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Diamonds are forever, Teil 1 – Die Hinrunde in 3 Akten

1. Akt: Im Zeichen der Raute

Werder hat im Sommer gut gearbeitet. Man hat aus der verkorksten letzten Saison die richtigen Schlüsse gezogen und einen Umbruch eingeleitet. Der alte Platzhirsch Torsten Frings wurde aussortiert und im Spätsommer ließ man auch seinen Stellvertreter Per Mertesacker ziehen. Die Einkäufe waren – durch Sparzwänge begünstigt – wieder kreativer als in den letzten Jahren. Statt (vorerst) gescheiterter Riesentalente verpflichtete man diesmal junge Spieler, deren Einsatzwillen unumstrittener war, als ihr fußballerisches Können. Lukas Schmitz kam ohne große Vorschusslorbeeren von Schalke und stabilisierte die linke Abwehrseite. Mit Aleksandar Ignjovski und Sokratis wurden zwei weitere Kämpfertypen für die Defensive geholt. Mit Andreas Wolf kam ein nicht unumstrittener Haudegen für die Innenverteidigung. Lediglich der Ekici-Transfer erinnerte an die ambitionierten Einkäufe der letzten Jahre.

Nach den Experimenten der Hinrunde der Vorsaison legte sich Thomas Schaaf diesmal früh auf ein System fest. Er setzte wie zu großen Teilen seiner Zeit bei Werder auf ein 4-4-2 mit Raute. Der Mannschaft gab dies in dieser Frühphase der Saison die Orientierung, die im vorigen Herbst gefehlt hatte. Der wichtigste Schachzug in dieser Phase war jedoch eine personelle Umstellung: Nach der Verletzung Tim Borowskis holte Schaaf den neuen Kapitän Clemens Fritz ins halbrechte Mittelfeld und stellte den gelernten Innenverteidiger Sokratis als Rechtsverteidiger auf. Dies stabilisierte sowohl das Mittelfeld als auch die Viererkette, zumal mit Prödl und Mertesacker zu Beginn der Bundesligasaison auch zwei Innenverteidiger zurückkehrten, die in der Vorbereitung gefehlt hatten.

Die peinliche Niederlage im Pokal gegen Heidenheim steckte die Mannschaft überraschend gut weg. Nachdem schon vor dem 1. Bundesligaspieltag die Krise greifbar war, wirkte Werder in den ersten Spielen der Saison überraschend gut eingespielt. Während andere hochgelobte Mannschaften (Leverkusen, Schalke, BVB) noch ihre Probleme hatten, holte Werder 12 Punkte aus den ersten 5 Spielen und stand plötzlich oben in der Tabelle. Rückkehrer Markus Rosenberg konnte sich in dieser Phase als Goalgetter auszeichnen und die starke Bank mit Ekici, Wesley, Arnautovic, Ignjovski und dem wiedergenesenen Naldo machte häufig den Unterschied aus.

2. Akt: Rückstände und Kampfeslust

Trotz aller guten Ansätze und erkennbarer Automatismen im Offensivspiel erreichte man nicht die spielerische Dominanz früherer Jahre. Das wäre angesichts der Vorsaison wohl auch zuviel erwartet. Die ersten Topspiele gegen Hannover und Dortmund gaben den Kritikern, die Thomas Schaafs System für nicht mehr zeitgemäß halten, allerdings neue Bestätigung. Werder geriet in dieser Phase der Saison immer wieder in Rückstand, häufig schon zu einem frühen Zeitpunkt im Spiel. Die Defensive zeigte sich wieder so anfällig, wie man es von Werder gewohnt ist. Zu viele individuelle Fehler (Wolf gegen Dortmund und Augsburg, Prödl gegen Köln), aber auch die altbekannte und systembedingte Konteranfälligkeit machten es den Gegnern zu einfach.

Überspielt wurden die Probleme in dieser Phase von einem geradezu unbändigen Siegeswillen und großer Laufbereitschaft. Die Mittelfeld-Achse Fritz – Bargfrede – Hunt gehörte in der Hinrunde zum Lauf- und Zweikampfstärksten, was die Bundesliga zu bieten hatte. Bei den häufig mitreißenden Aufholjagden war Werder jedoch zu abhängig von Claudio Pizarro, der sich immer wieder als Werders Lebensversicherung erwies. Von Automatismen im Spiel nach vorne war nur noch wenig zu sehen. Auf der 10er Position verlor Marin seine gute Form aus den ersten Spielen und auch Ekici fand nicht in die Rolle hinter den Spitzen hinein. Dazu machten es die Gegner dem Bremer Aufbauspiel immer schwerer. Der vertikale Ball ins Mittelfeld wurde durch konsequentes Zustellen der Rautenspieler meist verhindert und Schaafs Mannschaft fiel dagegen nicht viel ein.

3. Akt: Watschn

Trotz aller Probleme blieb Werder immer in der Nähe der Champions League Plätze. An 16 von 17 Spieltagen stand man auf einem Europacup-Platz. Im Weserstadion holte man 21 von 24 möglichen Punkten und war damit die beste Heimmannschaft der Liga. Auswärts bekam man allerdings zum Ende der Hinrunde enorme Probleme. Gegen die Schwergewichte der Liga geriet man ordentlich unter die Räder und kassiert gegen Gladbach, Bayern und Schalke 14 Gegentore. Die schallende Ohrfeige in Gladbach kam wenig überraschend, nachdem man gegen schwächere Gegner vorher einige Male den Kopf gerade noch aus der Schlinge ziehen konnte. Gegen Favres Team lief Werder mutig und zielgenau ins offene Messer.

Die letzten beiden Heimspiele boten aber auch Grund zur Hoffnung. Die Abhängigkeit von Pizarro scheint wieder geringer, die Automatismen im Spiel kamen wieder besser zur Geltung. Zuhause und gegen weniger starke Gegner kommt man mit dem gewählten System gut zurecht und kann auch spielerisch einigermaßen überzeugen. Auswärts und gegen personell wie taktisch starke Mannschaften läuft man immer wieder Gefahr, mit fliegenden Fahnen unterzugehen. Lediglich in München war eine deutliche Abkehr von der gewohnten Ausrichtung erkennbar. Hier ließ Schaaf sehr kompakt und tief agieren, ohne seine Grundformation der Raute aufzugeben. Gegen andere Gegner scheint er nicht bereit zu sein, von seiner Prämisse des aktiven Spiels, des “etwas Anbietens” abzuweichen. Auf Schalke war die Konsequenz erkennbar. Nicht die Raute war das Problem (auch Schalke spielte mit Raute), sondern der Anspruch, dem Gegner auch auf fremdem Platz spielerisch Paroli zu bieten.

