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Meine Saisonvorschau 2015/16

Am Samstag beginnt für Werder in Würzburg die Pflichtspielsaison. Zeit für eine, nun ja, gar nicht mal so kurze Saisonvorschau. Was hat sich bei Werder im Sommer getan? Wie sind die Spieler drauf? Was ist dem jungen Team und dem jungen Trainer in den nächsten zehn Monaten zuzutrauen?

Tor – Große Auswahl, viele Verletzte

Im Tor hat Werder nach den vielen Wechseln der letzten 12 Monate ein Überangebot an Spielern. Gleich sechs Torhüter zählen zum erweiterten Profikader: Felix Wiedwald, Raphael Wolf, Ed Michael Zetterer, Raif Husic, Eric Oelschlägel und Tom Pachulski. Eigentlich sind nur die ersten drei Genannten für den Profikader vorgesehen, doch die Verletzungen von Wolf und Zetterer sowie Husics Teilnahme an der U19-EM bedeuteten eine Chance für die Nachwuchsleute Oelschlägel und Pachulski, sich im Trainingslager der Profis zu beweisen. Besonders Oelschlägel bekam viel Lob von Torwarttrainer Vander, aber zumindest vorerst müssen er und Pachulski den Weg zurück in die U23 bzw. U19 antreten.

Die klare Nummer 1 ist zum Saisonstart Rückkehrer Felix Wiedwald. Ein Duell mit Wolf fand wegen dessen Verletzung nicht statt, doch es gibt kaum jemanden im Werder-Umfeld, der ernsthaft daran gezweifelt hat, dass Wiedwald den Vorzug erhalten würde. Die Eindrücke aus den Testspielen waren bislang ziemlich gut und es besteht die Hoffnung, mit ihm einen sowohl selbstbewussten als auch relativ kompletten Torwart gefunden zu haben. Er wirkt deutlich aktiver im Strafraum als Wolf, antizipiert gut und traut sich auch den flachen Pass zu.

Raphael Wolf wird sich nach seiner Verletzung neu beweisen müssen, nachdem die letzte Saison ein Rückschritt für ihn war. Ich halte ihn nach wie vor für eine solide Nummer 2 bei einem Verein von Werders derzeitiger Kragenweite. Bei Teilen der Fans ist er aufgrund der Rückrunde allerdings verbrannt und ich glaube auch nicht wirklich, dass er eine Chance hat, Wiedwald im Tor zu verdrängen. Doch auch als Ersatztorwart könnte Wolf nur eine Übergangslösung sein, bis Zetterer, den ich bislang nur wenig einschätzen kann, soweit ist, seinen Platz einzunehmen. Die Frage ist natürlich auch, wie sich Wolf mit seinem neuen Status arrangiert. Da ein möglicher Abgang in diesem Sommer immer mal wieder diskutiert wurde: Mir ist mit Wolf im Kader wesentlich wohler. Fünf Torhüter, von denen keiner mehr als ein Dutzend Bundesligaspiele vorzuweisen hat, sind doch etwas dünn. In einem Jahr sieht die Situation aber eventuell schon ganz anders aus.

Die Hackordnung auf den Plätzen drei bis sieben scheint weit weniger in Stein gemeißelt, weil hier auch noch der erfahrene Tobias Duffner hinzukommt, der fest für die U23 eingeplant ist. Vor einem Jahr galt Raif Husic als die neue Torwarthoffnung für Werders Zukunft, heute muss er um seinen Status als Nummer 4 und damit die Aussicht, in der U23 zumindest auf der Bank zu sitzen, bangen. Es ist spannend, den Dreikampf zwischen ihm, Oelschlägel und Pachulski zu verfolgen, doch große Hoffnungen auf einen baldigen Durchbruch in den Bundesligakader mache ich mir nach den Enttäuschungen der Vorsaison auf dieser Position bei keinem von ihnen.

Eigentlich sind sieben Torhüter für drei Mannschaften (Profis, U23, U19) zu viel, doch das Verletzungspech von Wolf, Zetterer und nun auch Oelschlägel sorgt derzeit dafür, dass es genügend Einsatzmöglichkeiten gibt. Bis zum Ende der Transferperiode könnte sich die Situation allerdings noch ändern und eine Leihe von beispielsweise Husic ein Thema werden.

Innenverteidigung – Zwei Abgänge und doch kein Personalbedarf?

Nachdem die Problemstelle Innenverteidigung bereits im Winter angegangen wurde, ist es im Sommer trotz Prödls Abgang und Caldirolas Leihe sehr ruhig zugegangen. Mit Jannik Vestergaard und Alejandro Gálvez hat man bereits das Duo gefunden, das Werders Hintermannschaft endlich auch mal über einen längeren Zeitraum stabilisieren soll. Assani Lukimya ist nominell die Nummer 3, doch hat Gálvez in der Vorbereitung den Rang abgelaufen. Das dürfte vor allem an der noch etwas wackeligen Form des Spaniers liegen und nur von kurzer Dauer sein – allerdings dachte man das vor einem Jahr auch bei Caldirola. Die Gerüchte, die man über Gálvez Fitnesszustand zum Saisonbeginn hörte, waren jedenfalls nicht gerade ermutigend.

Eigentlich sollte ein fitter Gálvez schon aufgrund seiner guten Spieleröffnung gesetzt sein. Mit ihm und dem defensiv in eigentlich allen Bereichen starken Vestergaard hätte man eine gute Mischung in der Innenverteidigung. Leider konnten die beiden in der letzten Rückrunde nicht oft zusammen spielen. Von allen Innenverteidigerpärchen der letzten Jahre haben sie mir allerdings am besten gefallen. Großen Respekt muss man aber vor Lukimyas Hartnäckigkeit haben. Die Bundesligatauglichkeit wurde ihm oft genug abgesprochen und auch ich habe seinen Stil und seine mangelnde Grundtechnik häufig kritisiert. Dennoch ist er nicht nur immer noch im Kader, sondern macht den in der Hierarchie vor ihm stehenden Spielern ordentlich Druck. Ich werde zwar in diesem Leben kein Fan seiner Spielweise mehr werden, doch als Ergänzungsspieler ist er allein schon durch seine Zweikampfstärke gut zu gebrauchen.

Um die Position als Innenverteidiger Nummer 4 haben sich im Sommer die beiden Rückkehrer Mateo Pavlovic und Oliver Hüsing duelliert, wobei sich Hüsing dem Vernehmen nach durchgesetzt hat. Grundsätzlich finde ich die Option ok, bei nur 35-38 Saisonspielen auf einen Nachwuchsspieler als vierten Innenverteidiger zu setzen. Da Hüsing in seinem Stärken-/Schwächen-Profil aber eine gewisse Ähnlichkeit zu Lukimya aufweist, sehe ich das in diesem konkreten Fall etwas anders. Das Passspiel der Bremer Innenverteidiger ist seit Jahren auf dürftigem Niveau. Gálvez ist hier der einzige Lichtblick, doch schon in der letzten Rückrunde hat man gesehen, dass Werder seinen Ausfall nicht kompensieren konnte. Das Duo Vestergaard/Lukimya hat mir in dieser Hinsicht nicht gut gefallen.

Der Trainer mag das selbstverständig anders sehen, doch mir wäre mit einem weiteren aufbaustarken Innenverteidiger als Nummer 3 oder 4 weitaus wohler. Auch wenn andere Problemzonen dringender nach einer Lösung schreien und Werder knapp bei Kasse ist, wäre es nicht unmöglich, eine solche Lösung zu finden, wenn man sich gleichzeitig von Pavlovic und Hüsing oder Lukimya trennt.

Wie sinnvoll ein solcher Schritt wäre, hängt jedoch auch vom geplanten Stil im Spielaufbau ab. Skripnik wird nicht müde zu betonen, dass er Werder spielerisch wieder stärker machen möchte. Diese allgemeine Aussage lässt viel Interpretationsspielraum, doch bisher deutet die Vorbereitung daraufhin, dass Werder den Fokus auf Pressing und schnelles Umschaltspiel noch weiter verstärken möchte und sich der „spielerische“ Aspekt vor allem auf schnelles Direktpassspiel im letzten Drittel bezieht und weniger auf einen gepflegten Spielaufbau aus den eigenen Reihen. Das Mittel der Wahl dürfte für die Innenverteidiger auch weiterhin der lange, hohe Ball nach vorne sein, der dann im Gegenpressing erobert werden soll. In dieser Hinsicht zählen beim eröffnenden Pass die Positionierung des restlichen Teams sowie der richtige Zeitpunkt mehr, als die Präzision des Passes selbst. Dass Werder sich dessen ungeachtet auch in der Ballzirkulation und der Passgenauigkeit verbessern muss, dürfte allerdings auch klar sein. Ich sehe weder Lukimya noch Hüsing als Spieler, die Werder in dieser Hinsicht voranbringen.

Insgesamt ist Werder in der Innenverteidigung allerdings sehr solide aufgestellt und zumindest Vestergaard und Gálvez genügen auch höheren Ansprüchen. Wie sinnvoll ein Verbleib des inzwischen 25-jährigen Mateo Pavlovics als fünftes Rad am Wagen ist, müssen die Verantwortlichen beantworten. Vermutlich ist hier in erster Linie die fehlende Nachfrage der Grund, weshalb der Kroate noch auf Werders Payroll steht.

Außenverteidigung – Ein Plus an Qualität

Bei den Außenverteidigern entwickelte sich die letzte Saison deutlich anders als erwartet. War man vor einem Jahr auf der rechten Seite mit dem wackeligen Clemens Fritz weitaus anfälliger als links, wurde spätestens in der Rückrunde die linke Seite zum Problemkind. Santiago Garcia hatte mit Formproblemen und Verletzungen zu kämpfen, während Nachwuchsmann Janek Sternberg trotz einiger guter Anlagen letztlich kein Bundesliganiveau nachweisen konnte. Auf der anderen Seite war Theodor Gebre Selassie nach seiner Rückversetzung in die Viererkette die Konstanz in Person. Er profitierte dazu auch von der Tatsache, mit Clemens Fritz einen defensiv kompetenteren Spieler vor sich auf der Halbposition zu haben, als die anderen Beiden mit Zlatko Junuzovic.

Richtig viel getan hat sich im Sommer auf den ersten Blick nicht: Mit Ulisses Garcia wurde lediglich ein Nachwuchsmann für die linke Abwehrseite verpflichtet, dem ein direkter Sprung in die Bundesliga nicht unbedingt zugetraut wurde. Auf den zweiten Blick hat die Situation im Vergleich zur Vorsaison klar verbessert, da Garcia direkt einen starken Eindruck hinterließ und somit trotz der Verletzung seines Namensvetters keine allzu große Not besteht. Auf der anderen Seite ist Luca-Milan Zander endlich wieder fit und hat Marnon Busch wie erwartet den Rang als Nummer zwei bei den Rechtsverteidigern abgelaufen. Durch Clemens Fritz Sperre im Pokal und die Option, Gebre Selassie dafür ins Mittelfeld zu ziehen, besteht sogar die Chance auf einen Startelfeinsatz im ersten Pflichtspiel der Saison. Auffällig ist, dass sowohl U. Garcia als auch Zander klare spielerische Verstärkungen für das Team darstellen und trotz ihres jungen Alters schon sehr zuverlässig ihren Job erledigen.

Es stellt sich aber auch die Frage, wie mit den jeweils Dritten im Bunde Busch und Sternberg weiter verfahren werden soll. Durch den Aufstieg der U23 besteht nicht unbedingt die Notwendigkeit, sie zu verleihen, doch gerade bei Sternberg könnte ich mir vorstellen, dass die 3. Liga nach einem Jahr als erweiterter Stammspieler in einem Bundesligateam nicht mehr den größten Reiz hat. Eine Leihe in die 2. Bundesliga wäre eine sinnvolle Option, eventuell sogar ein Verkauf, falls man nicht mehr daran glaubt, dass er noch zu Bundesligaformat heranreift. Dagegen spricht jedoch ganz klar die Verletzung von S. Garcia, die einen Abgang zu einem großen Risiko werden ließe. Es dürfte sich also frühestens am Ende der Transferperiode noch etwas tun. Bei Marnon Busch hat sich eine mögliche Leihe nach Darmstadt zerschlagen und ich rechne nach Eichins klaren Worten mit seinem Verbleib in der U23.

