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Werder nach der Winterpause – Versuch einer Einordnung

Heute Abend startet Werder in die Rückrunde. Die letzten Ergebnisse waren besorgniserregend, doch weniger im Hinblick auf diese Saison als auf die nächste. Sowohl beim Blitzturnier in Düsseldorf als auch bei der 0:3 Niederlage in Rostock fehlte Werder rund die Hälfte des Teams, das gegen Kaiserslautern – und mutmaßlich auch in den weiteren Pflichtspielen – auf dem Platz stehen wird. Die Leblosigkeit, mit der man dort agierte, treibt jedoch nicht nur den Anhängern die Sorgenfalten auf die Stirn.

Zweiter Anzug vom selben Schneider sitzt nicht

Seit Jahren frage ich mich, warum der Sprung von der zweiten in die erste Mannschaft bei Werder so schwierig ist. Gerade in dieser Saison hat Werders U23 einen Kader, der vor Talenten nur so strotzt. Thomas Wolters Team spielt das gleiche System wie die Profis und man kann bei ihnen gut erkennen, wie anspruchsvoll es ist. Der Fußball ist häufig schön anzusehen, doch selten erfolgreich. Der Abstiegskampf der 3. Liga scheint mir nicht das richtige Umfeld zu sein, um es zu perfektionieren. Der Nichtabstieg am grünen Tisch im Sommer erweist sich eher als Fluch denn als Segen. In der Regionalliga hätten die Gegner ein niedrigeres Niveau, aber es ließe sich eben auch das System mit diesen jungen Spielern erfolgreicher umsetzen. Gerade die Stürmer, deren Selbstbewusstsein gemeinhin mit den erzielten Toren wächst, würden davon profitieren. Niklas Füllkrug ist beispielsweise ein begnadeter Fußballer, der in der U23 durch gute Leistungen aufgefallen ist. Er kommt aber auch mit der Empfehlung von nur vier erzielten Toren in Liga 3 in den Profikader.

Die Integration der Nachwuchsspieler ist jedoch das kleinere Problem derzeit. Erschreckend ist vielmehr, wie schnell die Mannschaft in alte Muster zurückfällt, wenn Leistungsträger ausfallen. Niemand erwartet von Boenisch oder Silvestre nach ihren langen Verletzungen Wunderdinge. Ganz im Gegenteil würde man von ihren Mannschaftskollegen erwarten, dass sie ihnen mehr Unterstützung zukommen lassen auf dem Feld. Die Spieler aus der zweiten Reihe sind dazu offensichtlich nicht in der Lage. Im Mittelfeld ragt der junge Trybull heraus, während Spieler wie Wesley oder Marin völlig deplatziert wirken. War es früher Werders Stärke, durch das eingespielte System die Ausfälle (und auch die Abgänge) wichtiger Spieler kompensieren zu können, hat man heute den Eindruck, dass ein Großteil der Reservisten selbst die Grundlagen des Systems noch nicht verinnerlicht hat. Zu groß sind die individuellen Probleme, die einige dieser Spieler mit sich herumschleppen.

Wagner und Wolf als Sündenböcke?

Bei den Nachwuchsspielern sieht man vielmehr, dass sie bemüht sind, die Vorgaben ihrer Position umzusetzen. Gut zu erkennen war dies im (sehr schwachen) Spiel gegen den BVB beim Wintercup. Trybull, Kroos und Trinks spielten einen soliden Part im Mittelfeld und versuchten, das Spiel durch direktes Passspiel schnell zu machen. Insgesamt wirkte dies jedoch alles andere als eingespielt und so geschah genau das Gegenteil: Das Spiel wurde statisch, weil man bei Ballgewinn schon Angst vor dem nächsten Ballverlust hatte. Niemand schien so genau zu wissen, wie man dem eigenen Spiel Impulse geben könnte.

