Schlagwort-Archiv: Sebastian Boenisch

Meine EM: Polens Chancen bei der Heim-EM

Polen ist eines der wenigen Teams mit einem (bald Ex-)Werderspieler im Kader. Derzeit sieht es so aus als würde Sebastian Boenisch zu einer festen Größe in Franciszek Smudas Team. Den Zweikampf mit Wawrzyniak um den Stammplatz als Linksverteidiger hat er wohl für sich entschieden, stand in allen drei Testspielen in der Startelf. Auf der rechten Seite hätte er gegen den immer stärker werdenden Piszczek hingegen keine Chance. Der Dortmunder bildet zusammen mit seinem Teamkollegen Jakub Blaszczykowski eine der besten rechten Außenbahnen des Turniers. Leider ist der polnische Kader insgesamt doch recht durchwachsen. Neben Mittelstürmer Lewandowski und seinen Dortmunder Teamkollegen sind nur wenige Spieler mit internationaler Klasse dabei.

Personell unausgewogen

Torwart Szczesny hat bei Arsenal gute Leistungen gezeigt und ist auch im Tor der Polen unumstritten. Vor ihm mangelt es in der Innenverteidigung jedoch schon an individueller Qualität. Weder Perquis noch Wasilewski fand ich bislang so richtig überzeugend. Ähnlich sieht es im Mittelfeld aus. Eugen Polanski vom FSV Mainz ist ein grundsolider Spieler, jedoch niemand, der auf der offensiveren Position der Doppelsechs auf höchstem Niveau sonderlich viel Esprit ausstrahlt. Alternativmann Adam Matuschyk (ebenfalls aus der Bundesliga bekannt) ist jedoch auch niemand, der eine klare Verbesserung dazu darstellen würde. Ähnliche Probleme haben die Polen auf vielen Positionen.

Das polnische Spiel wirkt daher häufig unrund. Man agiert zwar aus einem gefestigten 4-4-2 oder 4-4-1-1 heraus, wirkt dabei jedoch meistens wie ein Underdog, der hauptsächlich über den Kampf ins Spiel kommt. Dadurch spielen die Polen zwar mit viel Tempo nach vorne, jedoch fehlt den Aktionen häufig die Genauigkeit. Bei der EM im eigenen Land, mit den euphorisierten Fans im Rücken, wird diese Tendenz möglicherweise sogar noch verschärft. Das macht sie zwar zu unangenehmen Gegnern, lässt mich aber daran zweifeln, dass sie als Gastgeber weit kommen werden im Turnier. Gut möglich, dass auch die schwächeren Spieler über sich hinauswachsen und man einen Achtungserfolg erzielt. Ich halte allerdings ein Ausscheiden in der Vorrunde ebenfalls nicht für unwahrscheinlich. Spätestens dann im Viertelfinale dürfte Schluss sein.

Meine Prognose: Polen schafft die Qualifikation für die K.O.-Runde, scheidet dann aber im Viertelfinale aus.

Polens Gruppengegner:

Griechenland
Russland
Tschechien

Ein Abend mit den Göttern

“I don’t care!” Markus Rosenberg wirkte fast schon etwas zu lapidar, als er zum dritten Mal den Einwand der Frau neben ihm abwiegelte, dass sie ihn leider nicht kenne. Anna interessierte sich nicht für Fußball und lebte – obwohl in Bremen aufgewachsen – schon zu lange im Ausland, um auch als nicht Fußballinteressierte die Namen des aktuellen Werderkaders durch ständige Wiederholung in den Medien eingetrichtert bekommen zu haben. Sebastian Prödl zeigte sich sichtlich belustigt von dem Gespräch.

Werder hatte zum Saisonauftakt mit 2:3 gegen Eintracht Frankfurt verloren. Eine bittere Niederlage, mit der niemand so wirklich gerechnet hatte. Das Spiel durfte ich (dank der Dauerkarte des Vaters meiner damaligen Freundin) von der VIP-Tribüne aus verfolgen. Ein schlimmer Anblick, wie der haushohe Favorit von den schnellen Frankfurtern ein ums andere Mal ausgekontert wurde und am Ende ohne Punkte da stand.

