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Meine EM: Boring, boring, España?

Portugal – Spanien 0:0 (2:4 i.E.)

Spanien besiegt Portugal im Elfmeterschießen, nachdem in einem über lange Strecken hochklassigen Spiel mit wenigen Torchancen kein Sieger gefunden wurde. Nach dem Spiel wird mehr über mangelnden Unterhaltungswert gesprochen, als über den Finaleinzug der Spanier. Eine Siegesformel gegen den Welt- und Europameister wird immer noch vergeblich gesucht, auch wenn Portugal nah dran war.

Der Tikinaccio

Es fällt noch immer vielen Beobachtern schwer, die defensive Brillanz des Tiki Taka zu erkennen. Vielleicht will man sie auch nicht erkennen. Man interpretiert die spanischen Passorgien im Mittelfeld lieber als Arroganz oder die hohe Ballbesitzquote als Selbstzweck. Dabei ist der “Tikinaccio” in den letzten Jahren das europaweit erfolgreichste Defensivsystem gewesen. Keine Vereinsmannschaft aus den fünf Top-Ligen hat in den letzten vier Jahren weniger Gegentore kassiert, als der FC Barcelona. Auf internationaler Ebene steht Spanien zum dritten Mal in Folge in einem Finale – zum dritten Mal ohne Gegentor in der K.O.-Runde.

Die geringe Beachtung der defensiven Komponente im Spiel der Spanier ist zum Teil Folge des Offensivspektakels, das mitunter dabei herauskommt. Doch gerade gegen ultradefensive Gegner steht nicht die Offensive im Vordergrund, auch wenn dies immer wieder behauptet wird. Weder Spanien noch Barcelona haben ein grundsätzliches Problem mit dem Toreschießen gegen defensive Gegner. Barcelona ist weder gegen Inter 2010 noch gegen Chelsea in diesem Jahr ausgeschieden, weil sie zu wenig Tore geschossen haben. Sie sind ausgeschieden, weil sie zu viele kassiert haben. Das Rückspiel gegen Chelsea hatte Barcelona bereits gedreht, bevor man übermütig in einen Konter lief. Phasen, in denen vorne nicht alles klappt, gibt es immer wieder mal. Trotzdem schafft es der Gegner fast nie, ein Gegentor zu verhindern. Das wiederum schafft Spanien seit Jahren in jedem wichtigen Spiel. Ich wäre sehr gespannt gewesen auf Chelseas Plan B, hätte Barcelona nach der 2:0-Führung gegen einen dezimierten Gegner den Ball so kontrolliert durchs Mittelfeld geschoben, wie Spanien häufig bei dieser EM.

Wir haben den Ansatz des ballbesitzlosen Spiels in seiner Extremform als wirksame Defensivtaktik anerkannt, auch wenn er nur höchst selten funktioniert. Warum erkennen wir den Ansatz des Verteidigens mit Ball nicht endlich an? Oder wollen wir damit warten, bis auch Deutschland wieder einmal daran gescheitert ist? (Was ich nicht hoffe und wo ich auch gute Chancen sehe, dies zu verhindern.)

Frühes Stören, schwacher Abschluss

Viel spannender als die Frage nach der Attraktivität des spanischen Spiels ist die Frage, wie man es bezwingen kann. Hier sind einige Mannschaften bei diesem Turnier bereits auf einem guten Weg gewesen. Auch Portugal lieferte lange Zeit ein hervorragendes Spiel gegen die Spanier ab und brachte sie an den Rand der Niederlage. Wie Italien und Kroatien vor ihnen, versuchte auch Portugal das Aufbauspiel der Spanier früh zu stören. Busquets und Xabi Alonso wurden bei der Ballverarbeitung direkt unter Druck gesetzt. Xavi musste viel nach hinten und zur Seite ausweichen und konnte dem Spiel nicht wie gewohnt seinen Stempel aufdrücken. Die überraschende Spitze Negredo war somit weitgehend isoliert und blieb völlig wirkungslos. Die Entwicklung des portugiesischen Mittelfelds ist beeindruckend. Die Mechanismen zwischen Veloso, Mereiles und Moutinho funktionierten hervorragend und man schaffte es durch geschickte Raumaufteilung auch die Löcher zu stopfen, die Cristiano Ronaldo offen lässt.

Das Spiel war in der ersten Halbzeit auch deswegen so interessant, weil die Außenverteidiger auf beiden Seiten weit aufrückten. Besonders auffällig war dies bei Arbeloa, der auf der rechten Seite teilweise bis auf Höhe der offensiven Dreierreihe vorschob, wodurch Silva weiter im Zentrum agieren konnte. Nicht zufällig hatte der spanische Rechtsverteidiger die erste hochkarätige Chance im Spiel. Auf der anderen Seite hatte Ronaldo dadurch einigermaßen viel Platz und Piqué hatte Mühe und Not gegen ihn zu verteidigen. Spanien fehlte insgesamt die Spielkontrolle, um die Breite durch die aufrückenden Außenverteidiger auszunutzen. Dafür ging man defensiv ein hohes Risiko ein. Del Bosque reagierte in der zweiten Hälfte darauf und stellte seine Offensive nach und nach um.

Mit Fabregas als (falschem) Neuner wurden die Passoptionen im Zentrum erhöht und Spanien bekam mehr Sicherheit ins Spiel. Mit Navas und Pedro bekam die offensive Dreierreihe mehr Breite, wodurch man weniger auf aufrückende Außenverteidiger angewiesen war. Portugals Konter wurden weniger und ebbten in der Verlängerung völlig ab, während bei Spanien vor allem Pedro einige gute Aktionen im Angriffsdrittel hatte.

