Schlagwort-Archiv: Premier League

Danke, Per!

Zum Ende der Transferperiode kam er also doch noch zustande: Der Wechsel von Per Mertesacker zum FC Arsenal, der seit Jahren im Raum stand; solange, dass man ihn schon ins Reich der ewigen Transfersagen verbannen wollte. Mit Merte verlässt Werder nicht nur der Kapitän und ein großer Sympathieträger, sondern auch ein weiterer Spieler, der für die erfolgreiche Ära Schaaf steht.

Debüt gegen Eto’o und Messi

Als Per Mertesacker im Sommer 2006 verpflichtet wurde, war er bereits gestandener Nationalspieler, beteiligt am Sommermärchen und trotz seines jungen Alters schon mit einiger Erfahrung. Es war eine Zeit, in der Werder einen Quantensprung vollzogen hatte und dank regelmäßiger Champions-League-Einnahmen bei den Einkäufen nicht mehr nur auf Schnäppchen und hervorragendes Scouting setzen musste, sondern sich auch Spieler mit geradlinigem Lebenslauf leisten konnte. Was 2004 mit Miroslav Klose begann und 2005 mit Torsten Frings fortgesetzt wurde, erreichte 2006 mit den Verpflichtungen von Diego, Pierre Womé, Clemens Fritz und eben Mertesacker seinen Höhepunkt. Endlich schien man das Team auch auf dem Papier einmal verstärken zu können, musste Spieler von damals (mindestens) gehobener internationaler Klasse wie Klose und Frings nicht abgeben und konnte auch deshalb den Abschied von Spielmacher Johan Micoud relativ gut und nahtlos kompensieren.

Mertesacker kam verletzt nach Bremen und konnte in den ersten Spielen nach seinem Wechsel noch nicht mitwirken. Er musste von der Tribüne verfolgen, wie sein neues Team einen geglückten Saisonstart mit Niederlagen gegen Schalke und Stuttgart sowie ein Unentschieden gegen den HSV in ein kleines Debakel verwandelte. Nach dem Sieg im Ligapokal und einer ansprechenden Vorbereitung war man schließlich als einer der Topfavoriten auf die Meisterschaft in die Saison gestartet. Auch in der Champions League Gruppenphase, in der man mit dem FC Barcelona und dem FC Chelsea die vermeintlich größten Brocken erwischt hatte, musste nach der Auftaktniederlage in London im Heimspiel gegen Barcelona dringend ein Punkt her. Mertesackers Debüt fiel ausgerechnet auf dieses Spiel, das im Nachhinein als Wendepunkt einer überaus erfolgreichen Hinrunde gewertet wurde. Werder trat mit neun deutschen Spielern (Wiese, Fritz, Mertesacker, Schulz, Baumann, Frings, Borowski, Klose, Hunt – allesamt früher oder später Nationalspieler) gegen das Starensemble um Ronaldinho an und bot eine herausragende Leistung. Bis kurz vor Schluss führte Werder gegen den Champions-League-Sieger und ließ nur wenige Chancen zu – auch weil Mertesacker von Anfang an mit seinem Partner Naldo in der Innenverteidigung funktionierte. Kurz vor Schluss erzielte ein Einwechselspieler (ein gewisser Lionel Messi) noch den Ausgleich für die Katalanen und verhinderte so die große Überraschung.

Führungsspieler mit kleinen Schönheitsfehlern

Im Prinzip brachte Mertesacker schon damals alle Eigenschaften mit, die seine Zeit in Bremen prägten: Solidität, Verlässlichkeit, Zweikampfstärke, gute vertikale Spieleröffnung. Dazu war er charakterlich eine große Bereicherung. Nie hatte man das Gefühl, dass er sich in den Mittelpunkt drängen oder mit großen Sprüchen auf sich aufmerksam machen wollte. Dennoch war er kein Mitläufer, sondern übernahm sukzessive mehr Verantwortung, als die alte Führungsgarde um Baumann, Diego und Frings sich dem Ende ihrer jeweiligen Werderzeit näherten. In Zeiten flacher Hierarchien und antiquierter Führungsspielerdiskussionen stellt Mertesacker den Gegenentwurf (nach Prägung von Frank Baumann) dar: Neben dem Platz eher ruhige Töne anschlagen, aber sich auf dem Platz nicht der Verantwortung entziehen. In dieser Hinsicht ist er ein gutes Vorbild für viele Spieler der neuen Generation und steht wohl auch deshalb trotz längerer Formkrise bei Bundestrainer Joachim Löw weiterhin hoch im Kurs.

