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Gedanken zu Werders System 2014/15

Wohin geht die Reise bei Werder in dieser Saison? Im Verein gibt man sich betont optimistischer als in der letzten Saison. Ein Mittelfeldplatz soll her, möglichst ein Einstelliger. Die Zeichen dafür sehen trotz des Abgangs von Aaron Hunt nicht schlecht aus. Mit Galvez und Hajrovic hat Eichin zwei starke Transfers zum Nulltarif eingetütet und dazu mit Bartels eine brauchbare Alternative verpflichtet. Das Gerüst des Kaders steht, auch wenn es noch Positionen gibt, auf denen Werder etwas dünn besetzt ist. In der zweiten Reihe wird es daher auch darauf ankommen, dass zwei bis drei Spieler aus dem Nachwuchs den Anschluss schaffen. Aussichtsreichste Kandidaten hierfür sind Zander und Aycicek, aber auch dem bei der U19-EM auftrumpfenden Selke kann man Chancen einräumen.

Eine sehr wichtige Frage ist auch, wie Robin Dutt in der kommenden Saison das Team taktisch weiterentwickeln möchte. In der letzten Saison war viel Basisarbeit gefragt, deren Erfolg erst gegen Ende der Saison sichtbar wurde. Darauf gilt es nun aufzubauen. Präferiertes System scheint dabei weiterhin die im letzten Saisondrittel gut funktionierende Raute zu sein. In der Vorbereitung wurde auch schon mit einer Dreierkette getestet, die spätestens seit der WM wieder im Mainstream angekommen ist. Möglich ist auch, dass Dutt ohne Hunt auch noch einmal sein früher präferiertes 4-3-3/4-3-2-1 auspackt. Ein 4-2-3-1 scheint hingegen eher unwahrscheinlich.

Dutts Raute

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Es ist noch nicht lange her, dass die Raute als Auslaufmodell galt, vor allem in Bremen. Das lag natürlich vor allem an Werders Defiziten in den letzten Jahren unter Schaaf, die allerdings nicht nur im Rautensystem, sondern auch im 4-2-3-1 und 4-1-4-1 zum Vorschein kamen. In der letzten Saison zeigte sich dann auch in Bremen, dass Raute nicht gleich Raute ist. Vor allem im Spiel gegen den Ball wurde dies deutlich, namentlich im Pressing und Gegenpressing. Die Raute wird nun ähnlich wie bei Tuchels Mainzern dazu verwendet, den Gegner früh auf eine Seite zu locken und dort anzupressen. Die Überzahl im Zentrum (bspw. gegen ein 4-2-3-1) wird für mehr Kompaktheit genutzt. Das von mir in der Vergangenheit gerne kritisierte Loch vor der Viererkette taucht nur noch selten auf.

Dennoch lässt die Raute der letzten Saison noch Wünsche offen. Das Flügelspiel war bestenfalls durchschnittlich, wobei die Stürmer gegen Ende der Saison hier klar aufsteigende Tendenz zeigten und häufiger im richtigen Moment den Weg auf die Flügel suchten. Hier steht Dutt nun vor der Frage, ob er die Außenverteidiger noch offensiver agieren lassen will (wie vor einem Jahr versucht) oder lieber auf eine konservativere Ausrichtung setzt. Letzte Saison spielte Garcia häufig offensiver als Fritz auf der anderen Seite, sodass eine Asymmetrie entstand, die sich mit Werders linkslastiger Ausrichtung deckte. Luca Zander böte auf der rechten Seite sicherlich andere Möglichkeiten, was das Offensivspiel angeht.

In Ballbesitz lässt sich der Sechser häufig zwischen die Innenverteidiger fallen, so dass im Aufbau ein 3-4-1-2 entsteht. Spielen beide Außenverteidiger offensiv, kommt es nicht nur auf die Abstimmung mit den außen absichernden Innenverteidigern an – die links mit Caldirola und Garcia schon sehr gut funktioniert – sondern auch auf die Rolle der beiden Achter. Ihnen kommt in dieser Auslegung der Raute die wohl wichtigste Funktion im Team zu. Sie müssen sowohl die Flügel als auch den Sechser absichern, situativ in die Spitze vorstoßen, die richtige Balance beim Pressing finden und zum Überladen die Seiten wechseln. Für Dutt besteht die Herausforderung darin, die richtige Mischung aus kreativen und destruktiven Spielern zu finden. Wohl auf keiner Position hat er soviel Auswahl: Mit Bargfrede, Makiadi, Selassie, Obraniak, Aycicek, Junuzovic und Bartels kommen gleich sieben Spieler für zwei Positionen in Frage.

Das Aufbauspiel, das letzte Saison zwar gute Ansätze zeigte, jedoch kaum weiterentwickelt wurde, ist eine weitere Baustelle. Spielerisch war das Mittelfeld zu schwach, um per Kombinationsspiel ins Angriffsdrittel zu gelangen. Die langen Bälle auf den linken Flügel erwiesen sich als probates Mittel, waren jedoch eher aus der Not geboren und machten Werder sehr ausrechenbar. Das soll in der neuen Saison anders werden. Der Schlüssel hierzu ist in der Raute der Sechser, der von ganz hinten die Bälle verteilt und somit das Aufbauspiel dirigiert. Hier steht mit Kroos ein talentierter, aber noch kein richtig guter Ballverteiler zur Verfügung. Bargfredes Passspiel ist besser als von vielen behauptet, aber er hat seine stärken eher im Kurzpassspiel als in der strategischen Spieleröffnung. Gut möglich daher, dass Dutt hier auf Neuzugang Galvez setzt, der von einem der passsichersten Vereine Europas kommt. Dies wird auch davon abhängen, ob Prödl noch verkauft wird und Glavez in der Innenverteidigung benötigt wird. Seine Ansätze im Testspiel gegen Bilbao waren jedenfalls vielversprechend.

Das Weltmeister-System

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Auch wenn es in nahezu allen deutschen Medien ab dem Viertelfinale falsch dargestellt wurde: Deutschland spielte bis zu Kramers Verletzung im Finale bei der WM durchgängig ein 4-3-3. Nun ist Werder in puncto Passspiel und Pressingresistenz nicht annähernd auf vergleichbarem Niveau wie die Nationalmannschaft und kann sich deren Spielweise nicht als Vorbild nehmen. Dutts 4-3-3/4-3-2-1 System, mit dem er bei Freiburg, Leverkusen und auch zu Beginn in Bremen agieren ließ, weist dennoch einige Parallelen zum deutschen WM-System auf. Hierzu zählen die Asymmetrie auf dem Flügel, die einrückenden Außenspieler und der Fokus auf die Kontrolle des Zentrums. In der letzten Saison konnte Dutt seinen wichtigsten Offensivspieler Aaron Hunt nicht sinnvoll in dieses System einbauen. Zudem verfügte er nicht über einen geeigneten Mittelstürmer für ein Ein-Stürmer-System. Nach Hunts Abgang und Di Santos Formanstieg scheint der Weg für das 4-3-3 in dieser Saison frei zu sein. Gegenüber der Raute hat das System den Vorteil, dass die Flügel in der Offensive besser genutzt sowie Elia und Hajrovic gemeinsam eingebaut werden können.

Das 4-3-3 dürfte wohl vor allem dann zum Einsatz kommen, wenn in der Raute keiner der Kandidaten für die 10er-Position überzeugen kann und man ein direkteres Spiel über die Flügel bevorzugt. Defensiv ändert sich durch die 4-3-Stellung von Abwehr und Mittelfeld nicht viel, doch das System hat den Vorteil, dass aufrückende Außenverteidiger einen direkten Gegenspieler haben. Anders als in Schaafs 4-1-4-1 vor zwei Jahren gehen die Außenstürmer jedoch nicht mannorientiert jeden Weg mit, sondern es wird insgesamt schmaler gestanden und der Gegner erst dann gestellt, wenn der Ball bereits auf dem Flügel ist (vgl. Pressingfalle). Auch schalten sich die Achter nur selten ins Angriffspressing ein.

Schwachpunkt des Systems ist die Vernachlässigung des 10er-Raums. Hier muss es zwischen Außenstürmern und Achtern eine gute Abstimmung geben, da ansonsten eine Lücke im offensiven Zentrum klafft und der Mittelstürmer isoliert wird. Wie man es richtig macht, zeigte bspw. Atletico Madrid in der letzten Saison, die in einem flachen 4-4-2 trotzdem ständig Anspielstationen im Zehnerraum schufen. Defensiv kann die Formation dann problematisch werden, wenn sich die Außenstürmer unzureichend am Defensivspiel beteiligen und der Gegner das Dreiermittelfeld auseinander ziehen kann.

Experiment Dreierkette

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Der Taktiktrend der WM hinterlässt Spuren im Vereinsfußball: Louis Van Gaal versucht gerade sein 3-5-2-System zu Manchester United zu importieren und Pep Guardiola experimentiert wie vor drei Jahren in Barcelona mit einem 3-4-3. Nicht weiter verwunderlich also, dass auch bei Werder ein System mit Dreierkette diskutiert wird, zumal man mit Galvez einen passstarken Innenverteidiger verpflichtet hat, der eigentlich zu stark für die Ersatzbank ist. Neben der Option, Galvez im defensiven Mittelfeld einzusetzen, bleibt auch die Möglichkeit, ihn zwischen Prödl und Caldirola als dritten Innenverteidiger aufzubieten. Im Spielaufbau dürfte dies auch in den anderen Systemen häufig zu dieser Aufstellung kommen, warum also die Abwehr nicht gleich zu einer Dreierreihe umformieren?

Besonders wichtig ist in diesem System die Rolle der Außenspieler, Wingbacks genannt, die sowohl in der Offensive für die Breite sorgen als auch defensiv die Dreierkette unterstützen müssen. Ihre Rolle ist der in einer Raute nicht unähnlich, nur dass sie noch mehr offensive Verantwortung tragen und defensiv zumindest theoretisch besser durch die Innenverteidiger abgesichert werden können. Garcia liegt diese Spielweise sicherlich eher als Fritz, sodass neben Newcomer Zander auch Gebre Selassie eine Alternative als rechter Wingback wäre. Das Risiko eines solchen Systems besteht darin, dass man von passsicheren Gegnern mit starken Außenstürmern weit nach hinten gedrängt werden kann und dann Probleme bekommt, das 5-3-2 wieder aufzulösen. Im Extremfall werden auch noch die Sechser weit nach hinten gedrängt (wie es etwa den Niederlanden bei der WM gegen Mexiko passierte), sodass bis zu sieben Spieler auf einer Linie stehen.

