Schlagwort-Archiv: Marko Marin

I got 99 problems, but Werder ain’t one

Nachdem es hier in den letzten Wochen viel zu ruhig war, gibt es heute Abend mal wieder ein Live-Blog zum Auswärtsspiel in Mainz. Meine bisherige Bilanz in dieser Saison: 2 Spiele, 2 Niederlagen. Höchste Zeit, das zu ändern.

Was das Spiel angeht, bin ich einigermaßen optimistisch, dass Werder die Negativserie der letzten Wochen durchbrechen wird. Mainz ist in meinen Augen nicht annähernd so stark, wie in der letzten Saison. Vieles wird davon abhängen, wie verunsichert Werder nach den letzten Spielen ist. Was Laufbereitschaft und Einstellung angeht, ist diese Mannschaft über jeden Zweifel erhaben. Spielerisch sind viele Ansätze vorhanden, die in der letzten Saison verloren gegangen waren. Punktuelle Änderungen könnten hier schon ausreichen.

Das sieht anscheinend auch Thomas Schaaf so. Nachdem er den indisponierten Bargfrede in Augsburg auf der Bank ließ und dafür Ignjovski eine Chance gab, sieht es nun so aus, als würde Schaaf auch Marin und Wolf eine Pause geben. Beide haben in den vergangenen Wochen merklich abgebaut und sind zur Belastung für Werders Spiel geworden. Wolf mag mit seiner Erfahrung und seinen Führungsqualitäten wichtig fürs Team sein, doch scheint nun der Zeitpunkt zu sein, an dem er damit seine Fehler nicht mehr wettmachen kann. Bei Marko Marin scheint es eher mental nicht zu stimmen. Er erinnert mich immer mehr an den Marin aus der letzten Hinrunde, der wunderbaren Fußball spielen kann, es aber fast nie tut. Es ist mir unbegreiflich, wie ein als “Straßenfußballer” geltender Spieler immer instinktiv die falsche Entscheidung trifft. Wenn Ekici seine Leistung weiter steigern kann, wonach es derzeit aussieht, dürfte es für Marin sehr schwierig werden, wieder zurück in die erste Elf zu kommen.

In Mainz muss keine Steigerung her im Vergleich zu den letzten Spielen. Es reicht, wenn man die Chancenverwertung verbessert und keine katastrophalen Abwehrfehler macht. Von den bisherigen Punktverlusten war nur das Unentschieden in Augsburg wirklich bitter, zumindest wenn man diese Saison ein bisschen in Relation zur letzten und zur Stimmung vor dem ersten Bundesligaspieltag setzt. Noch gibt es keinen Grund, den eingeschlagenen Kurs in Frage zu stellen.

Werder-News 11/10/02

Bevor es in die nächste Länderspielpause geht, steht für Werder noch das “kleine” Nordderby an. Mit einem Sieg gegen Hannover 96 könnte man in der Tabelle mit den Bayern gleich ziehen und Platz 2 festigen. Ab 15:15 gibt es das Spiel hier im Live-Blog. Vorab noch ein paar aktuelle Nachrichten zum Spiel:

Alles weitere dann wie gesagt später im Live-Blog.

Werder-News 11/09/22

Nachdem ich gestern durch einen PHP-Fehler den gesamten Server lahmgelegt habe, ist das Blog nun wieder online. Die Werder-News könnt ihr nun auch direkt oben in der Menüleiste aufrufen. Werder-News des Tages:

*Danke Philippe!

Fünf Erkenntnisse der letzten Wochen

1. Jedes Unentschieden ist ein gewonnener Punkt

Es fällt schwer, sich an diesen Umstand zu gewöhnen, wenn man jahrelang um die Champions League Plätze gespielt hat: Im Abstiegskampf ist ein Unentschieden ein gutes Ergebnis – zumindest wenn es so eng zugeht, wie in diesem Jahr. Wir sind es gewohnt, uns nach einem Remis über die beiden verlorenen Punkte zu ärgern, statt uns über den einen gewonnenen Punkt zu freuen. Im oberen Tabellendrittel verliert man mit einem Unentschieden in der Regel Punkte auf die Konkurrenz. Im unteren Drittel kann man zumindest den Abstand zu den Abstiegsplätzen konstant halten. Die Mannschaften auf den Plätzen 16 bis 18 haben im Schnitt weniger als einen Punkt pro Spiel geholt. Spielt Werder auch gegen St. Pauli und Wolfsburg jeweils Unentschieden, dürfte der Klassenerhalt gesichert sein. Ein Sieg fühlt sich natürlich besser an, doch letztlich ist das in dieser verdammten Saison nur noch Zugabe.

