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34. Spieltag: Durchschaubar in die Champions League

Werder Bremen – Hamburger SV 1:1

Zur Einführung ein Zitat aus meiner Saisonvorschau im August 2009:

“Es wird mal wieder eine typische Werder-Saison. Gute Hinrunde, Krise zu Beginn der Rückrunde, Aufholjagd im letzten Drittel und am letzten Spieltag werden die Positionen mit dem HSV getauscht. Werder wird Dritter und landet in der Champions League Qualifikation.”

Ok, die Positionen brauchte man mit dem HSV gestern nicht mehr zu tauschen. Geschenkt. Ansonsten eine ziemlich akkurate Beschreibung der gerade abgeschlossenen Bundesligasaison des SVW. In meine seherischen Fähigkeiten habe ich spätestens seit Dezember kein großes Vertrauen mehr, als ich Werder die Meisterschaft voraussagte und damit kräftig auf die Nase fiel. Vor fünf Wochen habe ich dann die Saison abgehakt – äußerst verfrüht, wie sich gezeigt hat. Zu meiner Verteidigung war da eine Portion Aberglaube bei, sodass ich mich bis zum 8.5. um 17:20 nicht traute, meine Aussage zu revidieren. Trotzdem, als Wahrsager bin ich bestenfalls so mittelbegabt. War es denn so vorhersehbar?

Schaut man sich die Tabellen der letzten fünf Jahre an, muss man sagen: Ja! Bayern und Werder waren in den letzten fünf Jahren jeweils viermal unter den Top 3 der Liga. Der FC Schalke dreimal. Ansonsten schafften nur der VfB Stuttgart (2x), der HSV und Wolfsburg (je 1x) den Sprung unter die ersten Drei. Nun sind es also wieder diese drei Mannschaften, die die vorderen Plätze belegen, wie schon 2005 und 2008. In England wurde die Dominanz der Big Four gerade zum ersten Mal seit fünf Jahren durchbrochen. Haben wir in Deutschland nun also unsere Big Three? Das wäre übertrieben, doch Zufall sind diese Resultate wohl kaum. Während die letzte Saison eine kleine Revolution war, zunächst mit dem Überflieger Hoffenheim und dann mit dem Meister Wolfsburg, hieß es in dieser Saison: Das Imperium schlägt zurück.

Es gehört zum Fußball, dass sich bestimmte Dinge immer wiederholen. Auch in den Jahren 2006 und 2008 sowie mit Abstrichen 2007 verlief Werders Saison ähnlich, wie oben beschrieben. Daneben gibt es noch einige andere Tradionen: Die Bayern werden (fast) immer Meister, Schalke nie, Leverkusen bricht in der Rückrunde ein, Stuttgart dreht in der Rückrunde auf, der HSV verpatzt die wichtigen Spiele und Nürnberg und Bochum bleiben Fahrstuhlmannschaften. Während all das nicht zuletzt mit der Qualität der jeweiligen Mannschaften zu tun hat, ist es in nicht unterschätzendem Maße Psychologie. So etwas setzt sich nicht nur in den Köpfen der Fans fest, sondern auch in denen der Spieler. Als Leverkusener muss einem im letzten Saisondrittel Angst und Bange werden, während sich die Bayern darauf freuen können. Immer wieder schön, wenn Mannschaften es schaffen, diesen Kreislauf zu unterbrechen, wie Wolfsburg letzte Saison oder Werder 2004.

Doch entspricht Werders schematischer Saisonverlauf wirklich den Tatsachen oder erstammt er der selektiven Wahrnehmung und Einordnung der Fans? Ich habe mal einen kleinen Vergleich gemacht zwischen den letzten fünf Jahren und dieser Saison. Verglichen habe ich monatsweise, wieviel Punkte Werder jeweils im Schnitt pro Spiel geholt hat. Und siehe da, der Vergleich zeigt: In den letzten fünf Jahren gab es tasächlich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Monaten. Insgesamt holte Werder im Schnitt 1,8 Punkte pro Spiel. Hochgerechnet auf eine Saison sind das 61,2 Punkte pro Saison. Die aus Bremer Sicht erfolgreichsten Monate sind Januar und Dezember, gefolgt von Mai und September. In diesen Monaten hat Werder deutlich überdurchschnittlich viele Punkte geholt. Die schwächsten Monate sind März und Februar. Der von mir erwartete Leistungseinbruch in der ersten Hälfte der Rückrunde ist für Werder demnach nicht untypisch, sondern tritt regelmäßig auf.