Fazit: Best of the rest

Ein Fazit fällt in dieser Winterpause schwer. Einerseits sind deutliche Verbesserungen erkennbar, auf denen sich für die Rückrunde aufbauen lässt. Man hielt sich schadlos gegen die kleinen Vereine, was man in der Vergangenheit nicht immer behaupten konnte. Andererseits reichte es gegen die großen Gegner nicht. Die sechs Niederlagen kamen gegen die sechs besten Mannschaften der Liga. Die Rückrunde wird zeigen, wie stur Thomas Schaaf wirklich ist. Bleibt er bei seinem Anspruch, Werder wieder zu alter spielerischer Klasse zu führen? Und wenn ja: Schafft er es mit den gewählten Mitteln trotz aller Zweifler? Oder geht er den pragmatischeren Weg und trichtert dem Team in der Winterpause ein Alternativsystem ein (was nicht automatisch eine Abkehr von der Raute bedeuten muss), das zumindest gegen die übermächtigen und gleichwertigen Gegner zum Einsatz kommt?

Die Vertragsverlängerung der beiden sportlichen Leiter setzt besonders Schaaf unter Zugzwang. Als Krisenmanager und Bauherr hat er sich 2011 bewährt. Nun muss er zeigen, dass er auch den nächsten Schritt gehen kann.

Gesammelte Überschriften 2009/2010

Das Gegenstück zur Blattkritik in Zeitungen: Ein kleiner Rückblick auf Meine Saison 2009/2010. Da ich jedoch weder Lust noch Zeit habe, mir alle Einträge noch mal durchzulesen, habe ich nur auf die Überschriften sämtlicher Blogeinträge der letzten Saison geschaut und sie in fünf Kategorien eingeteilt. Was war gut, was war weniger gut, was war Müll? Die Live-Blogs hab ich mal außen vor gelassen.

Meisterwerke:

Quadratur der Raute (über die taktischen Änderungen im Sommer 2009)

Deutschland, eine Herbstdepression (naheliegend, aber überaus passend zur Stimmung. Hatte nichts mit Robert Enkes Selbstmord vier Wochen später zu tun)

Der Schaaf im Wolfspelz (ein Wortspiel das so weh tut, dass… dass… ich es großartig finde!)

Das Streben nach Glück (hier passt der Filmtitel wie die Faust aufs Auge)

Werder muss gewonn! (Danke, Ailton!)

Phantomschmerz (Ein Wort, dass das gesammelte Leiden eines Fußballfans am ersten Europapokal-Spieltag nach dem Ausscheiden zusammenfasst)

32. Spieltag: Hools vor der Haustür (die Alliteration ist tot, lang lebe der Stabreim!)

Pokalfinale: Nadelstiche und das offene Messer (meine persönliche Lieblingsüberschrift zu einem schrecklichen Spiel)

Gute Arbeit:

So geht Bank gar nicht (Kommentar zum Sponsor und den neuen Trikots, naheliegend, aber gefällt mir)

Die K-Frage (die ja eigentlich gar keine war)

Der schlechteste Kader seit 2003 (wehmütiger Rückblick auf die Doublesaison, etwas reißerisch, aber das war gewollt)

It’s alive! (Gemeint war der Ballpodder Podcast, inzwischen nicht mehr so alive wie diese Überschrift)

Wie JAKO sein Image ruiniert (zu Trainer Baade vs. JAKO. Reißerisch? Ja! Zweck erfüllt? Ja!  Meistgelesener Artikel der letzten Saison)

5. Spieltag: Wir lassen den Dom in Köln und die Kirche im Dorf (etwas zu verschwurbelt für ein Meisterwerk, aber sehr passend zum Artikel)

Pizzaros Werk und Moens Beitrag (hier funktioniert der Filmtitel, hätte auch nach hinten losgehen können)

DFB-Pokal, 2. Runde: Meine Perle (in your face, HSV!)

7. Spieltag: Drei… zwei… eins… Mainz (möglicherweise hab ich dieses Wortspiel nicht erfunden, trotzdem war ich eher dran als z.B. Spiegel Online und bundesliga.de)

Darf ich vorstellen: Athletic Club Bilbao (als Beispiel für alle europäischen Gegner, die ich in der Saison vorgestellt habe. Altmodisch, aber mir gefällt’s)

Europa League, 2. Spieltag: Kein Fußball den Faschisten (und auch kein Handball oder Hockey!)

9. Spieltag: Momentaufnahme (subtile Wortspiele sind durchaus ok, hier sind Werders Zu-Null-Serie und mein Auftritt im Ballpodder Podcast gemeint)

50+1: Sozialromantik oder Selbstschutz? (Für meine Verhältnisse angenehmer Minimalismus)

Pascals Saison: Der lange Weg zum Fußballprofi (bester bzw. einziger guter Artikel der Serie, passende Überschrift)

Zum Tod Robert Enkes (angemessene Überschrift)

14. Spieltag: Holland (Vielleicht mein bester Spielbericht der Hinrunde, mit passender Überschrift)

Wundern an der Weser (Wortspiel und Stabreim in einem, wo ist das Bewerbungsformular für Spiegel Online?)

“Meine Hoffnung ist, dass wir es dieses Jahr packen” (und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt)

Jahre voller Lust (Dreiteiler, angemessene Überschrift für einen Rückblick auf ein erfolgreiches Jahrzehnt)

20. Spieltag: Never change a losing team (ein Hauch von Kritik am Trainer)

21. Spieltag: Jinx (ein Wort, das fester Bestandteil meines Fußballvokabulars geworden ist)

Europa League, 1/16-Finale: Der heimliche Spielmacher (aber nur für eine kurze Zeit)

Der ganz normale Wahnsinn (so gut, dass ich sie vor einigen Wochen gleich noch mal verwendet habe)

DFB Pokal, Halbfinale: Hauptsache Berlin (vielschichtig wie eine Zwiebel)

28. Spieltag: Tatsache (hier passte die minimalistische Überschrift tatsächlich)

30. Spieltag: Comeback Kid (und wie)

Der Nörgler als Mensch (gut kopiert ist besser als schlecht selbstgemacht)

Unsere 23 Spieler für Südafrika (immerhin 18 der 23 Spieler richtig, ohne Verletzungen wären es vielleicht 20 geworden)

Meine Saison (in a nutshell) bzw. Meine Saison (über den Tellerrand) (passend für einen Jahresrückblick)

Langweilig und funktionell:

Trainingsbeginn (Erster Post der Saison)

Außer Haus (Link zum Interview mit dem Rasenschachmagazin)

Meine Saison 2010 (übers neue Blogdesign, nun ja)

Meine Saisonvorschau 09/10 (ein Zweiteiler, manchmal müssen solche pragmatischen Überschriften eben sein)

Ganz ohne Wortspiel: Pizarro ist zurück (die meisten Wortspiele waren aber kreativer als das hier)

Bremer Transfers 1997 – 2009 (you get what you pay for)

3. Spieltag: Immer wieder Gladbach (Das Wortspiel ist weder gelungen noch sonderlich einfallsreich)

Podcast und Fußballradar (genau darum geht’s in dem Artikel)

4. Spieltag: Die üblichen Verdächtigen (zweckentfremdete Filmtitel werden nach zig-facher Benutzung einfach langweilig)

Wiese in den Sturm (nein, lieber doch nicht)