Eine wichtige Frage wäre dann noch, ob Dutt im Mittelfeld die in Raute und 4-3-3 verwendete “1-2-Stellung” im Mittelfeld bevorzugt (also ein Sechser und zwei Achter) oder ob man lieber mit einer “2-1-Stellung” spielt. Letztere ist die gebräuchlichere Variante, die im Ballbesitz (auch hier eine Parallele zur Raute) zu einem 3-4-1-2 wird. Das 3-3-2-2, das im erstgenannten Fall entsteht, ist risikoreicher, bietet in der Offensive aber mehr Möglichkeiten. Konsequent wäre die 2-1-Variante, weil durch den dritten Innenverteidiger ein Einrücken eines Mittelfeldspielers in die Abwehrkette nicht mehr nötig ist – der Sechser des 1-2-Mittelfelds steht quasi schon eine Reihe weiter hinten. Für die beiden Sechserpositionen kommen dann auch Spieler wie Makiadi und Selassie in Frage, die eigentlich eher Box-to-Box Spieler sind als klassische Sechser. Eine Variante mit nur einem Stürmer (3-3-3-1 bzw. 3-3-1-3) halte ich für äußerst unwahrscheinlich.

Ohnehin dürfte das 3-5-2 zunächst nur eine taktische Alternative sein, nicht jedoch der Plan A des Trainers. Bei Werder hätte das System wohl vor allem den Zweck, die Defensive zu verstärken und nicht (wie etwa bei Bayern oder Chile) mehr Spieler im Mittelfeld zu haben. Man kann es sich nicht leisten, die Wingbacks im Stile von Außenstürmern agieren zu lassen und wäre so noch mehr von der individuellen Stärke der Offensivleute abhängig. Das kann angesichts des Substanzverlusts der letzten Jahre in diesem Bereich nicht das Ziel sein. Eine WM, die nur einen Monat lang andauert und bei der jedes Gegentor das Aus bedeuten kann, ist dann eben doch etwas anderes, als eine Bundesligasaison, in der die Gegner viel Zeit haben, sich auf ihre Gegner einzustellen und in der man ein Defensivsystem im Laufe der Spielrunde. Dennoch: Das 3-5-2 ist eine spannende Option, die Werder mit dem aktuellen Personal gut spielen kann.

Das 4-2-3-1 als Notlösung

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Vorbei die Zeiten, in denen das 4-2-3-1 die automatische Default-Taktik im Weltfußball war. Eine Entwicklung, die vor vier Jahren noch nicht ersichtlich war, die jedoch wieder einmal beweist, dass keine Formation der anderen per se überlegen ist, sondern immer in Abhängigkeit zum jeweiligen Entwicklungsstand des Fußballs steht. Es wäre allerdings falsch zu behaupten, dass das 4-2-3-1 und seine nahen Verwandten, das 4-4-2 und das 4-4-1-1 gegen den Ball, ausgedient haben. Und auch wenn derzeit nichts daraufhin deutet, dass Dutt einer Rückkehr zum 4-2-3-1 plant, sollte man diese Variante nicht ausschließen. Ein paar Vorteile bietet dieses System nämlich schon noch. Es gehört inzwischen zur Grundausbildung des Fußballs und wird von allen Spielern verstanden, sodass es keiner großen Umstellung bedarf, auf ein 4-2-3-1 umzustellen. Daher kann es auch im Laufe der Saison oder auch im Laufe eines Spiels problemlos eingesetzt werden, wenn es die Umstände erfordern. Diese Umstände dürften dann eher im defensiven Bereich oder der Taktik des Gegners begründet sein, denn in der Offensive scheint dieses System auch weiterhin nicht optimal zu Werders Personal zu passen.

Wofür entscheidet sich Dutt?

Derzeit deutet alles darauf hin, dass Dutt sich zum Saisonbeginn für die Raute entscheidet. In den nächsten Wochen kann zwar noch viel passieren, doch es müsste wohl schon einiges schief laufen, damit Dutt von der Taktik abweicht. Weitere Abgänge und/oder Neuverpflichtungen könnten dabei ebenfalls eine Rolle spielen. Das Gerüst des Teams steht jedoch und solange keine tragenden Säulen den Verein verlassen, wird Dutt daran festhalten. Offene Planstellen sind derzeit eigentlich nur im Mittelfeld zu finden, wo die Auswahl groß ist und kein Spieler als gesetzt gilt. Hier bleibt abzuwarten, ob sich bis zum Saisonauftakt eine klare Hackordnung herausbildet oder Dutt in den ersten Pflichtspielen noch puzzelt.

Dutt ist jedoch kein Trainer, der stur an einem System festhält. Es würde mich schon sehr überraschen, wenn die Raute die komplette Saison über verwendet würde. Werders taktische Flexibilität ist mit den Neuverpflichtungen gewachsen und abhängig von Gegner, Spielstand und aktueller Form wird Dutt sicherlich die Formation anpassen. Gut möglich also, dass wir alle vier hier vorgestellten Varianten früher oder später zu sehen bekommen. Wichtig bleibt vor allem, dass Dutt mit seinem System den geeigneten Rahmen schafft, in dem er die taktischen Feinheiten und das Passspiel seiner Mannschaft weiterentwickeln kann. Denn 2014/15 dürfte für Werder eine “Trainersaison” werden, eine Spielzeit, in der es sehr auf die Entwicklung der Mannschaft ankommt, wenn man sich tatsächlich von Anfang an aus dem Abstiegskampf heraushalten möchte.

Gedanken zu Dutts Werdersystem

Vor dem zweiten Saisonspiel gegen Augsburg ein paar Gedanken zu Werders System und Dutts Umstellungen:

“Einfach so wie Barcelona”

Gegen Ende der vorletzten Saison, als Werder unter Thomas Schaaf noch mit der Raute spielte, sagte Taktikexperte Martin Rafelt von spielverlagerung.de im Grünweiß-Podcast, dass Werder zur Not einfach immer noch so spielen könne wie Barcelona. Gemeint war damit folgendes: Aus der Grundformation der Raute lässt sich mit ein paar Anpassungen ein ähnliches Spielsystem aufziehen, wie es der FC Barcelona aus einer 4-3-3 Grundordnung heraus praktiziert. Schaut man sich das System an, das Robin Dutt im Pokal angewendet hat, lässt sich eine große Ähnlichkeit hierzu erkennen: Mit Hunt stand ein Offensivallrounder in der Spitze, der seine Position ständig verließ und überall auf dem Feld anzutreffen war. Die Flügelstürmer agierten eher eng und stießen immer wieder in den von Hunt hinterlassenen Raum vor. Dahinter stand ein Dreiermittelfeld, das aus einem defensiven und zwei eher offensiv orientierten Spielern zusammengesetzt war. Gemeinsam mit den hoch aufrückenden Außenverteidigern und dem einrückenden Sechser finden wir also viele Elemente, die der FC Barcelona unter Guardiola und Vilanova (mit Ausnahme der Saison 2011/12) in seinem Spiel hatte.

Genauso kann man jedoch das System in die Gegenrichtung auseinander nehmen: Die Grundstellung in Abwehr und Mittelfeld unterscheidet sich nicht von der einer Raute (bzw. einem 4-3-1-2). Es braucht nicht viel Phantasie, sich die “falsche 9″ Hunt als flexiblen Zehner und die beiden “Außenstürmer” Füllkrug und Petersen als Doppelspitze vorzustellen. Et voila, schon haben wir eine moderne Version der Raute. Das sind selbstverständlich nur taktische Spitzfindigkeiten, doch es stellt sich schon die Frage, wo Dutt mit Werder taktisch hin möchte. Das Spiel in Braunschweig war hier sehr aufschlussreich. Auf dem Papier waren die Umstellungen minimal, doch durch die noch engere Stellung der Flügelspieler und die zurückhaltenderen Außenverteidiger lagen die Schwerpunkte an anderen Stellen und jede Ähnlichkeit zu Barcelonas 4-3-3 oder einer Raute war verschwunden. Dies deutet darauf hin, dass Dutt ein System etablieren möchte, das möglichst flexibel und anpassungsfähig an den Gegner ist.

Proaktiv oder Reaktiv?

Im vorletzten Grünweiß-Stammtisch sprachen wir davon, dass Werder in dieser Saison mehr aus der Position des Underdogs agieren und reaktiver spielen kann. In Braunschweig war dies jedoch nicht der Fall. Werder hatte zwar nicht deutlich mehr Ballbesitz als der Gegner, war jedoch das Team, das häufiger den Ball durch die eigenen Reihen schob, während der Gegner abwartete und auf schnell Umschaltmomente lauerte. Auch in der Bewertung wurde deutlich, dass Werder in diesem Spiel als die proaktive Mannschaft wahrgenommen wurde, denn während Braunschweig in der ersten Halbzeit vor allem als “vorsichtig” beschrieben wurde, bekam Werder das negativere Attribut “ideenlos” verliehen (wohingegen zweifellos beide Mannschaften sowohl vorsichtig als auch ideenlos gespielt haben). Die Ausgangslage war klar: Werder sollte das Spiel machen und die Akzente setzen. In der zweiten Halbzeit änderte sich der Spielverlauf und Werder war nun die reaktivere Mannschaft, während Braunschweig sich ab der 60. Minute aus der Deckung traute. Auch wenn Werder in dieser Phase einige Probleme bekam, fiel letztlich auch das Siegtor aus dieser Situation heraus: Ein schneller Konter gegen einen aufgerückten Gegner.

Man darf daher auch weiterhin die Frage stellen, ob Werder derzeit ein reaktiver Stil (zumindest von den Ergebnissen her) besser zu Gesicht steht. Es ist allerdings auch davon auszugehen, dass Robin Dutt sich nicht damit begnügen wird, Werder zu einer reinen Kontermannschaft zu formen. Dies gibt der momentane Kader auch nicht wirklich her. Dutt ist bekannt als ein Trainer, der sein System immer auch am Gegner ausrichtet. Dafür spricht sowohl das fluide Dreiermittelfeld als Kernpunkt seiner Systeme als auch die verschiedenen Zusammensetzungen der Offensivreihe. Bis zu einem gewissen Grad wird seine Mannschaft daher vermutlich immer darauf ausgerichtet sein, die Stärken des Gegners zu neutralisieren. In Heimspielen und gegen schwächere Teams dürfte Dutt jedoch darüber hinaus seine eigene Spielidee entwickeln wollen. Somit darf man gespannt sein, wie Werder dies gegen Augsburg versucht. Der FCA reist ungeachtet der letzten Ergebnisse als Underdog nach Bremen und wird sicherlich nicht scharf darauf sein, das Spiel zu machen.

Mehr Breite gegen Augsburg?