Alles in allem sieht die Situation bei den Außenverteidigern so gut aus, wie schon lange nicht mehr bei Werder. Garcia und Zander werden noch Lehrgeld bezahlen müssen, doch beide sind von den Anlagen her zukünftige Stammspieler bei einem Club mit internationalen Ambitionen. Selassie ist flexibel genug einsetzbar, um Zander den Einstieg zu erleichtern und Santiago Garcia kann den Konkurrenzkampf hinten links richtig anheizen, wenn er wieder einhundertprozentig fit ist.

Defensives Mittelfeld – die ewige Problemzone

Das defensive Mittelfeld ist inzwischen schon traditionell eine große Problemzone in Werders Kader. Seit Frank Baumanns Karriereende vor sechs Jahren kann man die Neuzugänge auf dieser Position an einer halben Hand abzählen. Cedric Makiadi ist auf der Liste noch der prominenteste Name, doch dass dieser weder ein klassischer Sechser noch ein tiefer Spielgestalter ist, war schon vor seiner Verpflichtung klar. Da Skripnik mit seinen Rautenvarianten und dem als Alternative gehandelten 4-1-4-1 ganz klar auf einen alleinigen Sechser im Mittelfeld setzt, fällt der “Box-to-Box”-Spieler Makiadi für diese Position durchs Raster und kommt lediglich als Notlösung in Frage, ebenso wie der im rechten Mittelfeld zunächst gesetzte Clemens Fritz.

Der unter U23-Beobachtern und Taktikexperten hoch gehandelte Julian von Haacke dürfte nach seiner langen Verletzung noch kein Thema für diese Position sein und zunächst in der U23 eingesetzt werden. Mit seinen tollen spielerischen Anlagen ist er eine spannende Option für die Zukunft, doch schon seine Einsätze in der Vorbereitung zeigen, dass Skripnik ihn derzeit noch weiter vorne im Mittelfeld sieht. Lukas Fröde verkörpert eher den klassischen Sechsertyp und weckt daher nicht die ganz großen Hoffnungen. Auch bei ihm ist noch nicht klar, ob der Sprung in den Profifußball gelingen wird und ich sehe ihn momentan eigentlich nur als Kaderergänzung, die zwischen U23 und Profis pendelt. Angesichts der dünnen Personalsituation könnte er jedoch mehr Bundesligaminuten sammeln und unter Beweis stellen, dass er dort mithalten kann.

Der Platzhirsch auf der Sechserposition ist weiterhin Philipp Bargfrede, in meinen Augen eine gute, wenn auch keine optimale Lösung. Eigentlich würde ich Bargfrede wegen seiner nicht so ausgeprägten strategischen Fähigkeiten lieber in einer Doppelsechs oder rechts in der Raute sehen. Hinter diesen Überlegungen steht jedoch ein großes „Aber“: Bargfredes Verletzungshistorie macht es zu einer höchst fahrlässigen Angelegenheit, weiter mit ihm als Stammspieler für die Bundesliga zu planen. In den letzten drei Jahren kam Bargfrede auf gerade einmal 49 Bundesligaeinsätze, was durchschnittlich nicht einmal die Hälfte aller Saisonspiele bedeutet. Einen Grund, weshalb sich sein körperlicher Zustand in dieser Saison bessern sollte, sehe ich nicht. Es ist ihm zu wünschen, doch darauf bauen sollte der Verein nicht.

Bargfredes Ersatzmann Felix Kroos ist ein komplett anderer Spielertyp, sicherer im Passspiel, aber mit Problemen im Zweikampf und im Stellungsspiel. Seit zwei Jahren ist Kroos nun fest im Profikader eingeplant, ohne die Entwicklung zu nehmen, die man sich von ihm erhofft hat. Das sieht immer mal ganz nett aus, dann wieder ganz fürchterlich, was es den Verantwortlichen nicht einfach macht. Kroos ist weder so schlecht, dass man ihn aussortieren müsste, noch so gut, dass man mit ihm als Stammspieler planen könnte. Schon allein aufgrund Bargfredes Verletzungsanfälligkeit müsste er aber genau das sein: Ein Stammspieler, ein Sechser, der zuverlässig und beständig Leistungen bringt, die zumindest Bundesligamittelmaß bedeuten.

Mich verwundert (vielmehr: irritiert) die Haltung des Vereins zu der Position des Sechsers schon seit langer Zeit. Einerseits setzten die Trainer überwiegend auf Systeme mit einem alleinigen Sechser, was höhere Anforderungen an die Kandidaten stellt. Andererseits wird die Situation auf dieser Position völlig verkannt. Man wird nicht müde, Bargfredes Wichtigkeit zu betonen, während man sehenden Auges in eine weitere Saison ohne vernünftige Alternative geht. Angeblich hat intern inzwischen ein Umdenken stattgefunden, doch solange sich dies nicht personell bemerkbar macht, kann sich Werder davon wenig kaufen. Das Argument des klammen Geldbeutels lasse ich an dieser Stelle nicht gelten, denn für Offensivspieler ist wie in den Jahren zuvor durchaus ein stattliches Transferbudget vorhanden. Es ist vielmehr eine Frage der Prioritäten und die scheinen mir nach wie vor fragwürdig gesetzt.

Halbpositionen – Große Auswahl, schwierige Balance

Zu den Besonderheiten der Raute gehören die Halbpositionen im Mittelfeld, die es in dieser Form in anderen Formationen nicht gibt. Im Laufe der Jahre hat Werder hier höchst unterschiedliche Spielertypen eingesetzt und somit die Ausrichtung des Mittelfelds immer wieder angepasst. Vor allem diese beiden Spieler links und rechts in der Raute sind für deren Balance zuständig. Das Anforderungsprofil ist sehr komplex: Die Kandidaten müssen einerseits zentrale Mittelfeldspieler sein, haben andererseits aber keinen Außenspieler neben oder vor sich. Zu ihrem Aufgabengebiet gehören die defensive Unterstützung des Sechsers und Außenverteidigers, die offensive Unterstützung des Zehners und Stürmers, sowie eine gewisse Verantwortung in der Spielgestaltung. Anders als in einer flachen Vier gibt es im Defensivspiel häufig keinen Nebenmann, an dem man sich orientieren kann, weshalb es besonders auf das Raumgefühl der Spieler ankommt. Kurz: Ein Spieler auf der Halbposition muss eigentlich alles können. Da sich dies in der Praxis kaum vorfindet, kommt der Zusammensetzung der beiden Positionen eine große Bedeutung zu: Können die Schwächen des einen durch die Stärken des anderen kompensiert werden?

Wie passen in dieses Geflecht an Anforderungen nun die beiden Hauptakteure Clemens Fritz und Zlatko Junuzovic? Beide sind einerseits fast schon ideale Rautenspieler, weil sie gute Allrounder sind und sich in vielen Phasen des Spiels gut einbringen können. Zudem sind beide sehr beweglich und laufstark. Andererseits gibt es bei beiden auch gewisse Bedenken, was ihre Spielweise, vor allem in Kombination miteinander, angeht.

Fritz hat nach seinem schon länger andauernden Leistungsabbau als Rechtsverteidiger eine Position gefunden, auf der er Werder doch noch helfen kann. Die Lobgesänge auf den Kapitän hören nicht auf, was mich etwas ratlos zurücklässt. Unverkennbar sind der Einsatz und die Spielfreude, mit denen Fritz zu Werke geht. Szenenapplaus gibt es für gewonnene Dribblings und engagierte Zweikämpfe. Was dabei häufig ausgeblendet wird, sind die Schwächen, die Fritz ebenfalls an den Tag legt, die Fehler im Passspiel, die strategischen Unzulänglichkeiten. Seine in einem Jahrzehnt als Rechtsverteidiger angelernte vertikale Spielweise sieht auch im Mittelfeld gut aus, ist aber nur selten wirklich effektiv. Fritz lässt einfache Dinge kompliziert aussehen und erhält dann Lob dafür, dass er sie trotzdem bewältigt. Der herausgeholte Freistoß fällt also mehr ins Gewicht, als die verpasste Gelegenheit zum Abspiel und der gewonnene Defensivzweikampf mehr als der vorherige Fehlpass.

Damit möchte ich Fritz nicht (mehr) aufs Altengleis schieben. In der derzeitigen Kaderzusammensetzung hat er nicht nur seine Berechtigung sondern auch eine große Wichtigkeit. Der Mangel an Konkurrenz ist jedoch ein Problem, das Werder durch die Saison begleiten wird. Nahezu alle Kandidaten für die Halbpositionen sind offensiver eingestellt als Fritz und kommen daher nur in Kombination mit einer Änderung der oben beschriebenen Balance als Ersatz in Frage. Am ehesten könnte Theodor Gebre Selassie seine Position einnehmen, wenn Zander sich nicht wieder verletzt.

Was für Fritz gilt, gilt auch für Junuzovic – wenn auch ganz anders. Zieht man die gefährlichen Standards inklusive der direkten Freistöße ab, ist er für mich kein Kandidat für den “Spieler des Jahres”. Zieht man sie ab, ist Werder (zumindest auf Grundlage der letzten Saison) aber auch ein sehr eindeutiger Abstiegskandidat. Damit ist über Junuzovics Wichtigkeit eigentlich schon genügend gesagt. Seinen Stammplatz wird er ohne Frage sicher haben, solange er fit bleibt und sich kein anderer Spieler mit ähnlich guten Freistößen und Ecken hervortut.

Die Kritik an Junos angeblich rein aufs Läuferische beschränkte Spielweise kann ich weiterhin nicht nachvollziehen. Technisch zählt er ganz sicher zu den Besseren bei Werder und auch sein Passspiel ist brauchbar – in einem auf Konter ausgerichteten System sogar weit mehr als das. Was ihm leider ebenso fehlt wie Clemens Fritz ist das strategische Geschick. Eine Kluge Positionierung und das durchdachte Einleiten von Angriffszügen über mehrere Stationen sind nicht seine Sache. Gegen den Ball ist er zwar bissig, jedoch häufig auch zu spät dran, wenn es darum geht, sich ins Defensivspiel einzuschalten.

Die Liste der möglichen Alternativen ist lang, doch sie zeigt auch, wie schwierig die Wahl für das Trainergespann ist, wenn es darum geht, einen der Stammspieler zu ersetzen. Cedric Makiadi spielte letzte Saison für die Startelf kaum eine Rolle und es würde mich wundern, wenn er es in der neuen Saison täte. Eigentlich ist er aufgrund seines Gehalts ein klarer Verkaufskandidat, doch auch hier spricht wohl die mangelnde Nachfrage dagegen. Als Einwechseloption ist Makiadi jedoch weiterhin brauchbar und dank seiner Erfahrung auch nicht unwichtig. Julian von Haacke ist (siehe oben) aktuell noch nicht bereit für regelmäßige Einsätze in der Bundesliga und sollte genügend Zeit zur Stabilisierung erhalten. Izet Hajrovic und Levin Öztunali kamen zwar bereits auf den Halbpositionen zum Einsatz, sind jedoch mit den defensiven Aufgaben überfordert und gehören eigentlich weiter nach vorne. Mit Fin Bartels und dem aufstrebenden Florian Grillitsch stehen zwei weitere Spieler parat, die eigentlich weiter vorne anzutreffen sind, ihre Sache in der Raute aber auch gut machen. Hinzu kommen noch die jeweils nicht aufgestellten Kandidaten für die Sechserposition (Kroos, Fröde).

Man kann durchaus den Eindruck bekommen, dass die Halbposition auch ein Auffangbecken für alle Spieler ist, für die sich in Werders System keine rechte Position findet oder die auf ihrer besten Position nur Ersatz sind. Dafür sind die Anforderungen der Positionen – wie oben gezeigt – aber eigentlich zu komplex. Die Zeiten, in denen Werder hier die Wahl zwischen Allroundern wie Fabian Ernst, Tim Borowski, Torsten Frings, Krisztian Lisztes oder Daniel Jensen hatte, sind schon lange vorbei. Für sich genommen sind sowohl Junuzovic als auch mit Abstrichen Fritz gut geeignet für die Halbpositionen. Beide zusammen, noch dazu in Kombination mit einem Sechsertyp wie Bargfrede, sind jedoch auch eine klare Absage an Ballbesitzfußball und eine Verbesserung des Passspiels im Mittelfeld.

