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Abschiedsrunde

Düster und grau, so lässt sich die Stimmung rund um Werder Bremen in diesem Winter wohl am besten beschreiben. Nach einer Hinrunde, die wenig Lust auf mehr gemacht hat, steht der Verein mal wieder mit dem Rücken zur Wand.

Mir fallen genügend Ansätze an, um Werders voraussichtlichen Weg in die 2. Bundesliga zu skizzieren, aber mir fehlt, wie schon in den letzten Wochen und Monaten, die Motivation dazu. Stattdessen möchte ich lieber den Hauch von Vorfreude auf die Rückrunde nutzen und nach den Strohhalmen greifen, die Werder in der Rückrunde zu einem besseren Team werden lassen könnten.

Neue Impulse von außen

Die Aussagen zu Beginn der Winterpause (keine Transfers, größtes Plus ist die Eingespieltheit) waren wie erwartet nur Vorgeplänkel. Mit Lukimya und Aycicek haben seitdem zwei Spieler den Verein verlassen, Innenverteidiger Djilobodji und Offensivspieler Kleinheisler wurden verpflichtet. Dazu gibt es noch die Bestrebung, je einen defensiven Mittelfeldspieler zu holen (Onazi) und abzugeben (Kroos). Auf dem Papier machen diese Wechsel Werder stärker, auf dem Platz werden sie etwas Eingewöhnungszeit benötigen.

Wer dagegen auf mehr Einbeziehung des eigenen Nachwuchs gehofft hatte, wurde in der Vorbereitung enttäuscht. Grillitsch, Eggestein und Fröde haben es zum Auftakt gegen Schalke in den Spieltagskader geschafft – allesamt keine Überraschungen. Die einstiegen Hoffnungsträger für ein spielerisch besseres Werder (Aycicek, von Haacke und Zander) wurden hingegen schon vor dem Trainingslager – zumindest vorerst – in die U23 abgeschoben. Überraschend war diese Maßnahme nach der Hinrunde keineswegs, bedauern darf man sie trotzdem, zumal die dafür nachgerückten Guwara (Bänderriss) und Papunashvili auch noch keine große Rolle spielen.

Taktisch nicht viel Neues

Nach der spielerisch enttäuschenden Hinrunde ist mir nach wie vor nicht ganz klar, wo Viktor Skripnik mit seinem Team hin will. Taktisch dürfte es Zuhause wieder auf eine Raute hinauslaufen, auswärts auf das zuletzt gezeigte 4-4-2 mit Pizarro als hängender Spitze. Bei beiden Systemen gibt es einige Unwägbarkeiten, auf die Werder wenig Einfluss hat:

Bis zu Johannssons Genesung hat Werder nur zwei echte Stürmer (den seit der “Baguette-Affäre” *hust* nicht überzeugenden Lorenzen lasse ich hier außen vor), von denen einer altersbedingt nicht für 17 Spiele eingeplant werden kann. Für ein echtes Rautensystem müssen entweder Eggestein oder Kleinheisler sich in der Bundesliga festspielen. Alternativ läuft es wieder auf das nur bedingt überzeugende Mischsystem heraus, bei dem Junuzovic als nomineller zweiter Sechser eine Freirolle einnimmt. Im flachen 4-4-2 macht sich das weitgehende Fehlen von Flügelspielern im Kader bemerkbar. U. Garcia und Fritz können jeweils für eine defensive Variante eingesetzt werden, wobei dem System so die offensive Gefährlichkeit genommen wird. Öztunali kommt das System am meisten entgegen. Von einer Leistungssteigerung im letzten Drittel seiner Leihe dürfte es daher auch abhängen, wie gut sich das System bewährt.

Hoffnungsträger

Clemens Fritz dreht so oder so seine Abschiedsrunde bei Werder. An seinem Einsatz gibt es keinen Zweifel, es wäre dennoch gut, wenn er in seinen letzten Spielen nicht mehr so dringend gebraucht würde. Neben der möglichen Verpflichtung von Onazi hängt dies auch von Form und Fitness seines designierten Nachfolgers als Mannschaftskapitän ab. Wenn Junuzovic an seine Leistungen aus der letzten Saison anknüpfen kann, bedeutet das nicht zwangsläufig den Klassenerhalt – ein Klassenerhalt ohne Leistungssteigerung von Junuzovic scheint mir jedoch kaum möglich.

Insgesamt hängt viel vom Prinzip Hoffnung ab bei Werder. Der Klassenerhalt ist für Werder keine Utopie, die Qualität des Kaders sollte dafür reichen, wenn nicht zu viele unplanbare Dinge eintreten. Leistungsträger wie Wiedwald, Vestergaard, Bargfrede und Ujah dürfen nicht länger ausfallen. Aus den Reihen von Öztunali, Eggestein, Kleinheisler, Fröde und Lorenzen sollten ein bis zwei einen Leistungsschub bekommen, um die Schwachpunkte im Kader auszugleichen.

Der von mir zu Saisonbeginn als “mutig” titulierte Versuch, mit 14-15 gestandenen Bundesligaspielern durch die Saison zu kommen, hat sich als Ritt auf der Rasierklinge erwiesen. Über die möglichen Konsequenzen eines Abstiegs denke ich ein anderes Mal nach. Jetzt ist erstmal Spieltag und seit langer Zeit verspüre ich dabei mal wieder so etwas wie Vorfreude.

Ach ja: Taktik gegen Schalke? 4-4-1-1 mit Bargfrede/Fritz im Zentrum und Junuzovic/Öztunali auf den Flügeln. Nicht ganz auf Offensivpressing verzichten und versuchen, Geis  durch Pizarro (oder Grillitsch?) aus dem Aufbauspiel zu nehmen. Öztunali etwas zocken lassen und über seine Seite kontern. Ansonsten konzentriert die Viererketten gegen den Ball verschieben und auf das Beste hoffen. Klingt doch eigentlich ganz einfach.

