Schlagwort-Archiv: Mehmet Ekici

Wie viel Veränderung vor dem Nordderby?

Wer dachte, dass man bei Werder nach dem 0:5 gegen Borussia Dortmund wie sonst üblich zur Tagesordnung übergehen würde, sieht sich dieser Tage getäuscht. Vor dem Nordderby am Sonntag in Hamburg steht noch so manches Fragezeichen über Werders Aufstellung wie taktischer Ausrichtung.

Drohende Ausfälle und Wackelkandidaten

Mit Aaron Hunt und Marko Arnautovic drohten zwei gesetzte Spieler für die Partie gegen den HSV auszufallen. Zwar stehen beide letztlich im Kader, aber ob es für die Startelf reicht bleibt abzuwarten. Eine Wiederholung des 4-2-4-0-Experiments ist dennoch sehr unwahrscheinlich, wurde es doch nach dem Spiel in den Medien für die Niederlage gegen den BVB verantwortlich gemacht. Im Training wurden unter der Woche verschiedene Formationen mit unterschiedlichen Aufstellungen getestet, darunter auch ein 4-4-2 mit einer Doppelspitze Akpala/Petersen. Eine Rückkehr zum 4-1-4-1 halte ich dennoch für wahrscheinlich. Veränderungen sind eher in personeller Hinsicht zu erwarten.

Neben dem oben erwähnten angeschlagenen Duo gibt es noch einige weitere Wackelkandidaten. Da wäre zum einen Sebastian Prödl, im Dortmund-Spiel nach dem 0:3 ausgewechselt und schon in der Hinrunde keineswegs unumstritten. Lukimya war bereits einige Mal dicht dran, ihn aus der Startelf zu verdrängen. In Hamburg könnte er eine Chance von Anfang an erhalten. Ebenfalls auf der Kippe steht Eljero Elia, mit dem Schaaf langsam die Geduld verliert. Zumindest wurde dies durch die Blume so an die Öffentlichkeit kommuniziert (“Er bringt auf dem Platz nicht zu Ende, was er vorbereitet” = fehlende Effektivität). Es ist allerdings kaum denkbar, dass drei der fünf etatmäßigen Offensivkräfte am Sonntag nicht in der Startelf stehen. Somit dürfte Elias Aufstellung auch von Hunt und Arnautovic abhängen. Zu den heißesten Ersatzkandidaten zählt (neben Özkan Yildirim) plötzlich auch wieder Mehmet Ekici, der in der Hinrunde kaum eine Rolle spielte, im Training aber zuletzt in der A-Mannschaft stand.

Ein dritter Wackelkandidat ist etwas überraschend Theodor Gebre Selassie, der gegen Dortmund nicht gut aussah, jedoch in der Sollbruchstelle des asymmetrischen 4-2-4-0-Systems agierte, wo er wenig Unterstützung bekam. Da es auf seiner Position keinen direkten Ersatz gibt, könnte Allrounder Aleksandar Ignjovski für ihn auflaufen. Nicht zur Diskussion steht offenbar Kapitän Clemens Fritz, obwohl er bislang eine enttäuschende Saison spielt. Er könnte gegen den HSV auf seine vor der Saison vorgesehene Position im defensiven Mittelfeld zurückkehren, falls Junuzovic weiter vorne benötigt wird.

Got a little Captain in you?

Es ist interessant zu sehen, dass Schaaf bereits nach einem absolvierten Rückrundenspiel personelle Konsequenzen zieht. Er will offenbar nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen, als er allzu oft so lange wie möglich an formschwachen Spielern festhielt, in der Hoffnung sie mögen sein Vertrauen später belohnen. Die alte Rehhagel-Schule. Seinen Kapitän lässt er dabei jedoch noch außen vor, was einerseits verständlich ist, zumal die Alternativen im Mittelfeld durch die möglichen Ausfälle rar sind. Andererseits wiederholt er damit vielleicht einen anderen Fehler, der ihm in der Vergangenheit vorgeworfen wurde, nämlich zu lange an seinen Führungsspielern festzuhalten, wenn sie ihren Zenit überschritten haben.