Gegen Braunschweig stand die Dominanz im Zentrum im Vordergrund. Gegen Augsburg könnte sich dieser Fokus wieder mehr auf die Außen verlagern, sowohl offensiv als auch defensiv. Augsburg spielte zuletzt in einem 4-1-4-1, bei dem mit Holzhauser und Hahn zwei Spieler die offensiven Außenbahnen besetzen, die ihrem Team Breite geben. Vor allem Hahn sucht sein Glück gerne in Flankenläufen.  Holzhausers Spiel ist direkter und er wird sicherlich häufig den Weg vom Flügel in/an den Strafraum suchen. Zusammen steuerten beide gegen Dortmund sieben Flanken bei, zu denen noch fünf weitere Flanken der Außenverteidiger kamen. Auch gegen Werder erwarte ich einen Fokus auf Angriffe über die Flügel. Hier stellt sich die Frage, ob Dutt es seinen Außenverteidigern zumutet, zusätzlich zu dieser erhöhten Defensivarbeit auch alleine für die offensive Breite zu sorgen. Gegen Saarbrücken spielten auf den Flügeln zwei Mittelstürmer, gegen Braunschweig zwei Mittelfeldspieler. Gut möglich, dass Dutt gegen Augsburg hier auf “echte” Außenstürmer (Elia, Arnautovic, Yildirim) zurückgreift oder (was ich mir eher vorstellen könnte) asymmetrisch aufstellt. Dies wäre z.B. der Fall, wenn links Elia oder Yildirim den Flügel besetzen und Hunt auf der rechten Seite so eingerückt spielt wie in Braunschweig.

Dazu wurde mit Franco Di Santo rechtzeitig vor dem Spiel ein neuer Offensivspieler verpflichtet, der zumindest theoretisch gegen Augsburg schon im Kader stehen könnte. Bei ihm stellt sich die Frage, welche Rolle er zukünftig in Dutts System ausfüllen soll. Di Santo ist nicht gerade als Goalgetter bekannt, käme aber für die Position als Spitze oder “falsche 9″ ebenso in Frage, wie für die beiden (eingerückten) Außenpositionen. Ebenso denkbar wäre ein Einsatz als hängende Spitze hinter einem Stoßstürmer wie Petersen. Ein 4-4-2 hat Werder in der Vorbereitung schon getestet. Es könnte zumindest als Alternativsystem in Frage kommen. Di Santos Verpflichtung sehe ich sehr positiv. Er bringt all die Fähigkeiten mit, die Petersen bislang abgehen: Gute Ballbehauptung und -verarbeitung, starke Technik und ein Gespür für Räume. Diese Fähigkeiten fehlten Werders Angriff in letzter Zeit mehr als Vollstreckerqualitäten (die Petersen trotz seine Torflaute in der letzten Rückrunde zweifellos hat).

Das 4-2-4-0 – einmaliges Experiment oder echte Alternative?

Thomas Schaaf überraschte im Testspiel gegen Trabzonspor mit einem taktischen Experiment: Ohne echten Stürmer, aber dafür mit einem flexiblen Sechser-Mittelfeld trat Werder die Partie an. Marko Arnautovic blieb dabei außen vor, mit der Begründung, dass er im ersten Rückrundenspiel gegen Dortmund ohnehin gesperrt ist. Haben wir also die Formation gesehen, mit der Schaaf den Doublesieger bezwingen will? Könnte das 4-2-4-0 sogar als Alternative zum in der Hinrunde gespielten System werden?

Ohne Mittelstürmer – mit variabler Doppelsechs

Bislang spielte Werder in dieser Saison personell ein 4-3-3, welches meist als 4-1-4-1 ausgelegt wurde. Das neue System unterscheidet sich hauptsächlich dadurch, dass ein zusätzlicher Mittelfeldspieler im Zentrum eingesetzt wird und dafür die Sturmspitze wegfällt. Konkret bedeutete dies im Testspiel gegen Trabzonspor, dass Clemens Fritz im Zentrum neben Junuzovic spielte und Nils Petersen aus der Sturmspitze auf Arnautovics rechte Außenbahn versetzt wurde. Auf dem Papier ist dies also zunächst eine defensive Umstellung.

Im Spiel gegen den Ball war dies auch tatsächlich so zu beobachten: Die Außenstürmer spielten mannorientiert gegen die gegnerischen Außenverteidiger und rückten dadurch oft neben oder sogar hinter Fritz und Junuzovic. Hunt und De Bruyne pressten an vorderster Front, wodurch sich eine 4-4-2 Formation ergab. Interessant waren die Verschiebungen, mit denen Werder das System immer wieder veränderte. Nur einer der Sechser (meist Junuzovic) spielte fest vor der Abwehr, während sich der zweite immer wieder ins Angriffspressing einschaltete. Das Ergebnis war ein fluider Wechsel zwischen dem in der Hinrunde dominierenden 4-1-4-1 und besagtem 4-4-2 im Spiel gegen den Ball. Gegen Hoffenheim, als Ignjovski und Fritz für Hunt und Junuzovic ran mussten, hatte man bereits ähnlich agiert.

Falsche Neun oder falsche Zehn?

Damals hatte man jedoch eine klare Sturmspitze in den eigenen Reihen, die gegen Trabzonspor nicht vorhanden war. Interessanter war denn auch das Spiel in Ballbesitz und wie Werder versuchte, die Überzahl im Mittelfeld auszunutzen. Wie üblich unter Schaaf hatte jeder Mittelfeldspieler auch in der Offensive seine Aufgabe zu erfüllen. Einer der Sechser schob bei so ziemlich jedem Angriff mit vor, während der andere für die Absicherung sorgte. Die beiden im 4-1-4-1 als Achter bezeichneten Hunt und De Bruyne spielten hingegen so weiträumig in der Offensive, dass sie sich einer konkreten Bezeichnung fast entzogen. Meiner Meinung nach trifft hier weder die „falsche Neun“ noch die „falsche Zehn“ den Nagel auf den Kopf.

Häufig war De Bruyne der offensivere der beiden und besetzte sporadisch auch die Sturmspitze. Anders als bei einer „falschen Neun“ bestand seine Aufgabe jedoch nicht vor allem darin, die Innenverteidiger durch geschicktes Entgegenkommen aus der Viererkette zu ziehen. Vielmehr versuchte er, sich durch Läufe aus dem Sturmzentrum auf den Flügel Platz zu verschaffen, etwa so, wie es letzte Saison Markus Rosenberg getan hatte. Hunt agierte häufig ein paar Meter dahinter und stieß ebenfalls nur teilweise ins Sturmzentrum vor. Den gegnerischen Innenverteidigern sollte somit der Zugriff entzogen werden.

Werders 4-2-4-0-System

Werder im 4-2-4-0-System. In weiß sind die wichtigsten Offensiv-Varianten markiert, in schwarz die wichtigsten Defensivvarianten

Die Rolle von Nils Petersen

Hierfür gab es einen triftigen Grund: Die Rolle von Nils Petersen. Anders als Arnautovic ist er auf dem Flügel vieler seiner Stärken beraubt, während seine Schwächen noch mehr zum Vorschein kommen. Man müsste also von einer glatten Fehlbesetzung sprechen (was viele getan haben), wenn er seine Position an der Außenbahn strikt eingehalten hätte. Im gegnerischen Drittel wurde aus dem Rechtsaußen jedoch regelmäßig ein Mittelstürmer, der den direkten Weg vom Flügel in den Strafraum suchte. Das Ziel war es dabei, ihn im Rücken der Innenverteidiger in gefährliche Abschlusspositionen zu bringen und dann mit Hereingaben zu füttern. Diese Taktik funktionierte über das gesamte Spiel gesehen relativ gut, wobei Werder schon anzumerken war, dass es noch Abstimmungsbedarf bei Lauf- und Passwegen gibt. Leider vergab Petersen einige hochkarätige Gelegenheiten, doch Trabzonspors Hintermannschaft hatte große Probleme, sich auf Werders Spielweise einzustellen.

Durch Petersens häufiges Einrücken fehlte Werders Spiel auf der rechten Seite die Breite. Dadurch bekam das Offensivspiel von Rechtsverteidiger Gebre Selassie eine große Bedeutung. Er spielte ein gutes Stück höher als sein Gegenstück Schmitz auf der anderen Seite und schaltete sich häufiger in Werders Angriffe ein. Um das Risiko auf der rechten Seite nicht zu groß werden zu lassen, erwies sich der zusätzliche Mittelfeldspieler als wichtig, denn Fritz deckte häufig den Halbraum hinter Selassie ab, wenn dieser einen Vorstoß wagte. Dennoch besteht hier ein Risiko und einige Male wären Werder schlechte Abstimmungen fast zum Verhängnis geworden, als Trabzonspor in Selassies Rücken kontern konnte.

Hat das neue System Zukunft?

Wenn man das Spiel gegen Trabzonspor als Experiment betrachtet, wie soll man es bewerten? Zumindest in Teilen ist es geglückt. Der Gegner wurde überrascht und mit Hunt und De Bruyne hat man die Spielertypen im offensiven Mittelfeld, die man für ein stürmerloses Spiel braucht. Aus einer 4-4-2 Defensivformation kann offensiv durch situatives Verschieben schnell zwischen 4-2-4-0, 4-2-3-1 und 4-1-4-1 gewechselt werden.

Bei vier zentralen Mittelfeldspielern besteht jedoch auch die Gefahr, dass sie sich gegenseitig die Wege zustellen und das Offensivspiel vor dem Strafraum versandet. Teilweise wirkten die Bewegungen im Mittelfeld so unorthodox, dass es schwer fiel zu unterscheiden, was gewollte Rochaden und was schlecht abgestimmte Laufwege waren. Letztlich wird auch entscheidend sein, ob der Vorteil, den Werder durch Petersens Abtauchen auf dem Flügel und das folgende, überraschende Auftauchen im Strafraum hat, den Nachteile seiner Schwächen auf der Außenbahn und das Fehlen eines Mittelstürmers übertrifft.

Ob das neue System gegen Borussia Dortmund eine brauchbare Option ist, lässt sich nach einmaliger Ansicht schlecht beurteilen. In der Hinrunde überraschte man Dortmund schon einmal mit einem System ohne echten Mittelstürmer. Damals hielt De Bruyne jedoch meistens die Position vor dem Mittelfeld, während dies gegen Trabzonspor nicht der Fall war. Ich bin gespannt, ob Werder auch im nächsten Spiel gegen Wolfsburg das System weiter testet oder doch zur Ausgangsformation zurückkehrt. Ob das System auch nach Arnautovics Rückkehr weiterhin ein Thema ist, wird sich zeigen. Interessant ist es allemal, dass Schaaf den Verzicht auf einen (klassischen) Stürmer nicht völlig aus den Augen verloren hat.

Mit neuem System zu neuen Höhen?

