Schlagwort-Archiv: Slaven Bilic

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe C

Italien – Kroatien 1:1

Vor einigen Tagen war Italien noch die Überraschungsmannschaft des Turniers und 45 Minuten lang knüpfte man auch gegen Kroatien an die Leistung aus dem Spanien-Spiel an. Die Kroaten hatten große Probleme gegen die beweglichen Cassano und Balotelli im Sturmzentrum. Vor allem Balotelli zeigte sich nach dem schwachen Auftaktspiel deutlich verbessert. Insgesamt dominierten die Italiener das Zentrum mit ihrem 3-5-2: In der Abwehr hatten sie gegen die beiden kroatischen Spitzen genauso eine 3 vs 2 Überzahl, wie im zentralen Mittelfeld. Diese spielten sie gut aus, während Kroatien die 2 vs 1 Überzahl auf den Flügeln nicht gut nutzen konnte. Das 1:0 erzielte Pirlo zwar durch einen Freistoß, aber es entsprach auch dem Spielverlauf.

Dann geschah jedoch etwas unerwartetes: Kroatien stellte zur Pause um auf ein 4-2-3-1, zog Mandzukic auf den Flügel und Rakitic ins Zentrum. Dadurch bekamen sie die Dominanz der Italiener besser in den Griff, ohne ihre Überzahl auf dem Flügel aufzugeben. Mit zunehmender Spieldauer gelang es immer besser, die italienischen Wingbacks unter Druck zu setzen und letztlich fiel dadurch auch der Ausgleich, wenn auch mit freundlicher Unterstützung von Chiellini, der sich bei einer Flanke gewaltig verschätzte (bei aller taktischen Klasse sind die italienischen Verteidiger immer mal für einen individuellen Patzer gut).

Ich muss sagen, dass ich positiv überrascht bin von Bilic. Während der ansonsten taktisch so flexible Prandelli das Spiel aussaß und nur personell reagierte, am 3-5-2 aber festhielt, stellte Bilic taktisch um und brachte Kroatien damit zurück ins Spiel. Am Ende war sein Team sogar näher am Sieg als die Italiener. Auch wenn Kroatien noch längst nicht im Viertelfinale steht, muss ich zugeben, dass ich sie unterschätzt habe. Ich hätte eher den komplett reaktiven und körperlich starken Iren in dieser Gruppe etwas zugetraut, als den doch recht ausrechenbaren Kroaten. Wie es scheint, habe nicht nur ich mich verrechnet.

Spanien – Irland 4:0

Wieder ein frühes Gegentor für die Iren, das Trapattonis Matchplan nach 4 Minuten über den Haufen warf. Eigentlich könnte ich jetzt auf das erste Spiel der Iren verweisen und es dabei belassen. Spanien spielte seinen Stiefel runter und ließ Irland nicht den Hauch einer Chance. Viele Erkenntnisse konnte man aus dem Spiel nicht ziehen. Irland stand nicht so tief, wie es von vielen hinterher behauptet wurde. Sie versuchten durchaus frühes Pressing zu spielen und sich nicht zu weit zurückdrängen zu lassen, doch gegen Spaniens Ballsicherheit fanden sie keine Mittel. Somit mussten sie zwangsläufig immer weiter zurückweichen und die Mitte dicht machen. Das gelang in der ersten Halbzeit gut, in der zweiten weniger.

Dennoch fanden die Spanier ihre Lücken. Es machte sich bezahlt, mit Torres wieder einen richtigen Stürmer auf dem Platz zu haben, der auf Höhe der Abseitslinie agiert und auf den Pass in die Lücke wartet. Diesmal verwertete er auch seine Chancen besser als gegen Italien. Irlands Spiel mit Ball ist nicht wettbewerbsfähig. Nach Ballgewinn geriet man ob des spanischen Pressings in Panik. Flach und kurz ging es nur nach hinten: Vom Sechser zum Innenverteidiger zum Torwart (der die meisten Ballkontakte des Teams hatte). Nach spätestens drei Pässen war der Ball entweder weg oder wurde lang und hoch nach vorne gedroschen. Um mit dieser Art Fußball zu bestehen, muss man unbedingt lange die Null halten. Irland gelang dies in beiden Spielen insgesamt sieben Minuten lang und fährt deshalb zurecht nach Hause.

