Schlagwort-Archiv: Per Mertesacker

Danke, Per!

Zum Ende der Transferperiode kam er also doch noch zustande: Der Wechsel von Per Mertesacker zum FC Arsenal, der seit Jahren im Raum stand; solange, dass man ihn schon ins Reich der ewigen Transfersagen verbannen wollte. Mit Merte verlässt Werder nicht nur der Kapitän und ein großer Sympathieträger, sondern auch ein weiterer Spieler, der für die erfolgreiche Ära Schaaf steht.

Debüt gegen Eto’o und Messi

Als Per Mertesacker im Sommer 2006 verpflichtet wurde, war er bereits gestandener Nationalspieler, beteiligt am Sommermärchen und trotz seines jungen Alters schon mit einiger Erfahrung. Es war eine Zeit, in der Werder einen Quantensprung vollzogen hatte und dank regelmäßiger Champions-League-Einnahmen bei den Einkäufen nicht mehr nur auf Schnäppchen und hervorragendes Scouting setzen musste, sondern sich auch Spieler mit geradlinigem Lebenslauf leisten konnte. Was 2004 mit Miroslav Klose begann und 2005 mit Torsten Frings fortgesetzt wurde, erreichte 2006 mit den Verpflichtungen von Diego, Pierre Womé, Clemens Fritz und eben Mertesacker seinen Höhepunkt. Endlich schien man das Team auch auf dem Papier einmal verstärken zu können, musste Spieler von damals (mindestens) gehobener internationaler Klasse wie Klose und Frings nicht abgeben und konnte auch deshalb den Abschied von Spielmacher Johan Micoud relativ gut und nahtlos kompensieren.

Mertesacker kam verletzt nach Bremen und konnte in den ersten Spielen nach seinem Wechsel noch nicht mitwirken. Er musste von der Tribüne verfolgen, wie sein neues Team einen geglückten Saisonstart mit Niederlagen gegen Schalke und Stuttgart sowie ein Unentschieden gegen den HSV in ein kleines Debakel verwandelte. Nach dem Sieg im Ligapokal und einer ansprechenden Vorbereitung war man schließlich als einer der Topfavoriten auf die Meisterschaft in die Saison gestartet. Auch in der Champions League Gruppenphase, in der man mit dem FC Barcelona und dem FC Chelsea die vermeintlich größten Brocken erwischt hatte, musste nach der Auftaktniederlage in London im Heimspiel gegen Barcelona dringend ein Punkt her. Mertesackers Debüt fiel ausgerechnet auf dieses Spiel, das im Nachhinein als Wendepunkt einer überaus erfolgreichen Hinrunde gewertet wurde. Werder trat mit neun deutschen Spielern (Wiese, Fritz, Mertesacker, Schulz, Baumann, Frings, Borowski, Klose, Hunt – allesamt früher oder später Nationalspieler) gegen das Starensemble um Ronaldinho an und bot eine herausragende Leistung. Bis kurz vor Schluss führte Werder gegen den Champions-League-Sieger und ließ nur wenige Chancen zu – auch weil Mertesacker von Anfang an mit seinem Partner Naldo in der Innenverteidigung funktionierte. Kurz vor Schluss erzielte ein Einwechselspieler (ein gewisser Lionel Messi) noch den Ausgleich für die Katalanen und verhinderte so die große Überraschung.

Führungsspieler mit kleinen Schönheitsfehlern

Im Prinzip brachte Mertesacker schon damals alle Eigenschaften mit, die seine Zeit in Bremen prägten: Solidität, Verlässlichkeit, Zweikampfstärke, gute vertikale Spieleröffnung. Dazu war er charakterlich eine große Bereicherung. Nie hatte man das Gefühl, dass er sich in den Mittelpunkt drängen oder mit großen Sprüchen auf sich aufmerksam machen wollte. Dennoch war er kein Mitläufer, sondern übernahm sukzessive mehr Verantwortung, als die alte Führungsgarde um Baumann, Diego und Frings sich dem Ende ihrer jeweiligen Werderzeit näherten. In Zeiten flacher Hierarchien und antiquierter Führungsspielerdiskussionen stellt Mertesacker den Gegenentwurf (nach Prägung von Frank Baumann) dar: Neben dem Platz eher ruhige Töne anschlagen, aber sich auf dem Platz nicht der Verantwortung entziehen. In dieser Hinsicht ist er ein gutes Vorbild für viele Spieler der neuen Generation und steht wohl auch deshalb trotz längerer Formkrise bei Bundestrainer Joachim Löw weiterhin hoch im Kurs.

Dennoch kann man Mertesackers Zeit bei Werder Bremen nicht auf diese positiven Aspekte beschränken. Schaut man zurück auf die fünf Jahre fällt es schwer, auf dem Platz eine große Entwicklung zu erkennen. Merte spielte auf hohem Niveau, als er zu Werder kam und er spielt auch heute noch auf hohem Niveau. Die Schwachstellen, die er 2006 in seinem Spiel hatte, konnte er bis heute nicht nachhaltig verbessern. Seine tiefe Formkrise im letzten Jahr kam zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Jahrelang hatten Naldo und Mertesacker die kleineren Formschwankungen des jeweils anderen gut kompensieren können. Nun fehlte der Brasilianer verletzt und Mertesacker konnte der wackeligen Viererkette lange Zeit keinerlei Stabilität verleihen. Sein Ruf hat unter der letzten Saison und der durchwachsenen WM in Südafrika gelitten. Der ersehnte Wechsel zu einer der Topmannschaften der Premier League schien nach der Verletzung in weite Ferne zu rücken. Nach seiner Genesung zeigte er jedoch erstaunlich starke Leistungen und ist wohl auch deshalb für Arsène Wenger nach dem desaströsen Saisonstart der Gunners die erste Option für eine Verstärkung der Innenverteidigung gewesen.

Wie groß ist der Verlust für Werder?

Ob Mertesacker die Herausforderung Arsenal erfolgreich bewältigen wird, will ich an dieser Stelle nicht erörtern. Ich wünsche es ihm auf jeden Fall. Bei Werder hinterlässt er definitiv ein Loch. Über seinen Status in der Mannschaft besteht keinerlei Zweifel. Menschlich ist er ein großer Verlust für diese sich im Umbruch befindende Mannschaft, doch auch auf dem Platz sollte man Mertesackers Bedeutung nicht unterschätzen. Die sich anbahnende Rückkehr von Naldo und die Verpflichtung von Andreas Wolf und Sokratis Papastathopoulos mögen den sportlichen Verlust in Grenzen halten, aber man sollte nicht erwarten, dass sein Weggang völlig Reibungslos kompensiert wird. Durch den späten Zeitpunkt des Wechsels steht Thomas Schaaf nun vor einem Problem: Er muss abwägen, ob er Mertesacker vorübergehend – bis zu Naldos Rückkehr – durch Sebastian Prödl ersetzt oder die bislang recht solide Defensivabteilung komplett durcheinander wirbelt: Sokratis in die Innenverteidigung und den im Mittelfeld aufblühenden Fritz zurück auf die rechte Abwehrseite. Im ersten Fall würde Andreas Wolf, der bislang nicht immer überzeugt hat, wohl für längere Zeit in der Innenverteidigung gesetzt sein. Im zweiten Fall könnte sich im Mittelfeld die Chance für Neuzugang Aleksandar Ignjovski bieten. Nachdem Schaaf seine favorisierte Formation für diese Saison gefunden hat (was ihm letzte Saison bis weit in die Rückrunde nicht gelang), wird er wenig erfreut über diese Veränderung sein.

