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Ärgerlich, aber vermeidbar

Schalke 04 – Werder Bremen 2:1

Eine Stunde lang war Werder in der Veltins-Arena die bessere Mannschaft. Am Ende steht Schaafs junges Team jedoch mal wieder mit leeren Händen da.

Die Bremer Mauer

Werder begann im gewohnten 4-3-3 mit Lukimya für den angeschlagenen Prödl. Bei Schalke kam mit Papadopoulos für Uchida ebenfalls ein neuer Innenverteidiger ins Team. Werder verteidigte mit einem verhältnismäßig tiefen 4-1-4-1, durch das Schalke in der ersten Halbzeit kaum einen Weg fand. Abgesehen von einer Schrecksekunde direkt nach dem Anpfiff erspielten sich die Schalker keine weiteren Torchancen. Wie schon gegen Bayern zeigte Werder, dass man bei entsprechender Ausrichtung durchaus defensivstark sein kann. Dabei war es keine reine Mauertaktik, die Werder an den Tag legte. Bei Ballgewinn orientierten sich fünf Spieler nach vorne und auch Junuzovic und die beiden Außenverteidiger stießen gelegentlich dazu. Das in dieser Saison häufig praktizierte Angriffspressing fand hingegen selten statt, bzw. wurde situativ eingestreut.

Schalke bekam den Ball kaum durchs Bremer Zentrum in die gefährlichen Halbräume neben Junuzovic und spielte häufig über den starken rechten Flügel. Farfan brachte Schmitz einige Male in arge Bedrängnis, konnte sich jedoch nicht entscheidend durchsetzen. Auf der anderen Bremer Abwehrseite machten Selassie und Arnautovic defensiv sehr viel richtig und es gab kaum einen Stich für Afellay und Fuchs zu holen. Ansonsten fiel Schalke in den ersten 45 Minuten nicht viel ein. Werders Angriffe gegen den aufgerückten Gegner wirkten lange Zeit gefährlicher als die der optisch überlegenen Schalker. Beim Führungstreffer schaltet Werder gut um und Hunts starker Abschluss war ein Zeichen seiner derzeitigen Topform. Auch nach Standards zeigte sich Werder gefährlich: Sokratis traf mit einem Kopfball ebenso die Latte, wie De Bruyne mit einer direkt aufs Tor gezogenen Ecke.

Draxler bringt Schwung, Werder verliert den Kopf

Die Führung zur Pause war absolut verdient und Werder musste sich fast schon ärgern, dass es nur 0:1 stand. Nach dem Wechsel kam Schalke mit dem für Afellay eingewechselten Draxler etwas besser ins Spiel. Zwar fanden sie durch Werders Defensive nur selten einen vielversprechenden Weg, doch die Angriffe sahen strukturierter und zielstrebiger aus als in der ersten Halbzeit. Dennoch hatte Werder die beste Chance in dieser Phase, als sich De Bruyne im 1 gegen 1 gut durchsetzte und alleine aufs Tor zulief, dann jedoch von Schiedsrichter Meyer zu Unrecht wegen einem angeblichen Foul an Papadopoulos zurückgepfiffen wurde. Kurze Zeit darauf vertändelte Arnautovic an der eigenen Eckfahne den Ball und verursachte in der Folge einen Freistoß, der den Ausgleich der Schalker brachte.

Werder war nach dem Gegentor anzumerken, dass der Ärger über die vergebenen Möglichkeiten zuvor groß war. Man wollte wohl direkt die passende Antwort geben und sich nicht von Schalke hinten rein drücken lassen, verlor darüber jedoch die Kompaktheit, die Schalke bis dahin solche Probleme bereitet hatte. Das Spiel ging jetzt schneller hin und her, das Mittelfeld konnte nun auch von Schalke schneller überbrückt werden, was den Königsblauen in die Karten spielte. Zehn Minuten nach dem Ausgleich war dann Murmeltiertag bei Werder. Nach einer eigenen Ecke wurde man im 4 gegen 4 ausgekontert, wobei sich zunächst alle Spieler auf den Ballführenden konzentrierten und Jones auf der rechten Schalker Angriffsseite übersahen. Danach spielte Schalke den Konter gut zu Ende. Zwei Spieler zogen in die Mitte und banden so die komplette Viererkette, was Draxler auf der anderen Seite den Raum gab, Jones Querpass zu verwerten.

Fragwürdige Wechsel, schwache Schlussphase

Nun musste Werder offensiver werden und das Spiel mehr in die eigene Hand nehmen, was Schalkes Kontertaktik begünstigte. In den letzten 20 Minuten waren denn auch die Schalker die gefährlichere Mannschaft, während sich Werder erfolglos abmühte. Es war nicht ganz ersichtlich, mit welcher Taktik man nun zum Erfolg kommen wollte. Die meisten Angriffe gingen weiterhin über die Flügel, ohne in der zweiten Halbzeit auch nur eine Flanke zu schlagen. Mit der Einwechslung von Akpala als zweiter Spitze und die damit verbundene Umstellung auf ein 4-4-2 sollte Werders Spiel noch direkter werden, jedoch mangelte es an Kreativität vor dem Strafraum. Einzig Füllkrug zog über links einige Male erfolgsversprechend vor das Schalker Tor. Dass Mehmet Ekici in einer solchen Situation nicht eingewechselt wurde und der in der zweiten Halbzeit oft indisponierte De Bruyne durchspielte, spricht Bände. Vielleicht sollte man Ekici die Nominierung für den Kader zukünftig ersparen und schon mal nach einem Abnehmer in der Winterpause suchen. Unter Schaaf wird er in Bremen nicht mehr glücklich.

Stattdessen kam dann Abwehrspieler Prödl als weiterer Stürmer aufs Feld. Ein Wechsel, den man schon allein aufgrund der fehlenden Flanken hinterfragen muss. Auch über den späten Zeitpunkt der Wechsel darf man diskutieren. Schaafs Entscheidungen legen nahe, dass er kein allzu großes Vertrauen in seine Bank hat. Nach dem Rückstand setzte er auf Brechstange statt auf neue spielerische Impulse. Dennoch (oder genau deswegen?) hätte Werder mit dem Schlusspfiff fast noch den Ausgleich erzielt, doch Selassies Kopfball wurde von Holtby auf der Linie geklärt.

Destination unknown

Unterm Strich steht eine unglückliche, aber eben auch vermeidbare Niederlage, da man nach dem Schalker Ausgleich die Konzentration verlor und nicht mehr in der Lage war, das eigene Spiel umzustellen. Obwohl fast alle Statistiken (Torschüsse, Ecken, Zweikämpfe, Laufleistung)  am Ende für Werder sprachen, hatte Werder Schalke nur solange im Griff, wie man sich vornehmlich auf die Defensive konzentrierte und kompakt stand. Ein Stück weit kann man es sicher auf die Unerfahrenheit der Mannschaft schieben, dass Werder nach Schalkes Ausgleich den Kopf und in der Folge den Faden verlor. Erneut ist jedoch auffällig, dass die Fehler die gleichen sind, die in den letzten Jahren von anderen (erfahreneren) Werderspielern begangen wurden. Daraus kann jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.