Meine EM: Kroatien auf dem absteigenden Ast

Es ist noch nicht lange her, da schien Kroatien der Schritt vom Fußballschwellenland zur großen Fußballnation gelungen zu sein. Bei der letzten Europameisterschaft sah die kroatische Zukunft mehr als rosig aus. Erst warf man England mit einem überzeugenden Sieg schon in der Qualifikation aus dem Wettbewerb. Dann fügte man Deutschland in der Gruppenphase eine empfindliche Niederlage zu. Im Viertelfinale stand man nach einem Last Minute Tor in der Verlängerung ganz kurz vor dem größten Erfolg seit 1998, doch dann kam alles anders. Das Gegentor in der 121. Minute, das Aus im Elfmeterschießen und irgendwie scheint es, als hätte sich der kroatische Fußball davon noch nicht wieder erholt.

Die fetten Jahre sind vorbei

Vier Jahre später zählt kaum jemand Kroatien noch zu den (Geheim-)Favoriten. Zu schwach waren die Leistungen in den letzten Jahren, zu wenig Optimismus versprüht der Kader. Nachdem man zunächst die Rache der Engländer in Form einer 1:4 Heim- und einer 1:5 Auswärtsniederlage zu spüren bekam und die Qualifikation zur WM 2010 verpasste, hatte man auch auf dem Weg zu dieser Europameisterschaft so seine Probleme. Griechenland erwies sich in der Gruppe als zu stark und erst im Play-Off gegen die Türkei konnte Kroatien zu alter Stärke zurückfinden. Die Testspiele waren dann eher durchwachsen. Die schwachen Esten waren kein ernsthafter Gegner und gegen Norwegen glänzte man mit einem schmucklosen Remis.

Personell ist es um die Kroaten nicht zum Besten bestellt, was sich vor allem in der Offensivabteilung zeigt. Die Altstars Klasnic und Petric wurden nicht mehr berücksichtigt, während Ivica Olic mit einer Verletzung ausfällt. Eduardo da Silva ist nach seiner schweren Verletzung nie so ganz zu alter Stärke zurückgekehrt. So ruht viel Hoffnung und Verantwortung auf dem Wolfsburger Mario Mandzukic. Das Herzstück des kroatischen Spiels ist jedoch Luka Modric, der im zentralen defensiven Mittelfeld die Fäden zieht und eine beachtliche Entwicklung genommen hat. Ansonsten besteht der kroatische Kader aus vielen Spielern, die über genügend technische und taktische Klasse verfügen, aber nicht wirklich herausragend sind. Zudem ist die Altersstruktur etwas fragwürdig. Waren die Kroaten früher eine Mischung aus alten Haudegen und jungen Talenten, besteht heute fast der komplette Kader aus Spielern im mittleren Fußballeralter. Im kroatischen Team findet sich kein einziger Spieler unter 23. Einen neuen Modric oder Eduardo sucht man daher vergeblich.

Maximal Außenseiterchancen

Dennoch ist der kroatische Kader zweifellos stark genug, um eine schlagkräftige Mannschaft aus ihr zu formen. Um aus spielern wie Ivan Rakitic oder Ivan Perisic das Optimum herauszuholen braucht es jedoch eine stimmige Taktik. Das negieren der gegnerischen Stärken und das Ausnutzen der daraus resultierenden Fehler gehörte unter Slaven Bilic lange zu den Hauptqualitäten. Inzwischen ist Kroatien die dafür notwendige, einhundertprozentige Konzentration etwas abhanden gekommen. Dazu ist die Mannschaft defensiv nicht mehr so hochkarätig besetzt, wie noch vor einigen Jahren. Josip Simunic ist noch immer unumstrittener Abwehrchef und man sucht vergeblich nach jüngeren Spielern seines Kalibers. Auch die Außenverteidiger genügen nicht mehr höheren Ansprüchen.

So ist Kroatien ein eher mittelmäßiges Team bei dieser Europameisterschaft. Zu gut, um sang- und klanglos unterzugehen. Nicht gut genug, dass man ihnen gegen Spanien und Italien das Weiterkommen zutrauen würde. Vielleicht kommt es Bilic und seiner Mannschaft entgegen, dass sie nicht mehr die Bürde des Geheimfavoriten zu tragen haben. Es würde mich jedoch wundern, wenn sie bei dieser Europameisterschaft ein Comeback in der internationalen Spitze feierten. Gegen Irland könnte es bei einer entsprechend vorsichtigen Herangehensweise noch reichen. Danach werden sie ihre Grenzen aufgezeigt bekommen.

Meine Prognose: Kroatien punktet nur gegen Irland und fährt nach der Gruppenphase nach Hause.

Kroatiens Gruppengegner:

Spanien
Italien
Irland