistung und schnellem Kombinationsspiel in der Offensive. Schon in der Vorrunde war erkennbar, dass James Rodriguez dabei zu den wichtigsten Akteuren gehörte. Im Achtelfinale feierte er nun seinen Durchbruch auf internationaler Bühne. Sein erster Treffer hat das Zeug, zum schönsten Tor der WM gewählt zu werden. Mir gefiel das 2:0 allerdings noch besser, weil es die kolumbianischen Stärken perfekt zur Schau stellte. Ein Team-Goal, bei dem selbst Arsène Wenger feuchte Augen bekommen haben dürfte. Wenn es gegen Brasilien um den Einzug ins Halbfinale geht, ist es für Kolumbien jedoch gut zu wissen, dass man einen Spieler wie Rodriguez in den eigenen Reihen hat, der auch im Alleingang eine Partie entscheiden kann – etwas, das den meisten Teams gefehlt hat, die im Achtelfinale ausgeschieden sind.

3. Kevin De Bruyne

In der Vorrunde haben weder Belgien noch De Bruyne den ästhetischen Ansprüchen genügt, die viele an sie stellen. Den Belgiern wird es egal sein, erreichten sie doch trotz des eher mäßigen Spieltempos ungefährdet das Achtelfinale. Gegen die USA zeigten die Belgier nun endlich, was in ihnen steckt. Bei schwierigen Bedingungen gingen sie hohes Tempo und wurden dabei von einem stark aufspielenden Kevin De Bruyne angetrieben. Mit insgesamt 10 vorbereiteten Torchancen war De Bruyne in einem der bislang besten Spieler des Turniers der herausragende Offensivspieler. Am Ende erzielte er das Führungstor und bereitet auch Lukakus Treffer vor. Man mag sich Kommentator Thomas Wark anschließen, dass es nicht gerade für José Mourinho spricht, diesen Spieler nicht an Chelsea gebunden zu haben.

4. Angel Di Maria

Lionel Messi überstrahlt bei Argentinien derzeit alles, auch die eher biederen Auftritte seines Teams bei dieser WM (die aber vor allem Mittel zum Zweck sein dürften). Ähnlich wie bei Real Madrid spielt Di Maria somit ein Stück weit unter dem Radar, zumindest was die ganz große Wertschätzung der Öffentlichkeit angeht. Dabei war Di Maria in dieser Saison bereits im Champions League Finale der entscheidende Spieler auf dem Platz und spielte auch bei der WM eine gute Gruppenphase. Gegen die Schweiz stand er nicht nur wegen seinem Siegtor ausnahmsweise mal komplett im Mittelpunkt. Sein größter Wert für sein Team besteht jedoch eher in den weniger auffälligen Aktionen. Kaum ein Spieler auf der Welt versteht es so gut, sogleich Flügelspieler, als auch zentraler Mittelfeldspieler zu sein.

5. Louis van Gaal

Kurz hatte ich überlegt, an dieser Stelle Arjen Robben zu nennen. Mit seiner Fähigkeit Elfmeter herauszuholen, hat er am Ende das Weiterkommen gegen Mexiko perfekt gemacht. Bislang ist Robben sicher der herausragende Einzelspieler der WM, doch das größte Plus für die Niederlande ist der Trainer. Van Gaal verpasste seinem Team eine unkonventionelle, aber erfolgreiche Taktik und stellte gegen Mexiko zur rechten Zeit um. Warum nun schon wieder viele glauben, das Spiel habe gezeigt, dass Holland nun endlich wieder im 4-3-3 spielen müsse, ist mir schleierhaft. Van Gaal ist mehr Risiko eingegangen, als es für sein Team unvermeidbar war. Insgesamt war jedoch das 3-5-2/5-3-2 System (und seine konkrete Ausführung) der Garant dafür, dass die Niederlande defensiv keine allzu großen Probleme bekommen haben.

Sollte van Gaal mit diesem Team Weltmeister werden, wäre das sein absolutes Meisterstück – als ob er noch eins brauchen würde.

Mutlosigkeit statt Gladiolen

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle eine Vorschau aufs Rückspiel zwischen dem FC Bayern und Inter Mailand heute Abend schreiben. Eigentlich. Nun ist die letzte Woche bekanntgewordene Trennung zwischen den Bayern und Louis van Gaal dazwischen gekommen und mir ist die Lust dazu vergangen.

Eigentlich könnte es mir ja völlig egal sein, ob die Bayern van Gaal entlassen, bzw. ich freue mich als Werderfan sogar darüber, denn wenn die Bayern ihren zuletzt beschrittenen Weg aufgeben und zurück zum konzeptlosen Zweijahreskaufrausch mit fünfzigprozentiger Meisterschaftsausbeute kehren, dann kann das für uns nur gut sein. Trotzdem ärgert es mich. Es hat mich schon im November 2009 geärgert und wenn die Mannschaft nicht unerwartet doch noch in der Champions League weitergekommen wären, dann würde heute niemand über die ach so tolle letzte Saison reden. Zur Erinnerung: Bayern hat die Gruppenphase nur deshalb überstanden, weil Juve in Bordeaux verloren hat. Hätten sie gewonnen, wäre es am letzten Spieltag in Turin um nichts mehr gegangen.

Damals hing Louis van Gaals Bayernkarriere am seidenen Faden. Im Sommer darauf war er der neue Fußballmessias. Das Feierbiest. In dieser Saison ist er wieder der alte Sturkopf, der nicht auf die Weisheit der Bayernoberen hört und unbelehrbar ist. Diese Entwicklung sagt viel mehr über den Verein FC Bayern als über den Trainer van Gaal.

Man wusste schon vorher, dass van Gaal kein ganz einfacher Mensch ist, dass er gewisse Vorstellungen vom Fußball hat, die nicht unbedingt mit dem Fußballstammtisch harmonieren. Als van Gaal verpflichtet wurde war ich beeindruckt. Beeindruckt davon, dass die Bayern sich einen solchen Querkopf in Haus holen und ihn seine Ideen umsetzen lassen. Nach dem gescheiterten Experiment Jürgen Klinsmann sollte es ein Fußballlehrer sein, aber eben einer mit neuen Ideen, der den Verein nicht zurück in die Lethargie der zweiten Hälfte der Ära Hitzfeld fliehen ließ. Der Verein schien bereit für Veränderung, für einen großen Plan. Vor allem deshalb wirkt es so bizarr, dass van Gaals Leistung nun vor allem an den Ergebnissen festgemacht werden. Nicht, dass die Ergebnisse bei der Bewertung eines Trainers egal wären, aber was kann man als Trainer in knapp zwei Jahren eigentlich erreichen? Eine Meisterschaft gewinnen? Einen Pokal holen? Die Champions League? Das ganze noch mal? Vielleicht, aber einem Vereine eine Idee vom Fußball einpflanzen? Das ist ein langfristiger Prozess.

Aber war nicht genau das van Gaals Mission? Eine “Fußballphilosophie”, seine Fußballphilosophie bei den Bayern umsetzen? Das hat er getan. Konsequent und ohne Kompromisse. Mit Kompromissen kommt man in einem festgefahrenen System nicht weiter. Kompromisse weichen die Philosophie auf. Es war klar: Der Trainer hat das alleinige Sagen. Es war auch klar: Das wird bei den Bayern bestenfalls geduldet, aber niemals akzeptiert. Im Sommer wurden van Gaals Verdienste noch im Detail aufgelistet: Er hat ein passendes System gefunden, Spieler aus ihrer comfort zone bewegt (Lahm, Schweinsteiger), auf die Jugend gesetzt (Müller, Badstuber) und dazu seine offensive Spielidee umgesetzt.

Es mag im Sommer schon manche gegeben haben, die eine nahtlose Fortsetzung dieser Entwicklung in dieser Saison erwartet oder sogar verlangt haben. Solch eine Annahme ist völlig unrealistisch. Im Fußball läuft nichts linear, nach der überaus erfolgreichen Saison war ein gefühlter Rückschritt fast unvermeidbar. Es ist nicht diese Saison, die enttäuschend ist (auch wenn einige Ergebnisse es unzweifelhaft sind) – es war die letzte Saison, die eigentlich zu gut war. Bayern ist noch nicht die beste Mannschaft Europas. Auch nicht die zweitbeste. Aber Bayern ist auf einem guten Weg dorthin, trotz und auch wegen der Rückschritte.

Mit Glück, Können und einem wahnsinnigen Lauf ging es letzten Frühling bis ins Champions League Finale. Eine Mannschaft entwickelt sich aber in erster Linie indem sie schwierige Phasen übersteht und Hindernisse überwindet. Der Sieg über Juve letzte Saison war ein entscheidender Moment. Die Niederlage gegen Dortmund könnte ein weiterer entscheidender Moment sein. Wie geht die Mannschaft damit um, nicht unmittelbar sondern mittelfristig? Welche Strategien werden entwickelt, um nächste Saison besser zu sein? Dem Fortschritt der letzten Saison folgte die Reaktion der Konkurrenz in dieser Saison. Ist es auch nur ansatzweise überraschend, dass die Gegner in dieser Saison besser mit der Spielweise der Bayern zurechtkommen? Und genau darauf sollte es beim Rekordmeister nun ankommen, nämlich eine passende Antwort zu finden. Rasenschach.

Die Crux bei der Sache ist: Diese Entwicklung ist nur langfristig zu erkennen, bereinigt um “konjunkturelle Effekte” sozusagen. Stattdessen schaukeln sich die Bayern an den letzten drei bis vier Ergebnissen und van Gaals Sturheit hoch. Ich kann gut verstehen, dass einige Bayernfans gerade an ihrer Vereinsführung verzweifeln.

Und wie sieht es mit der Implementierung der Fußballphilosophie aus? Noch bevor sie im Verein in Fleisch und Blut übergegangen ist, wird sie bereits als selbstverständlich hingenommen. Wo genau standen die Bayern noch mal im Sommer 2009? Was hat sich seitdem geändert? Alles vergessen. Xavi Hernandez vom großen Vorbild FC Barcelona hat vor kurzem in einem Interview gesagt, dass nie die Identität geändert werden darf. Personal könne man austauschen, auch Trainer, aber nie die Identität. Das Problem bei den Bayern: Die Identität ist gerade erst in der Entstehungsphase. In Barcelona hatte Johan Cruyff acht Jahre lang Zeit, um seine von Rinus Michels übernommene Idee vom Fußball umzusetzen und zu verfeinern. Van Gaal hat sie fortgesetzt und heute ist es so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass man sich fast automatisch den passenden Trainer und die passenden Spieler dazu auswählt.

