Schlagwort-Archiv: Standardsituationen

Aufbau Nord mit Schwierigkeiten

SC Freiburg – Werder Bremen 2:2

Auch im dritten Pflichtspiel des Jahres gab es wieder nur ein Unentschieden. Das 2:2 beim SC Freiburg bringt Werder tabellarisch nicht weiter, zeigte jedoch einige interessante Entwicklungen im Team.

Zögerliche Bremer gegen Freiburger Pressing

Erneut war die sehr passive Grundhaltung zu sehen, die auch schon im Spiel in Kaiserslautern an den Tag gelegt wurde (beim Heimspiel gegen Leverkusen war es nur geringfügig anders). Die Raute stand flach gegen den Ball und insgesamt agierte man sehr tief, mit Pizarro und Rosenberg an vorderster Verteidigungslinie knapp über der Mittellinie. Vorwärtspressing betrieb man nur direkt nach Ballverlusten, wenn man weit in die Freiburger Hälfte aufgerückt war. Ansonsten stellte man schnell die Grundformation wieder her und wartete auf die Freiburger Angriffe.

Das eigene Aufbauspiel bekam man gegen das Freiburger Pressing nie richtig in den Griff. Die drei Passoptionen aus der Innenverteidigung ins (defensive) Mittelfeld wurden konsequent dichtgestellt, so dass häufig der Umweg über die Außenverteidiger gegangen werden musste. Gelangte der Ball dann wieder ins Zentrum, verstanden es die Freiburger gut, mit ihrem Pressing die Spieler so unter Druck zu setzen, dass sie kaum einmal mit direkten Vertikalpässen das Angriffsspiel in Schwung bringen konnten.

Neue Problemzone: Standardsituationen

Zum ersten Mal gelang dies dann Tom Trybull, als er kurzzeitig auf die linke Seite gewechselt war. Sein Pass auf Rosenberg sorgte für die erste Torchance, doch Pizarro verpasste im Strafraum die Hereingabe. Beim zweiten Versuch war man erfolgreicher, Junuzovic spielte den Ball halbhoch an den langen Pfosten auf Pizarro, der ihn per Direktabnahme verwertete. Diese beiden Szenen zeigten, dass Werders Angriffsspiel durchaus in der Lage war, die nicht immer sichere Freiburger Hintermannschaft in Gefahr zu bringen. Leider sprangen zu selten ähnliche Szenen heraus, da Werder es versäumte, die Offensivspieler im Angriffsdrittel in Szene zu setzen – zu hoch die Fehlerquote im Passspiel, zu umständlich das Aufbauspiel.

Die Antwort der Freiburger kam dann auch postwendend. Der Ausgleich zum 1:1 fiel – wie schon gegen Leverkusen – nach einer Ecke. Die weiteren Standardsituationen des Sportclubs legen nahe, dass es sich dabei nicht um Zufall handelte. Ohne den Freiburgern die Anerkennung für den Variantenreichtum bei ihren Ecken vorzuenthalten, muss man feststellen: Werder hat ein Problem mit Standards. Nun sind durch den Weggang von Mertesacker und die Ausfälle von Naldo und Prödl deutlich weniger große Spieler auf dem Platz. Das einstmalige “größte Team Europas” hat jedoch nicht nur die Lufthoheit verloren (zumal die Freiburger körperlich sicher nicht überlegen waren), sondern vor allem Probleme bei der Zuordnung. Eine kurze Ecke auf Makiadi reichte, um den Ausgleich herzustellen.