Offensives Mittelfeld – Spielwiese für den Nachwuchs

Anders als die Sechserposition ist die Zehnerposition und ihre Besetzung immer Thema in den Werder-nahen Medien. Kaum ein Artikel, in dem nicht Özil, Diego, Micoud und sogar Herzog bemüht werden, um den selbst gesteckten Anspruch an den “Spielmacher” zu betonen. Das Problem: Der einzige wirkliche offensive Spielmacher in Werders Kader heißt Levent Aycicek und ist im Kalenderjahr 2015 bislang das Sorgenkind. Nachdem er in der Rückrunde nicht überzeugen konnte und nur selten eingesetzt wurde, war die Vorbereitung auf die neue Saison ein weiterer Rückschritt. Über die Gründe dafür lässt sich viel spekulieren und diskutieren, aber Tatsache ist, dass Aycicek trotz seines überragenden Talents in der Bundesliga bislang noch nicht überzeugt hat und derzeit in der U23 nach seiner Form sucht.

Wie schon Robin Dutt experimentierte auch sein Nachfolger mit unterschiedlichen Spielertypen auf der Zehnerposition. Die beste Figur machte dabei in der letzten Saison Fin Bartels, der mit seiner Beweglichkeit und seinem guten Gespür für Kontersituationen eine für Werder völlig neue Komponente auf der Position einbrachte. Eher enttäuschend waren Levin Öztunalis Auftritte als Zehner. Bei ihm kann man gut sehen, dass der Übergang zum Profifußball noch nicht komplett vollzogen ist. Er verlässt sich noch zu sehr auf seine individuelle Klasse am Ball und sucht zu selten das Zusammenspiel, was gerade auf dieser Position schwierig ist. In dieser Hinsicht haben Überflieger im Nachwuchsbereich vielleicht auch einen Nachteil, denn bis zur letzten Stufe vor dem Profifußball kommen sie problemlos damit durch. Öztunali sehe ich derzeit eher als Option für einen zweiten Stürmer oder eine Außenposition (wenn das System umgestellt wird). Er wird aber sicherlich auch Chancen auf der Zehn bekommen.

Der Sieger der Vorbereitung heißt im offensiven MiIttelfeld ganz klar Maximilian Eggestein. Auch er ist kein wirklicher Spielmachertyp, aber aus anderen Gründen. Sein Passspiel ist auf hohem Niveau und es macht großen Spaß ihm dabei zuzuschauen. Körperlich hat er noch ein paar Defizite und Schnelligkeit gehört nicht unbedingt zu seinen Stärken, aber dafür ist er ein Spieler, der die Stürmer gut einsetzen kann, eine gute Übersicht hat und in Verbund mit seiner Technik dadurch sehr vertikal spielen kann. Als großer Stratege ist er mir dagegen bislang nicht aufgefallen und an seiner Präsenz muss er arbeiten. Gut gefallen mir jetzt schon seine Bewegungen ohne Ball.

Ein weiterer Kandidat hat sich im Testspiel gegen West Ham herauskristallisiert, wo das Spiel oft an Eggestein vorbei lief und dafür Florian Grillitsch auf der rechten Halbposition mit Spielmacherqualitäten auf sich aufmerksam machen konnte. Ob es ausreicht, um Eggestein dort zu verdrängen, ist schwer zu sagen. Testen kann man ihn dort aber allemal. Bei Özkan Yildirim, der sein einziges Spiel in der letzten Saison ebenfalls auf der Zehn bestritt, bin ich sehr vorsichtig geworden und rechne auch in dieser Saison nicht mit ihm, sondern wünsche ihm vor allem, dass sein Körper irgendwann einmal mitspielt und er überhaupt wieder “richtig” Fußballspielen kann.

Sowohl bei Eggestein als auch weiterhin bei Aycicek habe ich die Phantasie, dass sie in dieser Saison den Durchbruch in der Bundesliga schaffen können. Bartels ist der einzige erfahrene Kandidat und in Werders Kontersystem einer, der die Rolle auf der Zehn zuverlässig ausfüllen kann. Insgesamt kann ich die Sehnsucht nach einem neuen Micoud oder Diego zwar nachvollziehen, doch es war nicht zuletzt die Suche nach einem solchen Spieler, die dazu geführt hat, dass Werder in der Vergangenheit einige taktische Entwicklungen verschlief und mit Spielern wie Ekici oder Wesley auf die Nase gefallen ist. Insgesamt ist Werder hier ordentlich besetzt, mit viel Potenzial für die nächsten Jahre.

Angriff – Alles auf Ujah

Selke verkauft, Di Santo verkauft, Petersen verkauft, Lorenzen mit körperlichen Problemen. Vom Angriff der letzten Saison sind nur noch die “Mehr-oder-weniger-Stürmer” Fin Bartels und Izet Hajrovic übrig. Da Viktor Skripnik jedoch derzeit ein System mit zwei “echten” Spitzen bevorzugt, musste Werder hier im Sommer ordentlich klotzen.

Mit Anthony Ujah wurde ein torgefährlicher Spieler verpflichtet, der sehr gut zu Werders Konterfokus passt. Spielerisch ist Ujah sicherlich kein Überflieger, aber seine Technik genügt, um in den meisten Disziplinen eines Stürmers gut abzuschneiden. Ujah kann Bälle behaupten, auf einigermaßen engem Raum kombinieren, flache wie hohe Zuspiele verarbeiten. Dazu positioniert er sich in Tornähe clever und verfügt über einen guten Torabschluss. In der Vorbereitung wirkte er bereits sehr gut integriert und man braucht wenig Phantasie, um zu dem Schluss zu kommen, dass er auch in der Bundesliga ein Gewinn für Werder sein wird. Schade, dass es nicht zu einem Zusammenspiel mit Di Santo kommen wird, denn die beiden sahen im Gespann wirklich vielversprechend aus.

Kurz vor dem Pflichtspielstart wurde mit Aron Johannsson ein weiterer Stürmer verpflichtet. Da ich die niederländische Liga nicht wirklich verfolge, fällt mir eine Einschätzung schwer. Johannssons Leistungsdaten lesen sich gut, werden sich so aber nicht auf die Bundesliga übertragen lassen. Zumindest scheint er ein umtriebiger und kombinationssicherer Stürmer zu sein, was sicherlich nicht schaden kann. Die kolportierten viereinhalb Millionen Euro Ablöse hätte ich lieber in ins defensive Mittelfeld investiert, aber vielleicht belehrt mich Johannsson hier ja eines besseren.

Die Notwendigkeit einer weiteren Neuverpflichtung im Angriff lag auch darin begründet, dass die zweite Reihe hier derzeit im Vergleich zu anderen Positionen recht weit weg ist. Melvyn Lorenzen traue ich durchaus zu, diese Saison eine Entwicklung wie Selke letztes Jahr hinzulegen. Dagegen sprechen jedoch seine andauernden Verletzungsprobleme, die eine schnelle Rückkehr in den Bundesligakader fraglich erscheinen lassen. Sehr erfreulich ist es daher, dass Ousman Manneh so eine erstaunliche Entwicklung hingelegt und auch die Chance bei den Profis erhalten hat. Das Testspiel gegen West Ham hat hier zwar gezeigt, dass der Weg nach oben für ihn nicht linear verläuft, aber auch hier ist Selkes Werdegang ein gutes Beispiel dafür, dass man sich mit harter Arbeit oben festbeißen kann. Die Erwartungshaltung sollte jedoch nicht in diese Richtung gehen. Sollte Manneh in dieser Saison überwiegend in der U23 zum Einsatz kommen, wäre das ganz sicher kein Rückschritt für den Jungen, der vor etwas mehr als einem Jahr noch in der Wilden Liga gekickt hat.

Ob Johannes Eggestein, Maximilians jüngerer Bruder, in dieser Saison schon ein Thema für die Profis wird, bleibt offen. Dem letzte Saison noch in der U17 angesiedelten Angreifer werden große Taten zugetraut und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis er auch für Skripnik eine ernsthafte Option darstellt. In dieser Saison gehört er zum Stamm der U19, doch es bleibt abzuwarten, ob er dort ausreichend gefordert wird. In der letzten Saison erzielte er in seinem ersten Einsatz in der U19-Bundesliga direkt fünf Tore, von seiner beachtlichen Quote in der U17 ganz zu schweigen. Es würde mich nicht wundern, wenn er in dieser Saison zumindest sporadisch schon im Bundesligakader auftaucht und bei entsprechender Personallage sein Debüt feiert. Sollte dies vor Ende April geschehen, würde er damit übrigens Thomas Schaaf als jüngsten Bremer Bundesligaspieler ablösen.

Auch wenn ich Skripniks Überlegungen in puncto Pressing und Vertikalität nachvollziehen kann, gefällt mir eine Variante mit einer eher hängenden Spitze vor der Raute weiterhin gut, gerade wenn sie gegen den Ball als 4-3-2-1 interpretiert wird,  Der geeignetste Kandidat für diese Position ist Fin Bartels, der mich in der Vorbereitung aber nicht unbedingt überzeugt hat und dem ein wenig die Spritzigkeit zu fehlen scheint. Von Izet Hajrovic erwarte ich nicht mehr viel, obwohl er für eine solche Position natürlich auch in Frage käme. Seine Ansätze wecken in mir wenig Phantasie, dass er sein Spiel so umstellen könnte, um eine wirklich passende Position in Werders System zu finden. Warum man einen eher eindimensionalen Außenstürmer im Kader behalten sollte, erschließt sich mir nicht, daher rechne ich noch mit einem Abgang, sofern Werder ein vernünftiges Angebot bekommt. Weitere Kandidaten für eine hängende Stürmerposition wären Levin Öztunali, Florian Grillitsch und eventuell auch Özkan Yildirim.

Mit Ujah gibt es zunächst eine klare Nummer eins in der Stürmerhierarchie. Je nachdem wie sich Johannsson schlägt, wird es immer wieder Chancen für die Nachwuchsleute geben und auch die Offensivleute, die keine Vollblutstürmer sind, werden dort zum Einsatz kommen. Da im Angriff die Transferausgaben mit Abstand am höchsten waren, ist die Erwartungshaltung entsprechend. Die Fußstapfen von Di Santo und Selke sind nicht die kleinsten, auch wenn sie kein perfekt harmonierendes Duo waren.

Das 4-1-4-1 als Alternative?

Da Skripnik auf die Raute als Grundsystem fixiert ist, kann ich mir eine große Taktikdiskussion sparen. In der Sommerpause wurde allerdings das 4-1-4-1 als Alternativsystem getestet. Ich halte es nicht für sehr wahrscheinlich, das wir dieses System häufig zu sehen bekommen, aber interessant ist es schon, weil es eine Variante ist, die Spielern wie Hajrovic oder Öztunali zu Gute kommen könnte.

Wie unterschiedlich das 4-1-4-1 interpretiert werden kann, zeigt ein Vergleich des Werdersystems von 2012/13 und dem System, das beispielsweise Portugal bei der Europameisterschaf 2012 spielte. Auf dem Papier ändert sich im Vergleich zur Raute nur die Formation im Angriff, wo nur eine Spitze, kein Zehner, dafür aber zwei Außenstürmer ins Spiel kommen. Im Mittelfeld bleibt es bei einer “1-2-Stellung” mit einem Sechser und zwei Achtern. Die Dynamik ändert sich jedoch auch im Mittelfeld grundlegend. Mindestens einer der Achter muss sich ins Offensivpressing einschalten, will man dem Gegner nicht komplett das Spiel überlassen. Je nachdem wie hoch sich die Flügelstürmer positionieren, wird das System gegen den Ball zu einem 4-3-3, 4-5-1 oder 4-1-3-1-1.

Genug zur Theorie, im Wesentlichen kommen zwei neue Positionen auf den Außenbahnen hinzu, für die Werder nicht allzu viele, aber doch ein paar Kandidaten hat. Hajrovic ist wohl der Spieler, der am offensichtlichsten von diesem System profitieren würde. Als Rechtsaußen kann er seine Stärken am besten einbringen. Die Einsätze im flachen 4-4-2 zeigten allerdings auch, dass er relativ weit vorne eingesetzt werden muss und sich auf Höhe der Mittellinie auch auf dem rechten Flügel häufig verzettelt. Levin Öztunali könnte mit seiner Dribbelstärke auf beiden Seiten eingesetzt werden. Auch Fin Bartels ist die Position nicht fremd, obwohl ich ihn zentral deutlich lieber sehe. Lorenzen bietet sich aufgrund seiner Schnelligkeit ebenfalls an, wenngleich auch er kein prototypischer Flügelspieler ist. Für Spieler wie Aycicek, Grillitsch oder Junuzovic wäre die Position hingegen nicht gut geeignet.

