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Die Ignoranz des Fußballs

Wenn es um die Leistung unserer deutschen Schiedsrichter geht, blicken wir gerne neidvoll nach England. Dort lassen die Schiedsrichter das Spiel mehr laufen, heißt es. Es gäbe allgemein ein besseres Benehmen auf dem Platz, weniger Beschwerden, weniger Rudelbildungen, weniger kleinliche Entscheidungen und als Folge dessen ein schnelleres Spiel mit einer gesunden Härte. Manche dieser Aussagen treffen sicherlich zu, doch gerade der letzte Punkt gehört meiner Meinung nach absolut nicht dazu.

Immer wieder sehen wir in der Premier League, hässliche, rücksichtslose und gesundheitsgefährdende Fouls, die nicht oder nur sehr zaghaft sanktioniert werden. Es gibt solche Fouls auch in anderen europäischen Topligen, doch nirgendwo scheint es so sehr als Teil des Spiels verankert zu sein, wie in England. Meist handelt es sich dabei um Tacklings, bei denen einer oder gleich beide Füße sich oberhalb des Rasens befinden und der Gefoulte mit der offenen Schuhsohle an Knöchel, Schien- oder Wadenbein getroffen wird. Die Folgen dieser Fouls sollten inzwischen allgemein bekannt sein: Knochenbrüche und Bänderrisse – kurzum Verletzungen, die die Karriere eines Fußballers gefährden. Wer erinnert sich nicht an Eduardo da Silvas schlimme Verletzung, die ihn letztlich um seine Karriere beim FC Arsenal gebracht hat. Oder das Foul an Aaron Ramsey im letzten Frühjahr, das das englische Fernsehen nicht einmal in der Zeitlupe zeigen wollte.

Zuletzt traf es nun in Hatem Ben Arfa einen Spieler, der im Sommer kurz vor einem Wechsel nach Bremen gestanden haben soll. Übeltäter war der als notorischer Ruppsack bekannte Ex-Hamburger Nigel de Jong, auf dessen Habenseite in diesem Jahr nun zwei gegnerische Knochenbrüche sowie eine Kung-Fu-Attacke im WM-Finale stehen.

De Jong sah im übrigen für keines dieser Fouls eine rote Karte (zwei davon waren nicht in der Premier League). Nun wurde der Spieler vom niederländischen Nationaltrainer Bert van Marwijk aus dem Kader gestrichen. Eine Bemerkenswerte Aktion, die ich mir in dieser Konsequenz von mehr Trainern wünschen würde. Allerdings gibt es auch nicht viele Spieler, die sich in so kurzer Zeit so viel geleistet haben, wie de Jong. Elftal-Teamkollege Mark van Bommel leistete seinem Nebenmann hingegen Beistand – sei es, weil er als Spieler ähnlich veranlagt ist, oder weil sein eigenes Wirken neben de Jong weniger negativ auffällt. Beliebtes Argument der Apologeten: Es war keine Absicht des Spielers, er ist eigentlich kein schlechter Junge, es war ein Unfall.

Nun ja. Wenn man de Jong tatsächlich beweisen könnte, dass er seinen Gegenspielern absichtlich die Beine bricht, müsste man ihn sofort lebenslang sperren und obendrein wegen Körperverletzung anzeigen. Darum geht es in der Sache nicht. Es geht nicht um Vorsatz, es geht um Fahrlässigkeit. Grobe Fahrlässigkeit, um genau zu sein. Die Verletzung des Gegenspielers wird durch solche harten Fouls bewusst oder unbewusst in Kauf genommen. Das ist nicht gleichzusetzen mit Vorsatz, aber auch ein riesengroßer Unterschied zu einem Unfall, bei dem der Verursacher im realen Leben (im Gegensatz zum Fußball) dennoch für den Schaden des anderen aufkommen muss.

