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Das WM-Stöckchen

Freitag geht’s los. Felix von Medien-Sport-Politik hat sich ein paar Fragen zur WM ausgedacht und beantwortet. Das Stöckchen greife ich gerne auf und gebe hier mal meine Antworten zum besten:

1. Vier Jahre liegt jetzt das Sommermärchen bei der WM in Deutschland zurück. Welche Erinnerungen hast du noch an die letzte Weltmeisterschaft, welches waren die prägendsten Erlebnisse?

Zunächst war in Bremen überhaupt keine Begeisterung spürbar, vielleicht weil hier keine Spiele ausgetragen wurden. Das Eröffnungsspiel hat kaum jemanden interessiert. Erst nach dem Last-Minute-Erfolg gegen Polen ging es so richtig los. Die Stimmung in den beiden Wochen danach war phänomenal, weil sie so unerwartet und ehrlich war. Das hat mir um Längen besser gefallen als zwei Jahre später während der EM. Da wurde man schon fast blöd angeguckt, wenn man die Spiele nicht beim Public Viewing schauen wollte. Prägend war dann natürlich auch das WM-Aus gegen Italien. So gefrustet war ich nach einer Niederlage der Nationalmannschaft noch nie.

2. Am 11. Juni ist es dann soweit. Zum ersten Mal findet eine Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent statt. Es wurde im Vorfeld viel über Sicherheitsaspekte und mangelnde Infrastruktur gesprochen. Glaubst du trotzdem, dass die WM ein friedliches und buntes Spektakel wird?

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung und möchte da auch gar nicht mit dem bisschen Halbwissen spekulieren, das ich habe. Aber ich hoffe es natürlich!

3. Und wie groß ist die Vorfreude dieser Tage bei dir selbst?

Geht so. Einerseits freue ich mich schon auf die WM, auf tollen Fußball und spannende Spiele. Das mediale Drumherum wird mir aber etwas viel. Andererseits bin ich nicht wirklich euphorisch, weiß auch nicht genau, woran es liegt. Vielleicht ändert sich das in den nächsten Tagen aber auch noch.

4. Kommen wir mal zur Nationalmannschaft. Jogi Löw nimmt ein sehr junges Team mit nach Südafrika. Viele Spieler absolvieren ihre erste WM. Bist du zufrieden mit der Spielerauswahl oder wer hätte deiner Meinung nach unbedingt mitkommen müssen oder zuhause gelassen werden?

Es gibt eine ganze Reihe Spieler, die man hätte mitnehmen können. Persönlich hätte ich Frings die Teilnahme gegönnt. Angesichts der Verletzungen kann man nun auch nicht mehr sagen, er würde nicht – zumindest als Back-up – gebraucht. Aber angesichts der Spieler, die Löw eigentlich für die Position vorgesehen hatte, kann ich es schon irgendwo nachvollziehen. Ansonsten? Kuranyi, Hummels, Hoewedes fallen mir da spontan ein. Gomez hätte ich nicht mitgenommen. Klose schon, trotz der miesen Saison. Podolski auch. Insgesamt sehe ich es schon als problematisch, dass alle drei etablierten Stürmer so außer Form sind. Löw muss sich für eine Art Wunderheiler halten. Wenn er Klose und Podolski rechtzeitig hinbekommt, darf er sich zurecht feiern lassen. Insgesamt bin ich mit der Kaderauswahl aber zufrieden, gerade weil viele junge Spieler nominiert wurden.

5. Michael Ballack fehlt Deutschland wegen seiner Verletzung aus dem FA-Cup-Finale. Danach ging eine kleine Apokalypse durch Fußball-Deutschland. Alles nur Pessimismus und Panik oder ist die Nationalelf ohne Ballack wirklich so viel schlechter?