Rückrundenvorschau 2015

Gestern Abend startete die Rückrunde mit einem fulminanten Spiel in Wolfsburg. Für Werder geht es jedoch erst morgen los, es bleibt also noch Zeit für eine Rückrundenvorschau. Eine Unterteilung in Taktik und Kader spare ich mir, erstens aus Zeitgründen und zweitens, da Skripnik darauf verzichtet hat, in der Winterpause ein anderes System als die Raute zu testen. Wir wissen also, was auf uns zu kommt.

Tor: Mehr Konkurrenz = bessere Leistung?

Das Theater im Tor wurde lang und breit diskutiert. Die Situation hat sich zur Hinrunde insofern nicht verändert, da Wolf weiterhin als Nummer Eins zwischen den Pfosten stehen wird. Da sich die Personalsituation dahinter jedoch komplett gedreht hat, stimmt das nur bedingt. Trotz der Bekenntnisse zu Wolf dürfte klar sein, dass Skripnik und Eichin mit seinen Leistungen in der Hinrunde nicht zufrieden waren. Casteels soll, anders als der nun verliehene Strebinger, Druck ausüben und für den Fall, dass Wolf weiterhin schwächelt, als kurzfristige Alternative dienen. Dass im Sommer mit Wiedwald ein Torwart verpflichtet wird, der Wolf als Stammspieler verdrängen soll, pfeifen die Spatzen von den Bremer Dächern. Husic dürfte ebenso wie Strebinger keine Rolle mehr spielen. Wenn die Nummer Drei ins vierte Glied versetzt wird und nicht mehr mit den Profis trainieren darf, dann ist das eine klare Ansage. Husic war Dutts Wunschspieler, nicht Skripniks. Seine Rolle wird in der Rückrunde von Zetterer eingenommen.

Wirklich zufriedenstellend ist die Situation im Tor weiterhin nicht. Da man Wiedwald (noch) nicht bekommen hat, war es unter den gegebenen Bedingungen aber wohl die sinnvollste Lösung. Casteels hat mich bislang wenig überzeugt, doch er verfügt im Gegensatz zu Strebinger und Husic über Bundesligaerfahrung und ist leistungsmäßig so dicht an Wolf, dass dieser unter erhöhtem Druck steht. Man versucht also, eine Situation wie in der letzten Saison zu schaffen, in der Hoffnung, Wolf wieder auf das damalige Niveau zu heben. Ob das funktioniert, ist fraglich. Der sehr defensive Stil unter Dutt kam Wolfs Spielweise sicher gelegen. In dieser Saison wird dem Torwart mehr abverlangt und Wolf ist den Beweis bisher schuldig geblieben, dass er auch ein mitspielender und vor allem antizipierender Torhüter sein kann. Ich hoffe trotzdem, dass Werders Führung mit ihrer Einschätzung richtig liegt und der Verein nicht aufgrund eines Torwartproblems absteigt.

Abwehr: Die Viererkette steht – aber steht sie endlich sicher?

Die Viererkette war unter Skripnik bislang fast eine Konstante. Rechts ist Gebre Selassie gesetzt, zumindest solange, bis Luca Zander wieder eine ernste Alternative ist. Marnon Busch kommt beim neuen Trainer nicht über die Rolle als Backup hinaus. Seine energetische, aber bisweilen etwas unkontrollierte Spielweise ist bei Skripnik auf der Außenbahn weniger gefragt, als bei seinem Vorgänger. In der Mitte waren Prödl und Gálvez gerade auf dem Weg, das Bremer Abwehrzentrum endlich in den Griff zu bekommen, als Prödls Verletzung einen Strich durch die Rechnung machte. Neuzugang Vestergaard dürfte vorerst Prödls Rolle einnehmen und scheint mir auch im Sommer als Nachfolger des Österreichers angedacht zu sein. Wann immer Prödl nicht gespielt hat, waren seine fehlende Präsenz in der Strafraumverteidigung und vor allem seine Kopfballdominanz deutlich zu sehen. Hier sollte Vestergaard Abhilfe schaffen können. Gálvez hatte eine schwache Vorbereitung, doch sollte weiterhin gesetzt sein, da die Konkurrenz ebenfalls schwächelt. Lukimya als Spielertyp neben Vestergaard mag ich mir ohnehin nicht vorstellen. Caldirola befindet sich im fortwährenden Formloch und soll eigentlich noch abgegeben werden.

Damit hätte Werder neben Gálvez aber gleich drei Abwehrspieler vom Typ “Kante”. Caldirola ist hingegen ein weitgehend unterschätzter Innenverteidiger. Seine Stärken liegen in völlig anderen Bereichen, als die seiner Konkurrenten. Er verteidigt vorausschauender (und damit meine ich nicht den “Alles-oder-Nichts-Zweikampf” an der Mittellinie) und alles in allem “italienischer” als seine Kollegen. Letzteres wird in Deutschland wenig geschätzt bzw. selten überhaupt erkannt. Nicht ohne Grund wurde der Erfolg italienischer Mannschaften hierzulande häufig auf “Glück” zurückgeführt. In der aktuellen Form kann Caldirola der Mannschaft tatsächlich nicht helfen. Doch warum sollte sich dies im Laufe der Rückrunde nicht ändern? Mit ihm als viertem Innenverteidiger wäre mir deutlich wohler als mit Lukimya, der aufgrund seiner Zweikampfstärke bei vielen als “konstant” gilt, obwohl bei ihm – abgesehen von seinen sonstigen Schwächen – die spielentscheidenden Fehler in großer Regelmäßigkeit auftreten (eine Form der Konstanz, die Werder den Klassenerhalt kosten könnte). Es mag für einen Abstiegskandidaten ein Luxusproblem darstellen, sich um den vierten Innenverteidiger Sorgen zu machen, doch wenn sich drei der vier Verteidiger nicht gut miteinander kombinieren lassen, entsteht automatisch eine Abhängigkeit von einem einzelnen Spieler. Ein Risiko auf einer problematischen Position.