Mach‘s gut, Per! Danke für die tolle Zeit. Du wirst immer ein Spieler sein, an den man sich bei Werder gerne erinnert.

Maurermeister Schaaf?

Bundesliga, 15. Spieltag: VfL Wolfsburg – Werder Bremen 0:0

Ein 0:0 auswärts in der Bundesliga ist für Werder in dieser Hinrunde ein gutes Ergebnis, egal gegen welchen Gegner. Man hat es schon zu sehr akzeptiert, als dass man sich über diese Tatsache noch richtig ärgern müsste. Gegen Wolfsburg war mehr als ein Punkt drin, weil Werder einen weiteren Schritt zu mehr defensiver Stabilität tat und trotzdem mehrere richtig gute Torchancen hatte. Allerdings hatte dieses Spiel eigentlich keinen Sieger – und wenn man ehrlich ist auch keine Tore – verdient.

Wolfsburg spielte über weite Strecken erschreckend schwach. Ein spielerisches Konzept konnte ich bei Steve McClarens Truppe nicht erkennen, vielmehr hieß die einzige Waffe im Offensivspiel Diego. Edin Dzekos Leistung war eine absolute Frechheit und die Wolfsburger scheinen gut darin beraten, den Ausnahmestürmer in der Winterpause für eine fürstliche Ablöse nach Madrid gehen zu lassen (falls ihm Hugo Almeida schwimmender Weise nicht zuvor kommt, har har). Wolfsburg war in den ersten 20-30 Minuten gefährlich, weil Diego gefährlich war. Danach kam nur noch sehr wenig. Das Spiel zeigte ganz gut, warum es für Werder in dieser Saison Gift wäre, Diego in der Mannschaft zu haben – auch wenn mir hierbei viele Fans widersprechen werden. Diego könnte mit seiner individuellen Klasse einige unserer strukturellen Defizite überdecken (wie auch schon zum Teil 2008/09), doch genau das wäre das Problem. Die Abhängigkeit von seinen genialen Ideen ist nichts, worum man Wolfsburg beneiden müsste. Unsere strukturellen Probleme (Spieleröffnung, Raumaufteilung) liegen momentan offener denn je und inzwischen habe ich auch das Gefühl, dass an ihnen gearbeitet wird. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit einem Diego, der als Alibi für andere Spieler fungieren kann, auch so wäre.

Politik der kleinen Schritte

Wenn das Spiel gegen St. Pauli ein kleiner Schritt nach vorne war, kann man das Wolfsburgspiel zumindest als einen Schritt zur Seite betrachten. Und da sich momentan alles, was kein weiterer Rückschritt ist, wie ein Fortschritt anfühlt, darf das Team aus diesem Spiel auch gerne etwas Selbstvertrauen schöpfen, bevor es gegen Inter und Dortmund wieder erschüttert zu werden droht. Es gibt in diesem Jahr noch ein wichtiges Spiel und das findet am 17. Spieltag gegen Kaiserslautern statt. Heute in der Champions League geht es wie schon in London darum, das Gesicht zu wahren. Gegen Dortmund befürchte ich kein Debakel, denn dafür werden sie uns für zu leicht befinden und ihre Kräfte für die Europa League schonen. Dortmund hat übrigens 7 Punkte mehr auf dem Konto als Werder zum selben Zeitpunkt in der Doublesaison. An dieses Spiel sollte man als Fan völlig erwartungslos herangehen.

Spielerisch geht es bei Werder noch nicht wirklich vorwärts, doch das kann man in dieser Hinrunde auch nicht mehr verlangen. Die personelle Situation, die kurzen Pausen zwischen den Spielen, die zwischenzeitliche Unruhe in Mannschaft und Umfeld – da kann man sich eigentlich nur die Wunden lecken und nach der Winterpause einen Neustart versuchen. Bei aller berechtigten Kritik darf man eben auch nicht vergessen, dass da teils Spieler auf dem Platz stehen, die eigentlich nur vierte oder fünfte Wahl auf ihrer Position sind. Wie würde sich ein Sandro Wagner wohl präsentieren, wenn er bei Dortmund in der 75. Minute eingewechselt werden würde, statt bei Werder den Lückenbüßer für unsere Ausfälle im Sturm zu geben? Die Übergänge vom vielversprechenden Sturmtalent zum scheinbaren Nichtskönner sind fließend, gerade für neue Spieler.

Der dritte Mann im Zentrum

Schon allein deshalb ziehe ich meinen Hut vor Dominik Schmidt. Dank seinen soliden Leistungen als Außenverteidiger (nicht mehr und nicht weniger sind sie) haben wir Clemens Fritzs Fähigkeiten als Sechser kennengelernt. Wenn die Aufstellung vor dem Spiel (Fritz als 6er, Bargfrede als offensiver rechter Mittelfeldspieler) noch überraschte, ergab die letztliche Aufteilung auf dem Spielfeld doch mehr Sinn. Werder spielte mit drei zentralen Mittelfeldspielern, um Wolfsburgs Raute im Schach zu halten und hatte in Hunt, Marin und Arnautovic drei variable Spieler in der Offensive, die ihre Sache ordentlich machten. Ein Problem ist in dieser Zusammensetzung die fehlende Präsenz in der Sturmspitze. Arnautovic spielt raumgreifend, weicht auf die Flügel aus und bräuchte dann eine Anspielstation im Strafraum. Da Hunt und Marin dafür kaum in Frage kommen, war es einige Male Bargfrede, der an der Strafraumgrenze angespielt wurde (bin ich der Einzige, der sich für diese Situationen einen fitten Tim Borowski gewünscht hätte?). Aus einer solchen Situation entstand schließlich auch der Elfmeter für Werder.

Leider verschoss Frings zum zweiten Mal in Folge, was für Sky Grund genug war, die Interviews nach dem Spiel auf diese Tatsache auszurichten. Wer aus diesen beiden Fehlschüssen eine Tendenz herauslesen möchte – bitteschön. Ich glaube eher, dass die 20er Serie ein statistischer Zufall war, denn obwohl Frings insgesamt gute Elfmeter schießt, war da auch der eine oder andere schwache Schuss dabei, der mit Glück trotzdem ins Tor ging. Dass das nicht immer klappen kann, ist eigentlich klar. Wollen wir hoffen, dass der Lutscher das mental wegsteckt und keine Serie daraus wird, denn seine Reaktion hinterher wirkte schon ein wenig dünnhäutig.

Übergangsjacke oder Wintermantel?

Hätten Arnautovic oder Hunt ihre Großchancen kurz vor Schluss genutzt, wäre das Fazit noch etwas positiver ausgefallen. So bleibt ein weiteres Zu-Null-Spiel, auf das man sich nicht viel einbilden darf, aber das der geschundenen Verteidigerseele sicherlich gut tut. Wenn Per Mertesacker jetzt noch seinen obligatorischen Katastrophenpass in den Fuß eines Gegenspielers aus dem Repertoire streicht, sieht das doch schon wieder nach einem Nationalspieler aus. Ansonsten fragt man sich natürlich, welche Elemente aus Werders Spiel Zukunft haben. Ist Schmidt mehr als nur eine Übergangslösung? Damit verbunden: Sehen wir Fritz noch häufiger im defensiven Mittelfeld? Ist die Lösung mit dem dritten zentralen Mittelfeldspieler ein Fortschritt oder ein Rückschritt? Können nicht gerade Marin und Hunt mit ihrer Spielweise davon profitieren? Und was platzt bei Arnautovic zuerst? Der Knoten oder der Kragen? Man hat bei ihm ja so den Eindruck, dass er noch gut auf 12-15 Saisontore kommen könnte, wenn er denn mal einen Lauf bekommt. Warum nicht gleich heute gegen Inter?