Klar ist sie ohne ihn schlechter. Das ist jedenfalls der Status Quo. Genau deshalb müssen nun andere Spieler aus dem Quark kommen, um die Lücke zu schließen. Schweinsteiger und Khedira im zentralen Mittelfeld sind sehr gute Alternativen. Falls sich noch einer von beiden verletzt sehe ich aber schwarz. Aber gerade als Werderfan weiß man, dass das Fehlen / der Abgang eines Stars Platz für neue Spieler bietet sich zu entfalten. Das Potential ist im Kader vorhanden, aber ob es schon zur WM reicht? Hoffen wir’s mal.

6. Miroslav Klose hängt schon seit vielen Spielen seiner Form meilenweit hinterher. Wenig Spielpraxis in der Bundesliga bei den Bayern, in der Nationalmannschaft häufig ohne jede Bindung zum Spiel. Muss Klose auf der Bank Platz nehmen?

In der Vorbereitung war Cacau deutlich besser und Klose kein Kandidat für die Startelf. Aber Löw wird kaum so lange auf den Formanstieg warten, nur um Klose jetzt auf die Bank zu setzen. Ich gehe davon aus, dass er gegen Australien spielt. Viel Kredit hat er dann aber nicht mehr, das kann Löw sich auch nicht leisten. Wenn er sich gegen Austalien nicht deutlich steigert ist er wohl raus.

7. Manuel Neuer als Nummer 1 bei der WM für Deutschland im Tor – die richtige Entscheidung?

Ja. Genau wie jede andere Entscheidung (für Wiese, für Butt, für Adler) auch eine richtige Entscheidung gewesen wäre.

8. Auf welches Team und auf welche Spieler freust du dich besonders bei dieser WM?

Auf Spanien, auf Xavi, auf Iniesta, auf Silva, auf Villa, auf Fabregas. Braucht man nicht mehr zu begründen. Aus taktischer Sicht freue ich mich auf Brasilien. Die Niederlande werden wieder spektakulären Offensivfußball spielen und Messi wird hoffentlich auch für Argentinien mal richtig glänzen.

9. Wer ist dein Weltmeister-Tipp? Und wer ist dein Geheimfavorit?

Mein Weltmeistertipp ist Argentinien. Maradona ist absolut verrückt, hat aber auch ein goldenes Händchen (siehe ’86). Und er hat einen unglaublich guten Kader, obwohl seine Nominierungen ein bisschen abenteuerlich sind. Cambiasso wäre in jeder Mannschaft bei diesen Turnier Stammspieler, bei Maradona steht er nicht mal im Kader. Defensiv ist es ab und an wackelig (Demichelis), aber diese Auswahl im Angriff ist einzigartig: Messi, Milito, Tevez, Higuain, Agüero – und am Ende spielt dann doch Palermo. Und falls das passiert, wird er auch Torschützenkönig!

Geheimfavorit ist für mich Dänemark, die haben das vielleicht beste Team seit 1992 und ihnen würde ich es gönnen, weit zu kommen.

10. Wie weit kommt die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Südafrika?

Ganz schwer einzuschätzen. Mein Tipp lautet Halbfinale, dazu müsste aber schon vieles passen. Von Achtelfinale bis Weltmeister ist alles drin, wenn die Mannschaft ihr Potential voll ausschöpft. An ein Vorrundenaus glaube ich nicht.

11. Für welches andere Team neben Deutschland drückst du noch die Daumen?

So richtig die Daumen drücke ich für niemanden. Wenn Spanien so spielt wie 2008, dann gönne ich ihnen den Titel. Allerdings gönne ich jeder Mannschaft den Titel, die so spielt wie Spanien 2008. Außer England.

12. Zahlreiche Stars werden verletzt bei der Weltmeisterschaft fehlen, viele gute Spieler, wie Torres, Fabregas oder auch Rooney, schleppten im Vorfeld der WM Verletzungen mit sich rum. Viele Stars nicht da, viele vielleicht nicht ganz fit. Sehen wir eine eher von der spielerischen Seite mäßige WM?

