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Survival of the Fittest

Anders als häufig angenommen, bedeutet der aus der Evolutionstheorie stammende Satz in der Überschrift keinesfalls, dass sich in der natürlichen Selektion der Stärkere durchsetzt. Wäre dies der Fall, würden heute noch Dinosaurier die Erde bevölkern, während der Mensch wohl nie bis zu einer Evolutionsstufe vorgedrungen wäre, ab der er in der Lage war, sich gegen seine natürlichen Feinde mit Waffen zu behaupten. Nein, laut der Evolutionslehre überlebt derjenige, der sich am besten auf seine Umwelt einstellt, sich anpasst.

Im Fußball ist es, von einem einzigen, aus grauen Urzeiten übrig gebliebenen Dino abgesehen, ganz ähnlich. Wäre es anders, würde sich im Pokal nie der Underdog durchsetzen – ein Umstand, der die vielbesungene eigene Gesetzesmäßigkeit des Wettbewerbs aus- und letzteren angeblich so attraktiv macht.

Bremer Anpassungsschwierigkeiten

Pokal-Fight auf dem Bielefelder Acker

Ein Umstand, auf den Werder Bremen sich in Bielefeld nicht einstellen konnte, war die Qualität des Rasens, der schon vor Anpfiff eher einem Acker glich und dessen Zustand sich im Laufe des Spiels noch verschlechterte. Bereits vor dem Spiel war viel über den Platz in der Schüco-Arena gesprochen worden, der bereits seit längerer Zeit erhebliche Mängel aufweist. Folglich waren die Gastgeber besser mit dem Geläuf vertraut und wussten, wie sie darauf zu spielen haben. Werder wusste es hingegen nicht, fand es auch im Laufe des Spiels nicht heraus und schied somit sang- und klanglos und zweifelsohne verdient aus dem Pokal aus.

Nach einer unerwarteten Siegesserie und angesichts einer deutlich verbesserten Spielkultur, fällt es schwer, den Trainer zu kritisieren. Viktor Skripnik und sein Team haben seit ihrem Amtsantritt enorm viel richtig gemacht. Die Einstellung des Teams auf die Pokalpartie am Mittwoch gehört hingegen nicht dazu. Das Coaching während des Spiels ebenso wenig. Werder begann das Spiel zwar durchaus ansprechend, wusste mit den abwartenden Bielefeldern aber nicht viel anzufangen. Man setzte auf eine tiefe Ballzirkulation, die Sicherheit bringen sollte und zu viel Ballbesitz führte – ein Umstand, der in Werders Bundesligaspielen nur selten vorkommt. In der Anfangsphase konnte Werder mit gutem und hohem Pressing noch einige Torchancen herausspielen, doch mit der Zeit kam es immer seltener dazu. Bielefeld verzichtete schon bald auf kontrolliertes Aufbauspiel und verlegte sich seinerseits darauf, gegen Werders weit aufgerückte Abwehr zu kontern.

Kopfschmerzen in der Defensive

Ab Mitte der ersten Halbzeit wurden die daraus resultierenden Angriffe immer gefährlicher. Werder geriet defensiv ins Schwimmen und verlor zu viele Bälle im Aufbauspiel. Vorläufiger Höhepunkt war ein abstruser Fehlpass von Prödl, nachdem ihn ein riskantes Anspiel von Casteels unter Druck gesetzt hatte. Den Bielefelder Angriff nach dem Ballverlust verteidigte Werder dann wie in seligen Zeiten unter Thomas Schaaf: Bevor die Situation abgehakt war, blieben Vestergaard und Garcia stehen, hoben den Arm und kamen dann bei der Hereingabe zu spät. Nach der Führung konnte sich Bielefeld noch mehr auf einen Stil der Risikovermeidung mit vielen langen Bällen verlegen. Werder hingegen versuchte es weiterhin mit Kurzpassspiel im Aufbau, initiiert von Kroos, der häufig zwischen die Innenverteidiger kippte. Personell war Werder mit Bartels auf der 10 sowie Fritz und Junuzovic auf den Halbpositionen jedoch nicht unbedingt auf Ballbesitzfußball ausgerichtet. Der schlechter werdende Platz tat sein Übriges, um Werders Offensivspiel nun lahmzulegen.

Defensiv war erneut zu beobachten, dass Prödl und Vestergaard ein unpassendes Paar in der Innenverteidigung abgeben. Das hat auch, aber nicht nur spielerische Gründe. Prödls Selbstverständnis als Abwehrchef macht es schwierig, ihn in die neue Hierarchie in der Bremer Abwehrkette zu integrieren. Vestergaard versuchte in der Anfangsphase häufiger, die Viererkette zu dirigieren. Im Laufe des Spiels nahm dies meiner Einschätzung nach ab. Wie schon gegen Wolfsburg wurde man das Gefühl nicht los, dass die Abstimmung und somit auch die gegenseitige Absicherung bei den Beiden nicht stimmten. Garcia brachte sich mit einer vermeidbaren, frühen gelben Karte dazu selbst in Bedrängnis und zwang Skripnik zu einer ungeplanten Auswechslung. Insgesamt wird die linke Seite wieder mehr zur Problemzone (die schwache Absicherung durch Junuzovic ist hier auch im Vergleich zu Fritz auf der rechten Seite auffällig). Da nun auch die Innenverteidigung schwächelt, ist Werder defensiv wieder das wackelige Gebilde, das man aus den letzten Jahren noch gewohnt ist. Man fragt sich auch, was es über die Trainingsleistungen von Luca Caldirola aussagt, dass er trotzdem keine Einsätze bekommt.

Ein Hoch auf hohe Bälle?

In der Nachbetrachtung des Spiels fällt die Analyse leicht, doch auch während der Partie stellte sich die Frage, warum Werder sich den Gegebenheiten nicht besser anpassen konnte. Spätestens in der zweiten Hälfte hätte man das Kurzpassspiel aufgeben müssen. Mit Selke und Di Santo hatte man Anspielstationen für hohe Bälle. Bartels und Junuzovic hätten sich auf die Sicherung bzw. Eroberung der zweiten Bälle konzentrieren können. Stattdessen spielte Werder nur 17% lange Bälle (Bielefelds Quote lag bei 33%) und gefühlt kamen die meisten davon von Prödl, der auch bei besseren Platzverhältnissen kaum anders spielt. Nicht ganz zufällig fiel Werders einziges Tor jedoch nach einem von Di Santo festgemachten hohen Ball des Österreichers.

Nun bin ich generell kein Freund des Hoch-und-Weit-Fußballs, den Werder unter Skripniks Vorgänger lange Zeit gespielt hat. In diesem Spiel wäre ein einfacher Stil jedoch angebracht gewesen, um die mit dem schlechten Rasen verbundenen Risiken zu minimieren. Einfaches Spiel heißt bei Werder dieser Tage Konterspiel, und das ließ Bielefeld gerade nach der Führung nicht mehr zu. Erst in der Schlussphase des Spiels spielte Werder vermehrt lange Bälle, ohne jedoch die Rückräume adäquat zu besetzen. Auch abgesehen davon stellte sich Werder taktisch nicht gerade schlau an. Fritz und Junuzovic liefen zwar viel, aber oft auch kopflos. Kroos wurde im Zentrum zu häufig allein gelassen und verfügt bekanntlich nicht über die Zweikampfstärke und die weiträumige Präsenz Bargfredes. Dem Bielefelder Konterspiel kam dies sehr entgegen.