Eine solche ist die des Linksverteidigers wieder geworden, nachdem das Problem letzte Saison schon gelöst schien. Garcia ist jedoch – ähnlich wie Busch – nicht der bevorzugte Spielertyp des Trainers. Zu überdreht, zu riskant ist seine Spielweise für Skripniks System. Unter Dutt kam ihm der Linksfokus noch sehr zugute. Als weit aufrückender Außenverteidiger hatte er durch die Überladungen mit Elia, Hunt, Junuzovic und/oder Obraniak viele Optionen für seine bevorzugten Doppelpässe. Nicht zuletzt wurde er auch gut von Caldirola abgesichert. In dieser Saison hatte er zunächst eine schwache Form und musste sich dann den veränderten Anforderungen durch den Trainerwechsel anpassen. Mit Sternberg hat er seitdem einen Konkurrenten, den wenige auf dem Zettel hatten und der in seinen beiden Bundesligaeinsätzen höchst unterschiedliche Eindrücke hinterlassen hat. Sein Debüt war gut, doch beim zweiten Einsatz war seine Leistung nicht bundesligareif. Solche Leistungsschwankungen muss man einem unerfahrenen Nachwuchsspieler zugestehen. Es würde mich daher aber wundern, wenn er Garcia schon in dieser Rückrunde verdrängen könnte. Nicht wenige forderten deshalb eine Neuverpflichtung für hinten Links. Angesichts der finanziellen Situation und der anderen Problemstellen im Kader, halte ich es aber für eine kluge Entscheidung, damit bis zum Sommer und somit auch Sternbergs Entwicklung abzuwarten.

Mittelfeld: Alternativlose Raute mit Anpassungen im Detail

Die Raute steht unter Skripnik nicht zur Debatte. Eine andere Formation wurde im Winter nicht eingeübt. Ein Fehler? Zumindest in der konkreten Auslegung ist Skripniks Raute sehr anpassungsfähig und hat uns in der Hinrunde von flachem 4-4-2 über einen 4-3-2-1 Tannenbaum bis zur Schaaf’schen flexiblen 4-1-2-1-2-Raute durchaus Abwechslung beschert. Das größte Problem, das ich bei einer Raute sehe, sind die sehr unterschiedlichen Anforderungen in Defensive und Offensive. Um die defensiven Vorteile nutzen zu können, müssen die Halbraumspieler sehr darauf bedacht sein, die Zwischenräume zu schließen, also bei gegnerischem Ballbesitz neben den Sechser zu rücken. Das bringt einige Probleme fürs Pressing mit sich. Unter Dutt haben die Achter meist sehr hoch agiert im Pressing, so dass die Formation zu einem 4-1-3-2 wurde, wodurch es im Zentrum große Lücken gab, wenn die Pressinglinie überspielt wurde. Bleiben die Achter hingegen tief, erhalten die gegnerischen Außenverteidiger meist viel Raum. Es entstehen eher schmale 4-3-3/4-3-1-2/4-3-2-1-Stellungen, die – die nötige Kompaktheit vorausgesetzt – den Gegner früh auf die Außenbahnen leiten sollen. Dies bringt aber Probleme im Umschalt- und Flügelspiel mit sich.

Offensiv liegt der große Vorteil der Raute in der nominellen Überzahl im Mittelfeld gegen fast alle anderen Systeme. Die Abstände können kurz gehalten werden, Seitenüberladungen werden vereinfacht und es ergeben sich interessante Passwege. Dazu ist es aber erforderlich, dass sich alle vier Mittelfeldspieler offensiv mit einschalten und flexibel agieren. Die daraus entstehende Unordnung hat weitreichende Konsequenzen gegen gut geordnete und schnell umschaltende Gegner, wie man bei Werder vor allem in den Jahren 2008-2012 schmerzhaft festgestellt hat. Skripnik hat bislang versucht, aus diesen beiden Elementen der Raute das beste herauszuholen (zuhause vor allem das offensive Potenzial, auswärts das defensive). Er hat es aber noch nicht geschafft, sie zu verbinden, was mit dem vorhandenen Personal auch nicht ganz einfach sein dürfte. Sein Pragmatismus als Trainer liegt eher darin, je nach Einschätzung der Ausgangslage eine von beiden Optionen zu wählen. Anders als Dutt ist er bislang allerdings kein Spezialist darin, im Spiel passende Umstellungen vorzunehmen. Nach dem Nordderby brachte ihm dies viel Kritik ein. Als jungem Trainer sollte man Skripnik eine gewisse Lernkurve jedoch zugestehen.

Über die Besetzung der Defensivpositionen im Mittelfeld habe ich mich vor ein paar Tagen schon ausgelassen. Ich halte es für einen Fehler, dass Werder im Winter keinen neuen Sechser verpflichtet hat. Das Warten auf Julian von Haacke wird noch eine Weile dauern, und wenn Werder bis dahin abgestiegen ist, nützt das auch nichts mehr. So geht Werder mit dem Trio Fritz – Bargfrede – Junuzovic in die Rückrunde. Spielerische Fortschritte erwarte ich mir davon nicht. Davor wird es interessant. Bartels ist ebenfalls gesetzt. Bei ihm stellt sich die Frage, ob er als Zehner oder zweite Spitze aufläuft. Ich denke, Skripnik wird hier wie in der Hinrunde je nach Gegner entscheiden. Mit Öztunali ist ein vielseitiger Offensivakteur hinzugekommen. Ich würde ihn zunächst eher auf der 10 oder im Angriff sehen als auf der Halbposition. Gleiches gilt für Aycicek. Beide verfügen über großes spielerisches Potential und sind gerade auch als Einwechseloptionen interessant, um z.B. auf Rückstände zu reagieren.

Angriff: Zwei Stürmer, aber welche Stürmertypen?

Es wäre zu schön gewesen, hätte Skripnik im Angriff endlich aus dem vollen schöpfen können. Obwohl mit Petersen und Elia zwei  Stürmer verliehen wurden, hatte man mit dem wieder genesenen Di Santo, Selke und Lorenzen gleich drei Spieler im Kader, die das Prädikat “echter Stürmer” tragen. Skripnik hätte also nicht mehr nur die Option, neben dem gesetzten Di Santo eine zweite Spitze (Selke, Lorenzen) oder einen Halbstürmer (Bartels, Hajrovic, Öztunali) zu bringen, sondern auch innerhalb dieser Optionen je nach Anforderung viel Auswahl gehabt: Lieber den beweglicheren und schnelleren Lorenzen oder den torgefährlicheren und körperlich robusten Selke? Durch Lorenzens erneute Verletzung entfällt diese Option nun leider fürs erste.