Bevor Sebastian hier ab morgen wieder exklusiv aus dem Trainingslager in Belek berichtet, bringe ich schnell noch meine Hinrundenanalyse. Nachdem der erste Teil rein auf Zahlen basiert war, habe ich im zweiten Teil versucht, Werders neues Spielsystem ein wenig auseinander zu nehmen. Fangen wir ganz hinten an.

Torwartspiel

Der Unterschied zwischen Sebastian Mielitz und Tim Wiese ist offensichtlich. Man hatte sich schon so sehr an die “alte” Torwartschule gewöhnt, dass es nun fast wie eine Revolution wirkt. Dabei spielt Mielitz gar nicht so “modern” wie manch anderer Keeper der Liga. Ein mitspielender Torwart ist er aber in jedem Fall. Er antizipiert gut und versucht häufig, Chancen durch frühes Rauslaufen direkt zu unterbinden. Das wirkt manchmal noch etwas ungestüm, doch ist insgesamt schon ziemlich gut.

Ein weiterer großer Unterscheidungspunkt zur Vorsaison sind die Abwürfe. Mielitz schlägt nur selten lang ab, sondern baut das Spiel meistens durch einen kurzen Abwurf auf. Dieser geht häufig auf einen der Außenverteidiger, insbesondere auf die linke Seite. Allerdings versucht Mielitz häufig, das Spiel durch einen schnellen, langen Abwurf zu beschleunigen. Das Umschalten der Mitspieler klappt jedoch noch zu selten, so dass meistens der Gegner schon alle gefährlichen Räume zugestellt hat, bis ein Mitspieler anspielbar ist.

Aufbauspiel

In der Spieleröffnung ist kaum eine Weiterentwicklung zu erkennen. Werders erfolgreiche Aufbauvariante früherer Jahre, der Vertikalpass vom Innenverteidiger ins (defensive) Mittelfeld, ist im heutigen Fußball kaum noch möglich. Wie schon in der Vorsaison baut Werder das Spiel daher meistens über die Außenverteidiger auf. Das überrascht, denn bei vielen Konkurrenten ist es inzwischen Standard, dass ein “abkippender Sechser” aus dem Mittelfeld die Schaltzentrale im Aufbauspiel übernimmt. Dabei nutzen sie den Außenverteidigerraum, die Außenverteidiger selbst schieben hingegen ins Mittelfeld vor. Bei Werder tun sie dies erst im laufe eines Angriffs, nicht aber in der ersten Aufbauphase.

Der Außenverteidiger wird also vom Torwart oder vom Innenverteidiger angespielt. Letzte Saison hatte dieser nun die Option, das Spiel durch einen Diagonalpass auf einen der Achter zu eröffnen oder selbst den Freiraum zu nutzen, den eine 4-4-2 Defensivformation dem Außenverteidiger gewährt, und den Ball am Fuß nach vorne zu tragen. Im Gegensatz zur Vorsaison hat er nun noch eine Option mehr: Vor ihm steht ein Flügelstürmer, der den direkten Pass nach vorne ermöglicht. Letzte Saison stand ihm diese Möglichkeit erst zur Verfügung, wenn einer der beiden Spitzen den Weg an die Außenbahn gefunden hatte.

Da viele Teams vor allem darauf bedacht sind, das Zentrum dicht zu halten, ist der Vertikalpass auf den Außenstürmer häufig einfacher, als der Pass auf den Achter. Manche Gegner (Mainz, Leverkusen) versuchen durch ihre Spielweise, diese Pässe geradezu zu provozieren, um dann gezielt auf den Außenstürmer pressen zu können. Wenn möglich versucht Werder daher trotzdem, das Spiel nicht einseitig entlang einer Linie aufzubauen, sondern die beiden Achter Hunt und de Bruyne ins Spiel zu bringen. Somit wird das Spiel über den Umweg der Außenverteidiger ins zentrale Mittelfeld getragen.

Von dort sollen nun die Angriffe eingeleitet werden. Hierbei kommt wiederum den Flügeln große Bedeutung zu. Neben dem gewohnten Kurzpassspiel sind lange Diagonalpässe auf die Flügel ein wichtiges Element in Werders Spiel geworden. Die Flügel sind offensiv immer besetzt, da Elia und Arnautovic häufig an der Außenbahn kleben. Den Achtern kommt damit nicht nur die Rolle des Ballverteilens zu. Sie müssen auch die Außenstürmer auf den Flügeln unterstützen, damit diese dort nicht isoliert werden. Der einziger Sechser Junuzovic hat daher auch die Aufgabe, den Achtern zumindest einen Teil dieser Arbeit abzunehmen und schiebt in Ballbesitz mit nach vorne. Wenn nun noch der jeweilige Außenverteidiger nachrückt, kann die Seite “überladen” werden, d.h. Werder hat Überzahl in Ballnähe.

Ich sehe derzeit zwei Grundprobleme in Werders Spielaufbau: Zum einen ist der Aufbau über die Außenverteidiger zu ineffizient. Werders Aufbau ist relativ “linkslastig”, vor allem Mielitz wirft den Ball viel häufiger auf Schmitz als auf Selassie. Es erschließt sich mir nicht, warum der “einfüßigste” Spieler im Team mit der Spieleröffnung betraut werden sollte, wenn man drei kreative Mittelfeldspieler auf dem Platz hat. Zudem ist es für den Gegner relativ einfach, den Weg zurück in die Mitte dicht zu machen, da Werders Spieler statisch ihre Positionen halten und selbst Gegner mit hoher Mannorientierung kaum in ihrer Formation durcheinander gebracht werden. Wie man mit aggressivem Pressing auf die Außenverteidiger jegliche Luft aus Werders Aufbauspiel nehmen kann, hat Freiburg bei Werders doch sehr schmeichelhaften Auswärtssieg dort gezeigt.

Der zweite Schwachpunkt ergibt sich ein Stück weit aus dem ersten: Die Außenstürmer kleben fast immer am Flügel. Dadurch wird das Spiel breit gemacht und theoretisch sollte sich durch die Streckung der gegnerischen Viererkette häufiger Lücken in der Mitte finden lassen. Wenn der Gegner kompakt verteidigt, “verhungert” der Außenstürmer auf der gegenüberliegenden Seite jedoch häufig. Er ist für seine Mitspieler nur mit langen, horizontalen oder diagonalen Bällen erreichbar und muss dann in Ballbesitz erst warten, bis ein Teamkollege auf die Seite gerückt ist, um eine Anspielstation zu haben. Hierdurch vergeht zu viel Zeit, die der Gegner nutzen kann, um kompakt auf seine Seite zu verschieben. Paradoxerweise hatte Werder in der Hinrunde zu viel Breite, während man in der Vorsaison häufig zu wenig Breite im Spiel hatte.

In der Rückrunde sollte man meiner Meinung nach versuchen, den Spielaufbau mehr über Junuzovic oder de Bruyne laufen zu lassen, die Außenverteidiger im Aufbau ein Stück weiter nach vorne schicken und die Flügelstürmer von ihren Fesseln an der Außenlinie befreien. Vor allem Elia dürfte davon profitieren. Allerdings würde diese eigentlich kleine Änderung Auswirkungen auf quasi jeden Mannschaftsteil haben, bräuchte also erneut eine gewisse Zeit, bis alle Abläufe sitzen. Für realistisch halte ich es bei Schaaf aber sowieso nicht.

Flügelspiel

Durch die doppelte Besetzung der Außen hat das Flügelspiel bei Werder deutlich an Bedeutung gewonnen. Dennoch kann man bei Werder nicht wirklich von einer Flügelzange sprechen. Wie eben erwähnt machen Elia und Arnautovic das Spiel meistens sehr breit, wodurch sie immer auch der Gefahr ausgesetzt sind, auf ihren jeweiligen Flügeln isoliert zu werden. Der Vorteil, beide Flügel jederzeit anspielbar zu haben, verringert sich immens, wenn der Ball tatsächlich auf einer der Außenbahnen ist: Der andere Flügel ist dann weit weg und in der Zeit, der der Ball für einen Seitenwechsel braucht, könnte auch der Außenverteidiger nachrücken und die Position einnehmen. Es wäre also vermutlich effektiver, wenn die Außenstürmer zumindest dann wesentlich zentraler agieren würden, wenn der Ball auf dem gegenüberliegenden Flügel ist.

Das Flügelspiel selbst ist vor allem auf Hereingaben von Höhe des Sechzehners ausgerichtet. Sololäufe parallel zur Strafraumlinie mit Torabschluss sieht man eher selten bei Werder. Stattdessen findet sich häufig ein Dreieck aus Flügelstürmer, Außenverteidiger und Achter, das Versucht, sich in Richtung Grundlinie zu kombinieren und von dort aus Petersen per Flanke ins Spiel zu bringen. Eher selten gelingt es dabei (wie bei Elias Torvorlage von der Torauslinie) hinter die Abwehr zu kommen.

Insgesamt verströmen Werders Flügels trotz Arnautovics passabler Torquote zu wenig Torgefahr. Im ersten Halbjahr des Bremer Flügelrevivals hat man noch nicht den Bogen raus, wie man über die Außenstürmer echte Torgefahr erzielt. Auch hier denke ich, dass es förderlich wäre, wenn Elia und Arnautovic nicht so sehr an den Außenbahnen kleben würden und den Ball häufiger in tornaher Position erhalten.

Abschluss

Nils Petersen ist insgesamt ein guter Strafraumstürmer und enorm kopfballstark, aber technisch vor allem im Vergleich zu einem Claudio Pizarro doch limitiert. Auch wenn Werders “schlechte Chancenverwertung” (wie im letzten Post gezeigt) vor allem in den Köpfen von uns Fans existiert, hätte vor allem Petersen mit einer besseren Grundtechnik sicher 2-3 Tore mehr erzielt.

Ansonsten fehlt es Werder teils an Präsenz im Strafraum. Der Weg für die Außenverteidiger ist weit, so dass Petersen teilweise auf sich allein gestellt ist, wenn keiner der Achter schnell mit vorstößt. Hier ist vor allem bei Aaron Hunt auffällig, dass er den Weg in den Strafraum scheut, sei es auf Anweisung oder aus eigenem Antrieb. Er bleibt fast immer an der Strafraumgrenze stehen, auch wenn die Spielsituation etwas anderes erfordern würde. Somit ist Werder noch zu sehr von Petersen oder individuellen Geniestreichen von Hunt oder de Bruyne abhängig.

Pressing

Einer der größten Unterschieden zur Vorsaison ist das deutlich verbesserte Pressing. Letzte Saison zählte Werder zu den pressingschwächsten Teams der Liga. Man verzichtete (besonders in der Rückrunde) fast völlig auf Angriffspressing und auch das Gegenpressing war nicht gut. In der Hinrunde 11/12 kassierte man in Kombination mit einer hoch stehenden Viererkette so viele Kontertore. In der Rückrunde verteidigte Werder tiefer, doch trotzdem blieb man anfällig für Gegentore.