De Jong muss hingegen keine weitere Bestrafung fürchten. Die FA verweist trotz eines heftigen Einspruchs seitens Ben Arfas Club Newcastle United auf die FIFA-Regularien, nach denen der Spieler nicht nachträglich gesperrt werden kann, weil sein Vergehen vom Schiedsrichter gesehen und mit einer Tatsachenentscheidung belegt wurde. Eine Regel, die an Lächerlichkeit eigentlich kaum zu überbieten ist. Die Schiedsrichter sollen geschützt werden, indem ihre Entscheidungsgewalt unangetastet bleibt. In Wirklichkeit können die Verbände so den Schwarzen Peter immer schön ihren Unparteiischen zuweisen. Es gäbe viel weniger Grund auf einem nachgewiesenen Fehler einer Einzelperson herumzuhacken, wenn dieser hinterher korrigiert werden könnte. In vielen Situationen wäre dies nicht zielführend, weil eine Korrektur im Nachhinein den Spielverlauf nicht rückgängig machen könnte, doch gerade bei nachträglich zu ahndenden Fouls oder Tätlichkeiten trifft das nicht zu.

Hier kommt ein weiteres beliebtes Totschlagargument ins Spiel: Es würde zu einer Flut an Verfahren kommen, da heute durch die vielen Kameras in den Stadien fast kein Vergehen mehr unbemerkt bleibt. Eben. Genau das ist doch das Ziel! Es muss einen spürbaren Effekt geben, damit sich das Verhalten der Spieler ändert. Wer weiterhin solche Knochenbrecherfouls begeht, SOLL ja gerade bestraft werden. Ob Hatem Ben Arfas Schien- und Wadenbein heute noch ganz wären, wenn de Jong für seine beiden vorherigen Vergehen hart bestraft worden wäre? Zumindest könnte man diesen heute als Wiederholungstäter für eine ganze Weile außer Gefecht setzen.

Es wird sicherlich auch das Gerede um eine Hexenjagd losgehen, unter der der arme Spieler zu leiden habe. De Jong sei schließlich nicht der Einzige, der solche Fouls begeht. Absolut richtig. Leider. Ich hätte mir als Beispiel auch Karl Henry herauspicken können, der am Wochenende Jordi Gomez böse über die Klinge springen ließ, nachdem er drei Wochen vorher Bobby Zamoras Bein gebrochen hatte. Ganz zu schweigen von seinem Foul an Rosicky letzte Saison. Es ist pervers, diese Spieler in einer Opferrolle zu sehen. De Jong wird nächste Woche wieder für Manchester City spielen können, seine Auflaufprämie kassieren und von seinem Verein sowie einer Reihe britischer Fußballexperten Rückendeckung bekommen. Ben Arfa wird die nächsten Monate mit Reha und Aufbautraining verbringen und muss dann mühsam wieder an die Mannschaft herangeführt werden.

Dank Trainern wie Arsène Wenger und Spielern wie Samir Nasri und Danny Murphy ist das Thema momentan in den britischen Medien prominent vertreten. Diese Diskussion ist wichtig, denn es muss sich etwas ändern. Nachträgliche Strafen könnten ein probates Mittel sein. Ebenfalls sollte man über ein höheres Strafmaß nachdenken, damit die Verhältnismäßigkeit zwischen Ursache und Wirkung wenigstens ein bisschen wiederhergestellt wird. Ob es tatsächlich Regeländerungen braucht oder ob lediglich eine konsequentere Anwendung der bestehenden Vorgaben ausreicht, kann ich an dieser Stelle nicht beantworten. Fußball ist ein schnelles, technisch und taktisch anspruchsvolles, aber auch körperbetontes Spiel – und das ist auch gut so. Nur muss die Grenze zwischen hartem Spiel und brutalem Spiel deutlicher gezogen werden. Bislang kommen zu viele Spieler mit letzterem durch.

Finalfieber: Die Schlüsselduelle

Nachdem der Fokus gestern auf den möglichen taktischen Formationen lag, schauen wir uns heute die direkten Duelle der Partie an. Es gibt für mich drei Schlüsselduelle, die im wesentlichen den Ausgang dieses Spiels beeinflussen werden:

Petri Pasanen vs. Arjen Robben

Die rechte Seite mit Lahm und Robben ist das Prunkstück der Bayern. Robben ist seit seiner Ankunft zu Saisonbeginn der Star bei den Bayern. Nach ein paar gesundheitlichen Problemen ist er der Mann für die entscheidenden Spielsituationen und hat mit einem grandiosen Solo für den Finaleinzug gegen Schalke gesorgt. Mit 16 Saisontoren war er als nominell rechter Mittelfeldspieler genau so erfolgreich, wie Werders Claudio Pizarro. Robbens Torgefahr geht von seinem starken linken Fuß aus. Er zieht von der Außenbahn nach innen, verwendet dabei fast immer den gleichen Trick, der erstaunlicherweise jedes Mal wieder funktioniert. Beim Torabschluss hat er aus dieser Position alle Möglichkeiten und die nötige Schusstechnik, diese auch auszuschöpfen.