Derzeit scheint Selke im Rennen um den Startelfplatz die Nase vorn zu haben, wobei sein größter Konkurrent nicht etwa Bartels (der spielt sowieso) oder Hajrovic heißt, sondern Aycicek. Entweder Bartels hinter Di Santo und Selke oder Aycicek hinter Di Santo und Bartels lauten also die beiden Möglichkeiten für den Rückrundenauftakt. Selke hat mich gegen Dortmund zum ersten Mal richtig überzeugt. Es bleiben naturgemäß ein paar Zweifel, dass er solche Leistungen wiederholen kann, aber dass er überhaupt zu einer solch kompletten Stürmerleistung fähig ist, war eine wichtige Erkenntnis. Es wäre daher verständlich, ihn zunächst als Sturmpartner für Di Santo zu bevorzugen. Hajrovic wirkt nach wie vor nicht so richtig glücklich über seine Rolle als Backup für eine Position, die er nicht gerne mag (was ein schiefes Licht auf seine Verpflichtung wirft; die positionellen Vorstellungen dürften doch bei den Vertragsverhandlungen mal zur Sprache gekommen sein). Derzeit ist er maximal Stürmer Nummer 4, doch dank der unterschiedlichen offensiven Ausrichtungen und Lorenzens Verletzung hat er dennoch gute Einsatzchancen als Joker.

Im Gegensatz zu einigen anderen Positionen ist Werders Kader im Angriff so tief besetzt, dass der Ausfall von Lorenzen keinen unmittelbaren Bedarf nach Ersatz weckt. Selbst die Abhängigkeit von Di Santo konnte unter Skripnik (gezwungenermaßen) etwas aufgebrochen werden. In diesem Mannschaftsteil muss man sich personell keine großen Sorgen machen.

Trainer: Skripniks Etablierung

Sein Einstand war spektakulär und überzeugend. Die ersten Anpassungsprobleme bekam Skripnik ebenfalls in den Griff. 13 Punkte aus acht Spielen sind überzeugend, vor allem wenn man bedenkt, dass Di Santo in sechs dieser Spiele ersetzt werden musste. In der Rückrunde wird sich nun aber zeigen, wohin Werder mit Skripnik steuert. War es nur ein Zwischensprint aus dem ganz tiefen Keller, getrieben von Aufbruchsstimmung und begünstigt vom Spielplan? Mein Eindruck ist: Nein. Skripnik hat ein totes Team spielerisch wiederbelebt. Er hat durch den Einbau junger Spieler neue Hoffnung versprüht und ohne Geld auszugeben die Kaderbreite erweitert (wären die Abgänge von Petersen, Elia und Obraniak sonst in dieser Form möglich gewesen?). Nebenbei ist er in kürzester Zeit zur Identifikationsfigur des Vereins geworden, in einer Zeit, wo diese nur schwer zu finden sind.

Offene Fragen bleiben dennoch. Die größte davon ist die anhaltenden Defensivproblematik. Zu Beginn konzentrierte sich Skripnik vornehmlich darauf, die defensiven Lücken zu schließen. Gegen Mainz und Stuttgart gelang dies erfolgreich, gegen den HSV wurde es am Ende zum Verhängnis. Danach ging Werder in Heimspielen in den Angriffsmodus über, was immerhin sieben weitere Punkte einbrachte. Defensiv zeugen sechzehn Gegentore in acht Spielen jedoch weiterhin von einem großen Problem. Zu häufig sorgte eine Kombination aus individuellen Fehlern und strukturellen Defiziten bei der Absicherung eigener Angriffe für Probleme. Die Testspiele gegen Duisburg und Hannover ließen wenig Besserung erkennen. Meine Hoffnungen sind in der Hinsicht eher gering.

Skripnik wird Werder nicht zu einem Abwehrbollwerk machen müssen, um die Klasse zu halten. Er wird jedoch die Defensivabläufe deutlich verbessern müssen, wenn er mit Werder in Zukunft mehr erreichen will, als nur einen knappen Klassenerhalt. Das Argument, dass er trotzdem einen Punkteschnitt erreicht hat, der Werder hochgerechnet in die Nähe der Champions League Plätze bringen würde, lasse ich an dieser Stelle nicht gelten. Über einen kurzen Zeitraum lassen sich zwei Gegentore pro Spiel verkraften, aber nicht über eine ganze Saison. Es ist zwar wie ein Kampf gegen Windmühlen, aber es muss erneut gesagt werden: Werder hat unter Schaaf lange Zeit weniger Gegentore kassiert. VIEL weniger! Vereinzelte 5:4 Siege vernebeln das Gedächtnis vielleicht ein wenig, doch erst im Jahr 2007 begann der schrittweise Anstieg der Gegentore pro Saison. Stand heute hat sie sich verdoppelt.

Ich fordere allerdings nicht, dass Skripnik die Defensive zur alleinigen Priorität erklärt. Verbesserungen in der Offensive können ebenfalls zu einer geringeren Anzahl an Gegentreffern führen. Weniger Ballverluste in gefährlichen Zonen, mehr Ballbesitz und eine bessere offensive Raumaufteilung tragen dazu bei, die Defensive zu entlasten. Nicht alle Positionen scheinen mir jedoch so besetzt zu sein, dass kontrolliertes oder gar dominantes Ballbesitzspiel in der gegnerischen Hälfte möglich ist. Der noch immer krankende Spielaufbau dürfte sich mit Wolf, Prödl, Lukimya und Vestergaard, aber auch Garcia und Fritz kaum verbessern lassen (ganz zu schweigen von den Problemen, die eine hohe Abwehrkette ohne Gálvez dann nach sich ziehen würde). Skripniks wichtigster Job ist es daher, neben der spielerischen Entwicklung der Mannschaft auch die Defensivstrukturen zu verbessern. Es muss (hoffentlich) nicht gemauert werden, um die Klasse zu halten. Ich hoffe jedoch auch, dass Skripnik weiterhin pragmatisch genug bleibt, um im Zweifel mit 1:0-Siegen in der Liga zu bleiben, als mit Pauken, Trompeten und 80 Gegentoren abzusteigen.

