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Europa League, 1/16-Finale: Der heimliche Spielmacher

Twente Enschede – Werder Bremen 1:0
Werder Bremen – Twente Enschede 4:1

Als Werderfan kann man heute wirklich zufrieden sein. Aus der schwierigen Ausgangsposition, mit zwei Toren Vorsprung gewinnen zu müssen, hat sich Werder souverän ins Achtelfinale geballert und  dabei über weite Strecken richtig guten Fußball gespielt. Wie schon im Hinspiel vor einer Woche gehörte die erste halbe Stunde des Spiels Werder. Wie im Hinspiel erzielte Enschede dann wie aus dem Nichts ein Tor. Anders als vor einer Woche hatte Werder zu diesem Zeitpunkt aber schon die eigenen Chancen genutzt und mit 3:0 in Führung gelegen. Am Ende kam ein 4:2 Gesamtergebnis heraus, das nach den gezeigten Leistungen über 180 Minuten so in Ordnung geht. Twente hatte insgesamt nur eine Halbzeit lang Oberwasser gegen Bremen, verpasste es dort jedoch, eine noch bessere Ausgangssituation für das Rückspiel herauszuholen.

Die hätte es gestern Abend gebraucht, um gegen eine sehr konzentrierte und kombinationsfreudige Bremer Mannschaft etwas zu holen. Der Knackpunkt für Enschede war sicherlich die vergebene Chance durch Parker, bei der Vander seine – von vielen im Stadion unbemerkte – beste Aktion hatte, und dem folgenden Tor durch Claudio Pizarro. Vander war sehr lange stehen geblieben, gab Parker dadurch nicht die einfache Option, ihn auszugucken und dann einzuschieben. Dass der Schuss  nur an den Außenpfosten ging war dann natürlich auch Glückssache. Dennoch eine (sehr, sehr seltene!) Situation, in der ich ganz froh war, nicht den mit Messer zwischen den Zähnen heranrauschenden Tim Wiese im Kasten zu haben. Im Gegenzug dann Abdennour mit seiner besten Szene, einem gewonnenen Tackling im Mittelfeld und Özils Pass auf Pizarro, der sein bereits zwölftes Tor im zehnten Europa League Spiel erzielte. Danach war die Messe gelesen, ein Aufbäumen Twentes fand nicht mehr statt, obwohl Werder nicht mehr voll konzentriert wirkte.

Bei Özils Auswechslung nur verhaltener Beifall, obwohl er eine gute Leistung gezeigt hatte und an allen Toren beteiligt war. Es läuft noch längst nicht alles rund bei ihm, aber die Formkurve zeigt seit dem Spiel gegen Leverkusen wieder nach oben. Möglicherweise einer der Gründe: Özil musste gestern nicht Spielmacher und Vollstrecker zugleich sein. Die Umstellung mit Almeida und Pizarro gemeinsam im Angriff – zum ersten Mal in dieser Saison von Beginn an – machte sich deutlich bemerkbar. Während Marin und Özil mehr die Außenbahnen beackerten, ließ sich Pizarro (wie auch schon in der zweiten Halbzeit gegen Hoffenheim) häufig  gute zehn Meter hinter Almeida fallen und beteiligte sich am Spielaufbau. Eigentlich keine Besonderheit, doch gestern hatte er mit Almeida noch einen wirklichen Stürmer vor sich, der a) auch hoch anspielbar war und b) die Bälle wiederum für Pizarro ablegen konnte – eine Aufgabe die Pizarro zuvor in Personalunion schlecht selbst bewerkstelligen konnte. Trotzdem kann man seine Leistung gar nicht hoch genug bewerten. Großartiges Spielverständnis, gutes Auge, technisch ohnehin klasse. Die Lücke zwischen den defensiv überzeugenden, aber im Aufbauspiel verbesserungswürdigen Frings und Niemeyer und den kleinen Wirblern füllte er blenden aus. Es war, als hätte Werder endlich das fehlende Puzzlestück gefunden. Dazu nutzte Pizarro diesmal auch seine Chancen.

Nach einem zwar konzentrierten, aber etwas zähen Start war es Torsten Frings Pass, der das 1:0 einleitete. In dieser Situation hatte er am schnellsten gedacht, war den Niederländern um einen Schritt voraus und Werder brauchte es über die Stationen Özil, Almeida und Pizarro “nur” noch sauber zuende spielen. Almeidas punktgenaue Hereingabe ist dabei sicherlich ebenfalls hervorzuheben. Danach spielte sich Werder in einen Rausch und die Gäste fanden eine Viertelstunde lang keinen Weg, dem etwas entgegenzusetzen. Werder belohnte sich mit zwei weiteren Toren. Pizarro und Naldo behielten vor ihren jeweiligen Treffern die Nerven und schlossen überlegt ab. Gibt es einen anderen Innenverteidiger in Europa, der auf so viele unterschiedliche Weisen torgefährlich ist, wie Naldo? Kopfbälle, Freistöße und nun im Stile eines abgezockten Klassestürmers den Torwart verladen. Dazu in der Defensive oft im richtigen Moment aus der Viererkette gelöst und dadurch das Angriffsspiel unterbunden. Gerne hätte ich das bei seinem Nebenmann Mertesacker in den beiden Spielen zuvor gegen Janssen und Kroos auch gesehen! Mertesacker war auch gestern für mich neben dem übermotivierten Abdennour der einzige, mit dessen Leistung ich nicht ganz einverstanden war. Er war mit einer Grippe ins Spiel gegangen, was einerseits eine gute Entschuldigung, andererseits natürlich auch ziemlich leichtsinnig ist. Eine wirklich schlechte Leistung war es allerdings auch von ihm nicht. In der Spieleröffnung konnte er Pluspunkte sammeln. Mit Stürmer de Jong hatte er jedoch einige Probleme, weil dieser mit viel Körper- und Armeinsatz in die Luftzweikämpfe ging und sich so erstaunlich gut behaupten konnte.