18mal18 und Pascal Testroet (gute Idee, halbherzige Umsetzung meinerseits)

Adebayor’s “mindless and malicious stamp” (Eigenanteil: 0,5%)

Weiter nach der Werbung (wenn’s sein muss)

Werder in Südafrika (kann man machen)

DFB-Pokal, Achtelfinale: Tänzer (ganz ok, passt zum eingebundenen Musikvideo)

Europa League, 4. Spieltag: Dekadent (das war es)

12. Spieltag: Pause (laaaangweilig)

In eigener Sache (Eigenwerbung)

13. Spieltag: Inspiriert (uninspiriert)

Europa League, 6. Spieltag: Weihnachtsausflug (nur eben ein sehr langweiliger)

17. Spieltag: Leistungsgerecht (Herbst/Winter 2009 wird mal als meine Minimalismus-Phase in die Geschichte eingehen)

Pascals Saison: Pascal wird Profi (Kurz und bündig, wie der Artikel)

Mr.TrailMix gratis testen (noch mal Eigenwerbung)

19. Spieltag: Konjunktiv (es hätte eine gute Überschrift werden können)

Wie Sky treue Kunden los wird (habe leider nicht auf mich gehört)

24. Spieltag: Pragmatismus (richtig)

31. Spieltag: Sky90, ein Trauerspiel (nicht mehr und nicht weniger)

33. Spieltag: Meistermacher (das hätten die Bayern aber wohl auch ohne uns geschafft)

Pokalfinale – Ein modernes Märchen (der Untertitel “The Wizard of Öz” ist eigentlich ein Meisterwerk, aber keine Eigenkreation)

Finalfieber: Die Schlüsselduelle (mit dieser Überschrift kann man nicht viel falsch machen)

Übers Ziel hinaus:

DFB-Pokal, 1. Runde: Leichtigkeit (auch die doppelte Bedeutung rettet die Überschrift nicht, auch hier im Blog schon zu oft verwendet)

1. Spieltag: Alles blöd (trotziges Kind, passt zum Niveau des Spiels)

2. Spieltag: Back to Basics (unbeabsichtigtes Zitat eines Christina Aguilera Albums)

Europa League Play-Offs, Rückspiel: Diamant im Herzen (Ha ha, “Diamond” mit “Diamant” statt “Raute” übersetzt, wie lustig!)

Die etwas andere Europa-League-Vorschau (Der gute Zweck heiligt die Mittel, aber diese Überschrift ist eigentlich ein No Go!)

6. Spieltag: Einfallslose Zufriedenheit (trifft allerdings auch auf diese Überschrift zu)

Pascals Saison: Alles Gute zum Geburtstag! (for he’s a jolly good fellow, so überflüssig wie der Artikel)

10. Spieltag: For the Record: No Record! (ein leider etwas zu gezwungener Versuch humorvoll zu sein)

11. Spieltag: Begeistert (wo es mit etwas Abstand kaum Grund zur Begeisterung gab)

Mein Senf zum Münchner Weißwurstfrühstück (als Bremer mit bayerischen Wurzeln kann ich die Anspielungen trotzdem nicht lassen)

15. Spieltag: Remiskönig (das war nun wirklich nicht die Quintessenz des Spiels)

16. Spieltag: How Felix stole Christmas (wie viele Filmtitel habe ich eigentlich in der letzten Saison verbraten?)

18. Spieltag: Und jährlich grüßt das Murmeltier (und das nicht nur bei mir)

22. Spieltag: Nun ja… (nun ja…)

“Es wird auch dieses Mal kein Unentschieden geben” (es gab ein Unentschieden)

Damals, im Herbst 2004 (sind wir wenigstens weitergekommen)

29. Spieltag: Zu grün (um zu erkennen, dass wir doch noch Dritter werden würden)

34. Spieltag: Durchschaubar in die Champions League (so durchschaubar, dass wir noch gar nicht qualifiziert sind)

Mit welcher Taktik gegen die Bayern? (Mit einer Taktik, die hier nicht genannt wurde und die auch nicht aufging)

Wortmüll:

Pascals Saison: Bratwurst mit Spinat (sollte einen ziemlich durchschnittlichen Artikel interessanter machen, nicht geglückt)

8. Spieltag: Aus der Krise hilft nur Grün-Weiß (“Aus der Krise hilf nur Wiese”, wäre eine gute Überschrift gewesen, die jedoch nicht zum Inhalt gepasst hätte)

Europa League, 3. Spieltag: Schluckauf, bitte! (andere Überschrift, bitte!)

Europa League, 5. Spieltag: B-Beitrag (und bestenfalls D-Überschrift)

Jahre voller Lust (Teil 3)

Das Jahr 2010 ist da – die Nuller Jahre sind vorbei. Ein Jahrzehnt, das aus der grauen Fußballmaus Werder Bremen einen regelmäßigen Champions League-Teilnehmer machte. Ich habe mir aus jedem Jahr ein besonderes Spiel herausgepickt und paar Zeilen dazu geschrieben. So ist ein sehr persönlicher Rückblick auf die Dekade entstanden, den ich nun in drei Teilen hier im Blog veröffentlichen werde. Heute gibt es den dritten und letzten Teil.

28.11.2007: Werder Bremen – Real Madrid 3:2

Der Sprung von Spiel gegen Juventus zum Spiel gegen Real Madrid ist groß. 21 Monate liegen zwischen den beiden Partien, in denen es für Werder viele aufregende, aber auch manche ärgerliche Ereignisse gibt. Der Herbstmeisterschaft 2006 folgen zunächste herbe Enttäuschungen: Wie schon in der Hinrunde verliert man gegen Schalke und den späteren Meister VfB Stuttgart. Als dann auch noch das Heimspiel gegen den HSV verloren geht, scheint der Meisterschaftszug abgefahren, doch weil den Schalkern zum Ende hin die Puste ausgeht, kann sich Werder mit einer Siegesserie wieder herankämpfen. Auch international sieht es gut aus: Nach der verpassten Qualifikation der KO-Runde der Champions League erreicht man im UEFA-Cup das Halbfinale. Gegen Espanyol Barcelona setzt es im Hinspiel jedoch eine bittere 0:3 Niederlage. Für Aufregung sorgt kurz vor dem Spiel ein nicht mit dem Verein abgestimmtes Treffen zwischen Miroslav Klose und Vertretern von Bayern München. Der ehemalige Publikumsliebling, der zudem seit geraumer Zeit das Tor nicht mehr trifft, wird fortan bei den Fans zum Buhmann. Im Rückspiel sieht er bereits in der Anfangsphase gelb-rot und steigert seine Beliebtheit dadurch nicht gerade. Werder scheidet aus und auch die letzten Chancen auf die Meisterschaft können nicht genutzt werden. Die Niederlagen gegen Bielefeld und Frankfurt werden zum Sinnbild einer Saison, die zwar insgesamt erfolgreich war, doch den hohen Erwartungen aus dem Winter nicht gerecht werden konnte. Dabei hat Werder diese Meisterschaft nicht etwa gegen die kleinen Gegner verloren, sondern in den direkten Duellen gegen Schalke und Stuttgart. Ein Sieg aus den beiden Spielen gegen Stuttgart hätte letztendlich ausgereicht, um die Schale erneut an die Weser zu holen. Um die Auswirkung dieser direkten Duelle zu verdeutlichen: Hätte Werder diese vier Spiele alle gewonnen, statt sie alle zu verlieren, wäre man mit sage und schreibe 14 Punkten Vorsprung Meister geworden, anstatt mit 4 Punkten Rückstand Dritter.