Durchschnittliche Punktzahl pro Spiel

Durchschnittliche Punktzahl pro Spiel (monatsweise)

Die nun abgelaufene Saison war in vielen Bereichen durchschnittlich. Insgesamt 61 Punkte (1,79 pro Spiel) entsprechen genau dem Durchschnitt der letzten fünf Spielzeiten. Die ersten vier Monate der Saison sind ebenfalls relativ nah an den Werten der letzten Jahre. Dann zeigen sich aber zwei große Abweichungen: In den traditionell stärksten beiden Monaten stürzte Werder völlig ab und holte nur einen Punkt aus sechs Spielen. Danach spielte Werder von Februar bis Mai eine überdurchschnittliche Rückrunde. Die sonst schwächsten Monate Februar und März wurden in dieser Saison zu den stärksten. Alles wie immer also, nur eben ganz anders.

Und was sagt uns das nun? Werder hat acht Monate lang eine überdurchschnittliche Saison gespielt, durch zwei ganz schwache Monate rund um die verkürzte Winterpause verpasste man es aber, ein noch besseres Ergebnis zu erreichen. Das Stichwort Konstanz, das letzte Saison so häufig gebraucht wurde, darf man daher auch in diesem Sommer wieder auspacken, wenn es um die Fehleranalyse geht. Zu wichtig sollte man solche statistischen Spielerein jedoch nicht nehmen. Das Spiel gegen den HSV hat doch wieder einmal klar gezeigt, dass die nakten Zahlen manchmal eben doch lügen. Oder möchte ernsthaft jemand behaupten, das Duell um die Nummer 1 im Norden wäre unentschieden ausgegangen?

Wundern an der Weser

Nutzen wir also diesen Eintrag für ein paar allgemeinere Dinge. Letzte Woche wunderte sich Ralf Lorenzen in der taz darüber, dass Werder derzeit mit fast derselben Mannschaft die Bundesliga aufmischt, die in der ersten Jahreshälfte nur Zehnter geworden war. Wie sehr Statistiken doch täuschen können. Zumindest auf den ersten Blick.

Werder Bremen landete in der Bundesliga zwar nur auf einem abgeschlagenen Mittelfeldrang, gewann so ganz nebenbei aber den DFB Pokal und feierte dazu noch den größten internationalen Erfolg des deutschen Vereinsfußballs seit sieben Jahren – auch wenn nach dem Finale in Istanbul niemandem nach Feiern zumute war. Schauen wir uns Werders Ergebnisse aus dem ersten Halbjahr 2009 einmal genauer an: In der Bundesliga holte man aus 17 Spielen nur enttäuschende 19 Punkte. Vergleicht man diese Werte mit denen des zweiten Halbjahrs (15 Spiele, 28 Punkte), ist der Unterschied immens. Dabei sollte man bedenken, dass viele Spieler spätestens ab Mitte März die Bundesliga nur noch als erweiterte Trainingseinheit zwischen den Pokalspielen angesehen haben. Werder spielte pomadig und gab einige Spiele relativ kampflos ab. Anders sah es dagegen in den Spielen aus, in denen es für Werder um etwas ging: Aus 13 Spiele in den Pokalwettbewerben konnte Werder (auf 90 Minuten und ein Ligasystem bezogen) 23 Punkte verbuchen. Der Punkteschnitt von 1,77 pro Spiel ist dem heutigen von 1,87 schon um einiges näher.

Ergebnisse2009

Auch diese Statistik ist mit Vorsicht zu genießen: Der Pokal hat seine eigenen Gesetze kennt keine Unentschieden, bzw. bestraft sie nicht mit Punktverlust, wie das Punkte-System der Bundesliga. Im DFB-Pokal reicht ein Unentschieden zum Elfmeterschießen (siehe HSV), im UEFA-Cup können zwei Unentschieden direkt zum Weiterkommen führen (siehe Milan). Hat man das Hinspiel gewonnen, ist ein Unentschieden im Rückspiel in jedem Fall ausreichend, wovon Werder in St. Etienne und in Udine gebrauch machte. Anders als in dieser Bundesligasaison können diese Unentschieden also als optimale Ergebnisse angesehen werden. Ist es vor diesem Hintergrund wirklich so erstaunlich, dass Werder wieder eine gute Rolle in der Bundesliga spielt?

