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Filetierte Hühnerbrust

Preußen Münster – Werder Bremen 4:2 n.V.

Die runderneuerte Werdermannschaft geht im ersten Pflichtspiel der Saison bei hochsommerlichen Temperaturen baden. Auch, weil Thomas Schaaf die gleichen Fehler macht, wie in der Vergangenheit.

Gute spielerische Ansätze, fehlende Feinabstimmung

Nach Niederlagen gegen unterklassige Gegner im Pokal wird gerne mal die Einstellung der Mannschaft hinterfragt und Dinge wie mangelnde Laufbereitschaft oder fehlender Wille kritisiert. Solche Vorwürfe sind nach dem Spiel in Münster zum einen unberechtigt und greifen zum anderen zu kurz.

Werder trat in der ersten Halbzeit wie ein Bundesligist auf. Das Team spielte nicht besonders gut, aber es wurde deutlich, an welchen Dingen man im Sommer gearbeitet hat. Neben der bekannten Fluidität im zentralen Mittelfeld waren hohe Diagonalpässe auf die Flügel das auffälligste Stilmittel in Werders Spiel. Dabei gingen noch zu viele Pässe ins Leere, doch das sollte zu diesem frühen Zeitpunkt nicht überraschen und war auch nicht der Grund für die Niederlage. Zur Halbzeit war es ein typisches Erstrunden-Pokalspiel. Werder die bessere Mannschaft, ganz gute Spielanlage, mäßige Feinabstimmung, aber überlegene individuelle Klasse, die Münster mit viel Einsatz und direktem Spiel zu kompensieren versuchte.

Schaaf vercoacht sich, Preußen nutzt den Raum

Ich weiß nicht, was Schaaf dazu bewegt hat, nach 65 Minuten beim Stand von 1:1 einen solch offensiven Wechsel (Füllkrug für Fritz) vorzunehmen. Das 2:1 durch die beiden eingewechselten Spieler gab ihm zunächst einmal Recht. Direkt danach den dritten Wechsel zu vollziehen, wäre riskant gewesen. Doch auch mit einem Dreiermittelfeld aus Junuzovic, Hunt und De Bruyne kann man die Löcher vor der Viererkette stopfen. Dazu bräuchte es jedoch klare Positions- und Rollenverteilungen. Diese sind in Werders „fluider Dreifachsechs“ nicht vorgesehen. Dort ergibt sich – wie in Schaafs Raute – die Rollenverteilung situativ und die Positionsverteilung ist mehr nett gemeinter Vorschlag als bindende Anweisung. Defensiv orientierte Spieler wie Bargfrede oder Fritz erkennen situativ häufig die Räume, die sie zustellen müssen (auch wenn das nicht Werders Grundprobleme vor der Abwehr löst). Mit drei offensiv denkenden Mittelfeld-Akteuren ist diese Spielweise allerdings glatter Selbstmord.

Ein Problem, das Werder seit Jahren mit sich herumschleppt, scheint auch diesen Sommer nicht erkannt und gelöst worden zu sein: Die großen Löcher zwischen Abwehr und Mittelfeld. Das 4-3-3, das gegen den Ball zum 4-1-4-1 wird, ist eigentlich eine Formation, die es durch den Spieler zwischen den Linien erleichtern sollte, diesen Raum zu verengen. Bei der EM konnte man bei einigen Spielen sehr gut sehen, wie dies funktionieren kann, und dass man dabei trotzdem das Grundprinzip eines fluiden Dreiermittelfelds nicht aufgeben muss (bestes Beispiel: Chelsea in der Champions League). Bei Werder wurden die Löcher in der Schlussphase der regulären Spielzeit größer statt kleiner, weil die Spieler verständlicherweise müde wurden. Warum gab es hier keine Anweisung ans Mittelfeld, nur mit einem, maximal zwei Spielern vorzurücken? Warum kam es schon vor den offensiven Auswechslungen vor, dass Fritz als tiefster Mittelfeldspieler den Ball 25 Meter vor dem gegnerischen Tor verlor, ohne dass ein anderer Mittelfeldspieler ihn absicherte? Statt sich im 4-1-4-1 tief einzuigeln und die Münsteraner im Zentrum zu entnerven, lief man wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen direkt ins offene Messer. Vielleicht passt der neue Hauptsponsor doch besser als gedacht.

