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Renaissance der Dreierketten

Fünf Mannschaften spielen bei dieser WM bislang mit einer Dreier- bzw. Fünferkette. Alle fünf haben ihre Auftaktspiele gewonnen. Der Trend zurück zu Abwehrformationen mit drei Innenverteidigern ist nicht neu, doch er kommt bei diesem Turnier stärker zum Tragen als bspw. in der Champions League, wo nur wenige Teams ein solches System spielen.

Die Radikalste Variante spielt Chile im 3-4-1-2, bei dem die Wingbacks eher als offensive Mittelfeldspieler agieren, denn als zusätzliche Abwehrspieler. Die Stärken und Schwächen des Systems kamen gegen Australien auch direkt zum Vorschein: Solange Chile aggressiv presst, funktioniert es gut und man kann den Gegner permanent unter Druck setzen. Sobald der Druck nachlässt, bekommt man defensiv Probleme und wird hinten auseinander gerissen. Chile hat das Potenzial bei diesem Turnier richtig weit zu kommen, aber dafür müssen sie eine bessere Balance zwischen ihrem typischen Powerfußball und den in Brasilien nötigen Verschnaufpausen finden.

Das defensive Gegenstück bildet das 5-4-1 Costa Ricas, mit dem man einer harm- und in der zweiten Halbzeit kraftlosen Mannschaft aus Uruguay den Zahn ziehen konnte. Die Kombination aus doppelter Absicherung auf den Flügeln und einem dritten Innenverteidiger ist sehr defensiv, doch Costa Rica spielte bislang keinen Mauerfußball. Offensiv ist solch ein System eigentlich recht bieder, doch das machten die Mittelamerikaner mit ihrer Leidenschaft wieder wett, mit der sie immer wieder Nadelstiche setzten. Es scheint ohnehin der erfolgsversprechendere Matchplan zu sein, das Tempo zu dosieren und nur mit vereinzelten Druckphasen den Gegner zu attackieren. Das machte Costa Rica sehr gut.

Die Niederlande sorgten gegen Spanien für das Schockergebnis dieser WM. Einen amtierenden Weltmeister so abzufertigen ist in der Geschichte der Weltmeisterschaft einmalig. Bei der Einordnung des Ergebnisses muss man sicherlich die Umstände (irreguläres Tor zum 1:3, Matchglück, völlige Indisponiertheit Spaniens in der letzten halben Stunde) berücksichtigen, doch das macht dieses Spiel kaum weniger spektakulär. Van Gaals unkonventionelles 5-3-2/3-5-3 ist nur auf dem Papier ein ultra-defensives System. Die vorderen drei Spieler übten permanenten Druck auf den Spielaufbau der Spanier aus und auch die beiden Sechser verteidigten gegen Xavi und Xabi Alonso munter nach vorne. Den dadurch entstehenden Raum im Zentrum konnte Spanien paradoxerweise jedoch kaum nutzen. Alle drei Mittelfeldspieler ließen sich häufig weit zurückfallen, um dem Druck der Gegenspieler zu umgehen. Davor war man sehr linkslastig, agierte teilweise mit sechs Mann in der linken Spielfeldhälfte und kombinierte sich auch einige Male erfolgreich durch. Wenn dies gelang und der Ball im offensiven Zentrum ankam, wurde es promt gefährlich, denn dann hatten die Niederlande mit fünf Mann auf einer Linie kein Mittel gegen die Schnittstellenpässe von Xavi und Iniesta. Die hätten das Spiel kurz vor der Halbzeit schon fast entschieden, doch Silva vergab frei vor dem Torwart und im Gegenzug erzielte Van Persie den Ausgleich.

Offensiv sind die Niederlande mit ihrem geradlinigen Fußball, den starken Diagonalpässen von Blind und der individuellen Klasse der Dreierreihe ein ernster Titelkandidat. Defensiv wirkten sie auf mich nicht so überzeugend, denn obwohl Spanien auch in der ersten Halbzeit das Spiel nicht dominieren konnte, ließ das niederländische Kollektiv doch recht viele gefährliche Situationen zu. Eigentlich sollten mit einer Fünferkette die Gelegenheiten für Steilpässe durch die Schnittstelle minimiert werden. Aber welcher andere Gegner hat schon die Qualitäten von Spanien, um diese Lücken auszunutzen (auch wenn Xavi bei dieser WM für Spanien zum Problemfall werden könnte, aber das ist ein Thema für sich).

Mexikos 3-5-2 wurde gegen Kamerun kaum getestet. Die Wingbacks konnten gefahrlos mit aufrücken, weil der Gegner den Raum dahinter fast nie zu nutzen wusste und kein Tempo in die eigenen Gegenstöße brachte. Damit spielte Kamerun leider in etwa so, wie ich es erwartet habe. Das ist ganz magere Fußballkost. Dennoch hatte Kamerun ein paar gute Torchancen, denn Mexiko ist trotz verbesserter Offensive noch nicht auf dem Niveau, zu dem das Team fähig sein könnte. Unter Druck wirken Marquez und seine beiden Nebenleute nicht mehr so souverän, wie man das beispielsweise vor vier Jahren noch gesehen hat. Kroatien dürfte mit seinen Tempoangriffen über die Flügel ein sehr schwieriger Gegner werden und meine Tendenz geht momentan eher dahin, dass es fürs Achtelfinale nicht reichen wird.*

Zu guter letzt lief auch Argentinien mit einer Dreierkette auf. Das 3-3-2-2 wirkte auf mich ein wenig übervorsichtig. Der Spielaufbau der Argentinier war über weite Strecke so langsam, dass es den Anschein hatte, die Spieler schonten sich bereits fürs Achtelfinale. Der Sechserblock in der Defensive wurde von Bosnien kaum geprüft, weil keine Angriffe mit Tempo vorgetragen wurden. Ballgewinne gab es fast nur in der eigenen Hälfte und das Umschaltspiel brachte Argentinien nicht in Verlegenheit. Ich würde Argentinien gerne mal gegen eine starke Kontermannschaft sehen. In der schwachen Gruppe wird das eher nicht der Fall sein, im Achtelfinale könnte es dann ein böses Erwachen geben.

In der Offensive gab es nur wenig Struktur, man verließ sich hauptsächlich auf Messis Klasse, die dieser in der ersten Halbzeit weitgehend schuldig blieb. Mit seiner ersten Aktion leitete er jedoch das 1:0 ein und beim 2:0 zeigte er dann noch einmal seine ganze Klasse. Individuell sucht diese Aktion seinesgleichen. Messis Spielweise in den letzten 12 Monaten gefällt mir jedoch nicht. Er nimmt sich lange Schaffenspausen, beteiligt sich kaum am Kombinationsspiel und am Pressing. Zu seinen besten Zeiten war er auch ohne seine Tore der beste Spieler der Welt, weil er im Minutentakt gefährliche Situationen mit einleitete und Bälle zurückeroberte. Heute ist er in 70 von 90 Minuten ein Durchschnittsspieler, der wenig Einsatz zeigt. Auf diese Weise ist Messi zwar immer noch Weltklasse, aber steht nicht mehr über allen anderen – auch wenn genau dieser Status einer der Gründe für den veränderten Stil sein dürfte. Ein anderer ist möglicherweise sein Fitness. Er hat vier Jahre fast am Stück gespielt und hatte im letzten Jahr mit mehreren Verletzungen zu kämpfen.