In Freiburg gegen die Serie

Auch im vierten Jahr in Folge ist Werder somit gegen ein unterklassiges Team aus dem Pokal ausgeschieden, wenn auch diesmal erst in der dritten Runde (der letzte Sieg gegen einen Bundesligisten im Pokal war vor über fünf Jahren gegen Hoffenheim). Durfte man nach der Niederlage gegen Wolfsburg noch hoffen, dass das Selbstvertrauen der Mannschaft keinen Knacks bekäme, muss man nach dem Pokalaus in Bielefeld ganz sicher befürchten, dass dieser Spuren hinterlässt. In Freiburg steht für Werder nun plötzlich eine ganze Menge auf dem Spiel. Zwar ist das Punktepolster nach unten groß genug, um nicht so schnell wieder in den Abstiegskampf zu rutschen, doch mental pendelt man derzeit irgendwo zwischen „Mannschaft der Stunde“ und „Pokalversager“. Da nach dem Freiburg-Spiel die Bayern zu Besuch kommen, könnte das Pendel schnell in die falsche Richtung schwingen und Werder im blödesten Fall zu einer seit fünf Spielen sieglosen Mannschaft werden.

Freiburg ist in dieser Rückrunde spielerisch so schwach, wie wohl noch nie unter Streichs Regie. Personell ist Werder in dieser Partie eindeutig im Vorteil (zumal Bargfrede wieder fit ist) und die Ausgangslage kommt Werder wieder weitaus besser entgegen als im Pokal. Freiburg braucht die Punkte rein tabellarisch dringender und versucht sich immer noch an einem sehr gepflegten, wenn auch nicht unbedingt auf Ballbesitz ausgelegten Stil. Werder kann reaktiver spielen als gegen Bielefeld, sich mehr auf Pressing und Umschaltspiel verlassen. Bekommt man die Abstimmungsprobleme zwischen den Innenverteidigern und die eigenen Nerven in den Griff, sollte durchaus ein Sieg drin sein. In jedem Fall ist die Zeit des Träumens in Bremen vorerst vorbei. Nach der unerwarteten Hochphase gilt es nun wieder, die Pflichtaufgaben zu erfüllen. Freiburg ist eine davon.

9. Spieltag: Zerfahren

Werder Bremen – SC Freiburg 0:0 (0:0)

In einem äußerst schwachen Fußballspiel trennen sich Werder und Freiburg 0:0. Einen zusammenhängenden Spielbericht will ich mir für dieses zerfahrene Spiel nicht aus den Fingern saugen. Stattdessen ein paar lose Beobachtungen:

  • Werders Passspiel war unterirdisch. Die (im Saisonvergleich gar nicht so schlechte) Fehlpassquote von 26% erzählt dabei nur die halbe Geschichte. Das Problem waren vielmehr die zahlreichen Pässe, die zwar beim Mitspieler ankamen, jedoch so schlecht getimt waren, dass kein flüssiges Kombinationsspiel möglich war. Insbesondere die Pässe auf die Außenbahnen wurden häufig ohne jeden Druck oder in den Rücken des Mitspielers gespielt. Obwohl Werder in dieser Saison bislang allgemein nicht mit gutem Passspiel geglänzt hat, stach das Spiel gegen Freiburg dabei noch einmal heraus.
  • Werders Offensivspiel ist nicht hoffnungslos. Es waren durchaus Ideen erkennbar, wie Werder in der Offensive spielen wollte. Das Problem ist nicht mangelnde Kreativität, sondern die Umsetzung. Die lag nicht nur am mangelhaften Passspiel, sondern auch an der noch fehlenden Feinabstimmung. Dutt lässt offensiv relativ kompliziert spielen, mit 4-5 ständig rotierenden Spielern. Das kann nur funktionieren, wenn Automatismen in Lauf- und Passwegen entstehen.
  • Freiburg verteidigt weiterhin ziemlich hoch, presst in dieser Saison aber nicht mehr so kompromisslos auf den gegnerischen Spielaufbau. Werder hatte aber (zumindest in der Theorie) die richtigen Antworten auf das Freiburger Pressing. Abkippende Sechser sind unter Dutt zur Normalität bei Werder geworden. Gegen Freiburg kippte Kroos jedoch nicht zur Seite, sondern rückte zwischen die nach außen schiebenden Innenverteidiger und spielte eine Art Libero. Die Außenverteidiger rückten hingegen weit auf in die gegnerische Hälfte und Makiadi gab den Verbindungsmann zwischen der Dreierkette und den vier rotierenden Offensivleuten. So hatte Werder im Aufbau stets eine Überzahl: Rückten die Freiburger Außenstürmer auf, war der Außenverteidiger an der Mittellinie anspielbar. Rückte einer der Sechser mit auf, ergaben sich Lücken im Mittelfeld.

Werders Spielaufbau gegen Freiburg

  • Nils Petersen ist ein denkbar schlechter Verwerter von langen Bällen. Es hat Gründe, warum Petersen bei langen Abschlägen in dieser Saison oft auf die Außenbahnen ausweicht. Dort hat er gegen die gegnerischen Außenverteidiger eine Chance im Kopfballduell. In der Mitte ist er meistens auf verlorenem Posten. Sein Timing ist schlecht und er setzt seinen Körper nicht ein (in einer Szene gestern reichte ein klitzekleiner Körperkontakt von Ginter, um Petersen meterweit am herunterkommenden Ball vorbeilaufen zu lassen). Hier erhoffe ich mir von Di Santo eine Verbesserung.
  • Defensiv war Werders Leistung ok. Freiburg ist derzeit wahrlich nicht der offensivstärkste Gegner, den man sich vorstellen kann, und dennoch bekam er einige gute Torchancen. Auf das vierte “Zu Null” sollte man sich daher nicht zu viel einbilden. Doch die Fortschritte zur letzten Saison sind deutlich sichtbar – noch nicht in jeder Phase des Spiels, aber hier befindet sich Werder auf dem richtigen Weg.
  • Bester Defensivspieler gestern: Eljero Elia.
  • Ich habe in der letzten Saison genau solche Spiele gefordert: Wenn es spielerisch nicht läuft, dann wenigstens ein 0:0 erkämpfen.
  • “Prödl ist ein Dödl.”(Zitat meines Neffen)

Die Teams unterhalb von Bayern/BVB/Leverkusen liege in der Tabelle derzeit noch so eng beisammen, dass man noch nicht abschätzen kann, ob Werder sich tatsächlich aus dem Abstiegskampf heraushalten kann. Mit einem 2:0-Sieg wäre man gestern vorübergehend auf Platz 4 vorgerückt. Die nächsten Spieltage werden die Abstände zwischen Platz 4 und 15 vermutlich etwas vergrößern. Gegen Wolfsburg, Hannover, Schalke und Mainz muss Werder dann die bisherigen Ergebnisse bestätigen und zeigen, dass man zurecht im gesicherten Mittelfeld steht.

