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Niederlage, aber kein Rückschritt

Bundesliga, 16. Spieltag: Borussia Dortmund – Werder Bremen 2:0

Nach dem 3:0 in der Champions League gegen Inter Mailand keimte ein wenig Hoffnung auf, dass Werder in Dortmund doch einigermaßen mithalten könnte. Nicht zu Unrecht, wie sich am Samstagabend zeigte. Werder konnte Dortmund nach schwachem Start lange Zeit das Wasser reichen und kassiert am Ende trotzdem eine insgesamt verdiente 0:2 Niederlage.

Dortmunder Blitzstart

In den ersten 20 Minuten passierte genau das, was man angesichts des Saisonverlaufs der beiden Mannschaften befürchten musste. Dortmund überrollte Werder geradezu mit aggressivem Pressing, schnellem Umschalten und gefährlichen Pässen in die Tiefe. Das 1:0 war folgerichtig. Auch wenn es letztlich eine Standardsituation war, kam der Freistoß für den BVB durch Pasanens Probleme auf der linken Abwehrseite zustande. Wer nun wieder auf unserem Linksverteidiger (egal wie er gerade heißt) herumhacken möchte, kann das gerne tun. Allerdings tut man ihm dabei meiner Meinung nach zumindest teilweise Unrecht. Das Spiel war – mehr noch als sonst – dafür konzipiert, auf Werders linker Seite Lücken zu schlagen. Kagawa zieht gerne aus der Mitte auf die linke Seite (wie ein gewisser Mesut Özil) und zog unsere defensiven Mittelfeldspieler dadurch ein Stück auf diese Seite herüber. Wenn man sich die Heatmap von Frings und Fritz anschaut, stellt man fest, dass beide mehr Aktionen rechts vom Zentrum hatten, was ungewöhnlich für eine Doppelsechs ist. Dazu kommt die Tatsache, dass Marko Marin mit seinen ständigen Rochaden als Vordermann deutlich weniger hilfreich ist, als etwa Phillip Bargfrede auf der anderen Seite. Wenn Rechtsverteidiger Piszcek mit aufrückte und seinen Landsmann Kuba unterstützte, wurde es jedes mal brenzlig.

Die Dortmunder setzten Werder auch nach der Führung weiter unter Druck und konnten mit ihrem Pressing den Bremer Spielaufbau weitgehend unterbinden. Pizarro ließ sich immer wieder tief fallen und agierte als “falsche Neun”. Dabei ging es weniger darum, Platz für die Vorstöße von Hunt und Marin zu schaffen als darum, eine weitere zentrale Anspielstation im Mittelfeld zu bieten. Auch in Dortmunds vertikale Pässe schlichen sich nach und nach mehr Ungenauigkeiten ein. Da das zweite Tor nicht fallen wollte, schaltete Dortmund in der Folge einen Gang zurück und verwaltete das Spiel. Dadurch bekam Werder mehr Spielanteile und konnte seine Angriffe überlegter und genauer Aufbauen. Bis zur Halbzeit wirkte Dortmund dabei noch sehr kontrolliert und ließ Werder nur zu einer nennenswerten Torchance – einem Schuss von Aaron Hunt – kommen. In einer solchen Phase reicht es, beim Gegner den Eindruck entstehen zu lassen, man könne jederzeit wieder zuschlagen. Werder agierte vor der Pause betont vorsichtig, um dem BVB nicht die Gelegenheit zum schnellen Gegenstoß zu geben.

Bremer Comeback

Dass es sich dabei um eine Dortmunder Finte gehandelt haben könnte, zeigte sich in der 2. Halbzeit. Werder führte seine Angriffe nun entschlossener zu Ende und setzte die Borussen früher unter Druck. Dadurch entstanden zwar die Räume für Dortmunder Konter, doch der Tabellenführer hatte nun selbst Probleme, sich aus dem Bremer Angriffsdruck zu befreien. In dieser Phase zeigte sich jedoch auch ein Unterschied zwischen den Teams, der letztlich mit spielentscheidend war: Dortmund schaffte es wesentlich besser, die Räume vor dem eigenen Strafraum eng zu machen, als es Werder in Dortmunds Drangperiode gelungen war. Werder musste sich jeden Torschuss hart erarbeiten. Trotz der nun augenscheinlichen Bremer Dominanz musste Dortmund im gesamten Spiel nur wenige wirklich brenzlige Szenen überstehen.

Gegen diese gereifte Dortmunder Mannschaft muss man die wenigen Chancen kaltblütiger nutzen, als es der SVW derzeit tut. Pizarro hatte innerhalb kurzer Zeit gleich zweimal den Ausgleich auf dem Fuß, doch beide Versuche endeten auf frustrierende Weise. Zunächst nahm Pizarro den Ball schlecht mit und Roman Weidenfeller konnte vor ihm klären, was Pizarro eine (in meinen Augen übertriebene) gelbe Karte einbrachte. Im zweiten Versuch war Pizarro erneut frei durch, legte den Ball am Torwart vorbei und wurde dann von diesem von den Beinen geholt. Ich kann zwar Klopp und die Dortmundfans verstehen, dass sie hier Pizarro unterstellen, sich bereitwillig treffen zu lassen, doch Weidenfeller kam schlicht mit zu viel Tempo aus dem Tor und konnte nicht mehr ausweichen. Entscheidend ist hierbei nicht die Intention sondern die Durchführung und Weidenfeller trifft Pizarro klar. Wäre es andersherum, hätte jeder Dortmunder einen Elfmeter gefordert. Schiedsrichter Mayer entschied an dieser Stelle nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal zu Werders Ungunsten und versagte Werder so die große Chance zum Ausgleich. Im Gegenzug traf dann Lewandowski zum entscheidenden 2:0. Es war ein schöner Dortmunder Angriff, den Kagawa mustergültig abschloss, doch Lewandowskis (wenn auch nur leichte) Berührung aus klarer Abseitsposition gibt dem Tor einen faden Beigeschmack.

Fehlende Klasse vs. fehlendes Glück

Nach dem Tor war das Spiel entschieden, weil Schaaf schon kurz vorher Pizarro gegen Wagner austauschen musste und sein Team nicht die Kraft und die Überzeugung aufbringen konnte, um Dortmund noch einmal richtig unter Druck zu setzen. Aufgrund der ersten 20 Minuten und der Dortmunder Defensivstärke geht der Sieg des Herbstmeisters insgesamt in Ordnung. Aus Bremer Sicht ist es jedoch erfreulich, dass man eine Stunde lang mit der bislang überragenden Mannschaft der Saison mithalten konnte und sich trotz des frühen Rückstands nicht wehrlos abschlachten ließ. Zwar entspricht das nicht dem Selbstverständnis unseres Vereins, aber nach den zahlreichen Klatschen in den letzten Monaten ist allein diese Tatsache schon etwas wert.

