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6. Spieltag: Es bröckelt

Darmstadt 98 – Werder Bremen 2:1 (1:1)

Mit der völlig verdienten Niederlage in Darmstadt ist Werder nach der von Pizarros Rückkehr ausgelösten Euphorie wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet. In einer fußballerisch grauenhaften Partie enttäuschten Mannschaft und Trainer auf ganzer Linie.

Skripnik verzichtet aufs Mittelfeld

Viktor Skripnik reagierte auf die Ausfälle von Bargfrede und Ulisses Garcia nicht wie erwartet und ließ Ersatzsechser Kroos wie auch Nachwuchssechser Fröde auf der Bank. Stattdessen durfte Galvez auf der ungeliebten Position vor der Abwehr ran und Sternberg rutschte für Garcia links ins Mittelfeld. Der fast vollständige Verzicht auf (gelernte) Mittelfeldspieler in der Startelf machte sich auch in Werders Spiel bemerkbar, wobei dies keine neue Entwicklung ist. Gegen die spielerisch ganz sicher schwächste Mannschaft der Bundesliga überspielte Werder das Mittelfeld noch rigoroser als zuletzt und suchte in der ersten Halbzeit sein Heil in langen Bällen auf Ujah und Johannsson.

In der ersten halben Stunde musste man froh sein, die Teams durch ihre Trikotfarben eindeutig identifizieren zu können, denn sonst hätte man Werder sicherlich für Darmstadt gehalten. Die Taktik, nach Ballgewinn direkt den Konter mit einem langen Ball in die Spitze zu suchen, kannte man sonst eher von den Gastgebern, die jedoch selten so hoch standen, dass ihnen dies Probleme bereiten konnte. Der Aufsteiger zeigte in der ersten Halbzeit fußballerisch die vielleicht beste Leistung der Saison, ohne jedoch wirklich zu überzeugen. Werder bekam im Pressing keinen Zugriff, lief viel hinterher und brachte den Ball kaum einmal kontrolliert aus dem ersten Drittel heraus. Dadurch ergaben sich auch kaum Möglichkeiten zum Aufrücken. Die Bälle kamen postwendend zurück in Werders Hälfte und das Spiel begann von neuem.

Verbesserte Spielkontrolle, fehlende Kreativität

Die zweite Halbzeit war in einigen Belangen besser. Werder hatte mehr Ballbesitz und konnte etwas Sicherheit gewinnen, ohne jedoch offensiv Gefahr zu erzeugen. Die Stürmer blieben häufig vom Mittelfeld isoliert und konnten so – abgesehen von den langen Bällen – kaum ins Spiel eingebunden werden. Ujah scheint für diese Art Fußball weitaus besser gemacht zu sein als Johannsson, der jedoch bei jeder Gelegenheit den Torabschluss suchte und somit trotzdem Werders gefährlichster Spieler war. Die Einwechslung des angeschlagenen Junuzovic und die Umstellung auf die Raute verpufften weitgehend und Pizarro kam in zehn Minuten Spielzeit je nach Datenquelle auf ein oder zwei Ballkontakte.

Wie schon gegen Ingolstadt waren es am Ende individuelle Fehler, die die Niederlage herbeiführten. Felix Wiedwald hatte einen schlimmen Abend und machte auch abgesehen von den beiden Gegentoren ein schwaches Spiel. Für Werder war die entscheidende Phase jedoch eher zwischen der 45. und der 70. Minute, als man aus der eigenen Feldüberlegenheit viel zu wenig Offensivgefahr entfachte. Eine Schlussoffensive fand nach dem 1:2 und dem Platzverweis gegen Bartels nicht mehr statt, dafür fehlten Werder einerseits die spielerischen Mittel und andererseits am Ende auch die Kraft für die Brechstange.

Viele Fragen an den Trainer

Nach einem solchen Spiel muss sich nicht nur die Mannschaft hinterfragen. Die Leistung erinnerte doch in weiten Teilen an das, was Werder vor gut einem Jahr unter Robin Dutt auf den Rasen brachte – ohne die Gesamtsituation mit damals vergleichen zu wollen. Viktor Skripnik war sein Amt auch mit der Absicht angetreten, sein Team fußballerisch zu verbessern. Davon ist in dieser Saison bislang nicht viel zu sehen, auch wenn die Punkteausbeute nach sechs Spielen durchaus im Rahmen ist. Werder spielt größtenteils reinen Ergebnisfußball mit viel Kampf und Krampf. Stimmen die Ergebnisse nicht, bleibt auf der Habenseite nicht viel übrig. Derzeit entscheidet sich Skripnik in Personalfragen meist gegen die spielerisch bessere Lösung (Lukimya statt Galvez, Galvez statt Kroos, Bartels statt Eggestein). Das ist natürlich legitim und er wird seine Gründe haben. Es spricht aber gerade in einem Spiel gegen ein Team wie Darmstadt nicht unbedingt für großes Vertrauen in die fußballerische Qualität seiner Mannschaft.

Über den richtigen Wechselzeitpunkt und die Tauglichkeit der Optionen auf der Bank kann man streiten. Wenn jedoch schon in den ersten 10 Minuten eines Spiels deutlich wird, dass die eigene Taktik nicht aufgeht, wäre eine Anpassung wünschenswert. Das flache 4-4-2 funktionierte gegen Darmstadt überhaupt nicht, daran änderte auch ein glücklicher Führungstreffer nichts. In der zweiten Halbzeit, als Werder das Spiel besser kontrollierte und mehr Ballbesitz hatte, wären ein bis zwei Umstellungen im Mittelfeld hin zu mehr Kreativität angebracht gewesen. Es verwundert doch sehr, dass Skripnik sich dieses Spiel stoisch mit ansah, bis die verbleibende Zeit kurz genug war, um die nicht vollständig fitten Edeljoker Pizarro und Junuzovic zu bringen.

Auch vom einstigen Mut, junge Spieler nicht nur kurz anzutesten, sondern wirklich einzubinden, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Im Sommer sah es so aus, als wären Eggestein und Grillitsch auf dem Sprung in die erste Elf und Zander nicht weit davon entfernt. Nun kommen die drei zusammen auf zwei Einsätze und weniger als 90 Minuten Einsatzzeit in der Bundesliga. In allen drei Fällen gibt es Gründe, die gegen einen sofortigen Einbau in der ersten Elf sprechen, doch die gibt es bei Nachwuchsspielern fast immer. Es erstaunt mich sehr, dass Werder mit einem (wenn man nur die gestandenen Bundesligaspieler zählt) Rumpfkader in die Saison geht, mit der Prämisse, voll und ganz auf die Jugend setzen zu müssen (Stichwort „alternativlos“), das Trainerteam sich nun aber augenscheinlich nicht traut, dies auch in die Tat umzusetzen.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn mit Bargfrede und Junuzovic zwei Drittel der gewünschten Achse im Mittelfeld ausfallen. Gerade bei Bargfrede musste man jedoch damit rechnen (wenn auch nicht durch eine Rotsperre). Dass Galvez im Mittelfeld nicht die Antwort ist, hat die letzte Saison gezeigt und war einer der ersten Missstände, die Skripnik damals behoben hat. Wenn Kroos und Fröde nicht gut genug sind, um Bargfrede in solchen Spielen zu ersetzen, warum hat man dann im Sommer nicht Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um einen Sechser zu verpflichten?

Ein Fehler namens Pizarro?

Stattdessen holte man Pizarro zurück. Ich mache mich damit wahrscheinlich bei einem Großteil der Werderfans unbeliebt, aber ich halte das für einen Fehler. Natürlich kann ich verstehen, warum Werder ihn verpflichtet hat. Allein die Begeisterung, die seine Rückkehr ausgelöst hat, war für den Verein viel wert. Zusätzlich verkaufte Trikots, Zuschüsse von Sponsoren, mediale Aufmerksamkeit – alles gut für den Verein. Ich glaube auch, dass Pizarro selbst mit seinen 36 Jahren noch ab und zu den Unterschied machen kann und für Werder sportlich zumindest teilweise wertvoll ist, von seiner positiven Ausstrahlung aufs Team ganz abgesehen. Dennoch ist die Verpflichtung in erster Linie Balsam für die geschundene Werderseele und fällt für mich in eine Kategorie mit den Abschiedsspielen für Frings und Ailton: Man kann noch mal schön in Erinnerungen schwelgen an Zeiten, in denen Werder noch ein großer Name war. Nüchtern betrachtet hat man sich einen sehr alten und sehr teuren Ergänzungsspieler geholt, der eine Saison lang eventuell noch ab und an mannschaftliche Mängel mit individueller Klasse überdecken kann.