Petri Pasanen ist ein erfahrener, routinierter und abgeklärter Spieler. Er hat es in seinen fünf Jahren bei Werder nicht längerfristig zum Stammspieler geschafft, kommt aufgrund seiner vielseitigen Einsetzbarkeit und Verlässlichkeit jedoch regelmäßig zu seinen Einsätzen. In der Rückrunde kam er nach Boenischs Verletzung und Abdennours Wacklern in die Startformation und spielt seit dem einen soliden Part auf der linken Seite der Viererkette. Pasanen ist kein gelernter linker Verteidiger, ist im Spiel nach vorne limitiert und hat als Rechtsfuß auch wenige Optionen beim flanken. Er ist nicht der schnellste, geht auch deshalb wenige Risiken nach vorne ein und verfügt über ein starkes Stellungsspiel.

Auf dem Papier ist Arjen Robben durch seine Technik und Schnelligkeit in diesem Duell klar überlegen. Pasanen hat jedoch einen wichtigen Vorteil: Als Rechtsfuß fällt es ihm leichter, Robben an seinen Sololäufen in die Mitte zu hindern. Er lässt sich nicht auf Spielereien ein und beschränkt sich auf das Wesentliche. Sicherlich wird Pasanen die von Robben ausgehende Gefahr nicht komplett neutralisieren können, doch wenn er einen guten Tag hat, kann er sie vielleicht so weit eindämmen, dass Robben wesentlich weniger Chancen bekommt, als im letzten Aufeinandertreffen der Mannschaften, wo Robben dem überforderten Abdennour Knoten in die Beine dribbelte.

Torsten Frings vs. Thomas Müller

Thomas Müller ist der Shooting-Star der Saison beim Rekordmeister. Er zeigt für einen so jungen Spieler eine ungewöhnliche Abgeklärtheit und nutzt den Platz zwischen Viererkette und Mittelfeld des Gegners clever aus. Er ist weder ein richtiger Stürmer, noch ein Mittelfeldspieler und so für seine Gegenspieler schwer auszurechnen. Im Gegensatz zu Werders jungen Offensivspielern bewegt sich Müller auch bei Ballbesitz des Gegners sehr gut, stellt Passwege zu und setzt die defensiven Mittelfeldspieler unter Druck. Dazu ist er ein guter Vollstrecker, der vor dem Tor die Übersicht behält. Diese außergewöhnliche Kombination hat ihn nicht nur bei den Bayern trotz starker Konkurrenz zum unumstrittenen Stammspieler gemacht, sondern auch zu einem Platz im WM-Kader von Joachim Löw verholfen.

Torsten Frings wurde von vielen schon zum alten Eisen gezählt. Nach einer insgesamt schwachen Vorsaison bekam der Bremer Kapitän seine neue Rolle als Baumann-Nachfolger immer besser in den Griff. Im Winter sortierte ihn Löw endgültig aus dem Kreis der Nationalmannschaft aus und Frings reagierte endlich mit der lange erhofften Leistungssteigerung. In der Schlussphase der Saison erreichte Frings seine Topform und zählt so wieder zu den besten defensiven Mittelfeldspielern der Liga. Mit dem starken Newcomer Bargfrede an seiner Seite prägt er den Spielaufbau seiner Mannschaft und hat auch zum sicheren und überlegten Passspiel zurückgefunden. Daneben machen ihn seine Zweikampfstärke und sein nie enden wollender Kampfgeist für das Team äußerst wertvoll.

