Schlagwort-Archiv: Samuel Firmino de Jesus

Talking Points

1. Kung-Fu Wiese

Es ist leider nicht das erste mal, dass Tim Wiese in dieser Hinsicht negativ auffällt, wenn das üble Foul an Olic auch schon knapp drei Jahre her ist. Für mich ist eine solche Aktion ein Zeichen, dass er nervlich eben doch nicht so über den Dingen steht, wie ich früher mal dachte. Ich kann auch nicht verstehen, dass manche Werderfans Verständnis für Wiese haben, weil er als einziger Rückhalt der Mannschaft von seinen Mitspielern immer wieder allein gelassen werde. Es sollte nun doch jeder bemerkt haben, dass auch Wiese nicht seine beste Saison spielt. Es gibt inzwischen in jedem Spiel mindestens eine Szene, bei der ich mir einen besser mitspielenden Torhüter wünschen würde, und da sind Wieses zahlreichen langen Bälle ins Nichts noch nicht mal mit berücksichtigt.

Nun darf Mielitz wieder für drei Spiele ran, der in der Hinrunde überragend gehalten hat. Wenn er nun ähnlich gute Leistungen abliefert, gibt es eigentlich keinen Grund, ihn nach Wieses Sperre wieder raus zu nehmen. Abgesehen davon, dass ich ihn für den besseren Torhüter halte, hat sich Wiese mit seiner Aktion auch das Argument verbaut, dass er dem nervlichen Druck besser gewachsen sei. Hugo Almeida wurde nach seiner roten Karte gegen St. Pauli öffentlich abgewatscht und in der Winterpause verkauft – Wiese wurde von Schaaf nach dem Spiel in Schutz genommen. Nach außen hin mag das (gerade kurz nach dem Spiel) noch vertretbar sein, aber intern muss es klare Worte geben. Ich glaube allerdings nicht, dass Schaaf Wiese wirklich auf die Bank setzt. Hier würde ich mir etwas mehr Vangaalismus wünschen.

2. Abschied von Dominik Schmidt?

Dominik Schmidt gehörte zu den wenigen positiven Figuren der Hinrunde. Mit seiner Entwicklung dürfte kaum noch jemand gerechnet haben. Als die Verletzungsprobleme am größten waren bekam er seine Chance und hat sie auf Anhieb genutzt. Eigentlich sollte die Verlängerung des zum Saisonende auslaufenden Vertrags längst unter Dach und Fach sein. Nun liegen die Verhandlungen darüber erstmal auf Eis und es sieht so aus, als würde Schmidt Werder zum Saisonende ablösefrei verlassen. Die finanziellen Vorstellungen liegen nach Aussagen beider Parteien “meilenweit” auseinander. Ob Werder nun besonders knauserig oder Schmidt besonders gierig ist, kann man ohne die Zahlen zu kennen nicht beurteilen (kolportiert werden bei 120.000 € derzeitigem Gehalt eine Forderung von 840.000 € und ein Angebot von 420.000 € jährlich).

Man fragt sich allerdings, wo Werders Schmerzgrenze liegt bei einem Spieler, der lange Zeit in der 3. Liga zu versauern drohte und sicher nicht zu den Topverdienern gehört. Schmidt ist nicht mehr der jüngste und möchte nun auch finanziell einiges aufholen. Allofs Signal ist klar: Die Zeiten, in denen auch Spieler aus der zweiten Reihe mit lukrativen Verträgen langfristig gebunden wurden, sind nach den schlechten Erfahrungen der letzten Jahre vorbei. Dass dabei ein selbst ausgebildetes Talent ablösefrei den Verein verlässt, nachdem es den Durchbruch in die erste Reihe geschafft hat, hinterlässt jedoch mehr als nur einen schlechten Nachgeschmack. Schmidt ist ein Spieler, der für einen Neuanfang in der kommenden Saison ideal geeignet wäre. Hat hier ein Spieler seinen Marktwert überschätzt oder spart Werder am falschen Ende?

3. Jesus

Nach Denni Avdic und Predrag Stevanovic hat Werder mit Samuel Firmino de Jesus seinen dritten Neuzugang der Winterpause verpflichtet. Der Brasilianer, der vom FC Sao Paolo ablösefrei verpflichtet wurde, ist als zusätzliche Option für die Innen- und Außenverteidigung vorgesehen. Über den Leistungsstand des 24-Jährigen lässt sich derzeit noch nicht viel sagen, doch es dürfte sich eher um eine Option für die Zukunft denn eine sofortige Verstärkung handeln. Damit bestätigt seine Verpflichtung den Kurs, den Werder in der Winterpause eingeschlagen hat: Perspektivisch den Kader verändern, statt ihn für die Rückrunde zu verstärken.

Wer auf qualitativ hochwertigen Ersatz für Hugo Almeida, den langfristig verletzten Naldo oder gar Mesut Özil gehofft hat, dürfte darüber enttäuscht sein. Finanziell scheint Werder nicht auf Rosen gebettet, wobei sich die Frage stellt, ob tatsächlich kaum Geld zur Verfügung steht oder man ein Polster für die magere Zeit ohne internationales Geschäft behalten möchte. Letzteres wäre bei der akuten Abstiegsgefahr nicht unbedingt verständlich, doch angesichts Werders konservativen Finanzpolitik durchaus vorstellbar. Andererseits muss man sich gerade wegen dieser konservativen Finanzpolitik die Frage stellen, warum in einer solchen Krise kein Geld für Verstärkungen vorhanden ist. Ist Werder wirklich einer der finanziell “gesündesten” Vereine Europas? Und falls ja, was nützt einem das, wenn man dafür sehenden Auges in Richtung zweiter Liga marschiert?