Streichergebnis

Werder Bremen – SC Freiburg 2:3 

Freiburg ist auf fast jeder Position individuell schlechter besetzt als Werder. Unter Streich haben sie sich jedoch zu einer wahren Pressingmaschine entwickelt und sind vor allem gegen den Ball eines der besten Teams in der Liga. Deshalb stehen sie völlig zu Recht auf Platz 5 und konnten Werder zum zweiten Mal in dieser Saison über weite Strecken dominieren. Das Hinspiel konnte Werder mit viel Glück trotzdem gewinnen. Vielleicht zog man auch deshalb die falschen Schlüsse aus dem Spiel und suchte nicht nach einer Gegentaktik zu Freiburgs hohem 4-Mann-Pressing. In der ersten Halbzeit habe ich mich ernsthaft gefragt, ob man sich bei Werder überhaupt auf den Gegner vorbereitet hat. Man hat schließlich seit 2001 nicht gegen den SC verloren, also sollte es ausreichen, alles so zu machen wie immer.

Die Ratlosigkeit, mit der Werders Viererkette dem Freiburger Pressing begegnete, war erschreckend. Die Spieler wirkten überrascht, dabei hätten sie sich nur an das Hinspiel erinnern müssen, in dem man eine Halbzeit lang kaum kontrolliert aus der eigenen Hälfte kam. So schob man auch diesmal die Bälle wieder zurück auf Mielitz und wartete darauf, dass jemand anderes eine Idee haben würde. Einen Versuch, das Aufbauspiel an die Situation anzupassen, habe ich kaum gesehen. Gelegentlich kam Junuzovic ein paar Schritte nach hinten, aber die fünf Offensivspieler standen mit 30 Metern Abstand an der Mittellinie und warteten auf Bälle, die nicht kamen. Für mich war die erste Halbzeit ein Totalversagen von Thomas Schaaf. Freiburgs Spielweise unter Streich ist bekannt. Gegen sie zu verlieren ist ok, sich nicht auf sie einzustellen ist grob fahrlässig bis arrogant.

Das Ergebnis zur Pause war eigentlich ein Witz und erinnerte an das Hinspiel. Eine starke Einzelaktion von De Bruyne und ein cleverer Abschluss von Petersen reichten für ein glückliches 1:1. Werder konnte sich bei Mielitz bedanken, dass es vor dem Wechsel nur ein Gegentor gab. Werders Defensive präsentierte sich teils schlecht organisiert, teils desolat. Es fehlte jegliche Kompaktheit, was Freiburg immer wieder zu zweiten Bällen verhalf – aus einem solchen fiel schließlich auch das 0:1, weil vor der Viererkette das altbekannte Loch klaffte. Sinnbildlich war auch die Szene, in der ein Freiburger bei einem Einwurf (!) völlig unbemerkt in den Strafraum laufen konnte, um dort den Ball anzunehmen. Zum Glück kam Mielitz aus dem Kasten und störte ihn bei der Ballverarbeitung, so dass die Situation letztlich glimpflich endete. Leider wird Mielitz wegen seinem Fehler vor dem 2:3 wieder kritisiert werden. Mit einem passiven Linientorwart hätte man in der Phase ab der 20. Minute bis zur Halbzeit vermutlich 1-2 Gegentore mehr kassiert.

Nach der Pause zeigte Werder, dass man offensiv den meisten Teams in der Liga gefährlich werden kann. Das Spiel ging nun schnell hin und her, so dass das hohe Pressing auch bei Freiburg etwas auf Kosten der Kompaktheit ging. Es schien nun eher Werders Spiel zu sein, als Freiburgs. Arnautovics Einwechslung sorgte für ein direkteres Spiel auf dem rechten Flügel, das Freiburg vor Probleme stellte. Freiburg war insgesamt defensiv nicht so gut, wie man es aus dieser Saison kennt. Die Tore fielen weitgehend gegen den Spielverlauf. Dennoch war Werder spielerisch zu keiner Zeit wirklich überlegen und blieb hinten immer anfällig.

Mit etwas mehr Glück hätte Werder am Ende etwas aus dem Spiel mitnehmen können. Dennoch war Freiburg insgesamt die bessere und reifere Mannschaft. Streich hat aus einem Abstiegskandidaten innerhalb eines Jahres ein Team geformt, das trotz geringer finanzieller Möglichkeiten des Vereins eine Chance auf die Europa League hat. Bei Werder bleibt nach dem Spiel der schale Eindruck, dass die längste Siegesserie der letzten 15 Monate doch eher einem statistischem Zufall als einer spielerischen Weiterentwicklung zu verdanken war.

Aufbau Nord mit Schwierigkeiten

SC Freiburg – Werder Bremen 2:2

Auch im dritten Pflichtspiel des Jahres gab es wieder nur ein Unentschieden. Das 2:2 beim SC Freiburg bringt Werder tabellarisch nicht weiter, zeigte jedoch einige interessante Entwicklungen im Team.

Zögerliche Bremer gegen Freiburger Pressing

Erneut war die sehr passive Grundhaltung zu sehen, die auch schon im Spiel in Kaiserslautern an den Tag gelegt wurde (beim Heimspiel gegen Leverkusen war es nur geringfügig anders). Die Raute stand flach gegen den Ball und insgesamt agierte man sehr tief, mit Pizarro und Rosenberg an vorderster Verteidigungslinie knapp über der Mittellinie. Vorwärtspressing betrieb man nur direkt nach Ballverlusten, wenn man weit in die Freiburger Hälfte aufgerückt war. Ansonsten stellte man schnell die Grundformation wieder her und wartete auf die Freiburger Angriffe.

Das eigene Aufbauspiel bekam man gegen das Freiburger Pressing nie richtig in den Griff. Die drei Passoptionen aus der Innenverteidigung ins (defensive) Mittelfeld wurden konsequent dichtgestellt, so dass häufig der Umweg über die Außenverteidiger gegangen werden musste. Gelangte der Ball dann wieder ins Zentrum, verstanden es die Freiburger gut, mit ihrem Pressing die Spieler so unter Druck zu setzen, dass sie kaum einmal mit direkten Vertikalpässen das Angriffsspiel in Schwung bringen konnten.

Neue Problemzone: Standardsituationen

Zum ersten Mal gelang dies dann Tom Trybull, als er kurzzeitig auf die linke Seite gewechselt war. Sein Pass auf Rosenberg sorgte für die erste Torchance, doch Pizarro verpasste im Strafraum die Hereingabe. Beim zweiten Versuch war man erfolgreicher, Junuzovic spielte den Ball halbhoch an den langen Pfosten auf Pizarro, der ihn per Direktabnahme verwertete. Diese beiden Szenen zeigten, dass Werders Angriffsspiel durchaus in der Lage war, die nicht immer sichere Freiburger Hintermannschaft in Gefahr zu bringen. Leider sprangen zu selten ähnliche Szenen heraus, da Werder es versäumte, die Offensivspieler im Angriffsdrittel in Szene zu setzen – zu hoch die Fehlerquote im Passspiel, zu umständlich das Aufbauspiel.