Und nun, knappe sechs Stunden später, stand ich an dieser Bar und um mich herum die Werderprofis. Anna, die an diesem Abend ihren Junggesellinnenabschied feierte, verhandelte mit Markus Rosenberg um eine Unterschrift auf ihrem bereits weitgehend vollgekritzelten T-Shirt. Rosenberg war bereit, seine Unterschrift plus 50 Euro für die Abendkasse gegen einen Kuss einzutauschen. Letztlich einigte man sich auf eine Unterschrift, eine Runde Sambuca-Baileys für alle und einen Kuss auf die Wange.

Tim Wiese ließ sich seine Unterschrift nicht so leicht abtrotzen. Zwar war er auf Anfrage von Annas bester Freundin Stephi grundsätzlich bereit, auf besagtem T-Shirt zu unterschreiben, doch dazu wollte er den beschwerlichen Weg hinüber zur Bar (gut und gerne 10 Meter) nicht auf sich nehmen. Immerhin hatte der Mann gerade erst 10 Kilo abgenommen und somit keinen Bedarf an zusätzlicher Bewegung. “Soll sie halt hier her kommen.” Recht hatte er. Da Anna jedoch auch Tim Wiese nicht kannte, blieb ein weißer Fleck auf ihrem T-Shirt.

Draußen vor der Tür stützte sich ein sichtlich angetrunkener Hugo Almeida mit dem Rücken an der Wand ab und stellte seine Bierflasche ganz langsam neben sich auf den Asphalt. Er ignorierte mein Zuprosten und starrte mehrere Minuten lang regungslos in die Ferne. Seine Mannschaftskollegen beachteten ihn nicht weiter. Die minütlich anwachsende Schar an leicht bekleideten, untergewichtigen Gerade-Noch-Teenagern und Gern-wieder-Teenagern machte es ihnen ohnehin nicht leicht, den Überblick zu behalten.

Es dauerte nicht lange, da kam auch Julia um die Ecke, die seit Monaten unglücklich in Sebastian Boenisch verliebt war. Sie hoffte noch immer darauf, dass ihr Schwarm sie irgendwann einmal ansprechen würde, wenn sie nur beharrlich genug die selben Lokalitäten aufsuchte wie er. Sie erkundigte sich kurz, ob “Boeni” schon da sei und mokierte sich sogleich über die große Anzahl vermeintlicher Groupies, die nach und nach die Spieler einkreisten, in der Hoffnung darauf, einen von ihnen abzubekommen.

Stunden später traf man sich wieder in einer Disco südlich der Weser. Nur ein Teil der Spieler hatte den Weg hierher geschafft, der traditionell nach dem ersten Heimspiel der Saison angetreten wurde. Hier hatten einst Clemens Fritz und Patrick Owomoyela den Kampf um den Stammplatz auf der Rechtsverteidigerposition im Tequila Drink-off am Tresen ausgetragen. Auch in jenem Jahr gab es wieder Getuschel, wenn Werderspieler in der Nähe auftauchten: “Das ist doch…, ist das nicht…?” Ja, es war Mesut Özil, der Shooting-Star bei Werder. Als einziger Spieler hatte er am Nachmittag eine herausragende Leistung gezeigt. Nun wurde ihm von allen Seiten auf die Schultern geklopft und er strahlte wie ein Honigkuchenpferd.

Überstrahlt wurde er nur vom gewinnenden Lächeln des Bremer Abwehrriesen Naldo. Dieser hatte die silberne Kette am Handgelenk meiner Freundin entdeckt und fühlte sich genötigt ihr im Gegenzug das Geschmeide um sein Handgelenk zu präsentieren. Es glitzerte und funkelte in der Discobeleuchtung. Wir applaudierten ihm begeistert, suchten uns jedoch schleunigst ein Plätzchen, an dem weniger teure Juwelen unsere Augen blendeten. Es war schließlich schon spät und unsere Augen getrübt von Alkohol und dunklem Kneipenlicht.

Es war an der Zeit, den Ort zu verlassen, an dem sich die Fußballidole unter die Sterblichen gemischt hatten. Draußen begegnete uns erneut Mesut Özil, dessen schmale Schultern unter dem ständigen Klopfen zu zerbrechen drohten. Sein Mund lächelte noch immer, doch seinen Augen sah man ein gewisses Unwohlsein darüber an.