Wer formt nach van Gaal die Identität der Bayern weiter? Präsident Hoeneß? Vorstandsvorsitzender Rummenigge? Manager Nerlinger? Heynckes ist ganz sicher kein schlechter Trainer, aber er wird den Umbruch bei den Bayern nicht fortsetzen. Eher scheint er der größte gemeinsame Nenner zu sein, auf den sich die Clubführung einigen kann. Es ist ein: ja, wir wollen schon irgendwie, aber nicht so richtig. Eine solide Lösung, aber keine mutige. Ich hoffe sehr, dass sie dafür nicht belohnt werden.

Meine Top 5: Trainer

Eine lange verschollene Rubrik wird heute reaktiviert: Die Top-5-Listen. Ursprünglich als Referenz zu Nick Hornbys High Fidelity hier im Blog eingeführt, seit etwa drei Jahren in der Versenkung verschwunden und nun in Anlehnung an “The Joy of Six” aus dem Guardian wieder ausgegraben.

Ich fange mit einer Kategorie an, die mir sehr am Herzen liegt: Fußballtrainer. Meine Auflistung ist nicht als Bestenliste zu verstehen, sondern als persönliche Favoritenliste. Jeder der Trainer auf dieser Liste ist in meinen Augen eine besondere Persönlichkeit, die einen Sonderstatus in der Riege der Fußballtrainer verdient. Werdertrainer habe ich wegen Befangenheit nicht berücksichtig.

Hier sind also meine Top 5 Trainer:

5. Louis van Gaal

Richtig gelesen. Der Louis van Gaal, der mit den Bayern letztes Jahr dicht vor dem Triple stand. Das holländische Feierbiest. Der inzwischen bei Uli Hoeneß in Ungnade gefallen ist und öffentlich für seine angeblich schlechte Kommunikation kritisiert wurde. Der Louis van Gaal, über dessen vorzeitiges Ende beim Rekordmeister schon spekuliert wird – auch in den eigenen Reihen.

Es ist schon ein paar Jahre her, als genau dieser van Gaal mit seiner Kindergartenmannschaft des AFC Ajax den europäischen Clubfußball durcheinander wirbelte. 1991 begann er seine Amtszeit in Amsterdam und wurde auf Anhieb UEFA-Cup-Sieger. Damals bestand das Team noch aus einer guten Mischung aus Altstars wie Danny Blind, Spielern im besten Fußballeralter wie Aaron Winter und Wim Jonk sowie blutjungen Newcomern wie den de Boer-Zwillingen und Dennis Bergkamp (wobei letzterer immerhin schon 22 war und bereits vier Jahre zuvor den Europapokal der Pokalsieger gewonnen hatte). Im folgenden Jahr konnte Ajax immerhin den Pokal gewinnen, doch musste auch einige wichtige Spieler abgeben. Aus der Not machten Verein und Trainer eine Tugend und schrieben damit Fußballgeschichte.

Die Jugendakademie des AFC Ajax hatte schon vor van Gaals Amtsantritt einen guten Ruf – immerhin hatte sie Spieler wie Johan Cruyff hervorgebracht. Der Schub an Talenten, der Anfang bis Mitte der 90er Jahre ins Profiteam integriert werden konnte, ist jedoch phänomenal und steht auf einer Stufe mit den Erfolgen der Jugendarbeit des FC Barcelona in den letzten Jahren. Der große Durchbruch ließ nicht lange auf sich warten. Bereits 1994 gewann Ajax nach vier Jahren wieder die niederländische Meisterschaft und ein Jahr später folgte als Krönung der Gewinn der Champions League. Dabei standen im Finale gegen den AC Milan gleich neun Spieler in der Startformation, die vom Verein auch ausgebildet worden waren. Der eingewechselte Patrick Kluivert, der kurz vor Schluss das Siegtor erzielte, kam ebenfalls aus der Ajax-Jugend. Der damals 18-Jährige gehörte neben Marc Overmars (22), Edgard Davids (22), Michael Reiziger (22), Clarence Seedorf (19) und Nwankwo Kanu (18) zu den jungen Wilden, die dieses Team so einmalig machten.

Der Fußball, den Louis van Gaal spielen ließ, war technisch anspruchsvoll, schön anzusehen und (für damalige Verhältnisse) extrem schnell. Als sie im Halbfinal-Rückspiel Trappatonis Bayern mit 5:2 überrollten, hatte man den Eindruck, es mit einer 10 x 100 Meter-Staffel zu tun zu haben. Was an dieser Mannschaft besonders überzeugte, war die taktische Ausbildung der Spieler. Trotz ihrer Jugend spielten die Ajax-Bubis nur selten ungestüm und leichtsinnig. Sie konnten sowohl die bedingungslose Offensive als auch das effiziente 1:0. Dank dieser Fähigkeiten konnten sie die erfahrene Weltklassemannschaft aus Mailand im Finale bezwingen, die ein Jahr zuvor den ähnlich spielstarken FC Barcelona mit 4:0 weggeputzt hatte.

Nun sollte man van Gaals Trainerkarriere nicht auf seine Zeit bei Ajax reduzieren, doch diese Jahre waren für ihn als Trainer prägend. Die guten Erfahrungen, die er mit den jungen Spielern in Amsterdam machte, ließen ihn in seiner Trainerlaufbahn immer wieder auf den Nachwuchs setzen. Sie erklären, warum heute ein Spieler wie Xavi, der unter van Gaal seine ersten Versuche als Profi beim FC Barcelona machte, so positiv über ihn redet. Sie erklären, warum er einen Thomas Müller binnen eines Jahres zum Weltstar machte. Und sie erklären auch, warum er sich weiter auf junge Spieler verlässt, selbst wenn es ihm zeitweise den Ruf einbringt, er sei beratungsresistent. Ob nun Seedorf und Xavi oder Badstuber und Contento, die Namen haben für ihn nur eine untergeordnete Bedeutung.

Man kann van Gaal einiges vorwerfen: Seine Sturheit, seine Schroffheit, seine immer wieder anklingende Selbstgefälligkeit. Mangelnde Konsequenz gehört jedoch nicht dazu. Van Gaal steht für ein Modell, für einen Weg, für eine Art Fußball zu spielen. Dies hat er vielen anderen Trainern voraus. Er steht in dieser Liste nicht, weil er ein angenehmer Zeitgenosse ist (was ich auch gar nicht beurteilen kann und will). Er steht hier stellvertretend für den Jugendstil im Profifußball, für den seine jüngeren Bundesligakollegen Jürgen Klopp und Thomas Tuchel derzeit gefeiert werden. Auch wenn es im Geschäft Profifußball wenig Platz für Idealismus gibt wird van Gaal an seinen Prinzipien festhalten. Eine Niederlage gegen den Pragmatiker José Mourinho wirft ihn nicht um. Er wird auch bei den Bayern seinen Weg weitergehen und dabei entweder scheitern oder mit Alaba und Breno die Champions League gewinnen.

4. Otto Rehhagel

Werdertrainer wollte ich nicht berücksichtigen, weshalb es hier auch in erster Linie um Rehagels Arbeit außerhalb unseres Vereins geht (sonst wäre Rehhagel mindestens zwei Plätze weiter vorne anzutreffen). Otto Rehhagel ist inzwischen 72 Jahre alt und kann auf eine lange und bewegte Karriere zurückblicken. Er ist mit einigem Abstand Rekord-Bundesligatrainer und seit nunmehr 48 Jahren im Geschäft. Bevor König Otto 1981 zum zweiten Mal Trainer von Werder Bremen wurde, galt er als durchschnittlicher Bundesligatrainer, der sein Handwerk zwar verstand, aber eben nicht wesentlich besser verrichtete als seine Kollegen.

Seine 14-jährige Amtszeit an der Weser war für ihn als Trainer ebenso prägend, wie van Gaals Zeit bei Ajax. In gewisser Weise ist Rehhagel der Anti-van-Gaal, da er in seiner Trainerkarriere immer wieder auf Spieler gesetzt hat, die ihr bestes Fußballeralter dem Vernehmen nach schon hinter sich hatten. Eigentlich sind es jedoch bloß zwei Seiten derselben Medaille: Die Bewertung von Spielern ausschließlich nach ihrer Qualität und unabhängig vom Alter. Rehhagel machte früh in seiner Trainerzeit bei Werder die umgekehrte Erfahrung wie van Gaal. Er übernahm Werder mit dem 35-jährigen Goalgetter Erwin Kostedde. Er kaufte Manni Burgsmüller im Alter von fast 36 und wurde mit ihm Deutscher Meister. Er holte den 33-jährigen Klaus Allofs und gewann mit ihn Pokal, Europacup und Meisterschaft. Es wäre jedoch falsch, Rehhagel darauf zu reduzieren denn er hat auch einige junge Talente in Bremen groß rausgebracht, etwa Rudi Völler, Karl-Heinz Riedle oder Mario Basler. Dabei galten diese Spieler zum Zeitpunkt ihrer Verpflichtungen im Umfeld bestenfalls als Notlösungen. Nicht selten wurde er für seine unkonventionellen Spielerverpflichtungen belächelt. Als er 1995 den Verein verließ lächelte niemand mehr. Höchstens der FC Bayern.

Rehhagels Amtszeit bei den Bayern war kurz und erfolglos, was konkret heißt: Platz 2 und UEFA-Cup-Finale. Das Endspiel erlebte er nicht mehr als Bayerntrainer mit und arbeitete fortan an seiner eigenen Legende. Mit dem 1.FC Kaiserslautern schaffte er zwischen 1996 und 1998 etwas einmaliges: Er stieg in die 1. Bundesliga auf und wurde in der folgenden Saison Deutscher Meister. Dieser Überraschungserfolg machte Rehhagel außerhalb Münchens zur Trainerlegende und zementierte seinen Status als großer Gegenspieler des Rekordmeisters der 80er und 90er Jahre. Der größte Coup gelang ihm jedoch zweifellos erst im Jahr 2004, als er mit dem krassen Außenseiter Griechenland Europameister wurde. Auch wenn sich seine Mannschaft mit ihrer defensiven Spielweise nicht nur Freunde machte, war es eindeutig Rehhagels Handschrift, die das Team zum Titel geführt hatte, was ihm allgemeine Anerkennung und einen Legendenstatus in Griechenland einbrachte.