An dieser Stelle zeigt sich auch schon, warum das 4-1-4-1 nur bedingt für den aktuellen Kader geeignet ist. Selbst wenn man den langzeitverletzten Yildirim mit berücksichtigt, hätte man nur 3-4 Spieler für zwei Positionen und müsste zugleich mindestens einen Stammspieler opfern. Von den veränderten Anforderungen an die Achter ganz zu schweigen. Ich denke, wir werden das System eher mal in seiner defensiveren Ausprägung in der Schlussphase einer Partie sehen, in der eine Führung verteidigt werden muss (dann eventuell mit gelernten Außenverteidigern im Mittelfeld). Bei Rückstand kurz vor Schluss kommt eher ein echtes 4-3-3 oder sogar 4-2-4 in Frage.

Trainerbank – Wie gut ist Skripnik wirklich?

Die Frage nach Skripniks wahrer Qualität begleitet nun bereits einen Großteil seiner Zeit als Cheftrainer der Profis. Es gibt große Unterschiede bei der Wahrnehmung seiner bisherigen Amtszeit. Unter Werderfans hat er schnell einen Kultstatus erreicht, der weit über die sportlichen Erfolge hinausgeht. Man könnte den Eindruck bekommen, dass er bereits heute als Trainer für die nächsten zehn Jahre feststeht. Von außerhalb wird Skripnik dagegen teilweise auf die Erfolgsserie im letzten Winter reduziert, die durch die fußballerisch eher dünnen Leistungen in der Schlussphase der Saison konterkariert wird. Beides tut dem Trainer Viktor Skripnik unrecht.

Betrachtet man die Hypothek, mit der er im Herbst bei Werder an den Start gegangen ist, gehörte weitaus mehr als eine kleine Serie dazu, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Diskussionen zu der damaligen Zeit, als die Behauptung en vogue war, Werders Kader reiche kaum für die 2. Bundesliga. Nur vier Mannschaften holten in der restlichen Saison mehr Punkte als Werder unter VIktor Skripnik, selbst Dortmund mit seinem starken Saisonendspurt kam nur auf die gleiche Punktzahl. Dennoch wurde Skripniks Leistung nicht von allen gewürdigt, die in Werder vor neun Monaten einen sicheren Absteiger sahen.

Die Ansicht, dass sich Werder unter Skripnik schon auf Europa League Niveau befindet, ist jedoch ebenso falsch. Die Besonderheiten der letzten Saison erschweren eine Einordnung. Zieht man die großen Ausschläge nach unten (Saisonstart) und oben (Serie im Winter) ab, war Werder zumeist eine recht durchschnittliche Bundesligamannschaft. Das ist im Angesicht der sportlichen Talfahrt ab 2010 und der Kaderentwicklung ein Erfolg, den sich Skripnik und sein Trainerteam zuschreiben können.

In taktischer Hinsicht hat Skripnik seit seiner Amtsübernahme hinzugelernt und sich als pragmatischer Trainer erwiesen, der zwar klare Vorstellungen von dem Fußball hat, den er von seinem Team gerne sehen möchte, aber diese nicht über die Gegebenheiten des Kaders stellt. Von daher könnte es sogar ein Vorteil für ihn gewesen sein, dass er mitten in der Saison anfangen musste und wenig Einfluss auf die Kaderzusammensetzung hatte. Vielleicht wäre er ansonsten mit mehr Idealismus und im schlimmsten Fall Naivität an die Sache herangegangen (selbstverständlich reine Spekulation). Aus dem Nachwuchs war er es gewohnt, dass seine Teams zu den spielerisch besten der jeweiligen Ligen zählten und daher viel dominanter auftreten konnten. Sein Satz vor Beginn der Siegesserie im Winter hängt mir jedenfalls noch immer im Ohr: “Wir haben als Trainerteam nicht so viel Erfahrung gehabt in der Bundesliga, aber jetzt wissen wir, wo es langgeht.”

Für Skripnik und sein Trainerteam wird die zweite Saison ein echter Härtetest. Die Erwartungshaltung ist hoch, das Vertrauen groß, die Mittel überschaubar. Gerade für das junge Bremer Team ist Skripnik meiner Meinung nach der ideale Trainer. Das Bundesligageschäft ist allerdings gnadenlos und auch Skripnik muss weiterhin dazulernen, um dort langfristig bestehen zu können. Solange sein Team nicht in eine richtig tiefe und anhaltende Krise schlittert, hat er jedoch einen der sichersten Trainerstühle der Liga inne.

Fazit

Das Fazit meiner Saisonvorschau lautet vor allem: Ich freue mich wie schon lange nicht mehr auf diese Saison. Werders Kader ist eine Wundertüte, mit der vieles möglich, aber wenig sicher ist. In puncto Bundesligaerfahrung spielt man am unteren Ende mit, hat mit einigem guten Willen 15-16 gestandene Profis in den eigenen Reihen. Trotz der beschriebenen Defizite, die ich im Kader noch sehe, beeindruckt mich die Konsequenz mit der die Verantwortlichen nun auf die Jugend setzen. Es sei dahingestellt, inwieweit sie wirtschaftlich dazu gezwungen sind, doch die Zeiten in denen es zwanzigjährige Debütanten nur in Ausnahmefällen gab, sind erstmal vorbei. Gleich elf Spieler aus dem Profikader sind nicht älter als 21 Jahre. Auf sechs Positionen ist einer der beiden wahrscheinlichsten Kandidaten ein Nachwuchsspieler.

Das größte Problem könnte eine zu hohe Erwartungshaltung im Umfeld sein. Von Talenten wie Zander, von Haacke, Aycicek, den Eggestein-Brüdern, Ulisses Garcia und Manneh darf man sich ohne Zweifel viel versprechen. Für jeden dieser Spieler wäre es jedoch schon ein Erfolg, sich in Werders erster Elf festzusetzen und sich in der Bundesliga zu etablieren. Daher ist für mich absolut nicht gesagt, dass Werder mit dem Abstieg nichts zu tun haben wird, auch wenn das Thema Klassenerhalt nicht groß thematisiert wird derzeit. Die Schere in der Bundesliga sorgt dafür, dass zwischen Platz 7 und Platz 16 nur Details den Unterschied machen. Um das internationale Geschäft anpeilen zu können, muss Werder wie so viele andere auch, auf einen Ausrutscher von Dortmund, Schalke, Leverkusen, Gladbach oder Wolfsburg hoffen und zugleich Best-of-the-Rest werden. Dass so etwas keine Utopie ist, zeigen die Beispiele Augsburg, Mainz und Freiburg aus den letzten Jahren.

Die drei frühzeitig feststehenden Neuzugänge haben in der Vorbereitung soweit überzeugt, dass sie zum Saisonbeginn einen Stammplatz innehaben. Sollte es Werder noch gelingen, nach Eljero Elia auch den aussortierten Ludovic Obraniak (eventuell auch noch Izet Hajrovic) zu verkaufen und im Gegenzug einen akzeptablen Sechser zu verpflichten, wäre ich mit der Transferperiode unter den gegebenen Voraussetzungen sehr zufrieden.

Betrachtet man Werders Kaderstruktur, wird deutlich, warum die Verantwortlichen so hartnäckig um den Verbleib von Clemens Fritz gekämpft und auch einen rein sportlich sinnvollen Verkauf von Cedric Makiadi nicht forciert haben. Bundesligaerfahrung ist ein knappes Gut geworden in Bremen. Dafür ist die Identifikation mit der Mannschaft nun umso größer, angeführt von einem sehr beliebten Trainerteam, ein paar langjährigen Spielern und vielen jungen Talenten aus dem eigenen Nachwuchs (wobei an dieser Stelle unerheblich ist, ob die Spieler mit 6 oder mit 18 nach Bremen gekommen sind). Wie lange dies im Falle eines sportlichen Absturzes wie zu Beginn der letzten Saison der Fall wäre, werden wir hoffentlich nicht herausfinden.

Und jetzt, nach 5.789 Wörtern, darf es dann auch endlich losgehen.

Saisonvorschau – Der Trainer

Robin Dutt geht in seine zweite Saison als Werders Cheftrainer und die Vorzeichen sehen besser aus als noch vor einem Jahr. Werder hinterlässt in diesem Sommer nicht mehr den Eindruck eines Vereins, der alles auf den Kopf stellen muss, um die Negativentwicklung der letzten Jahre umzukehren. Es hat sich langsam ein Fundament herausgebildet, auf dem nun aufgebaut werden soll. Vieles wirkt eingespielter, auf und neben dem Rasen. Dementsprechend werden langsam auch die Ziele offensiver formuliert. Daran ändert auch der schwer zu kompensierende Abgang von Aaron Hunt nichts. Nicht mehr der Kampf ums reine Überleben steht im Mittelpunkt, sondern der nächste Entwicklungsschritt, der gemacht werden und an dessen Ende möglichst ein einstelliger Tabellenplatz stehen soll.

Vom Basisarbeiter zum Entwickler

Durch diese veränderte Maßgabe ändert sich auch die Rolle des Trainers. In der letzten Saison wurde immer wieder betont, dass vor allem an den “Basics” gearbeitet werden müsse. Das Team war zwischenzeitlich so verunsichert, dass selbst einfache fußballerische Abläufe nicht mehr funktioniert haben. Der Aufbau einer eigenen spielerischen Identität war zu dieser Zeit noch sehr weit weg. Dies änderte sich im letzten Saisondrittel, als Werder dem Klassenerhalt immer näher kam und Dutt sowohl eine feste Formation als auch eine mehr oder weniger feste Startelf gefunden hatte. Auch wenn in jener Phase nur in Ansätzen schöner Fußball von Werder zu sehen war, konnte man immerhin einen Plan erkennen, wie Werder das eigene Spiel aufziehen wollte. Man könnte auch sagen: Spieler und Trainer haben zusammengefunden.

In dieser Saison stellt sich die Situation anders dar. Dutt und seine Co-Trainer haben sich inzwischen gut im Verein akklimatisiert, kennen die Stärken und Schwächen der Spieler besser und können auf ein etabliertes Mannschaftsgerüst zurückgreifen. Ist also damit zu rechnen, dass Werder in der kommenden Saison vielleicht nicht nur einen sondern sogar zwei Schritte vorwärts (sprich: in Richtung Europa League) macht? Ausschließen muss man diese Möglichkeit nicht, doch es wäre vermessen darauf zu setzen. Zu viele Faktoren müssten dazu zusammenkommen, die sich vor der Saison schlecht prognostizieren lassen.

Unwägbarkeiten und Kadertiefe

Werders Kader ist auf den ersten Blick breit aufgestellt, auf den zweiten Blick lassen sich einige Positionen erkennen, auf denen es mit der Kaderdichte nicht allzu weit her ist, bzw. in denen Werder auf deutliche Leistungssteigerungen der Protagonisten angewiesen ist. Zu nennen wären hier die Außenverteidiger-Positionen, auf denen nur zwei Spieler mit Bundesligaerfahrung zur Verfügung stehen und mit Marnon Busch und Luca Zander zwei hoffnungsvolle Talente dahinter warten. Nicht ganz so eng sieht es im offensiven Mittelfeld  und im Angriff aus, doch auch dort ist die Personaldecke an gestandenen Bundesligaprofis noch dünn. Es braucht wohl nicht viele Verletzungen und Werders Ersatzbank besteht zu 50% aus Nachwuchsspielern. Das muss selbstredend kein Nachteil sein, kann sich im Gegenteil sogar als Glücksfall für den Verein erweisen, wenn Spieler wie Aycicek oder Kobylanski den nächsten Entwicklungsschritt machen. Wenn dieser jedoch ausbleibt – diese Gefahr besteht bei jungen Spielern nun einmal – hätte dies vermutlich größere Auswirkungen auf Werders Saison als bei anderen Vereinen.

Die Stärke der Konkurrenz ist ebenfalls ein Punkt, der eine allzu optimistische Prognose verhindert. Die Teams, die sich mit Werder beim Kampf um die gesicherten Mittelfeldplätze auf Augenhöhe befinden sollten, haben fast alle mehr Geld in ihren Kader investiert als Werder. Bleibt zu hoffen, dass Werder cleverer investiert hat als viele von ihnen und somit dennoch konkurrenzfähig bleibt. Hinter den 5-6 großen Teams, die die internationalen Plätze wohl unter sich ausspielen werden, gibt es eine große Gruppe an Vereinen, die sich um die Plätze 7-16 streiten. Klare Abstiegskandidaten lassen sich diese Saison kaum festmachen. Es dürfte also wieder mal auf Kleinigkeiten ankommen, die den Unterschied zwischen einem gesicherten Mittelfeldplatz und einer Saison in latenter Abstiegsgefahr ausmachen. Um eine realistische Chance auf Platz 9 zu haben, wird Werder ungefähr 45 Punkte benötigen. Das mag nicht wie ein großer Schritt erscheinen, ist in einer Liga mit hoher Leistungsdichte in den unteren zwei Dritteln jedoch auch kein Katzensprung. Voraussetzung dafür ist es, die taktische und spielerische Lücke zu Vereinen wie Mainz oder Augsburg zu schließen.