Schwer zu sagen, ob der Trend zur Dreierkette anhalten wird. In Südamerika und Italien war das 3-5-2 nie so aus der Mode wie hier (wo man sehr lange brauchte, bis die Viererkette überhaupt in Mode kam). Spätestens seit Pep Guardiola beim FC Barcelona mit einem 3-4-3 und einem 3-3-4 experimentierte, wird im Weltfußball wieder vermehrt nach Alternativen zur Viererkette gesucht. Vor vier Jahren spielten bereits einige Teams mit einer Dreier- bzw. Fünferabwehr, darunter Chile und Mexiko. In diesem Jahr wagen sich auch die Schwergewichte Argentinien und die Niederlande daran und es könnte zum ersten Mal seit 1990 dazu kommen, dass ein Team Weltmeister wird, das nicht mit einer Viererkette spielt.

*Und schon macht mir die Aktualität einen Strich durch die Rechnung.

Meine EM: Boring, boring, España?

Portugal – Spanien 0:0 (2:4 i.E.)

Spanien besiegt Portugal im Elfmeterschießen, nachdem in einem über lange Strecken hochklassigen Spiel mit wenigen Torchancen kein Sieger gefunden wurde. Nach dem Spiel wird mehr über mangelnden Unterhaltungswert gesprochen, als über den Finaleinzug der Spanier. Eine Siegesformel gegen den Welt- und Europameister wird immer noch vergeblich gesucht, auch wenn Portugal nah dran war.

Der Tikinaccio

Es fällt noch immer vielen Beobachtern schwer, die defensive Brillanz des Tiki Taka zu erkennen. Vielleicht will man sie auch nicht erkennen. Man interpretiert die spanischen Passorgien im Mittelfeld lieber als Arroganz oder die hohe Ballbesitzquote als Selbstzweck. Dabei ist der “Tikinaccio” in den letzten Jahren das europaweit erfolgreichste Defensivsystem gewesen. Keine Vereinsmannschaft aus den fünf Top-Ligen hat in den letzten vier Jahren weniger Gegentore kassiert, als der FC Barcelona. Auf internationaler Ebene steht Spanien zum dritten Mal in Folge in einem Finale – zum dritten Mal ohne Gegentor in der K.O.-Runde.

Die geringe Beachtung der defensiven Komponente im Spiel der Spanier ist zum Teil Folge des Offensivspektakels, das mitunter dabei herauskommt. Doch gerade gegen ultradefensive Gegner steht nicht die Offensive im Vordergrund, auch wenn dies immer wieder behauptet wird. Weder Spanien noch Barcelona haben ein grundsätzliches Problem mit dem Toreschießen gegen defensive Gegner. Barcelona ist weder gegen Inter 2010 noch gegen Chelsea in diesem Jahr ausgeschieden, weil sie zu wenig Tore geschossen haben. Sie sind ausgeschieden, weil sie zu viele kassiert haben. Das Rückspiel gegen Chelsea hatte Barcelona bereits gedreht, bevor man übermütig in einen Konter lief. Phasen, in denen vorne nicht alles klappt, gibt es immer wieder mal. Trotzdem schafft es der Gegner fast nie, ein Gegentor zu verhindern. Das wiederum schafft Spanien seit Jahren in jedem wichtigen Spiel. Ich wäre sehr gespannt gewesen auf Chelseas Plan B, hätte Barcelona nach der 2:0-Führung gegen einen dezimierten Gegner den Ball so kontrolliert durchs Mittelfeld geschoben, wie Spanien häufig bei dieser EM.

Wir haben den Ansatz des ballbesitzlosen Spiels in seiner Extremform als wirksame Defensivtaktik anerkannt, auch wenn er nur höchst selten funktioniert. Warum erkennen wir den Ansatz des Verteidigens mit Ball nicht endlich an? Oder wollen wir damit warten, bis auch Deutschland wieder einmal daran gescheitert ist? (Was ich nicht hoffe und wo ich auch gute Chancen sehe, dies zu verhindern.)

Frühes Stören, schwacher Abschluss

Viel spannender als die Frage nach der Attraktivität des spanischen Spiels ist die Frage, wie man es bezwingen kann. Hier sind einige Mannschaften bei diesem Turnier bereits auf einem guten Weg gewesen. Auch Portugal lieferte lange Zeit ein hervorragendes Spiel gegen die Spanier ab und brachte sie an den Rand der Niederlage. Wie Italien und Kroatien vor ihnen, versuchte auch Portugal das Aufbauspiel der Spanier früh zu stören. Busquets und Xabi Alonso wurden bei der Ballverarbeitung direkt unter Druck gesetzt. Xavi musste viel nach hinten und zur Seite ausweichen und konnte dem Spiel nicht wie gewohnt seinen Stempel aufdrücken. Die überraschende Spitze Negredo war somit weitgehend isoliert und blieb völlig wirkungslos. Die Entwicklung des portugiesischen Mittelfelds ist beeindruckend. Die Mechanismen zwischen Veloso, Mereiles und Moutinho funktionierten hervorragend und man schaffte es durch geschickte Raumaufteilung auch die Löcher zu stopfen, die Cristiano Ronaldo offen lässt.

Das Spiel war in der ersten Halbzeit auch deswegen so interessant, weil die Außenverteidiger auf beiden Seiten weit aufrückten. Besonders auffällig war dies bei Arbeloa, der auf der rechten Seite teilweise bis auf Höhe der offensiven Dreierreihe vorschob, wodurch Silva weiter im Zentrum agieren konnte. Nicht zufällig hatte der spanische Rechtsverteidiger die erste hochkarätige Chance im Spiel. Auf der anderen Seite hatte Ronaldo dadurch einigermaßen viel Platz und Piqué hatte Mühe und Not gegen ihn zu verteidigen. Spanien fehlte insgesamt die Spielkontrolle, um die Breite durch die aufrückenden Außenverteidiger auszunutzen. Dafür ging man defensiv ein hohes Risiko ein. Del Bosque reagierte in der zweiten Hälfte darauf und stellte seine Offensive nach und nach um.

Mit Fabregas als (falschem) Neuner wurden die Passoptionen im Zentrum erhöht und Spanien bekam mehr Sicherheit ins Spiel. Mit Navas und Pedro bekam die offensive Dreierreihe mehr Breite, wodurch man weniger auf aufrückende Außenverteidiger angewiesen war. Portugals Konter wurden weniger und ebbten in der Verlängerung völlig ab, während bei Spanien vor allem Pedro einige gute Aktionen im Angriffsdrittel hatte.

Späte Dominanz, verdienter Sieger in der Lotterie

Wie zuvor gegen Italien und Kroatien wankte Spanien ein wenig, doch es fiel nicht. Es fiel auch deshalb nicht, weil Portugal es über 120 Minuten nicht fertig brachte, einen Schuss auf Cassillas Tor abzugeben. Torchancen waren ohnehin Mangelware, doch bei allem Lob, das man Bentos Mannschaft für den mutigen Ansatz und das hohe Pressing machen muss, kann man den Torabschluss nur als mangelhaft bezeichnen. Die beste Chance vergab Ronaldo in der Schlussminute  mit einem miserablen Schuss im Strafraum. Deshalb kann ich auch nicht ganz verstehen, dass manche den spanischen Sieg als unverdient bezeichneten. Auch Spanien hatte wenig Torchancen, aber sie zwangen Patricio wenigstens zu einigen guten Paraden und erspielten sich in der Verlängerung ein deutliches Übergewicht, während Portugal das Elfmeterschießen herbeisehnte.

Portugal hat sich bei diesem Turnier ein großes Lob verdient, da man sich von Spiel zu Spiel gesteigert hat und Spanien bis ins Elfmeterschießen zwang. Man war über weite Strecken des Halbfinales ebenbürtig, doch wenn man den Außenseiter-Bonus abzieht, ist die bessere Mannschaft ins Finale eingezogen.