Preußen hat keines der Tore erzwungen und ich wage zu bezweifeln, dass sie in der Schlussphase noch eine Druckphase gehabt hätten. Mit geschicktem Verteidigen hätte Werder das Spiel vermutlich problemlos aussitzen und vielleicht auch noch einen Konter abschließen können. Schaaf entschied sich für das offene Visier, das ist nicht neu, hätte ich nach der letzten Rückrunde und den torreichen Vorbereitungsspielen – naiver Weise – aber nicht erwartet.

Zu späte Korrektur, mittelloses Werder

Ein rabenschwarzer Tag von Sokratis trug zur Niederlage bei und es wäre leicht, ihm die Niederlage in die Schuhe zu schieben. Es wäre jedoch falsch. Die Denkweise, dass einzelne Spieler die Fehler des Kollektivs mit individueller Klasse auszubügeln haben, hat sich bei Werder viel zu lange gehalten. In der Schlussphase einer Partie gegen einen unterklassigen Gegner darf man dessen Mittelstürmer nicht in ein 1-gegen-1 mit dem letzten Abwehrspieler kommen lassen. Tut man es doch, braucht man sich nicht zu wundern, wenn es bestraft wird.

Schaaf korrigierte den Fehler (zumindest personell) in der Verlängerung durch Bargfredes Einwechslung. Da war es jedoch schon zu spät. Neben den Kräften schwanden auch jegliche Ideen aus Werders Spiel. Ich habe in der Verlängerung nicht einen strukturierten Angriffszug von Werder gesehen. In der Schlussphase den (einzigen) Innenverteidiger nach vorne zu schicken und auf einen Hail-Mary-Pass und eine glückliche Kopfballablage zu hoffen, ist ein Armutszeugnis in einem Spiel gegen einen Drittligisten. Genauer gesagt: Das Armutszeugnis ist nicht, dass es gemacht wurde, das Armutszeugnis ist, dass es nötig war, dass es keine Alternative mehr dazu gab, keine spielerischen Mittel.

Ausrutscher oder typisches Werderspiel?

Ich will nach dem ersten Spiel nicht alles schlecht reden, denn es war bei weitem nicht alles schlecht in Werders Spiel. 70-80 Prozent des Gezeigten waren sogar solide bis gut. Es ist eine Freude, Kevin de Bruyne beim Spielen zuzuschauen, auch wenn er sich oft noch zu einfach aushebeln lässt. Die Pässe, die er aus dem Fußgelenk schüttelt, sind bemerkenswert. Werders Kombinationen und die durch das Element der Diagonalpässe auf die Außenstürmer erweiterten Optionen in der Offensive offenbaren viel Potenzial. Auch agiert man wieder mutiger als in der letzten Rückrunde und scheint sich in den Bereichen Flügelspiel, Pressing und Umschaltspiel verbessert zu haben. Doch was hilft es, wenn die übrigen 20-30 Prozent so stümperhaft umgesetzt werden, dass man trotzdem gegen einen Drittligisten verliert?

Man muss der neuformierten, jungen Mannschaft Zeit geben und darf die Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Nach dem LigaTotal-Cup haben uns einige Fans wohl schon wieder auf dem Vormarsch in die Bundesligaspitze gesehen. Sorge bereiten aber die Basics, die in den letzten Jahren selten stimmten und auch im ersten Spiel dieser Saison nicht. Vielleicht war es ein Ausrutscher, vielleicht hat man an diesen Dingen gearbeitet, vielleicht werden wir in ein paar Spielen eine Besserung erleben. Letztlich habe ich zu wenige Vorbereitungsspiele gesehen, um dies derzeit bewerten zu können. Wenn jedoch gleich das erste Spiel auf eine Weise verloren wird, auf die Werder seit Jahren immer wieder verliert, und sich der Trainer dabei böse vercoacht, sind das keine guten Anzeichen.

Meine Sorge, dass Thomas Schaaf in dieser Saison versuchen wird, in den neuen Kleidern seine alten Ideen umzusetzen, ist mit dem Spiel in Münster nicht geringer geworden. Oder anders gesagt: Meine Hoffnung, dass Schaaf in seiner vierzehnten Saison als Trainer die Defizite aus Werders Spiel beseitigt, die seine Amtszeit (neben vielen positiven Dingen!) mit prägten, ist relativ gering.