In der Sommerpause wechselt Klose nach langem Hick-Hack schließlich doch zu den Bayern und ist in Bremen endgültig unten durch. Sein Nachfolger Boubacar Sanogo kommt ohne große Vorschusslorbeeren nach Bremen, doch kann innerhalb kurzer Zeit die Kritiker – vorerst – zum Schweigen bringen. Nach einer bitteren 0:4-Heimniederlage gegen Bayern München am 2. Spieltag spielt Werder eine großartige Hinrunde, an deren Ende wieder 36 Punkte auf dem Konto stehen. Nur die schlechtere Tordifferenz gegenüber den Bayern verhindert die erneute Herbstmeisterschaft. Sanogo avanciert in dieser Hinrunde zu Werders Lebensversicherung, erzielt viele wichtige Tore. Es bleibt leider die einzige Phase seiner Werderkarriere, in der er überzeugen kann (vom Intermezzo im vergangenen Sommer abgesehen). Der Star der Mannschaft ist nach Kloses Abgang endgültig der Brasilianer Diego, der sich immer mehr auch in das Blickfeld der europäischen Spitzenclubs spielt. Neben ihm kann Daniel Jensen endlich konstant starke Leistungen abliefern und wird in Abwesenheit der Platzhirsche Frings und Borowski zum Schlüsselspieler im Mittelfeld. Kein Spiel zeigt dies deutlicher, als das Champions League-Match gegen Real Madrid. Ein Blick auf die Aufstellung verdeutlicht die Verletzungsmisere, die sich wie ein roter Faden durch die Hinrunde zieht. Neben dem gesperrten Diego muss Werder gegen Real auf Wiese, Owomoyela, Frings, Borowski, Almeida, Klasnic und nach sechs Minuten auch auf Fritz verzichten. Mit Vander, Vranjes, Tosic und dem nach neunmonatiger Verletzungspause erstmals wieder auflaufenden Hunt gegen das große Real – kann das gutgehen?

Es kann! Werder liefert, auch gerade angesichts der Personalsituation, eines seiner besten Spiele der Ära Schaaf ab und bezwingt Madrid mit 3:2. Das 2:1 durch Sanogo ist in seiner Entstehung und Vollendung vielleicht das schönste, das Werder in der Champions League je erzielt hat. Die Zuschauer im Stadion sind 90 Minuten lang wie elektrisiert, die Stimmung ist für Bremer Verhältnisse gigantisch. Am Ende steht grenzenloser Jubel und die Hoffnung auf neue europäische Lorbeeren. Doch es kommt anders: Werder versagt in Piräus und muss in der Rückrunde erneut mit dem UEFA-Cup vorlieb nehmen. Neben dem Wirbel um den exzentrischen Neuzugang Carlos Alberto ist dies die größte Enttäuschung dieser Hinrunde. Die Tore des nach zwei Nierentransplantationen wiedergenesenen Ivan Klasnic gegen Bayer Leverkusen sorgen zu Weihnachten jedoch wieder für gute Laune.

27.9.2008: Werder Bremen – 1899 Hoffenheim 5:4

Das Jahr 2008 beginnt für Werder, wie so viele der vergangenen Jahre: Mit einer Krise. Man scheidet im Pokal gegen Dortmund aus und verpatzt auch den Auftakt in der Liga gegen Bochum. Binnen kurzer Zeit verspielt Werder alle Meisterschaftschancen. Dazu kommt das unglückliche und vor allem unnötige Ausscheiden aus dem UEFA-Cup gegen die Glasgow Rangers, wo Tim Wiese sein Juve-Flashback erlebt. Im Frühling 2008 scheint sich Werder aus der Spitzengruppe der Liga verabschiedet zu haben und nur ein großer Kraftakt zum Ende der Saison bringt Werder wieder in die Nähe der Champions League Ränge. Dann zeigt die Mannschaft jedoch, dass sie auch die entscheidenden Spiele gewinnen kann. Diese Eigenschaft hat man ihr aufgrund der Ergebnisse in den letzten beiden Jahren schon abgesprochen. Mit Siegen in Hamburg und Leverkusen sichert sich Werder die Vizemeisterschaft und ist somit erneut für die Champions League qualifiziert.

Die folgende Hinrunde bestätigt jedoch die Eindrücke der ersten Jahreshälfte: Werder fehlt die Balance zwischen Offensive und Defensive. Die Ergebnisse sind folglich sehr schwankend und reichen nicht mehr, um in der Liga oben dran zu bleiben. Werder kassiert viele Gegentore, die eine Bundesligamannschaft eigentlich nicht kassieren darf, weil die Defensive immer wieder weit aufrückt und die Rückwärtsbewegung des gesamten Teams so wirkt, als spiele hier eine Schülermannschaft. Man macht sich das Leben so viel zu schwer und steuert zeitweise einen neuen Vereinsrekord in Sachen Gegentoren an. Zum Glück ist Werders Offensive dank Diego und Rückkehrer Claudio Pizarro stark genug, um einen totalen Absturz zu verhindert. Neben den beiden entwickelt sich der von Schalke verpflichtete Mesut Özil vom Perspektiv- zum Stammspieler. Eine kurze Zeit lang sieht es sogar so aus, als reiche die Offensivpower aus, um wieder ein Wörtchen um die Meisterschaft mitzureden. In München verdirbt Werder den Hausherren kräftig den Oktoberfestauftakt, führt 25 Minuten vor Ende mit 5:0 in der Allianz-Arena. Die Anschlusstreffer des Ex-Bremers Borowski machen dieses Spiel aus Fansicht eher zu einem 7:0, als zum 5:2, das am Ende auf dem Spielberichtsbogen steht.

Das folgende Spiel gegen den späteren Herbstmeister Hoffenheim beginnt ähnlich furios, zeigt dann jedoch das ganze Spektrum des Bremer Spiels 2008. Die fehlende Balance kulminiert in diesem Spiel und sorgt wie das gesamte Jahr für ein Wechselbad der Gefühle auf den Rängen. Nach einer halben Stunde führt Werder mit 4:1 in einem für Bundesligaverhältnisse extrem schnellen Spielen. Die Abwehrreihen beider Mannschaften haben große Probleme und die Schussgenauigkeit beider Mannschaften ist fast schon beängstigend (Hunt! Salihovic!!!). Hoffenheim kann Werder in der zweiten Hälfte immer mehr hinten rein drücken und nach Mertesackers roter Karte und dem Ausgleichstreffer der Badener droht das Spiel vollends zu kippen. Özil entscheidet das Spiel schließlich mit einem Konter gegen den Aufsteiger, der nicht nur wegen seiner tollen Moral von einer unglücklichen Niederlage sprechen darf. Das Spiel ist ein Fest des Angriffsfußballs, bei dem Werder zeigen kann, dass man in dieser Disziplin noch immer nationale Spitze ist.