Sehen wir die nicht meistens? Das hat meiner Meinung nach weniger mit den fehlenden Stars zu tun, als mit dem Sicherheitsdenken der Teams. 2006 spielten ab dem Viertelfinale alle Mannschaften Sicherheitsfußball – mit Ausnahme von (ausgerechnet) Italien in der Verlängerung gegen Deutschland. Dafür gab es kaum Überraschungen. Eine Konsequenz aus der WM 2002, als die Topfavoriten Frankreich und Argentinien in der Vorrunde rausflogen. Brasilien wurde davor gar nicht so hoch gehandelt und wurde dann ziemlich ungefährdet Weltmeister. Auch kein Zeichen für höchstes Niveau. Genau wie Frankreichs Finalteilnahme vor vier Jahren. Zumindest im letzten Jahrzehnt waren es eher die Europameisterschaften, die mit tollem Fußball geglänzt haben.

13. Wo verfolgst du die Spiele der Weltmeisterschaft? Hast du für das Deutschland-Spiel am Freitag, 18. Juni, gegen Serbien Urlaub genommen?

Urlaub habe ich mir nicht genommen. Die Deutschland-Spiele werden zur Not während der Arbeit nebenbei verfolgt. Das ist der Vorteil, wenn man sein eigener Chef ist. Ansonsten schaue ich die Spiele wohl auf Sky, entweder zuhause oder auch mal in der Kneipe. Public Viewing muss nicht sein.

14. Günter Netzer oder Franz Beckenbauer?

Netzer. Stellt sich diese Frage wirklich?

15. Bela Rethy oder Marcel Reif?

Reif nehme ich es übel, dass er sich selbst seit Jahren zu sehr in den Mittelpunkt stellt. Er ist zweifellos der beste deutsche Kommentator seiner Generation, aber im Prinzip dreht er sich seit Jahren um sich selbst und ist bis zum Erbrechen opportunistisch. Trotzdem ziehe ich ihn Bela Rethy jeder Zeit vor.

16. Es ist die letzte WM für Günter Netzer als Experte in der ARD. Was denkst du gibt es als Abschiedsgeschenk von Gerhard Delling?

Einen Kuss? Das hätte doch was. Gepaart mit einem Filmzitat à la I’ll never let go, Günter!

17. Für alle Blogger unter uns: Was planst du an WM-Berichterstattung in deinem Blog?

Ich plane gar nichts, hängt sehr von meiner freien Zeit ab. Den einen oder anderen Beitrag wird es geben, aber ich kann noch nicht sagen in welchem Umfang.

18. Und hier ist noch Platz für Anmerkungen und Hinweise

Bitte halbwegs anstänige Schiedsrichterleistungen! Die entscheidende Phase der Champions League lässt es einem Angst und Bange werden. Was da teilweise für ein Mist gepfiffen wurde, da muss man für die WM schlimmes befürchten. Wollen wir hoffen, dass es keine Skandalspiele gibt wie 2002, als Südkorea von den “Unparteiischen” ins Halbfinale gelotst wurde.

Unsere 23 Spieler für Südafrika

Morgen gibt Jogi Löw das vorläufige Aufgebot der Nationalmannschaft für die WM bekannt. So lange kann ich nicht warten. Ich habe deshalb einen kurzen, aber konzentrierten Blick in die Kristallkugel gewagt und die Kaderzusammenstellung für Südafrika herausgefunden. An dieser Stelle ein Spoiler Alert: Wer sich überraschen lassen möchte, sollte hier aufhören zu lesen. Angaben ohne Gewähr, doch die Kristallkugel lügt nicht. Beschwerden bitte direkt an den DFB richten.