Heute steht er bei Real Madrid im großen Rampenlicht, Markus Rosenberg kämpft sich als Leihspieler durch die Primera Division, Naldo steht an der Schwelle zur Sportinvalidität, Julia ist in einer glücklichen Beziehung mit einem Nicht-Fußballer und Anna lebt mit ihrem Mann inzwischen in Freiburg. Sie interessiert sich noch immer nicht für Fußball. Manchmal denke ich, dass dies die bessere Alternative ist.

Sommerpause (Teil 3a): Personalplanung 2011 – Tor und Abwehr

Heute gibt’s den letzten Teil meiner Sommerpausen-Trilogie. Zur besseren Übersichtlichkeit habe ich zwei Posts daraus gemacht.

Tor:

Tim Wiese: Er ist die unangefochtene Nummer 1 bei Werder. Seine Leistungen sind beständig auf hohem bis sehr hohem Niveau. In den letzten beiden Jahren hat er sich vom „Reflexgott“ zu einem mitspielenden Torwart entwickelt und konsequent an seinen Schwächen gearbeitet. Gilt trotzdem als Torwart alter Schule und hat fußballerische Defizite sowie Probleme bei der Strafraumbeherrschung.

Christian Vander: Eine solide Nummer 2 – nicht mehr, nicht weniger. Hat die Wackler aus der Anfangszeit bei Werder weitgehend abgestellt. Übt jedoch keinen Druck auf Wiese als Nummer 1 aus. Momentan ist dies kein Problem, mittelfristig sollte Werder die Position überdenken.

Nachwuchs: Sebastian Miellitz (21) und Felix Wiedwald (20) stehen hinter den beiden etablierten Torhütern im zweiten Glied. Beide sammelten in der letzten Saison durch Verletzungen der Konkurrenten schon Erfahrungen im Spieltagskader der Profis. Miellitz kommt bereits auf drei Einsätze bei den Profis, doch in Wiedwald sehe ich (von den wenigen Eindrücken, die ich von beiden habe) das größere Potenzial. Langfristig wird sich höchstens einer von beiden bei Werder etablieren können. Ihr Ziel muss es zunächst sein, sich durch starke Leistungen in der U23 für die Profis zu empfehlen und die Position von Christian Vander anzugreifen. Fraglich, ob einer von beiden irgendwann Tim Wiese ersetzen kann.

Transfers: Im Tor sind keine Transfers geplant. Die vorhandenen Torhüter werden nicht abgegeben. Als einzigen möglichen Grund für eine Neuverpflichtung in letzter Minute könnte ich mir eine langfristige Verletzung von Tim Wiese vorstellen.

Abwehr:

Per Mertesacker: Gesetzt in der Innenverteidigung. Hat eine durchwachsene WM gespielt und auch seine letzte Saison war nicht die beste. Bei Fans und Trainer trotzdem unumstritten. Beeindruckt nach wie vor mit seiner Ruhe und Übersicht. Entgegen vieler Kritiken mit guter Spieleröffnung. Größte Schwäche ist seine fehlende Schnelligkeit, die er gerade bei der WM zu selten durch gutes Stellungsspiel wettmachen konnte. Stagniert etwas, allerdings auf hohem Niveau. Verbesserungspotenzial vor allem beim Antizipieren von Spielsituationen. Spekulationen um einen Wechsel zu Arsenal erteilte Klaus Allofs eine Absage.

Naldo: Hat zurück zu seiner Form gefunden. In der vergangenen Saison insgesamt der bessere der beiden Innenverteidiger. Trotz seiner Größe schneller als Mertesacker und technisch sehr beschlagen. Sein Offensivdrang ist Segen und Fluch zugleich, da Werder ohnehin sehr risikoreich spielt. Erzielte allerdings letzte Saison für einen Abwehrspieler sensationelle 13 Saisontore. Vom Gesamtpaket her einer der besten Innenverteidiger der Liga, mit leichtem Hang zu Unkonzentriertheiten. Leider seit Beginn der Sommerpause angeschlagen und mit großem Fragezeichen versehen, was seine Genesung angeht. Ein längerer Ausfall wäre für Werder ein herber Verlust.

Sebastian Prödl: Hat sich bei Werder bislang unter Wert verkauft. Ist nach wie vor ein großes Talent, musste jedoch immer wieder auf der rechten Außenbahn aushelfen, wo er Probleme hatte. In der Innenverteidigung kam er nur bei Ausfällen zum Einsatz und konnte dabei nicht immer überzeugen. Ähnlich kopfballstark wie Mertesacker und Naldo, dazu mit viel Dynamik und guter Antizipation. Für einen Stammplatz jedoch noch nicht beständig genug und unter normalen Bedingungen mit wenig Aussicht auf mehr Spielpraxis. Spielte eine gute Vorbereitung. Naldos Verletzung könnte seine Chance sein.