Nach einem Drittel der Saison steht Werder auf Platz 9 der Tabelle und noch deutet sich nicht so richtig an, wohin die Reise gehen wird. Mit dem Abstieg sollte man nichts zu tun haben, dafür sind Qualität und Kampfbereitschaft der Mannschaft zu groß. Von den internationalen Plätzen ist Werder nicht weit entfernt, doch ein Verein, der seit über einem Jahr keine zwei Spiele am Stück gewonnen hat, täte gut daran, die Gedanken an die europäischen Startplätze hinten anzustellen. Da helfen auch alle Klagen, dass Werder doch einige Male äußerst unglücklich Punkte gelassen hat, nicht weiter, zumal man dafür gegen Mainz und Freiburg relativ glücklich gewonnen hat.

(Zu der Angelegenheit Allofs / Werder / Wolfsburg äußere ich mich hier vorerst nicht.)

Stahlbad

Bundesliga, 13. Spieltag: Schalke 04 – Werder Bremen 4:0

Ich bin Jahrgang 1981. Einige Monate vor meiner Geburt stieg Werder wieder in die Fußballbundesliga auf. Seitdem stand Werder in 29 Spielzeiten am Ende der Saison 27 mal in der oberen Tabellenhälfte. Als Werder das erste Mal in der unteren Tabellenhälfte stand, war ich 17 Jahre alt. Beim zweiten Mal 27. In beiden Jahren gewann Werder den DFB-Pokal. Selbst die schlechteste Saison, die ich als Fan jemals durchlitten habe, wäre für (mindestens) die Hälfte der Bundesliga ein Erfolg.

Mit dem Erfolg wachsen die Ansprüche. Sie müssen wachsen, weil es im Fußball keinen Stillstand gibt. Immer weiter, sonst wird man von den anderen abgehängt. Meister kann man in Bremen nicht jedes Jahr werden (wenn man sich die Statistik entsprechend hinbiegt, ist Werder in den letzten 16 Jahren nur einmal Meister geworden), aber die Champions League Qualifikation kann man schon erwarten. Erfolg begünstigt Erfolg. Der Kader wird teurer und hochwertiger, die Spieler talentierter und anspruchsvoller.

Zwar war allen Beteiligten bewusst, dass es auch mal eine schlechte (sprich: erfolglose) Saison geben würde. Dass es einmal nicht reichen würde, kurz vor Schluss noch auf Platz 3 zu springen. Dass man dies einmal nicht mit Erfolgen im Pokal überdecken könnte. Das macht das Jahr X nicht unbedingt schöner, aber zumindest ein wenig erträglicher, da man sich schon vorher damit auseinandergesetzt hat. Man hat sich das Mantra immer wieder ins Gehirn eingeprägt: “Irgendwann wird es auch uns treffen.”

Es trifft jeden einmal. Selbst die Bayern traf es 1992. Leverkusen rutschte 2002 direkt vom Champions League Finale in den Abstiegskampf. Den HSV hat es 2007 erwischt, die Hertha 2004 und dann schließlich 2010. Borussia Dortmund ging 2003 mit lautem Knall und war drei Jahre zuvor lange im Abstiegskampf. Auch Schalke hat es schon oft genug erwischt, genau wie die Traditionsmannschaften aus Kaiserslautern, Köln, Mönchengladbach und Nürnberg. Vielleicht sind wir einfach mal fällig.

Und trotzdem erwischt es einen immer auf dem falschen Fuß. Es sind nicht die Jahre, in denen man wirklich damit rechnet. 2003 schien es aussichtslos, 2006 – nach Micouds Abschied – war zumindest eine gewisse Verunsicherung da. Es erwischte uns erst 2008/09, als mit Pizarro die Qualität in den Angriff zurückkehrte. Doch da gab es ja den Pokal und den UEFA-Cup. In diesem Jahr sah es nicht unbedingt rosig aus, aber insgesamt konnte man bei Werder wieder einen starken Kader erkennen, mit dem man erfolgreich um die vorderen Plätze mitspielen sollte.

Nun steht Werder nach dem 13. Spieltag mit 15 Punkten auf Platz 12. So klingt Mittelmaß. Die 31 Gegentore klingen schon eher nach Abstiegskampf. Rein tabellarisch ist mit 6 Punkten Rückstand auf die internationalen Plätze noch vieles möglich, doch darauf gibt es nach den zuletzt dargebotenen Leistungen keinen Grund zur Hoffnung. Auch die Pokalwettbewerbe werden keine Linderung mehr verschaffen.  Es läuft alles schief, möchte man meinen, zumindest aber sehr vieles. 0:10 Tore in den letzten drei Spielen, dabei einen Punkt geholt (angesichts des Torverhältnisses fast schon ein Erfolg) und den Eindruck einer ausgelaugten, zerbrechlichen und in vielen Teilen unstimmigen Mannschaft hinterlassen. Was steht uns noch alles bevor?

Die Liste für die Fehleranalyse ist lang und wird immer länger. Was ist Ursache, was Wirkung? Wo sind die positiven Ansatzpunkte? Welche Störfaktoren müssen beseitigt werden? Auch für die Verantwortlichen wird es immer schwieriger diese Fragen zu beantworten. Ist die viel beschworene “Werderfamilie” Teil des Problems geworden? Braucht es größere Umwälzungen im Verein? Sollen wir alles in Frage stellen, weil wir ein paar Fußballspiele verloren haben? “In Frage stellen” ist gut. In erfolgreichen wie erfolglosen Zeiten sollte man sich von Zeit zu Zeit fragen, ob man wirklich auf dem richtigen Weg ist. Grundsätzlich und losgelöst von aktuellen Trends oder Ergebnissen.

Es sind aber nicht wir Fans, die sie beantworten müssen, obwohl jeder von uns seine Meinung dazu hat und umso lauter kundtut, je länger die sportliche Krise des Vereins andauert. Zunächst müssen die Spieler sie beantworten, dann der Trainer, der Vorstand und schließlich der Aufsichtsrat. Letztlich geht es darum zu unterscheiden, ob es für uns einfach one of those years ist, oder ob das Schiff in eine falsche Richtung gesteuert wird.

Einige Vereine erholten sich von ihren Seuchenjahren nie wieder. Kaiserslautern, Nürnberg, Gladbach und Köln waren schon lange nicht mehr Gast in den vorderen Tabellenregionen. Andere kamen schon im Jahr drauf zurück: Leverkusen 2004 oder Hertha 2005. Wiederum andere mussten erst durch ein Stahlbad gehen, um langsam wieder den Anschluss zu finden. So ging es uns in den Jahren zwischen 1995 und 1999. So ging es Borussia Dortmund seit 2004. Nun ist die Zeit des BVB gekommen. Irgendwann wird auch unsere Zeit wieder kommen. Das neue Mantra.

33. Spieltag: Meistermacher

Schalke 04 – Werder Bremen 0:2

Ich glaube es immer noch nicht.