Dennoch kann man Mertesackers Zeit bei Werder Bremen nicht auf diese positiven Aspekte beschränken. Schaut man zurück auf die fünf Jahre fällt es schwer, auf dem Platz eine große Entwicklung zu erkennen. Merte spielte auf hohem Niveau, als er zu Werder kam und er spielt auch heute noch auf hohem Niveau. Die Schwachstellen, die er 2006 in seinem Spiel hatte, konnte er bis heute nicht nachhaltig verbessern. Seine tiefe Formkrise im letzten Jahr kam zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Jahrelang hatten Naldo und Mertesacker die kleineren Formschwankungen des jeweils anderen gut kompensieren können. Nun fehlte der Brasilianer verletzt und Mertesacker konnte der wackeligen Viererkette lange Zeit keinerlei Stabilität verleihen. Sein Ruf hat unter der letzten Saison und der durchwachsenen WM in Südafrika gelitten. Der ersehnte Wechsel zu einer der Topmannschaften der Premier League schien nach der Verletzung in weite Ferne zu rücken. Nach seiner Genesung zeigte er jedoch erstaunlich starke Leistungen und ist wohl auch deshalb für Arsène Wenger nach dem desaströsen Saisonstart der Gunners die erste Option für eine Verstärkung der Innenverteidigung gewesen.

Wie groß ist der Verlust für Werder?

Ob Mertesacker die Herausforderung Arsenal erfolgreich bewältigen wird, will ich an dieser Stelle nicht erörtern. Ich wünsche es ihm auf jeden Fall. Bei Werder hinterlässt er definitiv ein Loch. Über seinen Status in der Mannschaft besteht keinerlei Zweifel. Menschlich ist er ein großer Verlust für diese sich im Umbruch befindende Mannschaft, doch auch auf dem Platz sollte man Mertesackers Bedeutung nicht unterschätzen. Die sich anbahnende Rückkehr von Naldo und die Verpflichtung von Andreas Wolf und Sokratis Papastathopoulos mögen den sportlichen Verlust in Grenzen halten, aber man sollte nicht erwarten, dass sein Weggang völlig Reibungslos kompensiert wird. Durch den späten Zeitpunkt des Wechsels steht Thomas Schaaf nun vor einem Problem: Er muss abwägen, ob er Mertesacker vorübergehend – bis zu Naldos Rückkehr – durch Sebastian Prödl ersetzt oder die bislang recht solide Defensivabteilung komplett durcheinander wirbelt: Sokratis in die Innenverteidigung und den im Mittelfeld aufblühenden Fritz zurück auf die rechte Abwehrseite. Im ersten Fall würde Andreas Wolf, der bislang nicht immer überzeugt hat, wohl für längere Zeit in der Innenverteidigung gesetzt sein. Im zweiten Fall könnte sich im Mittelfeld die Chance für Neuzugang Aleksandar Ignjovski bieten. Nachdem Schaaf seine favorisierte Formation für diese Saison gefunden hat (was ihm letzte Saison bis weit in die Rückrunde nicht gelang), wird er wenig erfreut über diese Veränderung sein.

Mach‘s gut, Per! Danke für die tolle Zeit. Du wirst immer ein Spieler sein, an den man sich bei Werder gerne erinnert.

Die Ignoranz des Fußballs

Wenn es um die Leistung unserer deutschen Schiedsrichter geht, blicken wir gerne neidvoll nach England. Dort lassen die Schiedsrichter das Spiel mehr laufen, heißt es. Es gäbe allgemein ein besseres Benehmen auf dem Platz, weniger Beschwerden, weniger Rudelbildungen, weniger kleinliche Entscheidungen und als Folge dessen ein schnelleres Spiel mit einer gesunden Härte. Manche dieser Aussagen treffen sicherlich zu, doch gerade der letzte Punkt gehört meiner Meinung nach absolut nicht dazu.