2. Marin auf der 10 kann funktionieren

Mit der Betonung auf „kann“. Es wurde schon lang und breit diskutiert, dass Marin kein Spielmacher ist und seine Stärken im Zentrum kaum zur Entfaltung bringen kann. Dieser Umstand machte Werder immer wieder zu schaffen, wenn Schaaf ihn auf der 10er-Position einsetzte. Es ist ein Dilemma: Hält Marin seine Position im Zentrum, geht er weitgehend unter. Weicht er zu häufig auf die Flügel aus, destabilisiert er damit das Mittelfeld. An diesem Umstand hat sich grundsätzlich nichts geändert. Trotzdem funktioniert Werders Mittelfeld derzeit wesentlich besser als vor einigen Monaten. Dafür gibt es aus meiner Sicht zwei Gründe: Erstens macht es der generelle Formanstieg bei vielen Spielern einfacher, vorhandene Ungereimtheiten im System zu kompensieren. Das Mittelfeld mit Frings, Borowski und Wesley/Bargfrede wirkt gefestigt und kann Marin ein Stück weit den Rücken freihalten. Zweitens habe ich den Eindruck, dass Marin inzwischen etwas disziplinierter spielt und sein Spiel ohne Ball etwas verbessert hat. Er bewegt sich nicht mehr 90 Minuten vogelfrei übers Feld, sondern streut seine Ausflüge auf die Außen dosierter ein und hält bei Ballbesitz des Gegners häufig die Position im Zentrum.

Für mich ist das nach wie vor keine Dauerlösung, aber für die letzten Wochen der Saison scheint es eine vernünftige Entscheidung gewesen zu sein – auch wenn ich es immer noch schade finde, dass man Trinks nicht weiterhin die Chance gegeben hat.

3. Torsten Frings ist wertvoll im Abstiegskampf

Ich habe ihn viel kritisiert in dieser Saison und bleibe auch bei meiner Meinung, dass für ihn im Sommer Schluss sein sollte. Dennoch habe ich großen Respekt für seine Leistungen in den letzten Wochen. Natürlich ist Frings nicht mehr der Spieler, der er vor 3-4 Jahren war, aber seine Erfahrung, sein Einsatz und sein Kampfgeist machen ihn zu einer wertvollen Waffe im Abstiegskampf. Momentan gucke ich gerne über seine Unzulänglichkeiten hinweg, denn es imponiert mir, wie er sich gegen den Abstieg seiner Mannschaft und auch seiner eigenen Person wehrt. Frings profitiert dabei auch von der Raute, die ihn ein wenig vor seiner eigenen Spielweise schützt. Er spielt nun etwas tiefer als früher und es entstehen nur noch selten große Lücken vor Werders Abwehr. Nun hoffe ich, dass Frings den Abschied bei Werder bekommt, der einem Spieler wie ihm gebührt. Allerdings hoffe ich auch, dass man bei Werder nicht die falschen Schlüsse zieht und mit ihm in die neue Saison geht. Es braucht einen Neuanfang, auch und gerade auf der 6er-Position.

4. Tim Wiese ist kein Weltklassetorwart

Es ist schon komisch: Ein sehr gutes Spiel von Wiese genügt, um ihn in den Augen mancher Werderfans schon wieder zum Weltklassetorwart werden zu lassen. Seine Leistung gegen Frankfurt war stark, ohne Frage. Er hat uns an diesem Tag das Unentschieden gerettet und hatte einige tolle Aktionen. Dennoch ist sein Torwartspiel nach wie vor alles andere als perfekt. Gerade im Spiel gegen Schalke wurde wieder deutlich, wie sehr ihm Neuer in vielen Belangen voraus ist: Hohe Bälle abfangen, das Spiel direkt wieder schnell machen, Bälle mit dem Fuß kontrolliert verteilen, in Eins gegen Eins Situationen lange oben bleiben, um den Gegner zum Handeln zu zwingen. Alles Dinge, die Wiese nicht sonderlich gut kann. Solange er in anderen Bereichen herausragend gut ist, mag man diese Dinge in Kauf nehmen. Allerdings war Wiese in dieser Saison – gerade im Vergleich zu den beiden Jahren davor – kaum mal herausragend gut. Seit Oliver Kahn hat es sich bei vielen Fans eingebrannt, dass ein Torwart auch mal unhaltbare Bälle abwehren muss, um für sein Team besonders wertvoll zu sein. Ich bin eher Fan von konstanten Torhütern, die unspektakulär spielen, aber dafür gegnerische Chancen schon früh zunichte machen. Dazu sollte ein Torwart als Anspielstation taugen und Bälle verteilen können. Bei Wiese landen viele Bälle im Nirgendwo oder (schlimmer noch) beim Gegner.