Spätestens seit diesem Erfolg musste sich Rehhagel allerdings auch viel Kritik gefallen lassen. Seine Methoden wurden als nicht mehr zeitgemäß betitelt und seine taktischen Kniffe als veraltet abgetan. Was die Einordnung der Rehhagel’schen Taktik angeht, darf man sicher geteilter Meinung sein (bei zonalmarking.net wird Griechenland 2004 als Team des Jahrzehnts angesehen). Der Erfolg spricht hingegen klar für Rehhagel, auch wenn er mit Griechenland in den letzten Jahren keinen ähnlich großen Triumph mehr feiern konnte. Der Vorwurf des Zerstörerfußballs, den seine Teams angeblich praktizierten, trifft höchstens auf die späten Jahre Rehhagels zu. In seinen ersten Jahren bei Werder ließ er begeisternden Offensivfußball praktizieren, der mitunter zu Torverhältnissen wie 83:41 (1985/86) oder 87:51 (1984/85) führte. Erst mit Einführung der “kontrollierten Offensive” gelangen ab 1988 dann auch greifbare Erfolge.

Angesichts seiner Vita ist es erstaunlich, dass Rehhagel mit Ausnahme der einen Saison bei den Bayern nie einen der großen europäischen Vereine trainierte. Dies dürfte unter anderem daran liegen, dass er schon immer einen hohen Autoritätsanspruch hatte und mit mächtigen Managern und Vereinspräsidenten, die sich in seine Belange einmischten, nicht zurecht kam. Auch zur Presse pflegte er stets ein distanziertes Verhältnis und scheute sich nicht davor, den offenen Konflikt mit ihnen zu suchen. Andererseits ist er bei weitem nicht der einzige Trainer, auf den dies zutrifft. Ein Alex Ferguson z.B. hat sich trotzdem (oder deswegen?) bei Manchester United durchgesetzt. Rehhagels Erfolge werden aber gerade erst durch die Vereine, in denen er tätig war, wirklich besonders. Den Zweitligisten Werder zur zweiten Kraft in Deutschland zu machen, den Aufsteiger Kaiserslautern zur Meisterschaft zu führen, mit dem zweitklassige Griechenland Europameister zu werden – das sind Erfolge für die Geschichtsbücher.

3. Valerij Lobanowskyj

Mit “stoisch” ist der Gesichtsausdruck Lobanowskyjs während eines Fußballspiels noch nicht annähernd beschrieben. Wie ein Stein saß er häufig über 90 Minuten auf der Trainerbank, ohne auch nur die geringsten Gefühlsregungen in seiner Mimik Ausdruck zu verleihen. Viele haben Lobanowskij nur noch als alten Mann, als graue Eminenz des ukrainischen Fußballs in Erinnerung. Dabei wurde er nur 62 Jahre alt.

Wenn es um Auflistungen der besten und wichtigsten Trainer des 20. Jahrhunderts geht, ist Lobanowskyj immer vorne mit dabei. Er war einer der innovativsten Trainer der Fußballgeschichte und machte sich auch als Theoretiker des Spiels einen Namen. Dabei war er seiner Zeit ein gutes Stück voraus und gerade deshalb noch lange Zeit später ein Vorbild für jüngere Trainer. Seine Mannschaft Dynamo Kiew spielte bereits vor 35 Jahren mit einem System, das heute die meisten Bundesligamannschaften noch praktizieren: 4-4-2. Als in Deutschland der Libero Franz Beckenbauer seine größten Erfolge feierte, spielte Lobanowskyj schon mit Viererkette. In der Bundesliga waren Fans und Experten selbst 20 Jahre später noch skeptisch, wenn Mannschaften auf den Libero verzichteten.

Wie die zuvor genannten war Lobanowskyj ein Disziplinfanatiker. Um seine anspruchsvolle Spielweise umsetzen zu können, brauchte er die vollständige Kontrolle über seine Mannschaft. Für ihn zählte immer das Kollektiv, das den Raum und damit das Spiel beherrschen sollte. Lobanowskyi betrachtete den Fußball von seiner metaphysischen Seite und verstand ihn als Duell zweier kritischer Massen (Mannschaften), die sich Raum und Rhythmus eines Spiels zu eigen machen wollen und hierbei auf die Interaktion und uneingeschränkte Kooperation zwischen den einzelnen Bestandteilen (Spielern) angewiesen sind. Störende Einflüsse, wie Individualismus und Starallüren waren dabei unerwünscht. Bei Lobanowskyj gab es nur einen Star und das war die Mannschaft.

Dass dieser Ansatz keineswegs die Kreativität seiner Teams beschränkte, zeigen die vielen Erfolge und die herausragenden Leistungen, die er mit ihnen über die Jahre erringen konnte. Zwar brachte er keine Genies à la Diego Maradona hervor, doch die Titelsammlung seiner Trainerkarriere ist beeindruckend: Insgesamt 12 Meisterschaften (8 mal UDSSR, 4 mal Ukraine) und neun Pokalsiege (6 mal UDSSR, 3 mal Ukraine) gewann er mit seinem Club Dynamo Kiew zwischen 1974 und 2001. Dazu kommen zwei Siege im Europapokal der Pokalsieger sowie der zweite Platz bei der EM 1988 mit der Sowjetunion, die er viele Jahre lang zeitgleich trainierte. Nachdem Lobanowskyj Anfang der 90er Jahre sein Engagement bei Dynamo Kiew beendete und als Nationaltrainer für die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait arbeitete, kehrte er 1997 zu seinem Heimatverein zurück und begann eine sehr erfolgreiche zweite Amtszeit.

Er gewann auf Anhieb das Double in der ukrainischen Heimat und erreichte in der Champions League immerhin das Viertelfinale. In der Gruppenphase feierte man legendäre Siege gegen den FC Barcelona (3:0 zuhause, 4:0 auswärts) bevor man sich Juventus Turin schließlich beugen musste. Lobanowskyjs letzte großen Erfolge wurden jeweils von deutschen Mannschaften verhindert. 1999 unterlag Dynamo Kiew nach einem epischen 3:3 im Hinspiel beim FC Bayern mit 0:1 im Halbfinale der Champions League – ausgerechnet der undisziplinierte Individualist Mario Basler erzielte dabei das entscheidende Tor. Überragender Spieler des Hinspiels war ein gewisser Andrej Schewtschenko, der 18 Monate zuvor Werder Bremen zum Kauf angeboten wurde. Werder lehnte jedoch dankend ab und verpflichtete Juri Maximov. Im November 2001 kam es schließlich zum Duell zwischen der Ukraine und Deutschland im Play-off um die WM-Qualifikation. Vor allem im Hinspiel geriet die deutsche Mannschaft mächtig ins Wanken, bevor sie sich im Rückspiel, angeführt von einem überragenden Michael Ballack, mit 4:1 durchsetzen konnte.

Als Rudi Völler, der das Duell mit der Ukraine zu seinem Schicksalsspiel erklärt hatte, bei der WM im folgenden Jahr mit seinem Team Vizeweltmeister wurde, weilte Valerij Lobanowskyj schon nicht mehr unter uns. Er verstarb am 13. Mai 2002 an den Folgen eines Herzanfalls. In seinem Fall ist es keine Übertreibung zu behaupten, dass sein Erbe Woche für Woche auf den Fußballplätzen dieser Welt weitergetragen wird.

2. Arrigo Sacchi

Sacchi selbst wäre mit seiner Einordnung in dieser Liste vor Lobanowskyi vermutlich nicht einverstanden. Er gilt als einer der größten Fans des ukrainischen Fußballlehrers und hat seine eigene Lehre zu großen Teilen auf Lobanowskyis aufgebaut. Arrigo Sacchi war lange vor José Mourinho schon das Paradebeispiel für den großen Trainer, der niemals Profifußballer war. Vor seiner Trainerkarriere verdiente er sein Geld als Schuhverkäufer und konterte die Fragen nach seiner Eignung mit dem großartigen Spruch: “Ich wusste nicht, dass man mal ein Pferd gewesen sein muss, um ein guter Jockey zu werden.” Dennoch freuen sich Trainer mit Stallgeruch heute weiterhin größerer Beliebtheit.

Sacchi ist der Gegenentwurf zum “typisch italienischen Fußball”, jedenfalls wenn man den hierzulande gängigen Vorurteilen glaubt. Seine Mannschaften zeichneten sich durch eine perfekte Ausgewogenheit zwischen Offensive und Defensive aus, konnten wunderschönen Offensivfußball spielen, aber auch hinten die Null halten. Ohne die Änderungen an der Abseitsregel (gleiche Höhe, passives Abseits) in den 90er Jahren wäre Sacchis Systemfußball vielleicht noch heute das Leitbild für modernen Fußball. Zu seinen Vorgaben zählte das geordnete Verschieben auf dem Platz, das nur einen geringen Abstand zwischen Abwehrreihe und Angriff vorsieht. Ziel dieser Spielweise war die Verknappung des Raums für den Gegner und somit das Erzwingen von Fehlern. Angesichts der viel freizügigeren Regelauslegung beim Abseits ist es heutzutage sehr gefährlich, mit einer solch hoch aufgerückten Viererkette zu spielen, wie der Werderfan aus leidvoller Erfahrung bestätigen kann.

Seinen Ruhm erlangte Arrigo Sacchi beim AC Milan, den er zu zwei europäischen Triumphen führte (bis heute das letzte Mal, dass ein Verein zweimal in Folge den wichtigsten europäischen Pokal gewinnen konnte). Interessant ist allerdings auch, wie er seinen Trainerposten damals erlangt hatte. Als Coach des damaligen Drittligisten AC Parma stieg er 1986 in die zweite italienische Liga auf. In der Folgesaison verpasste er den erneuten Aufstieg zwar knapp, besiegte Milan im Pokal jedoch gleich zweimal mit 1:0 und machte so Eigentümer Silvio Berlusconi auf sich aufmerksam, der ihn für die kommende Saison als Trainer verpflichtete. Der kometenhafte Aufstieg des Trainers dürfte selbst Thomas Tuchel schwindelig werden lassen. Bereits in seiner ersten Saison führte Sacchi Milan zur italienischen Meisterschaft, der ersten seit neun Jahren. Ein Jahr später hatte er alles gewonnen, was man als Vereinstrainer gewinnen kann: Europapokal der Landesmeister, Europäischer Supercup, Weltpokal.