In dieser Saison wollte man das Spiel wieder mehr in die gegnerische Hälfte verlagern. Das gesamte Team beteiligt sich am Pressing. Petersen ist hierbei eine große Bereicherung, weil sein Spiel ohne Ball auf gutem Niveau ist und er viele Wege gegen die gegnerischen Innenverteidiger macht. Meistens presst Werder in einem 4-1-4-1, wobei die beiden Außenstürmer sehr mannorientiert verteidigen. Je höher die gegnerischen Außenverteidiger angreifen, desto tiefer stehen Elia und Arnautovic. Mitunter ergibt sich so (wie z.B. gegen Leverkusen) eine Art 6-1-2-1 Defensivformation. Ein 4-3-3 sieht man im Pressing dagegen eher selten. Es sind meist die Achter, nicht die Außenstürmer, die Petersen an vorderster Front unterstützen. Gelegentlich presst Werder auch in einem 4-4-2, am deutlichsten wohl gegen Hoffenheim, wo Ignjovski und Fritz meist eine Doppelsechs gaben.

Mit dem Pressing hat sich auch das Umschaltspiel nach Ballgewinn verbessert. Gerade wegen den oben besprochenen Problemen im Aufbauspiel haben die Konter einen höheren Stellenwert in Werders Spiel bekommen. Besonders auswärts spielt Werder in dieser Saison häufig mit einer Kontertaktik. Die nötigen Umschaltspieler dafür hat man in den Reihen. Besonders Junuzovic ist hier hervorzuheben, der das Spiel nach Ballgewinn oft schnell macht. Allerdings spielt Werder viele gute Kontergelegenheiten unsauber zu Ende. Auf mich wirkt es nicht selten so, dass die Spieler nicht genau wissen, welchen Laufweg sie wählen sollen, was es dem ballführenden Spieler erschwert, den Angriff schnell zum Abschluss zu führen.

Das Umschaltspiel nach Ballverlust ist noch immer ausbaufähig. Insbesondere die beiden Achter schalten hier gerne mal ab und brauchen zu lange, um nach verloren gegangenen Bällen den Defensivmodus zu finden. Gerade wenn man sieht, wie hart und unermüdlich bei vielen Top-Teams gegen den Ball gearbeitet wird, sollten Spieler in unmittelbarer Ballnähe sofort ins Gegenpressing übergehen, bzw. den Weg zurück in die Defensivordnung finden. Abwinken und unbeteiligtes nebenher Traben möchte ich in der Rückrunde nicht mehr sehen.

Defensives Mittelfeld

Die meisten Trainer hätten auf Werders langjährige Probleme im defensiven Mittelfeld wohl reagiert, indem sie zunächst eine solide Doppelsechs mit wenig Offensivdrang installieren. Schaaf bleibt auch im neuen System bei einer Lösung mit nur einem nominellen Sechser. Dass dieser im Normalfall Zlatko Junuzovic heißt und eigentlich bislang im offensiven Mittelfeld anzutreffen war, macht die Sache nicht uninteressanter. Junuzovic spielt eine starke Saison, ist sehr fleißig und laufstark. Als Staubsauger und Lückenfüller hat er einen großen Aktionsradius.

Durch das weite Aufrücken der beiden Achter im Pressing bleibt für Junuzovic aber häufig extrem viel Raum zum Abdecken. Eigentlich müsste er ein Stück nachrücken, um den Abstand zu Hunt und de Bruyne gering zu halten. Das dabei entstehende und an dieser Stelle häufig diskutierte Loch vor der Viererkette kann von clever agierenden Gegnern ausgenutzt werden. Werders Antwort darauf besteht darin, dass die Innenverteidiger häufig antizipativ aus der Kette herausrücken, was jedoch in ihrem Rücken eine neue Lücke entstehen lässt.

Auch offensiv kommt Junuzovic eine tragende Rolle zu. Im Spielaufbau rückt er häufig weit auf und überlässt de Bruyne den defensivsten Part im Mittelfeld. Im Laufe des Angriffs nimmt er dann jedoch meistens wieder die tiefste Mittelfeldposition ein.

Insgesamt ist Werders Problem vor der Abwehr alles andere als gelöst. Dank Junuzovics individueller Stärke funktioniert das System einigermaßen, aber insgesamt wirkt Werders Mittelfeld zu unausgeglichen und zu offensivorientiert. Hier holen andere Mannschaften mit individuell schwächeren Spielern mehr heraus.

Abwehrkette

Früher galten die Außenbahnen als Werders große Schwäche, weil hinter den aufgerückten Außenverteidigern und der generell sehr hoch verteidigenden Viererkette Raum für Konter bestand. Heute verteidigt Werder generell tiefer und im Gegensatz zu vielen anderen Mannschaften rücken die Außenverteidiger erst spät mit auf. Zudem werden sie defensiv seit dieser Saison von den Außenstürmern gut unterstützt. Eigentlich sollte diese Schwachstelle nun also behoben sein. Dennoch kassiert Werder häufig Gegentore über die Außen. Es sind allerdings weniger die Konter, die Werder das Leben schwer machen, sondern mehr die Flanken. Etliche Male musste man Gegentore nach Flanken hinnehmen, obwohl man im Strafraum in Überzahl war. Das Zentrum wird hierbei nicht gut verteidigt. Es fehlt an Ballorientierung, vor allem wenn die Flanken in die Schnittstellen zwischen Innen- und Außenverteidiger kommen.

Fazit

Werder hat sich in einigen Belangen deutlich verbessert. Hierzu zählen Flügelspiel, Pressing und teilweise auch das Umschaltspiel. In anderen Bereichen ist hingegen kaum ein Fortschritt zu erkennen. Das Loch im Zentrum besteht noch immer und kann nur durch die Aufmerksamkeit von Junuzovic und den Innenverteidigern partiell geschlossen werden. Das Aufbauspiel ist relativ leicht zu unterbinden und es fehlt an Alternativen. Das defensive Umschalten ist ebenfalls noch nicht so gut, wie es sein sollte.

Dazu haben sich ein paar neue Probleme aufgetan. Statt zu wenig hat man nun eher zu viel Breite im Spiel, dafür fehlt in der Mitte die Präsenz im Strafraum, für die zu oft allein Petersen zuständig ist. Es gibt jedoch auch neue Chancen, die der Umbruch mit sich bringt. Werder hat ein junges und lernfähiges Team. Die meisten Spieler sind taktisch gut ausgebildet und es gibt nur wenige Stars, bzw. solche, die sich dafür halten.

Wie in den letzten beiden Halbserien zeigte sich auch diesmal, dass vor allem in der Vorbereitung gut gearbeitet wurde. Der Umbruch ist auch im Spielsystem gelungen und die ersten Fortschritte waren (trotz meiner Skepsis) zu Saisonbeginn erkennbar. Leider war es dann wie auch schon in der letzten Saison: Im Laufe der Hinrunde gab es viel Stagnation. Der Spielaufbau wurde kaum verfeinert, die Effizienz der Konter nicht gesteigert und auch defensiv ist man weiterhin so anfällig, wie in den letzten beiden Jahren. Es wirkt auf mich so, als warte man einfach darauf, dass sich das Team besser einspielt und dann schon alles besser klappt.

Vor der Rückrunde stellt sich nun die Frage, wie Thomas Schaaf diese Defizite beheben will. Es muss vor allem defensiv eine deutliche Steigerung her, wenn man den vielen Worten Taten folgen lassen und ins internationale Geschäft einziehen will. Mit ein paar guten Ansätzen wird sich am Saisonende niemand zufrieden geben wollen, erst recht nicht, wenn dies die gleichen Ansätze sind, die so schon im September zu sehen waren und seitdem nicht weiterentwickelt wurden.

Die Hinrundenbilanz:

Teil 1: Werders Hinrunde in Zahlen
Teil 2: Mit neuem System zu neuen Höhen?
Teil 3: Zeugnisausgabe – Die Einzelkritik

Bremer Scheuklappen

Kaum eine Mannschaft wird in Bremen so gerne unterschätzt, wie Hannover 96. Es ist bitter zu akzeptieren, dass der gefühlt immer noch kleine Nordrivale in den letzten beiden Jahren an Werder vorbeigezogen ist. Am Anfang konnte man Hannover noch wegen des wenig attraktiven Spielstils belächeln und die starke Saison 2010/11 als Ausreißer nach oben herunterspielen. Inzwischen hat sich Hannover jedoch in der erweiterten Bundesligaspitze etabliert und fußballerisch ungemein an Klasse hinzugewonnen.

Hannover auf dem Weg zur Spitzenmannschaft

Wer 96 heute immer noch als rein defensiv ausgerichtete Kontermannschaft ohne fußballerisches Können sieht, hat entweder lange kein Spiel mehr von ihnen gesehen oder eine grünweiße Brille mit Scheuklappen auf. Dennoch hört und liest man weiterhin viele Behauptungen von Werder-Fans, die in diese Richtung gehen. Es ist richtig, dass Hannovers größte Stärke noch immer im Umschaltspiel liegt. Zwischen Ballgewinn und Torabschluss liegen häufig nur wenige Sekunden. Mit reinem Konterfußball hat das jedoch nur noch wenig zu tun. Hannover hat das kompakte Spiel gegen den Ball sehr gut verinnerlicht und variiert geschickt zwischen abwartendem Verteidigen und Angriffspressing. Aber auch in Ballbesitz gehört Hannover mittlerweile zu den besseren Bundesligamannschaften. In den letzten zwei Jahren hat sich das Passspiel verbessert, der Spielaufbau ist variabler geworden und die Laufwege der Offensivspieler sind gut abgestimmt. Schlüsselspieler ist dabei Jan Schlaudraff, der den Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners so gut ausnutzt, wie kaum ein anderer Bundesligaspieler.

Das mag für manchen Werderfan wie eine Liebeserklärung klingen, aber ich bin weit davon entfernt, Hannover 96 zu mögen oder auch nur sympathisch zu finden. Dennoch ist es bemerkenswert, was man dort seit Mirko Slomkas Amtsantritt aufgebaut hat. Zwar kann man als Bremer zu Recht darauf verweisen, dass 96 im Vergleich zu Werders Erfolgen der letzten 10 Jahre noch nicht viel erreicht hat, doch es wäre naiv zu glauben, dass sich die scheinbar natürliche Rangordnung im Norden automatisch wieder einstellen wird. Derzeit ist Werder in Hannover trotz des ansprechenden Saisonstarts jedenfalls nicht der Favorit. Zu gut ist die Form der Niedersachsen, zu gravierend noch die Mängel in Werders Spiel.