Späte Dominanz, verdienter Sieger in der Lotterie

Wie zuvor gegen Italien und Kroatien wankte Spanien ein wenig, doch es fiel nicht. Es fiel auch deshalb nicht, weil Portugal es über 120 Minuten nicht fertig brachte, einen Schuss auf Cassillas Tor abzugeben. Torchancen waren ohnehin Mangelware, doch bei allem Lob, das man Bentos Mannschaft für den mutigen Ansatz und das hohe Pressing machen muss, kann man den Torabschluss nur als mangelhaft bezeichnen. Die beste Chance vergab Ronaldo in der Schlussminute  mit einem miserablen Schuss im Strafraum. Deshalb kann ich auch nicht ganz verstehen, dass manche den spanischen Sieg als unverdient bezeichneten. Auch Spanien hatte wenig Torchancen, aber sie zwangen Patricio wenigstens zu einigen guten Paraden und erspielten sich in der Verlängerung ein deutliches Übergewicht, während Portugal das Elfmeterschießen herbeisehnte.

Portugal hat sich bei diesem Turnier ein großes Lob verdient, da man sich von Spiel zu Spiel gesteigert hat und Spanien bis ins Elfmeterschießen zwang. Man war über weite Strecken des Halbfinales ebenbürtig, doch wenn man den Außenseiter-Bonus abzieht, ist die bessere Mannschaft ins Finale eingezogen.

 

Meine EM: Ronaldo erlegt kollabierende Tschechen

Tschechien – Portugal 0:1

Eine Halbzeit lang hatte Portugal nicht viel zu bieten, was eine Qualifikation fürs Halbfinale rechtfertigen würde. In der zweiten Halbzeit zeigte das Team jedoch eine Leistungssteigerung, die zu einem klaren, wenn auch hart erarbeiteten Sieg reichte. Tschechien enttäuschte hingegen offensiv und hatte außer der Aussicht auf ein Elfmeterschießen nicht viel zu bieten.

Tschechische Manndeckung, rochierende Portugiesen

Tschechiens Ansatz war eine Art Zwitter aus Mann- und Raumdeckung in der Defensive, mit der Portugal lange Probleme hatte. Die Außenverteidiger verfolgten Ronaldo und Nani fast über den ganzen Platz. Dadurch kam der schwache Spielaufbau der Portugiesen über die Holzfüße Pepe und Bruno Alves noch mehr zum Vorschein. Nach und nach bekam man aber einen Dreh in das Spiel. Moutinho überzeugte als Ballverteiler in der Zentrale und Ronaldo versetzte die tschechische Abwehr mit ständigen Positionswechseln in Panik. Nani hielt dagegen die Außenbahn und sorgte für Breite im Spiel, wechselte dabei aber gelegentlich auf den linken Flügel, was Gebre Selassie vor Probleme stellte.

Nach vorne ging bei Tschechien wenig bis gar nichts. Torchancen waren Mangelware und es war überhaupt nur selten ein Ansatz zu erkennen, wie man es bis vors portugiesische Tor schaffen könnte. Rosickys Fehlen machte sich an allen Ecken und Enden bemerkbar. Sein Stellvertreter Darida blieb offensiv völlig wirkungslos und die einsame Spitze Baros durfte gelegentlich mal einem langen Ball hinterher jagen oder ein hohes Anspiel zurücklegen – mehr nicht. Auf der linken Seite sorgte Pilar sporadisch für Gefahr, doch auch er war meistens zu sehr in defensive Aufgaben eingebunden, um wirklich zum Problem für Portugal zu werden.

Portugal erhöht den Druck, Ronaldo gewinnt das Duell mit dem Pfosten

Konnte man bis zur Pause immerhin von einer starken Defensivleistung der Tschechen sprechen, die Portugal weitgehend neutralisierte, verlor man in der zweiten Halbzeit sukzessive den Zugriff auf die portugiesischen Stürmer. Nach der Einwechslung von Hugo Almeida hatte man im Zentrum einen Spieler für hohe Anspiele, was sich nicht gut mit der tschechischen Taktik vertrug, das Spiel der Portugiesen auf die Flügel zu lenken. So hielt man Portugal zwar von Schnittstellenpässen in den Strafraum ab, sah sich aber einer zunehmenden Gefahr nach Flanken ausgesetzt. Als Ronaldo zwölf Minuten vor dem Ende zum 1:0 traf, war der Treffer längst überfällig.

Bei allem Lob, das man für die portugiesische Leistungssteigerung aussprechen muss, fällt es schwer, die Mängel im Spielaufbau wegzureden. Die Defensivabteilung wurde gegen Tschechien zudem kaum gefordert, aber ich sehe Portugal nicht unbedingt als unüberwindbares Abwehrbollwerk. Gegen Spanien (oder Frankreich?) kommt nun der echte Einstufungstest. Werden sie dort so diszipliniert und abwartend spielen, wie über weite Strecken gegen Deutschland? Dort ging es auf Kosten der Offensivkraft. Das Mittelfeld der Portugiesen gefällt mir hingegen immer besser, neben dem starken Veloso vor allem auch Moutinho, der sich von Spiel zu Spiel steigerte. Zwar fehlt ohne Danny im offensiven Mittelfeld noch immer ein Spieler für die Zwischenräume, aber immerhin klappt nun die Ballverteilung aus dem zentralen Mittelfeld. Dadurch ist man nicht mehr so abhängig von den Flügeln und Ronaldos individueller Klasse – auch wenn diese hier spielentscheidend war.

Tschechien war mit dem Gruppensieg schon mehr als gut bedient und scheidet zu Recht aus dem Turnier aus.