7.5.2009: Hamburger SV – Werder Bremen 2:3

Die erste Hälfte des Jahres 2009 steht für Werder im Zeichen der Pokalwettbewerbe. Im Ligaalltag rennt Werder dem Geschehen weiterhin nur hinterher. Während man im Pokal einen hart erkämpften Auswärtssieg in Dortmund feiern kann, steht man in der Bundesliga nach zwei Niederlagen gegen Bielefeld und Schalke zum Rückrundenauftakt im Niemandsland der Tabelle. In der Folge spult Werder mehr oder weniger ein Pflichtprogramm herunter und konzentriert sich auf die Highlights in den KO-Spielen. Ein erster Höhepunkt des Jahres ist die Partie in Mailand. Werder muss einem äußerst unglücklichen 0:2-Rückstand hinterherlaufen. Dank einer insgesamt sehr starken Leistung schafft man die Überraschung und wirft Milan aus dem Wettbewerb. Im Pokal gelingt ein 5:2-Kantersieg beim heimstarken VfL Wolfsburg. Werder fügt dem späteren Deutschen Meister dabei die einzige Heimniederlage der Saison zu. Es wird immer deutlicher, dass sich Werders Qualitäten in den letzten eineinhalb Jahren verändert haben. Während man früher konstant gut spielte und dann in den entscheidenden Spielen scheiterte, wirkt die Mannschaft nun reifer und erfolgshungriger in den großen Spielen, doch dafür hat man Probleme, konstant gute Leistungen abzuliefern.

Am Ende steht Werder auf einem sehr enttäuschenden zehnten Platz. Es ist erst das zweite Mal seit dem Wiederaufstieg 1981, dass Werder nach dem letzten Spieltag auf einem zweistelligen Tabellenplatz steht. Und wie schon 1999 ist dieser Umstand durch den Gewinn des DFB-Pokals nicht ganz so schwer zu verschmerzen. Der 1:0-Finalsieg gegen Leverkusen ist der krönende Abschluss einer über weite Strecken ärgerlichen Saison. Nach dem verlorenen UEFA-Cup-Finale gegen Donezk ist es eine große Genugtuung, doch noch einen Titelgewinn feiern zu können. Beachtlich an Werders Erfolgen in den Pokalwettbewerben sind auch die Umstände, unter denen sie zustande kommen. Es hat wohl nie widrigere Bedingungen gegeben, unter denen eine Mannschaft sich für zwei Finals qualifiziert hat: Im DFB-Pokal ist Werder die erste Mannschaft, die ohne ein einziges Heimspiel den Titel gewinnt. Im UEFA-Cup muss man die Rückspiele allesamt auswärts austragen, was gemeinhin als Nachteil gilt, und geht trotzdem jeweils als Sieger vom Platz.

Komplettiert wurde das Auf und Ab durch Pokal und Liga durch die vier Spiele gegen den HSV. Wenn es jemals einen klaren Sieger im Duell der beiden Vereine gab, dann dort. Innerhalb von zweieinhalb Wochen trifft Werder in Pokal, UEFA-Cup und Liga auf den Nordrivalen und kann sich in diesen Duellen eindrucksvoll durchsetzen. Man spielt die Hamburger nicht etwa an die Wand, doch legt einen Siegeswillen an den Tag, der kaum zu bändigen ist. Im Pokal wird Tim Wiese zum Helden, indem er drei Elfmeter hält und Werder damit das Ticket nach Berlin sichert. Im UEFA-Cup macht Werder eine 0:1-Heimniederlage und einen 0:1-Rückstand im Rückspiel wett und erkämpft sich auch hier die Finalteilnahme. In der Liga düpiert man den HSV schließlich vollends und zerstört dessen letzte Hoffnungen auf die Meisterschaft. Es ist eine Seelenmassage in vierfacher Ausfertigung, die für vieles, aber nicht alles entschädigt. Im Dezember spielt man erneut in Hamburg und verliert mit 1:2. Von „Revanche“ sprechen indes nicht einmal die Hamburger. Wir haben die bizarre Situation, dass Werder in den letzten 14 Monaten von 6 Spielen gegen den HSV nur zwei gewonnen und drei verloren hat und doch immer noch als Gewinner dasteht. Schöner, verrückter Fußball.

Im Sommer verlässt Diego Bremen in Richtung Turin. Ohne ihn ist Werder nur die Hälfte wert, da sind sich die Beobachter einig. Nicht nur die Niederlage in Istanbul hat gezeigt, dass Werder ohne seinen kreativen Kopf keine Spitzenmannschaft ist. Dazu beendet der langjährige Kapitän Frank Baumann seine Karriere. Im Sommer 2009 scheint trotz prominenter Neuzugänge wie Marko Marin, Tim Borowski und Marcelo Moreno unklar, ob Werder an die Erfolge anknüpfen kann. Es folgt erneut eine turbulente Hinrunde, in der Werder von 28 Spielen nur drei verliert, zwischenzeitlich Lobeshymnen einheimst und am Ende trotzdem nicht ganz zufrieden sein kann.

Wie geht es nun weiter? Wird ein Rückblick in 10 Jahren wieder so erfreulich sein? Ich bin gespannt und freue mich auf eine spannende und hoffentlich auch erfreuliche Rückrunde.

Lebenslang Grün-weiß!

Den ersten Teil der Serie (2000 – 2002) findet ihr hier. Den zweiten Teil (2003 – 2006) findet ihr hier.

Jahre voller Lust (Teil 2)

Das Jahr 2010 ist da – die Nuller Jahre sind vorbei. Ein Jahrzehnt, das aus der grauen Fußballmaus Werder Bremen einen regelmäßigen Champions League-Teilnehmer machte. Ich habe mir aus jedem Jahr ein besonderes Spiel herausgepickt und paar Zeilen dazu geschrieben. So ist ein sehr persönlicher Rückblick auf die Dekade entstanden, den ich nun in drei Teilen hier im Blog veröffentlichen werde. Heute gibt es den zweiten Teil.