Immer wieder sehen wir in der Premier League, hässliche, rücksichtslose und gesundheitsgefährdende Fouls, die nicht oder nur sehr zaghaft sanktioniert werden. Es gibt solche Fouls auch in anderen europäischen Topligen, doch nirgendwo scheint es so sehr als Teil des Spiels verankert zu sein, wie in England. Meist handelt es sich dabei um Tacklings, bei denen einer oder gleich beide Füße sich oberhalb des Rasens befinden und der Gefoulte mit der offenen Schuhsohle an Knöchel, Schien- oder Wadenbein getroffen wird. Die Folgen dieser Fouls sollten inzwischen allgemein bekannt sein: Knochenbrüche und Bänderrisse – kurzum Verletzungen, die die Karriere eines Fußballers gefährden. Wer erinnert sich nicht an Eduardo da Silvas schlimme Verletzung, die ihn letztlich um seine Karriere beim FC Arsenal gebracht hat. Oder das Foul an Aaron Ramsey im letzten Frühjahr, das das englische Fernsehen nicht einmal in der Zeitlupe zeigen wollte.

Zuletzt traf es nun in Hatem Ben Arfa einen Spieler, der im Sommer kurz vor einem Wechsel nach Bremen gestanden haben soll. Übeltäter war der als notorischer Ruppsack bekannte Ex-Hamburger Nigel de Jong, auf dessen Habenseite in diesem Jahr nun zwei gegnerische Knochenbrüche sowie eine Kung-Fu-Attacke im WM-Finale stehen.

De Jong sah im übrigen für keines dieser Fouls eine rote Karte (zwei davon waren nicht in der Premier League). Nun wurde der Spieler vom niederländischen Nationaltrainer Bert van Marwijk aus dem Kader gestrichen. Eine Bemerkenswerte Aktion, die ich mir in dieser Konsequenz von mehr Trainern wünschen würde. Allerdings gibt es auch nicht viele Spieler, die sich in so kurzer Zeit so viel geleistet haben, wie de Jong. Elftal-Teamkollege Mark van Bommel leistete seinem Nebenmann hingegen Beistand – sei es, weil er als Spieler ähnlich veranlagt ist, oder weil sein eigenes Wirken neben de Jong weniger negativ auffällt. Beliebtes Argument der Apologeten: Es war keine Absicht des Spielers, er ist eigentlich kein schlechter Junge, es war ein Unfall.

Nun ja. Wenn man de Jong tatsächlich beweisen könnte, dass er seinen Gegenspielern absichtlich die Beine bricht, müsste man ihn sofort lebenslang sperren und obendrein wegen Körperverletzung anzeigen. Darum geht es in der Sache nicht. Es geht nicht um Vorsatz, es geht um Fahrlässigkeit. Grobe Fahrlässigkeit, um genau zu sein. Die Verletzung des Gegenspielers wird durch solche harten Fouls bewusst oder unbewusst in Kauf genommen. Das ist nicht gleichzusetzen mit Vorsatz, aber auch ein riesengroßer Unterschied zu einem Unfall, bei dem der Verursacher im realen Leben (im Gegensatz zum Fußball) dennoch für den Schaden des anderen aufkommen muss.

De Jong muss hingegen keine weitere Bestrafung fürchten. Die FA verweist trotz eines heftigen Einspruchs seitens Ben Arfas Club Newcastle United auf die FIFA-Regularien, nach denen der Spieler nicht nachträglich gesperrt werden kann, weil sein Vergehen vom Schiedsrichter gesehen und mit einer Tatsachenentscheidung belegt wurde. Eine Regel, die an Lächerlichkeit eigentlich kaum zu überbieten ist. Die Schiedsrichter sollen geschützt werden, indem ihre Entscheidungsgewalt unangetastet bleibt. In Wirklichkeit können die Verbände so den Schwarzen Peter immer schön ihren Unparteiischen zuweisen. Es gäbe viel weniger Grund auf einem nachgewiesenen Fehler einer Einzelperson herumzuhacken, wenn dieser hinterher korrigiert werden könnte. In vielen Situationen wäre dies nicht zielführend, weil eine Korrektur im Nachhinein den Spielverlauf nicht rückgängig machen könnte, doch gerade bei nachträglich zu ahndenden Fouls oder Tätlichkeiten trifft das nicht zu.

Hier kommt ein weiteres beliebtes Totschlagargument ins Spiel: Es würde zu einer Flut an Verfahren kommen, da heute durch die vielen Kameras in den Stadien fast kein Vergehen mehr unbemerkt bleibt. Eben. Genau das ist doch das Ziel! Es muss einen spürbaren Effekt geben, damit sich das Verhalten der Spieler ändert. Wer weiterhin solche Knochenbrecherfouls begeht, SOLL ja gerade bestraft werden. Ob Hatem Ben Arfas Schien- und Wadenbein heute noch ganz wären, wenn de Jong für seine beiden vorherigen Vergehen hart bestraft worden wäre? Zumindest könnte man diesen heute als Wiederholungstäter für eine ganze Weile außer Gefecht setzen.