Ich möchte Wiese nicht schlecht machen, er ist nach wie vor ein guter Torwart, der in der Form von 2009 zu den besten Keepern der Bundesliga zählt, aber ein mitspielender, moderner Torwart wäre mir bei Werder in der kommenden Saison lieber, auch wenn er kein Reflexgott auf der Linie ist.

5. Die Raute ist zeitlos modern…

schrieb Kollege Petersen unlängst. Davon abgesehen, dass eine Formation an sich nur ein Knochengerüst ist, das erst durch die Spielweise der Mannschaften zum Leben erwacht, könnte er Recht haben. Während das klassische 4-4-2 trotz einiger Zuckungen im Weltfußball eine immer kleinere Rolle spielt, scheint die Raute gegen die modernen Ausprägungen des 4-5-1 und 4-3-3 noch immer eine Chance zu haben. Der strukturelle Schwachpunkt der Raute liegt bei diesem Duell auf den Außenbahnen, was jedoch leichter zu kompensieren ist, als die 2 gegen 3 Unterzahl im Zentrum beim Duell 4-4-2 gegen 4-5-1/4-3-3. Entscheidend ist das Zusammenspiel der Rautenspieler, das Verschieben auf die Außenpositionen und die Defensivarbeit der beiden Stürmer.

Der FC Barcelona macht gerade vor, wie das aussehen kann: Seit Lionel Messi den Mittelstürmer gibt und sich dabei sehr weit nach hinten fallenlässt, wird aus dem 4-1-2-3 häufig effektiv ein 4-4-2 mit Raute. Für den Gegner ist es sehr schwer, sich auf dieses System einzustellen. Messis Rolle als spielmachender Mittelstürmer macht es schwer ihn zu fassen (wer ist zuständig, Innenverteidiger oder defensives Mittelfeld?), was Räume für die beiden Außenstürmer Villa und Pedro schafft, die in die Mitte ziehen können, was wiederum Räume für die aufrückenden Außenverteidiger schafft. Nun ist Werder nicht Barcelona, aber ich bin sehr gespannt, welchen Weg man in der kommenden Saison einschlagen wird: Weiter mit der Raute oder endgültig den Schritt zum 4-2-3-1 wagen? Von dieser Frage wird die Personalplanung im Sommer maßgeblich abhängen.

Unsere Problemfälle

Eigentlich könnte man derzeit fast den gesamten Kader als Problemfall bezeichnen. Ich habe mir einfach mal ganz willkürlich vier Spieler herausgegriffen und versucht, ihre derzeitige Situation zu beleuchten.

Sandro Wagner

Man kann schon ein wenig Mitleid mit ihm haben. Zwei Tore im Finale der U21-EM, ansprechende Leistungen in der zweiten Liga, dann ein Kreuzbandriss, der Wechsel zu Werder, langsames Herantasten an den Profikader und dann ein ums andere Mal seine Chance nicht genutzt. Zuletzt wurde er nicht einmal in den Spieltagskader berufen, sondern musste mit der U23 in der dritten Liga ran. Kurzum: Es ist eine Saison zum vergessen für Sandro Wagner. Dass Wagners Situation jedoch nicht nur mit einer Mischung aus Pech und schlechtem Timing zu erklären ist, machte Klaus Allofs nun gerade wieder klar. Seine Aussage: Wagner ist selbst Schuld, hat genügend Chancen bekommen.