4. Problemzone Mittelfeld

Jahrelang war das Mittelfeld Werders Prunkstück. Heute sieht das anders aus. Der Abgang von Mesut Özil konnte bislang nicht kompensiert werden, weshalb die Rufe nach der Verpflichtung eines echten Zehners nicht verstimmen. Ich sehe Werders größeres Problem jedoch schon seit einiger Zeit eine Reihe dahinter. Seit Baumanns Rücktritt hat Werder ein Problem im defensiven Mittelfeld, das durch Bargfredes überragende erste Saison und Frings Formanstieg in der letzten Rückrunde ein Jahr lang kompensiert werden konnte. In dieser Saison überzeugt mich Frings überhaupt nicht und Bargfrede hatte in der Hinrunde ein kleines Formtief zu überwinden.

Dahinter fehlen leider die Backups, die den Stammspielern Druck machen oder sie ersetzen könnten. Wesley kommt wohl am ehesten in Frage, doch der ist seit langer Zeit verletzt. Borowski und Jensen könnten dort aushelfen, spielten aus gesundheitlichen Gründen aber ebenfalls kaum eine Rolle. Niemeyer hat man vor der Saison nach Berlin verliehen, Nachwuchshoffnung Ikeng hat Probleme mit dem Kreuzband und der Disziplin.

Es krankt bei Werder in der Spieleröffnung. Die Bälle werden häufig nach außen oder lang in die Spitze gespielt, weil es im Mittelfeld kaum Anspielmöglichkeiten gibt. Frings ist immer für einen Zuckerpass gut, aber produziert zu viele Fehler und hat im Vergleich zu den Sechsern der Konkurrenz inzwischen deutliche Defizite. Es fehlt ein Passgeber im Mittelfeld, der im modernen Fußball meistens auf der (Doppel-)Sechs anzutreffen ist. Auf einen klassischen Zehner kann man verzichten (siehe Dortmund, Bayern oder Leverkusen), auf Sechser wie Sahin, Schweinsteiger oder Rolfes hingegen kaum. Vielleicht entwickelt sich Wesley in den nächsten Monaten dorthin. Auf dieser Position hat Werder im Sommer aber definitiv eine Baustelle.

5. Rangnick

Angeblich hat sich Klaus Allofs in einem Bremer Restaurant mit Ralf Rangnick getroffen, was zu vielen Spekulationen geführt hat (mehr Details dazu gibt es im Worum-Blog). Allofs bestreitet das und bezeichnet die Spekulationen als “Frechheit”. Einerseits wäre es schon ziemlich unvorsichtig, sich in einem bekannten Restaurant mitten in der Bremer Innenstadt mit einem potenziellen Schaaf-Nachfolger zu treffen. Andererseits kommt das Gerücht wohl von mehreren unterschiedlichen Quellen, was nahelegt, dass da zumindest ein Fünkchen Wahrheit dran sein könnte.

Ich finde es absolut nicht verwerflich, wenn sich unser Geschäftsführer auf die Zeit nach Thomas Schaaf vorbereitet. Es ist ja nicht völlig abwegig, dass Schaaf nicht über den Sommer heraus Werdertrainer bleibt. Den Markt sondieren und erste Gespräche mit potenziellen Kandidaten zu führen, gehört ganz einfach zu Allofs Aufgaben. Allerdings sollte dies auf diskrete Weise passieren und nicht bei einem Treffen im Madame Ho. Es würde jedoch zu Werders derzeitiger Außendarstellung passen.

6. Wohin geht der Trend?

Nüchtern betrachtet hat Werder in diesem Jahr eine solide (Hoffenheim), eine katastrophale (Köln) und eine über weite Strecken gute, am Ende aber schwache Partie (Bayern) abgeliefert. Während man zumindest in der Unbeständigkeit beständig ist, muss man sich langsam fragen, warum Werder seine Leistungen so schlecht dosiert. Lieber gegen die Bayern ohne Gegenwehr deutlich verlieren und dafür gegen Köln bis zum Umfallen kämpfen als andersherum. Zumindest punktetechnisch gesehen würde man damit besser fahren. Normalerweise müsste die Leistung der ersten 60 Minuten am Samstag Hoffnung für die kommenden Partien machen. Da Werder in dieser Saison jedoch kaum mal einen positiven Trend bestätigen konnte, glaubt kaum noch jemand an eine Fortsetzung gegen Mainz.

Das Programm der nächsten Wochen hat es in sich und weitere Aussetzer wie gegen Köln könnten dazu führen, dass Werder immer tiefer im Abstiegsstrudel versinkt. Auch Thomas Schaaf dürfte irgendwann der Geduldsfaden mit seinem Team reißen. Weder personell noch psychologisch bleiben ihm noch große Handlungsmöglichkeiten. Die siebenundzwanzigste Krisensitzung nimmt niemand mehr ernst und die weiterhin gut gefüllte Verletztenliste verhindert größere Umstellungen in der Mannschaft. Fraglich, ob Schaaf bei anhaltendem Misserfolg doch einen großen Umbruch (etwa durch Entmachtung von Frings und/oder Wiese) wagt oder sogar selbst zurücktritt.