 

Meine EM: Blancs gescheiterte Evolution

Spanien – Frankreich 2:0

Man wollte den Schatten von 2010 loswerden. Nun steht Frankreich nach vier Spielen bei dieser EM vor einem Scherbenhaufen. Die Reaktionen nach dem Ausscheiden zeigten, dass die Entwicklung in den letzten zwei Jahren nicht so viel wert waren, wie erhofft. Der Stachel sitzt noch immer tief.

Laurent Blanc versuchte es gegen Spanien mit einem sehr defensiven, asymmetrischen 4-5-1, bei dem auf der rechten Seite quasi ein zweiter Rechtsverteidiger spielte, der Jordi Albas Vorstöße eindämmen sollte. Links spielte Ribery deutlich höher. Von ihm erhoffte man sich die nötige Kreativität und Zuspiele für Karim Benzema. Der enttäuschende Nasri saß auf der Bank. Spanien spielte wie gewohnt im 4-3-3, diesmal wieder ohne echten Stürmer, dafür mit Fabregas als falscher Neun.

Über weite Strecken ließ das Spiel die Spannung vermissen. Spanien zeigte sich wie gewohnt ballsicher und war nicht gewillt, gegen einen in den ersten 45 Minuten harmlosen Gegner großes Risiko einzugehen. Nach der frühen Führung durch Xabi Alonso hielt man den Ball in den eigenen Reihen und in Frankreichs Hälfte, ohne die letzte Entschlossenheit auf dem Weg zum Tor. Es kamen Erinnerungen an 2010 hoch. Das spanische Tiki-Taka ist nicht zuletzt auch ein Defensivsystem, dem Frankreich wenig entgegen zu setzen hat.

In der zweiten Halbzeit wurde Frankreich etwas stärker, kam über die linke Seite zu einigen Chancen, von denen die meisten jedoch nicht wirklich gefährlich für Cassilas wurden. Ich hatte nie den Eindruck, dass Frankreich dieses Spiel gewinnen könnte. Spanien lässt den Esprit vermissen, den man beispielsweise vor vier Jahren ausstrahlte. Man verwaltet eher den Status als Nummer 1, als das man versucht, an den begeisternden Fußball der Jahre 2007 bis 2010 anzuknüpfen. Solange die Gegner dem so wenig entgegen zu setzen haben wie Frankreich, kann man an diesem Ansatz nicht viel kritisieren. Unterm Strich war es ein verdienter Sieg, der in Frankreich eine hitzige Diskussion um Spieler und Trainer auslöste.

Blanc wirkt angezählt, muss um seine Vertragsverlängerung bangen. Seine Taktik gegen Spanien ging nicht auf, das 0:1 fiel ausgerechnet über die rechte Abwehrseite, die Blanc mit seiner Aufstellung stärken wollte. Doch vor allem die Spieler, die schon 2010 in der Kritik standen, werden es in den nächsten Monaten nicht leicht haben. Die Disziplin in der Mannschaft ist schlecht und was einzelne Spieler im Turnier ablieferten, ist eine Frechheit. Samir Nasri bewies wieder einmal, dass er kein Mann für große Spiele ist und glänzte nach seiner Einwechslung mit einer fassungslosen Nicht-Leistung. Auch Malouda war sichtlich neben der Spur. Ribery spielte über weite Strecken mit sich selbst, hatte eine katastrophale Fehlpassquote und vorne verhungerte Karim Benzema, wenn er sich nicht weit mit nach hinten fallen ließ.

Alles in allem war der französische Ansatz in diesem Turnier interessant, aber er zahlte sich letztlich nicht aus. Die Mannschaft zerfällt unter Druck in ihre Einzelteile und wirkt nicht wie eine Einheit. Es wird wohl noch etwas dauern, bis Frankreich aus seinen hochklassigen, aber zerstrittenen Einzelspielern wieder ein Kollektiv macht und bei den großen Turnieren wieder etwas mitzureden hat. Bei dieser EM waren sie unterm Strich enttäuschend und fahren verdient nach Hause.

Meine EM: 3. Spieltag: Showdown ums Viertelfinale

Gruppe A

Polen – Tschechien 0:1

Die beiden Außenseiter sind weitergekommen und ich muss zugeben, dass ich nur die beiden unterlegenen Favoriten vor dem Turnier richtig eingeschätzt habe. Polen ist letztlich vor allem an seinem zu schwachen Kader gescheitert. Über Rechts war man gefährlich und mit viel Einsatz und Motivation spielte man phasenweise gut auf. Viel mehr hatte das Team aber nicht zu bieten. Je länger die Spiele dauerten, desto einfallsloser wirkte das, was Smudas Spieler ablieferten. Dazu kam der größer werdende Druck und wohl auch die Versagensangst. Zwei Punkte sind für einen Gastgeber ein Armutszeugnis und so kann sich niemand über das Ausscheiden beschweren. Tschechien war sicher kein übermächtiger Gegner, hat aber eine technisch starke Mannschaft und konnte sich trotz taktischem Blackout gegen Russland am Ende sogar als Gruppensieger durchsetzen. Ich sehe das eher als Schwäche der Gegner, denn als Zeichen, dass Tschechien auf dem Weg zurück in die europäische Spitze ist. Im Prinzip reichte ihnen eine gute halbe Stunde gegen Griechenland und ein konzentriertes, solides Spiel gegen Polen zum Weiterkommen. Dennoch hätte ich nicht damit gerechnet, dass sie es packen.

Griechenland – Russland 1:0

Russland ist im Nachhinein dann doch eine große Enttäuschung, auch wenn sie im Prinzip nur das wahr gemacht haben, was ich vor dem Turnier vermutet habe: Als Kontermannschaft sind sie mitunter weltklasse, aber gegen einen defensiven Gegner und mit viel Zeit am Ball gehen ihnen die Ideen aus. Die offensiven Spielzüge gegen Tschechien waren großartig und sicher ein Highlight der Vorrunde. Gebracht hat es ihnen nichts außer Vorschusslorbeeren. Gegen Polen spielten sie lange auf Sparflamme und versäumten es, den Vorrundensack zuzumachen. Gegen die defensiven Griechen gerieten sie dann in Panik und fanden keine geeigneten Mittel. Da kann die Torschussstatistik noch so gut aussehen, viele echte Torchancen waren nicht dabei. Deshalb ist der Sieg der Griechen zwar etwas glücklich, beschweren können sich die Russen hingegen nicht. Damit wären wir auch schon bei der Freak-Mannschaft des Turniers. Schlechter als Griechenland kann man nicht in ein Turnier starten: Vom Gegner überrannt, 0:1 hinten, unberechtigter Platzverweis für den einen, Kreuzbandriss für den anderen Innenverteidiger. Im zweiten Spiel sah es noch schlimmer aus. Von Tschechien ließ man sich in den ersten fünf Minuten gleich zwei Dinger einschenken und kam trotz deutlichen Einbruch beim Gegner kaum zu eigenen Torchancen. Und dennoch steht Griechenland im Viertelfinale, weil man eine unglaubliche Zähigkeit an den Tag legt und im letzten Spiel gegen Russland sehr stark verteidigt hat. Ich hätte Griechenland spielerisch etwas stärker erwartet, aber Deutschland wird an der griechischen Defensive zu knabbern haben.