In Anbetracht der aktuellen Lage kann Werder in Dortmund nur dann Punkten, wenn alles optimal läuft. Die beiden Schiedsrichterentscheidungen waren sicher nicht der alleinige Grund für Werders Niederlage, doch momentan ist das Team einfach nicht in der Lage, solche Dinge gegen einen solchen Gegner zu kompensieren. Die Enttäuschung bei Spielern und Trainer ist verständlich, doch mit dem Abstand von zwei Tagen sollte man nun zu dem Schluss kommen, dass Fehlentscheidungen im Fußball immer wieder passieren und man die Leistung als weiteren kleinen Schritt in die richtige Richtung werten darf. Es ist ein Konsolidierungskurs den Werder derzeit beschreitet. Es ist zwar schmerzhaft, einen vermeintlich schwächeren Verein wie Dortmund so davonziehen zu sehen, doch das ist in dieser Hinrunde einfach nicht unsere Liga. Gegen den Tabellennachbarn aus Kaiserslautern müssen am Samstag hingegen unbedingt drei Punkte her.

Was bleibt?

Fun Fact des Tages: Als die Signal Iduna die Namensrechte für das Westfalenstadion kaufte, reichten zwei Bremer Mitarbeiter ihre Kündigung ein.

Ärgernis des Tages: Kubas ungeahndete Schwalbe. Ich teile ja die Kritik an Marins Fallsucht, aber ich kann das Fingerzeigen der Fans anderer Vereine immer weniger verstehen. Es gibt in fast jedem Team einen Spieler, der bei jeder Gelegenheit den Bodenkontakt sucht und Dortmund war mit Kuba und auch Sahin gut dabei.

Die Fragen, die nicht nur ich mir nach dem Spiel stellte, waren: Wie groß ist der Leistungsunterschied zwischen Werder und Dortmund wirklich? Ist der Dortmunder Kader so viel besser? Welche Rolle spielen dabei Selbstvertrauen, bisheriger Saisonverlauf und Zufall? Wie groß ist der Anteil der Entwicklungen der letzten 1-2 Jahre? Die Antworten darauf stelle ich an dieser Stelle mal zur Diskussion.

34. Spieltag: Durchschaubar in die Champions League

Werder Bremen – Hamburger SV 1:1

Zur Einführung ein Zitat aus meiner Saisonvorschau im August 2009:

“Es wird mal wieder eine typische Werder-Saison. Gute Hinrunde, Krise zu Beginn der Rückrunde, Aufholjagd im letzten Drittel und am letzten Spieltag werden die Positionen mit dem HSV getauscht. Werder wird Dritter und landet in der Champions League Qualifikation.”

Ok, die Positionen brauchte man mit dem HSV gestern nicht mehr zu tauschen. Geschenkt. Ansonsten eine ziemlich akkurate Beschreibung der gerade abgeschlossenen Bundesligasaison des SVW. In meine seherischen Fähigkeiten habe ich spätestens seit Dezember kein großes Vertrauen mehr, als ich Werder die Meisterschaft voraussagte und damit kräftig auf die Nase fiel. Vor fünf Wochen habe ich dann die Saison abgehakt – äußerst verfrüht, wie sich gezeigt hat. Zu meiner Verteidigung war da eine Portion Aberglaube bei, sodass ich mich bis zum 8.5. um 17:20 nicht traute, meine Aussage zu revidieren. Trotzdem, als Wahrsager bin ich bestenfalls so mittelbegabt. War es denn so vorhersehbar?

Schaut man sich die Tabellen der letzten fünf Jahre an, muss man sagen: Ja! Bayern und Werder waren in den letzten fünf Jahren jeweils viermal unter den Top 3 der Liga. Der FC Schalke dreimal. Ansonsten schafften nur der VfB Stuttgart (2x), der HSV und Wolfsburg (je 1x) den Sprung unter die ersten Drei. Nun sind es also wieder diese drei Mannschaften, die die vorderen Plätze belegen, wie schon 2005 und 2008. In England wurde die Dominanz der Big Four gerade zum ersten Mal seit fünf Jahren durchbrochen. Haben wir in Deutschland nun also unsere Big Three? Das wäre übertrieben, doch Zufall sind diese Resultate wohl kaum. Während die letzte Saison eine kleine Revolution war, zunächst mit dem Überflieger Hoffenheim und dann mit dem Meister Wolfsburg, hieß es in dieser Saison: Das Imperium schlägt zurück.

Es gehört zum Fußball, dass sich bestimmte Dinge immer wiederholen. Auch in den Jahren 2006 und 2008 sowie mit Abstrichen 2007 verlief Werders Saison ähnlich, wie oben beschrieben. Daneben gibt es noch einige andere Tradionen: Die Bayern werden (fast) immer Meister, Schalke nie, Leverkusen bricht in der Rückrunde ein, Stuttgart dreht in der Rückrunde auf, der HSV verpatzt die wichtigen Spiele und Nürnberg und Bochum bleiben Fahrstuhlmannschaften. Während all das nicht zuletzt mit der Qualität der jeweiligen Mannschaften zu tun hat, ist es in nicht unterschätzendem Maße Psychologie. So etwas setzt sich nicht nur in den Köpfen der Fans fest, sondern auch in denen der Spieler. Als Leverkusener muss einem im letzten Saisondrittel Angst und Bange werden, während sich die Bayern darauf freuen können. Immer wieder schön, wenn Mannschaften es schaffen, diesen Kreislauf zu unterbrechen, wie Wolfsburg letzte Saison oder Werder 2004.

Doch entspricht Werders schematischer Saisonverlauf wirklich den Tatsachen oder erstammt er der selektiven Wahrnehmung und Einordnung der Fans? Ich habe mal einen kleinen Vergleich gemacht zwischen den letzten fünf Jahren und dieser Saison. Verglichen habe ich monatsweise, wieviel Punkte Werder jeweils im Schnitt pro Spiel geholt hat. Und siehe da, der Vergleich zeigt: In den letzten fünf Jahren gab es tasächlich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Monaten. Insgesamt holte Werder im Schnitt 1,8 Punkte pro Spiel. Hochgerechnet auf eine Saison sind das 61,2 Punkte pro Saison. Die aus Bremer Sicht erfolgreichsten Monate sind Januar und Dezember, gefolgt von Mai und September. In diesen Monaten hat Werder deutlich überdurchschnittlich viele Punkte geholt. Die schwächsten Monate sind März und Februar. Der von mir erwartete Leistungseinbruch in der ersten Hälfte der Rückrunde ist für Werder demnach nicht untypisch, sondern tritt regelmäßig auf.