Nun ist Fritz weder uralt, noch sollte man seine wichtige integrative Rolle in der jungen Mannschaft herunterspielen. Doch er zeigte sich auf dem Platz in dieser Saison bislang nur selten als ein Spieler, an dem sich die Mitspieler aufrichten können. Zu wenige Impulse konnte er Werders Spiel geben, zu viele Probleme hatte er in seinem eigenen Spiel. Auch wenn seine Qualitäten als Mittelfeldspieler häufig unterschätzt wurden, steht Fritz derzeit an einem Punkt, an dem man darüber diskutieren muss, ob seine Präsenz auf dem Platz der Mannschaft mehr schadet als hilft. Er scheint mir nicht der Spielertyp zu sein, der bei einem Verlust seines Stammplatzes die Stimmung in der Mannschaft runterziehen würde. Hoffentlich zahlt sich Schaafs Vertrauen aus und er steigert sich in der Rückrunde noch einmal zu der Form, die er in der Hinrunde der vergangenen Saison hatte.

Der HSV – vom Abstiegskandidaten zur Mittelklassemannschaft

Mit dem HSV trifft Werder auf einen Gegner, der eigentlich mit genügend eigenen Problemen zu kämpfen hat. Vor der Saison musste man sich in Hamburg ernsthafte Sorgen darum machen, in diesem Jahr die Klasse halten zu können. Der Kader wirkte unausgeglichen, der Saisonauftakt ging daneben und auch der Trainer strahlte eine gewisse Ratlosigkeit aus. Mit ein paar Last-Minute-Einkäufen verstärkte man sich kurz vor Ende der Transferperiode noch einmal und was zunächst wie ein Panikkauf wirkte, hat dem HSV wohl die Saison gerettet. Besonders der Kauf von Milan Badelj ist hier hervorzuheben. Der Kroate spielt einen mehr als soliden Part im defensiven Mittelfeld und sorgt für die nötige Balance im Team. Somit konnte man sich früh aller Abstiegssorgen entledigen und darf mit einem Auge vorsichtig in Richtung internationalem Wettbewerb schauen.

Eigentlich wäre der HSV damit genau das, was man Werder gerne vorwirft: Eine graue Maus. Oder etwas positiver formuliert: Eine Mittelklassemannschaft mit Luft nach oben, die sich gerade in der Phase eines Umbruchs befindet. Eigentlich. Wäre da nicht Rafael van der Vaart, der außerhalb des Spielfelds wie gewohnt für Schlagzeilen in der Hamburger Medienlandschaft sorgt und auf dem Platz für gelegentliche Geniestreiche verantwortlich ist. Ich glaube nicht, dass van der Vaart dem HSV langfristig weiterhelfen wird, seine Verpflichtung war mindestens ebenso PR-Gag eines Hamburger Unternehmers wie eine sportlich sinnvolle Entscheidung. Seine Qualitäten will ich dem Holländer nicht absprechen, er machte in der Hinrunde in einigen Spielen den Unterschied, aber er passt meiner Ansicht nach nicht mehr so richtig in das Gesamtgefüge.

Trainer Thorsten Fink hat in dieser Saison hingegen eine Entwicklung genommen, die ihm viele nicht mehr zugetraut hätten. Lange Zeit sah es so aus, als wolle er sein präferiertes System bis zum Ende durchziehen, auch wenn es immer weniger Ertrag brachte und seiner Mannschaft nicht ganz zu behagen schien. Inzwischen hat er sein System den vorhandenen Spielern angepasst. Das Spiel des HSV wirkt seitdem viel harmonischer vom Aufbau bis zum Abschluss. Ich würde die Hamburger derzeit genau in die Kategorie der Mannschaften einordnen, die auf Werders Augenhöhe sind und an denen man sich messen sollte. Von daher ist das Ergebnis heute – Derby hin oder her – für mich wichtiger, als das gegen Dortmund.