Rückrundenzeugnisse 2013

Die Sommerpause ist – vor allem aus Bremer Sicht – nun schon ein paar Tage alt und es hat sich längst ein vorsichtiger Optimismus, vielleicht sogar eine Aufbruchstimmung, in jedem Fall aber eine gewisse Vorfreude auf die neue Saison breit gemacht. Bevor es hier jedoch um Dutt, Neueinkäufe und Ausblicke geht, soll die abgelaufene Saison noch entsprechend gewürdigt werden. Beginnen wir mit der Einzelkritik, wie schon in der Hinrunde ohne (ohnehin völlig sinnlose) Noten:

1 – Sebastian Mielitz

In der Rückrunde schwächer als in der Hinrunde. Hatte in Werders größter Schwächephase selbst eine Krise. Zum Ende der Saison wieder stabilisiert. Insgesamt war seine erste Saison als Stammtorwart schwächer als erwartet. In der nächsten Saison hoffe ich auf eine Steigerung, weil er in vielen Belangen eine Bereicherung für Werders Spiel ist. Hat durch seine Abwürfe sicher 8-10 Torchancen direkt eingeleitet.

4 – Mateo Pavlovic

Hat gute Anlagen und könnte sich nächste Saison zum Stammspieler entwickeln. In der Spieleröffnung klar Werders bester Innenverteidiger (was Affolter vor einem Jahr allerdings auch nicht geholfen hat). Hatte ein halbes Jahr Zeit, um sich an die Bundesliga zu gewöhnen und das hat er auch gebraucht. Von ihm erwarte ich mir viel in der kommenden Saison.

5 – Assani Lukimya

In Erinnerung bleiben vor allem seine drei katastophalen Fehler in Folge. Hat sich dadurch leider schnell wieder aus der Mannschaft gespielt. Im Winter musste man sich noch fragen, warum er trotz Prödls Fehlerquote so wenige Einsätze bekommen hat. In der Rückrunde war er selbst ein Unsicherheitsfaktor. Dennoch glaube ich, dass er zumindest eine gute Nummer 3 in der Innenverteidigung ist.

6 – Kevin de Bruyne

Tolle Rückrunde. Hatte großen Anteil daran, dass Werder letztlich den Klassenerhalt geschafft hat. Sprühte nur so vor Spielfreude und riss das Spiel immer mehr an sich. Im Winter hatte ich noch ein paar Zweifel, aber jetzt halte ich ihn definitiv für bereit, den nächsten Schritt zu einem europäischen Top-Team zu machen. Wenn Chelsea ihn nicht will, wird sich jemand anders finden.

7 – Marko Arnautovic

Auf die starke Hinrunde folgte eine enttäuschende Rückrunde. War zu Jahresbeginn außer Form und verfiel dann wieder zu oft in seine alten Muster (erst übermotiviert, dann entnervt). Verhielt sich im Abstiegskampf unprofessionell, wurde zurecht suspendiert. Mal sehen, ob Werder ihm noch eine Chance gibt und wie er mit Dutt klar kommt. Ich tippe eher auf einen Wechsel. Schade um sein Talent wäre es allemal.

8 – Clemens Fritz

Brauchte lange, bis er in der Rückrunde seine Form fand. Gegen Saisonende gefiel er mir wieder ganz gut. Seine Formschwäche hatte sicher auch mit seinen Verletzungsproblemen zu tun. Ich habe meine Zweifel, ob er in der neuen Saison noch als Führungsspieler vorangehen kann. Andererseits hat er eigentlich die fußballerischen Fähigkeiten dazu. Wenn er fit bleibt, who knows?

10 – Mehmet Ekici

Auch in der Rückrunde ein Rätsel. Zunächst sah es so aus, als habe er endlich seine Rolle unter Schaaf gefunden. Landete dennoch schnell wieder auf der Bank und findet noch immer keine schnellen Lösungen in seinem Spiel. Deshalb passte Werders wohl bester Passer paradoxerweise nicht in Werders kurzpasslastiges Spiel. Ein weiterer Spieler, dessen Zukunft bei Werder unklar ist.

11 – Eljero Elia

In der Hinrunde mehr solider Arbeiter als Kämpfer, in der Rückrunde oft völlig verunsichert. Pendelte zwischen Bank und Startelf und hatte dabei nur wenige Lichtblicke. Ansonsten: Siehe Arnautovic.

13 – Lukas Schmitz

Spielte eine durchwachsene Rückrunde. Der Spielaufbau lief unverständlicherweise häufig über ihn, auch Mielitz’ Abwürfe landeten vorzugsweise bei ihm. Ansonsten bleibe ich bei meiner Einschätzung: Brauchbare Aktionen nach vorne, hinten teilweise mit Stellungsfehlern und durch seine Einfüßigkeit limitiert im Spielaufbau. Müsste irgendwann von einem der Talente aus den eigenen Reihen (Hartherz, Röcker) überholt werden.

14 – Aaron Hunt

Das Niveau aus der Hinrunde konnte er nicht ganz halten. Seine Rückrunde war aber dennoch sehr anständig. Hält den Ball teilweise zu lange, ist aber ansonsten in puncto Spielintelligenz gewachsen. Ein Abgang wäre sehr bitter für Werder, denn eigentlich käme ihm in der nächsten Saison ohne De Bruyne eine noch wichtigere Rolle im Mittelfeld zu.