Die Antwort der Freiburger kam dann auch postwendend. Der Ausgleich zum 1:1 fiel – wie schon gegen Leverkusen – nach einer Ecke. Die weiteren Standardsituationen des Sportclubs legen nahe, dass es sich dabei nicht um Zufall handelte. Ohne den Freiburgern die Anerkennung für den Variantenreichtum bei ihren Ecken vorzuenthalten, muss man feststellen: Werder hat ein Problem mit Standards. Nun sind durch den Weggang von Mertesacker und die Ausfälle von Naldo und Prödl deutlich weniger große Spieler auf dem Platz. Das einstmalige “größte Team Europas” hat jedoch nicht nur die Lufthoheit verloren (zumal die Freiburger körperlich sicher nicht überlegen waren), sondern vor allem Probleme bei der Zuordnung. Eine kurze Ecke auf Makiadi reichte, um den Ausgleich herzustellen.

Fazit: Zu schwach für 3 Punkte

Die zweite Halbzeit gehörte überwiegend den Freiburgern, die, gezwungen vom erneuten Rückstand, noch mutiger nach vorne agierten und in puncto Ballbesitz und Torschüssen klar im Vorteil waren. Werder konnte nur sporadisch zeigen, dass man auch selbst gefährlich nach vorne spielen kann. Das zweite Tor von Pizarro verdeutlichte sehr gut, wie ein eingespieltes Team die Schaaf’schen Vorstellungen umsetzen könnte. Von Junuzovics Kopfball, über Trybulls clevere Ballmitnahme, Ekicis gut getimten Pass bis zu Pizarros Abschluss war das fast perfekt gespielt. Die Laufwege stimmten und der Angriff glitt wie ein Messer durch die weiche Freiburger Abwehrbutter. Das erinnerte an gute, alte Werder-Zeiten.

Wie weit man ansonsten davon noch entfernt ist, lässt sich schwer abschätzen (mal ganz davon abgesehen, dass man in der stark verbesserten Bundesliga wohl nie wieder die spielerische Dominanz der Jahre 2003-2007 erreichen wird). Die jungen Spieler zeigen ihr Potenzial, doch es gibt noch zu viele Unwägbarkeiten. Die Besserung im Aufbauspiel, die ich letzte Woche gesehen habe, war gegen Freiburg wieder verschwunden, da man keinen echten Plan B hat, wenn der Gegner die Passwege ins Mittelfeld zustellt. Es kommt praktisch nie vor, dass sich der Sechser oder einer der Achter zurückfallen lässt, um von hinten das Spiel aufzuziehen. So bleibt nur die Notlösung über die Außenverteidiger, die eigentlich auch Schaaf nicht gefallen kann. Mit der Anfälligkeit nach gegnerischen Standards hat sich das nächste Problemfeld aufgetan. Wie schnell gelingt es, die Defizite aufzuarbeiten?

Gemessen am Spielverlauf hat Werder einen glücklichen Punkt geholt. Selbst gegen Abstiegskandidaten agiert man auswärts zu passiv, um dem Gegner das eigene Spiel aufzudrängen. Andererseits hat man nicht genug Sicherheit im Defensivspiel, um hinten häufiger die Null zu halten. So bleibt es ein schwieriges Abwägen zwischen Abwarten, Sicherheitsfußball und Kurzpassspiel, mit Pizarro als Lebensversicherung. Wenn die verletzten Spieler zurückkommen und sich die Neulinge eingespielt haben, wird man sehen, wie sehr man in der Rückrunde noch zulegen kann. Für Platz 4 dürfte es dann zu spät sein, aber auch Platz 6 scheint derzeit alles andere als gesichert.

Junges Team gegen alten Lieblingsgegner

Es geht mal wieder gegen Freiburg, den erklärten Lieblingsgegner der letzten Jahre. Die rein punktemäßig makellose Bilanz kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Werder in den letzten Spielen gegen Freiburg nicht sonderlich gut aussah. Ein Selbstläufer ist dieses Duell schon lange nicht mehr.

Vom Trainingsspiel zur Härteprüfung

Sieben Spiele in Folge hat Werder gegen den SC Freiburg gewonnen und dabei 30:6 Tore geschossen. Rein von den Zahlen her scheint die Partie gegen den Tabellenletzten eine klare Sache zu sein. Klare Sachen gibt es bei Werder aber schon länger nicht mehr. War das 6:0 im Herbst 2009 noch eine Sternstunde des vermeintlichen neuen Bremer Offensivfußballs mit dem Dreigestirn Özil, Hunt und Marin, ging es in den letzten Spielen schon deutlich knapper zu. In Erinnerung blieb dabei besonders das Heimspiel aus der letzten Saison, das Werder zwar gewinnen konnte, das allerdings gleichzeitig die spielerische Armut des Teams unterstrich. Auch das 5:3 aus der Hinrunde war nicht gerade souverän erspielt. Man gewann letztlich durch einen späten Elfmeter von Hunt und ein Kontertor von Wesley.

Bei allen Problemen, die die Breisgauer ob ihrer Tabellenposition haben, sollte man sie spielerisch nicht unterschätzen. Auch nach dem Weggang von Robin Dutt versteht sich die Mannschaft auf gepflegtes Pressing und schönen Fußball. Doch auch in den Jahren zuvor war Freiburgs Fußball meist schön anzusehen, wobei es Werder glänzend verstand, daraus Kapital zu schlagen. Nun ist man selbst spielerisch nicht mehr auf dem Niveau der 00er Jahre und kann auch bei einem Abstiegskandidaten nicht mehr automatisch die Favoritenrolle für sich beanspruchen.

Wer setzt die spielerischen Impulse?

Hoffnung auf eine positive Entwicklung im spielerischem Bereich machte zuletzt der Auftritt des mit Nachwuchsspielern gespickten Teams gegen Bayer Leverkusen. Endlich wurden die lange vermissten Anzeichen auf Besserung ersichtlich. Neuzugang Affolter zeigte neben dem überragenden Sokratis starke Anlagen in der Spieleröffnung, Florian Hartherz spielte eine mutige Partie als Linksverteidiger und Tom Trybull wirkte in seinem zweiten Bundesligaspiel schon wie ein alter Hase. Gepaart mit einer defensiveren Grundausrichtung, die dem jungen Team Sicherheit verlieh, konnte man Leverkusen lange Zeit den Schneid abkaufen. Das Umschaltspiel, das bei dieser Ausrichtung noch wichtiger wird, funktionierte jedoch nur eine Halbzeit lang gut.

Gerade deshalb ist der Ruf nach einem Spielmacher, der Werders Angriffsspiel befeuern soll, auch weiterhin nicht zu überhören, was den Druck auf Mehmet Ekici erhöht, der bei allem Bemühen noch immer Probleme hat, sich mit seiner Rolle als 10er anzufreunden. Die eher defensiv ausgerichtete Raute erfordert noch mehr Genauigkeit im Spiel nach vorne, da man dort nur selten in Überzahl gerät. In Freiburg dürfte es nun wieder ein Stück offensiver werden. Neuzugang Zlatko Junuzovic soll von Anfang an ran und Ekici ein Stück von der Last befreien und die Lücke schließen, die der Ausfall von Aaron Hunt in Werders Mittelfeld gerissen hat. Die Rolle des gesperrten Bargfrede übernimmt voraussichtlich Ignjovski – Trybull scheint man sie noch nicht zumuten zu wollen.