30.7.2003: Superpfund Pasching – Werder Bremen 4:0

Pasching. Dieses Wort hat jeder Werderfan noch immer im Gedächtnis und wird es wohl auch für immer dort behalten. Es wird zum Synonym für die Initialzündung zu einer Bremer Meisterschaft, die alles bisher da gewesene in den Schatten stellte. Das weiß zu diesem Zeitpunkt freilich noch niemand (auch wenn ich gerne immer wieder betone, dass ich im Herbst 1999 gewettet habe, dass Werder innerhalb der kommenden fünf Jahren Meister werden würde). Das Trauerspiel, das die Mannschaft in Pasching abliefert, sorgt daher in Bremen für große Besorgnis. Von Abstiegskampf ist die Rede und das minütlich wachsende Misstrauen gegenüber der Mannschaft ist während der Partie in Österreich fast schon mit den Händen zu greifen. Ich erinnere vor allem deshalb gerne an diese Situation, weil sie in der öffentlichen Wahrnehmung fast keine Rolle mehr spielt. Wenn Wolfsburgs Meisterschaft im letzten Jahr als „größte Sensation seit Kaiserslautern 1998“ bezeichnet wird, sollte man (von Stuttgarts Meisterschaft 2007 mal ganz abgesehen) bedenken, dass die Wölfe als Kandidat für die CL- oder zumindest UEFA-Cup-Plätze in die Saison gegangen sind, während Werder im Juli 2003 von vielen „Experten“ als Abstiegskandidat gehandelt wird.

In Pasching zeigt Werder alle negativen Eigenschaften, die eine Mannschaft haben kann: Mangelnde Laufbereitschaft, schwaches Zweikampfverhalten, unpräzise Pässe, schlechtes Positionsspiel und dazu haarsträubende individuelle Fehler. Aus heutiger Sicht lässt sich sagen: wohl selten hat eine Mannschaft ihre Lektionen aus einem Spiel so gut gelernt. Vom Saisonauftakt in Berlin bis zum Saisonende wiederum in Berlin legt Werder keine dieser negativen Eigenschaften mehr an den Tag und spielt so die wohl beste Saison der Vereinsgeschichte. Über die „Werder-Dösis“ lacht die Bild-Zeitung im August 2003. Auch ich lache heute gerne darüber, denn Pasching ist untrennbar mit den kommenden Erfolgen verbunden. Eine peinliche 0:4-Klatsche in Österreich nimmt man dafür gerne in Kauf – im Nachhinein zumindest.

8.5.2004: Bayern München – Werder Bremen 1:3

Der 8. Mai 2004 kann ohne Zweifel als größter Tag in der Geschichte unseres Vereins bezeichnet werden. Der Gewinn der Meisterschaft im Stadion des größten Rivalen, auf diese Art und Wiese, das ist schon ein einmaliger Moment im Leben eines Fans. Der Killer, der König und der Kugelblitz setzen die letzten Ausrufezeichen unter die für Werder traumhafte Bundesligasaison. Der vor dem Spiel tönende Uli Hoeneß und der patzende „Torwart-Titan“ Oliver Kahn werden zu den tragischen Figuren im Olympiastadion und in Bremen zum Sinnbild für den Triumph der fußballerischen Klasse über überbordenden Ehrgeiz und Arroganz. Entschieden wird die Saison zwar schon vorher, doch aufgrund der Last-Minute-Meisterschaften der Bayern in den Jahren 2000 und 2001 bleiben auch bei mir leichte Restzweifel. Nach 30 Minuten sind diese weggewischt. Der Bremer Domshof tobt und für Wochen ist unser „Dorf mit Straßenbahn“ in Grün und Weiß geschmückt (inklusive besagter Straßenbahn).

Der Doublegewinn 2004 hat zu jedem Spieler eine Geschichte parat: Ob nun der entfesselt am Zaun rüttelnde Frank Baumann, der Prophet Ümit Davala, der Nobody-Abwehrchef Valerien Ismael oder der per Auto aus Spanien angereiste Andreas Reinke – sie alle sind Teil der Bremer Meistergeschichte. Doch keiner hat eine so rührende Geschichte wie Torschützenkönig Ailton. Toni erzielt in seiner letzten Saison im Werdertrikot ganze 28 Tore und hat so entscheidenden Anteil an den Erfolgen seiner Mannschaft. Seine Torquote ist das Ergebnis eines Offensivspiels, das (fast) ganz Fußballdeutschland begeistert. Zu seinem und Bremens Enttäuschung hat Ailton jedoch schon im September 2003 einen Vertrag beim FC Schalke unterschrieben, was sich im Nachhinein als größerer Verlust für den Brasilianer als für Werder herausstellt. In Miroslav Klose findet Werder einen – zumindest spielerisch – mehr als würdigen Nachfolger (ich weiß, wie sehr es viele Fans immer noch schmerzt, dies einzugestehen). Ailton wird dagegen weder auf Schalke, noch an einer seiner folgenden Stationen wirklich glücklich und kickt seit kurzem in den Niederungen des deutschen Amateurfußballs beim KFC Uerdingen. Der 8. Mai 2004 bleibt auch der größte Tag in der fußballerischen Karriere des Ailton Goncalves da Silva. Schon deshalb wird er immer in den Herzen der Werderfans bleiben.

19.4.2005: Schalke 04 – Werder Bremen 7:6 n.E.

Im Jahr 2005 darf Werder die Erfahrung machen, dass es als amtierender Meister nicht ganz einfach ist, sich in der Spitze der Liga zu halten. Zum Ligaalltag kommt die Champions League hinzu, die Werder eine Menge abverlangt. In der Gruppenphase kann sich Werder mit 13 Punkten fürs Achtelfinale qualifizieren und besiegt dabei zweimal den amtierenden Spanischen Meister und UEFA-Cup-Sieger FC Valencia. Vor allem das Außwärtsspiel hat es in sich, als Werder durch zwei späte Tore von Valdez den Sieg sicherstellt und Valencias Spielern daraufhin die Lampen durchbrennen. Dieser Tage winkt ein Wiedersehen im Achtelfinale der Europa League, sollten beide Teams die nächste Runde überstehen. In der Champions League holt sich Werder gegen Olympique Lyon eine Abreibung, die es in sich hat. Mit insgesamt 2:10 Toren aus den beiden Spielen verabschiedet man sich aus dem Wettbewerb. Während man beim 0:3 zuhause noch eine spielerisch gute, aber zu naive Vorstellung zeigt, geht man im Rückspiel mit fliegenden Fahnen unter. Vor allem Trainer Schaaf ist nach dem Spiel angeschlagen, da seine äußerst offensive und riskante Aufstellung so nach hinten losgegangen ist.