Werders Probleme mit der Kompaktheit

Nun mag man einwenden, dass Werder den letzten direkten Vergleich im Weserstadion mit 3:0 gewonnen hat, aber das Spiel taugt kaum als Beleg für eine spielerische Überlegenheit der Grünweißen, die mancher Fan noch immer sehen will. Es zeigte jedoch, dass Hannover trotz aller Stärken kein übermächtiger Gegner ist. Die individuelle Klasse der einzelnen Spieler ist bei Werder auch nach dem Umbruch noch etwas höher anzusiedeln. Ein Ausfall Schlaudraffs, schlechte Chancenverwertung und effiziente Bremer Standards können da schon ausreichen, um Hannover zu besiegen. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Spielanlage auch in jenem Spiel deutlich für die Roten sprach und Hannover bis zur Halbzeit das Spiel bereits hätte entscheiden können.

Bei aller Freude über die positiven neuen Aspekte in Werders Spiel sollte man nicht übersehen, dass längst nicht alle Probleme der Vorjahre behoben sind. Die auffälligste (und gegen Hannover möglicherweise entscheidende) Schwachstelle war bislang die fehlende Kompaktheit, die vor allem zwischen Abwehrkette und Mittelfeld zu großen Lücken führte. Hannover wird genau diese Lücken suchen, um mit der zurückfallenden zweiten Spitze Schlaudraff und dem nach innen ziehenden Huszti hineinzustoßen. Thomas Schaafs Hauptsorge sollte vor dem Spiel also sein, wie er sein Team darauf einstellt. In der Vergangenheit hieß die Antwort häufig: überhaupt nicht. Der Glaube an die eigenen Stärken war so groß, dass man im Zweifel auch 2-3 Gegentore in Kauf nahm. Die Einladung nahm der Gegner dankend an. Allein aus den letzten beiden Duellen der Teams in Hannover hätte man ein Lehrvideo über modernes Umschaltspiel zusammenschneiden können.

Wie man Schlaudraff und Hannover stark macht

Jan Schlaudraff ist momentan wohl einer der besten “Lochspieler” der Liga. Er lässt sich aus seiner Position im Angriff immer wieder zurückfallen, weicht auf den Flügel aus und stößt dann in die Räume zwischen den Abwehrlinien. In seiner derzeitigen Form ist er sehr schwer zu verteidigen. In jedem Fall sollte man versuchen, die Räume zwischen den Linien gering zu halten und kompakt zu verschieben. Beides zählt nicht unbedingt zu Werders Stärken, aber die 4-1-4-1 Formation, die man in dieser Saison gegen den Ball einnimmt, eignet sich zumindest theoretisch gut dafür.

Hier ist Werders Formation aus dem Spiel gegen den HSV hypothetisch der Formation Hannovers aus dem Spiel gegen Wolfsburg gegenübergestellt:

Aufstellung Hannover 96 vs. Werder Bremen

Hannover im 4-4-2 mit Schlaudraff als hängender Spitze, Werder im 4-3-3 / 4-1-4-1

Auf dem Papier hat Werder eine 3-vs-2 Überzahl im Zentrum, die jedoch durch Schlaudraffs Bewegungsradius fast egalisiert wird.

Werders Pressingansatz aus dem Spiel gegen den HSV bestand darin, beide Achter mit nach vorne zu schieben, um die Aufbauspieler (inkl. des gelegentlich zurückfallenden Sechsers) unter Druck zu setzen und die Passwege in die Mitte zuzustellen. Die offensiven Flügelspieler agierten sehr mannorientiert und ließen sich gegen die aufrückenden Innenverteidiger weit mit nach hinten fallen. Im defensiven Zentrum klaffte deshalb ein Loch, das der HSV jedoch kaum ausnutzte:

Werders Pressing gegen den HSV

Ein Hamburger Sechser lässt sich nach hinten fallen (blauer Pfeil), beide Bremer Achter schieben nach vorne (weiße Pfeile), hinter ihnen klafft ein Loch (helle Fläche)

Gegen Hannover dürfte dieser Ansatz zu großen Problemen führen. Hannovers Spielaufbau ist darauf ausgelegt, diese Pressinglinie mit Hilfe von Dreiecken zu überspielen und den Ball zu einem der Sechser zu bringen. Dabei verschieben sie im Mittelfeld relativ weit auf die ballnahe Seite, um viele Passoptionen zu schaffen:

Hannovers Aufbauspiel gegen Werders Pressing

Hannovers Innenverteidiger, Außenverteidiger und Sechser bilden Dreiecke im Spielaufbau, um die gegnerische Pressinglinie zu umspielen

Wann immer der Ball hinter Werders Pressinglinie ins Zentrum kommt, steht der Sechser alleine in einem großen Raum. Er muss sich entscheiden, ob er den ballführenden Spieler unter Druck setzt und damit den Raum hinter sich öffnet oder riskiert, dass der Ball ungestört in die Schnittstelle gepasst wird. Schlaudraff und Huszti suchen gezielt diese Räume hinter dem gegnerischen Mittelfeld:

Angriff Hannover durchs Zentrum

Dilemma für Werders Sechser: Rückt er vor, lässt er Raum für die einrückenden Angreifer, hält er Kontakt zur Viererkette, kann der ballführende Spieler ungestört passen

Wie Werders Antwort aussehen könnte

Wie sollte Werders Defensivstrategie also aussehen? Mit einer kompakteren und etwas abwartenderen Spielweise könnte man es Hannover zumindest schwer machen, aus dem eigenen Aufbau zum Torabschluss zu kommen. Dazu müsste das Angriffspressing zurückgefahren werden und die beiden Achter müssten sich hauptsächlich darauf konzentrieren, Hannovers Mittelfeld keinen Raum zu geben. Die beiden Viererketten sollten dabei in geringem Abstand voneinander stehen, so dass der Sechser vornehmlich als Lochstopfer zwischen ihnen agieren kann. Die Flügelstürmer sollten nicht so sehr an den Außenlinien kleben und kompakt mitverschieben, wenn der Ball auf der gegenüberliegenden Seite ist:

Kompaktes Verschieben gegen den Ball

Vorsichtiges Angriffspressing erschwert es Hannover den Ball ins Mittelfeld zu einem der Sechser zu spielen, maximal einer der Achter geht ins Pressing

Werder mit kompaktem Zentrum

Durch geringere Abstände zwischen den Linien und kompakteres Verschieben (auch) der Flügelspieler wird der Raum im Zentrum eng gemacht

Gegen Hannovers größte Stärke, das schnelle Umschalten nach Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte, hilft dies allerdings nicht. Individuelle Fehler im Spielaufbau, wie beispielsweise von Josué vor dem 0:2 am letzten Spieltag, bestraft Hannover konsequent. Deshalb ist es wichtig, dass Werder im Spielaufbau variabel agiert, das schnelle Spiel über die Außen sucht und auch im Ballbesitz das Zentrum kompakt hält. Die Qualität in Werders Umschaltspiel sollte inzwischen ausreichen, um auch mit dieser Spielweise ein Tor zu erzielen.

Leider befürchte ich, dass man es dem Gegner wieder zu leicht machen wird und sich mit viel Kampf und Aufwand gegen eine erneute Niederlage im nicht mehr ganz so kleinen Nordderby stemmen muss.

Rezension: Spielverlagerung EM-Vorschau

Vorab: Die als E-Book erschienene Spielverlagerung EM-Vorschau ist keine leichte Kost. Die über 200 Seiten, die von ein paar Diagrammen abgesehen ausschließlich aus Fließtext bestehen, lesen sich nicht im Vorbeigehen. Das E-Book richtet sich an Menschen, die eindeutig zu viel Freizeit haben und mit dieser nichts besseres anzufangen wissen, als eben jenes E-Book zu lesen: Sogenannte “Fußball-Nerds”.

Ein Fußball-Nerd zeichnet sich dadurch aus, dass er von “polyvalenten Spielern” schwadroniert, im chaotischsten Mittelfeld noch ein “fluides System” erkennt und hinter jedem Stürmer, der freiwillig die eigene Spielhälfte betritt, eine “falsche Neun” vermutet. In der Fußballkneipe ist er der letzte, neben dem man sitzen möchte. Er erklärt auch dann noch gestenreich (und notfalls zur Verdeutlichung auch anhand von Kronkorken), was ein “abkippender Sechser” ist, wenn das Bier schon längst schal geworden ist. Alles in allem weiß der Fußball-Nerd nicht nur alles über Fußball, er weiß auch alles besser.

Wer sich von dieser Beschreibung nicht angesprochen fühlt, ist auf dieser Seite sowieso falsch und sicherlich nur durch einen unglücklichen Zufall hier gelandet, weil er bei Google nach “Clemens Fritz Freundin” oder ähnlichem gesucht hat. Allen anderen möchte ich die Spielverlagerung EM-Vorschau wärmstens ans Herz legen. In kleinteiligen Taktikanalysen werden hier die Teilnehmerländer vorgestellt, wie man es von spielverlagerung.de kennt. Dabei kommen unterschiedliche Stilmittel zum Einsatz, beispielsweise Portraits über Hansi Flick und Bert van Marwijk, ein Interview mit Zonal Marking Gründer Michael Cox sowie eine Retro-Analyse von Griechenlands Sieg bei der EM 2004.

Wer sich einen schnellen Überblick über die Teams verschaffen möchte, um beim Turnier wenigstens die Namen der wichtigsten Spieler der deutschen Gegner zu kennen, sollte lieber zu den üblichen Verdächtigen von Kicker oder Sport Bild greifen. Mannschaftsfotos und (unvollständige) Kaderlisten sucht man hier vergeblich. Stattdessen bekommt man tief gehende Erklärungen der Spielweise, der taktischen Ausrichtung und der Rollen der einzelnen Spieler. Der Fokus liegt hier ganz klar auf dem Fußball selbst. Dies ist zugleich die Stärke und die Schwäche des E-Books.

Die klare Ausrichtung weckt keine falschen Erwartungen. Hier bekommt man genau das, was einem versprochen wird, und das ist in sehr guter Qualität. Über 200 Seiten ist es manchmal ein wenig anstrengend zu lesen, aber das ist bei einem Werk dieser Tiefe kein größeres Problem. Durch die reine Beschränkung auf die einzelnen Mannschaften wirkt vor allem der Schluss ein wenig unrund. Hier würde man sich vielleicht noch einen abschließenden, allgemeineren Artikel wünschen: Einen Ausblick auf das Turnier, ein paar Worte zu den Gastgeberländern etc.