Fazit: Zu schwach für 3 Punkte

Die zweite Halbzeit gehörte überwiegend den Freiburgern, die, gezwungen vom erneuten Rückstand, noch mutiger nach vorne agierten und in puncto Ballbesitz und Torschüssen klar im Vorteil waren. Werder konnte nur sporadisch zeigen, dass man auch selbst gefährlich nach vorne spielen kann. Das zweite Tor von Pizarro verdeutlichte sehr gut, wie ein eingespieltes Team die Schaaf’schen Vorstellungen umsetzen könnte. Von Junuzovics Kopfball, über Trybulls clevere Ballmitnahme, Ekicis gut getimten Pass bis zu Pizarros Abschluss war das fast perfekt gespielt. Die Laufwege stimmten und der Angriff glitt wie ein Messer durch die weiche Freiburger Abwehrbutter. Das erinnerte an gute, alte Werder-Zeiten.

Wie weit man ansonsten davon noch entfernt ist, lässt sich schwer abschätzen (mal ganz davon abgesehen, dass man in der stark verbesserten Bundesliga wohl nie wieder die spielerische Dominanz der Jahre 2003-2007 erreichen wird). Die jungen Spieler zeigen ihr Potenzial, doch es gibt noch zu viele Unwägbarkeiten. Die Besserung im Aufbauspiel, die ich letzte Woche gesehen habe, war gegen Freiburg wieder verschwunden, da man keinen echten Plan B hat, wenn der Gegner die Passwege ins Mittelfeld zustellt. Es kommt praktisch nie vor, dass sich der Sechser oder einer der Achter zurückfallen lässt, um von hinten das Spiel aufzuziehen. So bleibt nur die Notlösung über die Außenverteidiger, die eigentlich auch Schaaf nicht gefallen kann. Mit der Anfälligkeit nach gegnerischen Standards hat sich das nächste Problemfeld aufgetan. Wie schnell gelingt es, die Defizite aufzuarbeiten?

Gemessen am Spielverlauf hat Werder einen glücklichen Punkt geholt. Selbst gegen Abstiegskandidaten agiert man auswärts zu passiv, um dem Gegner das eigene Spiel aufzudrängen. Andererseits hat man nicht genug Sicherheit im Defensivspiel, um hinten häufiger die Null zu halten. So bleibt es ein schwieriges Abwägen zwischen Abwarten, Sicherheitsfußball und Kurzpassspiel, mit Pizarro als Lebensversicherung. Wenn die verletzten Spieler zurückkommen und sich die Neulinge eingespielt haben, wird man sehen, wie sehr man in der Rückrunde noch zulegen kann. Für Platz 4 dürfte es dann zu spät sein, aber auch Platz 6 scheint derzeit alles andere als gesichert.

Das Streben nach Glück

Fußball ist keine Mathematik. Das sagte jedenfalls vor zwei Jahren Bayerns Vorstandsvorsitzender Kalle Rummenigge. Jener Rummenigge, der vor kurzem Franz Beckenbauer mit einem (geklauten?) Kindergarten-Gedicht in den Ruhestand komplimentiert hat. Und auch beim obigen Satz irrt Rummenigge. Fußball ist reine Mathematik!

Ein Spiel, dessen Ergebnisse von der Summe der geschossenen und kassierten Tore, der gesammelten Punktzahl und der Tordifferenz abhängen, ist selbstverständlich Mathematik. Die geometrischen Formen, die sich auf einem Fußballplatz erkennen lassen, egal ob Viererkette, Dreieck oder Raute, werden jedem Mathematiker die Tränen ins Gesicht treiben. Ganz zu schweigen von all den Wahrscheinlichkeitsfaktoren, die ein Fußballspiel beeinflussen. Es dürfte jedem klar sein, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Dribblings in Strafraumnähe bei Lionel Messi größer ist als bei Per Mertesacker. Andersherum hat der gute Per in einem Kopfballduell in 2,20 m Höhe mit fast 100%iger Sicherheit die Nase vorn. In diesem Fall würde wohl niemand von Glück sprechen, denn die Ausgangslage ist eindeutig. Der Fußball besteht nun aber aus einer Vielzahl von Spielsituationen, deren Ausgang längst nicht so klar ist.