15 – Sebastian Prödl

Insgesamt eine Saison zum Vergessen. Spielte sich immer wieder aus der Mannschaft, kam aber durch Lukimyas Platzverweise und Fehler und Pavlovics Eingewöhnungszeit immer wieder zurück ins Team. Wenn man Prödls Entwicklung in seinen fünf Jahren bei Werder anschaut, fällt es schwer, sich große Hoffnungen auf eine Verbesserung zu machen. Er sollte in Bremen zum Abwehrchef reifen, macht aber immer noch die gleichen Fehler, wie zu seiner Anfangszeit. Funktionierte zum Saisonende hin etwas besser, als zwei defensive Mittelfeldspieler vor ihm standen.

16 – Zlatko Junuzovic

War der große Leidtragende des Systems der Hinrunde. Werders Probleme im defensiven Mittelfeld wurden von vielen an ihm festgemacht, dabei hat er trotz ungewohnter Position durchgehend auf hohem Niveau gespielt. Als alleiniger Sechser war er dennoch überfordert (die Gründe dafür würden hier den Rahmen sprengen). In der Rückrunde auf offensiveren Positionen überzeugend. Seine Vielseitigkeit in der Offensive wird auch in der kommenden Saison gefragt sein.

17 – Aleksandar Ignjovski

In der Rückrunde kam er durch seine Vielseitigkeit wieder häufiger zum Einsatz und zeigte meistens brauchbare Leistungen. Ich habe bei ihm immer noch das Gefühl, dass er eigentlich noch eine Klasse besser spielen könnte, wenn er mehr Ruhe in seine Aktionen bekommt.

18 – Felix Kroos

Im Sommer zum Innenverteidiger umgeschult kam er über ein paar Nominierungen für den 18er-Kader nicht hinaus. In der zweiten Hälfte der Rückrunde spielte er plötzlich als Teil einer Doppelsechs sehr solide vor der Abwehr. Ich hatte ihn bei Werder schon abgeschrieben, aber jetzt hat er zurecht einen neuen Vertrag bekommen und wird hoffentlich zu einer echten Alternative im Mittelfeld.

19 – Joseph Akpala

Alle Hoffnungen auf Besserung wurden durch seine schwache Vorbereitung in der Winterpause zerstört. Verletzte sich dann und ist eigentlich kaum zu bewerten. Seine Stärken kamen bislang jedenfalls nicht groß zum Vorschein.

22 – Sokratis Papastathopoulos

Gute Rückrunde, gewohnt kämpferisch, aber auch an ihm ging die Rückrundenkrise nicht spurlos vorüber. Durfte neben seiner Stammposition auch als Rechtsverteidiger, Linksverteidiger und Sechser aushelfen, was das Team nicht unbedingt stabilisierte. Die Organisation einer Viererkette gehört nicht zu seinen Stärken. Rieb sich häufig in verbissenen Zweikämpfen auf und hatte mit den häufigen Fehlern seiner Nebenleute zu kämpfen. Dürfte in Dortmund den Sprung machen, den er diese Saison bei Werder nicht machen konnte.

23 – Theodor Gebre Selassie

Durfte in genau einem Saisonspiel den offensiven Außenverteidiger geben, der wohl am ehesten seinen Qualitäten entspricht – am 34. Spieltag, nach Schaafs Abgang. Ansonsten war er insgesamt solide, wenn auch defensiv noch der ein oder andere Wackler zu viel dabei ist.

24 – Nils Petersen

Von seinen Qualitäten blieb über weite Strecken der Rückrunde nur noch sein Spiel gegen den Ball übrig. Spielerisch ist und bleibt er limitiert, verarbeitet Zuspiele in die Spitze zu schlecht und ist erstaunlicherweise auch bei langen, hohen Bällen eher schwach. In der Hinrunde konnte er das durch seine Trefferquote kompensieren, in der Rückrunde nicht. Allerdings ist es nicht seine Schuld, dass Werder keine Alternative im Angriff hatte und vom Einsatz her kann man ihm keinen Vorwurf machen, ganz im Gegenteil. Neben dem Platz ein absoluter Sympathieträger. Seine feste Verpflichtung freut mich und ich hoffe, dass er in der nächsten Saison zurück zur Treffsicherheit findet und an seiner Ballverwertung arbeitet.

25 – Tom Trybull

Vor der Saison Hoffnungsträger, dann aufgrund von körperlichen Problemen kein Thema mehr für den Profikader. Mitte der Rückrunde kam er zurück ins Team und zeigte gleich wieder, dass er ein ganz wichtiger Spieler für Werder werden kann. Leider verletzte er sich dann direkt wieder. Insgesamt daher leider ein verschenktes Jahr.

27 – Johannes Wurtz

Kam nur zu einigen Kurzeinsätzen, zeigte da aber, dass er grundsätzlich in der Bundesliga mithalten kann. War aber viel zu inkonstant und konnte sich in der Regionalliga auch nur selten empfehlen. Von ihm hatte ich mir mehr erhofft.

32 – Özkan Yildirim

Einer der Lichtblicke der Rückrunde. Gerade erst von einer 18-monatigen Verletzung erholt, schaffte er direkt den Anschluss an den Profikader und kam immerhin auf acht Einsätze. Seine Vertragsverlängerung ist ein wichtiges Zeichen, dass man in Zukunft stärker auf den eigenen Nachwuchs setzen will und Yildirim ist einer der talentiertesten Offensivspieler, die Werder in den letzten Jahren hervorgebracht hat.

34 – Aleksandar Stevanovic

Zwei Kurzeinsätze in der Rückrunde, nachdem die Leihe nach Zwolle im Winter nicht geklappt hat. Ich verstehe noch immer nicht, was Werder mit ihm (und seinem Bruder) vorhat. Talent ist zweifellos vorhanden, aber er wirkt noch immer wie ein Schüler, der sich zu den Profis verlaufen hat. Körperlich scheint es einfach nicht zu reichen.

41 – Niclas Füllkrug

Die gesamte Rückrunde über verletzt. Hoffentlich bekommt er in der kommenden Saison endlich eine Chance in der Spitze. Halte ihn für talentierter und spielstärker als Petersen. Könnte in den nächsten 1-2 Jahren ein moderner Mittelstürmer auf hohem Bundesliganiveau werden.