Meine EM: 3. Spieltag: Showdown ums Viertelfinale

Gruppe A

Polen – Tschechien 0:1

Die beiden Außenseiter sind weitergekommen und ich muss zugeben, dass ich nur die beiden unterlegenen Favoriten vor dem Turnier richtig eingeschätzt habe. Polen ist letztlich vor allem an seinem zu schwachen Kader gescheitert. Über Rechts war man gefährlich und mit viel Einsatz und Motivation spielte man phasenweise gut auf. Viel mehr hatte das Team aber nicht zu bieten. Je länger die Spiele dauerten, desto einfallsloser wirkte das, was Smudas Spieler ablieferten. Dazu kam der größer werdende Druck und wohl auch die Versagensangst. Zwei Punkte sind für einen Gastgeber ein Armutszeugnis und so kann sich niemand über das Ausscheiden beschweren. Tschechien war sicher kein übermächtiger Gegner, hat aber eine technisch starke Mannschaft und konnte sich trotz taktischem Blackout gegen Russland am Ende sogar als Gruppensieger durchsetzen. Ich sehe das eher als Schwäche der Gegner, denn als Zeichen, dass Tschechien auf dem Weg zurück in die europäische Spitze ist. Im Prinzip reichte ihnen eine gute halbe Stunde gegen Griechenland und ein konzentriertes, solides Spiel gegen Polen zum Weiterkommen. Dennoch hätte ich nicht damit gerechnet, dass sie es packen.

Griechenland – Russland 1:0

Russland ist im Nachhinein dann doch eine große Enttäuschung, auch wenn sie im Prinzip nur das wahr gemacht haben, was ich vor dem Turnier vermutet habe: Als Kontermannschaft sind sie mitunter weltklasse, aber gegen einen defensiven Gegner und mit viel Zeit am Ball gehen ihnen die Ideen aus. Die offensiven Spielzüge gegen Tschechien waren großartig und sicher ein Highlight der Vorrunde. Gebracht hat es ihnen nichts außer Vorschusslorbeeren. Gegen Polen spielten sie lange auf Sparflamme und versäumten es, den Vorrundensack zuzumachen. Gegen die defensiven Griechen gerieten sie dann in Panik und fanden keine geeigneten Mittel. Da kann die Torschussstatistik noch so gut aussehen, viele echte Torchancen waren nicht dabei. Deshalb ist der Sieg der Griechen zwar etwas glücklich, beschweren können sich die Russen hingegen nicht. Damit wären wir auch schon bei der Freak-Mannschaft des Turniers. Schlechter als Griechenland kann man nicht in ein Turnier starten: Vom Gegner überrannt, 0:1 hinten, unberechtigter Platzverweis für den einen, Kreuzbandriss für den anderen Innenverteidiger. Im zweiten Spiel sah es noch schlimmer aus. Von Tschechien ließ man sich in den ersten fünf Minuten gleich zwei Dinger einschenken und kam trotz deutlichen Einbruch beim Gegner kaum zu eigenen Torchancen. Und dennoch steht Griechenland im Viertelfinale, weil man eine unglaubliche Zähigkeit an den Tag legt und im letzten Spiel gegen Russland sehr stark verteidigt hat. Ich hätte Griechenland spielerisch etwas stärker erwartet, aber Deutschland wird an der griechischen Defensive zu knabbern haben.

Gruppe B

Deutschland – Dänemark 2:1

Am Ende musste Deutschland noch mal zittern. Portugal führte gegen Holland, Deutschland brauchte einen Punkt und beim Stande von 1:1 unterzog man Bendtners Trikot im deutschen Strafraum einem gründlichen Reißtest. Über einen Elfmeter hätte man sich nicht beschweren können, aber zum Glück blieb die Pfeife stumm und wenig später entledigte Lars Bender das Team von allen unmittelbaren Sorgen. Am Ende stehen neun Punkte auf Deutschlands Konto und das in der schwersten Gruppe des Turniers. Ohne Kritikpunkte kommt man auch im dritten Spiel nicht aus, doch das sollte eher Hoffnung machen als Angst. Eine bessere Mannschaft habe ich im Turnier bislang nicht gesehen und wenn dann sogar noch Steigerungspotenzial und eine starke Bank vorhanden sind, ist das eine glänzende Ausgangslage. Aber Turniere laufen in der K.O.-Runde ja bekanntlich nur selten so ab, wie man nach der Vorrunde denkt. Um Dänemark tut es mir etwas leid, denn sie haben ein tolles Turnier gespielt und sich gut verkauft in der Gruppe. Man merkt dem Team an, dass es Olsens System verinnerlicht hat. So konnte man auch in der “Todesgruppe” mithalten. Lediglich Christian Eriksen hat mich etwas enttäuscht.

Niederlande – Portugal 1:2

Portugal ist gegen Dänemark mit einem blauen Auge davon gekommen, hat sich im letzten Spiel gegen die Niederlande jedoch rehabilitiert. Vor allem Ronaldo zeigte, dass er Portugal mit seiner individuellen Klasse auf ein anderes Niveau heben kann. Aber genau deshalb sehe ich immer noch nicht, wie sie sich mit dieser starken Abhängigkeit von den Flügeln und Ronaldos Geniestreichen sowie dessen weitgehendem Verzicht auf Defensivarbeit auf höchstem Niveau durchsetzen wollen. Gegen Tschechien sollte es aber noch reichen. Für die Niederlande fallen mir hingegen kaum noch Worte ein. Da lief von A bis Z so ziemlich alles falsch, was falsch laufen kann in solch einem Turnier. Zusätzlich zu den bereits bekannten Problemen (schwacher Spielaufbau, kein Ineinandergreifen von Offensive und Defensive, Egoismen einzelner Spieler) ließen die Holländer immer mehr auch jeglichen Mannschaftsgeist vermissen und scheiden so völlig zurecht als Gruppenletzter aus. Zweifellos die Enttäuschung des Turniers.