Es wird sicherlich auch das Gerede um eine Hexenjagd losgehen, unter der der arme Spieler zu leiden habe. De Jong sei schließlich nicht der Einzige, der solche Fouls begeht. Absolut richtig. Leider. Ich hätte mir als Beispiel auch Karl Henry herauspicken können, der am Wochenende Jordi Gomez böse über die Klinge springen ließ, nachdem er drei Wochen vorher Bobby Zamoras Bein gebrochen hatte. Ganz zu schweigen von seinem Foul an Rosicky letzte Saison. Es ist pervers, diese Spieler in einer Opferrolle zu sehen. De Jong wird nächste Woche wieder für Manchester City spielen können, seine Auflaufprämie kassieren und von seinem Verein sowie einer Reihe britischer Fußballexperten Rückendeckung bekommen. Ben Arfa wird die nächsten Monate mit Reha und Aufbautraining verbringen und muss dann mühsam wieder an die Mannschaft herangeführt werden.

Dank Trainern wie Arsène Wenger und Spielern wie Samir Nasri und Danny Murphy ist das Thema momentan in den britischen Medien prominent vertreten. Diese Diskussion ist wichtig, denn es muss sich etwas ändern. Nachträgliche Strafen könnten ein probates Mittel sein. Ebenfalls sollte man über ein höheres Strafmaß nachdenken, damit die Verhältnismäßigkeit zwischen Ursache und Wirkung wenigstens ein bisschen wiederhergestellt wird. Ob es tatsächlich Regeländerungen braucht oder ob lediglich eine konsequentere Anwendung der bestehenden Vorgaben ausreicht, kann ich an dieser Stelle nicht beantworten. Fußball ist ein schnelles, technisch und taktisch anspruchsvolles, aber auch körperbetontes Spiel – und das ist auch gut so. Nur muss die Grenze zwischen hartem Spiel und brutalem Spiel deutlicher gezogen werden. Bislang kommen zu viele Spieler mit letzterem durch.

Darf ich vorstellen: Tottenham Hotspur

Werders erster Gegner in der Gruppenphase der Champions League ist Tottenham Hotspur.

Der Verein

Im Gegensatz zu den Stadrivalen Chelsea und Arsenal bekommen die Hotspurs nicht den Zusatz “London” hinten drangehängt. Es geht also doch. Der Verein heißt Tottenham Hotspur FC, wird aber meistens in der Mehrzahl “Hotspurs” oder kurz “Spurs” genannt. Gegründet wurde der Club 1882 im Norden Londons. Der Name geht auf einen britischen Adeligen des 14. Jahrhunderts zurück. Wonach soll man einen Verein auch sonst benennen? Ursprünglich hieß der Verein einfach nur Hotspur Football Club, was später um den Zusatz “Tottenham” erweitert wurde, um eine Abgrenzung zum Verein London Hotspur zu schaffen. Sir Henry “Hotspur” Percy muss ein wirklich beliebter Adeliger gewesen sein damals.

Haupteigentümer der Spurs ist die englische Investmentgesellschaft ENIC. Deren Miteigentümer Daniel Levy ist praktischerweise auch gleich Vorstandsvorsitzender des Clubs. Finanziell steht Tottenham trotzdem im Schatten der Big Four und der Neureichen Citizens aus Manchester. Sportlich hat sich dies gerade geändert, doch dazu später mehr.

Die Heimspiele bestreiten die Spurs in der White Hart Lane, einem schnuckeligen Stadion mit 36.000 Plätzen. Durch das geringe Fassungsvermögen und das Alter des Stadions – das gebaut wurde, als unser Verein gerade erst in der Gründungsphase war – stellt es einen Nachteil gegenüber den Konkurrenten dar. Deshalb soll ein neues Stadion gebaut werden, das 55.000 Zuschauern Platz bietet und etwas moderner daherkommt. Bis dahin dauert es aber noch etwas, sodass Werder im November zu Gast in der White Hart Lane sein wird.

Historie

Schon vor 109 Jahren gewann Tottenham den ersten nationalen Titel: Im FA-Cup-Finale besiegten sie im Wiederholungsspiel Sheffield United und holten damit den Pokal. Insgesamt stehen heute acht FA-Cup-Siege auf dem Briefkopf, wovon der letzte jedoch schon 19 Jahre her ist. Seitdem kam an Titeln nur noch der Ligapokal (Carling Cup) 1999 und 2008 hinzu. Die große Zeit der Spurs liegt also schon einige Jahre zurück.