Über die Unglaublichkeit unserer Ausgangssituation vor dem letzten Spieltag möchte ich mich gar nicht auslassen. Wir wissen alle noch, wo wir vor drei Monaten standen. Außerdem bliebe dafür nach Saisonende noch genügend Zeit. Vorher glaube ich es eh nicht. Auch wenn ich mich in ein abergläubisches Wrack verwandelt habe, das ist es mir Wert. Ich halte es mit den Römern: Non succede, ma se succede… Es wird nicht passieren, aber wenn es passiert. Aber es passiert nicht. Punkt.

Unglaublich finde ich vielmehr, dass Werder auf Schalke gewonnen hat – und vor allem wie! Vorab: Es gab sicherlich bessere Fußballspiele in dieser Saison und Werder hat auch schon besser Fußball gespielt, als am Samstagnachmittag in Gelsenkirchen. Doch Werder ist nicht nach Schalke gefahren, um dort “guten” (sprich: schönen) Fußball zu spielen. Werder ist dorthin gefahren, um drei Punkte zu holen. Und Werder ist dorthin gefahren und hat drei Punkte geholt. Werder hat zu Null gespielt. Werder hat kompakt gespielt und Schalke kommen lassen. Werder hat die Chancen eiskalt ausgenutzt. War das wirklich unser Werder? Oder haben die Mannschaften schon vor dem Spiel die Trikots getauscht?

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich an diese Verwandlung gewöhnt hatte und es fiel mir bis zum Abpfiff schwer, es richtig einzuordnen. Ich war dabei nicht alleine. Marcel Reif kommentierte dieses Spiel von der Prämisse aus: “Werder: Schönspieler, Schalke: Malocher, Magath: Taktikgott.” Haben wir ja auch alle so gelernt. In Reifs Alter denkt man aber nicht mehr um. Es sei denn, man eignet sich die Jovialität Franz Beckenbauers an und nimmt die Dinge so, wie sie passieren, ohne nach tieferem Verständnis zu streben. Doch die meisten von uns sind keine Lichtgestalten, und so lassen wir uns erleuchten von dem, was wir in der Arena auf Schalke gesehen haben.

Lange Zeit schien es das Spiel der Schalker zu sein: Das zweikampfbetonte Spiel mit wenig Raum und noch weniger Glanz. Das Neutralisieren des gegnerischen Spiels. Das Niederringen durch körperliche und taktische Überlegenheit, durch höchste Disziplin. Und schließlich das Ausnutzen der sich bietenden Chancen in dem Bewusstsein, dass man nicht viele bekommen könnte. Gestern war es das Spiel der Bremer. Woher sollten wir es wissen? Andersherum war es so viel wahrscheinlicher. Magaths Schalker sind Meister im Aufspüren und Ausnutzen der Schwächen ihrer Gegner. Und Werders Schwächen sind so offensichtlich. Die besten Bluffs sind aber die, die man erst erkennt, wenn es schon zu spät ist. So ging es gestern den Schalkern und wenn Magath regelmäßig für seine taktischen Meisterleistungen gelobt wird, steht diese Ehre nun Thomas Schaaf zu.

Etwas überraschend kehrte Werder gegen Schalke zur Raute mit zwei echten Spitzen zurück. Noch überraschender agierte Regisseur Mesut Özil alleine hinter den Spitzen, mit drei defensiv ausgerichteten Mittelfeldspielern in seinem Rücken. Es war eine “klassische” Interpretation der Mittelfeldraute, ein 4-3-1-2. So lässt es Schaaf nur selten spielen. Bargfrede und Borowski auf den Halbpositionen kümmerten sich vorwiegend um das Spiel gegen den Ball, sorgten bei Bedarf für Überzahlspiel in der Mitte und halfen vor allem auf den Außen aus. So kam es, dass Werder fast immer sieben Spieler hinter dem Ball hatte und das Spielfeld durch die tief stehende Viererkette für den Gegner deutlich größer machte, als gewöhnlich. Gegen Schalke erwies sich das als wirksame Taktik. Platz im Mittelfeld hilft einer spielerisch noch immer beschränkten Mannschaft nicht viel weiter, zumal Pizarro, Almeida und der gewohnt offensive Özil die Schalker Hintermannschaft davon abhielten, sich spürbar ins Angriffsspiel der Gastgeber einzuschalten. So hatten die Schalker plötzlich 57% Ballbesitz und wussten kaum, was sie damit anfangen sollten. Immer wieder versuchten sie es über die Flügel, vor allem über die starke rechte Seite, wo Werder ihnen jedoch keinen Platz ließ.

Werders Offensivspiel war verhältnismäßig eindimensional: Der Spielaufbau fand wie immer durch die Mitte statt, wo Frings zum Regisseur wurde. Die Verbindungsspieler auf den Halbpositionen hielten sich vornehm zurück, was auch erklärt, warum Özil über weite Strecken in der Luft hing. Frings spielte vornehmlich lange Bälle in die Spitze, was naturgemäß Pizarro und Almeida mehr entgegenkam, als dem kleinen Özil. Hier zeigte sich dann auch ein großer Unterschied zu Schaafs sonst favorisierter Raute: Özil wartete gestern im toten Raum hinter den Spitzen auf seine Chance, statt sich im Spielaufbau nach hinten fallen zu lassen und die Bälle in der eigenen Hälfte abzuholen. Hätte er sich mehr ins Aufbauspiel eingeschaltet, wen hätte er anspielen sollen?

Eine gute Taktik garantiert allein aber noch keinen Erfolg. Und so brauchte auch Werder einen nicht zu kleinen Anteil an Glück (oder Zufall oder Schicksal oder wie man es auch immer nennen mag). Nachdem es 20 Minuten lang im Sinne der taktischen Ausrichtung lief, bekam Schalke einen Fuß in die Tür zwischen Werders kompakt stehender Defensivabteilung. Eine fehlerfreie Vorführung gegen die Schalker wäre auch etwas viel verlangt, schließlich werden diese nicht von ungefähr Vizemeister. Den dicksten Bock leistete sich kurz vor der Pause Per Mertesacker, der anschließend versuchte zu reparieren und dabei gehöriges Glück hatte, dass Schiedsrichter Kircher nicht auf Elfmeter entschied. In meinen Augen ein klares Foul. Die Situation war im Nachhinein ein Wendepunkt in diesem Spiel. Sie als die spielentscheidende Situation zu bezeichnen, wie Magath es nach dem Abpfiff tat, ist dann aber doch etwas hoch gegriffen. Marko Marin machte nach dem Spiel gegen Frankfurt Anfang des Jahres eine ähnliche Aussage. Ich sage heute wie damals: Wer Meister werden will, der sollte sein Pulver nicht schon nach 40 Minuten verschossen haben. Und Schalke tat in der zweiten Hälfte nicht genug, um nach dem Spiel einzig auf die Elfmeterszene verweisen zu können. Bei allem Verständnis für die Enttäuschung, als Verschwörungstheoretiker macht Magath keine gute Figur. Weder er noch seine Schalker hätten es zudem nötig. Die Fans spürten das in der Schlussphase auch und feierten ihre Mannschaft, der vor der Saison nicht viele – auch ich nicht – eine solche Saison zugetraut hatten.