Durchschnittliche Punktzahl pro Spiel

Durchschnittliche Punktzahl pro Spiel (monatsweise)

Die nun abgelaufene Saison war in vielen Bereichen durchschnittlich. Insgesamt 61 Punkte (1,79 pro Spiel) entsprechen genau dem Durchschnitt der letzten fünf Spielzeiten. Die ersten vier Monate der Saison sind ebenfalls relativ nah an den Werten der letzten Jahre. Dann zeigen sich aber zwei große Abweichungen: In den traditionell stärksten beiden Monaten stürzte Werder völlig ab und holte nur einen Punkt aus sechs Spielen. Danach spielte Werder von Februar bis Mai eine überdurchschnittliche Rückrunde. Die sonst schwächsten Monate Februar und März wurden in dieser Saison zu den stärksten. Alles wie immer also, nur eben ganz anders.

Und was sagt uns das nun? Werder hat acht Monate lang eine überdurchschnittliche Saison gespielt, durch zwei ganz schwache Monate rund um die verkürzte Winterpause verpasste man es aber, ein noch besseres Ergebnis zu erreichen. Das Stichwort Konstanz, das letzte Saison so häufig gebraucht wurde, darf man daher auch in diesem Sommer wieder auspacken, wenn es um die Fehleranalyse geht. Zu wichtig sollte man solche statistischen Spielerein jedoch nicht nehmen. Das Spiel gegen den HSV hat doch wieder einmal klar gezeigt, dass die nakten Zahlen manchmal eben doch lügen. Oder möchte ernsthaft jemand behaupten, das Duell um die Nummer 1 im Norden wäre unentschieden ausgegangen?

32. Spieltag: Hools vor der Haustür

Werder Bremen – 1. FC Köln 1:0

Sieg in der letzten Minute durch einen Elfmeter. Da kommen Erinnerungen an 2004 hoch. Kapitän Torsten Frings spielte dabei die Rolle, die damals Ailton und Valerien Ismael spielten. Mit der nervlichen Belastung hat er offensichtlich keine Probleme. Das darf und sollte man von seinem Kapitän auch erwarten, ist aber dennoch schön zu sehen.

Es gibt ja so Spiele, da redet man sich hinterher alles schön, weil man gewonnen hat. Die Leistung gegen Köln sollte man differenziert betrachten. In der ersten Hälfte hatte Werder große Probleme damit, das Spiel in der Kölner Hälfte zu halten. Vergleichsweise schwache 50 % Ballbesitz in den ersten 45 Minuten sprechen nicht gerade für Kontrolle am Ball. Die Kölner ließen sich nicht zurückdrängen und störten Werders Spiel früher, als ich erwartet hatte. Vor allem über die linke Seite liefen viele der Kölner Angriffe. Fritz hatte wiederholt Probleme mit Podolski und auch sonst einen gebrauchten Tag erwischt. So defensiv habe ich ihn in einem Heimspiel gegen einen – mit Verlaub – spielerisch unterlegenen Gegner noch nie gesehen. Auf seiner Seite hatte er auch keinen festen Partner vor ihm. Marin wechselte immer wieder die Seite, Hunt hielt auf der linken Seite relativ statisch die Position und auch Özil orientierte sich mehr nach links als nach rechts. Die Folge dieser asymmetrischen Raumaufteilung konnte man nach dem Spiel auch in der Statistik ablesen: 38 % der Angriffe über die linke und nur 28 % über die rechte Seite. Zumindest Zoran Tosic hatte dadurch einen schweren Stand auf seiner rechten Seite und konnte nur wenige Akzente im Kölner Offensivspiel setzen. Die größte Chance hatte Lukas Podolski kurz vor der Pause, als er von Novakovic wunderbar bedient wurde und mit seinem schwachen rechten Fuß ziemlich kläglich das Tor verfehlte. Werder hatte auf der anderen Seite auch ein paar aussichtsreiche Möglichkeiten. Die Kombinationen im Mittelfeld waren aber selten wirklich zwingend und es wirkte weitgehend so, als ob dort jeder sein eigenes Süppchen kocht.

In der Pause reagierte Schaaf und brachte mit Hugo Almeida einen zweiten Stürmer. Der zusätzliche Fixpunkt im Offensivspiel machte sich in der Ausrichtung der Kölner bemerkbar, die nun nicht mehr den Mut hatten, die Bremer schon hoch zu attackieren, sondern stattdessen vor dem eigenen Strafraum die Räume eng machten, um dann auf etwaige Fehler der Bremer zu warten. Werder nutzte das in der Folge gut aus, drängte nach vorne und brachte immer wieder die beiden Stürmer ins Spiel. So kam man erneut zu einigen Chancen, doch das erlösende 1:0 wollte nicht fallen. Auf der anderen Seite hatte man Glück, dass Novakovic nur die Latte traf, doch ansonsten tat Köln wenig, das ihnen einen Sieg hätte bringen können. Selbst als zuerst Naldo und später auch Mertesacker ihr Arbeitsgebiet fast ausschließlich in den Kölner Strafraum verlegten, konnten die Kölner den Raum nicht nutzen. Alles fokussierte sich auf die 25 Meter vor dem Kölner Tor. Frings gab nun eine Art Libero und die Bälle wurden immer wieder hoch in den Strafraum geschlagen. Dort gab es trotz Bremer Lufthoheit wenig Platz. Werder suchte nun bei jeder Gelegenheit den Abschluss, doch immer wieder war ein Bein eines Kölner Abwehspielers oder Schlussmann Kessler im Weg. In der Nachspielzeit verpasste Geromel auf der Torlinie einen Kopfball Mertesackers mit dem Kopf und riss in letzter Sekunde die Hand hoch. Klare Sache: Elfmeter und rote Karte. Den Rest machte Frings.