Eigentlich kann man nicht von einer großen Zeit der Spurs sprechen. Die Titelgewinne (2 Meisterschaften, 2 UEFA-Cup-Siege, 1 Europapokal der Pokalsieger-Sieg) liegen über mehrere Jahrzehnte verteilt. Tottenham war immer gut dabei, hatte jedoch nie eine herausragende Stellung im englischen Fußball. Die Meisterschaften 1951 und 1961 waren dennoch bemerkenswert: 1950 war Tottenham in die erste Liga aufgestiegen und marschierte in der folgenden Saison direkt zum Titel. Bekanntester Spieler der damaligen Mannschaft dürfte Alf Ramsey sein, der 1966 die Three Lions als Trainer zum ersten und einzigen Triumph bei einer Weltmeisterschaft führte. 1961 gewannen die Spurs als erste Mannschaft das Double aus Meisterschaft und FA-Cup. Ein ähnlicher Coup sollte danach nicht mehr gelingen, doch der Anfang der 1960er war die wohl beste Zeit der Nord-Londoner. Im folgenden Jahr schaffte man es bis ins Halbfinale des Europapokals der Landesmeister, wo gegen den späteren Sieger Benfica Feierabend war. Ein Jahr später gewann man als erstes britisches Team einen Europacup, nämlich den der Pokalsieger, durch ein 5:1 Feuerwerk gegen Titelverteidiger Atletico Madrid.

Die 70er waren international erfolgreich (UEFA-Cup Sieg 1972), doch national eher ernüchternd. 1977 stieg man in die Second Division ab. Ähnlich wie bei Werder 1980 wirkte der Abstieg wie eine Frischzellenkur. Anfang der 80er war Tottenham so stark wie lange nicht. Die Spurs gewannen den FA-Cup 1981 und 1982 sowie den UEFA-Cup 1984. Mit dem FA-Cup-Sieg 1991 endete die Phase der Titelgewinne. Mit Gründung der Premier League 1992 verloren die Spurs an Bedeutung und fanden sich Mitte des Jahrzehnts im Abstiegskampf wieder. Trotz namhafter Spieler, wie Jürgen Klinsmann, Paul Gascoigne, Teddy Sheringham, Sol Campbell und Gary Lineker kam Tottenham über Jahre nicht aus dem Mittelfeld der Liga hinaus.

Dies änderte sich erst 2005 unter dem späteren HSV-Trainer Martin Jol, der als Assistent von Jacques Santini in die Saison ging und nach dessen Rücktritt zum Cheftrainer wurde. 2006 stand das Team vor dem großen Durchbruch, doch mit einer Niederlage im letzten Spiel, bei dem die halbe Mannschaft infolge einer Viruserkrankung nicht antreten konnte, rutschte man noch hinter Arsenal auf Platz 5. In der Folge setzte sich Tottenham als größter Herausforderer der Big Four in der Spitzengruppe der Tabelle fest. Nur die Saison 2008/09 unter Juande Ramos bildete eine Ausnahme. Nach katastrophalem Start wurde Harry Redknapp neuer Trainer und sicherte am Ende immerhin Platz 8. In der vergangenen Saison konnte Tottenham zum ersten Mal in die Phalanx der Big Four eindringen und platzierte sich vor Liverpool sowie den Mitkonkurrenten Manchester City und Aston Villa auf Platz 4. Durch den Sieg über Young Boys Bern in der Qualifikation spielen die Spurs nun zum ersten Mal in der Champions League.

Die Mannschaft

Kurz vor (bzw. nach) Ende der Transferperiode fiel Tottenham durch einen spektakulären Transfercoup auf: Der Ex-Hamburger Rafael van der Vaart wurde für eine erstaunlich geringe Ablöse von Real Madrid verpflichtet. Ein Transfer, der das Team nach Ansicht von Bayernprofi Arjen Robben in der Premier-League-Hierarchie vor den FC Arsenal katapultiert. Nun ja. Die Stärken/Schwächen des Holländers sollten noch bekannt sein. Fraglich, wie sehr er schon im Spiel der Spurs integriert ist.