Für sich gesehen könnte ich durchaus damit leben, doch bindet Pizarro trotz Zuschuss von Wiesenhof Gehaltsbudget, das an anderer Stelle meiner Meinung nach sinnvoller und zukunftsorientierter hätte eingesetzt werden können. Werders Mittelfeld ist sträflich unterbesetzt, die Ausfälle bei Bargfrede werden leider auch nach Ende seiner Rotsperre kommen und bei Clemens Fritz würde ich auch nicht davon ausgehen, dass es für 30-34 Spiele reicht. Die Risiken lagen und liegen auf der Hand. Werder ist sie eingegangen und muss nun mit den Konsequenzen leben.

Back to square one: Mut zum Fußball

Umso wichtiger, dass Skripnik und sein Team sich jetzt auf ihre Stärken besinnen, die Werder in der letzten Saison vor dem Abstieg gerettet haben. Ich bin weit davon entfernt, Skripniks Ablösung zu fordern. Seine Bilanz ist insgesamt immer noch sehr gut und Werder steht sportlich nicht dort, wo man in der Endphase unter Dutt stand. Was die fußballerische Entwicklung angeht, habe ich jedoch große Zweifel, dass Werder derzeit auf dem richtigen Weg ist. Ich wünsche mir mehr Mut und mehr Konsequenz auf dem Weg, der Werder auch spielerisch voran bringen soll.

Ich könnte weitaus besser mit Niederlagen gegen Teams wie Ingolstadt und Darmstadt leben, wenn sie Konsequenz einer noch nicht ausgereiften fußballerischen Entwicklung wären. Diese muss nicht unbedingt auf ausgeprägtem Ballbesitzfußball beruhen, eine Weiterentwicklung der Pressing- und Konterstrategie der letzten Rückrunde würde mir auch genügen. Stattdessen wirkt diese Saison auf mich bislang so, als wäre alles, was man sich in der Sommerpause vorgenommen hatte, mit Di Santos Abgang hinfällig gewesen und nun wurschtelt man ohne richtigen Plan vor sich hin. Selbst nach der Partie gegen Darmstadt scheint man sich nicht einig zu sein, ob das jetzt zu viel oder zu wenig Fußball war. Derzeit ist Werder nur eines der Teams, die auf eigenes Spiel weitgehend verzichten und mit Physis, langen Bällen und Standards ihr Glück versuchen. Das kann für den Klassenerhalt reichen, macht aber wenig Hoffnung auf mehr.

21. Spieltag: Der Guardiola der Ukraine

Werder Bremen – FC Augsburg 3:2 (3:1)

Vor nicht allzu langer Zeit wäre Werder selbst zuhause als Außenseiter in das Spiel gegen den FC Augsburg gegangen. Nach der jüngsten Erfolgsserie durfte sich Werder aber auch gegen das Überraschungsteam (kann man es überhaupt noch so nennen?) der Saison gute Chancen ausrechnen.

Pressing und Umschaltspiel auf hohem Niveau

 

Augsburg spielte zwar auf dem Papier ein 4-1-4-1, das durch Hojbergs tiefe und Altintops hohe Positionierung im Aufbau jedoch eher zum 4-2-3-1 wurde. Werder presste im inzwischen bekannten 4-3-3, wobei sich die beiden Stürmer auf Augsburgs Innenverteidiger und Bartels auf den einrückenden Sechser konzentrierten. Anders als etwa gegen Hertha und Hoffenheim wurde der gegnerische Torwart nicht angelaufen. Manninger wurden lediglich alle Anspielstationen genommen. Die zweite Dreierreihe postierte sich erst ein gutes Stück dahinter auf Höhe der Mittellinie, sodass es zwar einen recht großen Raum hinter zwischen den beiden Linien gab, in den der Torwart jedoch selten per Flachpass kam, sondern lange Bälle schlagen musste, die im Seitenaus oder auf Vestergaards Kopf landeten. So zogen sich die Augsburger Innenverteidiger nach einer Viertelstunde im Aufbau extrem weit zurück und standen nur noch fünf Meter vor der Torauslinie, um Anspielstationen für den sichtlich überforderten Manninger zu schaffen, was nur selten gelang.

Viktor Skripnik wird nicht zuletzt dafür gelobt, dass Werder unter seiner Führung spielerisch enorme Fortschritte gemacht hat. Doch auch im Umschaltspiel hat sein Team in den letzten Monaten eine gute Entwicklung genommen. Nach der Balleroberung geht es häufig mit geradlinigem Passspiel direkt nach vorne. Die vorderen drei Spieler harmonieren dabei enorm gut, unabhängig von der Zusammensetzung. Bartels ist im Aufspüren von Räumen zwischen den Linien herausragend. Mit Selke und Di Santo hatte Werder zudem auch häufig Abnehmer für lange Vertikalpässe in die Schnittstellen der Viererkette. Leider wurden die Konter diesmal nicht so konsequent zu Ende gespielt, wie in den Spielen zuvor, sodass Werder zu weniger klaren Torchancen kam, als im Spielverlauf möglich gewesen wären.

Schwache Augsburger, gute Standards

Der Erfolg kam somit wieder einmal über die eigenen Standardsituationen. Zwei Kopfballtore nach Freistößen von Junuzovic sowie ein Elfmetertor von Di Santo reichten letztlich für den Sieg. Eine Schwächephase der Augsburger nach dem Seitenwechsel nutzte Werder leider nicht zur vorzeitigen Entscheidung, sodass es am Ende sogar noch einmal eng wurde. Aufgrund der Chancenverteilung war dies unnötig. Augsburg brachte offensiv wenig zustande, kam in der ersten Halbzeit aus dem Spiel heraus nur zu einem Fernschuss durch Bobadilla. Werder war spielerisch und auch taktisch überlegen, überzeugte auch jenseits der ersten Pressinglinie in der Arbeit gegen den Ball. Eröffnete Augsburg über die Außen, schob der Spieler auf der ballnahen Halbposition sofort auf den Flügel und das Team rückte konsequent nach. Versuchte es Augsburg durchs Zentrum auf die zurückfallenden Ji oder Altintop, rückten Werders Innenverteidger aggressiv heraus. Dies war zwar etwas riskant, wurde aber selten gefährlich, da Augsburg den Ball nicht in den Raum dahinter bekam – nicht zuletzt, weil Vestergaard und Lukimya mit ihrem Herausrücken häufig den Ball gewannen.

Werder Bremens Pressing im 4-3-3 gegen den FC Augsburg

Kam der Ball tatsächlich einmal in die markierte Zone, spielten Werders Stürmer gutes Rückwärtspressing

So gut Werder taktisch auf den Gegner eingestellt war, so schwach präsentierte sich Augsburg im Weserstadion. Daniel Baier mühte sich in der Zentrale darum, das Spiel seines Teams zu ordnen, doch letztlich war Augsburg auf allen Offensivpositionen unterlegen. Selassie hatte Werner gut im Griff und Garcia war gegen das Kraftpaket Bobadilla die passende Wahl hinten links. Auch sonst erwiesen sich Skripniks Personalentscheidungen als richtig. Gálvez-Vertreter Lukimya machte ein weitgehend fehlerfreies Spiel, brachte seine Stärken gut ein und traf zum 1:0. Felix Kroos lieferte als Sechser ebenfalls eine starke Partie ab, vielleicht sogar seine beste der Saison.

Momentaufnahme mit Potential

Mit dem Sieg gegen Augsburg ist das Thema Klassenerhalt endgültig abgeschlossen. Die Europa League ist nicht mehr nur ein Hirngespinst irgendwelcher Überoptimisten, sondern ein durchaus realistisches – wenn auch nicht das wahrscheinlichste – Szenario. Skripnik und seinem Team gelingt es immer besser, Werders Spieler auf den Gegner einzustellen, Schwachpunkte und Schwächephasen auszunutzen und eigene Spielfreude mit taktischer Disziplin zu verbinden. Die aktuelle Serie von fünf Siegen in Folge muss man zwar realistisch einschätzen (vier Heimspiele, teils formschwache Gegner), doch ist sie kein Zufallsprodukt. Sie ist das Ergebnis akribischer und durchdachter Arbeit.

“Wir haben als Trainerteam nicht so viel Erfahrung gehabt in der Bundesliga, aber jetzt wissen wir, wo es langgeht.”

- Viktor Skripnik, nach der Niederlage in Gladbach, vor fünf Siegen in Folge

In den nächsten Wochen warten nun noch härtere Brocken auf Werder. Auf Schalke hat man die Gelegenheit, ganz dicht an die internationalen Plätze heranzurücken. Die Schalker sind unter Di Matteo nicht unbedingt durch attraktiven oder spielerisch hochwertigen Fußball aufgefallen. In der Defensivorganisation hat die Mannschaft jedoch große Fortschritte gemacht und ist, bis auf die unglückliche Niederlage in Frankfurt, erfolgreich in die Rückrunde gestartet. Für Werder könnte es ungeachtet der phänomenalen Heimbilanz unter Skripnik ein Vorteil sein, gegen Schalke auswärts anzutreten. Zum einen muss Werder nicht das Spiel machen und kann das Risiko minimieren, in Schalker Gegenstöße zu laufen. Zum anderen liegt Schalke die Spielgestaltung nicht unbedingt. Je nach Ausgang des Champions League Spiels gegen Real Madrid könnten auch die nicht für ihre große Geduld bekannten Schalker Fans ein Faktor werden, wenn Werder lange das 0:0 hält oder in Führung geht.