Die Probleme als Chance

Naldo noch lange verletzt. Mertesacker mit Augenhöhlenfraktur nicht einsetzbar. Auch Pizarro fällt aus. Es sieht nicht gut aus vor den schwierigen Spielen gegen Bayern und die Spurs. Werder kann nun entweder die nächsten Spiele freiwillig abschenken oder versuchen, die Personalprobleme als Chance zu begreifen.

Problem 1: Die Abwehr

Die Defensive ist bei Werder nicht erst seit dieser Saison ein Problem. Das liegt jedoch nicht zuletzt am Defensivverhalten der gesamten Mannschaft sowie einer sehr riskanten Defensivtaktik, die sich bei Fehlern leicht aus den Angeln heben lässt. In dieser Saison kommen nun auch Personalprobleme hinzu. Durch die Verletzung von Per Mertesacker bleiben für die Defensive kaum noch Optionen übrig. Ausgerechnet vor dem auf dem Papier schwierigsten Bundesligaspiel steht Werder ohne die beiden Stamm-Innenverteidiger der letzten vier Jahre da. Angesichts der beiden letzten beiden Spiele gegen die Bayern kann einem da schon Angst und Bange werden.

Muss es allerdings nicht. Auch in Bestbesetzung hatte Werder in diesen Spielen nicht gut ausgesehen. Dafür gab es mehrere Gründe, von denen fehlende Klasse der Spieler sicher nicht der wichtigste war. Robben gegen Boenisch war im Pokalfinale ein Missmatch, genau wie Robben gegen Abdennour einige Monate vorher. Dazu wird es am Samstag zum Glück nicht kommen. Der formstarke Fritz wird auf der anderen Abwehrseite mit Ribery mithalten können. Bleibt das Abwehrzentrum. Prödl hat bislang ordentliche Leistungen gezeigt, war sogar der stabilere der beiden Innenverteidiger. Trotz seiner Erfahrung und unbestrittenen Klasse war Mertesacker in der letzten Zeit kein zwingender Stammspieler. Nun kann er entweder durch den auf der Außenbahn zuletzt indisponierten Pasanen oder Neuzugang Silvestre ersetzt werden. Für Silvestre spricht die große internationale Erfahrung. Im Gegensatz zu Pasanen kann er bei seinem Debut außerdem unbelastet ins Spiel gehen. Eigentlich ist Silvestre eher für die Außenbahn vorgesehen, doch dazu scheint ihm auch noch etwas die Fitness zu fehlen. Prödl und Silvestre – Bei entsprechendem Defensivverhalten im Mitteldfeld ist diese Innenverteidigung konkurrenzfähig.

Problem 2: Das Mittelfeld

Im Gegensatz zu den anderen Mannschaftsteilen herrscht im Mittelfeld ein Überangebot an Spielern. Thomas Schaaf hat die Qual der Wahl: Lieber mit der in dieser Saison bewährten Raute spielen oder auf das in der letzten Saison favorisierte 4-2-3-1 setzen? Lieber auf Altbekanntes vertrauen oder Neuzugang Wesley ins kalte Wasser werfen? Lieber Flügeldribbler Marin wirbeln lassen oder die solide Variante mit Rautespieler Borowski wählen? Ein taktisches Experiment halte ich für unwahrscheinlich, nachdem Schaaf im Pokalfinale mit dem flachen 4-4-2 gnadenlos gescheitert ist. Frings und Bargfrede sind in beiden Systemen derzeit gesetzt. Nach meinem Empfinden würde Frings die Doppelsechs momentan ganz gut tun. Als einziger Defensivmann in der Raute gerät er zu oft in Bedrängnis und ein Spieler wie Thomas Müller nutzt das eiskalt aus. Taktisches Opfer wäre dann Borowski, der bislang solide gespielt hat, aber in der offensiven Dreierreihe nur in der Mitte zu gebrauchen ist. Dort führt nach überstandener Krankheit jedoch eigentlich kein Weg vorbei an Aaron Hunt. Wesley kommt prinzipiell für alle Positionen in Frage, aber ob Schaaf ihn in seinem ersten Spiel gleich auf die Spielmacherposition stellt? Marin war dort nur eine Notlösung, braucht die Außenbahn als Ausgangspunkt für seine Dribblings. Im 4-2-3-1 wäre auch Arnautovic eine Option für die rechte Außenbahn. Dies hängt jedoch nicht zuletzt von Schaafs Plänen im Angriff ab.

Problem 3: Der Angriff

Ohne Pizarro ist die Variante mit nur einem Stürmer weniger attraktiv. Almeida kann auch als einzige Spitze effektiv sein, braucht für seine große Stärke, die Verarbeitung von langen, hohen Bällen, jedoch einen Abnehmer. Arnautovic sehe ich eher als zweiten Stürmer und nicht so sehr als eigentliche Spitze. Nach seiner Gala gegen Köln kann ich mir kaum vorstellen, dass er am Samstag auf die Bank muss. Fragt sich also, ob er zusammen mit Almeida einen Zweiersturm bildet oder wie gegen Sampdoria über den rechten Flügel kommen soll. Ohne Pizarro fehlt Werders Angriff der wichtigste Spieler, doch die Klasse für ein oder zwei Tore gegen die wackelige Abwehr der Bayern ist allemal vorhanden.

Fazit

Allen Ausfällen zum Trotz: Der Ausgang des Spiels ist so offen, wie man aus Bremer Sicht nach der Lehrstunde im Pokalfinale nur hoffen konnte. Nicht nur die aktuelle Serie ohne Niederlage in München macht Hoffnung auf ein erfreuliches Spiel. Bayern ohne Robben und ohne den Lauf der vergangenen Rückrunde ist immer noch ein immens schwerer Gegner, aber längst nicht mehr so übermächtig. Werder kann trotz der Ausfälle ein schlagkräftige Truppe aufbieten.

Für das Spiel würde ich ein 4-2-3-1 vorziehen. Zum einen wegen der erwähnten Absicherung für Frings und zum anderen wegen Marins und Arnautovics guter Form. Mit Hunt in der Mitte hätte man eine gefährliche Offensive und zudem in Borowski und Wesley noch zwei echte Optionen auf der Bank.

Sommerpause (Teil 3a): Personalplanung 2011 – Tor und Abwehr

Heute gibt’s den letzten Teil meiner Sommerpausen-Trilogie. Zur besseren Übersichtlichkeit habe ich zwei Posts daraus gemacht.

Tor:

Tim Wiese: Er ist die unangefochtene Nummer 1 bei Werder. Seine Leistungen sind beständig auf hohem bis sehr hohem Niveau. In den letzten beiden Jahren hat er sich vom „Reflexgott“ zu einem mitspielenden Torwart entwickelt und konsequent an seinen Schwächen gearbeitet. Gilt trotzdem als Torwart alter Schule und hat fußballerische Defizite sowie Probleme bei der Strafraumbeherrschung.