Defensive und offensive Problemfelder

Die Sorgen um die Defensive sind trotz der erneut viel zu großen Anzahl an Gegentoren etwas geringer geworden. Das liegt zum einen an der geänderten Verteilung der Gegentore: Ein knappes Drittel aller Spiele ging “zu Null” aus, was für Werder in der letzten Saison essentiell für den Klassenerhalt war: In diesen Spielen holte Werder 24 Punkte. Zum anderen liegt es daran, dass Werder den Gegentorschnitt im Verlaufe der Saison deutlich senken konnte. An den letzten 14 Spieltagen gab es 21 Gegentore, also nur noch 1,5 pro Spiel, während Werder an den 20 Spieltagen davor 45 Gegentore kassierte (2,25 pro Spiel).* Der Trend zeigt zumindest in die richtige Richtung und man darf davon ausgehen, dass Werder in der kommenden Saison die Zahl der Gegentore deutlich unter 60 senken kann.

Auch wenn Robin Dutt die Anzahl der Gegentore als Hauptproblem ausgemacht hat, war auch die Anzahl der geschossenen Tore nicht zufriedenstellend: 1,24 Tore schoss Werder pro Spiel, nur vier Teams erzielten weniger – zwei davon stiegen ab. So war man sehr davon abhängig, die Null zu halten. Schaffte man dies nicht, war die Siegwahrscheinlichkeit sehr gering (lediglich drei Spiele mit Gegentor wurden gewonnen). Zwar wurde Werder im letzten Saisondrittel langsam torgefährlicher, doch ist man hier noch nicht auf einem Niveau angelangt, das ausreicht, um einen einstelligen Tabellenplatz anpeilen zu können. Deshalb gilt es nicht nur, die Entwicklung fortzusetzen (was durch Hunts Abgang ohnehin nur begrenzt möglich ist), sondern neue spielerische Elemente in Werders Spiel zu integrieren. Es ist zu begrüßen, dass weiterhin viel Wert auf das Gegenpressing gelegt wird, doch auch das eigene Passspiel sollte verbessert werden. Die extreme Linkslastigkeit und die vielen hohen Bälle in der Spieleröffnung dürften nach und nach weniger werden, wenn Werders Ballrotation im Mittelfeld sicherer wird. Ganz entscheidend wird zudem sein, wie das Team die eigene Torgefahr erhöhen kann. Der Kader ist nicht unbedingt gespickt mit Spielern, denen man eine zweistellige Torausbeute zutraut (der einzige Spieler im Kader, der dies überhaupt je geschafft hat, ist meines Wissens Nils Petersen).

Zwischen Nachwuchsförderung und Mannschaftsentwicklung

Die Torgefahr muss somit auf mehrere Schultern verteilt werden, bzw. die vorhandenen Waffen der Spieler gilt es besser auszunutzen. Wie bringt man besipielsweise Hajrovic möglichst oft in gute Schusspositionen in Strafraumnähe, aus denen er mit seinem starken linken Fuß abschließen kann? Wie nutzt man die Kopfballstärke von Prödl, Galvez, Caldirola und Garcia bei Standards geschickt aus? Kann Di Santo neben einem spielstarken zweiten Stürmer noch ein Goalgetter werden? Diese und einige andere Fragen wird sich Dutt im Sommer gestellt haben. Die Testspiele deuten schon an, dass sich Werders Spielanlage etwas geändert hat und weniger reaktiv ist als letzte Saison. Die ersten Pflichtspiele werden zeigen, ob sie auch unter Druck funktioniert oder der Coach erneut umdenken muss. Dutt ist bekanntlich ein sehr pragmatischer Trainer, was in der letzten Saison ein klarer Vorteil war. In dieser Saison muss er zeigen, dass er die Entwicklung seiner Mannschaft vorantreiben kann.

Von vielen wird Dutt daran gemessen, ob er es schafft, möglichst viele Nachwuchsspieler ins Team zu integrieren. Für mich ist dieses Thema nicht unwichtig, aber im Vergleich zu anderen Aufgaben doch etwas nachrangig. Werders Jugendarbeit krankt(e?) an vielen Stellen und nur der letzte Schritt davon ist die Integration von Talenten in die Profimannschaft. Dutt kann letztlich nur integrieren, was er aus dem Jugendbereich geliefert bekommt und hier klafft gelegentlich eine größere Lücke zwischen der allgemeinen Begeisterung für einen talentierten Jungspieler und dessen tatsächlicher Leistungsstärke. Der Trainer muss seinen gesamten Kader im Blick behalten und die Spieler individuell wie mannschaftlich weiterentwickeln. Die Viererkette kann hier als Beispiel dienen, wie dies aussehen kann: Durch eine veränderte Taktik wurde zunächst der Druck von den spielerisch nicht überragenden Akteuren genommen, so dass diese sich voll auf ihre Stärken konzentrieren konnten. Dies dürfte ein wichtiger Grund dafür sein, dass sich Prödl und auch Lukimya im letzten Jahr so sehr steigern konnten. Und ohne Spieler wie Luca Caldirola von außen hinzuzukaufen und in Bremen zu entwickeln wird es auch zukünftig nicht gehen, denn ich kann mich an keinen Innenverteidiger von vergleichbarer Qualität erinnern, den Werders Nachwuchs in diesem Jahrtausend hervorgebracht hätte.

In diesem Jahr steht Dutt in der Offensive vor einer ähnlichen Aufgabe. Auf der Suche nach einer spielerischen Identität muss er die richtige Zusammensetzung seiner Offensivabteilung finden, dabei Spieler wie Obraniak und Hajrovic (und eventuell Ruiz) integrieren und gleichzeitig das Leistungsvermögen der Nachwuchsleute richtig einschätzen. Dabei geht er bislang ebenfalls den pragmatischen Weg: Ein Nachwuchsspieler muss besser sein als sein Konkurrent, nur dann spielt er. Nach Talentförderung ihrer selbst Willen klingt das nicht unbedingt. Dieser Punkt unterstreicht, dass Werder noch nicht auf dem Status etwa eines SC Freiburg angekommen ist, der notfalls auch mal ein Jahr in die zweite Liga gehen kann, um mit einer neuen Generation Talente zurückzukehren. Dutt steht unter größerem Ergebnisdruck und muss im Einzelfall abwägen, ob es sich lohnt, einem Nachwuchsspieler längere Einsatzzeiten zu geben, wenn dafür ein aktuell besserer Profi draußen bleibt. Denn nicht ohne Grund wird im Verein immer wieder betont, dass es ein Ziel ist, zukünftig ein Drittel des Kaders aus dem eigenen Nachwuchs zu beziehen. Das dürfte jedoch weniger Dutts Maßgabe für die aktuelle Saison sein als ein langfristiges Ziel für den gesamten Verein. Die jüngsten Entwicklungen der U23 wecken Hoffnung, dass der Verein sich langsam in die Richtung bewegt.

* Der Vergleichszeitraum ist natürlich etwas willkürlich, doch ich habe den Schnitt bewusst zu der Zeit gemacht, da Dutts taktische Marschroute in der Rückrunde langsam zu greifen begann.

Werder Bremen vor der Saison 2013/14

Am Sonntag beginnt für Werder in Saarbrücken die Saison Eins nach Thomas Schaaf. Nachdem die letzten drei Jahre – egal wie man es dreht und wendet – die in Kombination erfolglosesten seit dem Wiederaufstieg 1981 waren, soll unter der Leitung von Robin Dutt und Thomas Eichin alles besser werden. Dabei werden die beiden neuen Entscheidungsträger nicht müde zu betonen, dass eine Umkehr der sportlichen Talfahrt Zeit braucht. Wird die kommende Saison also nicht mehr als ein Aussähen der Erfolgsspur für kommende Jahre?

“Besser als letzte Saison”

Sowohl der neue Trainer als auch der neue Sportdirektor wissen nur zu gut, dass sie es sich nicht leisten können, rein auf zukünftige Erfolge zu spekulieren, wenn in der Gegenwart der Abstiegskampf droht. Sie haben keinen Erfolgsbonus aus der Vergangenheit, der Schaaf und Allofs lange Zeit vor übermäßiger Kritik schützte. Andererseits hat sich die Erwartungshaltung in Bremen inzwischen der neuen Realität angeglichen. Kaum jemand erwartet für die Saison 2013/14 ernsthaft mehr als einen gesicherten Mittelfeldplatz oder würde einen solchen gar als Misserfolg bewerten. Deshalb tun Dutt und Eichin derzeit auch gut daran, die Erwartungen nicht grundlos zu schüren und jenseits des “besser als letzte Saison” kein offizielles Saisonziel auszuloben. Wie schnell aus einer trostlosen Stimmung eine Euphorie entstehen kann, die Werder auf dem Weg zurück in die Champions League Ränge sieht, haben wir zu Beginn der letzten Saison festgestellt.

In dieser Sommerpause ist die allgemeine Stimmungslage wohl mit “vorsichtig optimistisch” am besten beschrieben, wobei sich der Optimismus vor allem darauf bezieht, nicht erneut bis kurz vor Saisonende gegen den Abstieg kämpfen zu müssen. An einer überzogenen Erwartungshaltung wird man in dieser Spielzeit gewiss nicht scheitern. Nicht einmal die zwischenzeitliche Niederlagenserie in der Vorbereitung sorgte – außerhalb der einschlägig bekannten Medienerzeugnisse – für großen Wirbel. Zwar ist die Verunsicherung als Folge der miserablen letzten Rückrunde noch immer spürbar, doch die Bereitschaft der meisten Fans, dem neuen Trainer Zeit beim Formen seiner Mannschaft zugewähren, scheint ungebrochen.

Drahtseilakt für Dutt und Eichin

Dies kann sich freilich schnell ändern, wenn der Saisonbeginn ähnlich schwache Ergebnisse bereithält. Nicht umsonst hört man in diesem Sommer noch häufiger als sonst die Floskel, dass es auf einen guten Saisonstart ankomme. Hierbei wird jedoch auch der Drahtseilakt offensichtlich, den Dutt und Eichin zu bewältigen haben. Einer der Kritikpunkte lautete zuletzt immer wieder, dass junge Spieler bei Werder zu wenig Chancen und Einsatzzeit bekämen. Ein Vorwurf, der mit der Verjüngung des Kaders in den letzten Jahren nur bedingt ausgeräumt werden konnte. Denn problematisch war weniger eine generelle Vernachlässigung junger Spieler als eine zu geringe Durchlässigkeit zwischen eigenem Nachwuchsbereich und Profiteam. Dies zu ändern ist eine Aufgabe, die nur langfristig und mit großen Anstrengungen des gesamten Vereins gemeistert werden kann. Die Jugendarbeit soll verbessert und unter ein einheitliches Konzept gestellt werden, die U23 sich von Ihrem Image als Talentfriedhof befreien und die Profiabteilung den jungen Spielern mehr Einsatzzeiten ermöglichen. Gleichzeitig muss aber auch noch eine Bundesligasaison absolviert werden, in der klare Verbesserungen zumindest zur letzten Rückrunde erkennbar sein sollen.

Während bei der Jugendarbeit jedem noch so ungeduldigen Kritiker klar sein dürfte, dass die Erfolge der ergriffenen Maßnahmen frühestens in einigen Jahren beurteilt werden können, setzt in der Bundesliga schnell das ein, was als “Gesetzmäßigkeit der Branche” bezeichnet wird: Nur wer gewinnt hat recht. Solange Werder sich aus der Abstiegszone fernhält, wird die B-Note für die Bewertung von Robin Dutts Arbeit herangezogen: Wie entwickelt sich das Team? Wie funktioniert das neue System? Sind Verbesserungen im individual- und mannschaftstaktischen Bereich erkennbar? Stimmt die Einstellung? Gerät Werder jedoch erneut in den Abstiegsstrudel ist es schnell vorbei mit dem Blick für die Details. Dann werden erneut Fragen nach der Qualität des Kaders aufkommen und ob es nicht ein viel zu hohes Risiko war, erneut mit einer solch jungen Mannschaft in die Saison zu starten. Eichin wird sich für fehlende Transfers verantworten müssen und Dutt für die Fehler in seinem System.