Die Bilanz des Stürmers ist ernüchternd: Kein Tor, keine Vorlage, kein überzeugendes Spiel gelang ihm bei seinen gar nicht so wenigen Einsätzen. Es wurde mehr als deutlich, dass Wagner Werder momentan nicht helfen kann. Der Glaube daran, dass er es jemals können wird, ist bei den meisten Fans längst verschwunden und auch bei der sportlichen Führung scheint sich diese Haltung nun zu verfestigen. Wenn sich bis Saisonende keine deutliche Verbesserung eingestellt hat, wird es an der Weser wohl keine Zukunft für Wagner geben. Fraglich jedoch, wie Werder den Spieler aus seinem Vertrag bis 2014 herauskomplimentiert. In der ersten Liga dürften sich kaum Vereine finden, die Ablöse und Gehalt für ihn zahlen möchten und zu großen Gehaltseinbußen wird der Spieler wohl auch nicht bereit sein. Es könnte also mal wieder auf ein Leihgeschäft hinauslaufen.

Wagners Verpflichtung war von Anfang an riskant. Trotz der Verletzung kaufte Werder ihn aus seinem Vertrag, der ein halbes Jahr später ausgelaufen wäre, damit er sich schon in Bremen eingewöhnen kann. Zu Saisonbeginn war Wagner fit, konnte jedoch nie überzeugen und musste trotzdem immer wieder als Notnagel im verletzungsgebeutelten Werderangriff ran. Wagner war zur falschen Zeit am falschen Ort und scheint mit der Situation völlig überfordert zu sein. Dass zuletzt auch seine Trainingsleistungen nachließen, ist ein deutliches Zeichen dafür. Die Situation scheint aussichtslos und keine zehn Tage nach Schließung des Transferfensters müssen sich Werders Verantwortliche nun die Frage stellen lassen, warum sie trotz Hugo Almeidas Abgang mit Denny Avdic nur einen Stürmer verpflichtet haben, bei dem ebenfalls noch nicht ersichtlich ist, ob er Werder in dieser Rückrunde weiterhelfen kann.

Marko Marin

Was genau bei Marko Marin falsch gelaufen ist, wird wohl nicht mal er selbst wissen. Vor Saisonbeginn von einigen Werderfans noch als der bessere Özil gefeiert, konnte er den großen Erwartungen an ihn nie gerecht werden. Im Sommer hatte er zunächst mit seiner enttäuschenden WM zu kämpfen und fand sich in den ersten Spielen auf der Bank wieder. Innerhalb weniger Wochen schien er jedoch auf dem Weg zu seiner Normalform, auch wenn er einige Male auf der für ihn nicht prädestinierten 10er-Position ranmusste. Irgendwann im September ging es dann jedoch abwärts mit den Leistungen. Marin fiel in ein Loch, aus dem er sich bis heute nicht befreien konnte.

Es wirkt fast so, als wäre der Spieler in einer Endlosschleife gefangen. Er versucht es immer wieder mit den gleichen Tricks, mit den gleichen Dribblings, doch sie wollen ihm einfach nicht mehr gelingen. Dazu kommt, dass sich sein ohnehin ausbaufähiges Spiel ohne Ball in dieser Saison noch verschlechtert hat. Marin nimmt nur am Spiel teil, wenn er die Kugel am Fuß hat. Anders als etwa Aaron Hunt, der häufig im Ansatz des Richtige tut, es dann aber schlampig ausführt, liegen bei Marin schon die Grundlagen brach. Sein Positionsspiel gleicht einem Jugendspieler und ein Defensivverhalten ist abgesehen von vereinzelten kurzen Sprints nicht existent. Die Laufwege in Werders Angriff sind dieser Tage wenig koordiniert und Marin scheint einen großen Anteil daran zu haben.

Man fragt sich schon so ein bisschen, was Marin die letzten sechs Monate im Training geübt hat. Es muss doch eigentlich möglich sein, einem so talentierten Spieler die Grundlagen des Fußballs beizubringen, so dass er auch bei einer Formkrise zumindest die Basics auf seiner Position abrufen kann. Bislang hat das – aus welchen Gründen auch immer – nicht funktioniert und deshalb ist Marin, wenn ihm seine Dribblings nicht gelingen, für Werder eine Belastung. Für den Spieler selbst ist die Situation ebenfalls eine große Belastung, was man an den krampfhaften Bemühungen erkennen kann, sein Spiel mit aller Macht wieder durchzusetzen. Leider gibt es bei Werder kaum personelle Alternativen und so lässt sich nur hoffen, dass sich bald eine Verbesserung einstellt. Marin muss an den Grundlagen seines Spiels arbeiten, wenn er ein großer Fußballer werden will. Momentan ist er davon meilenweit entfernt.