Sein Team um die niederländischen Stars Ruud Gullit und Marco van Basten sowie die späteren Erfolgstrainer Frank Rijkaard und Carlo Ancelotti spielte dabei einen rasanten, schier unaufhaltsamen Offensivfußball und schaltete auf dem Weg ins Finale auch den Deutschen Meister Werder Bremen aus. Im Viertelfinale konnte sich Milan jedoch nur äußerst knapp durchsetzen und gewann in der Summe mit 1:0 durch ein Elfmetertor von Marco van Basten. Ein Blick auf die weiteren Ergebnisse des Wettbewerbs zeigt, das dieses Ergebnis als Erfolg für Werder verbucht werden kann (soviel auch zu dem Thema, dass Werder nie das Viertelfinale der Champions League erreicht habe, auch wenn der Wettbewerb damals zugegebenermaßen noch anders hieß): Im Halbfinale schlug Milan das große Real Madrid mit einem 5:0 im Rückspiel und im Finale besiegte man Steaua Bukarest mit 4:0. Im Jahr darauf konnte Milan alle drei internationalen Titel verteidigen und dabei erneut Real Madrid, sowie den FC Bayern München ausschalten. Lediglich die nationalen Titel wurden in der damals hart umkämpften Serie A verpasst.

Nachdem er sich mit Marco van Basten überworfen hatte und Milan ihn daraufhin entließ, wurde Sacchi 1991 Trainer der italienischen Nationalmannschaft, die gerade die Qualifikation für die Europameisterschaft verpasst hatte. In den folgenden Jahren bereitete er das Team auf die Weltmeisterschaft in den USA vor, konnte aufgrund fehlender Ersatzstücke für seine Holländer im Team sein System dort jedoch nicht so umsetzen. Italien spielte daher unter dem vielleicht offensivsten Trainer der jüngeren italienischen Fußballgeschichte einen eher langweiligen und destruktiven Fußball, der jedoch überaus erfolgreich war. Bis ins Finale schaffte es seine Mannschaft, wo sie dem großen Favoriten Brasilien über 120 Minuten ein 0:0 abtrotzen konnte. In Deutschland gilt dieses Finale bis heute bei vielen als langweiliges Ballgeschiebe, obwohl es eines der hochklassigsten und interessantesten taktischen Duelle der 90er Jahre war (ganz im Gegenteil zum wirklich niveauarmen Finale der WM 1990). Der Ausgang ist bekannt: Baggio machte im Elfmeterschießen den Hoeneß und schoss den Ball in den Nachthimmel.

Zwei Jahre später schied das Team in der Vorrunde der Europameisterschaft aus und Sacchi wurde entlassen. Paradoxerweise kam die Spielweise seiner Mannschaft bei jenem Turnier seinem Ideal näher als bei der WM 1994. Im entscheidenden Spiel gegen den späteren Europameister Deutschland verpasste eine offensive italienische Mannschaft gegen Berti Vogts Maurertruppe jedoch das entscheidende Tor. Das 0:0 reichte Deutschland zum Gruppensieg und Italien nur zu Platz 3. Danach konnte Sacchi nie wieder richtig Fuß fassen in der Fußballwelt. Seine zweite Amtszeit beim AC Parma war ebenso enttäuschend, wie seine Stationen als Trainer bei Atletico Madrid und als Sportdirektor bei Real Madrid. Seit 2005 ist Sacchi ohne Verein und betonte zuletzt immer wieder, dass ihm zu einem neuen Engagement die hundertprozentige Motivation fehle. Schade eigentlich.

1. Arsène Wenger

Was wäre, wenn… Arsène Wenger 1995 tatsächlich Nachfolger von Otto Rehhagel bei Werder Bremen geworden wäre? Damals war Wenger gerade in Japan tätig und wollte seinen Job nicht nach wenigen Monaten schon wieder wechseln. Zum Jahresende hätte er zur Verfügung gestanden, doch so lange konnten und wollten Werders Verantwortliche nicht warten. Stattdessen kam Aad de Mos und es folgten die vielbesungenen Jahre voller Frust. Wenger heuerte ein Jahr später beim FC Arsenal an und ist bis heute dort tätig.

Als Spieler war auch Wenger nicht sonderlich bekannt oder erfolgreich, doch als Trainer des AS Monaco machte er sich Ende der 80er einen Namen in Fußballeuropa. Gleich in seiner ersten Saison 1988 wurde er französischer Meister und zog 1992 ins Finale des Europapokals der Pokalsieger ein. Die Niederlage dort – gleichzeitig der größte Erfolg in der Geschichte unseres Vereins – bildete den Auftakt eines europäischen Traumas, das Wenger wohl nur noch durch den Gewinn der Champions League beseitigen kann. Auch im UEFA-Cup 2000 und in der Champions League 2006 unterlagen Wengers Teams und konnten trotz großer Vorschusslorbeeren ihre Qualität nie auf höchster europäischer Ebene voll ausschöpfen.

In England stieß Wenger mit seiner etwas verschrobenen Art und feinsinnigen Fußballphilosophie zum Teil auf Ablehnung, konnte jedoch durch seine Erfolge schon bald viele Kritiker von sich überzeugen. In seiner ersten Saison bei Arsenal führte er das Team auf Platz 3 und formte eine Mannschaft, die schon nach kurzer Zeit den attraktivsten Fußball auf der Insel spielte. Für einen Verein, der mit seinem langweiligen Defensivfußball das Sprichwort One-nil to the Arsenal geprägt hatte und von gegnerischen Fans mit Boring, boring Arsenal-Gesängen verspottet wurde, war dies eine bemerkenswerte Veränderung. In der zweiten Saison kam dann der große Durchbruch: Arsenal gewann das Double. In den folgenden Jahren entwickelte sich eine große Rivalität mit Manchester United. Bis 2004 spielten die beiden Teams die Meisterschaft unter sich aus, doch es dauerte vier Jahre bis Wenger ein weiterer Titel vergönnt war. 2002 holte sein Team erneut das Double und 2004 blieb man beim beeindruckenden Triumph in der Meisterschaft die gesamte Saison (und insgesamt 49 Spiele am Stück) ungeschlagen.

Wengers Arsenal war immer auf der Suche nach dem perfekten Fußball und erreichte dabei einen Status nahe der Unbesiegbarkeit (2004), zeigte aber auch immer wieder eine offensichtliche Fragilität (2003, als man einen 8-Punkte-Vorsprung auf ManUtd verspielte). In den letzten Jahren trieb Wenger sein ehrgeiziges Projekt voran, ein von der Jugend an ausgebildetes Team zurück an die Spitze des englischen Fußballs zu führen. Zwischenzeitlich musste man Chelsea und United an sich vorbeiziehen lassen und zumindest international auch den FC Liverpool. Seit 2005 wartet Wenger nun auf einen Titel und muss sich daher auch seitens der eigenen Fans verstärkte Kritik gefallen lassen. Dadurch lässt er sich jedoch nicht von seinem Weg abbringen, wirkt dabei ziemlich störrisch, auf manchen Beobachter sogar verbohrt. Ob ihm die Ergebnisse in den nächsten Jahren Recht geben wird sich zeigen. Für Wenger wäre es der ultimative Triumph, mit dem von ihm eingeschlagenen Weg der wirtschaftlichen Vernunft in Zeiten hochsubventionierter Vereine wie FC Chelsea und Manchester City noch einmal die Meisterschaft oder sogar die Champions League zu gewinnen.

Aufwind oder Gladiolen

DFB-Pokal, 2. Runde: Bayern München – Werder Bremen 2:1

Das Wie ist im Pokal nicht entscheidend, schrieb ich gestern noch vor dem Spiel gegen die Bayern. Getreu diesem Motto ist Bayern ins Achtelfinale eingezogen, in einem Spiel, in dem Werder die bessere Mannschaft war, sich jedoch für eine weitgehend überzeugende Leistung nicht belohnte.

Schaaf setzt ein Ausrufezeichen

Beim Start in diese Saison machte Thomas Schaaf nicht immer den glücklichsten Eindruck, sowohl was seine Zufriedenheit mit der Mannschaft, als auch seine taktischen Vorgaben anging. Gestern Abend setzte er in München ein Ausrufezeichen. Auf dem Papier gab es mit der Berufung von Bargfrede für Hunt nur eine Veränderung in der Startformation. Auf dem Platz zeigte sich jedoch etwas anderes: Statt mit einer hängenden Spitze spielte Werder ein echtes 4-2-3-1 mit dem vielseitigen Wesley auf der 10er-Position und Pizarro im Sturmzentrum. Marko Arnautovic rutschte dafür auf die linke Seite und Marin wechselte nach rechts. Noch bevor die Bayern diese Formation richtig erkannt hatten, erzielte Pizarro schon das Bremer Führungstor, weil Arnautovic vom verdutzten Lahm zu viel Zeit und Raum zum Flanken bekam. Ein schönes Tor, das in seiner Entstehung genau Werders Offensivplan entsprach: Nach Ballgewinn schnell umschalten und schnell über die Außen vors Tor kommen. Bei Ballbesitz der Bayern zog man sich zurück, brachte häufig neun Spieler hinter den Ball und rückte nur vereinzelt aus, um die bayerische Hintermannschaft beim Aufbauspiel unter Druck zu setzen.

In den ersten 25 Minuten ging diese Taktik gut auf. Die Bayern hatten zwar mehr Ballbesitz, aber insgesamt wenige gefährliche Aktionen, weil Gomez nicht die Bälle bekam, die er braucht, und Werder die Außenbahnen dicht hielt. Als Schweinsteiger Mitte der ersten Halbzeit den Ausgleich erzielte, war dieser äußerst glücklich für den Rekordmeister. Kurz zuvor verpasste Prödl nach einer Ecke völlig frei aus fünf Metern das Tor. Ein Paradebeispiel für die Anfälligkeit der Münchner Hintermannschaft an diesem Abend. Etwas überraschend trat Silvestre die Ecke und zog sie in schönem Bogen weg vom Tor an den langen Pfosten. Keiner der Bayern hatte damit gerechnet und so hatte Prödl bei seinem Kopfball derart viel Raum, dass man nur wenig Verständnis für die vergebene Chance aufbringen kann. Was dann passierte war ein Vorgeschmack auf das Motto des Abends: Wenn du ihn vorne nicht machst…

Eine halbe Stunde zu mutlos

Wesley hob bei Kroos halbem Luftloch das Abseits auf und der Ball trudelte Schweinsteiger vor die Füße, der aus kurzer Distanz vollstrecken durfte. Auch wenn es bei Sky bis nach Abpfiff Silvestre angekreidet wurde – es war Wesley, der reklamierend den Arm hob, statt zwei Schritte nach vorne zu machen. Leider nicht sein erster Konflikt mit der Abseitsregel. Nach dem Gegentor machte Werder bis zum Halbzeitpfiff zwar nicht viel falsch, aber zu wenig richtig. Man gab die Spielkontrolle nach und nach ab und ließ den Ball zu lange in den Reihen des Gegners zirkulieren. Bei Ballgewinn wurde nicht mehr schnell genug umgeschaltet und die Konter verebbten zu häufig schon kurz nach der Mittellinie. Die Bayern verdienten sich das Unentschieden in dieser Phase, in der sie – zwar umständlich, aber beständig – auf ein weiteres Tor hinarbeiteten.