Nun kann man sagen: Glücklich, in der letzten Minute einen Elfmeter zu bekommen. Sicher, doch der Elfmeter war direkte Folge einer guten Torchance. Mertesackers Kopfball wäre wohl auch so ins Tor gegangen (auf Geromels Timing beim Klärungsversuch möchte ich hier lieber nicht eingehen). Und es ist eben kein Zufall mehr, dass Werder so viele Tore in den letzten Minuten des Spiels erzielt. Man erhöht konsequent das Risiko, schickt die Innenverteidiger mit nach vorne und setzt auf hohe Bälle. Ob diese von einer langen Flanke oder einer Standardsituation kommen, ist dabei nebensächlich. Sieht man sich Werders Gegentore an, könnte sich jedoch langsam fragen, ob man nicht gleich von Anfang an so spielen sollte. Sonderlich schön ist das nicht, aber immer noch besser, als in der Nachspielzeit noch immer die Bälle ins Tor tragen zu wollen, wie ein gewisser Verein aus dem Norden Londons. Von daher: Schön? Nein! Glücklich? Ja! Unverdient? Nein! Tim Wiese musste im gesamten Spiel nicht einen Ball halten.

Wie so häufig beim Duell der beiden Mannschaften kam es außerhalb des Stadions zu ein paar Ausschreitungen. Bereits vor Anpfiff hatten sich Hooligans der beiden Vereine in der Bremer Neustadt versammelt, um sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. So weit, so schlecht. Nach dem Spiel kam es erneut zu “Auseinandersetzungen” – wie man es so schön nennt, wenn solche Idioten mit Eisenstangen, Fahrrädern und Verkehrsschildern aufeinander losgehen – zwischen den Hools. Für mich persönlich macht es das noch etwas schlimmer, wenn diese “Auseinandersetzungen” in der Straße stattfinden, in der ich mein Büro habe. Die Polizei hatte die Situation zum Glück schnell im Griff.

Hooligans wirken auf mich immer ein wenig, wie ein Relikt aus den 80er Jahren. Wie diese Modesünden, bei denen man jeden Tag betet, sie mögen nie wieder zurückkommen und dann innerlich zusammenzuckt, wenn man plötzlich 16-Jährige damit rumlaufen sieht. Im Gegensatz zu Modesünden können Hooligans aber nicht nur sinnbildlich, sondern ganz wörtlich blind machen. Deshalb zitiere ich heute US-Komiker Jon Stewart – wenn auch leider ohne Gospelchor – und sage: Hooligans, go fuck yourselves!

29. Spieltag: Zu grün

Borussia Dortmund – Werder Bremen 2:1

Das war’s. Werders Bundesligasaison ist seit gestern Nachmittag beendet. Natürlich stehen noch fünf Spiele auf dem Programm, unter anderem gegen Schalke und den HSV, doch ehrlich gesagt ist es mir fast schon egal, ob Werder am Ende Fünfter wird oder Siebter. Es wäre zwar schön, vor den Hamburgern zu bleiben und sie am letzten Spieltag zu besiegen, aber im Moment ist mir nicht mal das wichtig. Zu groß ist die Enttäuschung nach dem Spiel gegen Dortmund. Es ist nicht einmal so sehr das Ergebnis. In Dortmund kann man inzwischen wieder verlieren, ohne dass es eine Blamage wäre. Vielmehr ist nun Gewissheit, was ich vorher nicht wahrhaben wollte: Werder ist in dieser Saison nicht gut genug für die Champions Leauge. Punkt. Nun gut, vor ein paar Wochen war die Champions League sowieso kein Thema mehr, der Abstand lag noch vor drei Wochen bei elf Punkten. Nun liegt er weiterhin bei fünf Punkten und Leverkusens Form deutet darauf hin, dass nicht unbedingt viel mehr Punkte nötig sind, um sie noch abzufangen. Werder wird es trotzdem nicht schaffen. Schon gar nicht wird man Leverkusen UND Dortmund noch überholen. Es wäre auch nicht verdient: Die Mannschaft hat in dieser Saison nur EIN Spiel gegen eine Mannschaft aus der oberen Tabellenhälfte gewonnen (Stuttgart, im Oktober 2009).

Es hat Gründe, warum Werder gegen die schwächeren Teams regelmäßig gewinnt und gegen die stärkeren bestenfalls ein Unentschieden holt. Die Mannschaft hat nur selten über 90 Minuten gut gespielt. Die dem Werderfan wohlbekannten Leistungsschwankungen verteilen sich nicht mehr nur über die Saison, sondern tauchen in fast jedem Spiel auf. Die Partie in Dortmund war ein gutes Beispiel: 60 Minuten lang spielte Werder guten Fußball. Eine Leistung, die zu einem Sieg gegen den BVB hätte reichen können, mindestens aber zu einem Unentschieden. Die Niederlage hat man sich in den ersten 30 Minuten eingebrockt. Wie so häufig fing man sich einen Zwei-Tore-Rückstand ein, bevor man aktiv am Spiel teilnahm. Häufig genug ging das noch gut, holte man zumindest noch einen Punkt. Es kann aber nicht immer gut gehen. Schon gar nicht gegen einen starken Gegner wie Borussia Dortmund. Deshalb steht Werder völlig zurecht dort, wo man nun steht. Mehr ist nicht drin. Das ist kein Grund zur Panik, Werder ist nicht “nur noch Mittelmaß”, wie gerne geunkt wird. Werder ist eine gute Bundesligamannschaft, aber eben keine sehr gute. Nicht mehr. Noch nicht. Wie man es eben sehen will. Marin und Özil sind noch jung genug, um ihnen die Basics im Defensivverhalten beizubringen. Mit Bargfrede hat man einen guten Ersatz für Baumann gefunden. Das Potenzial ist zweifellos vorhanden und wenn sich der personelle Verlust im Sommer in Grenzen hält, dann bin ich guter Dinge, dass man in der kommenden Saison auch wieder ganz vorne angreifen kann.

Bis dahin gibt es nur noch ein wichtiges Spiel: Das Pokalfinale gegen die Bayern. Da ist etwas möglich, das ist nur ein Spiel, da können die Bayern einen schlechten Tag erwischen und wir einen guten. Einen besseren Zeitpunkt für den ersten Sieg gegen einen “Großen” kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen.