Am Ende blieben nach dem insgesamt recht vielversprechenden Trainingslager drei lustlose, uninspirierte Partien, die allesamt verloren wurden. Konnte man sich beim Wintercup noch mit der relativen Stärke der Gegner und den kurzfristigen Verletzungsproblemen herausreden, war das Spiel in Rostock ein Offenbarungseid. Gegen einen zweitklassigen Gegner boten gerade die Spieler, die um ihre Einsatzchancen in der ersten Elf kämpfen müssten, eine miserable Leistung. Trainer und Manager waren nach dem Spiel mehr als nur angefressen und die nun doch sehr kurzfristigen Abgänge von Sandro Wagner und Andreas Wolf wirken vor diesem Hintergrund wie Frustverkäufe. Dabei machen beide Transfers durchaus Sinn. Wagner blieb in seinen Leistungen zu unbeständig, um ein verlässlicher Backup für den Angriff zu sein. Wolf spielte eine recht solide Hinrunde, steht nun aber hinter Naldo, Sokratis und Prödl nur an vierter Stelle der Hackordnung bei den Innenverteidigern. Mit Silvestre kommt zudem ein weiterer Abwehrspieler hinzu. Quantitativ und qualitativ kann Werder diese Abgänge auch ohne Ersatz gut wegstecken. Zudem werden die Gehaltskosten schon jetzt gesenkt, was mehr Spielraum für Neuzugänge und/oder Vertragsverlängerungen lässt.

Überdecken die Rückkehrer die Probleme?

Eine der wichtigsten Fragen vor der Rückrunde ist: Kann Thomas Schaaf sein System bei Werder wieder so perfektionieren, dass man damit auch gegen die großen Gegner mithalten kann? Die oben angesprochenen Probleme sind Indizien dafür, dass es ein sehr steiniger Weg wird. Man ist auch weiterhin stark von der individuellen Klasse einzelner Spieler abhängig. Doch es ist bei weitem nicht alles schlecht bei Werder. Wenn die Umstellungen fruchten, sollte zumindest die A-Elf konkurrenzfähig im Kampf um die internationalen Plätze sein. Der Wechsel von Fritz ins rechte Mittelfeld war ein prägendes taktisches Element der Hinrunde. Nun könnte sein Wechsel zurück in die Viererkette das prägende Element der Rückrunde werden. Mit Ignjovski und dem aufstrebenden Trybull hat man wieder genügend Alternativen im Mittelfeld, die auch defensiv den Anforderungen der Raute gerecht werden. Vor allem aber kann Sokratis durch die Umstellung endlich in der Innenverteidigung eingesetzt werden.

Auf der 10er-Position wurde in der Winterpause wie erwartet Mehmet Ekici integriert. Er hat zwar noch immer nicht ganz sein großes Manko abgelegt, die Bälle zu lange zu halten, doch insgesamt wirkt sein Zusammenspiel mit den Kollegen nun stimmiger. Wenn er seine Tendenz dazu, das Spiel aus der Tiefe lenken zu wollen, unterdrücken kann, dürfte er für Werder in der Rückrunde ein wertvoller Spieler sein. Die technischen Qualitäten dazu hat er allemal. Die Hoffnung in den weiterhin indisponierten Marko Marin scheint man dagegen so langsam aufgegeben zu haben.

Trotz der Ausfälle von Naldo und Hunt scheint Werder zum Auftakt der Rückrunde zumindest personell gut gerüstet. Große Hoffnungen, dass man die in der Hinrunde ersichtlichen Problemfelder erfolgreich behoben hat, sollte man sich jedoch nicht machen.

P.S. Morgen um 17 Uhr findet der erste “offizielle” Grünweiß-Stammtisch statt. Zusammen mit Kata, Joey und Anna werde ich dort über Werders Rückrundenauftakt diskutieren.

Unsere Problemfälle

Eigentlich könnte man derzeit fast den gesamten Kader als Problemfall bezeichnen. Ich habe mir einfach mal ganz willkürlich vier Spieler herausgegriffen und versucht, ihre derzeitige Situation zu beleuchten.

Sandro Wagner

Man kann schon ein wenig Mitleid mit ihm haben. Zwei Tore im Finale der U21-EM, ansprechende Leistungen in der zweiten Liga, dann ein Kreuzbandriss, der Wechsel zu Werder, langsames Herantasten an den Profikader und dann ein ums andere Mal seine Chance nicht genutzt. Zuletzt wurde er nicht einmal in den Spieltagskader berufen, sondern musste mit der U23 in der dritten Liga ran. Kurzum: Es ist eine Saison zum vergessen für Sandro Wagner. Dass Wagners Situation jedoch nicht nur mit einer Mischung aus Pech und schlechtem Timing zu erklären ist, machte Klaus Allofs nun gerade wieder klar. Seine Aussage: Wagner ist selbst Schuld, hat genügend Chancen bekommen.