Christian Vander: Eine solide Nummer 2 – nicht mehr, nicht weniger. Hat die Wackler aus der Anfangszeit bei Werder weitgehend abgestellt. Übt jedoch keinen Druck auf Wiese als Nummer 1 aus. Momentan ist dies kein Problem, mittelfristig sollte Werder die Position überdenken.

Nachwuchs: Sebastian Miellitz (21) und Felix Wiedwald (20) stehen hinter den beiden etablierten Torhütern im zweiten Glied. Beide sammelten in der letzten Saison durch Verletzungen der Konkurrenten schon Erfahrungen im Spieltagskader der Profis. Miellitz kommt bereits auf drei Einsätze bei den Profis, doch in Wiedwald sehe ich (von den wenigen Eindrücken, die ich von beiden habe) das größere Potenzial. Langfristig wird sich höchstens einer von beiden bei Werder etablieren können. Ihr Ziel muss es zunächst sein, sich durch starke Leistungen in der U23 für die Profis zu empfehlen und die Position von Christian Vander anzugreifen. Fraglich, ob einer von beiden irgendwann Tim Wiese ersetzen kann.

Transfers: Im Tor sind keine Transfers geplant. Die vorhandenen Torhüter werden nicht abgegeben. Als einzigen möglichen Grund für eine Neuverpflichtung in letzter Minute könnte ich mir eine langfristige Verletzung von Tim Wiese vorstellen.

Abwehr:

Per Mertesacker: Gesetzt in der Innenverteidigung. Hat eine durchwachsene WM gespielt und auch seine letzte Saison war nicht die beste. Bei Fans und Trainer trotzdem unumstritten. Beeindruckt nach wie vor mit seiner Ruhe und Übersicht. Entgegen vieler Kritiken mit guter Spieleröffnung. Größte Schwäche ist seine fehlende Schnelligkeit, die er gerade bei der WM zu selten durch gutes Stellungsspiel wettmachen konnte. Stagniert etwas, allerdings auf hohem Niveau. Verbesserungspotenzial vor allem beim Antizipieren von Spielsituationen. Spekulationen um einen Wechsel zu Arsenal erteilte Klaus Allofs eine Absage.

Naldo: Hat zurück zu seiner Form gefunden. In der vergangenen Saison insgesamt der bessere der beiden Innenverteidiger. Trotz seiner Größe schneller als Mertesacker und technisch sehr beschlagen. Sein Offensivdrang ist Segen und Fluch zugleich, da Werder ohnehin sehr risikoreich spielt. Erzielte allerdings letzte Saison für einen Abwehrspieler sensationelle 13 Saisontore. Vom Gesamtpaket her einer der besten Innenverteidiger der Liga, mit leichtem Hang zu Unkonzentriertheiten. Leider seit Beginn der Sommerpause angeschlagen und mit großem Fragezeichen versehen, was seine Genesung angeht. Ein längerer Ausfall wäre für Werder ein herber Verlust.

Sebastian Prödl: Hat sich bei Werder bislang unter Wert verkauft. Ist nach wie vor ein großes Talent, musste jedoch immer wieder auf der rechten Außenbahn aushelfen, wo er Probleme hatte. In der Innenverteidigung kam er nur bei Ausfällen zum Einsatz und konnte dabei nicht immer überzeugen. Ähnlich kopfballstark wie Mertesacker und Naldo, dazu mit viel Dynamik und guter Antizipation. Für einen Stammplatz jedoch noch nicht beständig genug und unter normalen Bedingungen mit wenig Aussicht auf mehr Spielpraxis. Spielte eine gute Vorbereitung. Naldos Verletzung könnte seine Chance sein.

Petri Pasanen: Routinier und Defensivallrounder. In der letzten Rückrunde mal wieder solider Rückhalt auf der linken Abwehrseite. Seine Wunschposition ist jedoch die Innenverteidigung, wo er wegen der großen Konkurrenz aber nur selten eingesetzt wird. Hat sich mit seiner Rolle als Aushilfskraft arrangiert und kommt dank seiner Vielseitigkeit trotzdem regelmäßig zum Einsatz. Defensiv sehr solide und taktisch gut geschult. Auf der Außenbahn nach vorne eher zaghaft, wenn auch längst nicht so harmlos wie oft dargestellt. Hat zu Saisonbeginn einen kleinen Vorsprung vor Boenisch.

Clemens Fritz: Hat in der letzten Saison nach langer Schwächephase zurück in die Spur gefunden und zeigte als rechter Verteidiger überwiegend gute Leistungen. Vor allem defensiv verbessert. Offensiv noch mit Luft nach oben, gerade im Vergleich zu seiner ersten Saison bei Werder. Hat im aktuellen Kader keinen ernsthaften Konkurrenten um einen Stammplatz. Ist dazu mit den Innenverteidigern gut eingespielt. In der Vorbereitung sehr beständig.

Sebastian Boenisch: Nach einer ansprechenden Hinrunde in der letzten Saison nach seiner Verletzung nicht mehr richtig in Schwung gekommen. Noch immer sehr abhängig von seiner physischen Verfassung. Lauf-, Kopfball- und Zweikampfstark. Im Stellungsspiel verbessert, aber noch mit Defiziten. Wirkt gegen hochklassige Gegenspieler schnell überfordert. Muss in dieser Saison den Sprung vom soliden Linksverteidiger ins obere Bundesligadrittel schaffen, um seinen Stammplatz zu festigen. Bekommt womöglich neben Aushilfskraft Pasanen noch einen weiteren Konkurrenten vorgesetzt. Zudem in der Vorbereitung mit kleineren Verletzungsproblemen.

Nachwuchs: Niklas Andersen (21) kam bislang nicht über gelegentliche Kadernominierungen hinaus. In zwei Jahren kommt er auf nur einen Bundesligaeinsatz. In der U23 zeigt er ganz gute Leistungen, doch wenn nicht bald noch eine Leistungssteigerung kommt, dürfte der Zug zum Profikader abgefahren sein. Ähnliches gilt in noch stärkerem Maße für Dominik Schmidt (23). Er wird im Profikader geführt, hat aber kaum noch Chancen sich dort festzusetzen. Besser sieht es da schon für Timo Perthel (21) aus, der sich in der vergangenen Saison zum Linksverteidiger umschulen ließ und dort überzeugen konnte. Falls niemand mehr für die Position verpflichtet wird, könnte er hinter Boenisch zum festen Bestandteil des Profikaders werden.

Transfers: Bislang wurde kein Abwehrspieler verpflichtet. Der Kader ist auf den Außenbahnen jedoch etwas dünn besetzt. Testspieler Aldo Corzo aus Peru wurde nicht verpflichten, wohl auch, weil er für die U23 nicht spielberechtigt ist, was es erschwert hätte, ihm Spielpraxis zu geben. Gesucht wird vor allem ein Linksverteidiger, sei es für die Startelf oder um Boenisch Druck zu machen. Definitiv nicht verpflichtet wird Aymen Abdennour, der laut Allofs in der letzten Saison “verbrannt” wurde. Häufig genannte Namen waren Reto Ziegler, Pablo Armero und Nadir Belhadj, die jedoch allesamt aus dem Rennen sind. Der Brasilianer Rycharlyson (Sao Paolo) ist laut Allofs kein Thema, doch es gibt Gerüchte wonach er Werders Plan B ist. Bleibt die Frage: Wer ist Plan A?