In der Grundformation treffen Frings und Müller nicht unmittelbar aufeinander. Zwar wird Frings sicher den einen oder anderen Zweikampf mit Müller suchen, wenn dieser sich zurückfallen lässt, doch in erster Linie werden sie es wohl bei Ballbesitz des Bremer Kapitäns miteinander zu tun bekommen. Frings größte Schwäche ist das schnelle Kombinationsspiel. Er nimmt die Bälle, die von den Innenverteidigern zu ihm geleitet werden, in der Regel erst an, schaut sich um und leitet sie erst dann weiter. Wird er sofort unter Druck gesetzt, geht er schon mal ins Dribbling oder versucht, einen Freistoß herauszuholen. Darunter leidet dann Werders Aufbauspiel. Thomas Müller hat genau hier seine Stärke. Frings ist daher auf seinen Nebenmann Phillipp Bargfrede angewiesen, der ihn entlasten und so die Gefahr durch Müllers frühes Stören abmildern kann.

Mesut Özil vs. Mark Van Bommel

Mark Van Bommel gilt bei den gegnerischen Fans vor allem als unfairer Spieler, der gerne mal über die Strenge schlägt. Es lässt sich schwer abstreiten, dass seine Spielweise hart ist und die Grenzen des Fair Plays mitunter überschreitet. Dazu ist er auch sehr geschickt darin, gegnerischen Spielern zu Karten zu “verhelfen”. Es wäre jedoch sehr kurz gedacht, ihn auf diese Eigenschaften zu beschränken. Ähnlich wie Frings bei Werder ist Van Bommel ein unermüdlicher Antreiber, der nie aufgibt und seiner Mannschaft als gutes Vorbild voran geht. Mit Schweinsteiger hat er nun wieder einen spielstarken Nebenmann, der seine Mankos in der Offensive überdeckt. In Van Gaals System muss er das Spiel nicht gestalten, sondern die Bälle in erster Linie auf die Außenpositionen verteilen. In der Defensive kommen seine Stärken dagegen voll zum Vorschein. Als Ausputzer vor der Viererkette spielt er seine vielleicht beste Saison bei den Bayern und macht seinen Gegenspielern das Leben schwer.

Mesut Özil trat in der Hinrunde endgültig aus Diegos Schatten. Gemeinsam mit Marin und Hunt machte er den brasilianischen Spielmacher vergessen. Seine brillante Technik und die Fähigkeit, den entscheidenden Pass in die Spitze zu spielen, machten ihn auch zum Hoffnungsträger der Nationalmannschaft. Dazu zeigte er sich auch im Torabschluss verbessert und traf regelmäßig selbst. Im Winter folgte dann jedoch ein Leistungseinbruch, der wahlweise auf sein Privatleben, die andauernden Vertragsverhandlungen oder seine körperliche Fitness geschoben wurde. Thomas Schaaf hielt jedoch an seinem Spiegestalter fest, gönnte ihm einige frühe Auswechslungen und hat so großen Anteil daran, dass Özil nun schon seit einigen Monaten aufsteigende Form zeigt. Zum Saisonende wirkt er wieder so dominant, wie über weite Strecken der Hinrunde und könnte im Pokalfinale wieder zum entscheidenden Mann werden.

Özil lässt sich noch zu leicht die Spielfreude nehmen, wenn seine Gegenspieler ihm wenig Freiräume lassen und er kaum Ballbesitz hat. Gegen Schalke zeigte er jedoch, dass er dazugelernt hat und auch auf seine Chance warten kann, ohne das nötige Selbstvertrauen zu verlieren. Die hängenden Schultern, die seine Resignation signalisieren, sind seltener geworden. Gegen die Bayern könnte er den nächsten Schritt in diese Richtung machen. Der Defensivverbund aus Van Bommel und Schweinsteiger ist der beste der Liga und wird ihm alles abverlangen. Besonders der Niederländer wird ihn mit allen legalen und halblegalen Mitteln bearbeiten, um ihm die Lust am Fußballspielen zu nehmen. Kann Özil diesem Druck standhalten?

Selbstverständlich gibt es daneben noch weitere Duelle, die das Spiel entscheiden könnten, vor allem, wenn die oben genannten keine klaren Sieger aufweisen. Olic bereitet Mertesacker schon seit Jahren Kopfschmerzen, Pizarro und Almeida sind im Verbund nur schwer zu stoppen und dann gibt es ja auch noch Ribery, der in seinem einzigen Finale sicher groß aufspielen will. Und nicht zuletzt hätten wir dann noch das Torhüterduell: Auf der einen Seite Jogi Löws neue Nummer 3 – und auf der anderen Seite Jörg Butt…