28. Spieltag: Tatsache

Werder Bremen – 1. FC Nürnberg 4:2

“Mal wieder ein überzeugender und ungefährdeter Sieg, das wär’s”, dachte ich mir vor dem Spiel und freute mich zur Halbzeit noch darüber, dass Werder meinen Wunsch scheinbar erhört hatte. Der doppelte Mertesacker und Tim Borowski hatten für eine beruhigende 3:0-Führung gesorgt, die in der zweiten Halbzeit nur noch verwaltet werden wollte. Doch dann kam es mal wieder so, wie man es als Werderfan immer befürchten muss: Die Führung beruhigt auch die eigene Mannschaft, die daraufhin ganz ruhig und abgeklärt die Angriffe des Gegners über sich ergehen lässt. Woanders nennt man es Hühnerhaufen, bei uns hat es System. Erst als Nürnberg auf 2:3 herangekommen war, sah man sich genötigt, wieder etwas mehr in das Spiel zu investieren. So kann man natürlich Fußball spielen, die Bayern konnten das mal ganz exzellent, aber die haben dann auch entsprechend verteidigt und dem vom anrennen erschöpften Gegner irgendwann den Garaus gemacht.

Am Ende holte Werder trotz einer wiedermal sehr durchwachsenen (oder eher: wechselhaften) Leistung drei Punkte und steht nun besser da, als man es vor einem Monat noch erträumt hätte. Clemens Fritz machte in der Nachspielzeit alles klar, ein Feel-Good-Moment, nachdem zuvor Frings eine völlig absurde rote Karte gesehen hatte. In meinen Augen war das nicht mal ein Foul, geschweige denn ein absichtliche Handbewegung. Wie man es als Tätlichkeit sehen kann, ist mir wirklich schleierhaft. Aber ok, Schiedsrichter machen Fehler, alles nicht so wild, wenn denn die DFL der DFB den Arsch in der Hose hätte, die Sperre aufzuheben, die Frings heute mit Sicherheit bekommen wird. Kein Wunder, dass technische Hilfsmittel sich im Fußball nicht durchsetzen werden, wenn selbst am grünen Tisch bei einer Entscheidung, die nichts mit dem Spielgeschehen selbst zu tun hat, die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters über dem eindeutigen Fernsehbild steht. Das sind also die Fehlentscheidungen, die den Fußball ausmachen? Dann ist ja gut.

Übrigens ein Treppenwitz, dass Torsten Frings, der bei der WM 2006 aufgrund umstrittener Fernsehbilder nachträglich für das Halbfinale gesperrt wurde, nun trotz eindeutiger Fernsehbilder nicht nachträglich freigesprochen wird.

Im übrigen war es an diesem Spieltag sehr interessant, was auf den anderen Plätzen los war: Dortmund nur remis in Berlin, damit gibt es nun ein richtiges Verfolgerduell am nächsten Wochenende. Das Topthema war nach dem Spiel ein vermeintliches Abseitstor der Hertha, das nicht gegeben wurde und zu hitzigen Diskussionen über die Abseitsregel führte. Für mich ist die Entscheidung vertretbar, erst abzuwarten, ob Gekas aus seiner (zunächst passiven) Abseitsstellung einen Vorteil zieht und dann auf Abseits zu entscheiden. Der HSV patzt in Gladbach und Labbadias Tage scheinen mal wieder nach nur einer Saison gezählt. Die Bayern verlieren erneut und bleiben den Beweis schuldig, dass sie mit der Tabellenführung auch nur ansatzweise besser umgehen können, als ihre Konkurrenten. Schalke demontiert Bayer Leverkusen in deren eigenem Stadion und Felix Magath grüßt mal wieder von der Tabellenspitze. Im Weserstadion war Schalke schon richtig stark, aber das am Samstag war noch eine Nummer härter. Gut für uns, denn nun ist Leverkusen tatsächlich in Reichweite gerückt und ein Sieg in Dortmund würde uns alle Chancen lassen. Unser Restprogramm macht mich aber nur vorsichtig optimistisch, dass es noch etwas wird mit Platz 3.

Alles in allem war es ein Spieltag wie gemalt, auch wenn mein ursprünglicher Wunsch nach einem überzeugenden und ungefährdeten Sieg nicht in Erfüllung ging. Beim Blick auf die Tabelle mir das jedoch gerade ziemlich egal.

DFB Pokal, Halbfinale: Hauptsache Berlin

Werder Bremen – FC Augsburg 2:0

Es ist halt doch schon ein wenig Routine, so ein Pokalfinale. Zum zehnten Mal insgesamt und zum neunten Mal in den letzten 21 Jahren steht Werder nun dort. Sechsmal hat man ihn gewonnen. Zugegeben, in diesem Jahr war es mit vier Heimspielen und den vier (zum jeweiligen Zeitpunkt) besten Zweitligisten als Gegner ungleich einfacher als im letzten Jahr. Man kann eben nicht alles haben. Trotzdem: Berlin ist Berlin und bekommt in schöner Regelmäßigkeit einen Besuch von uns abgestattet – wenn auch zukünftig nur noch einmal pro Jahr.

Von einem Heimspiel gegen einen Zweitligisten erwartet man nunmal, dass man es deutlich gewinnt. Egal, wie gut dieser momentan drauf ist. Egal, wie viele Tore deren bester Stürmer schon geschossen hat. Werder kann schließlich auf eine 22jährige Serie ungeschlagener Heimspiele im DFB-Pokal zurückblicken: Die letzte Pokalniederlage im Weserstadion gab es 1988 gegen Frankfurt.* Entsprechend ging die Mannschaft auch in dieses Spiel. Nach ein paar Minuten Abtasten übernahm Werder die Kontrolle über das Spiel und gab sie bis zum Führungstor nicht mehr her. Zwar tat sich die Mannschaft schwer, gegen die tiefstehenden Augsburger Abwehr- und Mittelfeldreihen zwingende Torchancen herauszuspielen, doch der Ball lief gut durch die eigenen Reihen und es schien nur eine Frage der Zeit, bis eine Kombination zum Erfolg führen sollte. Nach 25 Minuten war es dann so weit: Marin im Doppelpass mit Özil durch die Mitte und dann ein hauchzarter Ballstreichler am Torwart vorbei ins Netz. Ein großartiges Tor, das die Zuschauer von den Sitzen riss. Dazu die Erleichterung, endlich mal wieder in Führung zu liegen statt einem frühen Rückstand hinterherlaufen zu müssen.