Und hier ist nun unser Kader für Südafrika:

Tor

Gesetzt: Neuer, Wiese

+ 1 aus: Butt, Weidenfeller, Lehmann

Durch Adlers Ausfall kommt noch mal Pfeffer rein. Löw regelt es ganz unaufgeregt, nominiert Hans-Jörg Butt als dritten Torwart und schickt schöne Grüße nach Dortmund und Roman Weidenfeller in den Urlaub. Jens Lehmann war gar nicht erst Thema.

Abwehr

Gesetzt: Mertesacker, Westermann, Friedrich, Lahm

+ 4 aus: Boateng, Tasci, Höwedes, Hummels, Badstuber, Huth, Beck, Hinkel, Castro, Aogo, Schäfer

Hamburgs Jerome Boateng hatte zwar ein paar Wackler in der Rückrunde, aber ist natürlich trotzdem dabei. Bei Serdar Tasci war das Formtief dann schon etwas länger. Es spricht zwar noch einiges dafür, dass er trotzdem mitfährt, doch hier glaube ich an eine Überraschung: Ohne Tasci fahr’n wir zur WM. Von den jungen Benedikt Höwedes und Mats Hummels wird es nur einer in den Kader schaffen und dann gibt es ja auch noch den Badstuber Holger. Letzterer hat in seiner noch kurzen Karriere schon mehr Erfahrung in der Champions League gesammelt, als die meisten seiner Konkurrenten. Badstuber hat Außenseiterchancen, aber die Kristallkugel sagt: Höwedes fährt mit – sein päpstlicher Vorname gibt den Ausschlag. Mit Westermann, Friedrich und Boateng hat man einige Allrounder im Team, aber keinen waschechten Rechtsverteidiger, denn Löw wird Lahm weiterhin links einsetzen. Falls Löw keinen Hinkel aus dem Huth zaubert, wird Andreas Beck deshalb als Quoten-Hoffenheimer im Kader stehen. Gonzalo Castro wird im Zuge der Leverkusener Absagewelle wegrationalisiert. Während Dennis Aogo zum Nationalspieler noch etwas fehlt (z.B. 2-3 Konsonanten im Nachnamen), profitiert Marcel Schäfer vom Glück des Tüchtigen und von der dünnen Konkurrenz und komplettiert das Aufgebot in der Abwehr.

Mittelfeld

Gesetzt: Ballack, Schweinsteiger, Özil, Podolski

+ 4 aus: Khedira, Hitzlsperger, Gentner, Marin, Kroos, Hunt, Trochowski, Müller

Nach Schweinsteigers Umschulung zum Defensivstrategen ist der Partner für Agressiv Leader (die schönste Deutsch-Englische Wortkombination seit Europa League) Ballack schon gefunden. Die perfekte Symbiose der beiden macht weitere defensive Mittelfeldspieler quasi überflüssig. Löw weint deshalb Frings, Jones und dem verletzten Rolfes keine Träne hinterher, nominiert für den Notfall Sami Khedira und lässt Thomas Hitzlsperger im italienischen Exil. Solide Arbeiter wie Bargfrede, Träsch oder Reinartz werden nicht benötigt und mit Namen wie “Bender” machen sich bloß die Engländer wieder über uns lustig. Ach, das tun die sowieso? Das Lachen wird ihnen schnell vergehen, wenn ihnen Toni Kroos und Marko Marin Knoten in die Beine kombinieren! Aaron Hunt ist dann leider doch noch nicht so weit und freut sich lieber über seine erste Saison ohne gröbere Verletzungen. Besser die Knochen schonen und dann 2014 voll durchstarten. Für Piotr Trochowski hat der Bundestrainer eine Schwäche, der kommt auf jeden Fall mit. Und was ist eigentlich mit dem bayerischen Überflieger? Thomas Müller ist selbstverständlich dabei – aber nicht im Mittelfeld.

Wie? Ich habe Christian Gentner vergessen? Nicht so schlimm, das hat Löw auch!