Keiner dieser Kritikpunkte wiegt jedoch wirklich schwer, zumal die Spielverlagerung EM-Vorschau in einer ganz eigenen Liga spielt. Über das Drumherum werden wir in den kommenden Wochen in der Berichterstattung in TV und Presse noch genug mitbekommen. Es ist schön, dass es nun auch ein EM-Heft gibt, in dem nur der Fußball im Mittelpunkt steht. Es ist weniger Konkurrenz für die etablierten EM-Sonderhefte, als Ergänzung für diejenigen, denen diese Sonderhefte nicht weit und tief genug gehen. Der Preis ist mit 5,95 € absolut angemessen. Schade, dass es keine gebundene Version gibt. Vielleicht ändert sich das bei entsprechendem Erfolg ja bei der WM 2014. Und Erfolg kann man diesem Projekt nur wünschen.

Was die Autoren von Spielverlagerung hier so “nebenbei” geschafft haben, ist mehr als nur ein Lob wert. Von daher wünsche ich mir und vor allem ihnen, dass sich das E-Book gut verkauft.

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5 Wege zum Erfolg bei den Bayern

Am Samstag trifft Werder auf den Ex-Tabellenführer aus München, der in einer Mini-Krise steckt. Was muss Werder tun, um sie zu einer echten Krise auszuweiten?

1. Die Statistiken vergessen

Bayern ist seit sechs Jahren in der Bundesliga ohne Heimsieg gegen Werder, Werder dafür seit über drei Jahren ohne Sieg gegen die Bayern. Wettbewerbsübergreifend hat Werder aus den letzten fünf Spielen gegen die Bayern ein mageres Unentschieden und vier Niederlagen eingefahren. Man kann sich diese Statistik also so hinbiegen, wie es einem gerade passt. Ähnliches gilt auch für die Statistiken innerhalb dieser Saison: Bayern hat nach Rückständen noch keinen Punkt geholt, Werder hingegen schon 16. Daraus kann man nur die falschen Schlüsse ziehen.

Gerade vor Spitzenspielen wird gerne auf diese Zahlenspiele zurückgegriffen. Die Spieler sollten das völlig ausblenden und sich nicht mit der Statistik beschäftigen. Außenseiter ist Werder sowieso. Was zählt ist einzig und allein die Konzentration auf den eigenen Matchplan. Rechenspielchen lenken nur vom Wesentlichen ab.

2. Laufen, laufen, laufen

Bayern München - Werder Bremen 2004

Der schönste Bremer Sieg in München vor 7 1/2 Jahren

Es klingt wie eine Plattitüde, aber in diesem Spiel wird es sehr auf die Laufstärke ankommen. In dieser Saison gehört Werder zu den laufstärksten Mannschaften der Bundesliga. Überhaupt wird in Werders Spielen sehr viel gelaufen, zumeist von beiden Mannschaften. Vieler dieser Spiele waren bis zum Ende hart umkämpft. Die Bayern kommen in der Regel mit deutlich weniger Laufstrecke aus, weil sie das Spiel mit ihrem starken Pass- und Positionsspiel meist beherrschen und damit Ball und Gegner laufen lassen. Nicht selten waren ihre Spiele nach 60 Minuten entschieden.

Natürlich sollte man die Laufdistanz nicht überbewerten. Dennoch muss Werder die Überlegenheit in diesem Bereich ausnutzen und die Bayern zum Laufen zwingen. Damit könnte man dem Gegner ein Stück weit das eigene Spiel aufzwingen. Vor allem Werders Mittelfeld mit Bargfrede, Fritz und Hunt ist ungemein laufstark. Auf sie wird es insbesondere ankommen, wenn man trotz Raute die bayerischen Flügelspieler doppeln möchte.

Extremes Vorwärtspressing ist nicht nötig. Mit dem Erfolgskonzept aus dem Spiel gegen Stuttgart (Stürmer attackieren nicht die Innenverteidiger sondern stellen die Passwege auf die Sechser zu), könnte man auch den Bayern den Spielaufbau erschweren. Darüber hinaus kommt es aber wieder auf Tempo und Laufbereitschaft an: Pressing im Mittelfeld, Doppeln auf den Außen, Nachsetzen der Stürmer gegen die Außenverteidiger und schnelle Gegenstöße.

3. Nicht zu tief stehen

Diese Warnung wirkt bei Werder fehl am Platz. Thomas Schaaf lässt zwar nicht mehr ganz so hoch verteidigen, wie noch vor ein paar Jahren, aber die Gefahr, zu tief zu stehen, ist normalerweise ziemlich gering. Gegen die Bayern ist das anders. Beim Pokalfinale letztes Jahr beispielsweise ließ sich Werder sehr tief in die eigene Hälft drängen und konnte dennoch nicht verhindern, dass Bayern zu zahlreichen Torchancen kam. Gegen die starken Flügelspieler ist es nicht ratsam, die Viererkette zu dich am eigenen Strafraum agieren zu lassen, zumal dann auch die gegnerischen Sechser viel Platz um den Mittelkreis herum haben, wenn man die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen nicht zu groß werden lassen möchte.

Andererseits ist bei einer sehr hohen Viererkette das Risiko groß, dass man mit langen Bällen ausgekontert wird und Spieler alleine aufs Tor zulaufen. Dieses Problem hatte man vor knapp zwei Jahren, als Werder gegen Bayern zuhause weitgehend chancenlos war und Robben mit Abdennour Katz und Maus gespielt hat. Es gilt also stets die richtige Höhe abzuwägen und immer wieder an den Spielverlauf anzupassen. Als Orientierung kann man die Verteidigungslinien von Mainz und Dortmund nehmen, die in den letzten Spielen einen guten Mittelweg gefunden haben.

4. Die Flügelzange festbinden

Robben und Ribery aus dem Spiel zu nehmen ist schwierig. Ständiges Doppeln ist dafür unabdingbar, was mit einem Mittelfeld mit Raute nicht leicht umzusetzen ist. Möglich ist es aber durchaus, wenn sich das Mittelfeld etwas flacher aufstellt. Dafür muss Marin als Zehner sich häufig neben Bargfrede fallenlassen, um das Loch zu stopfen, dass auf der Sechserposition entsteht, wenn die äußeren Rautenspieler weiter auf die Flügel rücken.

Andererseits wird Marin auch hinter den Spitzen als Anspielstation benötigt. Auf ihn kommt also eine anspruchsvolle Doppelrolle zu, die seine derzeitige Form auf eine harte Probe stellen wird.

Eine gute Visualisierung dazu gibt es bei ballverlust.net.

5. Den Schalter finden

Das Umschalten gehört nicht unbedingt zu Werders Stärken in dieser Saison. Gegen Stuttgart hat es aber ganz gut funktioniert. Es gab viele Balleroberungen im Mittelfeld, die sofort in Gegenangriffe umgewandelt wurden. Gegen die ballsicheren Bayern wird Werder es schwer haben, sich Torchancen herauszuspielen. Daher ist es umso wichtiger, nach Ballgewinn im Mittelfeld gegen den aufgerückten Gegner schnell zuzuschlagen und Konter einzuleiten. Wenn alles andere gut klappt, kann das den Unterschied zwischen einem hart erkämpftem Unentschieden und einem Auswärtssieg ausmachen.

Foto: Allie_Caulfield / flickr.com

Arsenal FC – FC Barcelona (Preview)

Da Werder sich früh aus dem Wettbewerb verabschiedet hat und ich hier im Blog nicht völlig auf europäischen Fußball verzichten möchte, streue ich von Zeit zu Zeit einen Eintrag zur Champions League oder Europa League ein. Den Anfang macht das Duell zwischen Arsenal und Barcelona.

Personal

Arsenal muss in dieser Saison (wie eigentlich immer) mit einigen langfristigen Ausfällen zurecht kommen. Abwehrchef Vermaelen hat die gesamte bisherige Saison verpasst, wurde zuletzt aber von Djourou hervorragend ersetzt. Diaby wird das Hinspiel verletzt ebenso verpassen, wie der gesperrte Sagna. Ansonsten gibt es viele positive Nachrichten aus London: Nasri ist nach seiner Verletzung rechtzeitig wieder fit geworden und wird wohl spielen, Arshavin findet langsam zurück in die Spur und Spieler wie Walcott, Van Persie, Song und Wilshere spielen seit Wochen in Bestform. Keine Selbstverständlichkeit bei Arsenal.

Bei Barcelona fehlt Kapitän Puyol verletzungsbedingt. Für ihn wird wohl Abidal in die Innenverteidigung rücken und Maxwell die vakante Position links in der Viererkette einnehmen. Ansonsten sind alle Spieler aus Barcas erster Elf an Bord. Umstellungen würden mich sehr überraschen, denn Barcelona wirkt in dieser Saison so sehr aus einem Guss, wie ich es selten bei einer Fußballmannschaft gesehen habe. Die fehlende Kadertiefe lässt es zudem nicht auf vielen Positionen, Spieler eins zu eins zu ersetzen.

Taktik

Beide Teams spielen ähnliche Systeme, wobei Barcelona gegenüber Arsenals 4-2-3-1 ein etwas offensiveres 4-1-2-3 bevorzugt.

Erwartete Aufstellung

Erwartete Aufstellung

Im Mittelfeld ergeben sich dadurch klare Zuteilungen: Arsenals 6er Song und Wilshere bekommen es mit Barcas Spielgestaltern Xavi und Iniesta zu tun und Sergio Busquets kümmert sich um Arsenals 10er Fabregas. Interessant werden vor allem die Duelle auf den Außen. Letztes Jahr hat Walcott Maxwell ziemlich alt aussehen lassen und war entscheidend für das – für Arsenal sehr glückliche – 2:2 im Hinspiel. Auf der anderen Seite hat Dani Alves einen derart großen Offensivdrang, dass sein Gegenspieler viel Defensivarbeit zu verrichten hat. Wenger dürfte froh sein, dass er Nasri wieder dort einsetzen kann und nicht auf den genialen, aber mitunter faulen Arshavin setzen muss. Andererseits könnte dieser vielleicht die Lücken in Barcas Defensive ausnutzen, die Alves Vorstöße hinterlassen.

Barcelonas Außenstürmer zieht es immer wieder in die Mitte. Besonders Villa sorgt so über die linke Seite für große Torgefahr, doch auch Pedro hat inzwischen eine imposante Trefferquote. Die beiden werden versuchen die gegnerische Viererkette weit ins Zentrum zu pressen und so Platz für die eigenen Außenverteidiger zu schaffen. Hierdurch könnte man auch Arsenals Außenverteidigern ein wenig den Offensivdrang nehmen.

Im Sturmzentrum bevorzugen beide Trainer (inzwischen) spielstarke Angreifer. Vor einem Jahr standen dort mit Bendtner und Ibrahimovic zwei Brecher, heute sind es mit Messi und Van Persie zwei Spieler, die die ganze feine Klinge schwingen. Beide spielen häufige eine „falsche Neun“, lassen sich also weit ins Mittelfeld zurückfallen, um die Innenverteidiger aus der Kette zu ziehen und Platz für ihre Mitspieler zu schaffen. Dennoch sind beide extrem torgefährlich: Van Persie kommt in den letzten zwölf Spielen auf zwölf Treffer und Messi spielt in dieser Hinsicht in einer ganz eigenen Liga (58 Tore in den letzten 55 Ligaspielen, 23 Tore in den letzten 29 CL-Spielen).