Das Problem bei der Sache war nur, dass Werder letzteres inzwischen zwar sehr gut kann, mit ersterem aber so seine Probleme hat. Nach dem Führungstor bauten die Grün-Weißen den Gegner mit einigen leichtsinnigen Abspielfehlern wieder auf. Augsburg nahm das dankend an und erinnerte sich ab der 30. Minute daran, dass man selbst auch ganz passabel Fußball spielen kann. Wie gewohnt brachte das Werders Defensivabteilung in Kalamitäten. Ein verlorener Zweikampf hier, eine schlecht gestellte Abseitsfalle dort und schon steht es 1:1. Hätte es jedenfalls stehen können, wenn Thurks Ball nicht nur Torhüter Wiese, sondern auch die Torlinie überwunden hätte. Der Innenpfosten und Per Mertesacker retteten jedoch in höchster Not. Ein Warnschuss vor der Pause also. Eine Ermahnung, dem Gegner nicht zuviel anzubieten und keine unnötigen Räume in der Defensive freizugeben. Wie gewohnt verhallte sie ungehört.

Die zweite Halbzeit war aus Bremer Sicht lange Zeit ein Ärgerniss. Augsburg erspielte sich eine Handvoll guter Torgelegenheiten, war aber nie so nah am Ausgleich, wie man es als Werderfan in dieser Phase befürchtete. In den letzten 20 Minuten standen Abwehr und defensives Mittelfeld dann wieder besser sortiert und Werder gewann die Spielkontrolle zurück. Gegen einen stärkeren Gegner hätte man sich eine solche halbstündige Auszeit nicht nehmen können. Es war dann ein schnell und exakt ausgeführter Freistoß von Frings, der die Entscheidung zu Werders Gunsten einleitete. Empfänger Pizarro bewies mal wieder, dass ihm schwierige Bälle einfach besser liegen. Die Ballmitnahme war erste Sahne, der Abschluss wohl nicht ganz unhaltbar, aber ein schönes Tor, das zeigt, wie einfach Fußball sein kann, wenn der Gegner nicht ganz bei der Sache ist. Der Sieg war insgesamt verdient, wenn auch nicht sonderlich schön herausgespielt. Der Sympathiepreis geht ohnehin an die Augsburger Fans, die ihre Mannschaft vorbildlich unterstützten und für tolle Stimmung im Stadion sorgen. Am Ende sangen sie “Augsburg ist viel schöner als Berlin”. So hat jeder bekommen, was er wollte. Und wenn Augsburg so weiter spielt, stehen die Chancen gut, dass sie auch nächste Saison nicht nach Berlin müssen.**

Unser zwischenzeitlich als “magisches Dreieck” bezeichnete offensive Mittelfeld scheint mir die Rollen getauscht zu haben: Marko Marin ist in Topform, trifft, bereitet vor und kurbelt das Angriffsspiel an. Er hat Mesut Özils Rolle aus der Hinrunde übernommen. Özil selbst hat sein Formtief überwunden, spielte eine starke erste Hälfte, wirkt aber kräftemäßig nicht ganz auf der Höhe. Erinnert stark an den Marko Marin der Hinrunde. Vielleicht hilft es auch hier, den Spieler durch frühe Auswechslungen wieder heranzuführen, ohne dass er den Spielrhythmus verliert. Und Aaron Hunt? Kriselt ein wenig, wirkt aber zumindest körperlich auf der Höhe. Mit viel Einsatz, aber ohne Erfolg in den meisten seiner Aktionen. Wenn da mal nicht der Özil des letzten Winters in ihm hochkommt?***

Der Gegner im Finale heißt Bayern München und das ist auch gut so! Erstens dürfte es ein wesentlich attraktiveres Spiel werden, als gegen die destruktiven, aber nicht minder gefährlichen Schalker. Zweitens kann sich Werder so den Pokalsieg wirklich verdienen und trotz des relativ einfachen Wegs nach Berlin auf dieses Finale verweisen. Und drittens sind Spiele gegen die Bayern immer ein Highlight, in einem Pokalfinale umso mehr. Natürlich ist Werder nicht der Favorit in diesem Finale, aber ich freue mich einfach unglaublich auf das Spiel. Möge der Grünweißere gewinnen!

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* Diese Niederlage war zu verschmerzen, denn es war Werders wohl erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte: Deutscher Meister, Pokal-Halbfinale und UEFA-Cup-Halbfinale.

** Seit dem 5:1 Sieg der Berliner in Wolfsburg verstößt Hertha-Bashing nicht mehr gegen die Genfer Konvention.

*** Ein Satz, den höchstens Fritz von Thurn und Taxis noch homoerotischer formulieren könnte!

Der ganz normale Wahnsinn

Valencia C.F. – Werder Bremen 1:1

1899 Hoffenheim – Werder Bremen 0:1

Werder Bremen – Valencia C.F. 4:4

Werder Bremen – VfL Bochum 3:2

Was haben sich die feinen Herren eigentlich dabei gedacht, als sie am 4. Februar 1899 diesen Wahnsinnsverein gründeten? Schlaflose Nächte, graue Haare, Bluthochdruck, Herzrasen, unkontrolliertes Muskelzucken, Heiserkeit – ich hätte mich wirklich vorher über die Nebenwirkungen informieren sollen, bevor ich Werderfan wurde. Was ich in den letzten Tagen durchgemacht habe, lässt sich nur noch mit football in a nutshell beschreieben. Die Nussschale ist dabei das Weserstadion, das mal wieder Zeuge eines Fußballspiels wurde, das nur am entfernt mit diesem Sport verwandt zu sein schien.

Los ging es eine Woche vorher in Valencia. Ein Wahnsinnsspiel. Werder bekommt einen Elfmeter geschenkt und steuert auf ein gutes Auswärtsergebnis zu. Valencia fährt wütende Angriffe, Werder kontert mitunter gefährlich. Dann gibt es eine rote Karte für eine Tätlichkeit abseits der Kameras. In der Folge spielt Werder in Überzahl und Valencia mit der Leidenschaft eines verliebten Teenagers und der Vehemenz eines angriffslustigen Stiers. Die Bremer verlieren die Bälle nach spätestens drei Stationen wieder, bekommen den Ball nur durch hohe Bälle aus der eigenen Hälfte. Die Kontergelegenheiten werden so hilflos hergeschenkt, als wüsste man nicht über die eigenen Defensivschwächen. In dieser Phase servierte man Valencia das Weiterkommen auf dem Silbertablett, doch die Spanier griffen nicht zu. Am Ende kam Werder ohne blaues Auge davon, hatte ein sehr akzeptables 1:1 im Gepäck, das man zuhause verteidigen durfte. “Verteidigen” – man hätte es da schon wissen müssen.