Angriff

Gesetzt: Klose, Gomez

+ 2 aus: Kießling, Cacau, Helmes, Müller

Was haben wir am Montag mit Kevin Kuranyi gelitten, dem Sturmführer der Herzen. Doch alles Hoffen und Bangen half nicht, der Bundestrainer blieb hart, denn er hat andere Pläne. In deren Mittelpunkt stehen Bayerns Bankdrücker Miro Klose und Mario Gomez. Die sind ausgeruht und freuen sich so dermaßen darüber, dass sie mal wieder mitspielen dürfen – da kann gar nichts schiefgehen. Leider bleiben aber noch zwei Plätze im Kader frei und falls Stefan Kießling seine Trefferquote nicht zum Verhängnis wird, dürfte er einen davon bekommen. Mannschaftskamerad Patrick Helmes steht eigentlich nur auf der Kandidatenliste, damit sie nicht so leer aussieht. Platz 4 im Sturm schien deshalb schon an Cacau vergeben, doch Löw überrascht uns alle, verzichtet auf einen weiteren Mittelstürmer und nominiert Thomas Müller für den Angriff.

Der deutsche Kader für Südafrika sieht also folgendermaßen aus:

Neuer, Wiese, Butt, Mertesacker, Westermann, Friedrich, Lahm, Boateng, Höwedes, Beck, Schäfer, Ballack, Schweinsteiger, Özil, Podolski, Khedira, Kroose, Marin, Trochowski, Klose, Gomez, Kießling, Müller.

Werder in Südafrika

Nachdem sich Deutschland souverän für die WM 2010 qualifiziert hat und in Werders momentaner Startelf neun Deutsche stehen, lohnt ein Blick auf die Chancen der Spieler, in Südafrika dabei zu sein.

Die Arrivierten

Mit Tim Wiese, Per Mertesacker, Mesut Özil und Marko Marin verfügt Werder über vier aktuelle deutsche Nationalspieler. Während sich Mertesacker und Özil wohl keine Sorgen über ihren Platz im 23-köpfigen Kader machen müssen und Marin nur bei einem Leistungseinbruch aussortiert werde dürfte, ist die Situation bei Wiese nicht ganz leicht auszumachen. Die letzten Nominierungen lassen darauf schließen, dass der Bundestrainer ihn derzeit nur als vierten Torwart betrachtet. Da mit großer Sicherheit nur drei Torhüter berufen werden, könnte es für ihn eng werden. Eine wirkliche Bewährungsprobe hat Wiese bislang nicht bekommen. Für das Freundschaftsspiel gegen Chile hat Löw ihm einen Einsatz versprochen, doch um mehr als den dritten Platz im Kader dürfte es nicht gehen. Aus dem propagierten Vierkampf um die Nummer Eins ist ein Zweikampf zwischen Adler und Enke geworden, in dem der Leverkusener nach seiner starken Leistung gegen Russland die Nase vorn hat (auch wenn ich die Euphorie für etwas übertrieben halte).

Mertesacker ist in der Innenverteidigung seit der WM 2006 gesetzt. Die Frage ist wohl eher, wer in Südafrika neben ihm auf dem Platz stehen wird: Westermann, Tasci, Höwedes, Boateng oder doch wieder Metzelder? Ähnlich komfortabel ist die Situation von Özil. Er ist innerhalb kurzer Zeit zum Hoffnungsträger geworden. Christian Kamp schreibt heute in der FAZ: “Schneller als Özil hat sich lange kein Neuling in den Vordergrund gespielt.” Der einzige andere Spieler, der für die Position des Spielmachers ernsthaft in Frage kommt ist sein Vereinskamerad Marin (Ballack ist bei all seinen Qualitäten kein kreativer Spielgestalter), der trotz zuletzt guter Form in der Nationalelf noch etwas hinten an steht. Zudem spielt er im Verein auf der Position des zweiten Stürmers, die es so in Löws Formation nicht gibt. Es ist unwahrscheinlich, dass er Özil verdrängt, sowohl bei Werder als auch in der Nationalmannschaft, doch wenn beide im Verein gut harmonieren ist es für Löw sicher auch eine Option, beide spielen zu lassen.