20. Spieltag: Zweckpessimismus

Werder Bremen – Bayer Leverkusen 2:1 (2:1)

Eine Halbzeit toller Fußball, eine Halbzeit großer Kampf – am Ende steht ein recht glückliches 2:1 über Bayer Leverkusen, das den vierten Sieg in Folge für Werder bedeutet. Ist das Kapitel Abstiegskampf damit beendet?

Gefühlter Elfmeter: Zlatko Junuzovic beim Freistoß

Neue Gewohnheit: Starke erste Halbzeit

Zu den größten Unterschieden zwischen Werder unter Skripnik und Werder unter Dutt zählt für mich, dass Werder deutlich bessere erste Halbzeiten spielt. Dutt hatte eine seiner Stärken darin, das laufende Spiel zu analysieren und gute Anpassungen vorzunehmen. Dafür startete sein Team häufig schwach und war vor der Anpassung deutlich unterlegen. Bei Skripnik schien es bislang eher andersrum zu sein. Gegen Hamburg und Hannover wurde ihm von Teilen der Experten schwaches In-Game-Coaching vorgeworfen. Gegen Hertha und Hoffenheim wurden seine Anpassungen hingegen weitgehend gelobt. Der Grundstein für den Erfolg wurde aber stets in der ersten Halbzeit gelegt.

Im dritten Rückrundenspiel kam Werder zum dritten Mal besser ins Spiel als der Gegner. Zwar hatte Leverkusen schnell eine strategische Schwachstelle (den zweikampfschwachen Sternberg hinten links) ausgemacht, konnte diese aber trotz eines starken Rechtsfokus im Angriff zu wenig nutzen. Kroos, Junuzovic und Vestergaard unterstützten Sternberg immer wieder auf seiner Seite gegen Bellarabi und Hilbert. Kroos gab statt eines Halbraumspielers fast einen klassischen linken Mittelfeldspieler. Durch Junuzovics Einrücken wurde die Raute in tiefen Zonen häufig zu einer flachen Vier. Im Angriffsspiel setzte Werder – anders als im Heimspiel gegen Hertha – nicht auf ruhiges Aufbauspiel und Überladungen, was gegen Leverkusen auch nur schwerlich möglich bzw. sehr riskant gewesen wäre. Stattdessen suchte Werder den Erfolg mit direktem Spiel über das Offensivtrio Junuzovic, Bartels und Selke. Hinzu kam die inzwischen gewohnte Stärke nach Standards.

Leverkusen zieht an, Werder hält dagegen

Das Gegentor kurz vor der Pause war ärgerlich, weil Werder die Partie zu diesem Zeitpunkt im Griff zu haben schien. Letztlich war es dann doch ein verlorener Zweikampf zu viel auf der linken Abwehrseite. Ob dies der Hauptgrund für das veränderte Momentum nach dem Seitenwechsel war, ist schwer auszumachen. Die Einwechslung Sons balancierte Leverkusens Spiel jedenfalls etwas und Bellarabi konnte nun auf dem gesamten Platz mit seiner individuellen Klasse Lücken in Werders Defensive reißen. Etwas überraschend ließ Skripnik Sternberg auf dem Feld, musste dann aber ungewollt in der Viererkette umstellen, da Gálvez verletzt raus musste. Nach vorne gelang Werder in dieser Phase überhaupt nichts mehr. Die Passquote sank von 57% auf 44%, auch weil die Mittelfeldspieler kein übermäßiges Risiko eingingen und das Sturmduo wenig unterstützten. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis Leverkusen aus der Überlegenheit den Ausgleich machen würde.

Wie schon gegen Hoffenheim schaffte es Werder jedoch, in den letzten 20 Minuten des Spiels die Luft aus den Angriffen des Gegners zu lassen. Hier spielt auch die Fitness eine Rolle, die bei Werder zu stimmen scheint. Sobald der Gegner körperlich etwas nachlässt, kann Werder die Gefahr in unmittelbarer Tornähe auf ein Minimum reduzieren. So konnte die Zahl der gegnerischen Abschlüsse insgesamt gering gehalten werden. Zwar hatte Werder nach Junuzovics Freistoßtor nur noch einen einzigen Torschuss, doch auch Leverkusen wurde nach Kießlings Pfostentreffer kaum noch richtig gefährlich. Mit seinen Wechseln (Öztunali für Selke, Garcia für Junuzovic) lag Skripnik ebenfalls richtig. So kann man den Sieg zwar als glücklich, in der Gesamtbetrachtung der 90 Minuten aber nicht als unverdient bezeichnen.

Zwischen Europacup und Abstiegskampf

Innerhalb von vier Spieltagen hat Werder den Sprung von Platz 18 in die obere Tabellenhälfte geschafft. So schnell hätte ich dem Team diese Entwicklung nicht zugetraut und ich sehe sie immer noch mit einem letzten Rest Skepsis. Dies ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass das Thema Europapokal langsam auch ohne vorgehaltene Hand diskutiert wird. Einerseits ist es nur zu verständlich, die momentane Euphorie bis ins letzte auszukosten, schließlich gab es in den letzten Jahren nur wenig Grund dazu. Andererseits steckt die Abstiegsangst noch in den Knochen und Werders Spiel hat auch in der Rückrunde noch genügend Schwachpunkte offenbart, um einen weiteren Durchmarsch zumindest anzuzweifeln. Wenn von den nächsten fünf Spielen (gegen Augsburg, Schalke, Wolfsburg, Freiburg und Bayern) drei verloren gingen, wäre das keine große Überraschung und für die Entwicklung der Mannschaft – im Gegensatz zu etwaigen Ambitionen auf Platz 6 – auch nicht hinderlich.

Anders sieht es mit dem Thema Abstiegskampf aus. Mit 26 Punkten ist Werder natürlich noch nicht gerettet, doch scheinen einige Teams so große Probleme zu haben, dass Werder schon einen richtig herben Einbruch erleben müsste, um wirklich noch abzusteigen. (Dass man dies nach dem 20. Spieltag bereits schreiben kann, ist schon ein so großer Verdienst des neuen Trainerteams, dass mir der Europapokal erstmal völlig egal ist.) Paderborn und Freiburg haben erhebliche spielerische Probleme, Stuttgart tritt auf der Stelle und Hertha scheint mir ebenfalls zu schwach zu sein, um Werder zu gefährden – wobei man bei einem Trainerwechsel mit anschließendem Auswärtssieg in Mainz ja weiß, wohin das führen kann. Realistisch gesehen braucht Werder noch drei Siege und vielleicht ein bis zwei Unentschieden, um sicher die Klasse zu halten. Bei noch 14 ausstehenden Spielen sollte das machbar sein, solange im Team niemand abhebt und denkt, dass es nun ganz von selbst läuft. Es kann der entspannteste Werder-Frühling seit fünf Jahren werden.

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 3:3

Fußball ist ein äußerst merkwürdiges Spiel. Nach 44 Minuten hätte kaum jemand auf einen Bremer Punktgewinn getippt, obwohl es zu diesem Zeitpunkt nur 1:0 für die Gastgeber stand. Zu drückend war die Überlegenheit der Werkself, die Werder kaum Raum und Zeit zum Durchatmen lief. Am Ende dieses ungewöhnlichen und spektakulären Fußballspiels stand dennoch ein nicht unverdientes 3:3 (freilich sehen die Leverkusener das anders).

Gegenpressing und extreme Kompaktheit

Werder ging personell nur mit einer Änderung ins Spiel, die nach dem Spiel gegen Hoffenheim auch zu erwarten war: Fin Bartels gab sein Startelfdebut, während Hajrovic auf die Bank musste. Die taktische Ausrichtung passte Dutt ein wenig an. Die Grundformation blieb zwar ein 4-4-2, doch die beiden Stürmer positionierten sich sehr breit und rückten zeitweise beide auf die Außenbahn, sodass die Neunerposition unbesetzt blieb. Durch Junuzovics gelegentliches Aufrücken ergab sich teilweise eine 4-1-3-2(-0) Stellung. Im Gegensatz zum breit angelegten Offensivspiel zog man sich in der Defensive jedoch horizontal und vertikal sehr kompakt zusammen – bzw. man wurde dazu gezwungen, da Leverkusen seinerseits enorm kompakt und aggressiv verschob. Nicht selten fanden sich alle Feldspieler auf einer Seite des Feldes wieder.