Tor

Erster Torwart ist seit zwei Jahren der Brasilianer Heurelho Gomes, der auch schon elf Einsätze in der Selecao hatte. Gomes hat sich nach eher schwachem Start zu einem überdurchschnittlichen Torhüter in der Premier League gemausert. Er hat nicht die ganz große Klasse eines Peter Cech oder Edwin van der Sar, aber er spielte letzte Saison sehr beständig und kann an guten Tagen schon mal zur unüberwindbaren Hürde werden. Nun ist er jedoch verletzt und wird am Dienstag vom ehemaligen Chelsea-Keeper Carlo Cudicini ersetzt, mit dem Werder in der Champions League schon gute Erfahrungen gemacht hat.

Abwehr

Tottenhams Defensive hat sich in den letzten Jahren stabilisiert. 2008 kassierte man in 38 Spielen noch 61 Gegentore – eine Quote, die selbst für Werder beschämend wäre. In der letzten Saison waren es nur noch 41 Gegentore; lediglich vier Mannschaften kassierten weniger. Mit William Gallas (der Mann, der Chelsea vor vier Jahren im Zorn darüber verließ, dass Michael Ballack seine Rückennummer 13 bekommen sollte, und angeblich damit drohte, Eigentore gegen seinen Verein zu schießen, falls er nicht wechseln dürfe) hat man einen sehr erfahrenen Mann für die Innenverteidigung verpflichtet. Der Franzose, der vom Erzrivalen Arsenal ablösefrei zu den Spurs wechselte, verfügt über große internationale Erfahrung und ist trotz einer eher unglücklichen Zeit als Arsenal-Kapitän ein potenzieller Führungsspieler. Schwächen er durch seine für einen Innenverteidiger geringe Körpergröße am ehesten in der Luft.

Gallas Konkurrenten um die beiden Plätze in der Innenverteidigung sind die Routiniers Ledley King und Michael Dawson, sowie der Kameruner Sébastien Bassong. Bei King, dem eigentlichen Kapitän der Mannschaft, ist die körperliche Fitness das größte Problem. Das Eigengewächs der Spurs leidet seit Jahren unter chronischen Knieproblemen und kann nur selten mit der Mannschaft trainieren. Sein Einsatz am Dienstag wäre wichtig, weil mit Dawson sein Stellvertreter verletzt ausfällt. Beide zählen zu den besten englischen Innenverteidigern und standen auch bei der WM im Kader der Three Lions. Außer Bassong kann auch der Franzose Younes Kaboul in der Innenverteidigung aushelfen, wie am letzten Samstag gegen West Brom. Kein Thema mehr ist Jonathan Woodgate, der seine größte Zeit zu Beginn seiner Karriere bei Leeds United hatte und auch einige Jahre bei Real Madrid unter Vertrag stand. Nun ist der 29-Jährige bei Tottenham auf dem Abstellgleis und weder in der Premier League noch in der Champions League in Redknapps 25er Kader.

Auf der linken Seite der Viererkette spielt der kameruner Nationalspieler Benoit Assou-Ekotto. Vor einem Jahr sorgte er mit seiner “Fußball ist nur ein Job”-Aussage für einiges Aufsehen auf der Insel. Seine Leistungen lassen jedoch keine Zweifel an seiner Professionalität aufkommen. Alternativ könnte auch Gareth Bale auf der Position spielen, der seinen Stammplatz inzwischen jedoch im linken Mittelfeld hat. Der Waliser hat eine rekordverdächtige Negativstatistik vorzuweisen: Er brauchte ganze zwei Jahre, bis er 2009 das erste Spiel mit Tottenham gewann. Assou-Ekotto tut auf seiner Seite mehr für die Offensive als sein Gegenpart Vedran Corluka. Der Kroate ist ein grundsolider und zweikampfstarker Rechtsverteidiger, der auch unter Slaven Bilic in der Nationalmannschaft eine wichtige Rolle spielt.