Am Wochenende zwischen Valencia spielte Werder gegen die ebenfalls 1899 gegründete, aber erst ein Jahrhundert später entdeckte TSG Hoffenheim. Eigentlich konnte man es sich nicht leisten, hier Kräfte zu schonen und Punkte herzuschenken. Ersteres tat man trotzdem, während man letzteres vermeiden konnte. Ein biederes, von Taktik geprägtes Spiel. Völlig untypisch für Werder. Es erinnerte ein wenig an die letzte Rückrunde, als man diese Spiele ähnlich anging, dann aber meistens nichts entgegenzusetzen hatte, wenn der Gegner ernst machte. Zum Glück machte Hoffenheim nicht ernst, spielte nur eine Handvoll Chancen heraus, die allesamt das Ziel verfehlten. So musste Tim Wiese keinen einzigen Schuss abwehren und durfte beobachten, wie Werder es in der Schlussphase besser machte. Claudio Pizarro. Wer sonst?

1:0 gewonnen, beste Auswärtsmannschaft der Liga, nun also volle Konzentration auf Valencia. Musste ja kein Spektakel werden. Auf ein 0:0 durfte man kaum hoffen (“auf ein 0:0 hoffen” ist ein Gedankengang, der den meisten Nicht-Werderfans wohl ohnehin völlig fremd sein dürfte), aber vielleicht ein schönes 2:1. Bloß nicht zu viel riskieren am Anfang. Lieber nur mit einem Stürmer auflaufen, Almeida dann als Joker rein und hoffen, dass Frings und Borowski mal ein gutes Spiel zusammen vor der Abwehr abliefern. Und bevor der Gedankengang zu Ende geführt wurde, stand es auch schon 0:1. In den folgenden 20 Minuten suchte ich unser zentrales Mittelfeld vergeblich. Der Raum vor der Abwehr war völlig verwaist, 6 Spieler ständig in des Gegners Hälfte, die anderen 4 formierten sich bei Bedarf zur Viererkette, über deren Wirkungslosigkeit man die Spieler ruhig mal aufklären dürfte, wenn eben jenes besagte defensive Mittelfeld fehlt. Hunt, Marin und Özil sind tolle Spieler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, allerdings auch mit außergewöhnlichen Schwächen. Sobald der Ball nicht mehr in den eigenen Reihen ist, stellen sie den Spielbetrieb komplett ein, folgen Laufwegen, die so beliebig wirken, dass man Angst haben muss, sie könnten sich auf dem Spielfeld verlaufen und den Weg zurück in die Kabine nicht finden. Wie sollen die defensiven Mittelfeldspieler ihren Aufgaben im Spielaufbau nachkommen, wenn sich keiner der genannten genötigt sieht, mal ein paar Sekunden für sie abzusichern? Werder überspielte diese Fehler eine Zeit lang mit guten, aber erfolglosen Angriffen. Sah doch eigentlich ganz gut aus und noch war auch nichts verloren. Und schon stand es 0:2.

Es dauerte nur 20 Minuten bis Schaaf einsehen musste, dass mit dieser Formation heute kein Blumentopf zu gewinnen war. Doch was tun? Bargfrede gesperrt, Niemeyer verletzt und eigentlich auch schon viel zu spät, um defensiv noch etwas zu retten. Nein, der Trainer ging lieber zum totalen Angriff über. Wenn schon untergehen, dann richtig! Lieber 3:6 als 0:3! Almeida kam für den bedienten Borowski, der somit gleich zweimal in diesem Spiel zum Opfer der Bremer Taktik wurde. Es dauerte keine 5 Minuten bis sich der Wechsel im Ergebnis bemerkbar machte und Almeida auf 1:2 verkürzte. Den Chancen nach war dieses Ergebnis schon zu diesem Zeitpunkt ein Hohn, doch das interessierte den Ball nicht, der bekanntermaßen nur dann ins Tor fliegt, wenn von einem der Sportskameraden dorthin befördert wird. Ein wahrer Experte in dieser Disziplin ist David Villa, der von Werder kurz vor dem Pausenbier erneut eingeladen wurde, seine Künste zu präsentieren. Den besten Platz hatte sich Mesut Özil gesichert, der aus nächster Nähe gebannt zuschaute, wie Villa Silvas Hereingabe verwertete. Überhaupt David Silva. Hatte den Bremern niemand erzählt, dass dieser kleine Mann gut mit dem Ball umgehen kann und ihn auch gerne mal seinen Mitspielern in den Lauf passt? Im Nachhinein betrachtet war es keine tolle Idee, ihn da in der Zone zwischen Mittellinie und Strafraum einfach mal machen zu lassen was er wollte. So bändigt man keinen spanischen Nationalspieler.

Der Bremer Weg schien direkt in den Untergang zu führen. Nach der Pause zeigte Werder jedoch, dass man dorthin wenigstens mit fliegenden Fahnen reiten laufen wollte. Das Bremer Stehaufmännchen kennen wir aus den entscheidenden Spielen dieser und der letzten Saison zur Genüge. Meistens wurde es belohnt. Viel fehlte dazu auch gegen Valencia nicht. Die zweite Hälfte war eine Orgie des bedingungslosen Angriffsfußballs – also eine nahtlose Fortsetzung der ersten Hälfte. Auf die 60 Meter in der Mitte des Spielfelds hätte man bei der Verlegung des neuen Rasens vor diesem Spiel getrost verzichten dürfen. Das Resultat waren wieder Torchancen im Minutentakt, doch nun fast nur noch für Werder. Im Gegensatz zur ersten Hälfte belohnte sich Werder dafür. 2:3 durch einen von Frings verwandelten Elfmeter. 3:3 durch eine Bauernfinte von Özil und Marin. Wieder einmal einen doppelten Rückstand aufgeholt, wie schon in der Liga gegen Nürnberg, Wolfsburg, Leverkusen und Stuttgart. Doch erstens reichte das an diesem Tag nicht und zweitens wartete man diesmal nicht bis in die Schlussminuten, sodass Villa aus Abseitsposition einen aus einer Bremer Ecke resultierenden Konter zum 3:4 vollenden durfte. Das durfte doch nicht wahr sein! Da hatten sich Valencias Spieler ab der 46. Minute darauf beschränkt, den Ball möglichst lange aus dem Spiel zu halten und nun das. Das war so ungerecht, so… typisch Werder!