In diesen enorm engen Zonen war an Ballbesitzfußball und ruhiges Aufbauspiel nicht zu denken, was für Werder keine große Umstellung bedeutete, sind dies derzeit doch keine wichtigen Elemente im eigenen Offensivspiel. Das enorm aggressive Gegenpressing der Leverkusener sorgte dennoch für Probleme, denn Werder schaffte es phasenweise überhaupt nicht, sich daraus zu befreien (ich kann mich nicht daran erinnern, dass Werder in der Bundesliga mal eine schlechtere Passquote hatte, als die 51% vom Freitag).

Flügelverlagerungen sorgen für die Tore

Auch wenn Werders erste Halbzeit über weite Strecken schwach war und Leverkusen das Spiel scheinbar nach Belieben dominierte, war schon in der Anfangsphase der offensive Matchplan der Bremer zu erkennen: Die auf die Flügel gezogenen Stürmer sollten gegen den weit eingerückten Gegner durch schnelle Diagonalbälle ins Spiel gebracht werden. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Leverkusens Führungstreffer auf ähnliche Weise fiel. Beide Teams waren fast komplett auf die rechte Bremer Abwehrseite gerückt. Die einzige Ausnahme war Leverkusens Rechtsverteidiger Jedvaj, der mit einem Querpass bedient wurde und von Garcia nicht mehr am Schuss gehindert werden konnte. Kompaktheit hat eben auch ihre Tücken.

Das 1:1 fiel nach einem schnellen Zuspiel auf den linken Bremer Flügel, von wo Garcia den Ball (mit etwas Glück) auf den durchstartenden Bartels auf die andere Seite herüberlegte. Es waren zwei Tore, die zu den generellen Ausrichtungen beider Mannschaften passten, auch wenn sie den Spielverlauf auf den Kopf stellten. Leverkusen hatte bis zum Bremer Ausgleichstreffer genügend Chancen, um das Spiel bereits vor dem Pausenpfiff zu entscheiden.

Werder befreit sich, Dutt wechselt gut

Nach dem Seitenwechsel wurde Werder etwas stärker und konnte sich häufiger aus Bayers Umklammerung befreien. Dies hatte vielleicht auch mit nachlassenden Kräften auf Seiten der Gastgeber zu tun, die trotz eines Plus an Ballbesitz mehr gelaufen waren als ihr Gegner. Auch wenn Leverkusen die spielbestimmende Mannschaft blieb, wurden Werders Gegenstöße zahlreicher und gefährlicher. Dabei nutzten sie die immer wieder auftretenden Räume im Rücken der Leverkusener Gegenpressing-Maschine aus. Vor dem Führungstreffer befreien sich Elia und Bartels aus der Umklammerung und verlagern das Spiel auf den linken Flügel. Bayers verbliebene Abwehr muss weit einrücken, um Selke und Junuzovic den Weg abzuschneiden, und so steht Di Santo rechts völlig blank und kann (trotz suboptimaler Ballmitnahme) frei vor Leno das Tor erzielen.

Bayer drehte das Spiel dank der überlegenen individuellen Klasse jedoch erneut. Calhanoglus Freistoßtor war ein Kunstwerk, perfekt über die Mauer gehoben und unmöglich abzuwehren. Beim Tor von Son reicht eine simple, aber geschickte Drehung, um Lukimya auf dem falschen Fuß zu erwischen. Das Spiel war inzwischen jedoch ziemlich offen und so bekam auch Werder genügend Chancen, um noch einmal zurückzuschlagen. Dutt trug mit guten Auswechslungen erneut dazu bei, dass Werder in der Schlussphase noch einmal zulegen konnte. Selke scheiterte zunächst noch an seiner Übersicht und/oder seinen Nerven. Besser machte es Prödl nach einer von Petersen verlängerten Flanke von Marnon Busch. Völlig frei am zweiten Pfosten verwandelte per Direktabnahme. In der Schlussphase wäre sogar noch ein Sieg möglich gewesen, wenn Hajrovic den Ball besser verarbeitet und dann quer gelegt hätte (das Dribbling, das ihm viele vorwerfen, war dann fast unausweichlich, weil Di Santo in der Zwischenzeit ins Abseits gelaufen war).

Die Gefahren des Rauschs

Am Ende war der Punktgewinn daher nicht mehr ganz unverdient, weil Leverkusen sich den Vorwurf gefallen lassen muss, aus den 30 Minuten drückender Überlegenheit in der ersten Halbzeit zu wenig gemacht zu haben. Defensiv war Bayer anfällig, wenn es Werder gelang, nach Ballgewinn die ersten zwei Wellen des Gegenpressings zu überstehen. Die Räume, die Leverkusen dahinter anbot, werden vermutlich noch mehrere Mannschaften in dieser Saison auszunutzen wissen. Ob Leverkusen dies durch den immensen Offensivdruck nach den hohen Ballgewinnen ausgleichen kann, wird die Zeit zeigen.

Für Werder ist hingegen wichtig, dass Dutt Wort gehalten und die Leverkusener Schwächen richtig gedeutet hat. Der (offensive) Matchplan war diesmal von Beginn an zu erkennen – nicht erst nach Umstellungen, wie in den ersten beiden Spielen – begann jedoch erst in der zweiten Halbzeit zu greifen. Davor legte Bayer die Bremer Schwächen unbarmherzig offen, was angesichts des unerwarteten Punktgewinns nicht vergessen werden sollte. Es könnte gefährlich sein, sich zu sehr an der eigenen Stehaufmännchen-Mentalität zu berauschen, denn es war dem fehlenden Glück bzw. der Abschlussschwäche der Leverkusener zu verdanken, dass Werder überhaupt eine Chance zum Comeback hatte. Unterm Strich ist Werder bislang in jedem Saisonspiel verdient in Rückstand geraten und man wird nicht Woche für Woche einen solchen Kraftakt vollbringen können, um aus diesen Spielen noch Punkte mitzunehmen (man vergleiche etwa die Hinrunde der vorletzten Saison).

Werder Bremen – TSG Hoffenheim 1:1

In einem Spiel, das viele Parallelen, aber auch einige Unterschiede zum Saisonauftakt gegen Hertha aufwies, holte Werder erneut einen Punkt. Musste man in Berlin noch von Glück sprechen, hätte Werder diesmal mehr als ein Unentschieden verdient gehabt.

Unterschiedliche Systeme, ähnliche Ausrichtung

Robin Dutt behielt das erfolgreiche System aus der zweiten Halbzeit gegen Hertha bei und ließ sein Team in einem flachen 4-4-2 mit zwei echten Stürmern spielen. Davie Selke rückte dabei in die Startelf, Alex Gàlvez übernahm den defensiven Part in der Doppelsechs. Etwas überraschend musste für Rückkehrer Sebastian Prödl Luca Caldirola weichen. Hajrovic hielt auf der rechten Seite überwiegend den Flügel besetzt, während Elia auf der anderen Seite etwas weiter einrückte. Hoffenheim trat wie erwartet im 4-2-3-1 an, mit Szalai als Zielspieler in der Spitze und der gefährlichen und flexiblen Dreierreihe Volland-Firmino-Elyounoussi dahinter.

Die grundsätzliche Ausrichtung beider Mannschaften war ähnlich: Beide Teams fokussierten sich jeweils stark auf die rechte Angriffsseite (bei Werder unter Dutt ein sehr ungewohnter Anblick). Bei Hoffenheim schob Rechtsverteidiger Strobl weit mit nach vorne, während sein Gegenüber Beck eher zurückhaltend agierte. Dafür rückte Volland häufig ein und zog Garcia recht weit mit ins Zentrum. Firmino und der offensive Sechser Rudy suchten ebenfalls häufig den Halbraum auf der rechten Seite. Offenbar wollte man so die noch fehlende Abstimmung zwischen Garcia und dem linken Innenverteidiger Lukimya ausnutzen. Ob Werders veränderte Ausrichtung eine Reaktion auf Hoffenheims Spielweise war, muss Robin Dutt beantworten. Jedenfalls hielt sich Garcia mit seinen Vorstößen merklich zurück und spielte insgesamt etwas tiefer als Clemens Fritz auf der anderen Seite. Selke und Di Santo suchten ebenfalls häufiger die rechte Angriffseite. Eine weitere Parallele zwischen den Teams war die klare Aufgabenteilung im Mittelfeld, wo jeweils ein absichernder (Gàlvez, Polanski) und ein vorstoßender (Junuzovic, Rudy) Sechser aktiv war.