Die Bilanz des Stürmers ist ernüchternd: Kein Tor, keine Vorlage, kein überzeugendes Spiel gelang ihm bei seinen gar nicht so wenigen Einsätzen. Es wurde mehr als deutlich, dass Wagner Werder momentan nicht helfen kann. Der Glaube daran, dass er es jemals können wird, ist bei den meisten Fans längst verschwunden und auch bei der sportlichen Führung scheint sich diese Haltung nun zu verfestigen. Wenn sich bis Saisonende keine deutliche Verbesserung eingestellt hat, wird es an der Weser wohl keine Zukunft für Wagner geben. Fraglich jedoch, wie Werder den Spieler aus seinem Vertrag bis 2014 herauskomplimentiert. In der ersten Liga dürften sich kaum Vereine finden, die Ablöse und Gehalt für ihn zahlen möchten und zu großen Gehaltseinbußen wird der Spieler wohl auch nicht bereit sein. Es könnte also mal wieder auf ein Leihgeschäft hinauslaufen.

Wagners Verpflichtung war von Anfang an riskant. Trotz der Verletzung kaufte Werder ihn aus seinem Vertrag, der ein halbes Jahr später ausgelaufen wäre, damit er sich schon in Bremen eingewöhnen kann. Zu Saisonbeginn war Wagner fit, konnte jedoch nie überzeugen und musste trotzdem immer wieder als Notnagel im verletzungsgebeutelten Werderangriff ran. Wagner war zur falschen Zeit am falschen Ort und scheint mit der Situation völlig überfordert zu sein. Dass zuletzt auch seine Trainingsleistungen nachließen, ist ein deutliches Zeichen dafür. Die Situation scheint aussichtslos und keine zehn Tage nach Schließung des Transferfensters müssen sich Werders Verantwortliche nun die Frage stellen lassen, warum sie trotz Hugo Almeidas Abgang mit Denny Avdic nur einen Stürmer verpflichtet haben, bei dem ebenfalls noch nicht ersichtlich ist, ob er Werder in dieser Rückrunde weiterhelfen kann.

Marko Marin

Was genau bei Marko Marin falsch gelaufen ist, wird wohl nicht mal er selbst wissen. Vor Saisonbeginn von einigen Werderfans noch als der bessere Özil gefeiert, konnte er den großen Erwartungen an ihn nie gerecht werden. Im Sommer hatte er zunächst mit seiner enttäuschenden WM zu kämpfen und fand sich in den ersten Spielen auf der Bank wieder. Innerhalb weniger Wochen schien er jedoch auf dem Weg zu seiner Normalform, auch wenn er einige Male auf der für ihn nicht prädestinierten 10er-Position ranmusste. Irgendwann im September ging es dann jedoch abwärts mit den Leistungen. Marin fiel in ein Loch, aus dem er sich bis heute nicht befreien konnte.

Es wirkt fast so, als wäre der Spieler in einer Endlosschleife gefangen. Er versucht es immer wieder mit den gleichen Tricks, mit den gleichen Dribblings, doch sie wollen ihm einfach nicht mehr gelingen. Dazu kommt, dass sich sein ohnehin ausbaufähiges Spiel ohne Ball in dieser Saison noch verschlechtert hat. Marin nimmt nur am Spiel teil, wenn er die Kugel am Fuß hat. Anders als etwa Aaron Hunt, der häufig im Ansatz des Richtige tut, es dann aber schlampig ausführt, liegen bei Marin schon die Grundlagen brach. Sein Positionsspiel gleicht einem Jugendspieler und ein Defensivverhalten ist abgesehen von vereinzelten kurzen Sprints nicht existent. Die Laufwege in Werders Angriff sind dieser Tage wenig koordiniert und Marin scheint einen großen Anteil daran zu haben.