Gruppe B

Deutschland – Dänemark 2:1

Am Ende musste Deutschland noch mal zittern. Portugal führte gegen Holland, Deutschland brauchte einen Punkt und beim Stande von 1:1 unterzog man Bendtners Trikot im deutschen Strafraum einem gründlichen Reißtest. Über einen Elfmeter hätte man sich nicht beschweren können, aber zum Glück blieb die Pfeife stumm und wenig später entledigte Lars Bender das Team von allen unmittelbaren Sorgen. Am Ende stehen neun Punkte auf Deutschlands Konto und das in der schwersten Gruppe des Turniers. Ohne Kritikpunkte kommt man auch im dritten Spiel nicht aus, doch das sollte eher Hoffnung machen als Angst. Eine bessere Mannschaft habe ich im Turnier bislang nicht gesehen und wenn dann sogar noch Steigerungspotenzial und eine starke Bank vorhanden sind, ist das eine glänzende Ausgangslage. Aber Turniere laufen in der K.O.-Runde ja bekanntlich nur selten so ab, wie man nach der Vorrunde denkt. Um Dänemark tut es mir etwas leid, denn sie haben ein tolles Turnier gespielt und sich gut verkauft in der Gruppe. Man merkt dem Team an, dass es Olsens System verinnerlicht hat. So konnte man auch in der “Todesgruppe” mithalten. Lediglich Christian Eriksen hat mich etwas enttäuscht.

Niederlande – Portugal 1:2

Portugal ist gegen Dänemark mit einem blauen Auge davon gekommen, hat sich im letzten Spiel gegen die Niederlande jedoch rehabilitiert. Vor allem Ronaldo zeigte, dass er Portugal mit seiner individuellen Klasse auf ein anderes Niveau heben kann. Aber genau deshalb sehe ich immer noch nicht, wie sie sich mit dieser starken Abhängigkeit von den Flügeln und Ronaldos Geniestreichen sowie dessen weitgehendem Verzicht auf Defensivarbeit auf höchstem Niveau durchsetzen wollen. Gegen Tschechien sollte es aber noch reichen. Für die Niederlande fallen mir hingegen kaum noch Worte ein. Da lief von A bis Z so ziemlich alles falsch, was falsch laufen kann in solch einem Turnier. Zusätzlich zu den bereits bekannten Problemen (schwacher Spielaufbau, kein Ineinandergreifen von Offensive und Defensive, Egoismen einzelner Spieler) ließen die Holländer immer mehr auch jeglichen Mannschaftsgeist vermissen und scheiden so völlig zurecht als Gruppenletzter aus. Zweifellos die Enttäuschung des Turniers.

Gruppe C

Italien – Irland 2:0

Vom Spiel habe ich nur die Tore gesehen. Das 2:0 von Balotelli war überaus sehenswert und verdeutlicht den Zwiespalt, in dem Prandelli steht. Das schlampige Genie spielen lassen oder nicht? Man will auf seine Klasse nicht verzichten, aber das Risiko eines Blackouts ist immer mit im Spiel. Ansonsten bleibt nur festzuhalten, dass Italien die Pflichtaufgabe gelöst hat und diesmal nicht Opfer eines 2:2 im Parallelspiel wurde.

Spanien – Kroatien 1:0

Der Tenor war eindeutig: Langweiliges Spiel der Spanier. Überhaupt scheinen viele vom endlosen Tiki Taka inzwischen eher genervt zu sein. Aber man kann es auch umdrehen: Vielleicht ist Spanien einfach vom Rest der Fußballwelt genervt – oder schlimmer noch: gelangweilt. Als Welt- und Europameister müssen sie nichts mehr beweisen. Da kann so eine Gruppenphase gegen Gegner, die die letzten Monate damit verbracht haben, sich die perfekte Taktik gegen die Spanier zu überlegen, schon ziemlich ermüdend sein. Bei allen Zweifeln, die man ob der vermeintlichen Ineffektivität und der fehlenden Breite im Spiel haben kann und bei allem Lob, das sich Kroatien und vor allem Italien verdient haben: Geschlagen haben sie die Spanier nicht. Spanien ist das “Team to beat”, sie sind der Titelverteidiger, sie sind der Maßstab. Die Herausforderer müssen sich an ihnen abarbeiten und da ist es schon beachtlich, dass mit einiger Luft nach oben “mal eben” sieben Punkte eingefahren wurden. Spanien hat ein wenig gewankt, mehr als Deutschland sogar, aber mehr war es letztlich nicht. Ein klarer Elfmeter wurde den Kroaten verweigert, aber später hätte auch Spanien einen bekommen müssen und am Siegtor gab es regeltechnisch auch nichts auszusetzen. Kroatien fehlte am Ende ein Tor, sonst hätten sie Italien noch verdrängt. Für mich waren sie eine der positiven Überraschungen des Turniers und es ist schade, dass sie in dieser starken Gruppe nicht weitergekommen sind.

Gruppe D

Ukraine – England 0:1

Was für ein schräges Fußballspiel. Das mäßige Niveau in Gruppe A hat wohl niemanden überrascht, aber Gruppe D war keinen Deut besser. Die Ukraine wirkte wie ein ziellos zusammengeschusterter Haufen, der irgendwie den Ball zum nächsten Mann schob und hoffte, dass dabei so etwas wie ein Spielaufbau herauskommt. Jenseits der Mittellinie wurde dann der Turbo gezündet und es ging in hohem Tempo nach vorne. Die Engländer brauchten eine Weile, bis sie sich darauf eingestellt hatten. So kam die Ukraine zu einigen guten Torgelegenheiten. Mit der Zeit biss man sich am englischen Abwehrbollwerk jedoch die Zähne aus. Die Engländer erfüllten zumindest die Erwartungen, die man vor dem Turnier an sie hatten. Das sieht nicht schön aus, ist spielerisch meilenweit von Spanien oder Deutschland entfernt, aber es ist effizient und holt derzeit das beste aus den Spielern heraus. Ich bin gespannt, wie weit sie mit diesem geradlinigen und britischen Fußball kommen können. Der zweite Gastgeber ist hingegen ausgeschieden und auch hier kann man (Torrichter hin oder her) wenig Argumente finden, warum es anders sein sollte.

Frankreich – Schweden 0:2

Verkam anscheinend zu einer Art Freundschaftskick. Schweden stand schon vorher als Gruppenletzter fest und spielte befreit auf. Eigentlich habe ich zu ihnen im letzten Beitrag alles geschrieben und an meiner Meinung ändert auch der Sieg gegen Frankreich nichts. Die Franzosen verstehe ich nicht so recht, sie machen immer das Gegenteil von dem, was ich erwarte. Ihren Ansatz in der Offensive finde ich interessant, aber es scheint eine recht breite Streuung zu geben, was die möglichen Ergebnisse angeht. An einem guten Tag Spanien schlagen? Vielleicht. Aber warum dann nicht an einem mittelmäßigen Tag Schweden besiegen und Gruppensieger werden? Ob das wirklich nur das Gefühl der Sicherheit war, dass beim anderen Spiel eh nichts mehr anbrennt? Oder das Fehlen von Cabaye? Ich weiß nicht.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe C

Italien – Kroatien 1:1

Vor einigen Tagen war Italien noch die Überraschungsmannschaft des Turniers und 45 Minuten lang knüpfte man auch gegen Kroatien an die Leistung aus dem Spanien-Spiel an. Die Kroaten hatten große Probleme gegen die beweglichen Cassano und Balotelli im Sturmzentrum. Vor allem Balotelli zeigte sich nach dem schwachen Auftaktspiel deutlich verbessert. Insgesamt dominierten die Italiener das Zentrum mit ihrem 3-5-2: In der Abwehr hatten sie gegen die beiden kroatischen Spitzen genauso eine 3 vs 2 Überzahl, wie im zentralen Mittelfeld. Diese spielten sie gut aus, während Kroatien die 2 vs 1 Überzahl auf den Flügeln nicht gut nutzen konnte. Das 1:0 erzielte Pirlo zwar durch einen Freistoß, aber es entsprach auch dem Spielverlauf.