Wie so oft waren es dann Kleinigkeiten, die das Spiel und auch dessen Bewertung von außen entschieden. Nach dem Wechsel suchten die Schalker weiter ihr Glück in der Offensive. Vielleicht war es der Zwischenstand aus München, der ihre Köpfe ungeduldig und ihre Beine schwer werden ließen. Gerade, als man überlegte, ob Werders pomadige Spielweise wirklich Absicht sein könnte, schlugen die Grün-Weißen zu. Zunächst ließ Mesut Özil seine Torchance noch liegen, doch kurze Zeit später zeigte er seine ganze Klasse. Er zeigte, dass er es auch anders kann. Dass es bei ihm nicht nur Hopp oder Top gibt. Dass er auf seine Chance lauern kann, ohne das Selbstvertrauen zu verlieren. Sein Dribbling hätte andere Kommentatoren zu Begeisterungsstürmen verleitet, doch es war weder Robben noch Ribery noch Messi und deshalb durfte nicht sein, was nicht sein konnte. Es war deutlich zu spüren, dass dieser Treffer den Schalkern schwer zu schaffen machte und sie kaum mehr etwas entgegen zu setzen hatten. Um ganz sicher zu gehen, nutzten Özil und Almeida diese Phase der Unsicherheit zum 0:2 und entschieden damit das Spiel.

Ich hoffe Werder nimmt aus diesem Spiel genügend Erkenntnisse für die letzten beiden Spiele mit. Gegen den HSV wird man wieder aktiver sein müssen. Auf eine Unentschieden darf man sich nicht verlassen. Gladbach hat gerade sechs Tore in Hannover kassiert. Die Hamburger haben als letztes Saisonziel, uns in die Champions-League-Suppe zu spucken, deshalb müssen wir verdammt aufpassen solange sie nicht gegessen ist. Den Nachschlag gibt es dann in Berlin und während ich mich phrasentechnisch schon in Delling-Form bringe, denkt Thomas Schaaf hoffentlich darüber nach, wie er Van Gaals Positionsspiel beikommen kann. Die Taktik von gestern wäre dafür vermutlich gar nicht mal schlecht.

16. Spieltag: How Felix stole Christmas

Werder Bremen – Schalke 04 0:2

“Wissen Sie noch wie man ein Spiel verliert?” Diese Frage stellten die Sky-Reporter vor dem Spiel jedem Werderspieler, der nicht bei drei auf dem Baum war. 90 Minuten später kannten wir die Antwort: Ja, sie wissen es! Und wer dachte, nach vier Monaten ohne Niederlage wüsste man schon gar nicht mehr, wie es sich anfühlt zu verlieren, der wurde eines besseren belehrt. Das Gefühl ist nur all zu bekannt. Es kommt einem so vor, als sei es nie weg gewesen.

Viel ärgerlicher als das ist jedoch der Blick auf die Tabelle. Auf Platz 4 steht man dort, punktgleich mit dem nächsten Gegner HSV. Die vielen Unentschieden der letzten Wochen zeigen spätestens jetzt Wirkung: Nur zwei Punkte mehr als in der vergangenen Hinrunde hat Werder auf dem Konto. Bei einer Niederlage im Nordderby braucht man sich mit der Meisterschaft erstmal nicht mehr zu beschäftigen. Doch ich will nicht zu schwarz malen. Noch ist nicht viel verloren, der Rückstand dank Leverkusens Punktverlust in Berlin noch im Rahmen, und dass die Serie einmal reißen musste, war auch klar. Doch es ist kein Zufall, dass es gegen Schalke passierte.

Ausgerechnet Schalke, den viel zitierten “Lieblingsgegner” der Bremer, der gegen keine andere Mannschaft häufiger verloren hat. Seit dem Sieg beim berüchtigten Saisonauftakt im August 2004 konnte Werder jedoch nur noch einmal gegen Schalke gewinnen. Ansonsten gab es viele bittere Niederlagen und ein paar mehr oder weniger ärgerliche Unentschieden. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Schalker den Bremern nicht liegen. Allerdings hat das Schalke von vor fünf Jahren mit dem heutigen Schalke genau so wenig zu tun, wie das Werder von vor fünf Jahren mit dem heutigen Werder. Die Spielausrichtung en beider Mannschaften sind jedoch gleich geblieben. Und wenn jemand weiß, wie man sich das zu nutze macht, dann Felix Magath.

Das Schalker Spiel war eine konsequente Fortführung dessen, was die Kölner vor einer Woche erfolgreich probiert hatten. In der Vergangenheit reichte es gegen Werders Offensive oft aus, mit zwei Viererketten vor dem eigenen 16er auf die Angriffe zu warten und die Räume vor dem Tor eng zu machen. Möglichkeiten für Konterangriffe ergaben sich fast automatisch. In dieser Saison lässt Werder hinten weniger zu und kommt vorne selbst auf engstem Raum zu Torchancen, bzw. nutzt die Standards in Tornähe. Schalke ließ es (wie Köln letzte Woche) nicht dazu kommen. Sie setzten das Bremer Mittelfeld schon unter Druck bevor Özil, Hunt und Marin auf Reise geschickt werden konnten. Frings und Jensen bekamen das Spiel nicht in den Griff und so mussten die zuvor genannten den Ball schon früh im Spielaufbau fordern. Anstatt ihre Kombinationsfähigkeiten auszuspielen, versuchten sie es häufig mit Einzelaktionen, die an dieser Stelle fruchtlos waren. Vor dem Strafraum reicht es aus, zwei Spieler aussteigen zu lassen, um frei vor dem Tor zu stehen. Kurz nach der Mittellinie kommt dann eben der dritte Spieler dazu und klärt. Es war eher die Spielweise Diegos, der den Ball allerdings auch gegen vier Mann behaupten konnte.

Zur Pause konnte man also festhalten, dass die Schalker Taktik aufgegangen war. Trotzdem hatte Werder die besseren Torchancen: Jensens Schuss wurde per Kopf über Tor gelenkt, Almeida war am 5er zu überrascht und Boenischs Schuss eine gute Gelegenheit für Neuer sich auszuzeichnen. Schalkes Offensivspiel war wiederum zu unausgewogen. Rafinha und Farfan machten über die rechte Seite viel Betrieb, doch auf der anderen Seite fehlte das Gegenstück. So konnte Werders Viererkette Schalkes Angriffe eine Halbzeit lang problemlos stoppen, obwohl man ihnen im Mittelfeld zu viel Platz zum kombinieren ließ. Nach der Pause war es dann aber vorbei mit dem stoppen, doch auch hier lag der Fehler eher im Mittelfeld. Die Lücke zwischen Mertesacker und Naldo in der Mitte lässt sich bei einer Viererkette nicht vermeiden, genauso wenig, wie Kuranyis Lauf. Doch solche Pässe darf man einfach nicht zulassen. Holtby darf in diesem Bereich zwischen Mittelfeld und Abwehr nicht so viel Raum und Zeit haben, diesen einfachen, aber gut getimeten Pass zu spielen. Schalke ließ im gesamten Spiel keinen solchen Pass zu.

