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Meine EM: Özils Durchbruch

Deutschland – Griechenland 4:2

Vor dem Turnier wurde immer wieder die Tiefe im Deutschen Kader betont, als einer der größten Unterschiede zur WM vor zwei Jahren. Gegen Griechenland hat man sie zum ersten Mal richtig zu sehen bekommen. Es war eine mutige Entscheidung Löws seine Offensivabteilung auszutauschen. Und eine richtige. Reus und Schürrle waren von Beginn an sehr aktiv auf den Außen und  schafften es immer wieder, die griechischen Außenverteidiger aus den Positionen zu ziehen. Klose erfüllte alle Erwartungen, die seine Befürworter an ihn hatten. Die Fluidität im deutschen Offensivspiel war bewundernswert und bezweifle, dass dies mit Gomez in diesem Maße möglich gewesen wäre.

Mehr Bewegung, mehr Tempo, mehr Özil

Vor ein paar Tagen habe ich Özil noch leicht kritisiert. Ich finde ihn inzwischen selbst an schwächeren Tagen unverzichtbar, aber man hat zu Beginn des Turniers doch gemerkt, dass ihm ein wenig die Frische fehlte. Es war allerdings eine Entwicklung erkennbar und gegen Griechenland hatte Özil seinen Durchbruch bei diesem Turnier. Nach 90 Sekunden hatte er schon zwei großartige Pässe gespielt, zeigte sich danach ungeheuer beweglich und lauffreudig. Neben seinen gewohnten Läufen auf die Außenpositionen zog er sich auch immer wieder aus der schmalen Zone zwischen Abwehr- und Mittelfeldkette der Griechen zurück. Dadurch war er häufiger anspielbar als zuletzt. Trotzdem fand er – wie die gesamte deutsche Offensivabteilung – immer wieder Platz zwischen den Linien, trotz Griechenlands Versuchen, diese Räume klein zu halten.

Doch es war bei weitem keine One-Man-Show. Deutschland zeigte eine großartige Teamleistung und der einzige Vorwurf, den man sich gefallen lassen muss, ist die Ineffizienz in den ersten 45 Minuten. Man hätte dieses Spiel innerhalb von 25 Minuten entscheiden können, doch Griechenland blieb über eine Stunde lang im Spiel, da beste Chancen vergeben wurden. Nach der Pause leistete man sich 10 schwächere, unkonzentrierte Minuten, in denen man gut sehen konnte, dass man den Griechen keine  Gelegenheiten geben darf, ins Spiel zurück zu kommen. Wieder einmal wechselte Santos in der Halbzeit und seine Wechsel zahlten sich erneut aus. Der Konter zum 1:1 war stark gespielt, wenn auch das deutsche Defensivverhalten viel dazu beitrug. Es war eine der ganz wenigen gelungenen Offensivaktionen der Griechen.

Mehr Effizienz führt zum deutlichen Sieg

Nach dem Ausgleich zog Deutschland das Tempo wieder an und nutzte in der Folge die sich bietenden Chancen wesentlich effizienter. Griechenland machte das gesamte Spiel über zu viele Fehler. Die extreme Defensive war vermutlich die einzige taktische Marschrichtung, mit der man überhaupt eine kleine Chance hatte, doch man hätte schon sehr viel Glück gebraucht, um dem Druck über 90 Minuten standzuhalten. Die deutschen Spieler waren extrem ballsicher, wechselten immer wieder das Tempo, rissen Lücken und ließen auch nach dem 4:1 keinen Zweifel aufkommen, dass sie die Spielkontrolle nicht wieder abgeben würden.

Die bislang so starke deutsche Abwehr wurde in diesem Spiel kaum gefordert. Der gefährlichste Spieler war in dieser Hinsicht Bastian Schweinsteiger, der eine für seine Verhältnisse desolate Fehlerquote hatte. (Gerade auch deshalb ist Sami Khediras Weltklasseleistung in diesem Spiele besonders zu würdigen.) Dennoch konnte man das große Selbstbewusstsein der Hintermannschaft erkennen. Die ganze Klasse von Mats Hummels zeigte sich nach 84 Minuten, als er nach einer erfolgreichen Grätsche sichtlich unzufrieden und kopfschüttelnd durch den Strafraum trabte. Andere Verteidiger putschen sich mit solchen Szenen auf. Hummels ärgerte sich, dass es überhaupt dazu gekommen war, denn eine Grätsche ist das letzte Mittel und im Strafraum nicht ohne Risiko. Er weiß, dass er die Situation schon vorher besser lösen muss. Er weiß aber auch, dass er es besser kann. Im Halbfinale gegen Italien oder England dürfte mehr Arbeit auf ihn zukommen.

So sehr ich mich über diese deutsche Mannschaft freue, so sehr geht mir das Drumherum auf die Nerven. Allein schon, wenn ich die unsäglichen “Sieg!”-Rufe aus dem deutschen Fanblock höre, wünsche ich mir fast, das Turnier möge für Deutschland so schnell wie möglich vorbei sein. Es ist noch nicht lange her, dass ein Teil der Fans im deutschen Fanblock auf diesen Ausruf mit “Heil!” antworteten. Es ist ein gefährlicher Irrtum zu glauben, man könne den neuen, angeblich weltoffenen Party-Nationalismus der Eventfans sauber vom Nationalismus am rechten Rand der Gesellschaft trennen. Aber das ist einen eigenen Beitrag wert, zu dem ich in den nächsten Tagen hoffentlich noch kommen werde.