Die Ehemaligen

Zu den aktuellen Nationalspielern kommen die drei ehemaligen Torsten Frings, Tim Borowski und Clemens Fritz. Frings wird von Löw seit Anfang des Jahres nicht mehr berücksichtigt und hat seinen Stand durch provokative Aussagen in den vergangenen 12 Monaten nicht verbessert. Aus Frings Sicht ist der Ärger verständlich, denn nicht bei jedem Spieler werden die selben Maßstäne angesetzt wie bei ihm. In der Nationalelf hat sich Frings nichts zu schulden kommen lassen. Die EM 2o08 war eine Enttäuschung, doch nach einer Saison, in der er 3/4 der Spiele wegen Verletzungen verpasst hatte, konnte man nicht erwarten, dass er ein überragendes Turnier spielt wie 2006. Die Formkrise im letzten Jahr schien Löw zu bestätigen. Zuletzt war Frings jedoch wieder in starker Form und könnte sich für den WM-Kader aufdrängen, insbesondere wenn Hitzlsperger nicht bald zurück in die Spur findet.

Borowski galt 2006 noch als Versprechen für die Zukunft, als neuer Ballack, doch ein paar Verletzungen und ein erfolgloses Intermezzo bei FC Bayern später steht er mit leeren Händen da. Bei Werder präsentierte er sich bislang ordentlich (ich fand ihn keineswegs so schlecht, wie er von einigen gemacht wird), doch für eine WM-Nominierung wird er sich gewaltig strecken müssen. Gleiches gilt für Fritz, dem ich kaum Chancen einräume. Mit Boateng, Beck und Friedrich gibt es gleich drei Spieler, die auf der Rechtsverteidigerposition vor ihm stehen. Sollte es auf links eine starke Alternative geben (Schäfer? Jansen?) könnte auch Lahm auf die rechte Seite wechseln. Fritz hat sein Seuchenjahr zwar hinter sich gelassen und ist zumindest wieder ein grundsolider Verteidiger geworden, doch der Elan, der ihn 2006 ins Team brachte, geht ihm noch etwas ab. War er im 4-4-2 auch eine Alternative fürs rechte Mittelfeld, dürfte er im aktuellen 4-2-3-1-System als Rechtsaußen kaum in Frage kommen.

Die Newcomer

Drei deutsche Spieler bleiben noch übrig, die bislang nicht für die A-Nationalmannschaft ran durften: Aaron Hunt, Sebastian Boenisch und Philipp Bargfrede. Hunt galt lange Zeit als eines der größten deutschen Talente. Bereits im Frühjahr 2005, im Alter von gerade mal 18 Jahren, spielte sich Hunt zum ersten Mal in den Mittelpunkt. Nach 1 1/2 Jahren als Joker schaffte er es im Herbst 2006 endlich in Werders Startelf, damals noch als Stürmer. Im Champions League Spiel gegen den FC Barcelona überraschte Schaaf mit seiner Aufstellung (auch damals standen neun Deutsche auf dem Platz). Hunt und Werder spielten stark und der Stammplatz war zunächst sicher. Etliche Verletzungen versperrten seitdem den Weg zum Leistungsträger. Im Winter 2007, nach neunmonatiger Pause und befürchteter Sportinvalidität kam Hunt zurück, wieder in der Champions League, wieder gegen einen starken Gegner. Gegen Real Madrid brachte Schaaf ihn als Spielmacher, die von Verletzungen geplagte Rumpfelf (Sanogo, Vranjes, Pasanen, Tosic, Vander) spielte überragend, siegte 3:2 und Hunt erzielte ein Tor. Danach wurde es jedoch schon wieder ruhiger um seine Person. Er hatte Probleme den Anschluss zu finden, brauchte bis zum Sommer 2008 um sich erneut einen Stammplatz zu erkämpfen, traf im Jahrhundertspiel gegen Hoffenheim per Fernschuss in den Knick, nur um sich dann wieder mit Verletzungen rumzuplagen.