Mittelfeld

Für das defensive Mittelfeld hat Tottenham in Tom Huddlestone und Wilson Palacios zwei hochklassige Spieler im Kader. Huddelstone ist ein abgeklärter Spieler mit guter Übersicht und spielt zudem hervorragende lange Bälle in die Spitze. Palacios ist eher der Typ Wadenbeißer, der mit viel Laufarbeit und Zweikampfhärte agiert. Eine der beiden zentralen Positionen wird gelegentlich auch von Luka Modric eingenommen. Der Kroate, den Werder noch aus der CL-Quali vor drei Jahren kennen sollte, ist ein technisch brillanter Spielmacher, der Tottenhams Spiel ordnet und die Angriffe einleitet. Er kann sowohl aus der Tiefe als auch vom linken Flügel aus das Spiel lenken und könnte laut seinem Trainer in jedem Team der Welt spielen. Am Samstag wurde er mit Verdacht auf Beinbruch ausgewechselt, der sich zum Glück nicht bestätigt hat. Für die Partie am Dienstag ist er jedoch fraglich. Sein Landsmann Niko Kranjcar kann seinen Part ebenfalls ausfüllen, ist trotz seinerQualitäten im Passspiel und seiner guten Technik aber kein wirklicher Spielmacher. Der typische Box-to-Box-Spieler Jermaine Jenas ist in der Team-Hierarchie zuletzt ein wenig abgerutscht. Dank seiner Torgefährlichkeit ist er jedoch als Einwechselspieler immer eine Option. Neuzugang Sandro Ranieri von Copa Libertadores Sieger Internacional aus Brasilien ist erst seit wenigen Tagen in England und dürfte im Hinspiel noch keine ernsthafte Alternative sein. Seine Qualitäten wird der 21-Jährige allerdings haben – er stand immerhin im erweiterten WM-Kader Brasiliens.

In Aaron Lennon hat Tottenham einen schnellen und dribbelstarken Flügelspieler für die rechte Seite. Seine Tendenz im Agriffsdrittel nach Innen zu ziehen, hat ihm unter Capello bei der WM den Stammplatz gekostet. Bei Tottenham ist er jedoch eine feste Größe, obwohl in Giovani dos Santos ein starker Konkurrent hinzugekommen ist. Der Mexikaner aus der Jugend des FC Barcelona, der bei der WM überzeugte und für den Best Youth Player Award nominiert wurde, war zuletzt an Galatasaray ausgeliehen. In dieser Saison soll er die Offensivpalette der Spurs erweitern. Er gilt jedoch als undiszipliniert und holte sich gerade einen Rüffel des Trainers ab. Könnte mal ein Kandidat für Werder sein… Auf der anderen Seite lautet die Alternative zu den oben erwähnten Bale und Modric David Bentley. Der hochgelobte Arsenal-Nachwuchsmann konnte seine Vorschusslorbeeren nicht rechtfertigen und kam über die Blackburn Rovers 2008 zu den Spurs. Dort kommt er momentan nicht über die Rolle als Ergänzungsspieler hinaus.

Angriff

Offensiv steht Tottenham etwas im Schatten der Tormaschinen FC Arsenal und Manchester United, sowie in der letzten Saison vor allem dem 103-Tore-Team FC Chelsea. 67 Tore in der letzten Spielzeit sind jedoch ein gutes Ergebnis. Der Star im Angriff heißt seit der letzten Saison endültig Jermain Defoe. 18 Saisontore erzielte er in der Liga – davon alleine fünf beim 9:1 Torfestival gegen Wigan im letzten Herbst. Auch in der Nationalmannschaft zeigt er sich treffsicher und traf zuletzt gleich dreimal im Spiel gegen Bulgarien. Leider erlitt er nun eine schwerwiegende Knöchelverletzung, die ihn drei Monate pausieren lässt. Damit verpasst er beide Spiele gegen Werder. Defoes Sturmpartner heißt entweder Peter Crouch oder Roman Pavlyuchenko. Der 201 Zentimeter große Crouch dürfte nicht nur wegen seines Roboter-Tanzes den meisten ein Begriff sein. Er ist seit letzter Saison zurück in Tottenham, wo er vor zwölf Jahren seine Profikarriere begann (jedoch nie zum Einsatz kam) und schoss das Team mit seinem Treffer am 38. Spieltag gegen ManCity und einem Hattrick im Rückspiel gegen Young Boys Bern in die Champions League. Der Russe Pavlyuchenko ist der Hugo Almeida Tottenhams. Er ist weder unumstrittener Stammspieler noch zeigt er durchgehend Topleistungen, doch bei den Fans hat er einen gewissen Kultstatus erreicht. Seinen großen Auftritt hatte er bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren, wo er zu den auffälligsten Spielern der Russen zählte. Robbie Keane ist seit seiner Rückkehr aus Liverpool nicht mehr erste Wahl. Seine besten Zeiten hatte der irische Rekordtorschütze an der Seite von Dimitar Berbatov. In der letzten Rückrunde war er an Celtic Glasgow ausgeliehen.