Nachtrag zum “spanischen System”

Was mich in der Nachbetrachtung immer noch ärgert, ist dieser ständige Vergleich von Werders Taktik mit der Spaniens bei der Europameisterschaft. Nicht nur weil sie ziemlich sinnlos ist (es gibt kaum Parallelen zwischen den Teams und ihrer Ausrichtung), sondern weil sie den Eindruck erweckt, als müsse eine Mannschaft zwingend spielerisch überlegen sein, um ein System ohne Mittelstürmer spielen zu können. Dabei war der Gedanke hinter der stürmerlosen Spielweise zunächst ein anderer und das spanische System 2012 keineswegs dessen Erfindung.

Interessanterweise wurde das System beim AS Rom eher aus der Not heraus geboren, weil alle Mittelstürmer ausgefallen sind. Die Vorteile des Systems in der sich ändernden Fußballwelt führten aber schnell dazu, dass andere Trainer das System übernahmen oder in Erwägung zogen. Der Grund ohne Mittelstürmer zu spielen, lag in erster Linie darin, aus dem Mittelfeld überfallartig angreifen zu können und den Innenverteidigern dabei den Zugriff zu nehmen. Bei Manchester Uniteds Champions League Sieg 2008 standen mit Ronaldo, Rooney und Teves zwar drei Spieler auf dem Platz, die als Spitze agieren können, von denen sich jedoch keiner konstant im Sturmzentrum aufhielt. Daher ist es vielleicht – wie bei Werder am letzten Samstag – falsch, von einem “stürmerlosen System” zu sprechen. Mit Petersen stand ein Stürmer auf dem Platz, wenn auch in einer ungewöhnlichen Rolle. Bei den Spaniern hingegen war bei der EM oftmals kein echter Stürmer auf dem Feld, obwohl es in der Formation eine Mittelstürmerposition gab. Das beste Spiel machte Spanien im Finale, als Fabregas (siehe Zitat unten) mehr wie ein klassischer Mittelstürmer agierte.

Ein paar Lesetipps zum Thema:

AS Roms 4-6-0-System von 2007, vorgestellt bei Zonal Marking

Blick in die Zukunft des 4-6-0 von Jonathan Wilson (2008)

Daran angelehnt: Ein Text von Christoph Biermann zur EM 2008 im Spiegel

Spielbericht zum EM-Finale 2012 bei Zonal Marking, Money Quote: “[Fabregas is] clearly not a natural forward, but it might actually be inappropriate to label him a false nine here – his positioning was that of a classic centre-forward, his runs were that of a classic centre-forward, and he rarely dropped deep into the midfield zone.”

Interview bei den Clubfans United

Da ich diese Woche leider (mal wieder) nicht zum Bloggen gekommen bin, bin ich froh, wenigstens auf ein Interview zum Spiel 1. FC Nürnberg – Werder Bremen verweisen zu können, das die Clubfans United mit mir geführt haben. Neben der Rückkehr von Andreas Wolf und Mehmet Ekici zu ihrem ehemaligen Verein wird dort auch der Tod des Weser-Bloggers Ronny Schmelzer thematisiert. Hier könnt ihr das Interview nachlesen:

Der Wolf im Schaafspelz

Wenn ich noch etwas Zeit und Lust finde, gibt es morgen noch eine kurze Vorschau aufs Spiel. Ein Live-Blog wird es morgen eher nicht geben.

Braucht Werder einen (neuen) Spielmacher?