In dieser Saison ein neuer Versuch. Hunt ist seit einiger Zeit verletzungsfrei, der Trainer baut auf ihn und muss sich Kritik dafür gefallen lassen. Dem als “ewiges Talent” (die schlimmste Beleidigung in der deutschen Fußballsprache) verschrienen Hunt trauen viele Fans den Durchbruch nicht mehr zu. In nur vier Wochen brachte Hunt sie zum Schweigen. Gute Leistungen und Tore gegen St. Pauli, Mainz, Bilbao und Stuttgart machten ihn endlich zu einem Leistungsträger. Nun muss er beweisen, dass er diese Form halten kann. Sollte er das schaffen, ist eine Nominierung für die Nationalmannschaft nur eine Frage der Zeit. Allerdings könnte ihm der Körper wieder einen Strich durch die Rechnung machen.

Spieler wie Sebastian Boenisch haben bei den Zuschauern generell einen schweren Stand. Wer mit dem Wort “Talent” nur technische Fähigkeiten meint, der wird es Boenisch wohl absprechen. Seine großen Stärken hat er im läuferischen Bereich und im Zweikampf (zuletzt Quoten um die 75% gegen Mainz und Leverkusen). Boenisch kann das Spiel auf seiner Seite antreiben, ein Flankengott ist er jedoch nicht. In der Defensive hapert es noch am Stellungsspiel, das er in den letzten 12 Monaten jedoch schon merklich verbessert hat. Von einer WM-Nominierung ist Boenisch noch ein ganzes Stück entfernt, doch seine Laufbahn in der U21, mir der er im Sommer Europameister wurde, deutet darauf hin, dass er es auch in die A-Nationalmannschaft schaffen kann – allerdings wohl kaum bis zum nächsten Sommer.

Bargfrede ist bislang die große Überraschung der Saison. Gleich in seinem ersten Profijahr ist er zum Stammspieler geworden und überzeugt durch beständige, spielerisch und kämpferisch starke Leistungen. Wäre er Stuttgarter Wäre die WM nicht im nächsten Jahr hätte Löw ihn vielleicht schon eingeladen. Für die WM hat er allenfalls Außenseiterchancen, selbst wenn er seine tolle Entwicklung so fortsetzen sollte.

Die Ausländer

Es soll nicht der Eindruck entstehen, es gäbe nur deutsche Werderspieler, die eine WM-Chance haben. Hugo Almeida, Daniel Jensen, Petri Pasanen, Sebastian Prödl, Markus Rosenberg, Naldo und Marcelo Moreno sind aktuelle Nationalspieler ihrer jeweiligen Heimatländer. Während Pasanen (Finnland), Prödl (Österreich) und Moreno (Bolivien) keine Chance mehr auf eine WM-Teilnahme haben, sind die Verbände von Jensen (Dänemark) und Naldo (Brasilien) schon sicher qualifiziert. Jensens Platz im Nationalteam ist trotz langer Verletzungspause gesichert. Naldo wurde nach langer Zeit wieder für die Selecao nominiert und hat noch einen weiten Weg vor sich, um 2010 dabei zu sein. Hugo Almeida (Portugal) und Markus Rosenberg (Schweden) sind nicht nur Konkurrenten um einen Platz in Werders Sturm, sondern auch um die WM-Qualifikation. Portugal braucht heute Abend unbedingt einen Sieg gegen Malta, um noch in einen Relegationsplatz zu erreichen. Almeida kann dabei wegen seiner Verletzung nur zuschauen. Sollten die Portugiesen patzen kann Schweden mit einem Sieg gegen Albanien noch vorbei ziehen und seinerseits auf den Relegationsplatz hoffen.