Auch wenn ich geneigt wäre, dies zu verneinen, ist es wirklich erstaunlich. Dafür gibt es zwei Gründe: Der erste sind die Abgänge von Frank Baumann und Diego. In der Vergangenheit hat Werder immer wieder die Verkäufe wichtiger Spieler kompensieren müssen und das meistens auch mit Erfolg bewerkstelligt. Die Nachfolger wurden in der Regel von außen eingekauft und im Vorfeld meist als schwächer eingestuft, als ihre Vorgänger. Beispiel Angriff: Für Pizarro kam Klasnic (2001), Klose ersetzte Ailton (2004), Sanogo ersetzte Klose (2007) und Pizarro wiederum Klasnic (2008). Beispiel Mittelfeld: Für Ernst kam Frings zurück (2005) und Diego ersetzte Micoud (2006). Beispiel Abwehr: Für Krstajic kam Fahrenhorst, (2004) der wiederum von Mertesacker ersetzt wurde (2006), und Naldo ersetzte Ismael (2005). Auch in diesem Sommer sah es ähnlich aus: Als Ersatz für Diego kam der junge Marko Marin und Frank Baumanns Karriereende sollte durch die Rückkehr Tim Borowskis aufgefangen werden. Es kam jedoch anders. Baumann wird als Kapitän und zentraler Defensivmann von Torsten Frings (inzwischen) wirklich gut ersetzt, was nicht zuletzt an dessen starkem Nebenmann liegt: Philipp Bargfrede, ein Nachwuchsspieler aus den eigenen Reihen, dessen Namen vor einem halben Jahr noch kaum jemand kannte. Im offensiven Mittelfeld gestaltet Mesut Özil nun das Spiel der Bremer und macht seine Sache so gut, dass mancherorts schon die Frage gestellt wird, ob Werder ohne Diego nicht besser sei, als man es mit ihm jemals war. Marin wirbelt derweil für viele überraschend im Angriff. Die Abgänge wurden also diesmal von innen heraus aufgefangen.

Allein diese Tatsache genügt schon, um viele Beobachter zum Staunen zu bringen. Der dahinter liegende Gedankengang lässt allerdings die Möglichkeit außer Acht, dass sich Spieler individuell und im Zusammenspiel verbessern können. Ist es wirklich so abwegig, dass eine Abwehrreihe, die über Jahre zusammenspielt, mit zunehmender Dauer besser wird? Ist es verwunderlich, dass sich junge Spieler wie Özil, Hunt oder auch Boenisch im Laufe ihrer Karriere steigern? Es verwundert höchstens, dass anscheinend alle diese Dinge gleichzeitig passieren. Und damit kommen wir zum zweiten Punkt, der Werders Erfolge verwunderlich macht: Die Konstanz. Nur eine Niederlage aus 25 Pflichtspielen sprechen eine deutliche Sprache. Hier spielt eine Mannschaft, die kaum noch weiß, wie man ein Spiel verliert und sich nicht mehr so leicht auskontern lässt, wie in den letzten Jahren. Pendelte man früher zwischen den Extremen grandioser und wirklich enttäuschender Leistungen, hält man heute konstant ein hohes Niveau. Mehr Galavorstellungen als in den letzten Jahren gibt es nicht, doch die Ausschläge nach unten halten sich in Grenzen.

Am Samstag hat Werder nun die Chance gegen die punktgleichen Schalker einen Big Point einzufahren. Wenn man ganz ehrlich ist, wäre es der erste. Ohne die überzeugenden Siege gegen Hoffenheim und Bilbao herabwürdigen zu wollen, ein Sieg gegen Schalke wäre noch eine Stufe höher einzuordnen. Gegen die direkten Konkurrenten aus München und Leverkusen sowie den Meister VfL Wolfsburg reichte es “nur” zu Unentschieden. Genug, um in der Spitzengruppe mitzuhalten – zu wenig, um sich abzusetzen. Ausgerechnet gegen die jungen, kampfstarken und schwer ausrechenbaren Schalker steht nun die bislang vielleicht größte Reifeprüfung an.

Das Streben nach Glück

Fußball ist keine Mathematik. Das sagte jedenfalls vor zwei Jahren Bayerns Vorstandsvorsitzender Kalle Rummenigge. Jener Rummenigge, der vor kurzem Franz Beckenbauer mit einem (geklauten?) Kindergarten-Gedicht in den Ruhestand komplimentiert hat. Und auch beim obigen Satz irrt Rummenigge. Fußball ist reine Mathematik!