Ein Happy End hat die Saison trotzdem: Am Ende wird Werder in der Bundesliga etwas unerwartet Dritter und kann sich erneut für die Champions League qualifizieren. Das emotionalste Spiel der Saison findet jedoch im DFB-Pokal statt – gegen den neuen Lieblingsfeind Schalke und die alten Bekannten Mladen Krstajic und Ailton. Das Spiel braucht eine Weile, bis es richtig in Fahrt kommt, doch dann bekommen die Fans in der Arena auf Schalke eine wahre Pokalschlacht zu Gesicht. Schalke geht zunächst verdient in Führung, doch Werder schafft es, wie so oft zu dieser Zeit, in der Schlussphase mächtig Druck aufzubauen. Valerien Ismael erzielt fünf Minuten vor dem Ende den Ausgleich und fast wird Werders Schlussoffensive noch belohnt. Ivan Klasnics vermeintlicher Siegtreffer in der 90. Minute wird jedoch zu Unrecht wegen Abseits aberkannt. Im Gegenzug hat Werder Glück, dass Ailton nur den Pfosten trifft und Reinke im Nachschuss gegen Lincoln rettet. In der Verlängerung geht es auf und ab, mit Chancen auf beiden Seiten. Werder geht zunächst durch ein schönes Tor von Borowski in Führung, doch nur zwei Minuten später erzielt (ausgerechnet…) Ailton den erneuten Ausgleich. Das Elfmeterschießen hätte sich auch ein Drehbuchautor aus Hollywood nicht spannender ausdenken können. Nachdem zunächst Stalteri und dann auch Borowski verschießen, hat Schalke zweimal die Chance, den Sack zuzumachen. Ailton donnert den Ball an die Latte – wie wir heute wissen nicht sein letztes Gastgeschenk an seinen ehemaligen Arbeitgeber. Werder ist also wieder im Spiel. Dann tritt Fabian Ernst an den Elfmeterpunkt, der wenige Wochen vorher seinen Wechsel im Sommer zu den Schalkern bekanntgegeben hat. Er rutscht beim Anlauf aus und gibt einem anderen Ex-Bremer, nämlich Torwart Frank Rost, die Gelegenheit, das Spiel durch seinen selbst verwandelten Elfmeter zu entscheiden. Schalke steht im Finale und für Werder bleibt nur die Gewissheit, Teil eines begeisternden Fußballspiels gewesen zu sein.

7.3.2006: Juventus Turin – Werder Bremen 2:1

Zugegeben, es gibt schönere Erinnerungen an das Jahr 2006, als das vermaledeite Ausscheiden aus der Champions League gegen Juventus Turin. Zum Beispiel das Hinspiel im Weserstadion, in dem Werder in den letzten Minuten einen 1:2 Rückstand noch in einen Sieg drehen kann oder das Saisonfinale in Hamburg, als man dem HSV noch die Vizemeisterschaft entreißt und in der Bremer Innenstadt Erinnerungen an die Double-Saison hochkommen. Doch dieses Spiel ist so prägend für die restliche Saison und auch für die Seele der Werderfans, dass es trotzdem mein Highlight aus dem Jahr 2006 ist. An keine Niederlage habe ich in den Jahren danach so häufig zurückgedacht, wie an das Rückspiel im Delle Alpi. Keine beschreibt dieses Gefühl besser, trotz einer tollen Leistung am Ende doch mit leeren Händen dazustehen. Es ist die grausamste aller Niederlagen, herbeigeführt durch eine Slapstickeinlage des damaligen Ersatztorhüters Tim Wiese, die Werder um den verdienten Lohn bringt.

Zuvor hat man das 3:2 aus dem Hinspiel nicht nur verteidigt, sondern durch ein Tor von Micoud sogar noch ausgebaut. Als Juventus zum 1:1 trifft, scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis das Spiel kippt. Juve ist damals eine der besten Mannschaften Europas, dominiert die italienische Liga nach Belieben – wie wir heute wissen nicht nur aus sportlichen Gründen. Werder ist der Emporkömmling, der der alten Dame kräftig ans Bein pinkelt. Gegen Ende des Spiels werden Turins Angriffe nicht etwa gefährlicher, sondern zunehmend kopflos. Es ist ziemlich genau eine Minute nachdem ich mich zum ersten Mal dabei ertappe, wirklich an das Weiterkommen zu glauben, als Wiese diese Flanke abfängt, eine Rolle vorwärts macht und den Ball vor den Füße des Brasilianers Emerson fallenlässt. Der Rest ist Geschichte. Fassungslosigkeit allerorten: Auf dem Platz macht Werder keine Anstalten, das Spiel noch einmal zu drehen (woher vermutlich die weit verbreitete Ansicht kommt, das Tor sei in der letzten Minute gefallen). Vor dem Fernseher keine Regung. Es scheint fast, als bliebe die Zeit für einen Moment stehen. Dann ertönt der Schlusspfiff und bald darauf weidet sich Fußballdeutschland an den Bildern des Wiese-Patzers. Es ist die tragische Geschichte einer Mannschaft, die auf der Schwelle dazu steht, in die Phalanx der europäischen Spitzenmannschaften einzubrechen und sich dann selbst die Tür vor der Nase zuschlägt. Dieses Gefühl kommt Ende des Jahres noch einmal zurück, als man kurz davor steht, den Titelverteidiger FC Barcelona aus der Champions League zu werfen, dann aber im entscheidenden Spiel im Camp Nou völlig chancenlos ist.

2006 ist vielleicht Werders bestes Jahr unter Thomas Schaaf. Saisonübergreifend holt man 70 Punkte, mehr als jede andere Mannschaft und auch international scheint der Durchbruch trotz großen Lospechs zum Greifen nah. Das überrascht vor allem deshalb, weil Werder im Sommer in Johan Micoud den prägenden Spieler der letzten Jahre verliert. Sein Nachfolger kommt von der Ersatzbank des FC Porto und sorgt in seiner ersten Hinrunde in Bremen gleich für viel Aufsehen. Werder gewinnt den Ligapokal, schlägt die Bayern auch in der Liga überlegen, schießt dreimal auswärts 6 Tore und wird von vielen schon als der kommende Meister angesehen. Doch es gibt auch Nebengeräusche. Kleine Rückschläge, wie das Ausscheiden im DFB-Pokal gegen Pirmasens oder die Niederlagen gegen Schalke und Stuttgart. Trotzdem sieht die Welt zu Weihnachten nicht nur für Tim Wiese wieder rosa aus.

Den ersten Teil der Serie (2000 – 2002) findet ihr hier. In den nächsten Tagen folgt der dritte Teil (2007 – 2009).

Jahre voller Lust (Teil 1)

Das Jahr 2010 ist da – die Nuller Jahre sind vorbei. Ein Jahrzehnt, das aus der grauen Fußballmaus Werder Bremen einen regelmäßigen Champions League-Teilnehmer machte. Ich habe mir aus jedem Jahr ein besonderes Spiel herausgepickt und paar Zeilen dazu geschrieben. So ist ein sehr persönlicher Rückblick auf die Dekade entstanden, den ich nun in drei Teilen hier im Blog veröffentlichen werde. Heute gibt es den ersten Teil.

23.3.2000: Werder Bremen – Arsenal FC 2:4

Thomas Schaafs erste richtige Saison als Werdertrainer markiert einen Wendepunkt in Werders Geschichte. Nach Rehagels Abgang war man in der zweiten Hälfte der 90er Jahre zur grauen Maus mutiert und zeigte keine Anzeichen der Besserung. Schaaf gibt der Mannschaft eine offensive Grundausrichtung mit und fördert das Kreativspiel. Claudio Pizarro wird der Überraschungstransfer der Saison und bildet fortan mit dem schon als Fehleinkauf abgestempelten Ailton ein spektakuläres Angriffsduo. Für höhere Ambitionen fehlt es noch an der Konstanz, doch endlich sieht man in Bremen wieder Fußball, der zum Träumen anregt. Besonders im UEFA-Cup überzeugt Werder und rückt bis ins Viertelfinale vor.