Hoffenheim kontrolliert schwache erste Halbzeit

Anders als bei der Ausrichtung gab es in der Spielanlage doch sehr deutliche Unterschiede zwischen den Mannschaften. Hoffenheim wirkte hier ein ganzes Stück reifer und technisch versierter. Wenn es auch von Seiten der Gäste kein Kurzpassfestival war, lösten sie doch viele Situationen spielerisch, wohingegen Werder direkt auf den langen (und in der ersten Halbzeit oft unkontrollierten) Ball setzte. Gàlvez wurde häufig mit dem ersten Pass gesucht, doch diesem blieben meist nur lange Anspielstationen. Um die zweiten Bälle wurde umso intensiver gekämpft, sodass sich ein körperlich sehr intensives Spiel im Mittelfeld ergab, bei dem jeder dritte Pass nicht beim Mitspieler ankam. Schöner Fußball sieht anders aus.

Die Hoffenheimer Führung zur Pause war nicht unverdient, da die Spielzüge im Angriffsdrittel insgesamt strukturierter waren und insbesondere Firmino und Volland gut ins Spiel eingebunden werden konnten. Beim Hoffenheimer Führungstreffer sah Wolf erneut unglücklich aus, klebte für meinen Geschmack zu lange auf der Linie und kam erst heraus, als es schon zu spät war. Vielleicht ließ er sich jedoch auch von der Lethargie seiner Hintermannschaft anstecken. Insbesondere Fritz hatte einen seiner in diesem Spiel seltenen, in der Summe aber immer zahlreicheren Aussetzer und rückte zu weit ein (mehr noch als das stört mich jedoch sein Verhalten nach der Flanke, wo er teilnahmslos am Strafraum stehen blieb, ganz so als hätte es im Fußball noch nie einen Abpraller gegeben, den er eventuell noch klären könnte). Hajrovic schätzte die Situation ebenfalls falsch ein und lief nicht konsequent mit Firmino mit.

Werder dreht auf – aber vergibt den Sieg

Nach dem Seitenwechsel, den Dutt diesmal nicht für personelle Anpassungen nutzte, änderte sich der Spielverlauf. Werder kam nach und nach besser ins Spiel, während Hoffenheim die Spielkontrolle entglitt. Wie schon gegen Hertha kam Werder erst in der letzten halben Stunde richtig ins Rollen. Nach dem Ausgleichstreffer durch Gàlvez brachte Dutt Bartels, der auf dem rechten Flügel deutlich besser zurecht kam, als zuletzt auf der Halbposition in der Raute. Kurz darauf wurde er zu einem weiteren Wechsel gezwungen, da Selke nur knapp einem Platzverweis entgangen war. Petersen brachte ebenfalls Schwung in die Partie, hatte die größten Chancen das Spiel für Werder zu drehen. Die Chancenverwertung war jedoch mangelhaft. Über 90 Minuten kamen beide Teams nur zu je einem Schuss aufs Tor, von daher kann sich keiner von beiden über das Ergebnis beschweren.

Entscheidend für Werder war jedoch, wie man gegen einen spielerisch hoch eingeschätzten Gegner ins Spiel zurück gefunden hat. War die erste Halbzeit noch fußballerische Magerkost, zeigte Werder in der zweiten Hälfte viele Qualitäten, die man in der Schlussphase der letzten Saison gesehen hat. Junuzovic und Fritz kurbelten das Offensivspiel an, Di Santo war sehr präsent in der Offensive und man schaffte es mit einfachen, aber effektiven Spielzügen, die (trotz des starken Süle) noch keineswegs sattelfeste Hoffenheimer Abwehr von einer Verlegenheit in die nächste zu stürzen. Werders rustikale Innenverteidigung wird keinen Ästhetik-Preis gewinnen und ist für Freunde moderner Abwehrspieler eine Zumutung, erfüllt aber weitgehend ihren Zweck. Sorgen machen die technischen Schwächen von Selke und Petersen sowie die erneut sehr schwache Leistung von Garcia, zumal Lukimya nicht das taktische Verständnis von Caldirola hat und weniger seiner Lücken zustellt.

Bis zum nächsten Spiel bleiben nun zwei Wochen Zeit, in denen Werder nur auf wenige Nationalspieler verzichten muss. Gegen die formstarken Leverkusener wird nochmal eine Leistungssteigerung und vor allem eine bessere erste Halbzeit nötig sein, um Punkte mit nach Hause zu nehmen.

Hertha BSC – Werder Bremen 2:2

Werder holt zum Saisonauftakt einen glücklichen Punkt in Berlin. Nach einer schwachen ersten Halbzeit entschließt sich Dutt zu einer riskanten Umstellung, die am Ende Erfolg hat.

Wolf patzt, Hertha dominiert

Die im Pokal verletzten Obraniak und Di Santo standen Dutt wieder zu Verfügung, während Prödl nicht rechtzeitig fit wurde. Die Leidtragenden waren die Nachwuchsspieler Aycicek und Kobylanski, die nicht im 18er-Kader standen. An seiner Startelf nahm Dutt einige Änderungen vor. So durfte der gegen Illertissen schmerzlich vermisste Di Santo im Angriff neben Elia ran. Hajrovic startete dafür auf der 10er-Position, Junuzovic halbrechts in der Raute. Vor der unveränderten Viererkette wurde Kroos der Vorzug vor Gàlvez gegeben. Bei Hertha startete Neuzugang Schieber an der Spitze eines 4-2-3-1.

In der Anfangsphase schaffte es Werder meist, das Spiel der Gastgeber schon auf Höhe der Mittellinie zu zerstören. Das Mittelfeldpressing griff gut und es entstand ein Spiel ohne große Torszenen. Dies änderte sich, als Raphael Wolf sich bei einem Pass auf Beerens verschätzte und anschließend beim abgefälschten Kopfball von Schieber chancenlos war. Den Steilpass muss ein Torwart heutzutage abfangen, Wolf entschied sich für die vorsichtige Variante und wurde dafür bestraft. Nach der Führung kontrollierte Hertha das Spiel bis zur Pause und hatte etliche weitere Torchancen. Werders Defensive zeigte sich mehrfach schlecht organisiert. Auch in Unterzahl fand Hertha häufig den Weg durch die Mitte an den Strafraum. Werder hatte Glück, nach 45 Minuten nicht höher zurückzuliegen, was auch einigen starken Aktionen des ansonsten guten Wolf zu verdanken war. In der Offensive blieb Werder harmlos, konnte nach dem Rückstand kaum noch Bälle in hohen Positionen erobern und versuchte sich erfolglos an hohen Bällen hinter die Berliner Viererkette.

Dutts volles Risiko

Zur Pause entschied sich Dutt zu einer riskanten Umstellung. Er brachte mit Selke eine zweite echte Spitze und nahm mit Kroos seinen einzigen Sechser heraus. Werder spielte nun gegen den Ball ein flaches 4-4-2 mit Hajrovic und Elia auf den Außenpositionen. Bei eigenem Ballbesitz gab Makiadi den Aufbauspieler, der sich häufig zwischen die Innenverteidiger fallen ließ, während Junuzovic im Zentrum einen enorm großen Raum beackern musste. Die sehr offensive Ausrichtung schien angesichts der Defensivprobleme in der ersten Halbzeit unnötig riskant, doch bereits kurz nach dem Wiederanpfiff erzielte Hertha das zweite Tor und Werder brauchte nun einen offensiven Kraftakt.

Es deutete nichts darauf hin, dass Werder noch einmal in das Spiel zurückkommen würde, bis der ansonsten schwache Lukimya eine Freistoß von Junuzovic (dessen Standards für meinen Geschmack nicht genug gewürdigt werden) ins Tor köpfte. Kurz zuvor hatte Werder Glück, dass Kinhöfer Garcias Aktion gegen Hasebe nicht als Tätlichkeit wertete und es bei einer gelben Karte beließ. Diese Phase zeigte gleich mehrfach, dass es im Fußball auch ein Stück weit auf Glück ankommt: Direkt nach Werders Tor hatte Hertha eine Großchance nach einem hervorragenden Konter, die durch einen schlechten Torabschluss zunichte gemacht wurde. Stattdessen dauerte es nur weitere zwei Minuten bis Werder das Spiel ausgeglichen hatte. Garcia eroberte im Gegenpressing den Ball, steckte durch auf Elia, der in dieser Situation das zeigte, was man zu selten von ihm sieht: Eine gute Übersicht. Seine Hereingabe verwertete Di Santo im zweiten Versuch per Kopf.

Fazit: Noch viel zu tun

Nach dem Ausgleich entwickelte sich ein offenes Spiel. Zwar bekam Werder Herthas Angriffe und insbesondere den starken Hasebe nie richtig in den Griff, weil vor der Abwehr oft große Lücken klafften, die die Innenverteidiger mit höchst riskantem Herausrücken schließen mussten, doch konnte Werder nun seinerseits auch die Berliner unter Druck setzen. In dieser Phase verdiente sich Werder das Unentschieden mit großem Kampf und einigen guten Angriffszügen. Über die gesamten 90 Minuten gesehen war Hertha jedoch die deutlich bessere Mannschaft und so sind es aus Sicht der Gastgeber zwei verlorene Punkte, während Werder sich über einen schon nicht mehr für möglich gehaltenen Punkt freuen kann.