Auch zu Beginn der zweiten Hälfte wirkten die Bayern zunächst frischer und entfachten mehr Druck auf den Bremer Strafraum, während Werder erstaunlich abwartend agierte. Es schien fast so, als ob man der Fragilität des Gegners nicht ganz trauen wollte und sich deshalb lieber zurückhielt. Dies war jedoch nur die Ruhe vor dem Sturm. Aus dem Nichts erspielte sich Werder plötzlich Chance um Chance und hätte die Bayern innerhalb kurzer Zeit aus dem Wettbewerb schießen können. Vor allem Marko Arnautovic hatte gleich drei große Torgelegenheiten. Sein Freistoßhammer aus 30 Metern landete jedoch an der Latte und allein vor dem Tor verhinderten zunächst Butt und dann fehlende Präzision das Führungstor. Dazu kamen ein gefährlicher, weil abgefälschter Schuss von Wesley und ein schönes Kopfballtor von Prödl, dem Schiedsrichter Weiner die Anerkennung verweigerte.

Lucky Punch durch Schweinsteiger

Als Werder gerade an der eigenen Chancenverwertung zu verzweifeln begann, setzte Schweinsteiger den Todesstoß. Sein Schuss aus 30 Metern war für Mielitz unhaltbar und traf im Gegensatz zu Arnautovics Schuss genau ins Schwarze. Allerdings hatte er ähnlich viel Zeit, sich den Ball vorzulegen und musste keine gegnerische Mauer überwinden. Es mag ein Sonntagsschuss gewesen sein, doch einem Spieler so viel Zeit beim Abschluss zu lassen, ist nicht die beste Idee, zumal Werders Defensive während der Entstehung einigermaßen sortiert stand. Außerdem sollte eigentlich bekannt sein, dass der Schweini gerne mal aus der Distanz gegen uns trifft, wenn auch sonst eher per abgefälschtem Schuss. Das Tor stellte den Spielverlauf der zweiten Hälfte auf den Kopf, und wie es in solchen Situationen so oft ist, kam Werder danach nicht mehr auf die Beine. Schaaf versuchte es mit drei offensiven Wechseln (Almeida für Marin, Hunt für Bargfrede, Wagner für Silvestre), doch die Brechstangentaktik mit drei Kopfballstarken Mittelstürmern ging nicht auf. Van Gaal brachte mit Van Buyten einen Turm ins Abwehrzentrum und damit war die Partie entschieden.

Die besseren Chancen in der Schlussphase hatten sogar die Bayern, die ihre Konter jedoch insgesamt ziemlich kläglich zu Ende spielten und mit einer Aktion von Olic und Timoschtschuk noch für etwas Slapstick sorgten. Am Boden hatten die Münchner Abwehr sich zuvor anfälliger gezeigt. Vielleicht wäre dort auch gegen tief stehende Bayern etwas möglich gewesen. Werders hohe Verzweiflungsbälle von der Mittellinie in den Strafraum blieben jedenfalls ohne Effekt, da man im Rückraum nun in Unterzahl war und die zweiten Bälle somit fast ausschließlich beim Gegner landeten. Es war etwas enttäuschend, dass Werder nach dem 1:2 keine Antwort mehr hatte und deshalb muss man sich am Ende auch mit dieser Niederlage abfinden. Kein übermächtiger Gegner war für das Ausscheiden verantwortlich, sondern die eigene Chancenverwertung.

Gladiolen für die Bayern, Aufwind für Werder

Ein Grund zum Verzweifeln ist dies für Werder jedoch nicht. Die Chancenverwertung eines Spiels hat immer auch mit dem Kopf und nicht zuletzt mit statistischen Zufällen zu tun. Wenn man so will haben wir das Gegenstück zum 5:2 vor zwei Jahren erlebt. Damals gab es ein ähnliches Spiel, in dem Werder vor dem Tor eiskalt war und die Bayern so nach einer Stunde zur Verzweiflung gebracht hatte. Die Chancen wird Werder in der Zukunft wieder nutzen, wenn man weiterhin so zielstrebig auf das gegnerische Tor spielt. Nicht umsonst wird die Metapher vom geplatzten Knoten so gerne verwendet. Marko Arnautovic ist derzeit ein Paradebeispiel dafür.

Man kann sich darüber ärgern, sich selbst nicht belohnt zu haben, gegen diese Bayern nicht gewonnen zu haben. Wenn der erste Ärger verflogen ist, kann man jedoch auf die Entwicklung der letzten Wochen schauen und sieht einen weiteren Schritt nach vorne. Nach dem Trauerspiel gegen Freiburg hat man wieder Struktur ins Spiel gebracht und schafft es dabei nun auch, durch gutes und durchdachtes Offensivspiel Chancen zu kreieren. Ich bin guter Dinge, dass Werder in den nächsten Wochen endlich die Stabilität und mannschaftliche Ausgewogenheit erreicht, die sie zu einer doch noch erfolgreichen Saison braucht.

Ein Wort noch an das Umfeld der Bayern: Hört mit dem Genöle auf! Die Verletztenmisere ist wirklich übel, aber dieses Selbstmitleid wird langsam unerträglich. Es standen gestern sieben (!) deutsche Nationalspieler in eurer Startelf, dazu ein kroatischer, ein ukrainischer und ein türkischer. Lediglich Ottl fällt aus dem Rahmen. Aber wenn Ottl das schwächste Glied eurer B-Elf ist, dann erwartet bitte kein Mitleid von irgendwem. Mit der aktuellen Mannschaft kann man vielleicht nicht die Champions League gewinnen, aber in der Bundesliga oben mitspielen kann man schon. Mit dem Engagement aus dem gestrigen Spiel könnt ihr in der Liga gegen jeden gewinnen. Es sind eben nicht nur die anderen Teams, die nur gegen bestimmte Gegner ihre Topleistungen bringen.

A dish served cold

Die Statistik lügt: Werder hat im DFB-Pokal noch nie gegen die Bayern gewonnen. Der goldene Pokal in unserer Vitrine sieht das anders. Der Sieg im Finale 1999 kam jedoch im Elfmeterschießen zustande und wird daher offiziell als Unentschieden geführt.

Nach fünf Monaten die Chance zur Revanche

Mit einem solchen Unentschieden könnte ich heute Abend gut leben. Im Pokal ging es schon immer weniger um das wie, als um das dass. Wie man die Bayern ausschaltet ist nicht entscheidend – wichtig ist nur, dass man sie ausschaltet. Bislang hat es nur Mourinhos Inter geschafft, van Gaals Bayern auszuschalten. Das war im Finale der Champions League vor gut fünf Monaten. Zu jenem Zeitpunkt schienen die Bayern unaufhaltsam und waren im Pokalfinale für Werder mindestens eine Nummer zu groß. Der Stachel dieser Niederlage sitzt immer noch tief. So chancenlos war man in den letzten Jahren selten, wenn es gegen den großen Rivalen aus dem Süden ging.

Seitdem hat sich einiges getan. Beide Teams stolperten in diese Saison und begegneten sich bereits am 3. Spieltag auf Augenhöhe, wo bei zwei potenzielle Spitzenmannschaften eigentlich ein anderer Körperteil sitzen sollte. Das Spiel endete fast zwangsläufig 0:0, was beide Mannschaften aufgrund ihrer Personalsituation als Teilerfolg verbuchen konnten. Inzwischen haben sich beide Mannschaften etwas Luft verschafft: Werder in der Liga und die Bayern in der Champions League. Ein wirkliches Spitzenduell ist es trotzdem noch nicht. Zwei Mannschaften aus dem Mittelfeld der Liga werden versuchen, durch einen großen Sieg (das wäre es momentan für beide) weiteres Selbstvertrauen zurückzugewinnen und den Schwung mit in die Liga zu nehmen.

Keine Erholung für die Bayern

Werders Ausgangsposition ist dabei eindeutig die schlechtere – zumindest, wenn man Philipp Lahms Logik folgen möchte. Der hatte sich nach dem 0:0 in Hamburg darüber beschwert, nach dem CL-Spiel am Dienstag schon am Freitag wieder ran zu müssen. Etwas erstaunlich, da bei den von Lahm behaupteten “drei Spielen pro Woche” eine Pause von zwei Tagen schon das höchste der Gefühle wäre. Werder hatte zwischen dem CL-Spiel in Enschede und dem Spiel in Gladbach ebenfalls nur zwei Tage Pause und muss nun nach weiteren zwei Tagen Pause in München ran. Doppelte Belastung also im Vergleich zu den doch schon so arg belasteten Bayern. Einigen wir uns einfach darauf, dass Lahms Aussagen völliger Unsinn sind und es sich bei zwei Spielen pro Woche mangels zusätzlicher Wochentage gar nicht vermeiden lässt, nach jedem zweiten Spiel nur zwei Tage Pause zu haben. Schwamm drüber, Fußballer sollen schließlich nicht rechnen, sondern Werbung für die BILD machen Fußball spielen.

Auf die leichte Schulter sollte man die Bayern trotz bisher magerer Ergebnisse und Leistungen nicht nehmen. Zum einen, weil sich Werder trotz ansteigender Formkurve auch noch nicht mit Ruhm bekleckert hat. Zum anderen, weil es eine Sache ist, den Bayern in einem Ligaspiel Punkte abzuknöpfen, jedoch eine völlig andere, sie aus einem Wettbewerb zu schmeißen. Es ist ein Hop-oder-Top-Spiel und in jenen sind die Bayern traditionell besonders stark. Eliminiert wurden sie zuletzt nur von Mannschaften, die entweder taktisch (Inter) oder spielerisch (Barcelona) klar besser waren als die Bayern. Den Unterschied zugunsten der Bayern machte in der Vergangenheit häufig genug Arjen Robben, der am Dienstag ebenso fehlen wird, wie eine ganze Reihe weiterer Spieler. Während sich Werders Lazarett langsam leert, muss der Titelverteidiger auf einigen Positionen weiterhin improvisieren. Dabei kam in den letzten Wochen schon erstaunliches zum Vorschein: Anatoli Timoschtschuck ist ein mehr als nur passabler Innenverteidiger und Andreas Ottl kann Bastian Schweinsteiger derzeit das Wasser reichen. Mario Gomez Tore waren bei einem Blick auf seine Statistiken weit weniger überraschend.

