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14. Spieltag: Holland

Werder Bremen – VfL Wolfsburg 2:2

Der Weltfußball hat den Niederlanden viel zu verdanken: Sie bewiesen spätestens bei der WM 1974, dass schöner Fußball nicht erfolgreich sein muss. Ein Credo, dem seitdem viele Teams gefolgt sind, etwa Bayer Leverkusen oder in den letzten Jahren auch der FC Arsenal, der dies gestern gegen den Stadtrivalen Chelsea eindrucksvoll zur Schau stellte. Voraussetzung dafür sind technisch gut geschulte Spieler, die die anspruchsvolle, auf Ballbesitz und schnelles Passpiel bedachte Spielweise umsetzen können. Allerdings verstehen es nur die wenigsten Mannschaften, diese Art Fußball mit der nötigen Präzision zu spielen, um auch gegen taktisch herausragende, tiefstehende Mannschaften erfolgreich zu sein. Gelingt dies, ist das Ergebnis ein Spektakel, wie beim FC Barcelona in der vergangenen Saison oder bei der spanischen Nationalmannschaft. Gegen eine defensiv so starke und disziplinierte Mannschaft wie den FC Chelsea ist es kaum möglich, da muss schon alles passen. Ansonsten läuft man schon mal 90 Minuten auf das gegnerische Tor an, ohne eine einzige richtige Torchance dabei heraus zu spielen.

Ähnlich ging es am Samstag Werder Bremen gegen einen defensiv überraschend starken Meister aus Wolfsburg. Die Wölfe kompensierten den Ausfall von Josué glänzend und hatten im defensiven Mittelfeld in Hasebe und Gentner genau den richtigen Bremsstoff für den zuletzt so reibungslos laufenden Bremer Mittelfeldmotor. Werder tat sich von Beginn an schwer, konnte nach der auf beiden Seiten bemühten Anfangsphase aber das Heft in die Hand nehmen. Wolfsburg reagierte darauf mit einem tief stehenden Mittelfeld, das Frings relativ frei schalten ließ, in Strafraumnähe jedoch Hunt, Özil und Marin in große Probleme brachte. War einer der drei am Ball, schafften es die Wolfsburger meist, ihn zu isolieren. Steilpässe waren kaum möglich und so verrannten sich die jungen Wilden zu häufig in fruchtlosen Dribblings an deren Ende ein Quer- oder Rückpass stand.

Mit zunehmender Spieldauer wirkten Werders Angriffe konzeptloser, zumal keinem der drei zuvor genannten die geniale Einzelaktion gelingen wolle, die es zu einer Führung gebraucht hätte. Vereinzelt versuchte man die Wolfsburger aus ihrer Lauerstellung zu locken, um etwas mehr Platz für schnelle Gegenangriffe zu haben. Leider konnte Werder aufgrund eigener Ungenauigkeiten die sich bietenden Lücken nur selten nutzen. Das tat dann aber der VfL in Gestalt von  Edin Dzeko, der sich aus eigentlich aussichtsloser Position je zweimal durch Naldo und Boenisch hindurch tankte und Tim Wiese keine Chance ließ. Die Führung schien glücklich, genau wie beim abermals von Dzeko vollstreckten 1:2 in der Schlussphase, doch unverdient war sie beide Male nicht. Sie war es deshalb nicht, weil Werder aus der Überlegenheit im Mittelfeld zu wenige Chancen herausspielte. In der Spitze wog das Fehlen Claudio Pizarros ungleich schwerer als in den Wochen zuvor. Dem Peruaner wäre vielleicht das Tor gelungen, das Almeida lange versagt blieb.

Werder verdiente sich den einen Punkt letztendlich dadurch, dass man eine zweite Waffe hatte: Die Standardsituationen. Wenn aus dem Spiel heraus kein Tor fallen will, wird deutlich wie wichtig Werders Stärke am ruhenden Ball ist. Mesut Özil darf inzwischen wohl zu Recht als bester Eckball- und Freistoßflankenschütze der Bundesliga bezeichnet werden. Auf der linken Seite ist Marko Marin noch nicht ganz so effektiv, sorgte aber mit seiner Ecke für das zwischenzeitliche 1:1. Die besten Standards wären jedoch wirkungslos ohne die richtigen Abnehmer. In Pizarros Abwesenheit sind dies die Innenverteidiger Naldo und Mertesacker, deren Kopfbälle Werder das Unentschieden retteten. Gegen Naldos – von Hunt mit der Hacke weitergeleiteten – Kopfball konnte Hasebe noch auf der Linie klären, woraufhin Almeida den Ball in die Maschen drosch. Bei Mertes Kopfball in der Nachspielzeit waren die Wolfsburger dann machtlos.

Und täglich grüßt das Murmeltier: Die Nachspielzeit in der Bundesliga ist eine Farce! Wozu drei Minuten Nachspielzeit, wenn davon netto nur 30 Sekunden gespielt werden? Da fällt noch ein Tor, da wird noch munter protestiert, da wird das Spiel noch einmal unterbrochen, um Benaglio eine gelbe Karte zu geben und dann wird trotzdem nach 2:55 abgepfiffen? Die Schlussfolgerung daraus kann nur lauten: Verhaltet euch in der Nachspielzeit so unsportlich wie möglich, um ein Ergebnis über die Zeit zu retten!

Die Wolfsburger hatten nach dem Spiel andere Sorgen. Sie beschwerten sich über ein vermeintliches Handspiel Mesut Özils unmittelbar vor dem Eckball zum 2:2. Ich kann das schon verstehen. Wenn man da ein absichtliches Handspiel sehen möchte, dann kann man das. Man kann es aber auch genau so sehen, wie der Schiedsrichter, und weiterspielen lassen. Ich konnte ebenso ein absichtliches Handspiel eines Wolfsburgers im Strafraum nach einer Boenisch-Flanke sehen: Der Wolfsburger hatte genug Zeit seinen Arm aus der Flugbahn des Balles zu nehmen, doch er tat es nicht. Dennoch wäre es albern hier Elfmeter zu fordern, denn vermutlich war meine Absicht ein Handspiel zu sehen weitaus größer als die des Wolfsburgers eines zu begehen. Vielleicht sieht das inzwischen auch Dzeko ein, der nach dem Spiel dem Schiri die alleinige Schuld am Ausgleichstor zuschob. Ich wiederhole gerne, was ich schon nach dem Papierkugel-Tor gegen Hamburg geschrieben habe: Man MUSS nach einer Ecke nicht zwangsläufig ein Tor kassieren! Umstrittene Szenen wie die von Özil gibt es in jedem Spiel dutzende und sie alle haben Einfluss auf das Spiel, das gehört zur Natur des Fußballs. Wirklich Grund sich zu beschweren haben derzeit nur, und das gebe sogar ich zu, die Hamburger.

Bei aller Freude über die gerettete Serie und die zwischenzeitliche Tabellenführung: Gegen Köln muss nun wieder ein Sieg her!