Der Punktgewinn sollte die Mannschaft beflügeln und sein Zustandekommen für gute Stimmung sorgen. Dutt hat nun eine Woche Zeit, um weiter an seinem Team herumzubasteln. Es bleibt die Hoffnung, dass er sein Team bald findet und sich innerhalb der nächsten Wochen Automatismen im Offensivspiel bilden, welche man letzte Saison bis in die Schlussphase der Saison vergeblich suchte. Auch defensiv ist man noch ein gutes Stück weg von den konzentrierten Leistungen, die in der Vorsaison zu zehn Spielen ohne Gegentor führten (die Gründe für die insgesamt 66 Gegentore waren hingegen gut zu erkennen). Alles in allem fällt es nach den ersten beiden Pflichtspielen jedoch schwer zu glauben, dass Werder spielerisch im Mittelfeld der Liga einzuordnen sein soll. Der anhaltende Verzicht auf spielstarke Akteure wie Obraniak und Aycicek spricht nicht unbedingt dafür, dass der Schwerpunkt derzeit im spielerischen Bereich liegt. Wichtigste Waffe werden also weiterhin die Standards, das Gegenpressing sowie die Überladungen des linken Flügels sein. Defensiv wird man sich hingegen zwingend verbessern müssen, sonst droht eine weitere Saison im Abstiegskampf.

Ernüchterung trotz Runde 2

FV Illertissen – Werder Bremen 2:3 n.V. (1:1, 1:1)

Werder gewinnt etwas glücklich nach Verlängerung gegen den Regionalligisten FV Illertissen. Dabei enttäuschte das Team eine Woche vor dem Bundesligastart spielerisch auf ganzer Linie. Der erstmalige Einzug in die zweite Pokalrunde seit vier Jahren kann nur ein wenig darüber hinweg trösten.

Robin Dutt wartete mit einer etwas größeren Überraschung auf und ließ Petersen trotz Di Santos Verletzung nur auf der Bank. Werder begann somit ohne klassische Sturmspitze und dafür mit Hajrovic und Elia im Angriff. Das restliche Team begann wie erwartet, wobei Makiadi und Bartels die Halbpositionen im Mittelfeld besetzten und Lukimya für den verletzten Prödl in der Innenverteidigung ran durfte. Illertissen spielte ein 4-5-1, das in der Raumaufteilung zwischen 4-2-3-1 und 4-1-4-1 pendelte.

Problemzone Zehnerraum

Werders Pressing im 4-1-3-2 funktionierte in der Anfangsphase recht gut und man kam zu einigen gefährlichen Aktionen, aus denen auch der Freistoß vor dem Elfmeter zum Führungstor resultierte (Gratulation an dieser Stelle an Hajrovic zu diesem Elfmeter. Von dieser Schusstechnik können sich die meisten seiner Teamkollegen etwas abschauen). Mit zunehmender Spieldauer griff Werders Offensivansatz jedoch immer weniger. Das Gegenpressing ging zu oft ins Leere, insbesondere im Zentrum gelangen kaum einmal Überzahlsituationen durch hohe Ballgewinne. Im Gegenteil waren es oft die Bremer die im Zehnerraum isoliert wurden. Bei vertikalen Anspielen in diesen Bereich fand sich der Passempfänger fast immer gegen 3-4 Gegenspieler wieder, ohne eigene Anspielstation in der Nähe. So hatte Werder keinen Zugriff auf das Zentrum und kam meist nur über hohe Bälle oder Flügelangriffe nach vorne.

Auf der linken Seite lief sich Elia dabei häufig fest und zeigte einmal mehr, dass er kein Freund des Torabschlusses ist. Linksverteidiger Garcia erwischte leider einen seiner schwächeren Tage und konnte trotz einiger guter Flügelläufe wenig in der Offensive bewirken. Rechts zeigte Bartels ein paar gute Ansätze im Dribbling (bei denen er allerdings nicht durchsetzungsstark genug war), war jedoch mit seinen Kernaufgaben auf der Halbposition überfordert. Er stand auch häufig zu hoch, wodurch der defensiv nicht sattelfeste Fritz hinten rechts Probleme bekam. Hajrovic hatte etwas Probleme seine Rolle zu finden und kam selten in Positionen an den Ball, von denen er seine Abschlusstärke einsetzen konnte. Das Aufbauspiel aus der Abwehr war gewohnt langsam und kam im Kombinationsspiel nur selten über die Mittellinie hinaus. Daran konnte auch Gàlvez nichts ändern, der zwar vieles mitbringt, was ein Rauten-Sechser haben sollte, doch letztlich kein ausgemachter Kreativspieler ist. Dass er seine Rolle noch finden muss, zeigte seine durchgängig sehr tiefe Positionierung bei Ballbesitz seine Teams. Die Ballverteilung war ebenfalls verbesserungswürdig. Ihm fehlten allerdings auch Anspielstationen im Zentrum, oft blieb nur der Querpass oder der lange Ball als Option.

Die Standards entscheiden das Spiel

Auch defensiv wirkte Werder nicht wirklich sattelfest. Sinnbildlich war dafür eine Szene kurz vor Ablauf der regulären Spielzeit, als Wolf und Lukimya sich nach Garcias Querschläger nicht einig waren und Illertissen so eine Großchance ermöglichten. Aus dem Spiel heraus hatte zwar auch Illertissen wenige Torchancen, doch ihre Standardsituationen nutzten die Gastgeber gut und bereiteten Werders Abwehr damit große Schwierigkeiten. Überhaupt waren es die Standards, die in diesem Spiel die größte Offensivgefahr ausmachten. Auch Werder konnte bei eigenen Ecken und Freistößen überzeugen und letztlich machten diese auch den Unterschied aus. Alle drei Bremer Tore fielen nach ruhenden Bällen.

Für meinen Geschmack hielt Dutt etwas zu lange an seiner Linie fest, bevor er die offensichtlichsten Probleme auf dem Feld mit seinen ersten beiden Wechseln anging: Busch kam für Bartels und sorgte für mehr Stabilität auf der rechten Seite, wodurch Clemens Fritz zurück in die Spur fand (abgesehen von seinem schlechten Zweikampfverhalten vor dem 2:3, das leider inzwischen typisch für sein Spiel ist). Im Angriff kam Selke für Makiadi, sodass es im Angriff zumindest einen Zielspieler für hohe Bälle gab. Vorher erinnerte die Offensive an die Versuche mit der Raute im letzten Herbst, als Werder ebenfalls ohne wirkliche Stürmer spielte. In die Loblieder auf Selke kann ich allerdings nicht einstimmen, er hat noch sehr viele wichtige Dinge falsch gemacht. Allerdings hat er unermüdlich versucht etwas zu bewegen, suchte insbesondere auf dem rechten Flügel nach Räumen und wurde mit seinem ersten Treffer für die Profis belohnt. Ob das schon für die Bundesliga reicht, wird man in den nächsten Wochen sehen. Schade fand ich, dass Dutt nicht auf mehr Spielstärke gesetzt hat und Aycicek (trotz Hajrovics Abtauchen auf der Zehnerposition) oder Kobylanski (trotz Elias Harmlosigkeit) keine Chance gegeben hat.

Das Gerede vom Pokalfluch hört nun endlich auf. Zum Feiern war bei Werder jedoch nur wenigen zumute. Letztlich war es nur ein Spiel und es bleibt die Hoffnung, dass Werder in Ulm nur einen schlechten Tag erwischt hat. Jedoch sollte nun klar sein, dass Werder ohne Prödl, Di Santo, Bargfrede und Selassie noch ein gutes Stück entfernt ist von der Form des letzten Frühlings. Nennenswerte Automatismen in der Offensive sind nicht zu erkennen, die Neuzugänge können noch nicht überzeugen und es fehlte gegen Illertissen auch die unbedingte Kampfbereitschaft, mit der Werder einen Großteil der letzten Saison über agiert hat. Die in dieser Saison angestrebte Entwicklung ist nach wie vor möglich, aber Werder wird sie sich hart erarbeiten (und eventuell auch noch mal auf dem Transfermarkt nachlegen) müssen.

32. Spieltag: Überraschend, aber chancenlos

Bayern München – Werder Bremen 5:2 (1:2)

Eine Halbzeit lang konnte Werder den FC Bayern ganz gewaltig ärgern. Danach steigerte sich der Deutsche Meister, konnte das Spiel schnell drehen und konnte sich in der letzten halben Stunde für die Champions League warmschießen.