Gruppe C

Italien – Irland 2:0

Vom Spiel habe ich nur die Tore gesehen. Das 2:0 von Balotelli war überaus sehenswert und verdeutlicht den Zwiespalt, in dem Prandelli steht. Das schlampige Genie spielen lassen oder nicht? Man will auf seine Klasse nicht verzichten, aber das Risiko eines Blackouts ist immer mit im Spiel. Ansonsten bleibt nur festzuhalten, dass Italien die Pflichtaufgabe gelöst hat und diesmal nicht Opfer eines 2:2 im Parallelspiel wurde.

Spanien – Kroatien 1:0

Der Tenor war eindeutig: Langweiliges Spiel der Spanier. Überhaupt scheinen viele vom endlosen Tiki Taka inzwischen eher genervt zu sein. Aber man kann es auch umdrehen: Vielleicht ist Spanien einfach vom Rest der Fußballwelt genervt – oder schlimmer noch: gelangweilt. Als Welt- und Europameister müssen sie nichts mehr beweisen. Da kann so eine Gruppenphase gegen Gegner, die die letzten Monate damit verbracht haben, sich die perfekte Taktik gegen die Spanier zu überlegen, schon ziemlich ermüdend sein. Bei allen Zweifeln, die man ob der vermeintlichen Ineffektivität und der fehlenden Breite im Spiel haben kann und bei allem Lob, das sich Kroatien und vor allem Italien verdient haben: Geschlagen haben sie die Spanier nicht. Spanien ist das “Team to beat”, sie sind der Titelverteidiger, sie sind der Maßstab. Die Herausforderer müssen sich an ihnen abarbeiten und da ist es schon beachtlich, dass mit einiger Luft nach oben “mal eben” sieben Punkte eingefahren wurden. Spanien hat ein wenig gewankt, mehr als Deutschland sogar, aber mehr war es letztlich nicht. Ein klarer Elfmeter wurde den Kroaten verweigert, aber später hätte auch Spanien einen bekommen müssen und am Siegtor gab es regeltechnisch auch nichts auszusetzen. Kroatien fehlte am Ende ein Tor, sonst hätten sie Italien noch verdrängt. Für mich waren sie eine der positiven Überraschungen des Turniers und es ist schade, dass sie in dieser starken Gruppe nicht weitergekommen sind.

Gruppe D

Ukraine – England 0:1

Was für ein schräges Fußballspiel. Das mäßige Niveau in Gruppe A hat wohl niemanden überrascht, aber Gruppe D war keinen Deut besser. Die Ukraine wirkte wie ein ziellos zusammengeschusterter Haufen, der irgendwie den Ball zum nächsten Mann schob und hoffte, dass dabei so etwas wie ein Spielaufbau herauskommt. Jenseits der Mittellinie wurde dann der Turbo gezündet und es ging in hohem Tempo nach vorne. Die Engländer brauchten eine Weile, bis sie sich darauf eingestellt hatten. So kam die Ukraine zu einigen guten Torgelegenheiten. Mit der Zeit biss man sich am englischen Abwehrbollwerk jedoch die Zähne aus. Die Engländer erfüllten zumindest die Erwartungen, die man vor dem Turnier an sie hatten. Das sieht nicht schön aus, ist spielerisch meilenweit von Spanien oder Deutschland entfernt, aber es ist effizient und holt derzeit das beste aus den Spielern heraus. Ich bin gespannt, wie weit sie mit diesem geradlinigen und britischen Fußball kommen können. Der zweite Gastgeber ist hingegen ausgeschieden und auch hier kann man (Torrichter hin oder her) wenig Argumente finden, warum es anders sein sollte.

Frankreich – Schweden 0:2

Verkam anscheinend zu einer Art Freundschaftskick. Schweden stand schon vorher als Gruppenletzter fest und spielte befreit auf. Eigentlich habe ich zu ihnen im letzten Beitrag alles geschrieben und an meiner Meinung ändert auch der Sieg gegen Frankreich nichts. Die Franzosen verstehe ich nicht so recht, sie machen immer das Gegenteil von dem, was ich erwarte. Ihren Ansatz in der Offensive finde ich interessant, aber es scheint eine recht breite Streuung zu geben, was die möglichen Ergebnisse angeht. An einem guten Tag Spanien schlagen? Vielleicht. Aber warum dann nicht an einem mittelmäßigen Tag Schweden besiegen und Gruppensieger werden? Ob das wirklich nur das Gefühl der Sicherheit war, dass beim anderen Spiel eh nichts mehr anbrennt? Oder das Fehlen von Cabaye? Ich weiß nicht.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe B

Portugal holt in einem schwachen, aber unterhaltsamen Spiel drei Punkte gegen Dänemark, Deutschland gewinnt das Prestigeduell gegen die Niederlande, ohne dabei vollständig zu überzeugen.

Portugal – Dänemark 3:2

Nach der Niederlage gegen Deutschland war Portugal unter Zugzwang. Gegen Dänemark setzte man auf Spielkontrolle und die Offensivpower über die Außen. Dabei zeigte man die Probleme, die man ihnen schon vor Turnierbeginn zuschrieb: Keinen starken offensiven Mittelfeldspieler und eine große Abhängigkeit von Ronaldo und Nani auf den Flügeln. Dänemark machte es im Rahmen der Möglichkeiten gut und hatte etwas Pech, am Ende mit leeren Händen dazustehen.

Portugals Spielaufbau ist grauenvoll. Pepe und Bruno Alves sind eines der holzfüßigsten Innenverteidigerduos dieses Turniers. Von der gesamten Spielanlage her wirkte Dänemark reifer und besser aufeinander abgestimmt. Allerdings merkt man schon, dass die “Olsen-Bande” fußballerisch limitierter ist, als der Gegner. Dazu machte Veloso wie schon gegen Özil auch gegen Eriksen einen guten Job und nahm ihn weitgehend aus der Partie. Portugals höhere individuelle Klasse machte zumindest in der ersten Halbzeit den Unterschied aus. Das Loch, das Ronaldo durch seine Nicht-Teilnahme am Defensivspiel hinterließ, wäre den Portugiesen dann fast zum Verhängnis geworden. Dazu ließ Ronaldo zwei Riesenchancen ungenutzt. So kam es, wie es kommen musste: Dänemark schaffte den Ausgleich und Portugal musste in der Schlussphase noch einmal anrennen.