Ruhige Testrunde oder Wettrennen?

Wie viele Rückschlüsse lassen sich aus einem Spiel gegen den – durch die Abgänge von Cisse und Bastians sowie diverse Verletzungen dezimierten – Tabellenletzten ziehen? Für Werder geht es derzeit in erster Linie um Sicherheit und Fortschritte in der Spielanlage. Eine überzeugende Leistung in Freiburg wäre ein weiterer Schritt dorthin. Drei Punkte kann man nach Hannovers Sieg in Berlin auch gut brauchen. Nur wenn man die Pflichtaufgaben so zuverlässig löst wie in der Hinrunde, kann man im Fahrwasser der Top 4 eine ruhige Testrunde schwimmen. Ansonsten droht ein Wettrennen um Platz 6, bei dem am Ende kurzfristige Ergebnisse vor langfristige Entwicklung gehen – wie so oft in den letzten Jahren.

7 Gedanken zu Werder – Freiburg

Werder Bremen – SC Freiburg 5:3

1. Die gute, alte Zeit

Achterbahnfahrten ist man in Bremen gewohnt. Unter der Woche ein 5:4 im Testspiel gegen St. Pauli und nun 5:3 gegen Freiburg. Kein Wunder, dass man sich als Werderfan in die gute, alte Zeit zurückversetzt fühlte, als fünf eigene Tore genauso zum guten Ton gehörten, wie drei Gegentore. Man muss allerdings sagen, dass in der wirklich guten Zeit, die drei Gegentore weit weniger häufig anzutreffen waren, als die fünf eigenen Tore. Auch wenn Werder selten ein Defensivbollwerk war, in der Meistersaison 2003/04 musste man in der Rückrunde bis zum Feststehen der Meisterschaft nur 9 Gegentore hinnehmen (genau so viele, wie in den verbleibenden beiden Spielen gegen Leverkusen und Rostock). In der Saison 2004/05 kassierte man nur in einem von 34 Bundesligaspielen mehr als zwei Gegentreffer. In der Rückrunde der Saison 2005/06 hatte Werder die beste Defensive der Bundesliga mit nur 16 Gegentoren. Es gab natürlich auch andere Zeiten, aber es ist nicht so, dass Bremer Offensivfußball immer nur mit löchriger Defensive möglich war.

2. Lieblingsgegner

Es war Werders siebter Sieg in Folge gegen den SC Freiburg, wobei Werder nur zwei Mal weniger als vier Tore erzielte. Man kann Freiburg also mit Fug und Recht als Lieblingsgegner der letzten Jahre bezeichnen. Gestern hatte Werder jedoch einige Probleme mit den Freiburgern, die mich insgesamt aber nicht überzeugt haben. Wann immer Werder schnell kombiniert hat, konnte Freiburg wenig dagegen ausrichten und es kam zu gefährlichen Szenen. Trotz 4-1-4-1 bekamen sie keinen Zugriff auf den immer stärker werdenden Marin und die Viererkette ließ sich häufig auseinander reißen. Einzig die Effizienz vor dem Tor war beeindruckend. Mit Ausnahme des etwas glücklichen dritten Tores waren die (wenigen richtigen) Angriffszüge stark kombiniert und gut zu Ende gespielt. Mit etwas mehr Glück wäre so ein Unentschieden drin gewesen, was angesichts der Bremer Dominanz über 70 Minuten sehr schmeichelhaft gewesen wäre.

3. Auswechslungen

Schon wieder ein Spiel, in dem Schaafs Wechsel entscheidenden Einfluss nehmen. Letzte Saison war dies mangels Alternativen auf der Bank nur selten zu sehen. Nun hat er genügend Optionen und weiß sie auch zu nutzen: Arnautovic eingewechselt und getroffen, Wesley eingewechselte und getroffen, Ekici eingewechselt und einen Elfmeter herausgeholt. Der Konkurrenzkampf wird größer werden und noch dürfen sich nur wenige Spieler mit einem Stammplatz sicher fühlen. Endlich muss die Bank nicht mehr mit Notlösungen aufgefüllt werden. Dies hat außerdem den Vorteil, Spieler wie Naldo oder Ignjovski ohne Druck an die Mannschaft heranführen zu können.

4. Hunt

Ein Spieler, den viele Werderfans am liebsten nicht mal in der Nähe der Startelf sehen möchten, ist Aaron Hunt. Die Anfeindungen gegenüber dem Spieler werden mir immer unbegreiflicher. Dass er aufgrund seiner schwachen Leistungen letzte Saison keinen Kredit bei den Fans hat, ist verständlich. Dass er nach wie vor bei jedem Fehler von den eigenen Fans beschimpft wird, kann ich jedoch nicht nachvollziehen. Hunt stand bislang drei mal in der Startelf und hat drei mal ordentlich bis gut gespielt. Kein Grund für Euphorie, aber warum kann man nicht wenigstens anerkennen, dass er sich jetzt reinhängt und seine Chance nutzen will? Hunt ist einer der wenigen Spieler, die fast immer den direkten Passweg suchen. Als solcher ist er schon von Natur aus mehr von seinen Mitspielern und deren Laufwegen abhängig, als etwa Marin oder Ekici. Zu seinem Ruf als Mitläufer trägt das natürlich ebenso bei, wie seine (Zitat Schaaf) schreckliche Körpersprache. Man sollte sich über seine Erfolgserlebnisse, wie den souverän verwandelten Elfmeter, das clevere Verzögern vor dem Pass auf Schmitz vor dem 1:1 oder die Einleitung von Thys Großchance gegen Leverkusen, freuen – wie bei jedem anderen Werderspieler auch!

5. Pizarro

Muss man eigentlich noch erwähnen, wie wichtig Pizarro für Werders Angriffsspiel ist? Mit ihm ist Werders Offensive eine Klasse besser. Angesichts seiner Verletzungsanfälligkeit in der letzten Saison mag man gar nicht darüber nachdenken, aber ein fitter Pizarro, der >25 Spiele in dieser Saison macht, kann den Unterschied zwischen europäischem Wettbewerb und Mittelmaß ausmachen. Wie er vor dem 2:1 die Situation erkennt, den Ball nur leicht touchiert, um an seinem Gegenspieler vorbei zu gehen… absolutely top drawer!