Torsten Frings

Die letzten Wochen könnten zu den schlimmsten in Torsten Frings Profikarriere gehört haben. Für einen so ehrgeizigen und kämpferischen Spieler ist es schwer zu verdauen, wenn man nach und nach immer mehr an Standing verliert. Im Fußball kann es ganz schnell gehen. Vor einem Jahr gelang ihm noch einmal eine beeindruckende Formsteigerung, mit der er Werder noch zum Sprung auf einen Champions League Platz verhalf. Nun scheint der Akku jedoch endgültig leer zu sein. Frings läuft und kämpft und grätscht und rackert und am Ende sieht trotzdem jeder, dass es einfach nicht mehr reicht. Das Thema Vertragsverlängerung dürfte intern längst vom Tisch sein, doch in der Außendarstellung wird man Frings sicher die Gelegenheit zu einem freiwilligen Rückzug geben.

Als Spieler ist Frings (ähnlich wie bei den Bayern van Bommel) immer sehr abhängig von seiner körperlichen Fitness gewesen. Sein Stellungsspiel war nie ganz optimal, aber das konnte er mit Zweikampfstärke und Einsatzbereitschaft lange Zeit ausgleichen. Dazu war er zu seinen besten Zeiten wie kaum ein anderer Sechser in der Lage, das Offensivspiel seiner Mannschaft anzukurbeln. Heute gibt es Spieler, die all diese Fähigkeiten vereinen und Frings inzwischen auch die körperliche Fitness voraus haben. Man muss Frings daraus keinen Vorwurf machen, diese Entwicklung ist normal und ließ sich seit etwa zwei Jahren bei ihm beobachten. Die Bayern hatten den Mut ihren Kapitän in der Winterpause gehen zu lassen, weil er nicht mehr den Anforderungen des Trainers genügte, doch die Bayern haben auch das Personal, ihn zu ersetzen (auch wenn hier einige Bayernfans bestimmt anderer Meinung sind). Bei Werder gibt es kaum eine Alternative zu Frings, solange Wesley verletzt ist.

Eigentlich müsste Schaaf nun die Reißleine ziehen und Frings auf die Bank setzen, doch zum einen wird er auf seinen verlängerten Arm auf den Platz nur dann verzichten wollen, wenn es (Achtung: Unwort!) alternativlos ist, und zum anderen bliebe ihm dann nur die Option, Clemens Fritz ins Mittelfeld zu stellen und auf Petri Pasanen (siehe unten) oder den in Ungnade gefallenen Dominik Schmidt als Rechtsverteidiger zu setzen. Felix Kroos würde die letzte freie Position in der Raute übernehmen und Werder hätte keine Alternativen mehr auf der Bank, solange Borowski, Jensen und Wesley nicht dabei sind. Bleibt also zu hoffen, dass Frings Energie zumindest noch reicht, um mit Werder am Saisonende nicht abzusteigen und er sich dann von selbst in eine Position im Werdermanagement verabschiedet. Der Abschied darf dann auch gerne so ausfallen, wie es sich bei einem Spieler mit seinen Verdiensten für den Verein gehört!

Petri Pasanen

Auch Petri Pasanen gehört zu der Kategorie “verdienter Spieler”, wenn er auch nie so richtig im Rampenlicht stand. Er war lange Zeit ein wertvoller Backup-Spieler, ein Defensivallrounder, auf den man sich verlassen konnte. Seine Aufgaben erfüllte er solide und wenn er denn mal auf seiner eigentlichen Lieblingsposition in der Innenverteidigung ran durfte, konnte man sehen, dass er dort eigentlich auch das Zeug zum Stammspieler hatte. So vergingen die Jahre, Pasanen kam regelmäßig auf über 20 Einsätze pro Saison und beide Seiten waren miteinander ganz zufrieden. Nun läuft der Vertrag aus und wird aller Voraussicht nach nicht verlängert. Im Sommer ist Pasanen sieben Jahre lang in Bremen, gemeinsam mit Daniel Jensen ist er der dienstälteste Spieler in Werders Reihen.