Bereits erschienen:

Sommerpause (Teil 1): Der ganz normale Wahnsinn

Sommerpause (Teil 2): Die Systemfrage reloaded

Es folgt:

Sommerpause (Teil 3b): Personalplanung 2011 – Mittelfeld und Angriff

Europa League, 1/16-Finale: Der heimliche Spielmacher

Twente Enschede – Werder Bremen 1:0
Werder Bremen – Twente Enschede 4:1

Als Werderfan kann man heute wirklich zufrieden sein. Aus der schwierigen Ausgangsposition, mit zwei Toren Vorsprung gewinnen zu müssen, hat sich Werder souverän ins Achtelfinale geballert und  dabei über weite Strecken richtig guten Fußball gespielt. Wie schon im Hinspiel vor einer Woche gehörte die erste halbe Stunde des Spiels Werder. Wie im Hinspiel erzielte Enschede dann wie aus dem Nichts ein Tor. Anders als vor einer Woche hatte Werder zu diesem Zeitpunkt aber schon die eigenen Chancen genutzt und mit 3:0 in Führung gelegen. Am Ende kam ein 4:2 Gesamtergebnis heraus, das nach den gezeigten Leistungen über 180 Minuten so in Ordnung geht. Twente hatte insgesamt nur eine Halbzeit lang Oberwasser gegen Bremen, verpasste es dort jedoch, eine noch bessere Ausgangssituation für das Rückspiel herauszuholen.

Die hätte es gestern Abend gebraucht, um gegen eine sehr konzentrierte und kombinationsfreudige Bremer Mannschaft etwas zu holen. Der Knackpunkt für Enschede war sicherlich die vergebene Chance durch Parker, bei der Vander seine – von vielen im Stadion unbemerkte – beste Aktion hatte, und dem folgenden Tor durch Claudio Pizarro. Vander war sehr lange stehen geblieben, gab Parker dadurch nicht die einfache Option, ihn auszugucken und dann einzuschieben. Dass der Schuss  nur an den Außenpfosten ging war dann natürlich auch Glückssache. Dennoch eine (sehr, sehr seltene!) Situation, in der ich ganz froh war, nicht den mit Messer zwischen den Zähnen heranrauschenden Tim Wiese im Kasten zu haben. Im Gegenzug dann Abdennour mit seiner besten Szene, einem gewonnenen Tackling im Mittelfeld und Özils Pass auf Pizarro, der sein bereits zwölftes Tor im zehnten Europa League Spiel erzielte. Danach war die Messe gelesen, ein Aufbäumen Twentes fand nicht mehr statt, obwohl Werder nicht mehr voll konzentriert wirkte.

Bei Özils Auswechslung nur verhaltener Beifall, obwohl er eine gute Leistung gezeigt hatte und an allen Toren beteiligt war. Es läuft noch längst nicht alles rund bei ihm, aber die Formkurve zeigt seit dem Spiel gegen Leverkusen wieder nach oben. Möglicherweise einer der Gründe: Özil musste gestern nicht Spielmacher und Vollstrecker zugleich sein. Die Umstellung mit Almeida und Pizarro gemeinsam im Angriff – zum ersten Mal in dieser Saison von Beginn an – machte sich deutlich bemerkbar. Während Marin und Özil mehr die Außenbahnen beackerten, ließ sich Pizarro (wie auch schon in der zweiten Halbzeit gegen Hoffenheim) häufig  gute zehn Meter hinter Almeida fallen und beteiligte sich am Spielaufbau. Eigentlich keine Besonderheit, doch gestern hatte er mit Almeida noch einen wirklichen Stürmer vor sich, der a) auch hoch anspielbar war und b) die Bälle wiederum für Pizarro ablegen konnte – eine Aufgabe die Pizarro zuvor in Personalunion schlecht selbst bewerkstelligen konnte. Trotzdem kann man seine Leistung gar nicht hoch genug bewerten. Großartiges Spielverständnis, gutes Auge, technisch ohnehin klasse. Die Lücke zwischen den defensiv überzeugenden, aber im Aufbauspiel verbesserungswürdigen Frings und Niemeyer und den kleinen Wirblern füllte er blenden aus. Es war, als hätte Werder endlich das fehlende Puzzlestück gefunden. Dazu nutzte Pizarro diesmal auch seine Chancen.

Nach einem zwar konzentrierten, aber etwas zähen Start war es Torsten Frings Pass, der das 1:0 einleitete. In dieser Situation hatte er am schnellsten gedacht, war den Niederländern um einen Schritt voraus und Werder brauchte es über die Stationen Özil, Almeida und Pizarro “nur” noch sauber zuende spielen. Almeidas punktgenaue Hereingabe ist dabei sicherlich ebenfalls hervorzuheben. Danach spielte sich Werder in einen Rausch und die Gäste fanden eine Viertelstunde lang keinen Weg, dem etwas entgegenzusetzen. Werder belohnte sich mit zwei weiteren Toren. Pizarro und Naldo behielten vor ihren jeweiligen Treffern die Nerven und schlossen überlegt ab. Gibt es einen anderen Innenverteidiger in Europa, der auf so viele unterschiedliche Weisen torgefährlich ist, wie Naldo? Kopfbälle, Freistöße und nun im Stile eines abgezockten Klassestürmers den Torwart verladen. Dazu in der Defensive oft im richtigen Moment aus der Viererkette gelöst und dadurch das Angriffsspiel unterbunden. Gerne hätte ich das bei seinem Nebenmann Mertesacker in den beiden Spielen zuvor gegen Janssen und Kroos auch gesehen! Mertesacker war auch gestern für mich neben dem übermotivierten Abdennour der einzige, mit dessen Leistung ich nicht ganz einverstanden war. Er war mit einer Grippe ins Spiel gegangen, was einerseits eine gute Entschuldigung, andererseits natürlich auch ziemlich leichtsinnig ist. Eine wirklich schlechte Leistung war es allerdings auch von ihm nicht. In der Spieleröffnung konnte er Pluspunkte sammeln. Mit Stürmer de Jong hatte er jedoch einige Probleme, weil dieser mit viel Körper- und Armeinsatz in die Luftzweikämpfe ging und sich so erstaunlich gut behaupten konnte.

Es war sicherlich noch nicht alles Gold, was da gestern im Weserstadion schon wieder sehr ansehnlich glänzte, aber es war eindeutig die beste Mannschaftsleistung des Jahres und ein Fingerzeig, wozu diese Mannschaft in der Saison noch fähig sein könnte. Das Comeback von Bargfrede macht zusätzlich Hoffnung. Thomas Schaaf steht nun jedoch vor dem Problem, über drei sehr gute offensive Mittelfeldspieler zu verfügen, die wunderbar harmonieren, nicht jedoch mit dem Zweiersturm Pizarro/Almeida zusammen aufgestellt werden können. Wäre Frings doch nur vier Jahre jünger! So dürfte es in den nächsten Spielen, in denen es nicht von der ersten Minute an einen Rückstand aufzuholen gilt, wieder auf die bekannte Formation hinauslaufen, mit Almeida als Backup für die Sturm- und Drangphase in den letzten dreißig Minuten. Alternativ könnte man natürlich auch einen der drei zuvor genannten auf der Bank lassen, am ehesten wohl Marin, der dann in der Schlussphase dem erschöpften Gegner Knoten in die Beine dribbelt. Nun geht es mit nur einem Tag Pause zum Auswärtsspiel nach Mainz. Eine ohnehin schwierige Aufgabe, bei der Werders Fitness und/oder Reservebank auf eine harte Probe gestellt werden.