Dann geschah jedoch etwas unerwartetes: Kroatien stellte zur Pause um auf ein 4-2-3-1, zog Mandzukic auf den Flügel und Rakitic ins Zentrum. Dadurch bekamen sie die Dominanz der Italiener besser in den Griff, ohne ihre Überzahl auf dem Flügel aufzugeben. Mit zunehmender Spieldauer gelang es immer besser, die italienischen Wingbacks unter Druck zu setzen und letztlich fiel dadurch auch der Ausgleich, wenn auch mit freundlicher Unterstützung von Chiellini, der sich bei einer Flanke gewaltig verschätzte (bei aller taktischen Klasse sind die italienischen Verteidiger immer mal für einen individuellen Patzer gut).

Ich muss sagen, dass ich positiv überrascht bin von Bilic. Während der ansonsten taktisch so flexible Prandelli das Spiel aussaß und nur personell reagierte, am 3-5-2 aber festhielt, stellte Bilic taktisch um und brachte Kroatien damit zurück ins Spiel. Am Ende war sein Team sogar näher am Sieg als die Italiener. Auch wenn Kroatien noch längst nicht im Viertelfinale steht, muss ich zugeben, dass ich sie unterschätzt habe. Ich hätte eher den komplett reaktiven und körperlich starken Iren in dieser Gruppe etwas zugetraut, als den doch recht ausrechenbaren Kroaten. Wie es scheint, habe nicht nur ich mich verrechnet.

Spanien – Irland 4:0

Wieder ein frühes Gegentor für die Iren, das Trapattonis Matchplan nach 4 Minuten über den Haufen warf. Eigentlich könnte ich jetzt auf das erste Spiel der Iren verweisen und es dabei belassen. Spanien spielte seinen Stiefel runter und ließ Irland nicht den Hauch einer Chance. Viele Erkenntnisse konnte man aus dem Spiel nicht ziehen. Irland stand nicht so tief, wie es von vielen hinterher behauptet wurde. Sie versuchten durchaus frühes Pressing zu spielen und sich nicht zu weit zurückdrängen zu lassen, doch gegen Spaniens Ballsicherheit fanden sie keine Mittel. Somit mussten sie zwangsläufig immer weiter zurückweichen und die Mitte dicht machen. Das gelang in der ersten Halbzeit gut, in der zweiten weniger.

Dennoch fanden die Spanier ihre Lücken. Es machte sich bezahlt, mit Torres wieder einen richtigen Stürmer auf dem Platz zu haben, der auf Höhe der Abseitslinie agiert und auf den Pass in die Lücke wartet. Diesmal verwertete er auch seine Chancen besser als gegen Italien. Irlands Spiel mit Ball ist nicht wettbewerbsfähig. Nach Ballgewinn geriet man ob des spanischen Pressings in Panik. Flach und kurz ging es nur nach hinten: Vom Sechser zum Innenverteidiger zum Torwart (der die meisten Ballkontakte des Teams hatte). Nach spätestens drei Pässen war der Ball entweder weg oder wurde lang und hoch nach vorne gedroschen. Um mit dieser Art Fußball zu bestehen, muss man unbedingt lange die Null halten. Irland gelang dies in beiden Spielen insgesamt sieben Minuten lang und fährt deshalb zurecht nach Hause.

Meine EM: 1. Spieltag, Gruppe C

Das bislang beste Spiel bei dieser EM fand am Sonntag zwischen Spanien und Italien statt. Zwei Teams mit interessanten taktischen Ansätzen lieferten sich über 90 Minuten ein packendes und fußballerisch hochwertiges Duell. Das konnte man von Kroatien gegen Irland nicht gerade behaupten. Hier brachten sich die Iren durch kuriose Gegentore schnell um jegliche Siegchance.

Spanien – Italien 1:1

Wer einen Durchmarsch der Spanier in diesem Turnier erwartete, sah sich ebenso getäuscht, wie diejenigen, die vom italienischen Fußball nur die Klischees kennen. Spanien spielte im gewohnten 4-3-3, doch mit einer unerwarteten Taktik. Ähnlich wie Barcelona verzichtete man auf einen Stoßstürmer und ließ mit Iniesta, Silva und Fabregas drei Mittelfeldspieler in der vorderen Dreierreihe auflaufen. Italien konterte diese Taktik mit einem 3-5-2/5-3-2, über das schon länger spekuliert worden war. Die italienische Taktik war klar: Das enge Spiel der Spanier durch sechs Spieler in der Mitte numerisch kontern und mit variablen Wingbacks den Platz auf den Außen nutzen.

Die spanischen Außenverteidiger kamen nicht gut damit zurecht, dass sie keine direkten Gegenspieler hatten und wussten häufig nicht, ob sie aggressiv gegen die Wingbacks pressen oder sich lieber zurückhalten sollte. Die italienischen Stürmer, vor allem Cassano, lauerten auf die Räume, die sich dadurch ergaben. Spanien riskierte jedoch in der 1. Halbzeit nicht allzu viel. Dadurch fehlte dem Spiel die Breite und konzentrierte sich stattdessen aufs Zentrum 20 – 35 Meter vor dem italienischen Tor. Bei den italienischen Gegenangriffen zeigte sich dann, dass die Mannschaft keineswegs nur mauerte. Die Wingbacks schoben häufig weit mit nach vorne um den Platz auf den Flügeln zu nutzen und Andrea Pirlo spielte stark als tiefliegender Spielmacher. Seine Vorarbeit vor dem 1:0 war große Klasse, ebenso wie di Natales Abschluss. Damit dürfte sich Letzterer zurück ins Team gespielt haben, während Balotelli eine lustlose Vorstellung ablieferte.

Spanien kam dann jedoch gut zurück ins Spiel. Als man sich fragte, was (bzw. wer) wohl der Plan B der Spanier ist, funktionierte der Plan A dann doch noch, dank eines genialen Moments von Silva, der auf Fabregas durchsteckte. Diese Lücken in der Fünferkette hatten sie vorher vergeblich gesucht. In der Schlussphase zeigte dann Fernando Torres, dass seine Schnelligkeit noch wichtig werden könnte im Turnier, auch wenn er zwei Großchancen vergab. Ganz ohne Stoßstürmer und Flügelstürmer wird auch Spanien nicht auskommen. Hat Italien mit der Dreierkette einen Masterplan gegen die Spanier gefunden? Ich glaube nicht, dass viele andere Teams dieses System gegen sie übernehmen werden. Erstens fehlt es dazu an der nötigen Eingespieltheit (die Italiener sind das System gewohnt) und zweitens hat Italien keine starken Flügelspieler, die man für die Formation opfern müsste.

Kroatien – Irland 3:1

Direkt im Anschluss gab es dann wieder fußballerische Magerkost. Irland hat bei dieser EM nur dann eine Chance, wenn es gelingt lange die Null zu halten und dann einen Konter zu setzen oder die Stärke bei den Standards zu nutzen. Wenn man sich direkt in der Anfangsphase ein kurioses Gegentor fängt wie gegen Kroatien, hat man eigentlich keine Optionen mehr. Zwar kam Irland dank eines Kopfballtors von St. Ledger noch einmal zum Ausgleich, doch die Gegentore kurz vor und nach der Halbzeit machen dann endgültig eine Strich durch Trapattonis Matchplan.

Irland war durch die gute Organisation trotz mangelnder individueller Qualität zu einer Art Geheimfavorit in der Gruppe C erklärt worden (auch von mir). Doch fußballerisch sind sie eindeutig das schwächste Team im Turnier. Das wurde nach dem Rückstand mehr als deutlich. Es gab praktisch keinen Plan B, der über lange hohe Bälle und Standards hinausgeht. Die Spieleröffnung wirkt fast schon anachronistisch. Man mag die Kampfbereitschaft der Iren bewundern, aber wenn sie den Gegner nicht durch langes Halten eines 0:0 zermürben, sind sie leider nicht konkurrenzfähig. In den kommenden beiden Spielen sind sie noch mehr Außenseiter und erhalten weitere Chancen, mit ihrem disziplinierten Defensivspiel zu beeindrucken. Gegen Kroatien ist ihnen dies nicht im Ansatz gelungen.