Danach entwickelte sich aus Bremer Sicht ein Trauerspiel. Schalke ging mit voller Wucht in die Zweikämpfe und Werder fand kein Mittel dagegen. Eigentlich hätte es nur zwei Möglichkeiten gegeben: Entweder mit voller Wucht dagegen halten (ja, das kann Werder, hat man in diesem Jahr auch schon mehrfach gezeigt) oder bei den Kombinationen einen Tick schneller sein, als der Gegner. Kombinationen fanden nun jedoch noch seltener statt als in der ersten Hälfte. Hunt versuchte es brachial mit Dribblings durch die Mitte, Marin konnte sich über außen nur selten durchsetzen und Özil spielte zu häufig den schwierigen Ball. Schaaf reagierte, brachte Borowski und Pizarro für Almeida und Jensen, um vor dem Tor in die Lufthoheit zu erlangen. Doch statt die langen Kerle mit hohen Bällen zu füttern, versuchte es Werder unverständlicherweise weiterhin mit Dribblings durch das Mittelfeld. Das Flügelspiel fand nicht statt, Boenisch und Fritz waren hinten gegen die Außenstürmer gebunden. Hier nochmal ein Kompliment an Magath: Linksaußen Sanchez für Holtby zu bringen, war eine taktische Meisterleistung!

So blieb am Ende viel Frust und Enttäuschung. Man möchte in dieser Situation am liebsten alle beschuldigen: Die eigenen Spieler, den Gegner, den Kommentator, den Schiri. Dabei gibt es an der Niederlage nichts zu rütteln, trotz diverser Nebengeräusche. Schalkes Spielweise war oft an der Grenze des Erlaubten und manchmal jenseits davon. Darauf kann sich Werder nun schon einmal einstellen, denn auch die kommenden Gegner werden gesehen haben, dass diese Taktik wie schon vor einer Woche beim 1.FC Köln aufging. “To beat Werder, you have to kick Werder”, um mal Arsene Wenger zu zitieren. Das hat sich Werder zumindest zum Teil selbst zuzuschreiben. Schiri Fleischer hatte wahrlich kein einfaches Spiel zu leiten und machte seine Sache im Prinzip auch gut. Eine klare Linie kann ich ihm nicht absprechen, aber er war auch deutlich bemüht, mit seinen Entscheidungen nicht zu sehr ins Spiel einzugreifen. So zum Beispiel als Sebastian Boenisch im Strafraum niedergestreckt wurde. Marcel Reif sah hier eine saubere Aktion, klar den Ball gespielt. Das stimmte auch, doch leider war der Spieler nicht einbeinig und grätschte Boenisch mit rechts von hinten so in die Parade, das dieser nicht weiterspielen konnte. Wenn das eine saubere Aktion war, weil sie dem Ball galt, war auch Wieses Tritt gegen Olics Kopf damals eigentlich ganz sauber.

Nun kann man – zu Recht – einwenden, dass Boenisch zu diesem Zeitpunkt nicht mehr auf dem Platz hätte stehen dürfen. Fleischer zeigte ihm nach einer ziemlich eindeutigen Notbremse nur die gelbe Karte. Ebenso hätte Kuranyi nicht mehr auf dem Platz sein dürfen, als er das Schalker 2:0 mustergültig vorbereitete. Einen Vorwurf kann man Fleischer trotzdem nicht machen, er hatte das Spiel ansonsten im Griff und so ist es nur ein statistischer Zufall, dass beide Werder-Niederlagen in dieser Saison unter seiner Leitung zustande kamen. Vielmehr sollten sich die Spieler an die eigene Nase fassen. Sich darüber aufzuregen, dass Kuranyi für den Tritt gegen Mertesacker unbestraft blieb, ist eine Sache – ihm danach Begleitschutz bis zum Strafraum zu gewähren, eine völlig andere. So blieb dem nicht gerade für seine technischen Fähigkeiten berühmten Kuranyi die schönste Einzelaktion des Spiels vorbehalten. Spätestens nach Boenischs vorzeitigem Ausscheiden war die Partie dann entschieden. Das traurigste dabei: Werder hätte wohl nicht nur den einen, sondern zwei Elfmeter benötigt, um noch etwas aus dem Spiel mitzunehmen. Verdient gewesen wäre es auch dann nicht.

Bis zur Winterpause bleibt nun folgendes zu tun: Die Wunden lecken (gute Besserung an Sebastian Boenisch), den Mund abputzen, die Ärmel hochkrempeln und das Spiel gegen Hamburg mit einer so kämpferischen Einstellung angehen, wie damals im Mai! Die Zeit der Geschenke ist vorbei, auch wenn dies kein sonderlich weinachtliches Motto ist.

Pascals Saison: Bratwurst mit Spinat

In diesem Eintrag möchte ich euch Pascal Testroet (sprich: Testrot) vorstellen, einen achtzehnjährigen Stürmer, der aktuell in der Nachwuchsmannschaft des SV Werder Bremen spielt. Ich werde Pascals Entwicklung in der Saison 2009/2010 genau unter die Lupe nehmen und hier im Blog dokumentieren. Zunächst ein wenig zu seinem bisherigen Werdegang:

Pascal Testroet spielt seit gut einem Jahr bei Werder. Er war nach Sebastian Boenisch und Mesut Özil der dritte junge Spieler, der innerhalb eines Jahres vom FC Schalke an die Weser wechselte. Ähnlich wie Özil war Pascal bei seinem ehemaligen Arbeitgeber in Ungnade gefallen, wo er seit 2000 die Jugendmannschaften erfolgreich durchlaufen hatte. Nach Bekanntgabe seines Wechsels im März 2008 wurde er aus dem A-Jugend-Kader der Knappen gestrichen und absolvierte kein Pflichtspiel mehr.

Im Juli 2008 kam Pascal dann nach Bremen und spielte zunächst für die U 19 in der A-Jugend-Bundesliga, wo er mit einem Dreierpack gegen den VfL Wolfsburg gleich einen bleibenden Eindruck hinterließ. Seine guten Leistungen brachten Pascal immer wieder in den Kader der U 23, die in der 3. Liga um den Klassenerhalt spielte. Dort wurde er meist in der Schlussphase eingewechselt und musste sich erst mit den höheren Anforderungen zurechtfinden. So schoss er in 11 Spielen in der dritten Liga nur ein Tor, konnte jedoch wertvolle Erfahrung im Profibereich sammeln. In der U 19 lief es vielleicht auch deshalb umso besser. In 12 Spielen erzielte er 15 Treffer und blieb insgesamt nur in zwei Spielen ohne Torerfolg. Damit war er trotz seiner wenigen Einsätze Torschützenkönig und einer der Garanten für den Gewinn der Meisterschaft in der Bundesliga Nord/Nordost.