Wie schon gegen Deutschland sorgte Varela nach seiner Einwechslung für eine Belebung des portugiesischen Offensivspiels. Umso schöner, dass er es dann auch war, der das Siegtor erzielte. Insgesamt ging der Sieg in Ordnung, denn Dänemark war defensiv längst nicht so stabil, wie man es nach dem 1:0 gegen die Niederlande gedacht hätte. Portugal geht nun mit den besten Chancen auf Platz 2 ins letzte Spiel, während Dänemark gegen Deutschland einen schweren Stand haben dürfte.

Deutschland – Niederlande 2:1

Ich bin etwas zwiegespalten, was dieses Spiel angeht. Einerseits war es eine in weiten Teilen überzeugende und taktisch wie spielerisch gute Leistung der deutschen Mannschaft. Andererseits ließ man nach 60 Minuten deutlich nach und musste noch einmal zittern, obwohl man mit der Überlegenheit eigentlich einen klaren Sieg einfahren muss.

Das deutsche Mittelfeld war dem niederländischen eine gute Stunde lang deutlich überlegen. Özil riss mit seinen cleveren Laufwegen Lücken (vor allem de Jong ließ sich oft aus dem Zentrum ziehen) und Schweinsteiger und Khedira nutzten den Platz für Vorstöße. Sie spielten dabei mutig und ging auch immer wieder beide mit nach vorne, wodurch van Bommel auf völlig verlorenem Posten stand. Das 1:0 fiel auf diese Weise, wobei auch die Ballverarbeitung von Gomez großartig war. Hummels spielte erneut stark, muss aber etwas aufpassen, dass er nicht überdreht. In der Schlussphase wirkte er etwas unkonzentriert, während Badstuber den Fels in der Brandung gab. Lahm machte defensiv ein sehr starkes Spiel gegen Robben, offensiv würde ich mir etwas mehr Mut zum schnellen Pass wünschen.

Die Niederlande wirkten über das gesamte Spiel ziemlich unrund. Aus dem zentralen Mittelfeld kam fast keine Kreativität und nur selten rückte van Bommel auf. Die vier Offensivspieler agieren nicht wie ein Kollektiv, jeder kocht mehr oder weniger sein eigenes Süppchen. Kombiniert wird nur mit dem Mitspieler in unmittelbarer Nähe. Dank der individuellen Klasse hatte man in der Anfangsphase ein paar Chancen, doch das deutsche Spiel wirkte vom Anpfiff an besser und reifer. Mit van der Vaart wurde das Spiel im Zentrum etwas stärker, besonders nachdem van Persie hinter Huntelaar als hängende Spitze agierte und Sneijder auf den Flügel ging.

Löw muss ob der Zitterpartie zwischen der 70. und 85. Minute seine Wechselstrategie hinterfragen. Statt frühzeitig auf die niederländischen Umstellungen und verlorene Spielkontrolle zu reagieren, wartete er erneut sehr lange. Gerade auf den Flügeln hätte eine Auswechslung sicher gut getan (wobei Müller und Podolski sehr diszipliniert mit nach hinten gearbeitet haben). Mit Reus oder Schürrle hätte man zudem einen konterstarken Spieler bringen können. Wenn man die Effizienz in der ersten Halbzeit loben will, muss man auch sagen, dass man am Ende nur mit einem Tor Vorsprung gewinnt, obwohl man die klar bessere Mannschaft war. Das ist zwar Jammern auf hohem Niveau, aber wenn man einen Gegner wie Holland am Boden hat, darf man ihn nicht wieder aufstehen lassen und auf den Schlusspfiff warten.

Die öffentliche Diskussion um Gomez dürfte nun vorerst vorbei sein. Dabei hat das Spiel keinerlei neue Erkenntnisse geliefert. Dass Gomez ein weltklasse Strafraumstürmer ist wusste man vorher schon. Ein mitspielender Stürmer ist er auch nach seinen beiden Toren nicht. Vor allem Özil und Müller würden davon profitieren, wenn Klose zurück ins Team kommt. Für Gomez spricht dessen eigene Torgefährlichkeit, doch man macht sich gleichzeitig ein gutes Stück weit von ihr abhängig. Wenn er seine Chancen dann effizient nutzt (wie gestern), gibt es wenig Probleme. Wenn nicht (wie im Champions League Finale), könnte es Deutschland teuer zu stehen kommen.

Gefühlt war das für Deutschland schon die Qualifikation fürs Viertelfinale. Allerdings könnte man schon mit einem 0:1 gegen Dänemark noch rausfliegen. Zeit zum Durchschnaufen hat man daher nicht. Die Niederlande sind nun auf deutsche Schützenhilfe angewiesen, haben aber eigentlich ganz andere Sorgen. Van Marwijk hat sich zu sehr auf die individuelle Qualität seiner Offensivleute verlassen und wollte mit sechs Defensivspielern hinten dicht machen. Beides rächt sich nun und die Niederlande geben mehr und mehr das Bild einer zerstrittenen Mannschaft ab. Bisher sind sie für mich die größte Enttäuschung des Turniers. Den benötigten 2:0 Sieg gegen Portugal traue ich ihnen nicht mehr zu.

Meine EM: 1. Spieltag, Gruppe B

Die erste Überraschung gab es in Gruppe B, wo Dänemark die Niederlande schlagen konnte. Deutschland mühte sich danach zu einem 1:0 Arbeitssieg gegen Portugal.