Man fragt sich schon so ein bisschen, was Marin die letzten sechs Monate im Training geübt hat. Es muss doch eigentlich möglich sein, einem so talentierten Spieler die Grundlagen des Fußballs beizubringen, so dass er auch bei einer Formkrise zumindest die Basics auf seiner Position abrufen kann. Bislang hat das – aus welchen Gründen auch immer – nicht funktioniert und deshalb ist Marin, wenn ihm seine Dribblings nicht gelingen, für Werder eine Belastung. Für den Spieler selbst ist die Situation ebenfalls eine große Belastung, was man an den krampfhaften Bemühungen erkennen kann, sein Spiel mit aller Macht wieder durchzusetzen. Leider gibt es bei Werder kaum personelle Alternativen und so lässt sich nur hoffen, dass sich bald eine Verbesserung einstellt. Marin muss an den Grundlagen seines Spiels arbeiten, wenn er ein großer Fußballer werden will. Momentan ist er davon meilenweit entfernt.

Torsten Frings

Die letzten Wochen könnten zu den schlimmsten in Torsten Frings Profikarriere gehört haben. Für einen so ehrgeizigen und kämpferischen Spieler ist es schwer zu verdauen, wenn man nach und nach immer mehr an Standing verliert. Im Fußball kann es ganz schnell gehen. Vor einem Jahr gelang ihm noch einmal eine beeindruckende Formsteigerung, mit der er Werder noch zum Sprung auf einen Champions League Platz verhalf. Nun scheint der Akku jedoch endgültig leer zu sein. Frings läuft und kämpft und grätscht und rackert und am Ende sieht trotzdem jeder, dass es einfach nicht mehr reicht. Das Thema Vertragsverlängerung dürfte intern längst vom Tisch sein, doch in der Außendarstellung wird man Frings sicher die Gelegenheit zu einem freiwilligen Rückzug geben.

Als Spieler ist Frings (ähnlich wie bei den Bayern van Bommel) immer sehr abhängig von seiner körperlichen Fitness gewesen. Sein Stellungsspiel war nie ganz optimal, aber das konnte er mit Zweikampfstärke und Einsatzbereitschaft lange Zeit ausgleichen. Dazu war er zu seinen besten Zeiten wie kaum ein anderer Sechser in der Lage, das Offensivspiel seiner Mannschaft anzukurbeln. Heute gibt es Spieler, die all diese Fähigkeiten vereinen und Frings inzwischen auch die körperliche Fitness voraus haben. Man muss Frings daraus keinen Vorwurf machen, diese Entwicklung ist normal und ließ sich seit etwa zwei Jahren bei ihm beobachten. Die Bayern hatten den Mut ihren Kapitän in der Winterpause gehen zu lassen, weil er nicht mehr den Anforderungen des Trainers genügte, doch die Bayern haben auch das Personal, ihn zu ersetzen (auch wenn hier einige Bayernfans bestimmt anderer Meinung sind). Bei Werder gibt es kaum eine Alternative zu Frings, solange Wesley verletzt ist.

Eigentlich müsste Schaaf nun die Reißleine ziehen und Frings auf die Bank setzen, doch zum einen wird er auf seinen verlängerten Arm auf den Platz nur dann verzichten wollen, wenn es (Achtung: Unwort!) alternativlos ist, und zum anderen bliebe ihm dann nur die Option, Clemens Fritz ins Mittelfeld zu stellen und auf Petri Pasanen (siehe unten) oder den in Ungnade gefallenen Dominik Schmidt als Rechtsverteidiger zu setzen. Felix Kroos würde die letzte freie Position in der Raute übernehmen und Werder hätte keine Alternativen mehr auf der Bank, solange Borowski, Jensen und Wesley nicht dabei sind. Bleibt also zu hoffen, dass Frings Energie zumindest noch reicht, um mit Werder am Saisonende nicht abzusteigen und er sich dann von selbst in eine Position im Werdermanagement verabschiedet. Der Abschied darf dann auch gerne so ausfallen, wie es sich bei einem Spieler mit seinen Verdiensten für den Verein gehört!

Petri Pasanen

Auch Petri Pasanen gehört zu der Kategorie “verdienter Spieler”, wenn er auch nie so richtig im Rampenlicht stand. Er war lange Zeit ein wertvoller Backup-Spieler, ein Defensivallrounder, auf den man sich verlassen konnte. Seine Aufgaben erfüllte er solide und wenn er denn mal auf seiner eigentlichen Lieblingsposition in der Innenverteidigung ran durfte, konnte man sehen, dass er dort eigentlich auch das Zeug zum Stammspieler hatte. So vergingen die Jahre, Pasanen kam regelmäßig auf über 20 Einsätze pro Saison und beide Seiten waren miteinander ganz zufrieden. Nun läuft der Vertrag aus und wird aller Voraussicht nach nicht verlängert. Im Sommer ist Pasanen sieben Jahre lang in Bremen, gemeinsam mit Daniel Jensen ist er der dienstälteste Spieler in Werders Reihen.