Weichenstellungen für die Zukunft

Ich persönlich gehe mit einer gehörigen Portion Optimismus in die neue Saison. Nicht, weil ich glaube, dass nun, wo Schaaf nicht mehr Trainer ist, automatisch alles besser wird. Auch nicht, weil ich einen kometenhaften Aufstieg in den kommenden Jahren erwarte (der Vergleich mit dem BVB von 2008 hält sich hartnäckig), sondern weil Werder Bremen im Jahr 2013 etwas geschafft hat, was ihm viele Kritiker – und da will ich mich nicht ausnehmen – nicht mehr zugetraut haben: Der Verein hat sich von selbst erneuert. Es wurde mit Eichin ein Geschäftsführer von Außen hinzugeholt, der einen distanzierteren Blick auf die sportliche Situation hatte und somit frei von Sympathiebonus und Dankbarkeit für vergangene Erfolge Entscheidungen treffen konnte. Mit Dutt wurde ein Trainer verpflichtet, der sowohl zur jungen Generation der “Konzepttrainer” zählt, als auch schon Erfolge im Bundesligafußball vorweisen kann. Dazu kommen einige Personalentscheidungen im Nachwuchsbereich sowie die Einbindung des noch immer recht neuen Aufsichtsratsmitglieds Marco Bode, der sich die Jugendförderung auf die Fahnen geschrieben hat.

Häufiger habe ich in den letzten Monaten die Meinung gehört, Werder habe durch die Trennung von Thomas Schaaf sein Gesicht verloren. Dahinter steht jedoch auch immer die Chance, sich ein neues Gesicht anzueignen. Ich glaube, dass in diesem Jahr die entscheidenden Weichen dafür gestellt wurden. Vereine, die aufgrund ausbleibender Erfolge hauptberuflich in Erinnerungen an vergangene Heldentaten schwelgen, gibt es im deutschen Fußball wahrlich genug. Werder Bremen soll nicht einer von ihnen werden.

In diesem Sinne: Auf eine schöne und erfolgreiche Saison 2013/14!

Die Glaskugel 2012

Die Saison hat schon begonnen, ohne dass ich den obligatorischen Blick in meine notorisch unzuverlässige und inzwischen etwas divenhafte Glaskugel geworfen habe. Höchste Zeit das nachzuholen!

Meine Abschlusstabelle 2011/12:

1. Bayer Leverkusen – Nachdem sie mir letztes Jahr einen Strich durch die Meisterschaftsrechnung gemacht haben, tippe ich dieses Jahr erst recht auf sie. Dutt ist ein guter Trainer und er wird nicht lange brauchen, um aus diesem Kader ein großes Team zu formen. Selbst Ballack wird noch mal eine gute Saison spielen – sagt die Glaskugel.

2. Borussia Dortmund - Der Weg über die Meisterschaft führt nur über den BVB. Derzeit sind die Dortmunder allen anderen noch ein Stück voraus, doch der Vorsprung wird die Saison über schmelzen. Die Bürde des Meisters wird schwer werden, dazu kommt die Champions League. Dennoch traue ich der Borussia Platz 2 zu.

3. Bayern München - Osram könnte in dieser Saison wieder über allen strahlen, doch ich halte ihn taktisch nicht für gut genug, um Bayern nach ganz oben zu führen. Eigentlich wäre der Rekordmeister wieder dran, aber die Konzentration auf das CL-Finale im eigenen Stadion (das man nicht erreicht) und die Stärke der Konkurrenz sorgen für ein seit 1996 nicht mehr da gewesenes Szenario: Der FCB wird zweimal in Folge nicht Meister.

4. VfL Wolfsburg - Magath wird im August und Januar wieder Heerscharen an neuen Spielern kaufen, von denen eine Handvoll auch funktionieren dürften. Nach mittelmäßiger Hinrunde gibt es eine Aufholjagd, die auf dem Qualifikationsplatz für die Champions League endet.

5. FC Schalke 04 - Eigentlich ist den Schalkern unter Rangnick fast alles zuzutrauen – bis auf die Meisterschaft. Es dürfte noch eine Weile dauern, bis das Team in dieser Saison funktioniert und Rangnick seine Handschrift durchziehen kann. Spätestens dann aber ist mit Schalke zu rechnen.

6. Werder Bremen - Die Wundertüte aus Bremen. Wenn man nicht früh in die Abwärtsspirale gerät, kann man aus diesem Kader ein schlagkräftiges Team formen. Das Wenn ist in diesem Fall jedoch besonders groß. Die Glaskugel gibt sich optimistisch und traut Werder die Rückkehr ins internationale Geschäft zu. Spieler der Saison: Sokratis.

7. Hamburger SV - Dass die Glaskugel den Hasipfau hinter Werder sieht versteht sich von selbst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Oenning den Laden in den Griff bekommt. Das Spiel gestern in Dortmund lässt böses befürchten/erhoffen. In der Rückrunde steuert man dann mit neuem Trainer das internationale Geschäft an, wobei man knapp an Werder scheitert (ich mag meine Glaskugel).

8. Hannover 96 - Noch mal wird so eine Saison nicht gelingen. Der Absturz bleibt dank der soliden Arbeit des Trainers jedoch erspart und Hannover erreicht einen soliden Mittelfeldplatz.

9. VfB Stuttgart - Geheimfavorit für viele, doch die Glaskugel ist anderer Ansicht. Einer Mannschaft, die von Bruno trainiert wird, traue ich erst wieder einen Platz an der Spitze zu, wenn ich es mindestens einmal erlebt habe. Ansonsten gilt das gleiche wie bei Werder: Wundertüte.

10. FSV Mainz 05 - Die Boygroup des letzten Jahres wird große Probleme bekommen, zumal in Schürrle und Holtby die beiden wichtigsten Protagonisten ausgestiegen sind. Tuchel ist ein guter Trainer – wie gut wird diese Saison zeigen. Platz 10 wäre nicht mal ein Misserfolg.

11. Borussia Mönchengladbach - Favre. Die Null steht häufig genug, um nicht in den Abstiegskampf zu rutschen. Vorne Reus. ‘Nuff said.

12. 1. FC Köln – Um den Kölnern eine turbulente Saison vorauszusagen, braucht man nun wirklich keine Kristallkugel. Eigentlich ist der Kader zu gut für den Abstiegskampf. Andererseits hat gerade die letzte Saison gezeigt, dass das überhaupt nichts zu sagen hat.

13. Hertha BSC - Die Glaskugel weigert sich, einen Tipp zur Hertha abzugeben. Außer Platz 13 war aber alles schon besetzt, von daher wird’s wohl so stimmen.

14. SC Freiburg – Dutt weg, Cissé noch da. Die Lebensversicherung der Freiburger wird in dieser schwierigen Saison auch dringend gebraucht. Es wäre ein typisches Jahr für einen Freiburger Abstieg, aber die Breisgauer retten sich in letzter Sekunde.

15. TSG Hoffenheim - Mit eineinhalb blauen Augen kommt Hoffenheim durch die Saison. Mehr als graue Maus ist beim einstiegen Blitzaufsteiger nicht mehr drin. Stanislawski ist auch kein Trainer, der mehr aus dem Kader rausholt als drinsteckt, eher im Gegenteil.

16. FC Augsburg - Ja, ich gebe es zu: Ich mag Augsburg. Meine Familie kommt da aus der Ecke (wobei Heidenheim noch näher dran ist…). Ich hoffe sehr, dass die Puppenkiste nicht direkt wieder absteigt. Die Glaskugel zeigt sich gnädig und sagt den Relegationsplatz voraus.

17. 1. FC Nürnberg - Vielleicht fehlt mir die Fantasie, aber ich sehe Nürnberg nach den Abgängen nicht mehr annähernd so gut, wie im Vorjahr. Wenn dann noch etwas Pech hinzukommt, kann es ganz schnell gehen und man findet sich mal wieder in Liga 2 wieder.

18. 1. FC Kaiserslautern - Ich habe bei Lautern ein ganz mulmiges Gefühl. Den Abstieg wünsche ich den Pfälzern nun wirklich nicht, schon allein wegen der guten Arbeit in den letzten zwei Jahren, aber die Glaskugel ist unbarmherzig.

Die Glaskugel 2011

Vor Saisonbeginn treffe ich hier regelmäßig wilde Vorhersagen, wie die Spielzeit laufen wird. Wäre meine Trefferquote dabei nicht so absurd schlecht (Hoffenheim als Vizemeister 2010), könnte ich mich mit Fug und Recht als Krakenorakel der Fußballblogger bezeichnen. So muss ich mich hinter Paul in die Reihe der niederen Weichtiere einreihen. Meine Saisonvorschau 2011 möchte ich euch trotzdem nicht vorenthalten:

Die Abschlusstabelle

  1. Bayer Leverkusen – Richtig gelesen. Bayer macht es dieses Jahr mal anders herum und hält sich über weite Strecken der Saison auf den Plätzen 2 – 4 auf. Am 31. Spieltag holt sich Leverkusen dann die Tabellenführung und gibt sie zum Erstaunen aller Beobachter nicht mehr ab.
  2. Werder Bremen – Spielt eine starke Saison, muss zum Ende aber mal wieder der Mehrfachbelastung Tribut zollen. Werder schafft es in der Champions League bis ins Achtelfinale und spielt beflügelt durch diesen Erfolg eine starke Rückrunde. Leider wird man kurz vor Schluss von Leverkusen überholt und steht mit leeren Händen da.
  3. Bayern München – Eine Saison zum Vergessen für den Rekordmeister. Eigentlich sieht trotz großen Verletzungspechs lange alles gut aus (Herbstmeisterschaft), doch dann kommt das Aus im Champions League Viertelfinale gegen Barcelona und mehrere unnötige Punktverluste gegen kleinere Gegner. Am Ende reicht es deshalb nur zu Platz 3 und einem erneuten Sieg im DFB-Pokal.
  4. Borussia Dortmund – Der BVB kann den Aufwärtstrend der letzten beiden Jahre fortsetzen und etabliert sich in der Spitzengruppe. Erst im letzten Drittel kann man nicht mehr mithalten, erreicht dank der schwächelnden Konkurrenz aber einen sicheren Platz in der Europa League.
  5. Hamburger SV – Einer starken Hinrunde (Platz 2) folgt – wie könnte es auch anders sein – eine durchwachsene Rückrunde mit vielen kleineren und größeren Rückschlägen. Der HSV rettet die Saison mit dem 5. Platz, doch Armin Veh steht zu Beginn der Sommerpause intern heftig in der Kritik. Mal wieder ein bewegter Sommer in der Hansestadt.
  6. VfL Wolfsburg – Der VfL wollte eigentlich an die Erfolge unter Felix Magath anknüpfen, doch trotz hochpreisiger Neuverpflichtungen kommen die Wolfsburger nicht richtig aus den Startlöchern. Ein sechster Platz, der diesmal nicht fürs internationale Geschäft reicht, ist das Ergebnis einer enttäuschenden Saison.
  7. Schalke 04 – Schalke nur auf Platz 7? Trotz ansehnlicher Spielweise stolpert Schalke schon zu Beginn der Saison einige Male und droht den Anschluss zu verlieren. In der Rückrunde kommt es zum Eklat zwischen Trainer und den verfeindeten Grüppchen im Team. Magath gibt daraufhin seinen Rücktritt bekannt. Feuerwehrman Klaus Toppmöller holt am Ende nur einen 7. Platz heraus.
  8. VfB Stuttgart – Die Schwaben mit einem 5. Platz im Winter in Lauerstellung. Leider bleibt dir traditionell gute Rückrunde diesmal aus und Stuttgart versinkt im Mittelfeld der Liga. Den internationalen Wettbewerb sichert man sich durch den Einzug ins Pokalfinale jedoch trotzdem.
  9. 1. FC Kaiserslautern – Überraschungsaufsteiger ohne zu glänzen. Kaiserslautern kämpft sich im letzten Saisondrittel aus dem Abstiegskampf ins gesicherte Mittelfeld. Nicht mehr, nicht weniger.
  10. 1899 Hoffenheim – Hoffenheim beendet die Ära Rangnick im Niemandsland der Tabelle. Nach einer erneut durchwachsenen und spielerisch selten überzeugenden Saison kommt Dietmar Hopp zu dem Entschluss, dass ein Trainer von Weltformat her muss. Rangnick wird daraufhin Nachfolger von Matthias Sammer, der nach wüsten Beschimpfungen gegen Löw und Bierhoff seinen Posten als Sportdirektor beim DFB räumen muss.
  11. 1. FC Köln – Viva Colonia, der sympathische Karnevalsverein aus dem Rheinland hat den Poldi-Blues. Der Nationalspieler kann erneut nicht an seine Form in der Nationalmannschaft anknüpfen. Dennoch zeigen sich die Kölner spielerisch verbessert und holen sich am Ende einen gesicherten Mittelfeldplatz. Für Kölner Verhältnisse ein akzeptables Ergebnis, fürs Selbstbild mindestens zehn Plätze zu schlecht.
  12. FSV Mainz 05 – Der zweite Karnevalsverein erlebt im Winter seine größte Krise seit dem Wiederaufstieg. Trainer Tuchel erweist sich jedoch auch in dieser Zeit als Klopp-Nachfolger und führt die Mainzer noch rechtzeitig aus dem Keller.
  13. FC St. Pauli – Kampf, Leidenschaft und noch mal Kampf. St. Pauli rückt von den eigenen Idealen nicht ab, vernachlässigt aber das spielerische Element, das in der letzten Saison noch für den Aufstieg sorgte. Diese Umstellung macht die Spieler der Hamburger nicht attraktiv, aber sichert letztlich den Klassenerhalt in Liga 1.
  14. Borussia Mönchengladbach – Der guten Frühform (8 Punkte nach 5 Spielen) folgt eine katastrophale Hinrunde, die auf Platz 18 abgeschlossen wird. Zwar gelingt am Ende durch einen Kraftakt noch der Klassenerhalt, doch die schwache Saison des auf dem Papier eigentlich starken Kaders gibt den Verantwortlichen zu denken.
  15. Eintracht Frankfurt – Die Eintracht befindet sich am 30. Spieltag plötzlich im Abstiegskampf. Warum weiß keiner. Heimlich still und leise waren die Hessen, die zwischenzeitlich sogar am oberen Tabellendrittel anklopften, bis auf Platz 15 abgerutscht. Diesen Platz kann man zum Glück verteidigen…
  16. 1. FC Nürnberg – …weil Nürnberg gerne wieder in die Relegation möchte. Die Nürnberger spielen eine konstante Saison, liegen an 27 von 34 Spieltagen auf Platz 16. Der Klassenerhalt wird diesmal erst in der Verlängerung gegen Union Berlin perfekt gemacht, was den Jubel beim Relegationsmeister jedoch nicht trübt – ganz im Gegenteil.
  17. Hannover 96 – Frust in Hannover. Kaum ist die eine schlimme Saison vorbei, fängt die nächste schlimme Saison an. Zwar bleiben dem Verein persönliche Tragödien dieses Mal erspart, aber dafür sieht es sportlich noch schlechter aus. Am Ende steht der Abstieg, gegen den selbst die Verantwortlichen keine guten Argumente mehr finden.
  18. SC Freiburg – Die Wundertüte aus dem Breisgau. Leider reicht es diese Saison hinten und vorne nicht. Spielerisch ganz nett, aber nicht gut genug, um in der Bundesliga richtig mithalten zu können. Wir freuen uns aber schon auf den nächsten Besuch in der Bundesliga, denn der kommt bestimmt.