Kroatien ist nach diesem Spiel schwer einzuschätzen. Sie waren klar die bessere Mannschaft in einem eher niveauarmen Spiel. Der Spielverlauf kam ihnen jedoch entgegen und sie mussten keine langen Phasen des Anlaufens aufs Tor bewältigen. Sie haben individuell gute Spieler und sind technisch auf hohem Niveau, so viel war vorher schon klar. Wie gut sie wirklich sind, wird man wohl erst gegen Italien sehen. Irland stellte leider keinen ernsthaften Test für sie dar.

Meine EM: Spanien ist noch nicht satt

Ein Mannschaft, die in den letzten vier Jahren alles gewonnen hat, was man als Nationalmannschaft gewinnen kann, noch dazu gespickt mit Spielern, die im selben Zeitraum auch auf Vereinsebene alle bedeutende Titel abräumten – was soll die noch zu Höchstleistungen motivieren? Erfolg ist eine Droge, das wissen wir nicht erst seit Oliver Kahn. Wer glaubt, dass Spanien nicht mit höchster Motivation in dieses Turnier gehen wird, dürfte ein böses Erwachen erleben. Zudem hat Spanien immer noch die Spieler, einem solchen Turnier seinen Stempel aufzudrücken. Die Mannschaft ist daher zu den Top-Favoriten auf den Turniersieg zu zählen, auch wenn sie einige Problemzonen hat.

Die Aura der Unbesiegbarkeit ist weg

Seit dem WM-Triumph verlor man ganze fünf Spiele, allesamt gegen starke Gegner in Freundschaftsspielen. Rückschlüsse auf ein Turnier sind daher schwer zu ziehen. Dennoch ist der psychologische Effekt auf die Gegner nicht zu unterschätzen. Man weiß nun: auch gegen die Spanier geht etwas. So verkündete der irische Co-Trainer vor wenigen Tagen, dass seine Mannschaft Spanien schlagen werde. Auch Gruppengegner Italien wird sich im ersten Spiel Chancen ausrechnen, zumal man letztes Jahr schon einen Sieg gegen Spanien feierte.

Auch personell ist bei den Spaniern nicht alles optimal vor der Europameisterschaft. Mit Carles Puyol und David Villa fallen zwei wichtige Spieler aus. Während es im Zentrum fast schon zu viele Weltklasseoptionen gibt, sieht es auf der Außenbahn nicht so rosig aus. Sollte Sergio Ramos aufgrund der Verletzung von Puyol in der Innenverteidigung spielen, hätte man in Arbeloa einen sehr vorsichtig agierenden und nach vorne beschränkten Rechtsverteidiger. Auf der linken Seite verkörpert Jordi Alba hingegen den modernen Außenverteidigertypus, den Spanien für die eher eng angelegte Spielweise benötigt.

Wer soll für die Breite sorgen?

Eine Reihe weiter vorne gibt es zwar nominell genügend Alternativen für die Flügel, doch eine Idealbesetzung lässt sich hier schwer identifizieren. David Silva, Juan Mata und Andres Iniesta haben ihre Stärken eher in der Mitte und halten nicht unbedingt die Position an der Seitenlinie. Wegen ihrer überragenden Qualitäten werden aber vermutlich zumindest zwei von ihnen in der Startformation stehen. Ähnlich wie beim FC Barcelona ergibt sich dadurch eine sehr enge Spielweise der vordersten Reihe im 4-3-3. Da man jedoch keinen Dani Alves in den Reihen hat, sollte zumindest auf der rechten Seite ein offensiver Spieler auch für Breite sorgen. Ideal geeignet wäre dafür Barcelonas Pedro Rodriguez, der jedoch keine gute Saison gespielt hat und nicht unbedingt in der Startformation zu erwarten ist. Jesus Navas und vor allem Santi Cazorla haben dadurch gute Chancen, in die Startformation zu rücken. Letzterer hat eine überragende Saison in Malaga gespielt und stand bislang in jedem Testspiel in der Anfangself.

Technisch ist Spanien noch immer das Maß aller Dinge und es ist davon auszugehen, dass der Weg zum Titel nur über die Iberer führen kann. Personell hat Vincente del Bosque trotz der Ausfälle und etwa der Formschwäche von Piqué noch immer genügend Optionen um den Titel zu verteidigen und so als erster amtierender Weltmeister die Europameisterschaft zu gewinnen. Man wird sich allerdings gehörig strecken müssen, da mittlerweile auch der letzte Trainer gelernt haben sollte, wie man den Spaniern Probleme bereiten kann. Auch wenn die Streitereien zwischen den Spielern von Barcelona und Real Madrid inzwischen zumindest offiziell beendet sind, bin ich mir aber nicht sicher, ob Spanien mental stark genug ist.

Es wird in diesem Turnier Phasen geben, in denen Spanien ins Wanken gerät und Puyols Führungs- sowie Villas Durchschlagskraft vermissen wird. Das muss nicht das Aus für Spaniens Titelchancen bedeuten, doch es macht ein Stolpern wahrscheinlicher. Wenn der Auftakt gegen Italien misslingt, steht man im zweiten Spiel gegen die extrem defensiven Iren schon gewaltig unter Druck. Selbst die Gruppenphase könnte so alles andere als ein Selbstläufer werden.

Meine Prognose: Auch wenn das Turnier für Spanien zu keinem guten Zeitpunkt kommt, ist mit del Bosques Team zu rechnen. Ich wünsche mir ein Finale gegen Deutschland, könnte mir aber auch vorstellen, dass schon im Halbfinale Schluss ist, falls man dort auf Deutschland oder die Niederlande trifft.

Spaniens Gruppengegner

Italien
Irland
Kroatien

Sergio Busquets – der moderne Frank Baumann

Wer ist der Spieler dieser Saison?

Es fällt einem natürlich sofort Weltfußballer Lionel Messi ein, der mit seinen 52 Pflichtspieltoren in dieser Spielzeit fast genauso oft getroffen hat, wie die gesamte Startelf von Manchester United heute Abend zusammen. Es fällt einem Cristiano Ronaldo ein, der die Gerd Müller Marke von 40 Ligatoren in 34 Spielen egalisierte. Es fällt einem Xavi Hernandez ein, das Herz des Spiels des FC Barcelonas. Es fällt einem Andres Iniesta ein, seinem kongenialen Partner im zentralen Mittelfeld. Es fallen einem überhaupt viele Barca-Spieler ein, doch mein Spieler der Saison wird kaum genannt werden.

Sergio Busquets steht bei Barcelona im Schatten von Xavi und Iniesta, den Kreativen, den Spiellenkern. Er füllt im Dreiermittelfeld den defensiven Part aus und hat selten spektakuläre Aktionen in der Offensive. In einer Zeit, in der moderne, spielstarke 6er wie Bastian Schweinsteiger, Xabi Alonso oder Nuri Sahin mehr denn je Anerkennung für ihre Spielweise bekommen, ist der 6er der besten Vereinsmannschaft der Welt nur eine Randnotiz. Messi, Villa, Xavi, Iniesta, Dani Alves, Pique – das ist die absolute Weltklasse auf ihren jeweiligen Positionen. Busquets scheint da nur reingerutscht zu sein, weil gerade kein passenderer Spieler zur Hand war.