Zu häufig wurden Pasanen auf den Außenpositionen der Viererkette nun die Grenzen aufgezeigt, als dass sich noch jemand darüber freuen könnte, dass er dank seiner Vielseitigkeit überhaupt die Löcher im Kader einigermaßen stopfen kann. In der Innenverteidigung besteht trotz Naldos Verletzung kaum Bedarf, weil Schaaf lieber auf den jüngeren Prödl setzt. So sind es immer wieder die Positionen links oder rechts der Innenverteidiger, auf denen Pasanen spielen muss. Inzwischen haben immer mehr Mannschaften ihre kreativsten und individuell stärksten Spieler auf den Flügeln aufgestellt und spielen Systeme, bei denen von diesen Spielern mit die meiste Torgefahr ausgeht. Die Robbens und Riberys und Bales dieser Fußballwelt sind mit der Zeit einfach zu viel für ihn geworden. Am Samstag wurde er von der linken Mainzer Angriffsseite vorgeführt und musste zur Halbzeit raus.

Die Ansprüche an einen Notnagel sind nicht die höchsten, doch verlässlich muss er sein. Dem wird Pasanen nicht mehr vollständig gerecht. Ein Problemfall, der in den vergangenen Jahren wohl völlig untergegangen wäre. In dieser Saison kann Werder einen Leistungsabbau bei einem Ergänzungsspieler leider nicht kompensieren.

Wo sind all die guten Stürmer hin?

In meinem Abgesang auf Hugo Almeida habe ich es schon angesprochen: Werder hat in den letzten Jahren mit Ausnahme der Pizarro-Rückholaktion keinen außergewöhnlich guten Stürmer verpflichtet. Die Hoffnungen ruhen auf einem Reifeprozess bei Marko Arnautovic und dem eigenen Nachwuchs.

Deutschlandweites Problem

Immerhin steht Werder mit diesem Problem nicht alleine da. Die Anzahl an Stürmern von internationaler oder gar Weltklasse in der Bundesliga ist überschaubar. Mit Edin Dzeko verlässt der beste Angreifer des Landes nun die Bundesliga in Richtung Manchester. Auch in der Nationalmannschaft sieht es nicht viel anders aus. Nach dem Karriereende von Miroslav Klose dürfte auch dort eine Flaute bevorstehen.

Mit Gomez, Kießling, Helmes, Cacau und Podolski gibt es zwar einige gute Alternativen im nicht mehr ganz jungen Fußballeralter, doch keiner von ihnen genügt allerhöchsten Ansprüchen. Bei Gomez darf man noch am ehesten darauf hoffen, dass er die Lücke für einige Zeit schließen kann, doch trotz seiner überragenden Torstatistik in der Bundesliga fehlt ihm aus meiner Sicht ein gutes Stück zur Weltklasse. Die neuste Generation an Supertalenten, die in Richtung Nationalmannschaft drängt, besteht fast ausschließlich aus Mittelfeldspielern. Einen kommenden Stürmerstar kann ich dort jedoch nicht erkennen.

Verändertes Anforderungsprofil

Das Anforderungsprofil an eine Sturmspitze hat sich in den letzten Jahren so stark geändert, wie selten zuvor in der Geschichte. Vor einigen Jahren, als noch die meisten Mannschaften mit zwei Spitzen spielten, konnte man die unterschiedlichsten Stürmertypen miteinander kombinieren. Es störte nicht weiter, wenn einer von beiden ein reiner Strafraumverwerter war und der andere weite Wege ging, weil sie ihre Schwächen gegenseitig kompensieren konnten. Heute, in modernen 4-2-3-1 oder 4-3-3-Systemen ist dies nicht mehr so einfach möglich. Als alleinige Spitze muss ein Stürmer mehr denn je ein Alleskönner sein.