44 – Philipp Bargfrede

Eine Saison voller Verletzungssorgen. Half nach seiner Rückkehr in der zweiten Hälfte der Rückrunde dabei, Stabilität vor die Abwehr zu bekommen. Ich hoffe er erholt sich nächste Saison von seiner Stagnation in den letzten 18 Monaten, denn eigentlich halte ich ihn noch immer für einen potentiell ziemlich guten Sechser.

Thomas Schaaf

Seine große Aufgabe in der Rückrunde hieß: Defensive Stabilisierung. Sie gelang erst zum Ende der Saison. Auf dem Weg dorthin gingen Werder viele der positiven Entwicklungen der Hinrunde verloren. Letztlich hat Schaaf vermutlich sogar mehr richtig gemacht, als in den beiden Jahren davor, doch immer wieder stellte sich Werder mit einfachen Fehlern selbst ein Bein. Unterm Strich musste Schaaf 2012/13 Werders zweitschlechteste Bundesligasaison, die schlechteste Rückrunde und die meisten Gegentore seit 1980 verantworten.

Thomas Eichin

Kam man bislang kaum beurteilen. Wirkt sehr souverän im Umgang mit den Medien, bei den anstehenden Vertragsverlängerungen und auch bei der Trainersuche. Sein Job beginnt aber erst.

Werder nach der Winterpause – Versuch einer Einordnung

Heute Abend startet Werder in die Rückrunde. Die letzten Ergebnisse waren besorgniserregend, doch weniger im Hinblick auf diese Saison als auf die nächste. Sowohl beim Blitzturnier in Düsseldorf als auch bei der 0:3 Niederlage in Rostock fehlte Werder rund die Hälfte des Teams, das gegen Kaiserslautern – und mutmaßlich auch in den weiteren Pflichtspielen – auf dem Platz stehen wird. Die Leblosigkeit, mit der man dort agierte, treibt jedoch nicht nur den Anhängern die Sorgenfalten auf die Stirn.

Zweiter Anzug vom selben Schneider sitzt nicht

Seit Jahren frage ich mich, warum der Sprung von der zweiten in die erste Mannschaft bei Werder so schwierig ist. Gerade in dieser Saison hat Werders U23 einen Kader, der vor Talenten nur so strotzt. Thomas Wolters Team spielt das gleiche System wie die Profis und man kann bei ihnen gut erkennen, wie anspruchsvoll es ist. Der Fußball ist häufig schön anzusehen, doch selten erfolgreich. Der Abstiegskampf der 3. Liga scheint mir nicht das richtige Umfeld zu sein, um es zu perfektionieren. Der Nichtabstieg am grünen Tisch im Sommer erweist sich eher als Fluch denn als Segen. In der Regionalliga hätten die Gegner ein niedrigeres Niveau, aber es ließe sich eben auch das System mit diesen jungen Spielern erfolgreicher umsetzen. Gerade die Stürmer, deren Selbstbewusstsein gemeinhin mit den erzielten Toren wächst, würden davon profitieren. Niklas Füllkrug ist beispielsweise ein begnadeter Fußballer, der in der U23 durch gute Leistungen aufgefallen ist. Er kommt aber auch mit der Empfehlung von nur vier erzielten Toren in Liga 3 in den Profikader.

Die Integration der Nachwuchsspieler ist jedoch das kleinere Problem derzeit. Erschreckend ist vielmehr, wie schnell die Mannschaft in alte Muster zurückfällt, wenn Leistungsträger ausfallen. Niemand erwartet von Boenisch oder Silvestre nach ihren langen Verletzungen Wunderdinge. Ganz im Gegenteil würde man von ihren Mannschaftskollegen erwarten, dass sie ihnen mehr Unterstützung zukommen lassen auf dem Feld. Die Spieler aus der zweiten Reihe sind dazu offensichtlich nicht in der Lage. Im Mittelfeld ragt der junge Trybull heraus, während Spieler wie Wesley oder Marin völlig deplatziert wirken. War es früher Werders Stärke, durch das eingespielte System die Ausfälle (und auch die Abgänge) wichtiger Spieler kompensieren zu können, hat man heute den Eindruck, dass ein Großteil der Reservisten selbst die Grundlagen des Systems noch nicht verinnerlicht hat. Zu groß sind die individuellen Probleme, die einige dieser Spieler mit sich herumschleppen.

Wagner und Wolf als Sündenböcke?

Bei den Nachwuchsspielern sieht man vielmehr, dass sie bemüht sind, die Vorgaben ihrer Position umzusetzen. Gut zu erkennen war dies im (sehr schwachen) Spiel gegen den BVB beim Wintercup. Trybull, Kroos und Trinks spielten einen soliden Part im Mittelfeld und versuchten, das Spiel durch direktes Passspiel schnell zu machen. Insgesamt wirkte dies jedoch alles andere als eingespielt und so geschah genau das Gegenteil: Das Spiel wurde statisch, weil man bei Ballgewinn schon Angst vor dem nächsten Ballverlust hatte. Niemand schien so genau zu wissen, wie man dem eigenen Spiel Impulse geben könnte.

Am Ende blieben nach dem insgesamt recht vielversprechenden Trainingslager drei lustlose, uninspirierte Partien, die allesamt verloren wurden. Konnte man sich beim Wintercup noch mit der relativen Stärke der Gegner und den kurzfristigen Verletzungsproblemen herausreden, war das Spiel in Rostock ein Offenbarungseid. Gegen einen zweitklassigen Gegner boten gerade die Spieler, die um ihre Einsatzchancen in der ersten Elf kämpfen müssten, eine miserable Leistung. Trainer und Manager waren nach dem Spiel mehr als nur angefressen und die nun doch sehr kurzfristigen Abgänge von Sandro Wagner und Andreas Wolf wirken vor diesem Hintergrund wie Frustverkäufe. Dabei machen beide Transfers durchaus Sinn. Wagner blieb in seinen Leistungen zu unbeständig, um ein verlässlicher Backup für den Angriff zu sein. Wolf spielte eine recht solide Hinrunde, steht nun aber hinter Naldo, Sokratis und Prödl nur an vierter Stelle der Hackordnung bei den Innenverteidigern. Mit Silvestre kommt zudem ein weiterer Abwehrspieler hinzu. Quantitativ und qualitativ kann Werder diese Abgänge auch ohne Ersatz gut wegstecken. Zudem werden die Gehaltskosten schon jetzt gesenkt, was mehr Spielraum für Neuzugänge und/oder Vertragsverlängerungen lässt.