Aufsteiger

  1. Hertha BSC – Wie konnte das eigentlich passieren mit dem Abstieg letztes Jahr? In Berlin weiß es nach einer überzeugenden Saison in der 2. Liga keiner mehr. Schon bald ist die Hertha wieder im internationalen Geschäft dabei, oder etwa nicht?
  2. Arminia Bielefeld – Das Team aus der Stadt, die es auch bei Google Streetview nicht gibt, steigt zum elfzehnten Mal auf. Freuen wir uns also auf mindestens neun weitere Monate Erstligafußball der Arminia.
  3. Union Berlin – Wie eben schon erwähnt hat Union Berlin in diesem Jahr die Arschkarte gezogen und scheidet gegen Nürnberg in der Relegation aus. Während die Nürnberger sich mehrere Monate auf die anstehenden Spiele vorbereiten konnte, musste Union bis kurz vor Schluss um den dritten Platz kämpfen. Das Leben ist ungerecht.

Torschützenkönig

  1. Ruud Van Nistelrooy - Van the Man wird zu Van ze German. 20 Tore reichen dem Stürmer zum Gewinn der Torjägerkanone. Von Altersmüdigkeit keine Spur.
  2. Patrick Helmes – Jedes Jahr die gleiche Leier, der beste deutsche Torschütze wird von Löw nicht ausreichend berücksichtigt. Mit seinen 18 Saisontoren schießt Helmes immerhin seine Mannschaft zum Titel.
  3. Claudio Pizarro und Edin Dzeko – Zu beiden gibt es nicht mehr viel zu sagen. Pizza liefert in Bremen beständig seine Tore und Dzeko untermauert in einer schwachen Wolfsburger Mannschaft seine Wechselambitionen zu einem europäischen Spitzenverein.

Sommerpause (Teil 2): Die Systemfrage reloaded

Vor einem Jahr drehte sich alles um die Frage, welches System Werder nach dem Abgang von Diego wohl spielen würde. Die Abkehr von der Raute im Mittelfeld wurde in der vergangenen Saison tatsächlich vollzogen. Werder probierte unterschiedliche Formationen aus und spielte einen Großteil der Saison mit nur eine echten Sturmspitze. Zum Ende der Saison setzte Schaaf wieder vermehrt auf das 4-4-2, sowohl mit Raute (gegen Schalke) als auch ohne (gegen Bayern). Mit Marko Marin, Mesut Özil, Aaron Hunt und der Neuverpflichtung Marko Arnautovic besitzt Werder so viel Offensivpotenzial wie kaum eine andere Mannschaft in der Liga – falls Özil denn tatsächlich bleiben sollte. Die schwierige Aufgabe für Thomas Schaaf besteht nun darin, für sein Team die ideale Formation und die ideale Spielweise zu finden.

Auf dem Papier sieht die Ausgangssituation sehr gut aus. Die Mannschaft ist in verschiedenen Systemen erprobt, ist eingespielt und hat für viele unterschiedliche taktische Varianten das richtige Personal im Kader. Werders Spielweise ist hingegen ziemlich gleichbleibend. Bis auf wenige Ausnahmen gilt hier noch immer Schaafs Doktrin aus der Meistersaison: Wir wollen etwas anbieten, die aktive Mannschaft sein, das Spiel in die eigene Hand nehmen. Dazu gehören Pressing, eine hoch stehende Abwehrkette, der direkte Spielaufbau über die defensiven Mittelfeldspieler und das Überzahlspiel im Mittelfeld. Ebenfalls ein fester Bestandteil in Werders Spiel ist eine zentrale Figur in der Offensive. Von deren Fähigkeiten hängt im Wesentlichen das Offensivspiel ab. Johan Micoud war ein Stratege und Lenker, Diego hatte seine Stärken vor allem am Ball während Özils großes Plus sein Spiel ohne den Ball ist. Die WM hat gezeigt, dass es nur wenige Spieler gibt, die sich so gut zwischen Abwehr- und Mittelfeldreihen der Gegner bewegen. Sollte Özil bleiben, wird man sicher alles versuchen, diese Stärke so gut wie möglich einzusetzen.

In der letzten Saison spielte Werder zudem nach langer Zeit wieder mit offensiven Außenspielern. Mit Marin und Hunt hat man jedoch zwei Spieler, die sich nicht unbedingt durch geschicktes Defensivverhalten auszeichnen. Neuzugang Arnautovic kann in der Offensive jede Position spielen, steht aber ebenfalls nicht in dem Ruf, viel für die Defensive zu tun. Hier ist die erste Hürde erkennbar, die nicht neu ist für Werder: Fehlendes Gleichgewicht zwischen Offensive und Defensive. Spätestens seit Spaniens WM-Erfolg dürfte offensichtlich geworden sein, wie man als offensiv gepolte Mannschaft “defensiv” spielt: Durch Pressing und Ballkontrolle. Das Pokalfinale gegen die Bayern hat gezeigt, dass Werder mit dem vorhandenen Personal eine passive Grundhaltung nicht liegt. Die bisherigen Neuverpflichtungen deuten auch nicht darauf hin, dass hier ein Umdenken stattgefunden hat. Dies ist in erster Linie ein Frage der Spielweise und nicht des Systems. Ob Werder im 4-2-3-1 oder im 4-4-2 spielen wird, dürfte eher an den Leistungen der zentralen Mittelfeldspieler liegen.

Frings bildete zusammen mit Bargfrede eine gute Absicherung der Offensivabteilung, doch keiner von beiden ist ein Stratege. Frings schlägt teils gute Pässe in die Spitze, kann das Spiel antreiben, aber nicht lenken. Tim Borowski und Daniel Jensen sind zwei Spieler, die das grundsätzlich können. Leider konnten beide in der letzten Saison aus unterschiedlichen Gründen nicht die von ihnen erwarteten Leistungen abrufen. So bildete sich bei Werder schnell ein Gefälle zwischen den Tänzern vorne und den Haudegen dahinter. Der Spieler, der in der vergangenen Saison am meisten dafür tat dieses Gefälle zu schließen, war ausgerechnet Claudio Pizarro. Dies dürfte auch ein Grund sein, warum Werder so hartnäckig an einer Verpflichtung des Brasilianers Wesley arbeitet. Die große Problemstelle ist nämlich nicht die linke Abwehrseite, sondern das defensive/zentrale Mittelfeld. Und dort ist nicht die Qualität der vorhandenen Spieler das Problem, sondern die fehlende “ordnende Hand”. Ein Grund für Werders Erfolg mit der Raute liegt wohl auch darin, dass sie Platz für zwei “ausgewogene” Spieler auf den Halbpositionen bietet, die als Bindeglied zwischen Offensive und Defensive fungieren. Schon in Diegos letzter Saison kam diese Ausgewogenheit im Team abhanden, zugunsten größerer Spezialisierung: Özil und Frings, die beiden gesetzten Spieler auf den Halbpositionen, könnten unterschiedlicher kaum sein.

In der letzten Saison verstärkte sich dieser Gegensatz durch die Systemumstellung noch. Diese Form der Spezialisierung ist im internationalen Fußball seit Jahren zu beobachten. Die klassischen Box-to-box Spieler werden immer seltener. Für Werder könnte es wichtig sein, in der kommenden Saison wieder einen davon im zentralen Mittelfeld zu etablieren, egal ob es nun Borowski, Jensen oder tatsächlich Wesley ist. Die Leistungen der letzten Saison sprechen jedoch eher für Frings und Bargfrede als Doppelsechs. Ein “Typ Schweinsteiger” ist nicht so einfach zu bekommen.

Viel entscheidender als die Frage nach der Grundformation ist die Frage nach der Abstimmung zwischen den Mannschaftsteilen. Hier gibt es insbesondere zur letzten Rückrunde noch einigen Steigerungsbedarf. Was die Spielsysteme angeht scheint mir Werder gereift, der Kader besser auf verschiedene Variationen ausgelegt als noch vor ein paar Jahren. Das bedeutet jedoch auch, dass es ein paar Leidtragende geben könnte, wenn sich Schaaf auf ein System festlegt. Beim Spiel mit der Raute wäre das Marko Marin, beim 4-2-3-1 wären es Tim Borowski und Daniel Jensen. Für Werder könnte es schlimmere Probleme geben.

Bereits erschienen:

Sommerpause (Teil 1): Der ganz normale Wahnsinn

Es folgt:

Sommerpause (Teil 3a): Personalplanung 2011 – Tor und Abwehr
Sommerpause (Teil 3b): Personalplanung 2011 – Mittelfeld und Angriff

Meine Saisonvorschau 09/10 (Teil 1)

Heute Abend beginnt in Wolfsburg die neue Bundesligasaison. Höchste Zeit für eine ausführliche Saisonvorschau. Auch dieses Jahr kommt sie wieder in mehreren Teilen. Heute steht dabei allein Werder im Vordergrund. Was kann man von der Mannschaft in der kommenden Spielzeit erwarten?

Tor

Auf dieser Position gibt es keine nennenswerten Veränderungen. Tim Wiese ist unumstrittene Nummer 1 mit Ambitionen auf einen Platz im WM-Kader. Bei ihm war letzte Saison ein deutlicher Aufwärtstrend erkennbar. Vor allem seine Coolness in Stresssituationen hebt ihn von der deutschen Konkurrenz ab. Verbessern sollte er noch seine Strafraumbeherrschung, dann könnte er sogar als 1. Torwart nach Südafrika fahren. Bei Werder machen ihm weder Christian Vander, noch Sebastian Mielitz den Stammplatz streitig.