Auch die taktischen Aufgaben haben sich verändert. Immer mehr Mannschaften setzen auf eine “falsche Neun”, also einen Stürmer, der sich weit zurück ins Mittelfeld fallenlässt, um die Verteidiger aus der Viererkette zu locken. Die traditionellen Vollstreckeraufgaben rücken zwar nicht komplett in den Hintergrund, sind jedoch nicht mehr das wichtigste Kriterium für die Bewertung seitens der Trainer. Der Stürmer wird immer mehr zum Vorarbeiter für seine Mitspieler. Er schafft Räume, legt Bälle ab, wartet auf nachrückende Mittelfeldspieler. Spieler wie Ronaldo, Robben und Messi haben sich als Flügelspieler zu wahren Tormaschinen entwickelt, weil ihnen (unter anderem) ihre jeweiligen Sturmspitzen die Räume geschaffen haben.

Der doppelte Pizarro

Auch bei Werder ist diese Entwicklung zu beobachten. Pizarro ist schon lange nicht mehr der offensivste Spieler in der Mannschaft, sondern Marko Marin. Dies lässt sich in fast jedem Spiel an der Heat Map und an den Durchschnittspositionen erkennen. Pizarro lässt sich gerne tief fallen und schaltet sich so mit ins Mittelfeld ein. Ohne Mesut Özil fehlt seit dem Sommer zudem eine kreative Schaltzentrale im offensiven Mittelfeld, sodass Pizarros Arbeit dort umso wichtiger wurde. Am deutlichsten konnte man dies in der ersten Halbzeit gegen Dortmund sehen. Pizarros Fehlen machte sich nicht nur an der mangelnden Torgefährlichkeit bemerkbar, sondern auch im Aufbau unseres Angriffsspiels. Weder Almeida noch Wagner können diese Rolle so ausfüllen.

Was Werder in der Hinrunde zudem fehlte, waren die gefährlichen Läufe von den Flügeln vors Tor. Werder hat mit Marin, Arnautovic und mit Abstrichen Hunt eigentlich drei Spieler, die hierfür prädestiniert wären, doch viel zu selten gelang es ihnen auf diese Weise für Gefahr vor den gegnerischen Toren zu sorgen. Marko Marin hat etwa im Rückspiel gegen Sampdoria und im Heimspiel gegen Tottenham noch Angst und Schrecken verbreitet, wenn er mit dem Ball am Fuß in Richtung Strafraum gezogen ist. Seitdem ist ihm sein Timing völlig abhanden gekommen. Es ist jedoch nicht ausreichend, sich in dieser Hinsicht voll auf Pizarro zu verlassen, denn bei aller Klasse kann auch er nicht dauerhaft unsere Probleme im Mittelfeld und im Angriff lösen.

Nach Pizarro kommt das große Fragezeichen

Nun drängt sich geradezu die Frage auf, wer die Lücke schließen kann, die Pizarro eines (hoffentlich fernen) Tages bei Werder hinterlassen wird. Arnautovic ist vom Talent her ohne Zweifel in der Lage, in ein paar Jahren auf diesem Niveau zu spielen. Fraglich ist jedoch, ob er auch charakterlich dazu geeignet ist. Der Reifeprozess, den Werders Verantwortliche fast schon gebetsmühlenartig herbeireden, müsste dazu allerdings bald einsetzen, bevor sich der Spieler völlig ins Abseits geschossen hat.

Hoffnung macht indes Werders Nachwuchs in Gestalt von Lennart Thy und Pascal Testroet. Beide gehören zu den talentiertesten Stürmern ihrer Altersklasse und sollten den Sprung zu den Profis bald schaffen. Insbesondere Thy scheint ein echtes Multitalent zu sein und Pizarro auch in dieser Hinsicht nachahmen zu können. Verlassen will man sich bei Werder jedoch nicht darauf. Mit Denny Avdic hat man einen neuen Stürmer verpflichtet, über dessen Klasse man noch nicht viel sagen kann. Die Torquote in der schwedischen Liga dürfte bei Werders Ansprüchen kaum als Beleg ausreichen. Vom Typ her hinterlässt Avdic den Eindruck eines Allrounders, der Athletik, technische Qualitäten und Torgefährlichkeit vereint.

Noch ein, vielleicht zwei Jahre kann sich die zweite Reihe unseres Angriffs hinter Pizarros breiten Schultern verstecken. Danach werden sie sich an seinem langen Schatten messen lassen müssen.