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6. Spieltag: Es bröckelt

Darmstadt 98 – Werder Bremen 2:1 (1:1)

Mit der völlig verdienten Niederlage in Darmstadt ist Werder nach der von Pizarros Rückkehr ausgelösten Euphorie wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet. In einer fußballerisch grauenhaften Partie enttäuschten Mannschaft und Trainer auf ganzer Linie.

Skripnik verzichtet aufs Mittelfeld

Viktor Skripnik reagierte auf die Ausfälle von Bargfrede und Ulisses Garcia nicht wie erwartet und ließ Ersatzsechser Kroos wie auch Nachwuchssechser Fröde auf der Bank. Stattdessen durfte Galvez auf der ungeliebten Position vor der Abwehr ran und Sternberg rutschte für Garcia links ins Mittelfeld. Der fast vollständige Verzicht auf (gelernte) Mittelfeldspieler in der Startelf machte sich auch in Werders Spiel bemerkbar, wobei dies keine neue Entwicklung ist. Gegen die spielerisch ganz sicher schwächste Mannschaft der Bundesliga überspielte Werder das Mittelfeld noch rigoroser als zuletzt und suchte in der ersten Halbzeit sein Heil in langen Bällen auf Ujah und Johannsson.

In der ersten halben Stunde musste man froh sein, die Teams durch ihre Trikotfarben eindeutig identifizieren zu können, denn sonst hätte man Werder sicherlich für Darmstadt gehalten. Die Taktik, nach Ballgewinn direkt den Konter mit einem langen Ball in die Spitze zu suchen, kannte man sonst eher von den Gastgebern, die jedoch selten so hoch standen, dass ihnen dies Probleme bereiten konnte. Der Aufsteiger zeigte in der ersten Halbzeit fußballerisch die vielleicht beste Leistung der Saison, ohne jedoch wirklich zu überzeugen. Werder bekam im Pressing keinen Zugriff, lief viel hinterher und brachte den Ball kaum einmal kontrolliert aus dem ersten Drittel heraus. Dadurch ergaben sich auch kaum Möglichkeiten zum Aufrücken. Die Bälle kamen postwendend zurück in Werders Hälfte und das Spiel begann von neuem.

Verbesserte Spielkontrolle, fehlende Kreativität

Die zweite Halbzeit war in einigen Belangen besser. Werder hatte mehr Ballbesitz und konnte etwas Sicherheit gewinnen, ohne jedoch offensiv Gefahr zu erzeugen. Die Stürmer blieben häufig vom Mittelfeld isoliert und konnten so – abgesehen von den langen Bällen – kaum ins Spiel eingebunden werden. Ujah scheint für diese Art Fußball weitaus besser gemacht zu sein als Johannsson, der jedoch bei jeder Gelegenheit den Torabschluss suchte und somit trotzdem Werders gefährlichster Spieler war. Die Einwechslung des angeschlagenen Junuzovic und die Umstellung auf die Raute verpufften weitgehend und Pizarro kam in zehn Minuten Spielzeit je nach Datenquelle auf ein oder zwei Ballkontakte.

Wie schon gegen Ingolstadt waren es am Ende individuelle Fehler, die die Niederlage herbeiführten. Felix Wiedwald hatte einen schlimmen Abend und machte auch abgesehen von den beiden Gegentoren ein schwaches Spiel. Für Werder war die entscheidende Phase jedoch eher zwischen der 45. und der 70. Minute, als man aus der eigenen Feldüberlegenheit viel zu wenig Offensivgefahr entfachte. Eine Schlussoffensive fand nach dem 1:2 und dem Platzverweis gegen Bartels nicht mehr statt, dafür fehlten Werder einerseits die spielerischen Mittel und andererseits am Ende auch die Kraft für die Brechstange.

Viele Fragen an den Trainer

Nach einem solchen Spiel muss sich nicht nur die Mannschaft hinterfragen. Die Leistung erinnerte doch in weiten Teilen an das, was Werder vor gut einem Jahr unter Robin Dutt auf den Rasen brachte – ohne die Gesamtsituation mit damals vergleichen zu wollen. Viktor Skripnik war sein Amt auch mit der Absicht angetreten, sein Team fußballerisch zu verbessern. Davon ist in dieser Saison bislang nicht viel zu sehen, auch wenn die Punkteausbeute nach sechs Spielen durchaus im Rahmen ist. Werder spielt größtenteils reinen Ergebnisfußball mit viel Kampf und Krampf. Stimmen die Ergebnisse nicht, bleibt auf der Habenseite nicht viel übrig. Derzeit entscheidet sich Skripnik in Personalfragen meist gegen die spielerisch bessere Lösung (Lukimya statt Galvez, Galvez statt Kroos, Bartels statt Eggestein). Das ist natürlich legitim und er wird seine Gründe haben. Es spricht aber gerade in einem Spiel gegen ein Team wie Darmstadt nicht unbedingt für großes Vertrauen in die fußballerische Qualität seiner Mannschaft.

Über den richtigen Wechselzeitpunkt und die Tauglichkeit der Optionen auf der Bank kann man streiten. Wenn jedoch schon in den ersten 10 Minuten eines Spiels deutlich wird, dass die eigene Taktik nicht aufgeht, wäre eine Anpassung wünschenswert. Das flache 4-4-2 funktionierte gegen Darmstadt überhaupt nicht, daran änderte auch ein glücklicher Führungstreffer nichts. In der zweiten Halbzeit, als Werder das Spiel besser kontrollierte und mehr Ballbesitz hatte, wären ein bis zwei Umstellungen im Mittelfeld hin zu mehr Kreativität angebracht gewesen. Es verwundert doch sehr, dass Skripnik sich dieses Spiel stoisch mit ansah, bis die verbleibende Zeit kurz genug war, um die nicht vollständig fitten Edeljoker Pizarro und Junuzovic zu bringen.