Dabei liest sich die Erfolgsbilanz des 22-Jährigen beeindruckend: In seiner ersten Saison wurde er Meister, Pokalsieger und Champions League Sieger mit Barcelona und gewann kurz darauf auch die Club-WM. Im folgenden Jahr gewann er seine zweite Meisterschaft und wurde mit Spanien im Sommer Weltmeister. Nun ist er wieder spanischer Meister und steht erneut im Finale der Champions League. Viel mehr kann man in drei Jahren als Fußballprofi nicht erreichen. Noch beeindruckender wird die Bilanz jedoch, wenn man bedenkt, dass Busquets diese Titel nicht als Randfigur gewonnen hat, sondern als Stammspieler. 2008/09 setzte er sich gegen Yaya Touré durch und stand im Finale der Champions League sowie im Pokalfinale in der Startelf. Seitdem ist er unumstrittener Stammspieler bei den Katalanen. Daran änderte auch die Verpflichtung von Javier Mascherano im letzten Sommer nichts. Bei der WM 2010 war er ebenfalls Stammspieler, spielte neben Xabi Alonso in der Doppelsechs.

Selbstverständlich hat Busquets Glück gehabt, bei der besten Vereins- und Nationalmannschaft der Welt spielen zu dürfen. Dennoch ist es alles andere als selbstverständlich, sich auf diesem Niveau als junger Spieler gegen denkbar große Konkurrenz auf Anhieb durchzusetzen. Von seinen Mitspielern wird er über den grünen Klee gelobt. Sein Konkurrent Mascherano, einer der besten 6er der Welt und mit seinen 26 Jahren ein gutes Stück erfahrener, bezeichnete Busquets kürzlich als “perfekten Spieler”. Er selbst schaue ihm zu und versuche von ihm zu lernen. Xavi bescheinigte ihm das beste One-Touch-Passspiel der Welt. Immer wieder wird sein gutes Auge genannt und seine fast fehlerlose Passquote. Doch warum fällt Busquets dann kaum auf?

Zum einen liegt es natürlich daran, dass Xavi und Iniesta vor ihm spielen. Barcelona hat bereits so viel Kreativität im zentralen Mittelfeld, dass von Busquets weit weniger in dieser Hinsicht verlangt wird. Die Genialität in Busquets Spielweise liegt daher in ihrer Einfachheit. Busquets tut alles, was ein moderner 6er in einem 4-3-3 machen muss und lässt es unglaublich simpel erscheinen. Er erobert Bälle durch Zweikampfstärke und vor allem durch überragendes Stellungsspiel. Er hält seine Position äußerst diszipliniert und stärkt dadurch nicht nur Xavi und Iniesta den Rücken, sondern ermöglicht es auch den Außenverteidigern einigermaßen sorgenfrei mit nach vorne zu gehen – einer der wichtigsten Aspekte in Barcelonas Spiel – indem er sich bei Ballbesitz häufig zwischen die Innenverteidiger fallenlässt, damit diese ein Stück weiter nach außen rücken können.

Busquets Passspiel ist fast fehlerlos. Er spielt selten die komplizierten Pässe, sondern bringt zuverlässig die einfachen Bälle zum Nebenmann. Er verdankt es jedoch seiner guten Technik und hervorragenden Ballmitnahme, dass er so häufig diese einfachen Bälle spielen kann. Technisch weniger beschlagene 6er bringen sich in Situationen, in denen nur noch der Rückpass oder der lange Ball als Optionen bleiben – Busquets passiert dies nur selten. Das wichtigste Attribut an Busquets Spiel ist jedoch seine Fähigkeit, die Räume zwischen Abwehr und Mittelfeld dicht zu machen. Für mich ist Busquets die bislang beste Antwort auf die Frage, wie man mit modernen Zehnern oder “falschen Neunen” fertig werden kann.

Mesut Özil war sowohl im Halbfinale der WM als auch in den Clàsicos dieser Saison auf seiner Lieblingsposition im offensiven Mittelfeld weitgehend unsichtbar. Selbiges gilt für Wesley Sneijder im WM-Finale. Ihr Gegenspieler war jeweils Sergio Busquets. Anders als die Spielzerstörer und Manndecker früherer Tage nahm er seine Gegenspieler jedoch nicht durch ständige Bewachung oder Härte aus dem Spiel, sondern durch sein intelligentes Spiel im Raum. Er stößt in die Lücken zwischen den Reihen, die Spieler wie Özil oder Sneijder so lieben. Dadurch bleibt er ebenso unsichtbar wie seine Gegenspieler, was es nicht weiter verwunderlich macht, dass Busquets noch nicht überall als Weltklassespieler gilt. Alex Ferguson dürfte sich über einen Spieler wie ihn in den eigenen Reihen jedoch freuen, denn ich kann mir derzeit keine bessere Waffe gegen Lionel Messi vorstellen, den es heute Abend auszuschalten gilt. Zum Leidwesen der Red Devils spielen die beiden jedoch im selben Team. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn Wayne Rooney heute Abend eher unauffällig bliebe – und noch weniger, wenn der Grund dafür Sergio Busquets heißen würde.

WM 2010: Deutschland – Spanien

Deutschland – Spanien 0:1

Aus der Traum vom vierten Stern. Die Spanier waren gestern eine Nummer zu groß für diese junge Mannschaft. Sicher kein Grund so richtig enttäuscht zu sein, denn das deutsche Team hat eine tolle WM gespielt. Die Siege gegen Argentinien und England und die Art und Weise, wie sie herausgespielt wurden, werden noch lange nachhallen. In Südafrika wurde ein neues Fundament geschaffen, auf dem man für die nächsten 6 – 8 Jahre aufbauen kann.

Dank einer überraschenden taktischen Umstellung (Pedro statt Torres) konnten die Spanier ihr Kurzpassspiel wie gewohnt aufziehen und trotzdem für Gefahr über die Flügel sorgen. Defensiv kann man dem deutschen Team kaum einen Vorwurf machen, außer dass sie sich zu weit nach hinten drängen ließen. Das war schon 2008 das Problem. Spanien beherrscht es wie kein zweites Team bei dieser WM, seine Gegner hinten einzuschnüren. Man kann diese Spielweise mit scheinbar endlosen Ballstaffetten langweilig finden, weil sie gegen gute Gegner nicht zu einem allzu schnellen Spiel oder vielen Torchancen führt. Sie aber (wie Marcel Reif gestern abend) als schlecht zu bezeichnen, schießt deutlich am Ziel vorbei. Das Spiel war auf einem hohen Niveau und eines WM-Halbfinales absolut würdig. Mit Spanien hat es auch den verdienten Sieger gefunden.

Nach dem Spiel fühle ich mich ein bisschen bestätigt in meinen Aussagen bezüglich Spaniens Plan B. Die Taktik wurde für das Spiel leicht angepasst, aber die allgemeine Spielweise blieb über die gesamten 90 Minuten fast gleich. Als einzige Mannschaft schafften sie es, sowohl Özil aus dem Spiel zu nehmen (mein Man of the Match: Sergio Busquets) als auch die defensiven Mittelfeldspieler pausenlos unter Druck zu setzen. Nach dem Führungstor gaben die Spanier den Deutschen etwas mehr Ballbesitz, zogen sich jedoch nicht vollständig zurück, sondern störten den Spielaufbau weiterhin bevor er richtig gefährlich wurde. Eine wirkliche Ausgleichschance konnte sich die deutsche Mannschaft nicht erspielen. Wenn also eine Mannschaft einen Plan B benötigte, dann die Deutschen. Falls dieser Plan B die Einwechslung von Mario Gomez gewesen sein soll, dann ist sie kläglich gescheitert. Ein detaillierte taktische Aufarbeitung des Spiels gibt’s (wie immer) bei Zonal Marking. Dort steht eigentlich alles drin, was es dazu zu sagen gibt.