Zu häufig wurden Pasanen auf den Außenpositionen der Viererkette nun die Grenzen aufgezeigt, als dass sich noch jemand darüber freuen könnte, dass er dank seiner Vielseitigkeit überhaupt die Löcher im Kader einigermaßen stopfen kann. In der Innenverteidigung besteht trotz Naldos Verletzung kaum Bedarf, weil Schaaf lieber auf den jüngeren Prödl setzt. So sind es immer wieder die Positionen links oder rechts der Innenverteidiger, auf denen Pasanen spielen muss. Inzwischen haben immer mehr Mannschaften ihre kreativsten und individuell stärksten Spieler auf den Flügeln aufgestellt und spielen Systeme, bei denen von diesen Spielern mit die meiste Torgefahr ausgeht. Die Robbens und Riberys und Bales dieser Fußballwelt sind mit der Zeit einfach zu viel für ihn geworden. Am Samstag wurde er von der linken Mainzer Angriffsseite vorgeführt und musste zur Halbzeit raus.

Die Ansprüche an einen Notnagel sind nicht die höchsten, doch verlässlich muss er sein. Dem wird Pasanen nicht mehr vollständig gerecht. Ein Problemfall, der in den vergangenen Jahren wohl völlig untergegangen wäre. In dieser Saison kann Werder einen Leistungsabbau bei einem Ergänzungsspieler leider nicht kompensieren.

Die Schwalbe und der Sperling

Der ist ein Schwalbenkönig. Verbringt mehr Zeit auf dem Boden, als auf seine kurzen Beinen. Ist einfach ein extrem unsportlicher Spieler, weil er sich bei jedem Körperkontakt fallen lässt. Diese Kommentare hört man häufig im Zusammenhang mit Werders Marko Marin. Ob sie der Wahrheit entsprechen, soll hier nicht erörtert werden. Vielmehr stellt sich mir die Frage, warum die Schwalbe allgemein einen so schlechten Ruf unter Fußballfans hat.

Die unsportlichste aller Unsportlichkeiten?

Allein diese Frage wirkt auf viele schon als Provokation. Eine Schwalbe ist unsportlich. Sie ist die Vortäuschung eines Foulspiels und damit der Versuch, sich durch die Bestrafung des Gegenspielers und den folgenden Freistoß/Elfmeter einen Vorteil zu verschaffen. So weit, so schlecht. Mir fallen ohne großes Nachdenken noch eine ganze Menge anderer Unsportlichkeiten ein, die im Fußball vorkommen: Taktische Fouls, grobe Fouls, Tätlichkeiten und absichtliches Handspiel. Sie haben mit der Schwalbe gemeinsam, dass sie relativ hart bestraft (gelbe bzw. rote Karte) und einigermaßen konsequent geahndet werden. Trotzdem ist die Schwalbe in den Augen vieler Fans das schlimmste dieser Vergehen. Fouls und Handspiel sind zwar gegen die Regel, werden aber als Teil des Spiels akzeptiert. Sie passieren halt irgendwie im Eifer des Gefechts. Die Schwalbe wird mit Vorsatz ausgeführt. Ist das wirklich so? Auch im modernen Tempofußball, wo Spielern das richtige Fallen schon in der Jugend beigebracht wird, um Verletzungen zu verhindern? Steckt in einer Schwalbe mehr Vorsatz als in einem taktischen Foul?

Die Schwalbe, werden viele nun sagen, ist etwas ganz anderes, nämlich ein Betrugsversuch. Und Betrug macht den Sport kaputt. Es gibt allerdings noch eine paar andere Vergehen, die ebenfalls einen Betrugsversuch darstellen, auf dem Platz und auch daneben jedoch weitgehend akzeptiert sind. Dazu zähle ich zum Beispiel das Zeitspiel. Ein Spieler muss sich schon große Mühe geben, um für Zeitspiel bestraft zu werden. Häufig trifft es Torhüter, die sich beim Abstoß mehrfach zu lange Zeit lassen. Selten wird jedoch ein Spieler bestraft, der einen schnellen Freistoß blockiert, indem er sich vor den Ball stellt oder den Ball ein bis zwei Meter wegschießt oder den Ball nur langsam und absichtlich ungenau herausgibt. Auch diese Dinge gehören irgendwie zum Fußball dazu. Ähnlich verhält es sich mit versteckten Fouls, die im Rücken des Schiedsrichters regelmäßig begangen werden. Abseits der von Fernsehkameras überwachten Bundesligastadien kommen die schmutzigen Tricks noch ungenierter zur Anwendung. Ein Tritt auf dem Fuß, ganz unbeabsichtigt aus der Laufbewegung heraus. Ein Ellenbogen in die Rippen. Ein Knie in des Gegners Kniekehle. Ein kurzes Halten an der Hose beim Hochspringen nach einer Ecke. Alles sehr effektive Mittel, die ich aus eigener Erfahrung kenne. Klar, ab und zu übertreibt es jemand und fliegt vom Platz oder verursacht einen Elfmeter, aber das bleibt die Ausnahme.