Van Gaals Taktikpuzzle

Dennoch ist van Gaals Team noch weit davon entfernt in den einzelnen Mannschaftsteilen perfekt zu harmonieren. Die linke Verteidigerposition ist seit Contentos Verletzung eine Problemzone. Auch auf der rechten Seite ist Lahm in einer kleinen Schaffenskrise, die das Team erstaunlich anfällig über die Außen werden lässt. Das größere Problem liegt jedoch in der Offensive und auch hier spielen die Außenverteidiger eine Rolle. Ohne Robben und Ribery fehlt die Torgefahr über die Flügel, die die Mannschaft letztes Jahr so stark werden ließ. Das Zusammenspiel zwischen Robben und Lahm, der durch sein Hinterlaufen für die nötige Breite im Spiel sorgte, war in der letzten Saison Bayerns größter Trumpf. Diese Spielweise funktioniert jedoch nur mit einem Linksfuß auf Rechtsaußen. Zuletzt ließ van Gaal mit Altintop jedoch einen Rechtsfuß auf der Position ran, mit dem Ziel, den Mittelstürmer Gomez mit Flanken zu füttern. Dadurch fehlt jedoch das Überraschungsmoment im Spiel der Bayern.

Eine weitere Veränderung ist die Besetzung der 10er-Position. In der letzten Saison spielte Thomas Müller als eine Art hängende Spitze hinter Olic. Er ist zwar kein Spielmacher, doch er hat durch sein hervorragendes Spiel ohne Ball und seine Torgefahr viel dazu beigetragen, dass den Bayern die Probleme eines rigiden 4-4-2 Systems erspart blieben. Mit Toni Kroos ist nun ein Typ Spielmacher im Kader, den Louis van Gaal sich für Team gewünscht hat. Mit Kroos spielen die Bayern ein klar definiertes 4-2-3-1 System, während man es mit Müller auch als 4-4-1-1 auslegen konnte. Bisher konnte Kroos seiner Aufgabe als Spielgestalter noch nicht gerecht werden, weshalb das Spiel auch in der Mitte krankt. Die Problem der bayerischen Offensive zeigen sich im Torverhältnis: Erst acht Tore hat man in neun Spielen geschossen.

Schaafs Entscheidung: Vorsicht oder Courage?

Heute Abend wird sich zeigen, wie viel Thomas Schaaf seiner Mannschaft nach den letzten Erfolgen schon wieder zutraut. Wird er sein flaches 4-4-2 mit Pizarro als hängender Spitze beibehalten? Mit dieser Formation konnte Werder im Pokal eine Halbzeit lang das Offensivspiel der Bayern nicht stoppen. Damals war es jedoch weniger das System, als die Besetzung (Borowski auf dem Flügel, Özil in der Spitze) und das zu langsame Umschalten, die für das schwache Spiel verantwortlich waren. In der aktuellen Besetzung sind Ähnlichkeiten zum Münchner Erfolgssystem der letzten Saison nicht zu übersehen: Die Flügelspieler, die ihren starken Fuß innen haben (gibt es eigentlich ein deutsches Wort für “inverted winger”?), der zweite Stürmer, der zum 10er wird (Pizarro) sowie die zunehmende Spielgestaltung durch einen defensiven Mittelfeldspieler (Wesley). Von der Spielweise ist Werder davon jedoch noch ein gutes Stück entfernt.

Es ist unwahrscheinlich, dass Schaaf vor einem solch wichtigen Spiel zur Raute zurückkehrt. Interessant wird schon eher, ob er die offensive Ausrichtung aus dem Gladbach-Spiel oder die abwartende Ausrichtung aus dem Twente-Spiel wählt. Setzt er vielleicht sogar Marin oder Hunt zunächst auf die Bank, bringt mit Bargfrede eine weitere Defensivkraft und zieht Wesley weiter nach vorne? Ansonsten sind die einzigen offenen Fragen im Sturmzentrum (Arnautovic oder Almeida?) und auf der linken Verteidigerposition (Silvestre oder Pasanen?) zu finden. So viel Klarheit herrschte in dieser Saison selten vor einem Spiel der Bremer.

Ich wünsche mir für heute Abend eine nicht zu abwartende Herangehensweise. Zwar sollte man keinesfalls naiv nach vorne laufen oder die gerade gefundene Ordnung im Mittelfeld wieder über den Haufen werfen. Doch Bayern ist momentan nicht voll auf der Höhe und könnte durch Werders Spielweise aus dem Twente-Spiel in Verbindung mit etwas mutiger vorgetragenen Gegenstößen zu knacken sein. Eine große Aufgabe kommt dabei auf Claudio Pizarro zu: Er muss die Münchner Mittelfeldspieler beim Spielaufbau stören, um eine Unterzahl in der Mitte des Spielfelds zu verhindern. Auf einen weiteren schlechten Tag von Schweinsteiger sollte man sich nicht verlassen.

Es wird in jedem Fall ein schwieriges Spiel, das die Messlatte ein gutes Stück höher legt. Wollen wir hoffen, dass wir sie dieses Mal überspringen können.

Inside-out

Wäre Louis Van Gaal Bundestrainer, dann würde er seine Positionen wohl nach den gleichen Prinzipien besetzen, wie bei den Bayern. Der linke Innenverteidiger ist dann nun mal ein Linksfuß, auch wenn man dafür Lucio zu Inter Mailand schicken muss. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er Lahm eher auf die Tribüne setzen würde, als ihn als Linksverteidiger einzusetzen. Trainer sind eben Sturköpfe. Aber bei Bayern hat Van Gaal ja auch Arjen Robben.

Einen solchen Spieler hat das deutsche Team bei der WM nicht. Damit ist gar nicht mal die Qualität gemeint, sondern der Typus des Linksfußes, der auf dem rechten Flügel spielt und dann in die Mitte zieht. Deshalb kommt Lahm in der Nationalmannschaft meistens links zum Einsatz, wo er nicht aus dem Lauf flanken kann und selbst immer wieder in die Mitte zieht. Individuell ist er auf links wohl besser, aber für die Bayern war er auf der rechten Seite wertvoller, weil er der Plan B für Robben war, wenn sich kein Platz für dessen Sololäufe bot. Er hat in dieser Saison die halbhohe Flanke in den Torraum (zwischen Innenverteidiger und Torwart) fast perfektioniert.

Warum der starke Fuß überhaupt eine Rolle spielt? Weil er auf der Außenbahn (wo der Handlungsspielraum durch die Seitenlinie ohnehin auf 180 Grad begrenzt ist) die Optionen vorgibt, die ein Spieler hat. Klassischerweise hatten Flügelspieler ihren starken Fuß außen, damit sie mit Tempo die Linie entlang gehen und Flanken schlagen konnten. Heutzutage macht man häufig das Gegenteil und setzt Weltklasseleute wie Robben, Ronaldo und Messi auf der “falschen” Seite ein, damit sie selbst den Torabschluss suchen können. Das Ziel ist es, eine kurze Unordnung in die Ordnung zu bringen, die mittlerweile von fast allen Teams auf dem Globus eingehalten wird. Es kann den Unterschied machen zwischen langweiligem Ballgeschiebe (die Hinrundenbayern) und begeisterndem Offensivfußball (den Rückrundenbayern).

Joachim Löw befindet sich mit seinem Team – Verletzungen sei Dank – noch in der Findungsphase, wo schon Feinabstimmung auf dem Programm stehen sollte. Es werden noch Antworten auf die grundlegenden Fragen gesucht. Klar sind nur die Achsen in der Mitte, mit Neuer im Tor, Mertesacker in der Innenverteidigung, Khedira und Schweinsteiger im defensiven, sowie Özil im offensiven Mittelfeld. Auf den Außenbahnen stehen lauter Fragezeichen. Auf der linken Seite deutet vieles auf das Duo Lahm/Podolski hin. Das wäre die Umkehrung der Bayern-Variante: Hinten den starken Fuß innen, vorne den starken Fuß außen. Auf der anderen Seite wird man es kaum genau so machen. Es gibt keinen Linksfuß, der als Rechtsverteidiger in Frage käme. Boateng und Beck heißen die wahrscheinlichsten Kandidaten (falls letzterer überhaupt mit darf). Die Auswahl an Kandidaten für die rechte Seite ist stark limitiert und gerade dadurch besonders schwer. Marin und Trochowski wären die Rechtsfüße für die Seite.

Eine andere Variante wäre es, Kapitän Lahm auf die rechte Seite zu ziehen und dafür einen Linksfuß auf der anderen Seite einzusetzen, etwa Aogo oder Badstuber. Ob dann aber auch die offensiven Außenspieler ihre Rollen tauschen würden? Podolski kann ich mir beim besten Willen nicht als Robben vorstellen. Er hat zwar einen fantastischen Schuss, doch für die Sololäufe in die Mitte fehlt ihm die Dribbelstärke. Bei Marin wäre es auf der anderen Seite genau andersrum. Trochowski scheint mir das Timing zu fehlen, der zieht aus allen Lagen ab. Zudem braucht man für diese Variante auch einen passenden Mittelstürmer. Löws Favorit ist immer noch Klose, der dafür denkbar ungeeignet scheint. Schon bei den Bayern kam er mit diesem System nicht zurecht. Ich halte Klose (auch wenn ich mich gerne über seine schlechte Torausbeute lustig mache) noch immer für den besten deutschen Stürmer der letzten 10 Jahre, doch er braucht einen Anspielpartner, tut sich als alleiniger Vollstrecker schwer. Und wenn er schon als einzige Spitze spielt, braucht er hohe Flanken, um seine Kopfballstärke auszuspielen. Gomez kommt für das System noch weniger in Frage. Er wirkte bei den Bayern schon extrem deplatziert. Am ehesten ginge es vielleicht noch mit Cacau. Ich halte das für unwahrscheinlich.

Sehr wahrscheinlich ist hingegen, dass sich die beste Formation erst im Laufe des Turniers herauskristallisieren wird, wie schon vor zwei Jahren beim Spiel gegen Portugal mit dem Wechsel von 4-4-2 zu 4-2-3-1. Bis dahin darf man auch bei Löws Elf über spielmachende Linksverteidiger, falsche Mittelstürmer oder die Rückkehr des Liberos spekulieren. Und das macht allemal mehr Spaß, als diese unsäglichen Personaldiskussionen.

Mit welcher Taktik gegen die Bayern?

Louis Van Gaals Positionsspiel ist in der Rückrunde dieser Saison mit viel Lob bedacht worden. Thomas Schaaf erwies sich beim 2:0 Auswärtssieg auf Schalke als begabter Taktiker. Mit den Van Gaals Bayern wird ihm nun die auch aus taktischer Sicht größte Hürde dieser Saison vorgesetzt. Im Januar holte man sich bereits eine derbe Abreibung und der Gegner ist seit dem noch besser geworden. Werder zum Glück auch. Was kann man tun, damit es am Samstag besser aussieht? Ist der Meister überhaupt schlagbar? Ich wage mal eine Vorausschau auf Thomas Schaafs Optionen. Zunächst aber ein Blick auf den Gegner.