Niederlande – Dänemark 0:1

Die Niederlande haben sich gleich zum Auftakt einen Patzer geleistet, der ihnen teuer zu stehen kommen kann. Dänemark zeigt eindrucksvoll, dass Trainer Olsen richtig gelegen hat, seiner Mannschaft auch in der schweren Gruppe B etwas zuzutrauen. Die Niederlande waren die bessere Mannschaft und hatten die besseren Chancen, doch taten sich sehr schwer echte Gefahr vor dem dänischen Tor zu erzeugen.

Es war ein Musterbeispiel dafür, wie unterlegene Mannschaften im Fußball zum Erfolg kommen können: So gut wie möglich stehen, die gefährlichen Spieler doppeln, Abschlüsse nur aus suboptimalen Positionen zulassen und selbst bei Ballgewinn schnell umschalten und die Räume nutzen, die der aufgerückte Gegner offen lässt. Ein bisschen “Matchglück” braucht man dazu auch und das hatten die Dänen. Auch mit den vorhandenen Chancen hätten die Niederlande das Spiel gewinnen können. Auffällig, wie häufig die niederländischen Stürmer ausrutschten. Van Marwijk muss sich fragen, ob eine Doppelsechs mit van Bommel und de Jong ausreicht. Spielerisch kommt sehr wenig von den beiden und man ist fast ausschließlich auf die Kreativität vier Offensivspieler angewiesen. Gegen Dänemark wäre van der Vaart wohl die bessere Wahl gewesen.

Dänemark überzeugte nicht nur defensiv, sondern zeigte auch große Stärken beim Kontern. Bendtner spielt sehr beweglich, weicht nach außen aus und schafft Räume für Eriksen und die nachrückenden Spieler. Das Team wirkt gut eingespielt, was sich auch in den nächsten beiden Partien bezahlt machen könnte. Das Weiterkommen ist ihnen durchaus zuzutrauen. Die Niederlande müssen Deutschland schlagen, um nicht schon nach zwei Spielen chancenlos aufs Weiterkommen zu sein.

Deutschland – Portugal 1:0

Soll man enttäuscht sein über das wenig inspirierende Spiel oder sich über den erarbeiteten Sieg freuen? Ich tendiere klar zu letzterem, weil ein Erfolgserlebnis zu Beginn für einen Leistungsschub sorgen kann. Es ist auch nicht so, dass Deutschland gegen Portugal schlecht gespielt hätte. Es fehlten nur ein paar Dinge im deutschen Spiel, die im Laufe des Turniers noch hinzukommen können.

Portugal zeigte, dass es hinzugelernt hat und die vertauschten Vorzeichen anerkannt hat. Während früher Deutschland den Portugiesen die Initiative überließ und selbst hauptsächlich Konterfußball spielte, richtete sich am Samstag Portugal gemütlich in der eigenen Hälfte ein. Deutschland hatte viel Ballbesitz, tat sich aber ungemein schwer, vor das gegnerische Tor zu kommen. Der Ball zirkulierte viel im Mittelfeld. Gefährlich wurde es nur, wenn man über die Flügel spielte und den Ball von dort in den Strafraum brachte. Özil wich häufig auf die Außenbahnen aus, um Velosos aufmerksamer Bewachung zu entgehen. Richtige Chancen blieben allerdings Mangelware. Insgesamt wirkte das Spiel zu pomadig und gerade im Angriffsdrittel fehlte das Tempo im deutschen Spiel.

Portugal freundete sich im Laufe des Spiels immer besser mit der ungewohnten Rolle an und sorgte mit gelegentlichen Kontern für Entlastung. Dabei spielten sie sich die besseren Torchancen heraus. Deutschland hatte Glück bei Pepes Lattenschuss und musste sich in der Schlussphase bei Neuer bedanken, der den Sieg festhielt. Hummels feierte endlich seinen Durchbruch im Nationaltrikot, während Lahm einen schwachen Tag erwischte. Schweinsteiger und Özil sind noch nicht bei einhundert Prozent. Gegen die Niederlande wird man eine deutliche Steigerung brauchen, gerade was die Geradlinigkeit und das schnelle Kombinationsspiel vor dem Strafraum angeht. Dabei könnte es ein Vorteil sein, dass der Gegner unbedingt gewinnen muss und wahrscheinlich mehr Räume zulässt als Portugal.

Meine EM: Portugal zu abhängig von den Flügeln

Viele große Namen, viel individuelle Klasse und viel Erfahrung auf hohem internationalen Niveau. Dennoch sehe ich in Portugal keinen Favoriten – weder für das Turnier noch für diese Gruppe. Gegen schwächere Gegner könnten sie sicher überzeugende Spiele abliefern und mit viel Selbstbewusstsein in die K.O.-Runde gehen, doch in dieser Gruppe B sehe ich für die Portugiesen schwarz. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn sie am Ende nur auf Platz 4 landen.

Ronaldo und Nani = Segen und Fluch

Den Grund sehe ich weniger in der kolportierten “Kunst des Scheiterns”, den die Portugiesen angeblich in ihrer nationalen DNA tragen. Der Fado wird sicherlich auch bei diesem Turnier dem einen oder anderen Kommentator über die Lippen rutschen. Ich sehe den Grund vielmehr in mangelnder Kohärenz innerhalb des Teams. Offensiv ist man schon allein durch die individuelle Klasse der Flügelzange Ronaldo / Nani gefährlich und kann Gegner über die Außen auseinander nehmen. Auch defensiv ist man eigentlich gut besetzt. Pepe und Bruno Alves sind unangenehme Gegenspieler für jeden Stürmer. Die Außenverteidiger Coentrao und Pereira gehen viel mit nach vorne und sorgen hinter den einrückenden Ronaldo und Nani für Breite im Spiel.