Ein paar Randnotizen aus dem Stadion: Viertes Heimspiel in der Europa League, zum vierten Mal live vor Ort, vierter Sieg. Die Sicht vom VIP-Rang ist phänomenal, die Stimmung nicht so ganz. Genörgel über Özil allerorten und nur wenig Interesse fürs oder gar Verständnis vom Spiel. Ein wenig deplatziert fühle ich mich dort schon, auch wenn es vor dem Fernseher mit einer Tüte Chips TrailMix kaum weniger spießig ist. Dafür immer wieder Begegnungen mit altgedienten Werderspielern (diesmal Mirko Votava). Vor dem Stadion wäre ich dann fast noch von Aaron Hunt über den Haufen gerannt worden, der es wohl sehr eilig hatte, zu seinem Auto zu kommen. Gut so, Aaron, diesen Einsatz will ich von dir in den nächsten vier Jahren bei Werder weiterhin sehen!

Das Streben nach Glück

Fußball ist keine Mathematik. Das sagte jedenfalls vor zwei Jahren Bayerns Vorstandsvorsitzender Kalle Rummenigge. Jener Rummenigge, der vor kurzem Franz Beckenbauer mit einem (geklauten?) Kindergarten-Gedicht in den Ruhestand komplimentiert hat. Und auch beim obigen Satz irrt Rummenigge. Fußball ist reine Mathematik!

Ein Spiel, dessen Ergebnisse von der Summe der geschossenen und kassierten Tore, der gesammelten Punktzahl und der Tordifferenz abhängen, ist selbstverständlich Mathematik. Die geometrischen Formen, die sich auf einem Fußballplatz erkennen lassen, egal ob Viererkette, Dreieck oder Raute, werden jedem Mathematiker die Tränen ins Gesicht treiben. Ganz zu schweigen von all den Wahrscheinlichkeitsfaktoren, die ein Fußballspiel beeinflussen. Es dürfte jedem klar sein, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Dribblings in Strafraumnähe bei Lionel Messi größer ist als bei Per Mertesacker. Andersherum hat der gute Per in einem Kopfballduell in 2,20 m Höhe mit fast 100%iger Sicherheit die Nase vorn. In diesem Fall würde wohl niemand von Glück sprechen, denn die Ausgangslage ist eindeutig. Der Fußball besteht nun aber aus einer Vielzahl von Spielsituationen, deren Ausgang längst nicht so klar ist.

Es gehört zum Wesen eines Sports, der (anders als z.B. Schwimmen oder Laufen) keine absolute Leistungsmessung zulässt, sondern Leistung immer in Relation zu der des Gegners ausdrückt, dass viel über die Hätte, Wäre und Wenns diskutiert wird. Dazu fallen im Fußball vergleichsweise wenige Tore, was den Einfluss des Zufalls noch verstärkt und das Spiel unberechenbarer macht als etwa Handball: Ein Glückstor fällt nunmal leichter als 35 Glückstore. Was jedoch keiner genau sagen kann, ist was ein Glückstor eigentlich ist. Ein Tor, dass von einer subjektiv gesehen unterlegenen Mannschaft geschossen wird? Ein Abpraller? Ein Tor in der letzten Minute? Rekordmeister Bayern hat das Schießen von “Glückstoren” über die Jahre so sehr kultiviert, dass das Wort “Bayerndusel” in den Fußballwortschatz eingeflossen ist. Dabei ist das Wort ein eigentlich unpassender Ausdruck für ein Phänomen, das man sich nicht so recht erklären kann.

Sicherlich kann man ab und zu mal “glücklich gewinnen”. Statistisch gesehen ist das eine positive Abweichung vom Erwartungswert. Dauerhaftes “Glück” gibt es jedoch nur mit den richtigen Verbindungen zur Wettmafia. Woran liegt also die Wahrnehmung des Münchner Erfolgs als Dusel? Ich sehe dafür zwei Gründe: Erstens ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein guter Spieler in der Schlussphase noch ein Tor macht größer als bei einem weniger guten Spieler (und es ist kaum zu bestreiten, dass die Bayern in der Regel über den besten Spielerkader der Bundesliga verfügen). Zweitens gibt es im Fußball viele Aspekte, die man mit Überlegenheit assoziiert, die aber für das letztliche Ergebnis unerheblich sind: Ballbesitz, Zweikampfverhältnis, Feldüberlegenheit oder Anzahl der Torschüsse (wer wüsste das besser als ein Werderfan?). Trotz all dieser Werte und “gefühlter Überlegenheit” kann eigentlich niemand mit Gewissheit sagen, wovon ein Torerfolg nun eigentlich abhängt. Deshalb sind Prognosen so schwer und deshalb beginnen Erklärungsversuche auch mit dem bereits gefallenen Tor. Ist es erst gefallen, kann man analysieren warum. Man kann die Faktoren aufzählen, die zu seiner Entstehung geführt haben. Wesentlich schwieriger wird es, zu erklären, warum dieselben Faktoren in einer anderen Situation NICHT zum Erfolg geführt haben.

Genau diese Ungewissheit, diese ständigen Überraschungen, egal wie lange man schon Fußball schaut, machen diesen Sport so interessant. Wir sind fasziniert und ratlos zugleich. Wir sind ständig auf der Suche nach Erleuchtung, um das Unerklärliche zu verstehen. Deshalb lieben wir die einfachen Wahrheiten (“Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten”), deshalb flüchten wir uns in Erklärungen, die unser Fußballgehirn zumindest für eine kurze Zeit befriedigen (“Die Mannschaft ist einfach nicht kaltschnäutzig genug, um die Überlegenheit in Tore umzuwandeln.”) und deshalb verleihen wir unserem Gerechtigkeitsempfinden ausdruck (“Das Tor ist unverdient!”). Letztlich hat es die Mannschaft verdient zu gewinnen, der wir es gönnen. Es sei also jedem ungenommen, weiterhin vom Bayerndusel zu sprechen, und sei es nur, um dem neuen Präsidenten des Vereins die Zornesröte ins Gesicht zu treiben. Vom Werderdusel will ich hingegen nichts hören. Dass Mertesacker in der Nachspielzeit nach einer Ecke mit dem Kopf an den Ball kommt und ihn in die Maschen wuchtet, hat nichts mit Glück zu tun. Das ist reine Mathematik, hab ich doch oben erklärt!

14. Spieltag: Holland

Werder Bremen – VfL Wolfsburg 2:2

Der Weltfußball hat den Niederlanden viel zu verdanken: Sie bewiesen spätestens bei der WM 1974, dass schöner Fußball nicht erfolgreich sein muss. Ein Credo, dem seitdem viele Teams gefolgt sind, etwa Bayer Leverkusen oder in den letzten Jahren auch der FC Arsenal, der dies gestern gegen den Stadtrivalen Chelsea eindrucksvoll zur Schau stellte. Voraussetzung dafür sind technisch gut geschulte Spieler, die die anspruchsvolle, auf Ballbesitz und schnelles Passpiel bedachte Spielweise umsetzen können. Allerdings verstehen es nur die wenigsten Mannschaften, diese Art Fußball mit der nötigen Präzision zu spielen, um auch gegen taktisch herausragende, tiefstehende Mannschaften erfolgreich zu sein. Gelingt dies, ist das Ergebnis ein Spektakel, wie beim FC Barcelona in der vergangenen Saison oder bei der spanischen Nationalmannschaft. Gegen eine defensiv so starke und disziplinierte Mannschaft wie den FC Chelsea ist es kaum möglich, da muss schon alles passen. Ansonsten läuft man schon mal 90 Minuten auf das gegnerische Tor an, ohne eine einzige richtige Torchance dabei heraus zu spielen.