Petri Pasanen: Routinier und Defensivallrounder. In der letzten Rückrunde mal wieder solider Rückhalt auf der linken Abwehrseite. Seine Wunschposition ist jedoch die Innenverteidigung, wo er wegen der großen Konkurrenz aber nur selten eingesetzt wird. Hat sich mit seiner Rolle als Aushilfskraft arrangiert und kommt dank seiner Vielseitigkeit trotzdem regelmäßig zum Einsatz. Defensiv sehr solide und taktisch gut geschult. Auf der Außenbahn nach vorne eher zaghaft, wenn auch längst nicht so harmlos wie oft dargestellt. Hat zu Saisonbeginn einen kleinen Vorsprung vor Boenisch.

Clemens Fritz: Hat in der letzten Saison nach langer Schwächephase zurück in die Spur gefunden und zeigte als rechter Verteidiger überwiegend gute Leistungen. Vor allem defensiv verbessert. Offensiv noch mit Luft nach oben, gerade im Vergleich zu seiner ersten Saison bei Werder. Hat im aktuellen Kader keinen ernsthaften Konkurrenten um einen Stammplatz. Ist dazu mit den Innenverteidigern gut eingespielt. In der Vorbereitung sehr beständig.

Sebastian Boenisch: Nach einer ansprechenden Hinrunde in der letzten Saison nach seiner Verletzung nicht mehr richtig in Schwung gekommen. Noch immer sehr abhängig von seiner physischen Verfassung. Lauf-, Kopfball- und Zweikampfstark. Im Stellungsspiel verbessert, aber noch mit Defiziten. Wirkt gegen hochklassige Gegenspieler schnell überfordert. Muss in dieser Saison den Sprung vom soliden Linksverteidiger ins obere Bundesligadrittel schaffen, um seinen Stammplatz zu festigen. Bekommt womöglich neben Aushilfskraft Pasanen noch einen weiteren Konkurrenten vorgesetzt. Zudem in der Vorbereitung mit kleineren Verletzungsproblemen.

Nachwuchs: Niklas Andersen (21) kam bislang nicht über gelegentliche Kadernominierungen hinaus. In zwei Jahren kommt er auf nur einen Bundesligaeinsatz. In der U23 zeigt er ganz gute Leistungen, doch wenn nicht bald noch eine Leistungssteigerung kommt, dürfte der Zug zum Profikader abgefahren sein. Ähnliches gilt in noch stärkerem Maße für Dominik Schmidt (23). Er wird im Profikader geführt, hat aber kaum noch Chancen sich dort festzusetzen. Besser sieht es da schon für Timo Perthel (21) aus, der sich in der vergangenen Saison zum Linksverteidiger umschulen ließ und dort überzeugen konnte. Falls niemand mehr für die Position verpflichtet wird, könnte er hinter Boenisch zum festen Bestandteil des Profikaders werden.

Transfers: Bislang wurde kein Abwehrspieler verpflichtet. Der Kader ist auf den Außenbahnen jedoch etwas dünn besetzt. Testspieler Aldo Corzo aus Peru wurde nicht verpflichten, wohl auch, weil er für die U23 nicht spielberechtigt ist, was es erschwert hätte, ihm Spielpraxis zu geben. Gesucht wird vor allem ein Linksverteidiger, sei es für die Startelf oder um Boenisch Druck zu machen. Definitiv nicht verpflichtet wird Aymen Abdennour, der laut Allofs in der letzten Saison “verbrannt” wurde. Häufig genannte Namen waren Reto Ziegler, Pablo Armero und Nadir Belhadj, die jedoch allesamt aus dem Rennen sind. Der Brasilianer Rycharlyson (Sao Paolo) ist laut Allofs kein Thema, doch es gibt Gerüchte wonach er Werders Plan B ist. Bleibt die Frage: Wer ist Plan A?

Bereits erschienen:

Sommerpause (Teil 1): Der ganz normale Wahnsinn

Sommerpause (Teil 2): Die Systemfrage reloaded

Es folgt:

Sommerpause (Teil 3b): Personalplanung 2011 – Mittelfeld und Angriff