6. Wesley

Wesley wird für mich immer mehr zum Mysterium. Wie kann ein Spieler einerseits so grundlegende Dinge immer wieder falsch machen, aber auf der anderen Seite so ein großartiger Fußballer sein? Wesley ist eine der größten Aufgaben für Schaaf in dieser Saison. Gelingt es ihm, aus Wesley einen großen Spieler zu formen? Momentan ist er trotz seiner entscheidenden Aktionen gegen Kaiserslautern und Freiburg für mich kein Kandidat für die Startelf. Stellt er die haarsträubenden Fehler in seinen Laufwegen ab und lernt das Spiel auch ohne Ball am Fuß schnell zu machen, wäre er wegen seiner sonstigen Qualitäten hingegen zwingend ein Spieler für die Startelf. Bis dahin halte ich es wie bei Hunt und freue mich über seine Erfolgserlebnisse.

7. Balance

Das Spiel gegen Freiburg war das komplette Gegenstück zum 0:1 in Leverkusen. Das Team hat gezeigt, dass es sowohl zu konzentrierten und disziplinierten Defensivleistungen als auch zu Offensivwirbel fähig ist – jedoch nicht beides zur gleichen Zeit. Diese Balance hat Werder in den letzten fünf Jahren häufig vermissen lassen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist dies weder verwunderlich noch (angesichts der Zielsetzung) ein großes Problem. Gegen starke Gegner kann man ruhig abwartend agieren, wie in Leverkusen. Der eine oder andere Punkt wird dabei herausspringen. Gegen die schwächeren Teams, gerade bei den Heimspielen, dürften wir noch die eine oder andere Achterbahnfahrt zu sehen bekommen. Solange man hierbei am Ende häufiger oben als unten stehenbleibt, sollte es reichen, um sich in der Hinrunde in der oberen Tabellenhälfte zu etablieren. Bis zur Rückrunde ist man dann hoffentlich so gefestigt, dass man den internationalen Wettbewerb angreifen kann. Es ist zwar reichlich unromantisch, aber mit dieser Politik der kleinen Schritte könnte ich angesichts der letzten Saison ganz gut leben.

Sensation: Goliath besiegt David

Bundesliga, 8. Spieltag: Werder Bremen – SC Freiburg 2:1

Freiburg hatte nicht alle Steine auf der Schleuder. Zum Glück.

Wem der Vergleich mit David vs. Goliath angesichts der Tabellensituation vor dem Spiel unangemessen erscheint, sollte sich die letzten Spiele zwischen Werder und Freiburg kurz in Erinnerung rufen: 4:0, 6:0, 4:1, 6:0. Freiburg bekam an der Weser schon häufiger den Hintern versohlt. Noch häufiger jedoch im heimischen Stadion, wenn die Bremer zu Gast waren. Vor einem Jahr war das Duell der Höhe- und gleichzeitig Wendepunkt einer bis dahin hervorragenden Hinrunde. Diesmal war die Ausgangsposition eine andere:

Auf der einen Seite ein Team, das schönen Fußball spielt, gut harmoniert, eine gute Raumaufteilung hat und den Gegner schon früh durch Pressing unter Druck setzt. Auf der anderen Seite – Werder Bremen. In der Anfangsphase schienen sich die neuen Kräfteverhältnisse zu bestätigen. Freiburg trat mutig auf und ziegte durch die Struktur im eigenen Spiel Werders Schwächen deutlich auf. Werder ist trotz aller Probleme trotzdem noch ein Goliath, der den David Freiburg zerquetschen kann, wenn dieser nicht aufpasst. Freiburg war über 90 Minuten das Team mit der besseren Spielanlage, doch machte erstaunlich wenig daraus. Wann immer sich die Bremer anfällig zeigten, schossen die Freiburger nicht scharf. Letztlich kann sich daher kein Freiburger über das Ergebnis beschweren.

Werder spielte bis zur Einwechslung Pizarros ein 4-2-3-1 mit Almeida als einziger Spitze. Letztlich ist es fast schon egal, welche Formation Thomas Schaaf auswählt. Im Ergebnis entsteht zu häufig ein konfuser Haufen, der zwar für den Gegner schwer ausrechenbar ist, aber auch einen strukturierten Spielaufbau sowie eine stabile Defensive erschwert. Auch vor einem Jahr spielte Werder kein statisches System, doch die Rochaden wirkten in sich stimmiger und die beteiligten Spieler besser aufeinander eingestellt. Immerhin: Fortschritte waren zu erkennen, wenn auch keine Quantensprünge. Das defensive Mittelfeld machte einen ganz guten Eindruck und bei Mikael Silvestre sollte derzeit jede kleine Verbesserung hervorgehoben werden. Es ist noch ein weiter Weg, bis er eine Verstärkung für Werder wird, aber gegen Freiburg waren die Ansätze schon deutlicher zu erkennen als zuletzt. Beim Gegentor gab er dann wieder eine schlechte Figur ab. Ansonsten war das defensiv einigermaßen solide und ein paar Akzente nach vorne waren auch dabei.

Zum Glück ist Freiburg keine Spitzenmannschaft. Nach vorne war das alles sehr zaghaft, was Robin Dutts Spieler versuchten. Trotzdem hätte es am Ende fast zu einem Punkt gereicht. Der Stein aus Yanos Schleuder verfehlte Goliaths Kopf jedoch in letzter Sekunde. Allerdings hätte Werder bis zu jener Schlussminute schon höher führen und das Spiel entscheiden können. Die offensive Dreierreihe hinter Stoßstürmer Almeida harmonierte jedoch nicht so recht und Marko Marin traf (wie schon vor zwei Wochen in Leverkusen) zu häufig die falsche Entscheidung, wenn sich Gelegenheiten für ihn boten. Dazu fiel er mit einem wirklich hässlichen Foul auf, das Schiedsrichter Rafati unverständlicherweise nicht mit einer Karte ahndete. Über deren Farbe hätte man diskutieren können. Marin geht mit offener Sohle auf das Schienbein des Verteidigers. Zum Glück war die Geschwindigkeit nicht ganz so hoch, ansonsten wäre es ein potenzielles Knochenbrecherfoul gewesen. Ich hätte mich über einen Platzverweis nicht beschwert.

Für mich ist derzeit nicht ersichtlich, ob es einen wirklichen Aufwärtstrend bei Werder gibt, oder ob es letztlich nur die individuelle Klasse ist, die uns zuletzt vor weiteren Enttäuschungen bewahrt hat. Mit Frings, Fritz und Pizarro kamen drei schmerzlich vermisste Spieler ins Team zurück. Die Mannschaft sollte nun eine deutlichere Struktur bekommen, denn wir werden schon bald wieder auf Gegner treffen, die eine überlegene Raumaufteilung auch in entsprechende Ergebnisse ummünzen können. Letztlich brauchte es auch gegen Freiburg die Einwechslung eines fünften Offensivmanns vor dem nun einzigen 6er Frings, um das Spiel zu gewinnen. Hannover hatte einen ähnlichen Versuch noch vor wenigen Wochen gnadenlos bestraft. Am Samstag sind wir damit durchgekommen.

30. Spieltag: Comeback Kid

Werder Bremen – SC Freiburg 4:0

Vor einer Woche schrieb ich noch, Werders Bundesligasaison sei beendet. Einem erwarteten Sieg gegen Freiburg, einem vorhersehbaren Punktverlust Leverkusens und einer halbwegs überraschenden Dortmunder Niederlage sei dank, widerspricht mir die Tabelle seit gestern wieder. Werders Schlussprogramm hält meinen Optimismus nach wie vor in Grenzen, da ich mir nicht vorstellen kann, dass Werder sich keinen Punktverlust mehr erlaubt. Dazu sind die verbleibenden Gegner zu stark, dafür ist Werder zu unkonstant. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren!