Eine fast perfekte Kopie

Real Madrid wollte man kopieren, so die Aussagen vor dem Spiel und Werder ließ dem Taten folgen. Statt in der gewohnten Raute spielte Werder im 4-4-1-1/4-4-2 und Dutt beantwortete die Frage “Junuzovic oder Selassie?” mit “Beide!” wodurch etwas überraschend Elia auf die Bank musste. Die Entscheidung erwies sich jedoch schnell als richtig, weil Werder Madrid auch von der Ausrichtung her kopierte. Mit zwei dicht gestaffelten Viererketten sollte der Strafraum abgesichert werden. Davor gab Di Santo den flexiblen Stoßstürmer (Benzema), während Hunt als Verbindungsspieler immer zwischen Mittelfeld und Angriff pendelte (Ronaldo). Trotz erwartet hoher Ballbesitzzahlen konnte Bayern nur selten in gefährliche Zonen vorstoßen. Auf der anderen Seite rückte Werder weit auf, wenn Bayern das Spiel über Manuel Neuer aufbaute und spielte phasenweise ein hohes Angriffspressing, bei dem jeweils einer der Spieler aus dem Mittelfeld (meist Junuzovic) weit vorschob und Druck auf die abkippenden bayerischen Sechser machte.

Das größte Bremer Plus in der ersten Halbzeit war jedoch nicht die – zu keinem Zeitpunkt komplett sattelfeste – Defensive, sondern das schnelle Umschalten nach Ballgewinn. Zum Ende der Saison zeigt Werder hier endlich die erhofften, aber kaum mehr erwarteten Fortschritte. So konnte man Bayern tatsächlich einige Male in unsortierten Phasen erwischen und schnelle Konter in Richtung Manuel Neuers Tor bringen. Das 0:1 war ein Überzahlkonter wie aus dem Lehrbuch. Hunt zieht durch einen geschickten Lauf Dante aus dem Zentrum, Makiadi beweist ein gutes Gespür für den richtigen Moment für den Pass und Selassie schließt gegen Alaba und Neuer kaltschnäuzig ab. Beim 1:2 behauptet Di Santo einen Befreiungsschlag gegen Dante und spielt mit dem Rücken zum Tor ein tollen Pass in den Raum hinter Boateng, der zunächst auf Abseits spielen will und dann von Hunt vernascht wird. Vor allem das zweite Bremer Tor hinterließ Wirkung. Bis zur Pause hatte Werder seine stärkste Phase und konnte das Spiel häufiger in die Münchner Hälfte verlagern. Ein drittes Tor wäre möglich gewesen, doch Garcia stand bei seinem Kopfballtreffer im Abseits und Di Santo verpasste eine Hereingabe in der Mitte knapp.

Keine Chance nach dem Wechsel

So sehr Werder Bayerns Defensivprobleme in der ersten Halbzeit offenlegte, die bayerische Offensive bekamen sie schon in der ersten Halbzeit nicht vollends in den Griff. Nachdem Guardiola zur Pause Lahm für den defensiv schwachen Weiser einwechselte, bekam das Spiel der Bayern einen neuen Impuls. Sie überluden nun häufig die linke Angriffsseite und spielten den Ball dann nach rechts, wo Lahm Platz hatte und nicht rechtzeitig gedoppelt werden konnte. Bereits nach wenigen Sekunden erspielte sich Bayern so die erste Chance der zweiten Halbzeit. Auch beim 4:2 hat Lahm lange Zeit, um seine Flanke zu timen. Ein zweiter Unterschied zur ersten Hälfte bestand darin, dass Bayern nun häufiger in die Halbräume zwischen den Bremer Viererketten kam und von dort gefährliche Kombinationen in den Strafraum spielte.

Innerhalb einer Viertelstunde machte Bayern aus einer drohenden Niederlage so einen komfortablen Sieg. Werder konnte in der zweiten Halbzeit überhaupt nicht mehr für Entlastung sorgen und machte hinten zu viele eigene Fehler, um das Spiel spannend zu halten. Beim 3:2 schaltet Caldirola zu schnell ab, bleibt nahe der Torauslinie stehen und hebt so das Abseits auf. Beim 5:2 prallen Bargfrede und Garcia zusammen, was Robben den Raum verschafft, um ungestört seinen geliebten Lauf parallel vor der Abwehrkette zu starten. Beim 4:2 kommt Schweinsteiger in Prödls Luftraum völlig unbedrängt zum Kopfball. Dass der starke Makiadi kurz nach der Pause durch einen verunsichert wirkenden Ignjovski ersetzt wurde, half ebenfalls nicht. Nach 70 Minuten gab Dutt seinen ursprünglichen Plan auf und nahm die einzige Spitze vom Feld. Da auch Bayern in der Schlussphase nicht mehr mit letztem Willen agierte, blieb es beim 5:2. Ein Sieg, den sich Bayern zunächst hart erarbeiten musste, der dann jedoch auch höher hätte ausfallen können.

Bereit für den letzten Schritt?

Für Werder ist es eine eingeplante Niederlage in einem Spiel, aus dem man viel Positives mitnehmen kann. 45 Minuten lang zeigte Werder eine starke, gut organisierte Leistung, variierte erfolgreich zwischen tiefer Verteidigung und hohem Angriffspressing und schaltete schnell um. Über den defensiven Kollaps der zweiten Halbzeit sollte man dennoch nicht zu großzügig hinwegsehen. Bei aller bayerischen Überlegenheit fehlte Werder nach dem Wechsel die absolute Konzentration. Die Folge waren zu viele einfache Fehler, die man sich nicht nur gegen Bayern nicht erlauben darf.

Der Klassenerhalt ist – stand jetzt – noch nicht gesichert. Im Heimspiel gegen Hertha hätte man (ungeachtet der Ergebnisse des HSV) die Möglichkeit, den letzten Schritt dorthin zu machen. Die Entwicklungen der letzten Wochen legen nahe, dass Werder dazu bereit ist.

31. Spieltag: Fast geschafft

Werder Bremen – TSG 1899 Hoffenheim 3:1 (1:1)

Nachdem es hier beruflich bedingt einige Zeit still war, gibt es heute den vermutlich entscheidenden Schritt zum Klassenerhalt zu feiern. Werder besiegt im vorletzten Heimspiel die TSG Hoffenheim etwas glücklich mit 3:1 und hat drei Spieltag vor Ende neun Punkte Vorsprung auf den HSV.

Kampf und Kompaktheit

Dutt ersetzte den gesperrten Junuzovic durch Selassie und brachte wie erwartet den nicht mehr gesperrten Di Santo für Petersen zurück ins Team. Ansonsten blieb es bei der Rautenformation der letzten Wochen, mit Elia als beweglichem Halbstürmer. Hoffenheim ist die Freak-Mannschaft dieser Saison, mit einem bizarren Torverhältnis und spielerisch sehr starken Ansätzen. Gisdol setzte wie gewohnt auf die Offensivstärke seines Teams und ließ Volland, Firmino, Salihovic und Elyounoussi im formellen 4-2-3-1 System rochieren. Die Bremer Abwehr sollte durch quirlige Spielertypen und schnelle Kombinationen am Boden unter Druck gesetzt werden und nicht etwa mit der physischen Präsenz eines Modeste. Dies gelang in der Anfangsphase sehr gut. Hoffenheim nimmt im Angriffsdrittel keine Gefangenen, spätestens der dritte Pass geht vertikal in die Schnittstelle. Beim 0:1 in der 3. Minute bekommt Werders Mittelfeld trotz Überzahl Firmino nicht in den Griff, der auf Volland durchsteckt – eine symptomatische Szene für die erste Viertelstunde. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis Hoffenheim das zweite Tor nachlegen würde.

Zum Glück ist Fußball ein Sport, bei dem sich mit einer einzigen Aktion die Dynamik des Spiels ändern kann. Bargfredes abgefälschter Schuss in den Winkel brachte Werder mit einem Schlag ins Spiel und plötzlich sah man, warum Hoffenheim trotz aller Qualitäten im Ligamittelfeld herumdümpelt. Werder erkämpfte sich im Mittelfeld ein leichtes Übergewicht, Rudy und Polanski kontrollierten das Zentrum nicht mehr und schon war Hoffenheims Offensive vom Spiel abgeschnitten und kam für den Rest der ersten Halbzeit nur noch sporadisch zu guten Situationen. Das technisch feinen Offensivspiel der Anfangsphase kam nicht mehr zum Tragen. Die Partie wurde immer mehr zu einem Kampfspiel zweier sehr eng agierender Teams, was Werder offensichtlich mehr behagte. Nun konnte man wieder die Mechanismen sehen, die schon in den letzten Wochen immer besser griffen. Di Santo behauptet die Bälle in der Spitze inzwischen ganz gut, während Elia auf seiner neuen Position aufblüht und sehr beweglich die Flügel besetzt (wäre er doch bloß etwas effektiver am und im Strafraum). Das Dreiermittelfeld hinter Hunt suchte leidenschaftlich die Zweikämpfe und besonders Torschütze Bargfrede erwies sich wieder einmal als Antreiber.