Das Problem der Portugiesen liegt jedoch im Mittelfeld. Hier sind sie zwar individuell ebenfalls gut besetzt, doch fehlt es den drei zentralen Akteuren im 4-3-3 an eigenen Ideen im Spiel nach vorne. Der Ausfall von Danny konnte bislang nicht kompensiert werden. Auch die Innenverteidiger bestechen nicht durch ihre Spieleröffnung und so bleibt man offensiv sehr abhängig von Ronaldo und Nani. Gelingt es dem Gegner, die beiden nicht mit Tempo und Ball am Fuß in Richtung Tor laufen zu lassen, bekommt Portugal Probleme. Gerade gegen starke Mannschaften dürften daher die portugiesischen Defizite deutlich werden. Die liegen auch in der mangelnden Defensivarbeit der Außenstürmer begründet. Durch schnelles Umschalten kann man Portugal im Mittelfeld so in Unterzahlsituationen bringen und den alleinigen Sechser oder einen der Außenverteidiger vor große Probleme stellen. Gegen konterstarke Teams wie Deutschland und die Niederlande sehe ich Portugal daher klar im Nachteil. Gegen Dänemark tat man sich schon in der Qualifikation schwer. Bei Portugal muss schon alles zusammenpassen, damit sie das Viertelfinale erreichen.

Meine Prognose: Portugal scheidet mit Niederlagen gegen Deutschland und Holland in der Gruppenphase aus.

Portugals Gruppengegner

Niederlande
Deutschland
Dänemark

Werder in Südafrika

Nachdem sich Deutschland souverän für die WM 2010 qualifiziert hat und in Werders momentaner Startelf neun Deutsche stehen, lohnt ein Blick auf die Chancen der Spieler, in Südafrika dabei zu sein.

Die Arrivierten

Mit Tim Wiese, Per Mertesacker, Mesut Özil und Marko Marin verfügt Werder über vier aktuelle deutsche Nationalspieler. Während sich Mertesacker und Özil wohl keine Sorgen über ihren Platz im 23-köpfigen Kader machen müssen und Marin nur bei einem Leistungseinbruch aussortiert werde dürfte, ist die Situation bei Wiese nicht ganz leicht auszumachen. Die letzten Nominierungen lassen darauf schließen, dass der Bundestrainer ihn derzeit nur als vierten Torwart betrachtet. Da mit großer Sicherheit nur drei Torhüter berufen werden, könnte es für ihn eng werden. Eine wirkliche Bewährungsprobe hat Wiese bislang nicht bekommen. Für das Freundschaftsspiel gegen Chile hat Löw ihm einen Einsatz versprochen, doch um mehr als den dritten Platz im Kader dürfte es nicht gehen. Aus dem propagierten Vierkampf um die Nummer Eins ist ein Zweikampf zwischen Adler und Enke geworden, in dem der Leverkusener nach seiner starken Leistung gegen Russland die Nase vorn hat (auch wenn ich die Euphorie für etwas übertrieben halte).

Mertesacker ist in der Innenverteidigung seit der WM 2006 gesetzt. Die Frage ist wohl eher, wer in Südafrika neben ihm auf dem Platz stehen wird: Westermann, Tasci, Höwedes, Boateng oder doch wieder Metzelder? Ähnlich komfortabel ist die Situation von Özil. Er ist innerhalb kurzer Zeit zum Hoffnungsträger geworden. Christian Kamp schreibt heute in der FAZ: “Schneller als Özil hat sich lange kein Neuling in den Vordergrund gespielt.” Der einzige andere Spieler, der für die Position des Spielmachers ernsthaft in Frage kommt ist sein Vereinskamerad Marin (Ballack ist bei all seinen Qualitäten kein kreativer Spielgestalter), der trotz zuletzt guter Form in der Nationalelf noch etwas hinten an steht. Zudem spielt er im Verein auf der Position des zweiten Stürmers, die es so in Löws Formation nicht gibt. Es ist unwahrscheinlich, dass er Özil verdrängt, sowohl bei Werder als auch in der Nationalmannschaft, doch wenn beide im Verein gut harmonieren ist es für Löw sicher auch eine Option, beide spielen zu lassen.

Die Ehemaligen

Zu den aktuellen Nationalspielern kommen die drei ehemaligen Torsten Frings, Tim Borowski und Clemens Fritz. Frings wird von Löw seit Anfang des Jahres nicht mehr berücksichtigt und hat seinen Stand durch provokative Aussagen in den vergangenen 12 Monaten nicht verbessert. Aus Frings Sicht ist der Ärger verständlich, denn nicht bei jedem Spieler werden die selben Maßstäne angesetzt wie bei ihm. In der Nationalelf hat sich Frings nichts zu schulden kommen lassen. Die EM 2o08 war eine Enttäuschung, doch nach einer Saison, in der er 3/4 der Spiele wegen Verletzungen verpasst hatte, konnte man nicht erwarten, dass er ein überragendes Turnier spielt wie 2006. Die Formkrise im letzten Jahr schien Löw zu bestätigen. Zuletzt war Frings jedoch wieder in starker Form und könnte sich für den WM-Kader aufdrängen, insbesondere wenn Hitzlsperger nicht bald zurück in die Spur findet.

Borowski galt 2006 noch als Versprechen für die Zukunft, als neuer Ballack, doch ein paar Verletzungen und ein erfolgloses Intermezzo bei FC Bayern später steht er mit leeren Händen da. Bei Werder präsentierte er sich bislang ordentlich (ich fand ihn keineswegs so schlecht, wie er von einigen gemacht wird), doch für eine WM-Nominierung wird er sich gewaltig strecken müssen. Gleiches gilt für Fritz, dem ich kaum Chancen einräume. Mit Boateng, Beck und Friedrich gibt es gleich drei Spieler, die auf der Rechtsverteidigerposition vor ihm stehen. Sollte es auf links eine starke Alternative geben (Schäfer? Jansen?) könnte auch Lahm auf die rechte Seite wechseln. Fritz hat sein Seuchenjahr zwar hinter sich gelassen und ist zumindest wieder ein grundsolider Verteidiger geworden, doch der Elan, der ihn 2006 ins Team brachte, geht ihm noch etwas ab. War er im 4-4-2 auch eine Alternative fürs rechte Mittelfeld, dürfte er im aktuellen 4-2-3-1-System als Rechtsaußen kaum in Frage kommen.