Klaus Allofs hat letzte Woche in einem Interview angekündigt, einen Spielmacher verpflichten zu wollen, einen Nachfolger für Micoud, Diego und Özil. Mit Mehmet Ekici scheint ein geeigneter Kandidat bereits gefunden zu sein. Damit entspricht Werder dem Wunsch vieler Fans, die die Ursache für Werders miserable Saison vor allem im Fehlen eines Mittelfeldregisseurs sehen. Johan Petersen hat in seinem Blog geantwortet, Werder brauche keinen neuen Spielmacher, da dieser im modernen Fußball nicht mehr benötigt werde. Hat er Recht?

Der Niedergang des Spielmachers

Zunächst einmal gilt es zu definieren, was wir unter einem Spielmacher heutzutage überhaupt verstehen. Lange Zeit stellte sich diese Frage im Fußball nicht. Der Spielmacher, das war der 10er, der Mann hinter den Spitzen, der das Angriffsspiel auf sich zog und die entscheidenden Pässe spielte. Das Spiel hat sich jedoch nicht erst in den letzten Jahren radikal verändert. Es wird mehr gelaufen, das Tempo ist höher, Spieler haben weniger Zeit am Ball und können das Spiel nicht mehr gemächlich aufziehen. Viele Mannschaften gingen dazu über, auf einen Spielmacher zugunsten eines zweiten Sechsers zu verzichten. Das heute übliche 4-4-2 setzte sich durch, bei dem die Flügelspieler den offensiven Part übernahmen und die zentralen Mittelfeldspieler absicherten. Es ging um Risikominimierung und Verlagerung des Spielgeschehens – der Siegeszug der Doppelsechs. Der Raum zentral vor der Viererkette des Gegners wurde zum Niemandsland, zu einer Zone, in der kein Spieler mehr die Zeit fand, um in aller Ruhe das Spiel aufzuziehen. Werder bildete zu jener Zeit mit Johan Micoud und später Diego in der Mittelfeldraute eine seltene Ausnahme.

Die Entwicklung hielt an dieser Stelle jedoch nicht an. Sie setzte sich sogar so rasant fort, dass heute das 4-4-2 mit Doppelsechs schon wieder als veraltet und nicht mehr konkurrenzfähig gilt. Um der gegenseitigen Neutralisierung im starren 4-4-2-Duell zu entgehen, bildeten sich neue Spielsysteme heraus, die man verallgemeinernd als 4-5-1/4-3-3-Gemische bezeichnen kann. Diesen Systemen ist gemein, dass sie auf eine zweite Sturmspitze zugunsten eines weiteren Mittelfeldspielers verzichten und damit zumindest nominell wieder einen Zehner aufbieten. Das 4-2-3-1, die wohl bekannteste und verbreitetste Formation, lässt sich evolutionär aus zwei Richtungen erklären. Zum einen ausgehend vom 4-4-2 mit offensiven Außen. Einer der beiden Stürmer lässt sich weit zurückfallen, so dass sich zunächst ein 4-4-1-1 ergibt. Diese Einteilung wurde mit der Zeit immer rigider, so dass Flügelspieler und hängende Spitze zu einer gemeinsamen Reihe uminterpretiert wurden. Aktuelles Beispiel hierfür ist Manchester United, wo Wayne Rooney häufig die Rolle der hängenden Spitze ausübt und somit als 10er angesehen werden kann. Das System lässt sich jedoch auch ausgehend vom holländischen 4-3-3 erklären, das für die meisten Mannschaften im europäischen Spitzenbereich inzwischen zu offensiv ist. Die Außenstürmer mussten mit der Zeit immer mehr Defensivaufgaben übernehmen, so dass sie irgendwann auf einer Höhe mit dem Spielmacher agierten. Das Inter Mailand der letzten Saison lässt sich hier beispielhaft nennen, das mit Sneijder einen Spielgestalter im Dreiermittelfeld aufbot und ihm die Außenstürmer Eto‘o und Pandev an die Seite stellte, die ein ungeheures Defensivpensum abspulten.