Gewurmt hat mich neben der passiven Herangehensweise, die man dieser jungen Mannschaft jedoch nicht vorwerfen sollte, die Entstehung des Führungstores. Wahrscheinlich hätte Spanien irgendwann auch aus dem Spiel heraus getroffen, zur Not in der Verlängerung. Trotzdem sollte man es dem Gegner nicht so leicht machen bei einer Standardsituation. Dieses Tor war kein Zufallsprodukt, sondern ein einstudierter Spielzug, den ich gestern nicht zum ersten Mal gesehen habe: Die Ecke wird auf Pique gespielt, der zum Kopfball hochsteigt, aber nicht zum Ball geht. Dadurch schirmt er den Ball vor den Verteidigern ab. Von hinten kommt dann ein anderer Spieler – in diesem Fall Puyol – und köpft den Ball rein. Das funktioniert natürlich nur gegen Mannschaften, die bei Standards Raumdeckung spielen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die deutschen Scouts das Team nicht auf diese Variante vorbereitet haben. Umso trauriger, dass Spanien auf so einfache Weise das Spiel entscheiden konnte.

Nun bin ich sehr gespannt, wie sich die Niederlande im Finale schlagen werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie gegen Spanien von einem Rückstand zurückkommen können. Allerdings haben sie die Erfahrung und den Zynismus, die Spanier über 90 Minuten zu nerven und vielleicht einen entscheidenden Konter zu setzen. Ein schnelles Spiel sollte man auch hier nicht erwarten. Für Deutschland geht es gegen Uruguay zumindest um den dritten Platz, der zwar nur ein schwacher Trost, aber eine verdiente Belohnung für dieses tolle Turnier wäre. Löw hat sich die Spanier zum Vorbild genommen und seiner Mannschaft einen ähnlichen Stil beigebracht. Gestern hat sich das Original durchgesetzt. Spaniens goldene Generation hat ihren Zenit erreicht. Deutschlands goldene Generation steht noch am Anfang ihrer Entwicklung und ist dafür schon verdammt weit.

Die Sache mit dem Plan B

Ein Vorwurf, dem sich unser heutiger Gegner Spanien immer wieder ausgesetzt sieht, ist der, dass sie keinen Plan B haben. Ähnlich Vorwürfe gibt es auch immer wieder gegen den FC Barcelona, der ähnlich spielt. Die Teams, so der Vorwurf, seien nicht in der Lage, auf unvorhergesehene Situationen adäquat zu reagieren, indem sie ihre Spielweise umstellen.

Grundsätzlich sollte man die Frage stellen, warum ein “Plan B” hier überhaupt nötig ist. Ist eine Mannschaft, die im Jahr 1 nach der erfolgreichsten Saison der europäischen Vereinsfußballgeschichte den Rekord von 99 Punkten in der heimischen Liga aufstellt, mit ihrem Plan A nicht erfolgreich genug? Braucht eine Mannschaft, die amtierender Europameister ist, seit dem Titelgewinn bis WM-Beginn von 26 Spielen 25 gewonnen hat, in den letzten 43 Monaten nur zwei Fußballspiele verloren hat und nun im WM-Halbfinale steht, wirklich einen Plan B? Klingt doch nach einem ziemlich guten Plan A.

Die Idee des Plan B ist es, auf Situationen, in denen die Ausgangstaktik nicht funktioniert, reagieren zu können. Sei es durch eine Umstellung des Systems, der Spielweise oder durch Variationen. Hierbei wird schon deutlich, dass es sich beim Problem der Spanier wie Katalanen um ein Luxusproblem handelt. Die Ausgangstaktik funktioniert fast immer. Das liegt unter anderem daran, dass man im Gegensatz zu vielen anderen Mannschaften sowohl eine ausgereifte Spielidee als auch das passende Spielermaterial dazu hat. Das geniale an der Spielidee ist, dass sie sowohl als Offensiv- wie als Defensivkonzept taugt. Die Tormaschinen Spanien und Barcelona gehören zu den Teams, die mit die wenigsten Gegentore im europäischen Fußball kassieren. Das verstärkt einerseits natürlich die Wahrnehmung, dass es einen Mangel an Variation gibt, wenn die Spielweise bei 0:1 sich von der Spielweise bei 3:0 kaum unterscheidet. Andererseits ist es für die Spieler viel einfacher, weil sie sich nur marginal umstellen müssen. Die Änderungen erfolgen dann eher in Details, aber das große Ganze bleibt gleich.

Mir scheint es eher ein Wahrnehmungsproblem zu sein, als ein Versäumnis der Spanier. Die Gleichung Plan A = Plan B ist für manche Beobachter eben nicht zufriedenstellend. Dennoch hat z.B. der FC Barcelona in der vergangenen Saison versucht, seine Optionen zu erweitern und in Zlatan Ibrahimovic einen großen Mittelstürmer eingekauft. Wenn man so will ist das ein Plan B im eigentlichen Sinne. Interessant ist dabei, dass genau in den Spielen, die gemeinhin als Paradebeispiel für den fehlenden Plan B angeführt werden – die Champions League Partien gegen Inter Mailand – diese Variante nicht funktionierte. Besonders im Rückspiel wurde Barcelona erst dann richtig torgefährlich, als Ibrahimovic vom Feld ging und der eigentliche Plan A zum Einsatz kam. Interessant ist auch, dass Inter in diesem Rückspiel keinerlei Plan B im Gepäck hatte und mit einem ultradefensiven Plan A zum Erfolg kam. Nur: Der Erfolg bestand in einer 0:1 Niederlage, die billigend in Kauf genommen wurde. Selbst ein fast ausnahmslos gegen den Ball arbeitendes Inter Mailand konnte Barcas Torgefahr nicht vollständig stoppen. Die spannende Frage ist nun: Hätte Barcelona mit einem anderen Konzept, also in diesem Fall einem Plan C, bessere Chancen auf ein Weiterkommen gehabt?

Dieser Aspekt wird bei der Diskussion um den Plan B gerne vergessen: Die Erfolgswahrscheinlichkeit des Plan A. Wenn Spanien 95% der Spiele wie gegen die Schweiz mit seinem Plan A zumindest nicht verliert, wie sinnvoll ist dann eine Umstellung auf einen wie auch immer gearteten Plan B? Als Beobachter hat man den Vorteil, den Ausgang des Spiels abwarten zu können und dann eine Aussage darüber zu treffen. Als Trainer muss man die Entscheidung vor oder während des Spiels treffen, was wesentlich schwieriger ist. Die Zielsetzung kann es daher gar nicht sein, eine zu 100% richtige Entscheidung zu treffen (was unter Unsicherheit sowieso nicht möglich ist), sondern die Erfolgswahrscheinlichkeit zu maximieren. Das klappt sowohl bei der spanischen Auswahl als auch beim FC Barcelona seit Jahren hervorragend, führt aber eben nicht zu einer Siegesgarantie. Gerade bei einem Turnier mit K.O.-Spielen macht das den Reiz aus, weil ein Ausrutscher nicht ausgeglichen werden kann (und ergo nicht immer die “beste” Mannschaft das Turnier gewinnt).

Im Hinblick auf das Spiel heute Abend habe ich keine Angst vor einem spanischen Plan B, sondern viel mehr davor, dass Plan A zu dem Ergebnis führt zu dem er meistens führt: zu einem spanischen Sieg. Allerdings hoffe ich, dass die deutsche Mannschaft schon so gut ist, dass sie mit ihrem eigenen Plan A (einen Plan B habe ich da nämlich ebenfalls nicht entdecken können) auch die Spanier ausschalten kann.

Inspiriert von Marcel Reif und diesem Beitrag bei allesaussersport