Auch vom einstigen Mut, junge Spieler nicht nur kurz anzutesten, sondern wirklich einzubinden, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Im Sommer sah es so aus, als wären Eggestein und Grillitsch auf dem Sprung in die erste Elf und Zander nicht weit davon entfernt. Nun kommen die drei zusammen auf zwei Einsätze und weniger als 90 Minuten Einsatzzeit in der Bundesliga. In allen drei Fällen gibt es Gründe, die gegen einen sofortigen Einbau in der ersten Elf sprechen, doch die gibt es bei Nachwuchsspielern fast immer. Es erstaunt mich sehr, dass Werder mit einem (wenn man nur die gestandenen Bundesligaspieler zählt) Rumpfkader in die Saison geht, mit der Prämisse, voll und ganz auf die Jugend setzen zu müssen (Stichwort „alternativlos“), das Trainerteam sich nun aber augenscheinlich nicht traut, dies auch in die Tat umzusetzen.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn mit Bargfrede und Junuzovic zwei Drittel der gewünschten Achse im Mittelfeld ausfallen. Gerade bei Bargfrede musste man jedoch damit rechnen (wenn auch nicht durch eine Rotsperre). Dass Galvez im Mittelfeld nicht die Antwort ist, hat die letzte Saison gezeigt und war einer der ersten Missstände, die Skripnik damals behoben hat. Wenn Kroos und Fröde nicht gut genug sind, um Bargfrede in solchen Spielen zu ersetzen, warum hat man dann im Sommer nicht Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um einen Sechser zu verpflichten?

Ein Fehler namens Pizarro?

Stattdessen holte man Pizarro zurück. Ich mache mich damit wahrscheinlich bei einem Großteil der Werderfans unbeliebt, aber ich halte das für einen Fehler. Natürlich kann ich verstehen, warum Werder ihn verpflichtet hat. Allein die Begeisterung, die seine Rückkehr ausgelöst hat, war für den Verein viel wert. Zusätzlich verkaufte Trikots, Zuschüsse von Sponsoren, mediale Aufmerksamkeit – alles gut für den Verein. Ich glaube auch, dass Pizarro selbst mit seinen 36 Jahren noch ab und zu den Unterschied machen kann und für Werder sportlich zumindest teilweise wertvoll ist, von seiner positiven Ausstrahlung aufs Team ganz abgesehen. Dennoch ist die Verpflichtung in erster Linie Balsam für die geschundene Werderseele und fällt für mich in eine Kategorie mit den Abschiedsspielen für Frings und Ailton: Man kann noch mal schön in Erinnerungen schwelgen an Zeiten, in denen Werder noch ein großer Name war. Nüchtern betrachtet hat man sich einen sehr alten und sehr teuren Ergänzungsspieler geholt, der eine Saison lang eventuell noch ab und an mannschaftliche Mängel mit individueller Klasse überdecken kann.

Für sich gesehen könnte ich durchaus damit leben, doch bindet Pizarro trotz Zuschuss von Wiesenhof Gehaltsbudget, das an anderer Stelle meiner Meinung nach sinnvoller und zukunftsorientierter hätte eingesetzt werden können. Werders Mittelfeld ist sträflich unterbesetzt, die Ausfälle bei Bargfrede werden leider auch nach Ende seiner Rotsperre kommen und bei Clemens Fritz würde ich auch nicht davon ausgehen, dass es für 30-34 Spiele reicht. Die Risiken lagen und liegen auf der Hand. Werder ist sie eingegangen und muss nun mit den Konsequenzen leben.

Back to square one: Mut zum Fußball

Umso wichtiger, dass Skripnik und sein Team sich jetzt auf ihre Stärken besinnen, die Werder in der letzten Saison vor dem Abstieg gerettet haben. Ich bin weit davon entfernt, Skripniks Ablösung zu fordern. Seine Bilanz ist insgesamt immer noch sehr gut und Werder steht sportlich nicht dort, wo man in der Endphase unter Dutt stand. Was die fußballerische Entwicklung angeht, habe ich jedoch große Zweifel, dass Werder derzeit auf dem richtigen Weg ist. Ich wünsche mir mehr Mut und mehr Konsequenz auf dem Weg, der Werder auch spielerisch voran bringen soll.

Ich könnte weitaus besser mit Niederlagen gegen Teams wie Ingolstadt und Darmstadt leben, wenn sie Konsequenz einer noch nicht ausgereiften fußballerischen Entwicklung wären. Diese muss nicht unbedingt auf ausgeprägtem Ballbesitzfußball beruhen, eine Weiterentwicklung der Pressing- und Konterstrategie der letzten Rückrunde würde mir auch genügen. Stattdessen wirkt diese Saison auf mich bislang so, als wäre alles, was man sich in der Sommerpause vorgenommen hatte, mit Di Santos Abgang hinfällig gewesen und nun wurschtelt man ohne richtigen Plan vor sich hin. Selbst nach der Partie gegen Darmstadt scheint man sich nicht einig zu sein, ob das jetzt zu viel oder zu wenig Fußball war. Derzeit ist Werder nur eines der Teams, die auf eigenes Spiel weitgehend verzichten und mit Physis, langen Bällen und Standards ihr Glück versuchen. Das kann für den Klassenerhalt reichen, macht aber wenig Hoffnung auf mehr.