Die Neuerfindung des Zehners

Was bedeutet dies nun für die Position des Zehners? Im 4-5-1/4-3-3 kann sie sowohl von einem spielstarken Stürmer als auch von einem Mittelfeldspielers gespielt werden. Je nach Ausrichtung der Mannschaft können unterschiedliche Spielertypen eingesetzt werden. Ein wirklicher Regisseur wird auf dieser Position nicht mehr unbedingt benötigt, weil der Zehner weniger Zeit am Ball und weniger Zeit zum reagieren hat. Seine wichtigste Aufgabe besteht darin, sich der Bewachung durch die gegnerischen Sechser zu entziehen und Lücken zu suchen – nicht am Ball, sondern schon bevor er ihn zugespielt bekommt. Sein Arbeitsgebiet befindet sich zwischen Viererkette und defensivem Mittelfeld des Gegners, genau in der Zone also, in der er dem größten Druck des Gegners ausgesetzt ist und in der ihm am wenigsten Zeit bleibt. Das Spiel ohne Ball ist im gesamten Fußball wichtiger geworden, doch auf keiner Position so sehr, wie auf der des Zehners. Wer sich nicht gut bewegt, ist nicht in der gefährlichen Zone anspielbar und muss sich erst mühsam mit dem Ball am Fuß in eine gute Ausgangslage bringen. Diese Aufgabe ist gegen gut organisierte Gegner selbst für technisch brillante Spieler häufig eine Nummer zu groß.

Einen Spielertyp wie Micoud wird es in naher Zukunft wohl nicht mehr geben. Allerdings sollte man hierbei nicht vergessen, wie schnelllebig der Fußball sein kann. Vor weniger als zehn Jahren wurde der Mittelfeldspieler vom Typ Xavi Hernandez totgesagt, der heute das pulsierende Herz der besten Vereins- und Nationalmannschaft der Welt ist. Mesut Özil ist dagegen einer der Prototypen des modernen 10ers, der die Räume zwischen den Linien fast optimal nutzt und seine Stärken im 4-2-3-1 voll einbringen kann. Seinen Abgang hat Werder in dieser Saison nicht kompensieren können. Eine Rückkehr von Diego (die ich für unwahrscheinlich halte) könnte für Werder Fluch und Segen zugleich sein. Seine überragenden Fähigkeiten am Ball in allen Ehren, hat sich Diego in den 4-2-3-1-Systemen seiner letzten beiden Arbeitgeber nicht wirklich gut eingefügt und neigt noch immer dazu, den eigenen Ballbesitz im Mittelfeld dem Schaffen von Räumen durch geschickte Laufwege vorzuziehen.

Der Aufstieg des spielmachenden Sechsers

Die Veränderungen auf der Zehnerposition bedeuten jedoch nicht, dass es im Fußball keine Spielmacher mehr gibt, wenn man Funktion und Position voneinander trennt. Vor allem Mannschaften, die auf viel eigenen Ballbesitz setzen, benötigen im Zentrum (mindestens) einen Spieler, der mit hoher Präzision und Übersicht die Bälle auf seine Mitspieler verteilt. In den meisten Mannschaften übernimmt diese Aufgabe heutzutage einer der beiden Sechser. Die Verbreitung der Doppelsechs hat dazu geführt, auf dieser Position nicht mehr nur reine Spielzerstörer einzusetzen. Das Anforderungsprofil des Sechsers hat sich verändert und oftmals setzen Trainer auf eine Arbeitsteilung, bei der die beiden Spieler unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Exemplarisch seien hier Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira in der Nationalmannschaft erwähnt. Ersterer zieht das Passspiel aus der Tiefe heraus auf, hält sich mit eigenen Vorstößen jedoch zurück. Letzterer spielt mit mehr Energie, betreibt aktives Pressing gegen das gegnerische Mittelfeld und rückt bei Ballbesitz seines Teams regelmäßig mit in die Spitze vor. Auch in ihren jeweiligen Vereinen übernehmen die beiden – mit anderen Nebenleuten – dieselben Aufgaben.