Es war sicherlich noch nicht alles Gold, was da gestern im Weserstadion schon wieder sehr ansehnlich glänzte, aber es war eindeutig die beste Mannschaftsleistung des Jahres und ein Fingerzeig, wozu diese Mannschaft in der Saison noch fähig sein könnte. Das Comeback von Bargfrede macht zusätzlich Hoffnung. Thomas Schaaf steht nun jedoch vor dem Problem, über drei sehr gute offensive Mittelfeldspieler zu verfügen, die wunderbar harmonieren, nicht jedoch mit dem Zweiersturm Pizarro/Almeida zusammen aufgestellt werden können. Wäre Frings doch nur vier Jahre jünger! So dürfte es in den nächsten Spielen, in denen es nicht von der ersten Minute an einen Rückstand aufzuholen gilt, wieder auf die bekannte Formation hinauslaufen, mit Almeida als Backup für die Sturm- und Drangphase in den letzten dreißig Minuten. Alternativ könnte man natürlich auch einen der drei zuvor genannten auf der Bank lassen, am ehesten wohl Marin, der dann in der Schlussphase dem erschöpften Gegner Knoten in die Beine dribbelt. Nun geht es mit nur einem Tag Pause zum Auswärtsspiel nach Mainz. Eine ohnehin schwierige Aufgabe, bei der Werders Fitness und/oder Reservebank auf eine harte Probe gestellt werden.

Ein paar Randnotizen aus dem Stadion: Viertes Heimspiel in der Europa League, zum vierten Mal live vor Ort, vierter Sieg. Die Sicht vom VIP-Rang ist phänomenal, die Stimmung nicht so ganz. Genörgel über Özil allerorten und nur wenig Interesse fürs oder gar Verständnis vom Spiel. Ein wenig deplatziert fühle ich mich dort schon, auch wenn es vor dem Fernseher mit einer Tüte Chips TrailMix kaum weniger spießig ist. Dafür immer wieder Begegnungen mit altgedienten Werderspielern (diesmal Mirko Votava). Vor dem Stadion wäre ich dann fast noch von Aaron Hunt über den Haufen gerannt worden, der es wohl sehr eilig hatte, zu seinem Auto zu kommen. Gut so, Aaron, diesen Einsatz will ich von dir in den nächsten vier Jahren bei Werder weiterhin sehen!

Europa League, 6. Spieltag: Weihnachtsausflug

Athletic Bilbao – Werder Bremen 0:3

Spät aber doch: mein Senf zu Werders Auswärtssieg in Bilbao. Die Arbeit ließ es nicht früher zu und es gibt zum Glück auch nicht viel zu schreiben. Mit 16 von 18 möglichen Punkten hat Werder die Gruppe gewonnen und musste gegen die Basken auch nicht lange um den Gruppensieg zittern. Die zum großen Teil mit Nachwuchsspielern besetzten Gastgeber waren nach dem frühen 0:1 völlig verunsichert und gaben Werder viel Platz und Zeit zum Kombinieren. Das taten die Grün-Weißen dann auch, vor allem in der ersten Hälfte, sehr gefällig. In der zweiten Halbzeit schlich sich dann so ein wenig der Schlendrian ein, doch dank Tim Wiese und einige unüberlegten Abschlüssen auf Seiten von Athletic blieb die Null stehen. In der K.O.-Phase wird Werder wohl kaum noch einmal auf einen so wehrlosen Gegner treffen. Bilbaos Chancen auf den Gruppensieg waren sowieso gering, da bot es sich an, lieber ein paar Leistungsträger zu schonen und junge Spieler Erfahrung sammeln zu lassen.

In der nächsten Runde spielt Werder gegen Twente Enschede, das Team vom Ex-Teamchef der englischen Nationalelf Shteve McLaren. Ein gutes Los. Nicht zu schwierig, Werder ist klarer Favorit, aber auch nicht so unbekannt, dass man überheblich werden dürfte. Über Liverpool hätte ich mich natürlich auch gefreut, aber irgendwie bin ich doch ganz froh, dass Werder ein Hammerlos wie vor einem Jahr vorerst erspart bleibt.