Die Formation der Bayern (4-4-1-1 / 4-2-4):

Bayern spielt unter Van Gaal meistens in einer 4-4-1-1 Grundformation. Den beiden defensiven Mittelfeldspielern kommt dabei die größte Bedeutung zu: Van Bommel und Schweinsteiger sollen einerseits ihre nicht immer sichere Hintermannschaft vor zu viel Druck des Gegners bewahren und andererseits bei Ballbesitz in der Mitte immer anspielbar sein, um die Bälle auf die Flügel zu verteilen. Auf den Außenpositionen ist für Van Gaal neben den Fähigkeiten der Spieler auch deren starker Fuß relevant für die Aufstellung: Im Mittelfeld spielen die Außen auf ihrer „falschen“ Seite (Ribery ist beidfüßig), damit sie nach innen ziehen und den Torabschluss suchen können. Die Außenverteidiger stehen dagegen auf ihrer „richtigen“ Seite (deshalb hat Rechtsfuß Lahm die Seite gewechselt), damit sie von ihrer Seite aus Flanken schlagen und bei Bedarf den Mittelfeldspieler hinterlaufen und zur Grundlinie durchgehen können. Letzteres passiert jedoch selten, bzw. nur dann, wenn der Gegner deutlich schwächer ist und man sich wenig Sorgen um die Defensive machen muss.

Die Angriffe werden größtenteils über die Außen eingeleitet, durch die Mitte entwickelt Bayern wenig Torgefahr. Das Zentrum dient als Verteilerzentrale. Dort werden die Bälle hingespielt, wenn es auf einer Seite zu eng wird, um dann wieder Robben und Ribery ins Spiel zu bringen. Die Beiden agieren dabei fast wie klassische Außenstürmer, arbeiten nur wenig nach hinten und können sich ganz auf ihre Angriffe konzentrieren. Sie stehen im Vergleich zu Außenstürmern in einem 4-3-3 jedoch etwas tiefer, bekommen den Ball am liebsten an der Mittellinie, um dann mit Tempo auf die Außenverteidiger zugehen zu können. Neben den starken zentralen Mittelfeldspielern ist Thomas Müller der Garant dafür, dass diese Taktik nicht nach hinten losgeht. Er spielt eine Art hängende Spitze und geht bei Ballverlusten aggressiv auf die defensiven Mittelfeldspieler drauf, um deren Aufbauspiel zu unterbinden. Olic geht in der Spitze weite und manchmal ungewöhnliche Wege, wird für sein Spekulieren aber auch häufig belohnt (etwa im Hinspiel gegen Manchester). Bei Ballbesitz wird aus dem 4-4-1-1 quasi ein 4-2-4, das den Gegner schnell überrollen kann, wenn er nicht aufpasst.

Die Schwächen der Bayern sehe ich zum einen in der insgesamt wenig meisterlichen Abwehr. Diese Schwäche tritt nur selten zum Vorschein, weil Schweinsteiger und Van Bommel eine überragende Saison spielen. Durch die Mitte ist es daher schwierig, den Bayern beizukommen. Schafft es ein Gegner jedoch, den Platz hinter Robben und Ribery auszunutzen und von dort ausgehend Druck auf die Viererkette auszuüben, sind die Bayern zu knacken. Demichelis ist immer mal wieder für einen Fehler gut und Van Buyten etwas hüftsteif. Dazu kommt eine suboptimale Besetzung der linken Abwehrseite. Badstuber spielt dort sehr solide, es ist aber nicht seine Idealposition. Contento und Alaba sind beide talentiert, doch noch etwas grün hinter den Ohren.

Zum anderen ist man in der Offensive noch sehr auf Geniestreiche einzelner Spieler angewiesen. Gegen tief stehende Gegner fehlt es häufig noch an den Mitteln, diese durch Kombinationsspiel zu knacken. Allerdings zeigen sich die Bayern in dieser Hinsicht in der Rückrunde verbessert und können sich – zu unserem Leidwesen – darauf verlassen, dass ihre Starspieler regelmäßig durch geniale Einzelaktionen Spiele entscheiden.

Nun werfen wir einen Blick auf die drei taktischen Formationen, die Schaaf in dieser Saison hat spielen lassen:

Die Standardvariante (4-2-3-1):

Werder - Bayern (4-2-3-1)

Werder - Bayern (4-2-3-1)

So hat Werder den Großteil dieser Saison gespielt. Vor der Viererkette bilden Frings und Bargfrede das defensive Mittelfeld. Marin, Özil und Hunt kümmern sich in erster Linie um das Herausspielen von Chancen, tauschen immer wieder die Positionen und versuchen sich an direkte Kombinationen. Nach hinten arbeiten die drei wenig, stehen zudem durch ihr Durchrotieren bei Ballverlusten häufig unsortiert. An guten Tagen kann Werder so jeden Gegner vor Probleme stellen, an schlechten gelingt ihnen wenig und die defensive Fragilität schlägt voll durch.

Gegen die Bayern müssen Frings und Bargfrede in dieser Formation schnell und zielgerichtet verschieben, um den Außenverteidigern gegen Ribery und Robben zu helfen. Hunt und Marin haben (im Wechsel mit Özil) die Aufgabe, über die Flügel anzugreifen und die Außenverteidiger unter Druck zu setzen.

Vorteile:

  • Offensivpower: Insgesamt vier Spieler, die Chancen herausspielen und auch selbst vollstrecken können.
  • Spielerische Stärke: Haben Marin, Özil und Hunt einen guten Tag, wird es auch für die Bayern schwer, sie zu stoppen.

Nachteile:

  • Hohes Risiko: Drei Spieler vernachlässigen die Defensivarbeit und halten zudem nicht ihre Position.
  • Unterzahlspiel: Özil bindet einen defensiven Mittelfeldspieler, der andere kann sich in die Offensive einschalten. Frings und Bargfrede müssen zwischen drei Gegenspielern verschieben, was zwangsläufig zu Lücken führt.
  • Isolation: Marin, Hunt und Özil neigen dazu, sich in Einzelaktionen zu verstricken, wenn ihnen die Räume für ihr Kombinationsspiel fehlen.

Fazit: So hat Werder im Januar von den Bayern eine Lektion erteilt bekommen. Ohne Bargfrede und Pizarro sowie mit dem überforderten Neuling Abdennour rannte man ins offene Messer. Die Bayern konterten nach Belieben. Das 2:3 war aus Werdersicht äußerst glücklich. Das Risiko bestünde auch im Pokalfinale, trotz besserer Besetzung. Schaaf gilt nun wirklich nicht als risikoscheu, aber ich glaube nicht, dass er von Beginn an mit Özil, Hunt und Marin spielen lässt.

Die Alternative (4-4-1-1):

Werder - Bayern (4-4-1-1)

Werder - Bayern (4-4-1-1)

So spielt Werder meistens nicht von Beginn an, sondern stellt im Laufe des Spiels um. Fast immer ist Hugo Almeidas Einwechslung damit verbunden. Er gibt dann die Sturmspitze, während Pizarro sich fallenlässt und noch mehr am Spielaufbau teilnimmt. Einen zentralen offensiven Mittelfeldspieler gibt es nicht. Auf dem Papier ist diese Formation so wie die der Bayern. Der Unterschied besteht jedoch zum einen in der unterschiedlichen Spielweise von Pizarro und Müller (Ballverteiler vs. Balleroberer) und zum anderen werden bei Werder die Außenpositionen im Mittelfeld weit weniger konsequent gehalten.

Für die Position der hängenden Spitze braucht es einen technisch guten und intelligenten Spieler. Pizarro ist beides und dazu noch gut genug, auch von dieser Position Torgefahr auszustrahlen. Almeida wird je nach Spielsituation hoch angespielt, um die Bälle per Kopf zurückzulegen, oder lang geschickt, um den direkten Torabschluss zu suchen. Schaaf hat diese Formation sowohl bei Rückständen als auch bei knappen Führungen spielen lassen (z.B. im Pokal gegen Hoffenheim). Auffällig ist dabei, dass sie häufig während Mesut Özils Formschwäche gewählt wurde und er der Spieler war, der gegen Almeida getauscht wurde.

Vorteile:

  • Zweiter Stürmer: Auch wenn sich Pizarro fallen lässt, bindet Almeida immer mindestens einen Innenverteidiger.
  • Druck auf Bayerns Abwehr: Zwei große und Kopfballstarke Spieler in der Mitte und dazu zwei technisch gute Spieler auf den Flügeln.

Nachteile:

  • Risiko auf den Außen: Frings und Bargfrede müssen auch hier zum Doppeln auf die Außenbahnen verschieben.
  • Offener Schlagabtausch: Werders offensive Mittelfeldspieler müssen die gleiche Torgefahr über die Außen entwickeln, wie auf der anderen Seite Ribery und Robben, um das Risiko auszugleichen.
  • Kein Platz für Özil: Er müsste hier auf dem linken oder rechten Flügel spielen. Kann er zwar, aber seine beste Position ist und bleibt zentral hinter den Spitzen (hab ich vor der Saison noch völlig anders gesehen).

Fazit: Es gibt eigentlich keine Veranlassung, diese Formation zu spielen. Bayern ist über die Außen deutlich stärker als Werder und auf Özils Stärke in der Mitte sollte man nicht freiwillig verzichten. Trotz eines überragenden Van Bommels und eines überragenden Schweinsteigers auf der Gegenseite. Im Mittelfeld hat man keine echten Flügelspieler, die auch Defensivqualitäten haben (es sei denn, man versucht etwas völlig unorthodoxes mit Boenisch und Fritz im Mittelfeld).

Back to the roots (4-3-1-2):

Werder - Bayern (4-3-1-2)

Werder - Bayern (4-3-1-2)

Im wichtigen Auswärtsspiel gegen Schalke kehrte Werder überraschend zu Raute im Mittelfeld zurück. Viele Jahre lang hatte Werder zuvor mit dieser Formation erfolgreich gespielt. Die taktische Ausrichtung und die Interpretation der einzelnen Positionen war gegen Schalke allerdings deutlich anders. Mit Schaafs flüssigem System der ständigen Positionswechsel im Mittelfeld hatte es nur wenig zu tun. Drei defensiv ausgerichtete Mittelfeldspieler spielten fast auf einer Höhe, während Özil als offensiver Mittelfeldspieler nicht den klassischen Spielmacher gab, sondern sich weit nach vorne orientierte. Werder setzte nicht wie gewohnt auf schnelles Kombinationsspiel, sondern auf den Aufbau über den 6er und lange Bälle in die Spitze. In der Defensive hat Werder so fast immer sieben Spieler hinter dem Ball und verzichtet dafür darauf, das Spielfeld für den Gegner durch weites Aufrücken klein zu machen.