Der Sieg gegen Freiburg war natürlich verdient. Was der SC in der zweiten Halbzeit ablieferte, lud Werder geradezu zum Toreschießen ein. Es hätte auch gut und gerne wieder ein 6:0 geben können. Werders Leistung fand ich über 90 Minuten gesehen gut, wenn auch nicht so überragend, wie es das Ergebnis vormacht. Man hatte Freiburg fast über die gesamte Spieldauer im Griff, war sehr ballsicher und kombinierte sich immer wieder flüssig und ansehnlich vors Tor. Was mich jedoch gestört hat, war die Fahrlässigkeit, mit der Werder (mal wieder) in der Anfangsphase vorging. Ein Fortschritt zwar, dass die Defensive nie ihre Ordnung verloren hat. In Einzelaktionen (Naldo!) kamen aber einige Male die Unzulänglichkeiten zum Vorschein. Normalerweise muss Freiburg nach 10 Minuten in Führung gehen. Bringt Makiadi den Abpraller aus 8 Metern aufs Tor, ist es zu 80% das 0:1. Danach lief es aber immer besser und ich bin mir nicht sicher, ob es nur an Werders geduldigem Spielaufbau lag, doch Freiburg rannte mit zunehmender Spieldauer nur noch hinterher und konnte überhaupt nicht mehr für Entlastung sorgen. Wichtig, dass in der ersten Halbzeit noch das Tor fällt und Werder nicht gezwungen wird, noch konsequenter nach vorne zu spielen. Pizarro unterstreicht dabei wieder mal seine Klasse. Beim 2:0 durch Hunt zeigt sich dann schon, dass Freiburg kapituliert hat, was angesichts ihrer Tabellensituation überrascht. Danach hatte Werder leichtes Spiel, konnte ungestört sein Programm runterspielen, wobei vor allem Özil glänzte.

Was ich bemerkenswert finde: Barcelona sei dank ist es inzwischen wieder schick, ein Spiel mit viel Ballbesitz und konsequentem Positionsspiel zu gestalten. Dazu braucht es natürlich ein hohes Maß an Ballsicherheit und Passgenauigkeit. Während bei Werder die Tendenz in den letzten Jahren in Richtung Free Form und ständigen Positionswechseln (Baumann ausgenommen) im Mittelfeld ging, entwickelte sich das Spiel bei einigen Mannschaften in die andere Richtung. Spätestens seit Barcelonas Champions Leauge Triumph nimmt die Zahl der Mourinho-Jünger augenscheinlich ab. Der Querpass, vor kurzem noch fast ein Schimpfwort, kommt wieder in Mode. Vor kurzem noch wurde jeder Ball, der nicht direkt vertikal nach vorne gespielt wurde, als Zeitverschwendung angesehen. Mir persönlich gefällt das ganz gut, ich mag Mannschaften, die aktiv (sprich: mit Ballbesitz) versuchen, das Spiel zu gestalten und nicht in erster Linie gegen den Ball arbeiten, um dann sporadisch, aber blitzartig zu kontern. Auch wenn es natürlich nur selten so elegant aussieht, wie bei Barca oder der spanischen Nationalmannschaft. Die Bayern unter van Gaal sind ein gutes Beispiel, wie so ein System aussehen kann. Dort ist längst noch nicht alles perfekt und die Mannschaft tut sich noch schwer, diese Spielweise in Tore umzuwandeln. Zum Glück haben sie Robben. Und Olic. Wie sie gegen Manchester zurückkamen war schon beeindruckend, nicht nur vom psychologischen Aspekt her. Nach dem Platzverweis haben sie konsequent ihren Stiefel runtergespielt, ohne Hektik, ohne Panik, den Ball von einer Seite zur anderen gespielt. Immer auf der Suche nach dem Fehler. Es war dann letztendlich eine Standardsituation, die das Spiel entschied, aber viel wichtiger war für die Bayern, dass sie sich Uniteds Stürmer vom Leib halten konnten. Mit Rooney hatte sich Sir Alex verzockt, Valencia war ins Mittelfeld eingebunden und Nani konnte alleine keine so große Gefahr mehr darstellen wie noch in Hälfte 1. Deshalb war es am Ende trotz der katastrophalen ersten Halbzeit nicht unverdient, dass Bayern weiterkam.

Barcelonas Spiel ist dann noch mal ein bis zwei Stufen ausgereifter. Die Spieler sind seit Jahren, zum Teil seit frühester Jugend, an das System gewöhnt. Die Mannschaft ist nicht nur was das Passspiel angeht eine Klasse für sich, sondern auch was die Balleroberung in der gegnerischen Hälfte angeht. Der Ball wird nicht nur lange gehalten, sondern das zum Großteil in der Zone, wo es für den Gegner gefährlich wird, wenn er nicht mit voller Konzentration gegen den Ball arbeitet. Und dann hat man natürlich auch die Spieler, die diese Gelegenheiten ausnutzen können. Barcas Gegner am Dienstag hat seine Stärken nicht im Spiel gegen den Ball. Es war klar, dass Arsenal das Spiel anders angehen musste als im Hinspiel. Dass man Barcelonas Mittelfeld früher unter Druck setzen und das Spiel weiter vom eigenen Tor entfernt halten musste. 20 Minuten lang klappte das auch sehr gut. Danach kam Messi und Arsenal glitt das Spiel aus den Händen. Eine Mannschaft, der fünf Spieler aus der Startelf fehlen, hat schon mit genügend Problemen zu kämpfen. Ein Messi, der das Repertoire der Sportjournalisten an Superlativen längst aufgebraucht hat, ist dann einfach zu viel. Die beiden Spiele legen aber nahe, dass Arsenal im Camp Nou auch in Bestbesetzung nicht allzu hoch gewonnen hätte. Was angesichts der tollen Offensive immer wieder übersehen wird: Barcelona hat in dieser Saison in 31 Spielen erst 19 Gegentore kassiert. Letzte Saison waren es bei 105 (!!!) geschossenen Toren insgesamt vergleichsweise geringe 35 Gegentore. Ein Beleg für die platte Aussage “Angriff ist die beste Verteidigung”? Eher dafür, dass kontrolliertes Spiel mit viel Ballbesitz dem Gegner wenige Tormöglichkeiten einräumt.