Eine Enttäuschung erlebte Pascal in der darauf folgenden Endrunde um die Deutsche A-Jugend-Meisterschaft. Nach einem 1:0 Auswärtssieg im Hinspiel verlor Werders U 19 gegen den späteren Meister Mainz 05 zuhause mit 0:3 und schied aus. Der erste nationale Titel blieb ihm somit noch verwehrt. Damit sich dies in Zukunft ändert, peilt Pascal für diese Saison den Sprung in Werders Bundesligamannschaft an. Das Talent dazu wird ihm von allen Beobachtern zugesprochen, doch der Weg dorthin wird hart. Mit Claudio Pizarro, Hugo Almeida, Markus Rosenberg und Marcelo Moreno hat Werder vier etablierte Stürmer in seinen Reihen. Dazu kommt, dass Trainer Schaaf die Mittelfeldspieler Aaron Hunt und Marko Marin neuerdings (wieder) im Angriff einsetzt. So muss sich Pascal erst einmal in der U 23 etablieren, für die er in den ersten sieben Spielen bereits drei Tore erzielt hat. Doch auch die Konkurrenz im Nachwuchsbereich ist groß. Torsten Oehrl und Marko Futacs sind dem Profikader derzeit noch etwas näher als er.

Ich bin gespannt, ob Pascal es bereits in dieser Saison schafft, den Anschluss an den Bundesligakader zu finden. Zu gönnen wäre es ihm schon allein deshalb, weil er sich auf dem Fragebogen, den die Spieler vor der Saison für das Werder-Magazin ausfüllen müssen, angenehm von den ganzen Pasta-Fetischisten abhebt. Die Frage nach seinem Lieblingsessen beantwortete er mit einer eher ungewöhnlichen Kombination: Bratwurst mit Spinat.

Dieser Artikel wurde ebenfalls bei 18mal18 veröffentlicht.

Meine Saisonvorschau 09/10 (Teil 2)

Nach meiner Einschätzung des Werderkaders folgen heute meine Erwartungen an die neue Saison (inklusive meiner Abschlusstabelle, bei der ich schon traditionell hoffnungslos daneben liege).

Entwicklung der Bundesliga

Im internationalen Vergleich steht die Bundesliga so gut da, wie schon lange nicht mehr. Zwar ist der Abstand auf die europäischen Spitzenclubs nicht geringer geworden, doch insgesamt gibt es wieder mehr Bundesligamannschaften, die gehobenes internationales Niveau haben. In der letzten Saison konnte man eine deutliche Zweiteilung der Liga erkennen, mit Werder auf Platz 10 als Bruchstelle. Dadurch war es oben wie unten spannend, echte Überraschungen durch Underdogs bleiben jedoch aus. Wolfsburgs Meisterschaft schien vor einem Jahr nicht völlig utopisch, fast alle hatten sie zumindest für die Plätze 3-5 auf der Rechnung. Im Fall Hoffenheim überraschte nur der frühe Zeitpunkt, nicht die Etablierung in der Spitze selbst. Erleben wir also eine Spaltung der Bundesliga?

Es sieht danach aus, und das ist auch gut so! Da es – anders als in England, Spanien und Italien – nur eine Mannschaft gibt, die seit vielen Jahren national und international immer ganz oben dabei ist, tun sich die zweiten und dritten Kräfte im Land schwer. Wird nun der Kreis der Spitzenmannschaften erweitert, wird es naturgemäß schwieriger, sich gegen diese durchzusetzen. Mal ganz ökonomisch gedacht: Mehr Wettbewerb führt zu einem besseren Ergebnis. Der FC Bayern sah sich zum zweiten Mal in drei Jahren gezwungen, seinen Kader für viel Geld zu verstärken. Es reicht nicht mehr, die besten Leute der Konkurrenz weg zu kaufen, wenn diese, wie Wolfsburg oder Hoffenheim, finanziell in der gleichen Liga spielt. Davon wird man auch international profitieren. Einen deutschen Champions League Sieger sehe ich in den nächsten Jahren trotzdem nicht.

Meine Prognose

Der Meisterschaftskampf dürfte in dieser Saison wieder etwas langweiliger werden. Es ist zwar nicht sonderlich sexy auf einen Meister Bayern München am 31. Spieltag zu tippen, aber der Rekordmeister hat sich wirklich gut verstärkt und mit Louis Van Gaal einen hervorragenden Trainer, den ich noch aus seiner Zeit bei Ajax Amsterdam Mitte der 90er sehr schätze. Damals fügte er den Bayern im Europapokal eine empfindliche Niederlage zu und gewann schließlich mit einer sehr jungen Mannschaft die Champions League. Der Start könnte noch etwas holprig werden, doch auf lange Sicht wird sich die Klasse der Bayern wohl durchsetzen.

Dahinter wird es einen knappen und spannenden Kampf um die Champions- und Europa League Plätze geben. Vorbei sind die Zeiten als Werder und Schalke den 2. und 3. Platz unter sich ausmachten. Insgesamt 8 Kandidaten scheinen sich auf ähnlichem Niveau zu bewegen: Wolfsburg, Hoffenheim, HSV, Schalke, Dortmund, Stuttgart, Leverkusen und auch Werder. Ob eine dieser Mannschaften den Bayern einen spannenden Meisterkampf liefern können, vermag ich nicht zu beurteilen. Dahinter dürfte es allemal knapp werden.

Rechnen muss man sicher mit den Neureichen aus Wolfsburg und Hoffenheim, die die Bundesliga letzte Saison kräftig durcheinander gewirbelt haben. Beim VfL Wolfsburg wurde der Meisterkader zusammen gehalten und sogar punktuell verstärkt. Den unglaublichen Lauf der letzten Rückrunde wird man nicht wiederholen können. Dennoch ist Wolfsburg wieder ein Kandidat für die Spitzenplätze. 1899 Hoffenheim spielte nach begeisternder Hinrunde eine schwache Rückserie. In der neuen Saison werden sie sich davon erholt haben und wieder häufiger ihr Gesicht aus 2008 präsentieren. Der Kader ist qualitativ besser als vor einem Jahr und die Erfahrungen der letzten Saison helfen Hoffenheim, sich weit oben zu platzieren.

Schalke 04 ist mit Felix Magath einiges zuzutrauen. Der ganz große Wurf dürfte aber noch nicht gelingen, dafür halte ich den Kader für zu schwach. Mehr als ein 5. Platz wäre für mich eine Überraschung. Wie jedes Jahr wird auch der Hamburger SV hoch gehandelt. Nach dem Theater in der sportlichen Führung und dem unsäglichen Machtkampf zwischen Bernd Hoffmann und Dietmar Beiersdorfer habe ich jedoch weiterhin Zweifel, ob in Hamburg alle an einem Strang ziehen. Der Kader verspricht wieder viel, die Qualität ist da. Doch kann der in Leverkusen gescheiterte Labbadia daraus eine Meistermannschaft formen? Zwischen Platz 2 und 9 ist für die Hamburger vieles drin. Es wäre nicht verwunderlich, wenn die Entscheidung darüber am 34. Spieltag im Bremer Weserstadion fiele.

Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund und den VfB Stuttgart halte ich aus unterschiedlichen Gründen für die schwächeren der genannten Teams. Bei Leverkusen ist mir noch immer Schleierhaft, warum man das eigene Potential nie über eine ganze Saison hinweg ausschöpft. Im Ernstfall stellt man sich selbst oft ein Bein in den Weg. Ich sehe auch nicht, wie sich dies in Zukunft ändern soll. Schönen Fußball wird es in Leverkusen bestimmt geben, aber keinen greifbaren Erfolg. Dortmund macht unter Klopp vieles besser als in der Vergangenheit und es fehlt nicht viel, um ein ernsthafter Titelkandidat zu werden. So ganz reicht es meiner Meinung nach aber noch nicht. Bei Trainer Klopp könnten sich in diesem Jahr erste Abnutzungseffekte zeigen, die er zwar in den Griff bekommen wird, die jedoch ein besseres Abschneiden verhindern. Stuttgart hat weiterhin eine starke Mannschaft, die ohne Gomez allerdings nur die Hälfte wert ist. Der Transfererlös wurde in Hleb und Pogrebniak sinnvoll investiert. Die Lücke, die Gomez hinterlässt, erscheint mir aber zu groß.

Hertha BSC sehe ich in dieser Saison nur im (gesicherten) Mittelfeld. Die Mannschaft ist schwer zu spielen, was ein Verdienst von Trainer Favre ist. Offensiv fehlt aber die Klasse. Wichniarek ist kein Voronin. Dahinter beginnt auch schon der Abstiegskampf. Köln und Nürnberg scheinen mir am ehesten die Klasse zu besitzen, in die Phalanx der letztjährigen Top 10 einzudringen. Für Hannover 96 wird es dagegen nicht zum Klassenerhalt reichen. Wenn dort nicht endlich das Ruder herumgerissen wird, ist die Mannschaft 2010 einfach mal dran. Mitabsteiger werden Mainz und Mönchengladbach sein. Freiburg, Frankfurt und Bochum heißen folglich die glücklichen Mannschaften, die sich in letzter Sekunde vor der Relegation retten können.

Und was ist mit Werder?

Es wird mal wieder eine typische Werder-Saison. Gute Hinrunde, Krise zu Beginn der Rückrunde, Aufholjagd im letzten Drittel und am letzten Spieltag werden die Positionen mit dem HSV getauscht. Werder wird Dritter und landet in der Champions League Qualifikation.

Vieles scheint möglich in diesem Jahr – nach oben wie nach unten. In Werders Kader steckt viel Talent, bei einem guten Beginn könnte man schnell einen Lauf bekommen. Zweifel an der Konstanz einiger Spieler sind aber angebracht. Diese hat Werder in den letzten 1 1/2 Jahren vermissen lassen. Man wird schon am oberen Limit spielen müssen, um meinen Tipp in Erfüllung gehen zu lassen. Mit der falschen Einstellung kann man schnell wieder ins Mittelfeld durchgereicht werden. Zum ersten Mal seit 2004 wird Werder von vielen Fußballinteressierten zum Favoritenkreis auf die Meisterschaft gezählt. In der Vergangenheit war dies häufig nicht die schlechteste Ausgangsposition.

Meine Abschlusstabelle

  1. Bayern München
  2. 1899 Hoffenheim
  3. Werder Bremen
  4. Hamburger SV
  5. VfL Wolfsburg
  6. Schalke 04
  7. VfB Stuttgart
  8. Borussia Dortmund
  9. Bayer Leverkusen
  10. 1. FC Köln
  11. Hertha BSC
  12. 1. FC Nürnberg
  13. SC Freiburg
  14. VfL Bochum
  15. Eintracht Frankfurt
  16. Borussia Mönchengladbach
  17. Mainz 05
  18. Hannover 96

Wie ich einmal Kevin Kuranyi entlassen habe

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Viele von euch werden vorgestern die Meldung mitbekommen haben, dass Schalke 04 Kevin Kuranyi entlassen habe. Über die Vereinswebsite war die Information veröffentlicht worden, von wo sie Bild-Online ungeprüft übernahm. Über Twitter bin ich während des Länderspiels Deutschland-Norwegen darauf aufmerksam geworden, wo User @elcario die Bild-Schlagzeile verlinkt hatte. Ich habe die Meldung kurz überflogen und mir nichts weiter dabei gedacht. Schließlich lief nebenbei ja noch das Länderspiel. Wenn ich den Bild-Artikel aufmerksamer gelesen hätte, hätte ich eigentlich misstrauisch werden müssen, denn als Quelle war nur die Schalke-Website angegeben.

Ich hatte vorher am Tag schon von der Sicherheitslücke bei TYPO3 gehört. Auch der Hack der Website von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble am selben Tag war mir bekannt. Ich habe sogar noch kurz vorher gelesen, welche Bundesligisten TYPO3 für ihre Websites verwenden. Kurz: Ich hätte merken müssen, dass da etwas faul ist. Habe ich aber nicht. Stattdessen habe ich die Nachricht über Twitter kommentarlos weiterverbreitet.

Die Geschwindigkeit, mit der sich Informationen über Twitter verbreiten, ist jedoch nicht nur ein Nachteil. Bereits wenige Minuten später erhielt ich von @Pillendreher einen Hinweis, dass die Schalke-Website gehackt wurde und Kuranyis Entlassung eine Fehlinformation war. Auch diese Nachricht verbreitete ich weiter. Hier zeigt sich eine der Stärken von Twitter: Auf falsche Informationen kann viel schneller reagiert werden, als in allen anderen Medien. Während einige Online-Presseportale (wie üblich) noch ungeprüft die Bild-Meldung übernahmen, wusste man auf Twitter schon längst, dass es sich um eine Ente handelte.

Screenshot2

Ich will hier an dieser Stelle kein Medien-Bashing betreiben (dazu ist hier im Blog der HSV vorgesehen), doch ein wenig bedenklich stimmt mich die ungeprüfte Verbreitung der Fehlinformation schon. Es ist eine Sache, wenn dies auf Twitter passiert, wo hauptsächlich "Privatleute" schreiben und Informationen immer mit Vorsicht zu genießen sind. Eine andere Sache ist, wenn sich diese Fehlinformationen über die "seriösen" Medien verbreiten, denen ein ganz anderes Vertrauen entgegen gebracht wird. Mehr zu diesem Thema gibt es bei dogfood.

Was mich wirklich überrascht hat, war Kuranyis Reaktion ("Ich habe sofort Urlaub gebucht"), der den Zwischenfall mit wesentlich mehr Humor nahm, als sein Arbeitgeber. Und hier werde ich jetzt wirklich misstrauisch. Wenn Kevin Kuranyi einen Hauch von Selbstironie zeigt und mir damit sogar für eine kurzen Moment ein kleines bisschen sympathisch wird – war das dann vielleicht nicht doch alles ein gut inszenierter PR-Gag?