Überdecken die Rückkehrer die Probleme?

Eine der wichtigsten Fragen vor der Rückrunde ist: Kann Thomas Schaaf sein System bei Werder wieder so perfektionieren, dass man damit auch gegen die großen Gegner mithalten kann? Die oben angesprochenen Probleme sind Indizien dafür, dass es ein sehr steiniger Weg wird. Man ist auch weiterhin stark von der individuellen Klasse einzelner Spieler abhängig. Doch es ist bei weitem nicht alles schlecht bei Werder. Wenn die Umstellungen fruchten, sollte zumindest die A-Elf konkurrenzfähig im Kampf um die internationalen Plätze sein. Der Wechsel von Fritz ins rechte Mittelfeld war ein prägendes taktisches Element der Hinrunde. Nun könnte sein Wechsel zurück in die Viererkette das prägende Element der Rückrunde werden. Mit Ignjovski und dem aufstrebenden Trybull hat man wieder genügend Alternativen im Mittelfeld, die auch defensiv den Anforderungen der Raute gerecht werden. Vor allem aber kann Sokratis durch die Umstellung endlich in der Innenverteidigung eingesetzt werden.

Auf der 10er-Position wurde in der Winterpause wie erwartet Mehmet Ekici integriert. Er hat zwar noch immer nicht ganz sein großes Manko abgelegt, die Bälle zu lange zu halten, doch insgesamt wirkt sein Zusammenspiel mit den Kollegen nun stimmiger. Wenn er seine Tendenz dazu, das Spiel aus der Tiefe lenken zu wollen, unterdrücken kann, dürfte er für Werder in der Rückrunde ein wertvoller Spieler sein. Die technischen Qualitäten dazu hat er allemal. Die Hoffnung in den weiterhin indisponierten Marko Marin scheint man dagegen so langsam aufgegeben zu haben.

Trotz der Ausfälle von Naldo und Hunt scheint Werder zum Auftakt der Rückrunde zumindest personell gut gerüstet. Große Hoffnungen, dass man die in der Hinrunde ersichtlichen Problemfelder erfolgreich behoben hat, sollte man sich jedoch nicht machen.

P.S. Morgen um 17 Uhr findet der erste “offizielle” Grünweiß-Stammtisch statt. Zusammen mit Kata, Joey und Anna werde ich dort über Werders Rückrundenauftakt diskutieren.

Was uns in der Rückrunde erwartet

Es ist schon fast ein bisschen spät für eine Rückrundenvorschau. Schließlich haben rund die Hälfte aller Mannschaften der 1. Bundesliga schon ein (Pokal-)Spiel hinter sich und heute Abend geht es dann ja auch endlich wieder mit dem Bundesligaalltag los. Ich habe trotzdem noch einmal schnell meine allwissende Kristallkugel zu den bevorstehenden nationalen und internationalen Entscheidungen befragt.

Heraus kamen verblüffende Ergebnisse:

  • Deutscher Meister wird eine Mannschaft namens "FC Bayern München". Ich dachte kurzzeitig, die Kristallkugel wäre kaputt, doch auch nach mehrmaligem Schütteln, wildem Fluchen und dem Androhen weitreichender Vergeltungsmaßnahmen beharrte sie auf ihrer Vorhersage. Nun ja.
  • In der Champions League verlieren die englischen Mannschaft ein bisschen von ihrer Vorherrschaft. Einzig der FC Liverpool kann dieses Jahr ins Halbfinale einziehen. Dort verlieren die Herren von der Anfield Road jedoch gegen die Überraschungsmannschaft FC Villareal. Champions League Sieger wird jedoch der große Fußballbuhmann Juventus Turin, der nach unverdienten und höchst umstrittenen Siegen gegen die Bayern und Barcelona ins Finale vorstößt. Das Endspiel gewinnt Juve im Elfmeterschießen, wobei Schiedrichter Roberto Hoyzeroni jeden Elfmeter der Turiner so lange wiederholen lässt, bis der Ball im Tor ist. Zum Namen Luciano Moggi fällt der Kristallkugel hingegen gar nichts ein.
  • Den DFB-Pokal holt der Hamburger SV? Die Kugel MUSS kaputt sein!!!
  • Im UEFA-Cup gewinnt mit Aston Villa doch noch eine englische Mannschaft einen Pott. Das Finale gegen Schachtjor Donezk fällt in Punkto Spannung und spielerische Brillianz allerdings knapp hinter das letztjährige Finale zwischen den *Gähn* Glasgow Rangers und Zenit St. *Schnarch*…
  • Für den SV Werder reicht es am Ende mal wieder doch noch für Platz 3. Trotz einer Serie von 8 Spielen ohne Sieg zwischen Februar und Mitte April überholt Werder am letzten Spieltag noch Schalke, Leverkusen und den HSV und spielt so nächstes Jahr in der Champions League Qualifikation.
  • Angeblich bekommt Werder in der Saison 2012/13 wieder mal ein Heimspiel im DFB-Pokal (langsam wird es albern liebe Kristallkugel!). Um den Bremer Gegner Hoffenheim noch authentischer wirken zu lassen, hat Dietmar Hopp durchgesetzt, dass nach jeder gewonnenen Meisterschaft 100 Jahre vom Vereinsnamen abgezogen werden. Da in der Zwischenzeit jedoch die Mehrzahl der Bremer Fans und Spieler zu 1699 Hoffenheim übergewechselt sind, wird Werder bei jedem Ballkontakt gellend ausgepfiffen.

Und nun Manege frei für eine hoffentlich erfreuliche Rückrunde mit viel tollem Fußball und wenig Kristallkugeln.