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Ein fragiles Gebilde namens Werder

Champions League, 2. Spieltag: Inter Mailand – Werder Bremen 4:0

Wir haben vier zu null gegen Inter Mailand verloren. Wenn ich die Mechanismen des Fußballs richtig verstanden habe, müssen wir nun den Trainer entlassen, 5-6 Spieler aus dem Kader verbannen (nicht alle, die schlecht spielen, sondern nur die, die bei den Fans unbeliebt sind) und auf “die Jugend” setzen. Spieler nachkaufen geht schließlich momentan nicht, trotz der 20 bis 50 Millionen, die Klaus Allofs in seiner Matratze versteckt hat. Zum Glück “greifen” die Mechanismen des Fußballs in Bremen etwas anders.

Die Niederlage gestern war bitter, ihr Zustandekommen fast noch bitterer. Werder hat 10 Minuten lang richtig gut mitgespielt, hätte sogar in Führung gehen können, aber war in den folgenden 80 Minuten hoffnungslos unterlegen. Angesichts der bisherigen Leistungen in dieser Saison musste man das befürchten. Vor einer Woche hat man 1:4 in Hannover verloren. Dennoch gab es nach dem Erfolg im Nordderby die Hoffnung, dass man sich an einem solchen Spiel hochziehen kann. Dass man eine Leistung abrufen kann, die wieder an das erinnert, was wir von Werder in den letzten Jahren gewohnt sind.

Es kam anders. Werder ließ sich nicht mit Pauken und Trompeten auskontern. Man stand auch nicht wie das Kaninchen vor der Schlange, wie im Pokalfinale gegen die Bayern. Man hatte eigentlich eine gute Taktik, stand nicht zu hoch, spielte schnell nach vorne und kam zu Torchancen ohne dabei die Abwehr zu entblößen. Eigentlich. Denn Inter fand trotzdem die Lücken, die sie brauchten, um immer wieder gefährlich vors Tor zu kommen. Es war ein deutlicher Klassenunterschied, den man nicht nur auf die verletzten Spieler schieben sollte.

Inter in allen Belangen überlegen

Es gab natürlich einen Unterschied in der individuellen Klasse der Spieler. Die Fehler von Jensen vor dem 0:1 und Bargfrede vor dem 0:4 sprechen Bände. Der eine hat jahrelang immer wieder verletzt gefehlt und nur wenige Spiele auf Topniveau absolviert, der andere hat nach einer tollen Premierensaison die erste Krise seiner Profikarriere. Man kann ihnen eigentlich nicht verübeln, dass Sneijder und Eto’o zwei Nummern zu groß für sie waren. Wäre es mit Frings anders gewesen? Hätte er so tief gestanden, dass er Eto’o den Raum genommen hätte? Die Rolle der “falschen Neun”, die Eto’o gestern Abend in Inters Spitze spielte, erinnerte stark an seine Zeit in Barcelona. Werder bekam das gesamte Spiel über keinen Zugriff auf ihn. Hier ist vor allem der Trainer gefragt. Thomas Schaaf sagte nach dem Spiel im Interview, dass man diese Spielweise vor der Partie immer wieder angesprochen habe. Es scheiterte also an der Umsetzung.

So kam es, dass Werder auch strukturell das Nachsehen hatte. Die Raumaufteilung in der Defensive war teilweise hanebüchen. Man konnte den Spieler dabei zusehen, wie sie angesichts der immer größer werdenden Dominanz Inters immer mehr in Panik gerieten. Eigentlich hätte dieser Spielverlauf allen klar sein müssen, denn dass der Titelverteidiger nach Werders exzellenter Anfangsphase die Partie mit der Zeit an sich reißen würde, kam nicht überraschend. Nun hätte man sich hinten einigeln müssen, dem Gegner keine Räume bieten und dann nach der Balleroberung blitzschnell nach vorne spielen. Leider setzte Werder nur den letzten dieser Punkte um. Warum lernt Werder diese Spielweise nicht? Woran hapert es?

Es war klar, dass Inter sich irgendwann auf die schnellen Gegenstöße einstellen würde, nur leider war das Spiel zu diesem Zeitpunkt schon entschieden. In der zweiten Halbzeit mühte man sich zwar gegen ein nun aufs Verwalten bedachtes Inter, doch es fiel der Mannschaft immer schwerer, gefährlich vors Tor zu kommen. Am Ende kam es wie es kommen musste, aber das war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr wirklich wichtig. Das Spiel ging in der ersten Halbzeit verloren, als man gegen Eto’o und Sneijder in der Mitte machtlos war und auf den Außen die schnellen Biabiany und Coutinho nicht in den Griff bekam.

Das Prinzip Hoffnung für die Bundesliga

Das Ergebnis ist letztlich das kleinere Übel. Viel problematischer ist der psychologische Aspekt. Nach dem Hoffnungsschimmer am Samstag wieder so dermaßen auf die Nase zu fallen, wird nicht spurlos an der Mannschaft vorbeigehen. Wie sollte es auch? Jede Niederlage nagt am Selbstbewusstsein, erst recht wenn viele Spieler noch gar nicht richtig in der Saison drin sind. Es wird wieder von Einstellung gesprochen werden, von Laufbereitschaft, doch allein damit gewinnt man im Profibereich keine Spiele. Werder ist gestern mehr gelaufen als Inter, weil Inter den Ball und den Raum kontrollierte und Werder ständig ausbügeln musste. Viel mehr geht es um Raumaufteilung, um kollektives Denken und Handeln der Mannschaft. Dazu braucht es ein geschlossenes Team, das Werder derzeit meistens abgeht. Gegen den HSV gab es in dieser Hinsicht gute Ansätze. Gestern waren diese nach dem Rückstand schnell wieder verschwunden, was zeigt, wie fragil das Gebilde noch ist.

Leider sind zu viele Spieler mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, als dass sie der Mannschaft wirklich helfen können. Arnautovic hat gestern sein vielleicht schlechtestes Spiel für Werder gemacht und war mehr auf persönliche Revanche gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber aus. Marin ist leider immer noch sehr eindimensional und kann wenig zum Spiel beitragen, wenn er mit seinen Dribblings nicht erfolgreich ist. Silvestre hat aus dem Stand innerhalb von 19 Tagen 6 Spiele absolviert und zu große Defizite, um von seiner Routine auf diesem Niveau profitieren zu können. Selbst Prödl, der in den letzten Wochen deutliche Fortschritte gemacht hat, war gestern völlig überfordert. In der Summe mit den Verletzungsproblemen und Formschwankungen einiger Spieler ist es für Werder momentan einfach zu viel, um damit fertig zu werden. Am Sonntag geht es nach Leverkusen, wo man ohnehin nicht unbedingt Favorit ist. In der momentanen Situation ist man sogar deutlicher Außenseiter. Es bleibt das Prinzip Hoffnung. Es gab schon bessere Zeiten in Bremen.