Gegen Schalke hat diese Taktik gut funktioniert, weil so die Gefahr über die Flügel eingedämmt werden konnte und Schalke nicht sonderlich gut durch die Mitte kombinieren kann. Gegen den HSV sah es eine Woche später schon nicht mehr so gut aus. Almeida hatte ein schwaches Spiel und trotz Bargfredes starker Leistung baute man aus dem Mittelfeld zu wenig Druck auf. Ein Pokalfinale gegen die Bayern ist aber etwas anderes als ein Heimspiel in der Liga. Dort muss Werder das Spiel nicht machen, ähnich wie auf Schalke.

Das Schalker Spiel war sehr rechtslastig, das ist bei den Bayern trotz Robben nicht unbedingt so. Dennoch wird es Werders schwierigste Aufgabe sein, ihn zu stoppen. Er könnte Petri Pasanen bei aller Qualität mehr liegen, als Schalkes Farfan. Als Rechtsfuß kann er den Zug zum Tor des Linksfußes Robbens besser stoppen, als die Flankenläufe von Rechtsfuß Farfan. Die Unterstützung eines defensiven Mittelfeldspielers wird er aber dennoch benötigen, genau wie Fritz auf der anderen Seite gegen Ribery. Von daher scheint mir die Formation mit drei eher defensiven Mittelfeldspielern gegen die Bayern am vielversprechendsten, zumal so auch Vorstöße durch Schweinsteiger Werder nicht in Unterzahl im defensiven Mittelfeld bringen. So ungern ich vorne auch auf die Kreativität von Marin und Hunt verzichte – können wir uns wirklich zwei oder drei defensivschwache Spieler gegen die Bayern leisten?

Vorteile:

  • Wenig Platz für den Gegner: Bayern wird es schwer haben, eine Lücke zu finden und ist mehr auf Einzelaktionen angewiesen.
  • Druck auf die Außen: Gegen Schalke hat das super geklappt. Auch die Bayern müssen in erster Linie auf den Außen gestoppt werden.
  • Zweiter Stürmer: Bindet die Innenverteidiger und kann lange, hohe Bälle von Frings verwerten.

Nachteile:

  • Wenig Kreativität: Özil wird wieder lange in der Luft hängen und auf seine Chancen warten müssen. Nicht so schön anzusehen.
  • Platz für den Gegner im Mittelfeld: Da auf hohes Pressing verzichtet wird, steht man zwar 25-30 Meter vor dem Tor sehr kompakt, doch dafür gibt man den Bayern Platz im Mittelfeld.
  • Probleme bei Rückstand: Bei einem Rückstand wäre die Taktik zwar nicht über den Haufen geworfen, doch es dürfte schwierig werden, so eine Vielzahl an Torchancen herauszuspielen. Marin lässt sich kaum in die Raute einbinden.

Fazit: Der Überraschungseffekt ist weg, doch trotzdem kann mit dieser Formation das Spiel der Bayern am besten negiert werden. Ein offener Schlagabtausch sollte in Bayerns momentaner Verfassung besser vermieden werden. Durch die Mitte sind die Bayern nicht so gefährlich, dass man dort aggressives Pressing spielen muss. Zur Not kann man später immer noch umstellen und einen ausgeruhten Marin oder einen genialen Passgeber Jensen für die Schlussphase bringen.

Ich bin mir recht sicher, dass Schaaf bei seiner Erfolgsformation der letzten beiden Spiele bleibt. Gibt es noch weitere Alternativen, die hier vernachlässigt wurden? Ein 4-3-3? Die Rückkehr des Liberos? Ein Riegel nach Mourinhos Vorbild? Am Samstag sind wir schlauer.

Mein Senf zum Münchner Weißwurstfrühstück

Es liegt mir eigentlich fern, mich hier im Blog zum FC Bayern zu äußern, zumindest wenn es nicht in Zusammenhang zu einem Spiel gegen Werder steht. Einen eigenen Eintrag wollte ich dem Rekordmeister schon gar nicht widmen, doch heute muss es einfach mal sein.

Es ist kein Geheimnis, dass ich dem FC Bayern trotz meiner bayerischen Wurzeln keine große Sympathie entgegen bringe, um es vorsichtig auszudrücken. Allerdings muss ich gestehen, dass mich die Vepflichtung van Gaals als Trainer und die scheinbare Bereitschaft zum Neuaufbau einer Mannschaft überzeugt haben. Ich kann nicht sagen, dass ich dem “Projekt” Erfolg gegönnt hätte, aber zumindest hätte ich mich über eine bajuwarische Dominanz nicht zu sehr geärgert. Ganze vier Monate später präsentiert sich der große FCB als zertstrittener Scherbenhaufen.

Da wagt es der kleine Phlipp Lahm in einem Zeitungsinterview einfach so, die Clubführung zu kritisieren und alle geben ihm Recht. Alle? Nein, Uli Hoeneß wischt die Kritikpunkte mit einem Handstreich weg. Alles Kokolores, der hat doch keine Ahnung. Dahinter steckt der Berater, der sich profilieren möchte. Reicht als Begründung, um der Kritik sämtliche Rechtfertigung zu entziehen. Ohnehin: Wer will diesem Uli Hoeneß schon in die Parade fahren? 30 Jahre lang erfolgreicher Manager, den FC Bayern national und zeitweise auch international zum Branchenführer gemacht. Auf sein Lebenswerk kann Uli Hoeneß wirklich stolz sein. Doch woher nimmt er die Chuzpe jeden anderen zurecht zu weisen?

Real? Pah! Barca? Nichts als Schulden! Arsenal? Kein internationaler Titel! ManUtd? Lächerlich! Werder? Keine Titel und keine Boulevardmedien! Überhaupt, die Medien! Die überzogene Erwartungshaltung wird doch nur von außen geschürt. Und dann das Internet mit seinen anonymen Foren! Und ständig dieser Lärm! Was soll’n die Nachbarn sagen? Ein solcher Rundumschlag ist nichts neues. Nach außen. Wenn sein Baby angegriffen wird, schlägt Hoeneß um sich. Nicht umsonst hat sich die Bezeichnung “Abteilung Attacke” eingebürgert. Gerade das schätzen viele Fans an ihm, diese Mischung aus sozialer Wärme nach innen und überbordendem Selbstbewusstsein nach außen. Allerdings war die Kritik an der sportlichen Führung der Bayern selten größer als heute. In dieser Situation zeigt sich Hoeneß größte Schwäche: Mangelnde Selbstreflexion.

Kaum eine Woche später passiert dann aber etwas, das ich nicht für möglich gehalten hätte: Hoeneß und Franz Beckenbauer geben ein Interview in der Bild-Zeitung und demontieren ihren Trainer darin dermaßen, dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, wie eine langfristige Zusammenarbeit mit ihm aussehen soll. Van Gaal soll also ein anderes System spielen, einen Teil “Verantwortung” (sprich: Entscheidungsmacht) an die sportliche Führung abgeben, aber, hey, das lernt der schon noch. Wie kann man einen Trainer von der Reputation eines Louis van Gaal holen und ihn öffentlich derartig vorführen? Kommt es wirklich so überraschend, dass der Holländer so ist wie er ist? Wusste man das nicht, als man ihn verpflichtet hat? Oder hat sich der 58-jährige in seinen 5 Monaten München so sehr verändert? Und falls nicht, soll sich der 58-jährige nun für seinen Job bei den Bayern ändern? Was erwarten Hoeneß und Beckenbauer eigentlich?

Erfolg erwarten sie. Von Anfang an. Moment, waren das nicht die Medien? Ja, aber! Sämtliche Probleme, die der FC Bayern seit Jahren mit sich rumschleppt sind a) gar keine Probleme, werden b) nur von außen in den Verein getragen, kommen c) nur daher, dass alle anderen Unrecht haben und liegen im Zweifel d) in der Verantwortung des Trainers. Und e) seid ihr alle gemein und ich spiele jetzt nicht mehr mit euch. Kindergarten FC Bayern!

Es könnte mir eigentlich egal sein, ja eigentlich könnte ich mich sogar darüber freuen, macht es eine Münchner Aufholjagd doch nicht gerade wahrscheinlicher. Ich könnte mich genüsslich zurücklehnen, wenn Beckenbauer bei Sky90 über die gesamte Sendezeit nichts anderes zu Bayerns Problemen einfällt als “Ribery” oder wenn Verwaltungsbeirat Helmut Markwort einem von van Gaal verpflichteten Spieler die Bundesligatauglichkeit abspricht. Es freut mich aber nicht, es ärgert mich. Nicht, weil es die Bayern sind, sondern trotzdem. Weil es mich wütend macht, wenn die Arbeit eines Trainers, der viel riskiert, um den Verein aus seiner comfort zone zu treiben, so mit Füßen getreten wird.

Kein Wort mehr davon, dass van Gaal viele Probleme zu seinem Amtsantritt geerbt hat. Übernommen hat er auch einen sehr starken Kader, keine Frage. Einen Kader jedoch, der unausgewogen wirkt, noch nicht so harmoniert, wie er es müsste, um Titel zu gewinnen. Wird es gewürdigt, dass van Gaal mit Badstuber und Müller zwei junge Talente ins Team integriert hat? Dass er den Bayern ein System und eine spielerische Identität zu verleihen versucht? Es wird ihm lieber vorgeworfen, dass er in der Anfangszeit vieles ausprobierte und keine klare Vorstellung davon hatte, wie das Team spielen soll. Doch wozu holt man einen Fachmann wie van Gaal zum Verein, wenn man gar nicht möchte, dass etwas verändert, dass etwas neu aufgebaut wird? Wenn man auf sein Urteil nicht vertraut? Ein großer Umbruch geht nie ohne Scherben vonstatten. Hätte man Sicherheit gewollt, hätte man damals Hitzfeld behalten müssen. Stattdessen holte man mit Klinsmann einen Erneuerer. Der Mut zum Risiko überraschte viele, mich eingeschlossen. Auch van Gaal ist ein Experiment. Allerdings ist hier nicht der Trainer das Versuchsobjekt, sondern der Verein. Kann Bayern mit einem solch knorrigen, sturen und kauzigen Trainer Erfolg haben?

Ich glaube leider, dass die sportliche Führung die Antwort auf diese Frage bereits gegeben hat.