Großer Wille, glückliches Ende

Auch nach dem Seitenwechsel blieb das Spiel intensiv und kompakt. Nicht selten rückten beide Teams so weit auf die rechte oder linke Seite, dass eine gesamte andere Spielhälfte verwaist war. Dazu machten die Teams auch in der Vertikalen das Spielfeld eng. Längere Passstaffetten waren in dem engen Raum kaum zu sehen, was sich in schwachen Passquoten beiderseits sowie absurden 74 Einwürfen (dürfte ein Ligahöchstwert sein, gibt es dazu Statistiken?) niederschlug. Spannend wurde es folglich immer dann, wenn es einem Team gelang, die Kompaktheit des jeweils anderen zu überwinden. Dies gelang Hoffenheim in der zweiten Halbzeit etwas häufiger als Werder, obwohl die Hausherren insgesamt mehr vom Spiel hatten und auch größeren Aufwand betrieben, um das Spiel noch zu gewinnen. Im Gegensatz zur Anfangsphase war Hoffenheim vor dem Tor nun jedoch nicht mehr so effektiv und vergab seine Kontergelegenheiten fahrlässig. Der größere Siegeswille auf Seiten der Bremer brachte so – gepaart mit einer Portion Glück – die Entscheidung.

Die Geschehnisse der letzten Viertelstunde waren dann wie gemalt für den Jahresrückblick: Garcia bewies sein Gespür für wichtige Tore, Wolf hielt mit seinem abgewehrten Elfmeter gegen Salihovic den Sieg fest und Petersen sorgte nach seinem fürchterlichen Eigentor letzte Woche für das Happy End. Dank der Hamburger Niederlage am Abend dürfte Werder mit diesem Sieg gerettet sein. Mit nun 36 Punkten ist auch das angestrebte Saisonziel von 40 Punkten nicht außer Reichweite.

Auf ein abschließendes Wortspiel mit Ostern, Eiern und/oder Nest wird an dieser Stelle verzichtet.

25. Spieltag: Unentschieden mit Fragezeichen

Werder Bremen – VfB Stuttgart 1:1 (0:0)

Mit einem glücklichen Punkt gegen Stuttgart setzt Werder die positive Serie im Abstiegskampf fort und hält sich einen weiteren Konkurrenten vom Leib. Stuttgart dominierte die zweite Halbzeit, aber Werder hatte mit Hunts Freistoß die passende Antwort parat.

Mittelfeldvermeidung

Robin Dutt ließ sein Team im Vergleich zum Auswärtssieg in Nürnberg unverändert und vertraute erneut auf eine Mittelfeldraute. Huub Stevens stellte sein Team wie erwartet etwas defensiver auf als zuletzt und ließ sein Team recht tief verteidigen. Wer den VfB unter dem neuen, für Defensivkünste bekannten Trainer jedoch mit einer abwartenden Herangehensweise in der Anfangsphase erwartet hatte, wurde überrascht. Stuttgart übernahm wenn möglich selbst das Kommando und versuchte den ebenfalls tief stehenden Gegner über lange Pässe auf die Flügel unter Druck zu setzen. Werder blieb nicht ganz so passiv wie in den letzten Spielen und wurde durch Stuttgarts weitgehenden Verzicht auf Angriffspressing zu einem langsamen Spielaufbau gezwungen. Wie gehabt resultierte dies in Querpässen und langen Bällen, die meistens auf die Flügel gespielt wurden, um Kopfballduellen mit Niedermeier und Rüdiger zu entgehen. Auch Stuttgart war darauf bedacht, das Mittelfeld schnell zu um- bzw. überspielen, um die eigenen Schwächen im Spielaufbau nicht zum Tragen kommen zu lassen.

Insgesamt spielten beide Mannschaften viel über die Flügel (auf beiden Seiten kamen nur je 19% aller Angriffe durchs Zentrum) und tendierten dabei jeweils zu ihrer linken Angriffsseite. Dadurch, dass Werder öfter und weiter aufrückte als zuletzt, ergaben sich oft Räume zwischen Mittelfeld und Abwehrkette, in denen besonders Traoré häufig anspielbar war. Auch deshalb hatte Werders Raute in diesem Spiel früher Probleme mit dem breit angelegten Stuttgarter Spiel. Bargfrede musste in der Defensive häufig auf die Außenbahn hinausschieben (vor allem nach rechts). Da Obraniak erneut etwas höher und flügellastiger agierte, als Junuzovic auf der anderen Seite, taten sich Lücken im Zentrum auf, die der VfB jedoch nur unzureichend nutzte.

Dutt wartet, Niedermeier trifft

Zur Pause hatte ich fest mit einer Umstellung bei Werder gerechnet, doch Dutt behielt die Raute zunächst bei, was vielleicht auch an der relativen Ungefährlichkeit der Stuttgarter beim Abschluss lag. Trotz Elfmeters hatte der VfB bis zur Pause keinen einzigen Schuss aufs Tor. Nach dem Wechsel war Stuttgart jedoch präsenter und bespielte noch gezielter die Lücken in Werders Formation. Es ist erstaunlich wie ballsicher die Gäste dabei phasenweise agierten, während sie ansonsten doch massive Probleme im Passspiel offenbarten. Werder gelang es in dieser Phase nicht mehr, den Stuttgarter Druck vom Strafraum fernzuhalten. Das Führungstor fiel dennoch nach einer Standardsituation, als sich Prödl bei einer Flanke verschätzte und Niedermeier so frei vor Wolf an den Ball kam. Gibt es in der Situation eine Möglichkeit für den Torwart den Ball zu antizipieren und wegzufausten?

Dutt reagierte auf den Rückstand mit der Einwechslung Kobylanskis für den erneut schwachen Petersen. Es blieb zunächst bei der Raute, doch schon nach kurzer Zeit wechselte Kobylanski auf die rechte Außenbahn und Werder verteidigte fortan im flachen 4-4-2. Mit der Einwechslung von Elia für den ebenfalls schwachen Obraniak sollte der Druck über die Außenbahnen erhöht werden. Zwischen der 60. und 75. Minute hätte Stuttgart das Spiel entscheiden müssen, vergab aber die beste Chance durch Sakai. Für Werder ergaben sich auf der anderen Seite nur wenige gute Gelegenheiten. Somit war es wenig überraschend eine weitere Standardsituation, die das Spiel ausglich. Das Tor war wohl in erster Linie Lukimyas Verdienst.  Hunt gab nach dem Spiel zu, den Ball eigentlich über die Mauer zu spielen versucht zu haben.

Hunts Ausgleich kaschiert die Defizite

Nach dem Ausgleich schien das Momentum in Werder Richtung zu kippen, doch letztlich blieben die Angriffe zu ungefährlich, um den Sieg noch zu erzwingen. Unterm Strich bleibt ein etwas glücklicher Punkt in einem schwachen Spiel gegen einen VfB Stuttgart, der nicht wirklich überzeugte, jedoch die gegnerischen Schwächen besser auszunutzen wusste. Mit dem Punkt kann Werder gut leben, mit dem Spielverlauf weniger. Zwei Erkenntnisse sollten Dutt zu denken geben: Verteidigt der Gegner seinerseits tief, hat Werder nur wenige Mittel, um offensiv Druck zu machen. Hohe Bälle an die Seitenlinie sind als prägnantester Spielzug im Aufbau nicht überzeugend. Auf der anderen Seite zeigte Stuttgart immer wieder auf, wie Werders Raute verwundbar ist: Mit schnellem Spiel über die Flügel, sobald Werder etwas aufgerückt ist. Geht die Kompaktheit der Raute verloren, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die individuellen Schwächen in Werders Abwehr wieder aufgedeckt werden. Gegen die spielstarken Gegner, die in der Schlussphase der Saison warten, wird sich Dutt wohl etwas anderes einfallen lassen müssen.

Spielerisch gab es leichte Fortschritte zu sehen, wie sich auch an Ballbesitz und Passquote erkennen lässt. Das Angriffsspiel bleibt jedoch sehr von Aaron Hunt abhängig. Auch mit einer Doppelspitze gelingt es nur selten, die Bälle in der Angriffsreihe zu kontrollieren und zu halten, bis das Mittelfeld nachrückt. Kobylanski überzeugte nicht vollständig, wäre jedoch eine Option, wenn Petersen weiterhin so wenig zu Werders Spiel beiträgt. Mit acht Punkten aus den ersten vier Spielen gegen die direkten Konkurrenten liegt Werder weiterhin im Soll. In Freiburg sollte tunlichst gewonnen werden, will man bei einem eventuellen Lauf des HSV oder Stuttgart (im schlimmsten Fall von Beiden) nicht mehr zurück in den Abstiegskampf gezogen werden.