Das Hinspiel hat Werder ziemlich chancenlos mit 0:2 verloren, doch es gibt Grund zur Hoffnung, als Arsenal London im Frühling 2000 zum Rückspiel ins Weserstadion kommt. In den Runden zuvor hat Werder in alter „Wunder-von-der-Weser“-Manier Hinspielpleiten im eigenen Wohnzimmer ausgebügelt – etwa gegen die damalige Klassemannschaft AC Parma (0:1, 3:1) und auch Olympique Lyon (0:3, 4:0). Gegen das Team von Arsène Wenger erwarteten die Fans nun eine erneute Aufholjagd. Doch viel zu früh wird klar, dass daraus an diesem Abend nichts werden soll. Schnell liegt Werder durch ein Tor von Ray Parlour hinten und als wiederum Parlour einen 35-Meter-Kracher in den Winkel hämmert, ist das Spiel entschieden. Doch damals ist das Anspruchsdenken in Bremen noch ein anderes. Die Bremer Anhänger unterstützen ihre Mannschaft weiterhin nach Leibeskräften und auch die Fans der Nord-Londoner sorgen für tolle Stimmung im Stadion. Werders Anschlusstreffer werden frenetisch bejubelt, die Sturmläufe – und die rote Karte – des jungen Thierry Henry mit offenem Mund bestaunt. Solchen Fußball bekommt man hier zu dieser Zeit nur selten zu sehen. Am Ende steht ein 2:4 als Ergebnis unter einem Fußballfest (mit einem Dreierpack des defensiven Mittelfeldspielers Parlour), das wohl jeden der anwesenden Zuschauer begeistert. Arsenal hat von diesem Tag an ein paar Sympathisanten mehr in der Hansestadt – diesen Autor mit eingerechnet.

17.2.2001: Werder Bremen – Schalke 04 2:1

Spektakulär ist eine Untertreibung, um Claudio Pizarros Tor gegen den Tabellenführer der Bundesliga zu beschreiben. Einen hohen, weiten Pass vom eigenen Strafraum pflückt der Peruaner mit dem Fuß nicht etwa bloß herunter, sondern tickt ihn so hauchzart und gefühlvoll an, dass er den Ball aus dem Lauf heraus Volley über den herauslaufenden Torwart Olli Reck ins Tor lupfen kann. Ein absolutes Meisterstück und sicherlich eines der schönsten Tore, die je im Weserstadion erzielt wurden. Dass es sich hierbei nicht um einen Zufall handelte, sondern Pizarros Klasse widerspiegelt, beweist der Peruaner mit 19 Toren in seiner zweiten und vorerst letzten Saison für Werder. Seine Leistungen wecken Begehrlichkeiten auf der anderen Seite der Republik und so wechselt Pizarro im Sommer 2001 für die stolze Summe von 16 Millionen DM nach München. Für die einen eine Katastrophe, den Weltklassemann ausgerechnet an die Bayern zu verlieren, für die anderen eine Bestätigung, dass man in Fußballdeutschland wieder ernst genommen wird.

Dazu hatte auch die ausgezeichnete Rückrunde der Bremer beigetragen, in der man neben dem späteren „Meister der Herzen“ auch den FC Bayern bezwingen kann. Wäre man in der Hinrunde ähnlich furios aufgetreten, hätte am Ende auch ein Platz in der Champions League winken können, denn selten holten die Topmannschaften der Liga so wenige Punkte. So bleib neben vielen schönen Toren von Pizza-Toni nur der undankbare 7. Platz (Platz 6 reichte damals für die UEFA-Cup-Teilnahme) und die Gewissheit, einen der besten Stürmer der Vereinsgeschichte verloren zu haben. Man muss es sich wirklich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass Pizarro im Jahr 2010 erst seine vierte Saison für Werder spielt. Trotz seiner sechs Jahre bei den Bayern hat er in Bremen nie an Sympathie eingebüßt, was sicher nicht nur an seinen Leistungen auf dem Platz liegt.

10.9.2002: Werder Bremen – 1.FC Nürnberg 4:1

Nicht beständig genug. So lässt sich das Manko der Bremer knapp in Worte fassen. Trotz einer tollen Hinrunde mit Siegen gegen die Meisterschaftsanwärter Bayern und Bayer Leverkusen kann Werder 2002 den Platz in der Spitzengruppe nicht verteidigen. Dank gütiger Mithilfe aus Kaiserslautern sichert sich Werder am letzten Spieltag trotz einer Niederlage gegen den neuen Meister Borussia Dortmund zumindest einen UEFA-Cup-Platz. Selbstverständlich nicht, ohne vorher noch Zünglein an der Waage im Meisterkampf zu spielen, indem man unter äußerst glücklichen Umständen zu einem Auswärtssieg in Leverkusen kommt. Für die neue Saison sieht es nicht wirklich gut aus. Leistungsträger Torsten Frings ist zum Meister gewechselt und Torwart Frank Rost zu dessen Erzrivalen nach Schalke. Ironischerweise wechseln beide, um ihre Chancen auf den Gewinn der Deutschen Meisterschaft zu verbessern. Im Spätsommer 2002 fehlt Werder vor allem ein Spielgestalter. Jemand, der die Mannschaft inspirieren kann. Es scheint hoffnungslos, einen solchen Spieler zu verpflichten, denn das nötige Kleingeld dafür ist trotz der Abgänge nicht vorhanden. Dennoch wickelt Sportdirektor Allofs im September noch einen Transfer ab, für den er zu Recht bis heute gefeiert wird: Er holt den französischen Mittelfeldspieler Johan Micoud ablösefrei zu Werder.

Es dauert genau 90 Minuten, bis Bremen „König Johan“ zu Füßen liegt. Vom ersten Spiel an kann man die Aura eines Weltklassespielers spüren. Nicht, dass es bei Werder vorher keine ähnlich starken Spieler gegeben hätte, doch im Gegensatz zu Micoud wurden diese in Bremen zu solchen ausgebildet. Micoud hingegen scheint seit seiner Ankunft die gesamte Mannschaft mit seiner Genialität mitzureißen. Nie zuvor und leider auch (noch) nicht danach hatte Werder einen Spieler, mit dieser Fähigkeit, ein Spiel zu „lesen“, es vor sich auszubreiten und nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Neben diesen strategischen Fähigkeiten verfügt Micoud auch über die technischen Fähigkeiten, diese Spielweise auf dem Platz umzusetzen. Ein wirklicher Spielmacher eben, vielleicht der letzte klassische Spielmacher der Bundesliga. Zwar kann auch er Werder nicht auf Anhieb in die Bundesligaspitze hieven, dafür ist der erneute Leistungseinbruch nach der Winterpause zu groß, doch zum ersten Mal seit Andreas Herzog in seiner Glanzzeit hat Werder wieder einen richtigen Regisseur.

In den nächsten Tagen folgen der zweite (2003 – 2006) und der dritte Teil (2007 – 2009).