19. Spieltag: Führungslos

Schalke 04 – Werder Bremen 1:0

Vor Beginn der Rückrunde habe ich schon anklingen lassen, dass Werders Schwierigkeiten in der Hinrunde meiner Meinung nach mit einem Führungsproblem auf dem Platz zusammenhingen. Die ersten Spiele der Rückrunde haben mich in dieser Meinung noch bestätigt. Werder hat momentan keinen Spieler, der die Mannschaft wirklich führt – obwohl durchaus Spieler im Kader sind, die diese Rolle übernehmen könnten.

Woran mache ich das fest?

1. Werder hat in vielen Spielen in den entscheidenen Situationen nicht richtig dagegen gehalten. Auffällig war das besonders in der Champions League gegen Athen und Famagusta. Nach Rückständen lässt sich die Mannschaft zu schnell hängen und wacht erst wieder auf, wenn das Spiel schon entschieden ist.

2. Werder lässt sich leicht aus dem Konzept bringen. In fast allen Spielen – auch den wirklich schlechten wie gegen Gladbach oder Karlsruhe – hat Werder in den ersten 2-3 Minuten losgelegt wie die Feuerwehr. Die Mannschaft wirkte bis in die Haarspitzen motiviert. Nach den ersten paar mislungenen Aktionen schlug es dann innerhalb weniger Minuten ins absolute Gegenteil um. Besonders Auswärts fällt es der Mannschaft schwer, das eigene Spiel durchzuziehen.

3. Die jungen Spieler lassen den Kopf zu schnell hängen. Özil und Hunt sind sicher gute Beispiele dafür. Bei allem Talent und allen tollen Spielen, die vor allem Özil schon gemacht hat, waren ihre Leistungen doch sehr schwankend. Bei jungen Spielern sicher normal. Nicht normal ist jedoch, dass diese Spieler teilweise mit hängenden Schultern über den Platz schlurfen, als wäre ihnen das Spiel egal. Hier ist ein Führungsspieler gefordert, die Spieler anzusprechen, zu motivieren, zur Not auch mal anzubrüllen.

Dies sind alles Situationen, in denen ein Trainer kaum auf die Spieler einwirken kann. Hier sind Spieler gefordert, die Verantwortung übernehmen und positiv auf ihre Mitspieler einwirken können. Meistens sind das Spieler mit großer Erfahrung. Die hat Werder durchaus. Aber warum tut es dann keiner?

Frank Baumann ist hier als Kapitän natürlich gefordert. Allerdings war Baumann noch nie der extrovertierteste Spieler beim SVW. Das machte ihn für Werder zum idealen Kapitän, denn um ihn herum gab es mit Micoud, Ismael, Frings, Ernst oder auch Wiese immer schon Spieler, die das mehr als wett gemacht haben. Baumann war der Ruhepol der Mannschaft und gerade deshalb so wertvoll. Heute fehlen diese Spielertypen um ihn herum fast völlig.

Torsten Fings gilt eigentlich als typischer Führungsspieler. Er ist das Sprachrohr der Mannschaft zu den Medien, gibt nach fast jedem Spiel Interviews. Dabei wird oft vergessen, dass Frings auf dem Platz vor allem durch seine eigene Leistung vorangeht und weniger verbal auf seine Mitspieler eingeht. In der Hinrunde hatte er lange Problem zu seiner Form zu finden. Frings kann seinen Mitspielern zwar "einen Einlauf verpassen", aber er ist sicher kein positiver Motivator, der auch dann die Mannschaft führen kann, wenn er selbst schwächer spielt. Und im moment spielt er schwach.

Tim Wieses Einflussmöglichkeiten sind als Torwart eher begrenzt. Diego könnte (müsste?) von seiner Erfahrung und seinen Qualitäten her Führungsspieler sein. Vor einem Jahr schien er den Schritt dahin geschafft zu haben. Momentan hat er mehr mit seinem eigenen Temperament zu kämpfen als dass er weitere Verantwortung übernehmen könnte. Auch Per Mertesacker hat genug Klasse und Erfahrung, die Mannschaft zu führen. Ihm traue ich in der Rückrunde am ehesten eine Führungsrolle zu.

Es gibt viele unterschiedliche Führungsstile, die alle erfolgreich sein können. Es ist letztendlich egal, ob ein Spieler die Mannschaft authoritär führt, durch Leistung voran geht oder einfach durch sein Verhalten ein Vorbild für die anderen ist. Wichtig ist, dass wieder jemand die Führung auf dem Platz übernimmt, der von allen Mitspielern als Leader akzeptiert wird. Anders kann eine Fußballmannschaft nicht funktionieren.

Man konnte Werders Verunsicherung gegen Schalke gestern mit den Händen greifen. Verständlicherweise, bedenkt man die Bedeutung dieses Spiels. Trotzdem hat es die Mannschaft geschafft dagegen zu halten, sich kämpferisch gegen die Niederlage zu wehren. Allein, die spielerischen Mittel waren nicht da. Kratzen, beißen, rennen – das hätte man sich von Werder in den vergangenen Monaten häufiger vergeblich gewünscht. Die Spielstärke war dabei nie das Problem. Doch die inzwischen vorhandene Angst scheint die Mannschaft zu lähmen. Eine kämpfende Mannschaft ohne Selbstvertrauen gewinnt in der Bundesliga selten Spiele. Und wer spielt, wie Energie Cottbus, holt auf Schalke selten Punkte.

19. Spieltag: Spielbericht

(Spielbericht erstellt aus meinem Live-Blog bei Twitter.)

Vor dem Anpfiff:

Vorstandsvorsitzender
und Aufsichtsratsvorsitzender des Marktführers als "Experten" bei
Premiere. DAS wär doch mal ein Fall fürs Kartellam.
Man stelle sich
vor, beim Spiel der Bayern morgen säße Willi Lemke als Experte im
Premiere-Studio. Welche Farbe hätte wohl Höneß' Gesicht?


Daniel Jensen steht nicht im Kader. Eigentlich sollte er wieder fit sein. Gibt‘s da vom Verein ne offizielle Erklärung zu? Dafür ist Perthel dabei, der sonst bei der U23 in der dritten Liga kickt. Steht vermutlich sogar in der Startelf. Bei bundesliga.de steht allerdings Baumann in der Startaufstellung. LINKS in der Raute?!? Da habe ich meine Zweifel.

Aufstellung:

Werder: Wiese-Fritz,Merte,Naldo,Boenisch-Baumann,Frings,Tziolis,Özil-Rosenberg,Almeida

S04: Neuer-Rafinha,Höwedes,Bordon,Westermann-Jones,Rakitic,Kobiashvili-Asamoah,Altintop,Farfan

Das Spiel:

1' Hat Ribery
eigentlich auch unseren Mannschaftsbus verschrottet oder warum ist
d.Team mit dem Zug nach Gelsenkirchen gefahren? Anpfiff.

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