Der Sechser vom Typus Schweinsteiger hat also viele Aufgaben des traditionellen Spielmachers übernommen und führt sie in einer Zone aus, in der er etwas mehr Zeit und Platz am Ball hat, als auf der Zehnerposition. Neben einer guten Übersicht und strategischem Spielverständnis braucht es dafür auch ein hohes Maß an technischen Fähigkeiten sowie eine gute Ballverarbeitung, um sich auch unter gegnerischem Pressing mit dem Ball drehen zu können und das Spiel vor sich zu haben. In fast allen europäischen Spitzenclubs lässt sich zumindest ein spielmachender Sechser identifizieren (Barcelona bildet hier mit dem Dreigespann Busquets-Xavi-Iniesta einen Sonderfall): Xabi Alonso, Michael Carrick, David Pizarro, Nuri Sahin, Jack Wilshere.

Bei Werder fällt es hingegen schwer, an dieser Stelle fündig zu werden. Philipp Bargfrede ist eher ein Typ Khedira, ein möglicher kongenialer Partner für einen solchen Ballverteiler. Borowski hat seine großen Stärken als Verbindungsspieler und beim Vorstoß in die Spitze. Wesley hält den Ball noch immer viel zu lange, um das Spiel aus der Tiefe schnell zu machen. Und so bleibt der größte Teil der Verantwortung bei einem Mann hängen, der seine besten Jahre hinter sich hat: Torsten Frings. Jahrelang gab er die eierlegende Wollmilchsau, die in allen Bereichen des Mittelfelds mitgemischt hat. Inzwischen werden seine Defizite jedoch immer offensichtlicher, sei es Stellungsspiel, Ballverarbeitung oder Ballverteilung. Frings hat noch immer seine lichten Momente und mag für das Team mit seiner kämpferischen Einstellung wichtig sein. Aus spielerischer Sicht ist er für Werder jedoch zum Bremsklotz geworden und bei einer Verlängerung seines Vertrags droht sich diese Entwicklung fortzusetzen.

Spielmacher ja, Zehner vielleicht

Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Ja, Werder braucht aus meiner Sicht wieder einen Spielmacher, doch dieser muss und sollte nicht auf der Zehnerposition beheimatet sein, sondern auf der des Sechsers. Bei der Frage, ob Werder auch einen neuen 10er braucht, bin ich etwas unschlüssig, tendiere aber dazu, sie zu bejahen. Trotz seiner katastrophalen Saison traue ich Aaron Hunt diese Position nach wie vor zu, jedoch nicht mit der “Bürde” gepaart, die 1A-Lösung zu sein. Mental scheint mir Hunt viel zu fragil, um auf ihn als einzige Option zu setzen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Florian Trinks hierfür in Frage kommt oder ob er doch eine Reihe dahinter besser aufgehoben wäre. Einiges wird auch von der Systemfrage abhängen. Noch kann man nur Spekulieren, ob Werder in der kommenden Saison weiter mit Raute oder im 4-2-3-1 spielen wird.

Allerdings – und in diesem Punkt bin ich wieder ganz bei Johann – braucht Werder im Raum zwischen Sturmspitze und Mittelfeld vor allem Spieler, die sich gut ohne Ball bewegen und Räume schaffen, was in dieser Saison weder Marin noch Arnautovic zufriedenstellend gelungen ist. Eine Verpflichtung von Mehmet Ekici ginge in die richtige Richtung. An Gündogan, Götze, Kagawa, Holtby oder Schürrle wird man nicht herankommen. Es gilt, neue Spieler mit solchen Fähigkeiten ausfindig zu machen – vielleicht auch aus den eigenen Reihen. Keine einfache Aufgabe für Klaus Allofs, dessen gedanklichen Ausflug in die erfolgreichen Vergangenheit ich daher überaus verständlich finde.