Die Taktik

Trainer Harry Redknapp ist in taktischen Belangen ein britischer Coach alter Schule. Tottenham spielte unter ihm bislang eigentlich immer im klassischen 4-4-2, wobei manchmal einer der zentralen Mittelfeldspieler den kreativen Part übernimmt (Modric) und der andere ihn defensiv absichert (Palacios oder Huddelstone). Häufiger wird jedoch die defensivere Variante mit zwei Defensiven in der Mitte, Modric auf links und einem echten Flügelspieler auf der rechten Seite gewählt. Im Angriff sind die Aufgaben ebenfalls verteilt. Pavlyuchenko oder Crouch gibt die Sturmspitze und wird von einem der beweglicheren Defoe oder Keane flankiert.

Ohne Defoe haben die Spurs jedoch ein Problem: Eigentlich wäre Pavlyuchenko der nächste in der Hierarchie, der neben Crouch rücken würde, doch damit wäre der Angriff spielerisch stark limitiert. Am Wochenende gegen West Bromwich Albion ließ Redknapp daher Neuzugang van der Vaart als hängende Spitze in einem 4-4-1-1 spielen. Da sich Modric in dem Spiel am Bein verletzte und sein Einsatz am Dienstag fraglich ist, ist der Schritt zum 4-2-3-1 nicht mehr groß. Gegen Werder sicher ein erfolgsversprechenderes System, als das rigide 4-4-2. Mit Palacios, Huddelstone und Kranjcar hat man hervorragende Spieler, die Werder im Zentrum das Leben schwer machen können. Dazu Crouch als Prellbock vorne drin und den pfeilschnellen Lennon, der vom Flügel nachrückt. In van der Vaart hätte man zudem einen Spieler für die besonderen Momente, für die sonst Modric zuständig ist.

Tottenham ist in allen Mannschaftsteilen gut bis sehr gut besetzt und auch ohne Defoe und Modric keinesfalls ein einfacher Gegner. Der Kader hat die nötige Tiefe, die drohenden Ausfälle aufzufangen. Mit zwei defensiv ausgerichteten Mittelfeldspielern ist man im Zentrum stabiler als mit Modric, was gerade im Auswärtsspiel wichtig ist. Ich bin mir nicht sicher, ob Werder eher mit Raute oder eher im 4-2-3-1 spielen sollte. Nimmt man das Spiel gegen die Bayern zum Maßstab, müsste vor allem das Zusammenspiel zwischen Wesley und seinen Neben- wie Hinterleuten noch besser funktionieren. Spielt Tottenham ohne Modric bräuchte Werder zudem eher jemanden, der zwischen Viererkette und Mittelfeld der Londoner agiert. Ich bin gespannt, ob Wesley das im Repertoire hat. Die Raute hätte den Vorteil, dass ein zweiter Stürmer spielen kann. Arnautovic kann sein raumgreifendes Spiel besser zur Geltung bringen, wenn er einen Fixpunkt im Sturmzentrum hat. Pizarros Rückkehr ist unwahrscheinlich, daher kommt nur Almeida in Frage.

Der Ausblick

Mit Tottenham hat Werder einen guten Gegner zum Auftakt erwischt. Im direkten Duell gegen den vermeintlich größten Konkurrenten um Platz 2 weiß man somit früh wo man steht. Es braucht nicht taktiert werden, wie es vielleicht bei einem Auswärtsspiel am 1. Spieltag der Fall wäre. Mit einem Sieg kann man frühzeitig die Weichen auf Achtelfinale stellen. Genau diese Spiele haben Werder 2007 und 2008 das Weiterkommen gekostet: Gegen Olympiakos und Panathinaikos gab es bittere Heimpleiten. Noch einmal sollte dies nicht passieren.

Ich halte die Teams insgesamt für etwa gleichstark, wobei Tottenhams Bank etwas besser besetzt ist, wenn denn alle fit sind. Werder hat durch die vergangenen Champions League Teilnahmen einen Erfahrungsvorteil, die Spurs in Crouch, Gallas oder van der Vaart jedoch ebenfalls königsklassen-erprobte Spieler in den Reihen. Ich gehe in den beiden Spielen jeweils von einem Sieg für die Heimmannschaft aus. Sollte eines der beiden Teams sein Heimspiel nicht gewinnen, könnte dies am Ende über das Weiterkommen entscheiden.

So erwarte ich Tottenham:

Meine Tipps: Heimspiel 3:1, Auswärtsspiel 1:2