Die Newcomer

Drei deutsche Spieler bleiben noch übrig, die bislang nicht für die A-Nationalmannschaft ran durften: Aaron Hunt, Sebastian Boenisch und Philipp Bargfrede. Hunt galt lange Zeit als eines der größten deutschen Talente. Bereits im Frühjahr 2005, im Alter von gerade mal 18 Jahren, spielte sich Hunt zum ersten Mal in den Mittelpunkt. Nach 1 1/2 Jahren als Joker schaffte er es im Herbst 2006 endlich in Werders Startelf, damals noch als Stürmer. Im Champions League Spiel gegen den FC Barcelona überraschte Schaaf mit seiner Aufstellung (auch damals standen neun Deutsche auf dem Platz). Hunt und Werder spielten stark und der Stammplatz war zunächst sicher. Etliche Verletzungen versperrten seitdem den Weg zum Leistungsträger. Im Winter 2007, nach neunmonatiger Pause und befürchteter Sportinvalidität kam Hunt zurück, wieder in der Champions League, wieder gegen einen starken Gegner. Gegen Real Madrid brachte Schaaf ihn als Spielmacher, die von Verletzungen geplagte Rumpfelf (Sanogo, Vranjes, Pasanen, Tosic, Vander) spielte überragend, siegte 3:2 und Hunt erzielte ein Tor. Danach wurde es jedoch schon wieder ruhiger um seine Person. Er hatte Probleme den Anschluss zu finden, brauchte bis zum Sommer 2008 um sich erneut einen Stammplatz zu erkämpfen, traf im Jahrhundertspiel gegen Hoffenheim per Fernschuss in den Knick, nur um sich dann wieder mit Verletzungen rumzuplagen.

In dieser Saison ein neuer Versuch. Hunt ist seit einiger Zeit verletzungsfrei, der Trainer baut auf ihn und muss sich Kritik dafür gefallen lassen. Dem als “ewiges Talent” (die schlimmste Beleidigung in der deutschen Fußballsprache) verschrienen Hunt trauen viele Fans den Durchbruch nicht mehr zu. In nur vier Wochen brachte Hunt sie zum Schweigen. Gute Leistungen und Tore gegen St. Pauli, Mainz, Bilbao und Stuttgart machten ihn endlich zu einem Leistungsträger. Nun muss er beweisen, dass er diese Form halten kann. Sollte er das schaffen, ist eine Nominierung für die Nationalmannschaft nur eine Frage der Zeit. Allerdings könnte ihm der Körper wieder einen Strich durch die Rechnung machen.

Spieler wie Sebastian Boenisch haben bei den Zuschauern generell einen schweren Stand. Wer mit dem Wort “Talent” nur technische Fähigkeiten meint, der wird es Boenisch wohl absprechen. Seine großen Stärken hat er im läuferischen Bereich und im Zweikampf (zuletzt Quoten um die 75% gegen Mainz und Leverkusen). Boenisch kann das Spiel auf seiner Seite antreiben, ein Flankengott ist er jedoch nicht. In der Defensive hapert es noch am Stellungsspiel, das er in den letzten 12 Monaten jedoch schon merklich verbessert hat. Von einer WM-Nominierung ist Boenisch noch ein ganzes Stück entfernt, doch seine Laufbahn in der U21, mir der er im Sommer Europameister wurde, deutet darauf hin, dass er es auch in die A-Nationalmannschaft schaffen kann – allerdings wohl kaum bis zum nächsten Sommer.

Bargfrede ist bislang die große Überraschung der Saison. Gleich in seinem ersten Profijahr ist er zum Stammspieler geworden und überzeugt durch beständige, spielerisch und kämpferisch starke Leistungen. Wäre er Stuttgarter Wäre die WM nicht im nächsten Jahr hätte Löw ihn vielleicht schon eingeladen. Für die WM hat er allenfalls Außenseiterchancen, selbst wenn er seine tolle Entwicklung so fortsetzen sollte.

Die Ausländer

Es soll nicht der Eindruck entstehen, es gäbe nur deutsche Werderspieler, die eine WM-Chance haben. Hugo Almeida, Daniel Jensen, Petri Pasanen, Sebastian Prödl, Markus Rosenberg, Naldo und Marcelo Moreno sind aktuelle Nationalspieler ihrer jeweiligen Heimatländer. Während Pasanen (Finnland), Prödl (Österreich) und Moreno (Bolivien) keine Chance mehr auf eine WM-Teilnahme haben, sind die Verbände von Jensen (Dänemark) und Naldo (Brasilien) schon sicher qualifiziert. Jensens Platz im Nationalteam ist trotz langer Verletzungspause gesichert. Naldo wurde nach langer Zeit wieder für die Selecao nominiert und hat noch einen weiten Weg vor sich, um 2010 dabei zu sein. Hugo Almeida (Portugal) und Markus Rosenberg (Schweden) sind nicht nur Konkurrenten um einen Platz in Werders Sturm, sondern auch um die WM-Qualifikation. Portugal braucht heute Abend unbedingt einen Sieg gegen Malta, um noch in einen Relegationsplatz zu erreichen. Almeida kann dabei wegen seiner Verletzung nur zuschauen. Sollten die Portugiesen patzen kann Schweden mit einem Sieg gegen Albanien noch vorbei ziehen und seinerseits auf den Relegationsplatz hoffen.