Ähnlich ging es am Samstag Werder Bremen gegen einen defensiv überraschend starken Meister aus Wolfsburg. Die Wölfe kompensierten den Ausfall von Josué glänzend und hatten im defensiven Mittelfeld in Hasebe und Gentner genau den richtigen Bremsstoff für den zuletzt so reibungslos laufenden Bremer Mittelfeldmotor. Werder tat sich von Beginn an schwer, konnte nach der auf beiden Seiten bemühten Anfangsphase aber das Heft in die Hand nehmen. Wolfsburg reagierte darauf mit einem tief stehenden Mittelfeld, das Frings relativ frei schalten ließ, in Strafraumnähe jedoch Hunt, Özil und Marin in große Probleme brachte. War einer der drei am Ball, schafften es die Wolfsburger meist, ihn zu isolieren. Steilpässe waren kaum möglich und so verrannten sich die jungen Wilden zu häufig in fruchtlosen Dribblings an deren Ende ein Quer- oder Rückpass stand.

Mit zunehmender Spieldauer wirkten Werders Angriffe konzeptloser, zumal keinem der drei zuvor genannten die geniale Einzelaktion gelingen wolle, die es zu einer Führung gebraucht hätte. Vereinzelt versuchte man die Wolfsburger aus ihrer Lauerstellung zu locken, um etwas mehr Platz für schnelle Gegenangriffe zu haben. Leider konnte Werder aufgrund eigener Ungenauigkeiten die sich bietenden Lücken nur selten nutzen. Das tat dann aber der VfL in Gestalt von  Edin Dzeko, der sich aus eigentlich aussichtsloser Position je zweimal durch Naldo und Boenisch hindurch tankte und Tim Wiese keine Chance ließ. Die Führung schien glücklich, genau wie beim abermals von Dzeko vollstreckten 1:2 in der Schlussphase, doch unverdient war sie beide Male nicht. Sie war es deshalb nicht, weil Werder aus der Überlegenheit im Mittelfeld zu wenige Chancen herausspielte. In der Spitze wog das Fehlen Claudio Pizarros ungleich schwerer als in den Wochen zuvor. Dem Peruaner wäre vielleicht das Tor gelungen, das Almeida lange versagt blieb.

Werder verdiente sich den einen Punkt letztendlich dadurch, dass man eine zweite Waffe hatte: Die Standardsituationen. Wenn aus dem Spiel heraus kein Tor fallen will, wird deutlich wie wichtig Werders Stärke am ruhenden Ball ist. Mesut Özil darf inzwischen wohl zu Recht als bester Eckball- und Freistoßflankenschütze der Bundesliga bezeichnet werden. Auf der linken Seite ist Marko Marin noch nicht ganz so effektiv, sorgte aber mit seiner Ecke für das zwischenzeitliche 1:1. Die besten Standards wären jedoch wirkungslos ohne die richtigen Abnehmer. In Pizarros Abwesenheit sind dies die Innenverteidiger Naldo und Mertesacker, deren Kopfbälle Werder das Unentschieden retteten. Gegen Naldos – von Hunt mit der Hacke weitergeleiteten – Kopfball konnte Hasebe noch auf der Linie klären, woraufhin Almeida den Ball in die Maschen drosch. Bei Mertes Kopfball in der Nachspielzeit waren die Wolfsburger dann machtlos.

Und täglich grüßt das Murmeltier: Die Nachspielzeit in der Bundesliga ist eine Farce! Wozu drei Minuten Nachspielzeit, wenn davon netto nur 30 Sekunden gespielt werden? Da fällt noch ein Tor, da wird noch munter protestiert, da wird das Spiel noch einmal unterbrochen, um Benaglio eine gelbe Karte zu geben und dann wird trotzdem nach 2:55 abgepfiffen? Die Schlussfolgerung daraus kann nur lauten: Verhaltet euch in der Nachspielzeit so unsportlich wie möglich, um ein Ergebnis über die Zeit zu retten!

Die Wolfsburger hatten nach dem Spiel andere Sorgen. Sie beschwerten sich über ein vermeintliches Handspiel Mesut Özils unmittelbar vor dem Eckball zum 2:2. Ich kann das schon verstehen. Wenn man da ein absichtliches Handspiel sehen möchte, dann kann man das. Man kann es aber auch genau so sehen, wie der Schiedsrichter, und weiterspielen lassen. Ich konnte ebenso ein absichtliches Handspiel eines Wolfsburgers im Strafraum nach einer Boenisch-Flanke sehen: Der Wolfsburger hatte genug Zeit seinen Arm aus der Flugbahn des Balles zu nehmen, doch er tat es nicht. Dennoch wäre es albern hier Elfmeter zu fordern, denn vermutlich war meine Absicht ein Handspiel zu sehen weitaus größer als die des Wolfsburgers eines zu begehen. Vielleicht sieht das inzwischen auch Dzeko ein, der nach dem Spiel dem Schiri die alleinige Schuld am Ausgleichstor zuschob. Ich wiederhole gerne, was ich schon nach dem Papierkugel-Tor gegen Hamburg geschrieben habe: Man MUSS nach einer Ecke nicht zwangsläufig ein Tor kassieren! Umstrittene Szenen wie die von Özil gibt es in jedem Spiel dutzende und sie alle haben Einfluss auf das Spiel, das gehört zur Natur des Fußballs. Wirklich Grund sich zu beschweren haben derzeit nur, und das gebe sogar ich zu, die Hamburger.

Bei aller Freude über die gerettete Serie und die zwischenzeitliche Tabellenführung: Gegen Köln muss nun wieder ein Sieg her!

Die K-Frage

Nach Frank Baumanns Abschied stellte sich die Frage, wer seine Nachfolge als Kapitän antreten soll. Gestern gab es die Antwort und sie ist keine Überraschung: Torsten Frings
ist neuer Mannschaftskapitän. Per Mertesacker, auch das war zu
erwarten, wird sein Stellvertreter.

Hierzu ein interessantes Zitat von Frank Baumann aus einem Interview, das er kurz nach Bekanntgabe seines Karriereendes gab:

"(…) Auch ich hätte sicher mehr Schlagzeilen haben können und damit
auch mehr verdienen können, aber ich wollte das nicht. Ich war in
Nürnberg Führungsspieler und hier in Bremen nach einem Jahr Kapitän,
ich hätte sicher oft den einen oder anderen Spruch anbringen können.
Aber es wird insgesamt überbewertet, wenn einer wild gestikulierend
über den Platz rennt und hinterher in der Öffentlichkeit Dampf ablässt.