Ein Spiel, dessen Ergebnisse von der Summe der geschossenen und kassierten Tore, der gesammelten Punktzahl und der Tordifferenz abhängen, ist selbstverständlich Mathematik. Die geometrischen Formen, die sich auf einem Fußballplatz erkennen lassen, egal ob Viererkette, Dreieck oder Raute, werden jedem Mathematiker die Tränen ins Gesicht treiben. Ganz zu schweigen von all den Wahrscheinlichkeitsfaktoren, die ein Fußballspiel beeinflussen. Es dürfte jedem klar sein, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Dribblings in Strafraumnähe bei Lionel Messi größer ist als bei Per Mertesacker. Andersherum hat der gute Per in einem Kopfballduell in 2,20 m Höhe mit fast 100%iger Sicherheit die Nase vorn. In diesem Fall würde wohl niemand von Glück sprechen, denn die Ausgangslage ist eindeutig. Der Fußball besteht nun aber aus einer Vielzahl von Spielsituationen, deren Ausgang längst nicht so klar ist.

Es gehört zum Wesen eines Sports, der (anders als z.B. Schwimmen oder Laufen) keine absolute Leistungsmessung zulässt, sondern Leistung immer in Relation zu der des Gegners ausdrückt, dass viel über die Hätte, Wäre und Wenns diskutiert wird. Dazu fallen im Fußball vergleichsweise wenige Tore, was den Einfluss des Zufalls noch verstärkt und das Spiel unberechenbarer macht als etwa Handball: Ein Glückstor fällt nunmal leichter als 35 Glückstore. Was jedoch keiner genau sagen kann, ist was ein Glückstor eigentlich ist. Ein Tor, dass von einer subjektiv gesehen unterlegenen Mannschaft geschossen wird? Ein Abpraller? Ein Tor in der letzten Minute? Rekordmeister Bayern hat das Schießen von “Glückstoren” über die Jahre so sehr kultiviert, dass das Wort “Bayerndusel” in den Fußballwortschatz eingeflossen ist. Dabei ist das Wort ein eigentlich unpassender Ausdruck für ein Phänomen, das man sich nicht so recht erklären kann.

Sicherlich kann man ab und zu mal “glücklich gewinnen”. Statistisch gesehen ist das eine positive Abweichung vom Erwartungswert. Dauerhaftes “Glück” gibt es jedoch nur mit den richtigen Verbindungen zur Wettmafia. Woran liegt also die Wahrnehmung des Münchner Erfolgs als Dusel? Ich sehe dafür zwei Gründe: Erstens ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein guter Spieler in der Schlussphase noch ein Tor macht größer als bei einem weniger guten Spieler (und es ist kaum zu bestreiten, dass die Bayern in der Regel über den besten Spielerkader der Bundesliga verfügen). Zweitens gibt es im Fußball viele Aspekte, die man mit Überlegenheit assoziiert, die aber für das letztliche Ergebnis unerheblich sind: Ballbesitz, Zweikampfverhältnis, Feldüberlegenheit oder Anzahl der Torschüsse (wer wüsste das besser als ein Werderfan?). Trotz all dieser Werte und “gefühlter Überlegenheit” kann eigentlich niemand mit Gewissheit sagen, wovon ein Torerfolg nun eigentlich abhängt. Deshalb sind Prognosen so schwer und deshalb beginnen Erklärungsversuche auch mit dem bereits gefallenen Tor. Ist es erst gefallen, kann man analysieren warum. Man kann die Faktoren aufzählen, die zu seiner Entstehung geführt haben. Wesentlich schwieriger wird es, zu erklären, warum dieselben Faktoren in einer anderen Situation NICHT zum Erfolg geführt haben.

Genau diese Ungewissheit, diese ständigen Überraschungen, egal wie lange man schon Fußball schaut, machen diesen Sport so interessant. Wir sind fasziniert und ratlos zugleich. Wir sind ständig auf der Suche nach Erleuchtung, um das Unerklärliche zu verstehen. Deshalb lieben wir die einfachen Wahrheiten (“Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten”), deshalb flüchten wir uns in Erklärungen, die unser Fußballgehirn zumindest für eine kurze Zeit befriedigen (“Die Mannschaft ist einfach nicht kaltschnäutzig genug, um die Überlegenheit in Tore umzuwandeln.”) und deshalb verleihen wir unserem Gerechtigkeitsempfinden ausdruck (“Das Tor ist unverdient!”). Letztlich hat es die Mannschaft verdient zu gewinnen, der wir es gönnen. Es sei also jedem ungenommen, weiterhin vom Bayerndusel zu sprechen, und sei es nur, um dem neuen Präsidenten des Vereins die Zornesröte ins Gesicht zu treiben. Vom Werderdusel will ich hingegen nichts hören. Dass Mertesacker in der Nachspielzeit nach einer Ecke mit dem Kopf an den Ball kommt und ihn in die Maschen wuchtet, hat nichts mit Glück zu tun. Das ist reine Mathematik, hab ich doch oben erklärt!