Das ist normal, das gehört zum Spiel

Das Eine (versteckte Fouls) gehört zum Männersport Fußball dazu, wie Bier und Bratwurst, das Andere (Zeitspiel) ist eben so: nicht schön, aber so lange es im Rahmen bleibt ist alles ok. Wenn man dafür jedes Mal eine Karte zeigen würde, stünden am Ende ja kein Spieler mehr auf dem Platz – wenn man der Argumentationsrhetorik der Beckenbauers dieser Welt Glauben schenkt. Fußballer lernen schließlich nicht dazu. Im Fall der Schwalben zeigten sich Fußballer über die Jahre hingegen sehr lernfähig. Die Falltechnik wurde so perfektioniert, dass es immer schwieriger wird, sie zu identifizieren und damit zu ahnden.

Tatsache ist, dass man im heutigen Fußball längst nicht mehr alle Zweikämpfe den Kategorien “klare Schwalbe” und “klares Foulspiel” zuordnen kann. Spieler fallen auch dann noch sehr koordiniert (um es freundlich auszudrücken), wenn sie tatsächlich gefoult wurden. Auf der anderen Seite sind die wirklich harten Foulspiele seltener geworden, weil sie viel strenger bestraft werden, als noch vor dreißig Jahren. Die Bewegung des Fallens hat mit dem Foul an sich in vielen Situationen gar nicht mehr viel zu tun. Dies macht es für die Schiedsrichter ungemein schwer, das eigentliche Foulspiel zu erkennen. Der Spieler fällt in beiden Situationen (Foul oder Nicht-Foul) fast auf identische Art und Weise. Man könnte somit durchaus argumentieren, dass in jedem dieser Fälle eine Unsportlichkeit vorliegt. Geahndet wird erstere allerdings nicht, weil dies für den Schiedsrichter noch schwieriger zu erkennen wäre. Er muss sich neben seinen Augen vor allem auf seine Erfahrung und die Erkenntnisse über einzelne Spieler verlassen.

Von der Schwalbe zum Sperling

Wäre es vor diesem Hintergrund nicht an der Zeit, die Schwalbe zumindest in der oben beschriebenen Mischform als Bestandteil des Fußballs zu akzeptieren? Schiedsrichter tun dies längst, wie sich unschwer an der Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung vieler Fans und der tatsächlichen Anzahl an Verwarnungen gegen Marko Marin erkennen lässt. Bestraft wird nur, wer eine klassische Schwalbe produziert, die eindeutig und offensichtlich ohne Einwirkung eines Gegenspielers zustande kam. Die wesentlich häufiger anzutreffende Mischform hat sich eingefügt in die Grauzone der versteckten Regelverstöße, die sich aus dem Spiel so wenig vertreiben lassen, wie Thilo Sarrazin aus den Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Braucht kein Mensch, ist aber nun mal da.

Es ist Zeit für einen Neubeginn, für breitere Akzeptanz. Dazu ist ein Re-Branding erforderlich, denn der Begriff Schwalbe ist mit viel zu vielen negativen Assoziationen belegt. Ich schlage daher die Bezeichnung Sperling vor. Ebenfalls ein Vogel, aber kleiner und knuffiger, dazu völlig frei von jeglichen Vorbelastungen. Das koordinierte Fallen bei gegnerischem Körperkontakt heißt also ab sofort Sperling. Spieler mit “körperlichen Defiziten” (© Michael Meier) können nun von eigenen wie gegnerischen Fans ohne Vorbehalt als Sperlingkönige bezeichnet werden. Für einen anderen Typ Spieler wurde ein solches Re-Branding in den letzten Jahren bereits erfolgreich vorgenommen: Der aggressive Leader erfreut sich auch heute noch großer Popularität.

Fußball wird – Achtung, Phrase! – im Kopf entschieden. Wenn der aggressive Leader auf dem Platz durch versteckte Fouls versucht sich Respekt zu verschaffen, kann die Antwort von nun an heißen: “Gestatten, Marko Marin, Sperlingkönig. Kommst du mir zu nah, lieg ich am Boden – und du gehst duschen!”