Es gehört zum Wesen eines Sports, der (anders als z.B. Schwimmen oder Laufen) keine absolute Leistungsmessung zulässt, sondern Leistung immer in Relation zu der des Gegners ausdrückt, dass viel über die Hätte, Wäre und Wenns diskutiert wird. Dazu fallen im Fußball vergleichsweise wenige Tore, was den Einfluss des Zufalls noch verstärkt und das Spiel unberechenbarer macht als etwa Handball: Ein Glückstor fällt nunmal leichter als 35 Glückstore. Was jedoch keiner genau sagen kann, ist was ein Glückstor eigentlich ist. Ein Tor, dass von einer subjektiv gesehen unterlegenen Mannschaft geschossen wird? Ein Abpraller? Ein Tor in der letzten Minute? Rekordmeister Bayern hat das Schießen von “Glückstoren” über die Jahre so sehr kultiviert, dass das Wort “Bayerndusel” in den Fußballwortschatz eingeflossen ist. Dabei ist das Wort ein eigentlich unpassender Ausdruck für ein Phänomen, das man sich nicht so recht erklären kann.

Sicherlich kann man ab und zu mal “glücklich gewinnen”. Statistisch gesehen ist das eine positive Abweichung vom Erwartungswert. Dauerhaftes “Glück” gibt es jedoch nur mit den richtigen Verbindungen zur Wettmafia. Woran liegt also die Wahrnehmung des Münchner Erfolgs als Dusel? Ich sehe dafür zwei Gründe: Erstens ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein guter Spieler in der Schlussphase noch ein Tor macht größer als bei einem weniger guten Spieler (und es ist kaum zu bestreiten, dass die Bayern in der Regel über den besten Spielerkader der Bundesliga verfügen). Zweitens gibt es im Fußball viele Aspekte, die man mit Überlegenheit assoziiert, die aber für das letztliche Ergebnis unerheblich sind: Ballbesitz, Zweikampfverhältnis, Feldüberlegenheit oder Anzahl der Torschüsse (wer wüsste das besser als ein Werderfan?). Trotz all dieser Werte und “gefühlter Überlegenheit” kann eigentlich niemand mit Gewissheit sagen, wovon ein Torerfolg nun eigentlich abhängt. Deshalb sind Prognosen so schwer und deshalb beginnen Erklärungsversuche auch mit dem bereits gefallenen Tor. Ist es erst gefallen, kann man analysieren warum. Man kann die Faktoren aufzählen, die zu seiner Entstehung geführt haben. Wesentlich schwieriger wird es, zu erklären, warum dieselben Faktoren in einer anderen Situation NICHT zum Erfolg geführt haben.

Genau diese Ungewissheit, diese ständigen Überraschungen, egal wie lange man schon Fußball schaut, machen diesen Sport so interessant. Wir sind fasziniert und ratlos zugleich. Wir sind ständig auf der Suche nach Erleuchtung, um das Unerklärliche zu verstehen. Deshalb lieben wir die einfachen Wahrheiten (“Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten”), deshalb flüchten wir uns in Erklärungen, die unser Fußballgehirn zumindest für eine kurze Zeit befriedigen (“Die Mannschaft ist einfach nicht kaltschnäutzig genug, um die Überlegenheit in Tore umzuwandeln.”) und deshalb verleihen wir unserem Gerechtigkeitsempfinden ausdruck (“Das Tor ist unverdient!”). Letztlich hat es die Mannschaft verdient zu gewinnen, der wir es gönnen. Es sei also jedem ungenommen, weiterhin vom Bayerndusel zu sprechen, und sei es nur, um dem neuen Präsidenten des Vereins die Zornesröte ins Gesicht zu treiben. Vom Werderdusel will ich hingegen nichts hören. Dass Mertesacker in der Nachspielzeit nach einer Ecke mit dem Kopf an den Ball kommt und ihn in die Maschen wuchtet, hat nichts mit Glück zu tun. Das ist reine Mathematik, hab ich doch oben erklärt!