Wer zuhause vier Tore kassiert, kann einfach nicht weiterkommen. Das geht eben nicht! Doch Werder weigerte sich beharrlich, diese bittere Wahrheit einzusehen. Die Einstellung dieser Mannschaft ist schon Wahnsinn. Was man in der Rückwärtsbewegung nicht an Metern zu laufen bereit ist, macht man in der Vorwärtsbewegung um das Dreifache wieder gut. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Sollen doch die anderen den starren Regeln der Fußballlehre folgen, wir machen lieber Spektakel. Allen voran Marko Marin, der in dieser Rückrunde der bessere Özil ist und immer effektiver wird. Unglaublich, was der Junge am Ball alles kann! Unermüdlich kurbelte er Werders Angriffe an, verlor kaum Bälle, obwohl er volles Risiko ging. Es zahlt sich nun aus, dass Schaaf ihn in der Hinrunde behutsam aufbaute und ihn selten länger als 70 Minuten spielen ließ. Bei Mesut Özil ist das Gegenteil der Fall. Ihm muss man einfach zugestehen, dass er seit 1 1/2 Jahren quasi ohne Pause in drei Wettbewerben plus A- und U21-Nationalmannschaft spielt und momentan kräftemäßig nicht mehr drin ist. Sonst wäre er womöglich der Spieler gewesen, der nach Pizarros erneutem Ausgleich den Unterschied ausgemacht hätte. Verzwiefelt rannte Werder an, den unerschütterlichen Glauben an das Fußballwunder im Gepäck. Das erlösende 5:4 wollte gegen die spanischen Bodenturner aber einfach nicht gelingen. So schied diese Mannschaft, die sich bis in die 5. Minute der Nachspielzeit nicht mit ihrem Schicksal abfinden wollte, aus dem Wettbewerb aus und ließ trotzdem ein Stadion voller stolzer und glücklicher Menschen zurück.

Dieses Spiel will erstmal verdaut werden. Offensiv ist das europäische Spitzenklasse, defensiv Amateurklasse, doch diese beiden Tatsachen lassen sich nicht trennen, sie bedingen einander. Und auf Dauer gesehen verzichtet man als Fan (als Spieler sowieso) lieber auf einen Teil des Spektakels, wenn man dafür nicht immer wieder aussichtslosen Rückständen hinterher laufen muss. Die Mannschaft hat sich Respekt verdient, die Fans in Ekstase versetzt und  für einen weiteren besonderen Abend im Weserstadion gesorgt. Doch obwohl ich wirklich stolz auf diese Mannschaft bin, die mit besserer Chancenverwertung auch 5-8 Tore hätte schießen können, würde ich doch gegen ein langweiliges 0:0 und das damit verbundene Weiterkommen tauschen. Zwei Herzen schlagen uswusf.

Es dauerte nur zwei Tage, bis Werder demonstrierte, dass man wenig bis gar nichts aus dem Spiel gegen Valencia gelernt hatte und ich einsehen musste, dass mir das eigentlich ganz recht ist. Mit einer stark veränderten Mannschaft spielte Werder 45 Minuten lang Fußball zum Abgewöhnen. Der VfL Bochum war zu Gast und war nicht gewillt, den Bremern Spalier zu stehen. Prokoph nutzte eine der vielen Unachtsamkeiten in der Defensive zu einem perfekt getimeten Pass auf Werderschreck Sestak, der Wiese keine Chance ließ und das 0:1 erzielte. Eingeladen hatten zu diesem Pass Naldo und Prödl, die so schlecht sortiert standen, dass Prokoph den sich bietenden Raum einfach nutzen musste. Hinten also alles wie gewohnt. Nach vorne ging ohne Özil, Hunt und Pizarro wenig bis gar nichts. Rosenberg ist momentan einer der schlechtesten Stürmer der Bundesliga und tat auch gestern wieder einiges dafür, diesen Ruf zu untermauern. Es tut mir wirklich Leid für ihn, denn eigentlich kann er es ja viel besser, aber bei Werder hat er nun genügend Chancen verstreichen lassen und sollte zum Saisonende woanders sein Glück suchen. Auch sonst lief wenig zusammen und so gab es zur Halbzeit Pfiffe, wo die Fans zwei Tage zuvor noch elektrisiert waren.

Es war die zweite Halbzeit in der Werder dann endlich sein ganzes Repertoire zeigte. Naldo mit hohem Ball in den Strafraum, den Pizarro volley so sicher vollstreckte, wie er es bei hundertprozentigen Einschussmöglichkeiten nur selten vermag. Dann das obligatorische Einreißen des Erreichten mit dem Hintern, als man einen Konter der Bochumer in drei Zweikämpfen nicht entscheidend behindern konnte und Dedic frei vor Wiese die erneute Führung erzielte. Wir kennen das: 0:1 und 1:2 gegen Wolfsburg und Leverkusen hinten, 0:2 gegen Nürnberg und Stuttgart hinten und jedesmal am Ende noch 2:2 gespielt. Diesmal dauerte es nur zwei Minuten, bis Werder den Fehler ausbügelte. Marin mit einer großartigen Einzelaktion. Perfektes Timing, technisch eine Augenweide und endlich auch mit dem unbedingten Zug zum Tor. Wieder mal 2:2. Und diesmal sollte es endlich auch gelingen, mehr als einen Punkt aus so einem Spiel mitzunehmen. “Joker” Torsten Frings, der für den stark blutendenen Tim Borowski spät ins Spiel gekommen war, fasste sich ein Herz, knallte den Ball aus 30 Metern volley aufs Tor und profitierte von einem Bochumer Abwehrspieler, der den Schuss unhaltbar ins eigene Tor abfälschte. Richtigerweise spielte Werder die Führung dann nicht souverän über die Zeit, sondern gab Tim Wiese noch zwei Gelegenheiten, sich in höchster Not auszuzeichnen. Am Ende war es Rückkehrer Sebastian Boenisch, der den letzten Bochumer Angriff auf der Torlinie abblockte und Werder den Sieg rettete.

So schön diese unwahrscheinlichen Comebacks auch sind, so sehr sie einen an diesen Verein fesseln und so wenig ich mit dem erfolgreichen 1:0-Fußball der Schalker tauschen möchte – würde man einfach auf die katastrophalen Aussetzer verzichten, stünde Werder nun im Viertelfinale der Europa League und wäre auch in der Bundesliga noch im Kampf um die Meisterschaft vertreten. Aber man kann eben nicht alles haben. Und so bleibt das bekannte Gefühl, dieses Mittelding aus Ärger und Freude über unseren so außergewöhnlichen Verein, der mit unseren Gefühlen in einem Spiel mehr Karussel fährt, als andere Vereine mit denen ihrer Fans in einer ganzen Saison. Und mit etwas Distanz betrachtet könnte genau dies der Grund dafür sein, dass es so unglaublich geil ist, ein Werderfan zu sein.