Fazit: Im Tor ist Werder deutlich überdurchschnittlich besetzt.

Abwehr

Trotz 50 Gegentoren in der vergangenen Saison gab es in der Abwehr keine personellen Konsequenzen. In der Innenverteidigung spielen mit Per Mertesacker und Naldo zwei Kopfball- und Zweikampfstarke Spieler, die in Normalform zu den besten Innenverteidigerpärchen der Liga zählen. Gerade bei Naldo gab es in den letzten beiden Jahren jedoch immer wieder Phasen, in denen er diese Form nicht erreicht hat. Gegen Ende der letzten Rückrunde zeigte er aber wieder seine alten Stärken und führte Werder mit einer überragenden Leistung zum Pokalsieg. Sebastian Prödl hat sich dahinter dem Niveau der beiden langsam angenähert. Sollten Naldo und Mertesacker fit bleiben, dürfte er über den Status als Ergänzungsspieler aber nicht hinaus kommen.

Auf der rechten Außenbahn hinterließ Clemens Fritz in der Vorbereitung einen starken Eindruck. Nach der schwachen letzten Saison will er wieder an seine Glanzzeiten anknüpfen und sich erneut in den Kreis der Nationalmannschaft spielen. Der Stammplatz wird ihm vom neuen Konkurrenten Martin Harnik nicht zu nehmen sein, da dieser gerade vom Stürmer zum Außenverteidiger umgeschult wird und noch Schwächen im taktischen Bereich hat. Spannender ist es auf der linken Seite, dem traditionellen Sorgenkind der Bremer Viererkette. Sebastian Boenisch hat nach der U21-EM noch leichten Aufholbedarf, weshalb Petri Pasanen im Moment die Nase vorn hat. Vom Finnen sind keine großen Leistungssteigerungen zu erwarten, doch er füllt die Position defensiv gut aus und zeigte im Pokalspiel gegen Union Berlin, dass er auch in der Offensive Akzente setzen kann. Ich denke trotzdem, dass sich Boenisch im Laufe der Saison durchsetzen und weiterhin steigern wird. Dusko Tosic wird den Verein verlassen, da bin ich mir sicher.

Fazit: Auf beiden Außenbahnen glaube ich an eine Leistungssteigerung. Insgesamt ist die Abwehr leicht überdurchschnittlich besetzt.

Mittelfeld

Im defensiven Mittelfeld war Frank Baumann in den letzten 6 Jahren meist gesetzt. Flankiert wurde er dabei auf der rechten Seite von Torsten Frings, der nun eine zentralere Rolle einnehmen wird. Frings spielte eine insgesamt enttäuschende letzte Saison und muss sich im Jahr vor der WM dringen neu beweisen, wenn er sein Ticket nach Südafrika nicht gefährden will. Für seine physisch anspruchsvolle Spielweise benötigt er absolute körperliche Fitness. Diese ist ihm in der vergangenen Saison – wohl auch bedingt durch die langen Verletzungspausen im Jahr davor – etwas abhanden gekommen, doch scheint nun wieder da zu sein. Ich zähle Frings trotz zahlreicher anderer Stimmen noch nicht zum alten Eisen. Neben Frings steht mit Rückkehrer Tim Borowski eine große Überraschung. Nicht der Transfer selbst war unerwartet, sondern die Konsequenz mit der Borowski auf der – zumindest im Werdertrikot – ungewohnten Position im defensiven Mittelfeld bislang agiert. Viele haben ihm dies nicht zugetraut. Dabei hat Borowski eines seiner besten Spiel für Werder auf der Sechserposition gemacht (beim 1:0-Sieg gegen Chelsea 2006). Die Achse Frings – Borowski dürfte der Schlüssel zu einer erfolgreichen Saison für den SVW werden.

Leidtragender ist zunächst Peter Niemeyer, der endlich verletzungsfrei ist und sich in der Rückrunde mit respektablen Leistungen in die Stammmannschaft spielte. Nachwuchsspieler José-Alex Ikeng hat sich in der Vorbereitung leider das Kreuzband gerissen. Es bleibt abzuwarten, ob er in dieser Saison noch eine Rolle spielen kann, da es bereits die dritte Verletzung dieser Art für ihn ist. Ein großes Fragezeichen steht noch hinter Jurica Vranjes. Der Kroate gilt als Streichkandidat, könnte durch Ikengs Verletzung aber eine neue Chance erhalten.

Im offensiven Mittelfeld klafft nach Diegos Wechsel zu Juventus ein Loch. Da adäquater Ersatz für diesen Ausnahmespieler fehlt, versucht Werder erst gar nicht dieses zu stopfen. Stattdessen wird das System dem vorhandenen Spielermaterial angepasst. Mesut Özil und Marko Marin werden als Stammpersonal auf den beiden offensiven Positionen im Mittelfeld gehandelt. Zusammen sollen sie dort den Verlust von Diego kompensieren. Beide haben in der vergangenen Saison ihr großes Talent mehr als nur angedeutet. Dennoch gibt es Zweifel: Das stärkste Argument gegen die beiden ist ihr junges Alter. Weder Marin noch Özil konnten sich bislang konstant auf höchstem Niveau beweisen. Für Özil sprechen die Erfahrungen der vergangenen Saison, mit einem verlorenen und zwei gewonnenen Finals als Höhepunkt. Von ihm erwarte ich diese Saison einen weiteren Sprung, vor allem in Sachen Konstanz. Marin musste zuletzt in Gladbach und bei der U21-EM Rückschläge einstecken. Er erhält bei Werder die Chance, sich in einem guten Umfeld weiterzuentwickeln. Hier ist Papa Schaaf sicher gefordert.

Aaron Hunt kann langsam als Beispiel für einen Hochtalentierten dienen, der es nicht geschafft hat. Es hat sicher auch mit der Verletzungsanfälligkeit zu tun, aber von ihm muss deutlich mehr kommen, wenn er eine Zukunft bei Werder haben will. Daniel Jensen hat eine gebrauchte Saison erwischt. Seit über einem Jahr kämpft er nun gegen diverse Verletzungen an, ohne je wieder an die tollen Leistungen der Saison 2007/2008 anzuknüpfen, als er Torsten Frings hervorragend vertrat. Ein Spieler seiner Prägung täte der Mannschaft auch jetzt wieder gut: Technisch stark, flexibel einsetzbar und mit gutem Auge für den freien Mann. Leider habe ich aufgrund der verpassten Vorbereitung wenig Hoffnung auf ein baldiges Comeback auf Spitzenniveau. Die Überraschung der Vorbereitung heißt Philipp Bargfrede. Der 20jährige spielte sich durch engagierte und selbstbewusste Auftritte in den Mittelpunkt und kann in dieser Saison allemal als Ergänzungsspieler eine Rolle spielen.

Fazit: Werders Mittelfeld bleibt auch ohne Diego konkurrenzfähig und ist schwerer ausrechenbar. Hier gehört Werder zu den Besten der Bundesliga.

Angriff

Hier steht bislang das größte Fragezeichen. Kommt Claudio Pizarro oder kommt er nicht? Wenn er nicht kommt, kommt dann jemand anderes von ähnlichem Format? Eine Planstelle besteht im Werdersturm auf jeden Fall. Im Schatten der Transferspekulationen haben sich die vorhandenen Angreifer erstaunlich gut entwickelt. Sehr erfreut bin ich über die Auftritte von Boubacar Sanogo. Nach seiner Rückkehr aus Hoffenheim galt er als Streichkandidat – momentan dürfte er einen Stammplatz sicher haben. Ähnlich wie vor zwei Jahren kämpft Sanogo um jeden Ball, legt für Mitspieler auf und trifft auch das Tor wieder. Seine teils hölzernen Bewegungen scheinen dabei den Regeln der Physik zu trotzen. Bevor es der Rest der Liga merkt, könnte Sanogo schon wieder 10 Treffer auf dem Konto haben. Es scheint aber höchst fraglich, ob er dieses Niveau diesmal langfristig halten kann. Ebenfalls erfreulich ist die Situation bei Hugo Almeida. Schon gegen Ende der letzten Saison zeigte er gute Leistungen und scheint nun endlich den nötigen Willen aufzubringen, sein Talent vollständig auszuschöpfen. Ihm traue ich eine gute Saison zu, sehe auf Dauer ein Angriffsduo mit ihm und Sanogo jedoch kritisch.

Marcelo Moreno kam im Sommer neu aus Donezk. Der Bolivianer sollte schon vergangene Saison verpflichtet werden und verspricht eine Verstärkung zu werden. Technisch ist er beschlagen und das, was gemeinhin gerne als “Torriecher” bezeichnet wird, scheint er auch mitzubringen. Sollte er auch physisch auf Bundesliganiveau mithalten können, sehe ich ihn langfristig als festen Sturmpartner für Pizarro/Mr. X. Markus Rosenberg landete durch seine Formkrise in der Rückrunde auf dem Abstellgleis. Eine langwierige Verletzung hat ihn bislang daran gehindert, diesen Eindruck widerlegen zu können. Sollte noch ein Stürmer kommen kann Rosenberg noch ein Fall für die Transferliste werden.

Fazit: Der Werdersturm ist bislang personell nicht befriedigend besetzt. Die anhaltenden Verhandlungen um Pizarro und die Formstärke der drei aktuellen Kandidaten stimmen dennoch positiv.

Taktik

Es wird momenten viel über den Umbruch in der taktischen Ausrichtung geredet. Statt des 4-4-2 Systems mit Raute wird derzeit ein 4-4-2 mit zwei defensiven Mittelfeldspielern (Doppelsechs) und offensiven Außen gespielt. Interessant ist, was Thomas Schaaf zu dem Thema zu sagen hat:

“Es ist enorm wichtig, flexibel zu sein und auf verschiedene taktische Ausrichtungen zurückgreifen zu können. Wir versuchen alles auszuschöpfen, was der Fußball hergibt. Dabei ist die Taktik ein sehr vielseitiger Bereich. Aber es gibt nicht, wie häufig dargestellt, nur ein paar große Taktiksysteme. Viel entscheidender sind die vielen Nuancen, kleine Verschiebungen, die man vornimmt und die im Idealfall Großes bewirken.”

Aus dem Werder-Magazin Spezial. Interview: Martin Lange

Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Werders Formationsänderung ist deshalb auch keine Revolution. Sie ist den personellen Gegebenheiten geschuldet, da Spielmachertypen von der Qualität eines Diego oder eines Johan Micoud für wenig Geld nicht mehr zu bekommen sind. Der Wechsel von der eigentlichen Raute hin zu zwei defensiven Mittelfeldspielern ist ein schleichender Prozess, der in der vergangenen Saison längst begonnen hatte. Mesut Özil ist sicherlich der offensivste Spieler, der je auf den Halbpositionen der Werder-Raute gespielt hat. Als Konsequenz hatte sein Gegenpart auf der rechten Seite, in der Regel Torsten Frings, vermehrt Aufgaben in der Defensive zu bewältigen. Die flexible Grundformation machte diese Verschiebung problemlos möglich. Es ist anzunehmen, dass unter Schaaf auch das System mit der Doppelsechs ähnlich flexibel ausgelegt wird. Die Testspiele lassen zumindest darauf schließen.

In der Defensive ändert sich auf den ersten Blick nicht viel. Naldo wird vermutlich auch weiterhin seine Ausflüge nach vorne unternehmen, während Mertesacker im Notfall auch mal den Ausputzer gibt. Die Außenverteidiger könnten durch das neue System etwas entlastet werden, wenn das Mittelfeld weniger durch die Mitte agiert. Eine Schwäche, die Werder in jedem Fall in den Griff bekommen muss, ist die Unkonzentriertheit bei gegnerischen Standards. Eine Mannschaft mit so vielen kopfballstarken Spielern, darf einfach nicht so viele Gegentore nach Ecken und Freistoßflanken bekommen. Bei eigenen Standards könnte es schwierig werden, die Ausbeute der letzten Saison zu erreichen, denn Diegos Freistöße waren grandios. Mit Özil, Marin, Almeida, Naldo, Borowski und Frings hat man aber eine ganze Reihe an Spielern, die gut mit ruhenden Bällen  aus verschiedenen Positionen umgehen können.

Fazit: Der Wechsel zum neuen System wird weitgehend reibungslos verlaufen. Werder bleibt offensiv gefährlich und defensiv verletzlich, auch wenn ich deutlich weniger Gegentore erwarte, als in der letzten Saison.

Morgen werfe ich dann einen Blick auf die restliche Liga und wage eine Prognose für die Abschlusstabelle.