Um nochmal den Bogen zurück zu Werder hinzubekommen: Die Bayern zeigen momentan ganz gut, dass man mit konsquentem Positionsspiel Erfolg haben kann, auch wenn man nicht Barcelona ist. Bayerns Abwehr wirkt alles andere als gefestigt, dennoch hat man mit die wenigsten Gegentore der Liga gefangen. Vorne machen im Zweifel die Ausnahmespieler den Unterschied. Man muss nicht 90 Minute lang anrennen und dem Gegner die Konter auf dem Silbertablett servieren, um zum Torerfolg zu kommen. Mit Pizarro hat Werder einen der besten Stürmer der Liga, mit Marin und Özil zwei dribbelstarke Spieler, die auch über die Außenpositionen immer wieder für Gefahr sorgen. Mit der Kombination Bargfrede/Frings kann man gegen die meisten Gegner das zentrale Mittelfeld kontrollieren. Vielleicht kann die Mannschaft mit der zweitbesten Chancenverwertung der Liga wieder ein wenig Angriffswucht zugunsten von mehr Spielkontrolle aufgeben? Gegen Freiburg war das für mich das Erfolgsrezept. Wobei man nicht vergessen darf, dass Werder vor nicht langer Zeit noch das gegenteilige Problem hatte, wenn ich an die Jahre nach der Doublesaison denke, als man Gegner teilweise über 90 Minuten beherrschte und hinten rein drückte, ohne das entscheidene Tor zu erzielen. Irgendwas ist halt immer.

13. Spieltag: Inspiriert

SC Freiburg – Werder Bremen 0:6

Tabellenführer – ein schönes Wort. Wenn auch erstmal nur für einen Tag. Wenn auch nur im November. Gestern hat Werder  gespielt, wie ein kommender Meister. Gegen Freiburg hat Werder schon oft gespielt, wie ein kommender Meister. Zuletzt vor fünf Jahren, da hat man auch mit 6:0 gewonnen. Damals wurde zwar man nicht Meister, doch am Ende stand immerhin ein Champions League Platz. Mehr habe ich Werder bislang auch nicht zugetraut. Bis gestern.

Freiburg ist kein Gegner, der sich als Maßstab für die Meisterwürdigkeit einer Mannschaft eignet. Es wäre also durchaus angebracht, vor übertriebener Euphorie zu warnen, doch danach ist mir heute nicht. Vielleicht werde ich in ein paar Wochen geknickt registrieren müssen, dass es gegen Schalke oder den HSV doch nicht gereicht hat und man Boden auf die Konkurrenten verloren hat. Wer sich weit aus dem Fenster lehnt, muss damit rechnen, heraus zu fallen (wer es nicht glaubt, der frage mal bei Hertha BSC nach). Durchaus nachvollziehbar, dass sich Spieler, Trainer und Verantwortliche davor hüten, zu früh das böse Wort mit M in den Mund zu nehmen. Die Boulevard-Medien warten nur darauf, solche Aussagen in großen Lettern zu drucken und sie den Urhebern ein paar Wochen und Niederlagen später wieder um die Ohren zu hauen.

Auch unter den Fans ist die Vorsicht größer geworden, vor allem bei denen, die auch bloggen. Wer, sagen wir, Fan von Bayer Leverkusen ist, hat sich über die Jahre einen so dicken Schutzpanzer angelegt, dass er Worte wie “Meisterschaft” oder “Titelkandidat” gar nicht mehr an sich ran lässt. Beim HSV wirken die traumatischen Erfahrungen des letzten Frühlings noch nach. Auf Schalke können sich nur die Dorfältesten noch an die letzte Meisterschaft erinnern, weshalb man trotz Felix Magath auf die Euphoriebremse tritt. Offen über die Meisterschaft wird eigentlich nur dort geredet, wo sie auch das ein oder andere Mal gewonnen wird. Doch selbst in München ist man dieser Tage mehr mit Selbstzerfleischung beschäftigt, als damit, die rückständigen Punkte möglichst schnell aufzuholen. Also, wenn denn niemand sonst will, dann eben wir. Wir haben uns lange in norddeutschem Understanding geübt und die Verantwortlichen dürfen das gerne auch so beibehalten, aber ich lehne mich heute aus dem Fenster und sage: Werder wird Meister 2010!

In der Vergangenheit haben wir gesehen, dass Werder die hohe Erwartungshaltung und das viele Lob nicht immer gut getan hat. Die Saison 2006/2007 stellte in dieser Hinsicht den Wendepunkt dar, ab dem das Team von der vielen Euphorie eher gehemmt als inspiriert wirkte. Konsequenterweise schaffte man es seit Februar 2007 auch nicht mehr auf den ersten Platz. Es gibt jedoch einige Dinge, die mich sehr zuversichtlich stimmen, dass es in dieser Saison anders sein wird:

  • Die Mannschaft lässt sich von Rückschlägen nicht umwerfen. Die letzte Saison erwies sich in dieser Hinsicht als Stahlbad: Auf Triumphe in den Pokalwettbewerben folgten peinliche Darbietungen in der Liga. Dieses ewige Auf und Ab muss auch dem letzten klar gemacht haben, dass man sich für konstant gute Leistungen keine Auszeiten nehmen darf.
  • Die Mannschaft tritt wieder als Team auf. Es gibt wenig Starallüren. Diegos Abgang wirkte sich in dieser Hinsicht teambildend aus, was ich keinesfalls als Kritik am Brasilianer verstanden wissen will. Das Vakuum, das er hinterließ, wird nun von mehreren Spielern ausgefüllt. Zu der von mir befürchtete Abhängigkeit von Mesut Özil ist es (bislang) nicht gekommen.
  • Die Mannschaft hat vorne wie hinten Stabilität. Vor allem in der Abwehr ist dies bei Werder nicht selbstverständlich. In der Defensive tritt Werder nicht mehr als Ansammlung (durchaus talentierter) Einzelspieler auf, sondern als Abwehrverbund. So kann man auch mal eine schwache Leistung, wie die gestern von Sebastian Boenisch kompensieren. Offensiv machen Özil, Hunt, Marin und Pizarro einfach nur Spaß. Das Toverhältnis von 29:10 spricht für sich.
  • Die Mannschaft kann mit Ausfällen umgehen. Zwar gibt es einige Positionen, auf denen die Stammspieler nicht adäquat ersetzt werden können, wie etwa im Tor oder in der Innenverteidigung, doch langsam bieten sich auch wieder Alternativen an. Etwa Hugo Almeida und Daniel Jensen, die fast die komplette bisherige Saison verletzt waren. Gestern musste Werder durch die Ausfälle von Frings, Borowski und Pizarro auf die geballte Erfahrung aus 820 Bundesligaspielen verzichten. Trotzdem war kein Qualitätsverlust festzustellen, was vor allem daran lag, dass Bargfrede und Jensen im zentralen Mittelfeld so gut harmonierten, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Ja, es gibt noch genügend Gründe, seine Restzweifel aufrecht zu erhalten. Etwa den insgesamt etwas zu dünnen Kader oder die leichten Defizite auf den Außenpositionen. Ja, es sind erst 13 von 34 Spieltagen absolviert und die Belastung durch die vermutlich wieder hohe Anzahl an Spielen wird immens sein. Ja, die Konkurrenz ist stark, Leverkusen wirkt gefestigt, beim HSV werden die Stürmer nicht ewig ausfallen und die Bayern muss man allein schon ihres Kaders wegen weiter ernst nehmen. Trotzdem sage ich es noch einmal: Werder wird in dieser Saison deutscher Meister. Punkt. Und wenn nicht, bin ich Schuld, weil ich es laut ausgesprochen habe.