Ich glaube fast, dass das jeder Profi könnte, egal welcher Typ er ist.
Es wird verkannt, dass es oft schwieriger ist, ruhig zu bleiben und die
Dinge intern zu regeln. Aber das muss jeder für sich selbst wissen und
es ist oft auch gut für ein Team, wenn es verschiedene Typen hat." (Hervorhebung von mir)

Man kann diese Worte durchaus als Seitenhieb gegen Torsten Frings auffassen. Der gilt als Sprachrohr der Mannschaft, weil er sich nach fast jedem Spiel für Interviews zur Verfügung stellt und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Ich habe schon länger die Vermutung, dass Frings innerhalb des Teams nicht unumstritten ist. Spieler, die nach außen viel kritisieren, werden von Mitspielern selten wirklich gemocht, höchstens respektiert – so lange die Leistung stimmt. Das war bei Frings in der abgelaufenen Saison nicht immer der Fall und so mancher Kollege wird sich gedacht haben, dass er lieber den Mund halten und sich auf sein eigene Spiel konzentrieren sollte.

Ein Fußballer muss aber nicht unbedingt beliebt sein, um ein guter Mannschaftskapitän zu sein. Frings gefällt sich in der Rolle des Außenseiters und ist als Antreiber für die Mannschaft sehr wichtig. Mit Baumann ergänzte er sich gerade deshalb so gut, weil er zum ruhigen Franken einen Gegenpol bildete. So ergibt es auch Sinn, Mertesacker als Stellvertreter zu bestimmen. Die beiden könnten sich ähnlich gut ergänzen, wobei ich in Mertesacker die größeren Führungsqualitäten sehe. Wäre Frings jedoch bei der Wahl zum Spielführer übergangen worden, hätte er es mit Sicherheit als Affront gegen seine Person aufgefasst. Schon aus "politischer" Sicht hatte Schaaf kaum eine andere Wahl. Mit Diego
hat sich neben Baumann eine weitere Führungsfigur verabschiedet, was die Hierarchie in der Mannschaft durcheinander bringen wird. Ein beleidigter Torsten Frings würde diesen Umbruch zusätzlich erschweren.

Deshalb bin ich mit der Wahl alles in allem zufrieden und wünsche dem Lutscher alles Gute als Kapitän!

19. Spieltag: Führungslos

Schalke 04 – Werder Bremen 1:0

Vor Beginn der Rückrunde habe ich schon anklingen lassen, dass Werders Schwierigkeiten in der Hinrunde meiner Meinung nach mit einem Führungsproblem auf dem Platz zusammenhingen. Die ersten Spiele der Rückrunde haben mich in dieser Meinung noch bestätigt. Werder hat momentan keinen Spieler, der die Mannschaft wirklich führt – obwohl durchaus Spieler im Kader sind, die diese Rolle übernehmen könnten.

Woran mache ich das fest?

1. Werder hat in vielen Spielen in den entscheidenen Situationen nicht richtig dagegen gehalten. Auffällig war das besonders in der Champions League gegen Athen und Famagusta. Nach Rückständen lässt sich die Mannschaft zu schnell hängen und wacht erst wieder auf, wenn das Spiel schon entschieden ist.

2. Werder lässt sich leicht aus dem Konzept bringen. In fast allen Spielen – auch den wirklich schlechten wie gegen Gladbach oder Karlsruhe – hat Werder in den ersten 2-3 Minuten losgelegt wie die Feuerwehr. Die Mannschaft wirkte bis in die Haarspitzen motiviert. Nach den ersten paar mislungenen Aktionen schlug es dann innerhalb weniger Minuten ins absolute Gegenteil um. Besonders Auswärts fällt es der Mannschaft schwer, das eigene Spiel durchzuziehen.

3. Die jungen Spieler lassen den Kopf zu schnell hängen. Özil und Hunt sind sicher gute Beispiele dafür. Bei allem Talent und allen tollen Spielen, die vor allem Özil schon gemacht hat, waren ihre Leistungen doch sehr schwankend. Bei jungen Spielern sicher normal. Nicht normal ist jedoch, dass diese Spieler teilweise mit hängenden Schultern über den Platz schlurfen, als wäre ihnen das Spiel egal. Hier ist ein Führungsspieler gefordert, die Spieler anzusprechen, zu motivieren, zur Not auch mal anzubrüllen.

Dies sind alles Situationen, in denen ein Trainer kaum auf die Spieler einwirken kann. Hier sind Spieler gefordert, die Verantwortung übernehmen und positiv auf ihre Mitspieler einwirken können. Meistens sind das Spieler mit großer Erfahrung. Die hat Werder durchaus. Aber warum tut es dann keiner?

Frank Baumann ist hier als Kapitän natürlich gefordert. Allerdings war Baumann noch nie der extrovertierteste Spieler beim SVW. Das machte ihn für Werder zum idealen Kapitän, denn um ihn herum gab es mit Micoud, Ismael, Frings, Ernst oder auch Wiese immer schon Spieler, die das mehr als wett gemacht haben. Baumann war der Ruhepol der Mannschaft und gerade deshalb so wertvoll. Heute fehlen diese Spielertypen um ihn herum fast völlig.

Torsten Fings gilt eigentlich als typischer Führungsspieler. Er ist das Sprachrohr der Mannschaft zu den Medien, gibt nach fast jedem Spiel Interviews. Dabei wird oft vergessen, dass Frings auf dem Platz vor allem durch seine eigene Leistung vorangeht und weniger verbal auf seine Mitspieler eingeht. In der Hinrunde hatte er lange Problem zu seiner Form zu finden. Frings kann seinen Mitspielern zwar "einen Einlauf verpassen", aber er ist sicher kein positiver Motivator, der auch dann die Mannschaft führen kann, wenn er selbst schwächer spielt. Und im moment spielt er schwach.

Tim Wieses Einflussmöglichkeiten sind als Torwart eher begrenzt. Diego könnte (müsste?) von seiner Erfahrung und seinen Qualitäten her Führungsspieler sein. Vor einem Jahr schien er den Schritt dahin geschafft zu haben. Momentan hat er mehr mit seinem eigenen Temperament zu kämpfen als dass er weitere Verantwortung übernehmen könnte. Auch Per Mertesacker hat genug Klasse und Erfahrung, die Mannschaft zu führen. Ihm traue ich in der Rückrunde am ehesten eine Führungsrolle zu.

Es gibt viele unterschiedliche Führungsstile, die alle erfolgreich sein können. Es ist letztendlich egal, ob ein Spieler die Mannschaft authoritär führt, durch Leistung voran geht oder einfach durch sein Verhalten ein Vorbild für die anderen ist. Wichtig ist, dass wieder jemand die Führung auf dem Platz übernimmt, der von allen Mitspielern als Leader akzeptiert wird. Anders kann eine Fußballmannschaft nicht funktionieren.

Man konnte Werders Verunsicherung gegen Schalke gestern mit den Händen greifen. Verständlicherweise, bedenkt man die Bedeutung dieses Spiels. Trotzdem hat es die Mannschaft geschafft dagegen zu halten, sich kämpferisch gegen die Niederlage zu wehren. Allein, die spielerischen Mittel waren nicht da. Kratzen, beißen, rennen – das hätte man sich von Werder in den vergangenen Monaten häufiger vergeblich gewünscht. Die Spielstärke war dabei nie das Problem. Doch die inzwischen vorhandene Angst scheint die Mannschaft zu lähmen. Eine kämpfende Mannschaft ohne Selbstvertrauen gewinnt in der Bundesliga selten Spiele. Und wer spielt, wie Energie Cottbus, holt auf Schalke selten Punkte.