Aktuelle Form

Seit dem Sieg gegen Chelsea Ende letzten Jahres hat Arsenal eine tolle Siegesserie hingelegt. Nur der Ausrutscher beim epischen 4:4 in Newcastle trübt die Bilanz ein wenig. Dabei hat Arsenal nicht immer herausragend gespielt, aber war in den entscheidenden Momenten da und hat sich auch knappe Siege erarbeitet. Defensiv wirken die Gunners noch immer anfällig, auch wenn sie inzwischen weit weniger Gegentore kassieren.

Barcelona hat mit 16 Siegen in Folge einen neuen Rekord in der spanischen Liga aufgestellt, bevor man am Wochenende nur ein 1:1 bei Sporting Gijón holte. Barca dominiert die Primera Divison nach Belieben. Die Überlegenheit ist so groß, dass sich die Frage stellt, ob Barcelona wirklich so gut ist oder der Rest der Liga so schlecht. Vor dem Unentschieden am Samstag gewann Barca zehn mal in Folge mit drei oder mehr Toren Vorsprung, darunter auch das 5:0 gegen Real Madrid. Stellt das Duell mit einer Spitzenmannschaft der Premier League eine größere Herausforderung dar?

Prognose

Die Champions League ist nicht mit der heimischen Liga zu vergleichen. Die meisten spanischen Mannschaften haben einen deutlich anderen Stil als die englischen. Die Frage ist, wer sich besser auf den Stil des anderen einstellen kann. Im letzten Jahr dominierte Barcelona das Spiel in London 60 Minuten lang nach Belieben, bis ihnen die Puste ausging und Arsenal sich zurück ins Spiel kämpfte. Der Schlüssel zu Barcelonas Erfolg liegt wieder darin, das eigene Spiel ohne Rücksicht durchzusetzen, Arsenal früh zu pressen und das Geschick in die eigenen Hände zu nehmen. Von allen britischen Mannschaften dürfte Arsenal vom Stil her Barca am meisten entgegen kommen.

Für Arsenal muss es darum gehen, das kämpferische Element in ihrem Spiel noch mehr zu betonen, die Angriffe schnell zu Ende zu spielen und effizient zu sein. Einen offenen Schlagabtausch können sie gegen Barcelona nicht gewinnen. Leider ist Arsenal nicht sonderlich gut darin, tief zu stehen und die Angriffe des Gegners auf sich zukommen zu lassen. Die Lösung könnte partielles Pressing heißen, bei dem man etwas tiefer steht als gewöhnlich, aber Xavi und Iniesta im Mittelfeld bei der Ballannahme aggressiv unter Druck setzt. Gibt man den beiden Platz im Zentrum, muss man schon ein extrem feines Abwehrnetz spinnen können, um eine Chance zu haben. Die offensive Klasse Arsenals reicht allemal aus, um Barcas Abwehr in Bedrängnis zu bringen.

Ich glaube, dass das Duell ähnlich klar an Barcelona gehen wird, wie im letzten Jahr. Im Hinspiel vor den eigenen Fans traue ich Arsenal ein Unentschieden, vielleicht sogar einen knappen Sieg zu. Im Camp Nou wird man jedoch die Grenzen aufgezeigt bekommen. Alles andere als ein deutlicher Barca-Sieg würde mich dort sehr überraschen.

Tip:  Arsenal – Barcelona 1:1, Barcelona – Arsenal 3:0

Darf ich vorstellen: F.C. Internazionale Milano

Werders zweiter Gegner in der Gruppenphase der Champions League ist Inter Mailand. Es ist bereits das dritte Aufeinandertreffen in der Champions League seit 2004. Der Verein dürfte daher den meisten Werderfans ganz gut bekannt sein. Ich habe mich trotzdem an einer Vorstellung versucht:

Der Verein

Der vollständige Name des Vereins ist Football Club Internazionale Milano, doch meistens wird er kurz Inter genannt, wobei in Deutschland der obligatorische Städtename nicht fehlen darf. In diesem Fall ist es sogar richtig. Einigen wir uns also auf Inter Mailand. Gegründet im Jahr 1908 gehört Inter heute zu den erfolgreichsten Fußballvereinen der Welt. Der Spitzname Nerazzurri (die Schwarz-Blauen) ist vermutlich jedem Fußballinteressierten schon einmal unter die Ohren gekommen. Ebenfalls bekannt ist die Rivalität zum Stadtrivalen AC Milan. Weniger bekannt ist hingegen die Entstehung des Vereins, der einer klassischen Abspaltung entstammt (vgl. Judean People’s Front vs. People’s Front of Judea). Unzufriedene Spieler des AC Milan gründeten den Verein Internazionale, weil ihnen die Dominanz italienischer Spieler in ihrem Ex-Verein auf die Nerven ging. Es ist also keineswegs nur dem modernen Fußball zuzuschreiben, dass der Anteil italienischer Spieler bei Inter Mailand gering ist.

Eigentümer des Clubs ist Massimo Moratti. Seit 1995 lenkt der italienische Öl-Tycoon die Geschicke des Vereins und blieb dabei lange hinter den Erwartungen zurück. Trotz irrwitziger Ausgaben für Neuzugänge brauchte es den italienischen Fußballskandal 2006, um Inter zur führenden Kraft des italienischen Fußballs zu machen.

Das 1926 erbaute Stadio Giuseppe Meazza, in dem Inter und Lokalrivale Milan ihre Heimspiele austragen, ist eines der bekanntesten Fußballstadien Europas. Es ist auch unter dem ursprünglichen Namen San Siro bekannt – benannt nach dem Stadtteil in dem es liegt. Für deutsche Mannschaften ist es ein gutes Pflaster: Hier hat Deutschland bei der WM 1990 die Niederlande und die Tschechoslowakei geschlagen und der FC Bayern 2001 die Champions League gewonnen. Auch Werder hatte hier zuletzt Erfolge vorzuweisen: Vor zwei Jahren holte man ein 1:1 Unentschieden gegen Inter und im Februar 2009 setzte sich Werder im UEFA-Cup gegen den AC Milan durch. Das Stadion ist mit einer Kapazität von 80.000 Plätzen das größte Italiens, wird am Mittwoch aber nicht annähernd ausverkauft sein.

Historie

Bereits zwei Jahre nach der Gründung gewann Inter zum ersten Mal den Scudetto. Die große Zeit des Vereins begann jedoch erst Mitte der 50er Jahre. Die Meisterschaften 1953 und 1954 waren der Beginn einer Ära, in der das Team unter dem Namen La Grande Inter bekannt wurde. Unter Trainer Helenio Herrera entwickelte die Mannschaft eine Taktik, die bis heute wie keine andere für den italienischen Fußball steht: Catenaccio. Während der Begriff heute etwas verächtlich für jegliche Defensivtaktik verwendet wird, beschrieb er ursprünglich ein konkretes Spielsystem, das von österreichischen Trainer Karl Rappan erfunden wurde: Eine Formation bestehend aus vier Manndeckern, vor denen ein Dreiermittelfeld für weitere Stabilität sorgte. Herrera erweiterte die Abwehr noch um einen zusätzlichen Spieler: Einen Libero, der hinter den Manndeckern die Löcher stopfte. Kurz gefasst war es eine Variation des damals nicht unüblichen 5-3-2 Systems (auch als Verrou bekannt). Mit dieser defensiven Taktik brachte Inter die Gegner erst in Italien und bald auch in ganz Europa zur Verzweiflung. Die Phase gipfelte in den beiden Siegen im Europapokal der Landesmeister 1964 und 1965.

Die zweite Hochphase des Vereins kam mit deutscher Beteiligung zustande: Mit Spielern wie Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann sowie Trainer Giovanni Trapattoni gewann Inter 1989 die Meisterschaft und 1991 den UEFA-Cup. Danach folgte eine Phase der relativen Erfolgslosigkeit, die international jedoch durch zwei weitere UEFA-Cup-Siege versüßt wurde. Hierzu ist allerdings anzumerken, dass die italienischen Mannschaften den Wettbewerb in den 90er Jahren absolut dominierten (8 von 11 Titeln gingen zwischen 1989 und 1999 an Teams aus der Serie A). In der heimischen Liga musste sich Inter hingegen hinter Juventus und Milan als dritte Kraft einreihen und gewann erst im Jahre 2006 wieder die Meisterschaft. Dabei profitierte man von der Aufdeckung des Calciopoli-Skandals und dem folgenden Zwangsabstieg von Juventus sowie dem Punktabzug beim AC Milan. Inter hatte das Glück, dass eine Beteiligung am Skandal nicht nachgewiesen werden konnte und bekam nachträglich den Titel zugesprochen, obwohl man eigentlich mit 15 Punkten Rückstand nur Dritter geworden war. Im folgenden Jahr konnte man die Abwesenheit von Juve (Zwangsabstieg in Serie B) und Milan (8 Punkte abgezogen) nutzen, um sich an der Spitze festzusetzen.

Es folgte die national erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte mit inzwischen fünf Scudettos in Folge. Trotz des nationalen Erfolges war man in der Chefetage jedoch nicht ganz zufrieden. Es fehlte der internationale Erfolg. In der Champions League schied das Team in den vergangenen Jahren meistens früh aus. Ein Trainerwechsel sollte Abhilfe schaffen. Erfolgstrainer Roberto Mancini wurde durch den Portugiesen José Mourinho ersetzt, mit dem Auftrag die Königsklasse zu gewinnen. In seiner ersten Saison bei Inter verteidigte Mourinho zwar die italienische Meisterschaft, scheiterte jedoch im Achtelfinale der Champions League. Im zweiten Jahr wurde es dann besser: 2010 holte das Team das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League. Kurz nach dem 2:0-Finalsieg gegen die Bayern gab Mourinho seinen Abschied bekannt. Er wird in dieser Saison ersetzt durch Ex-Liverpool- und Valencia-Coach Rafael Benitez.

Mit 18 Meisterschaften ist Inter hinter Juventus der Vize-Rekordmeister. Hinzu kommen sechs Pokalsiege, 3 UEFA-Cup-Siege und 3 Siege in der Champions League (bzw. des Europapokals der Landesmeister). Zudem ist Inter der einzige Club, der seit bestehen der Serie A ausnahmslos mit dabei ist.

Die Mannschaft

Die größte Veränderung fand zweifellos auf der Trainerbank statt. Mourinho hat sein Team aus hochtalentierten Einzelkönnern zu einer taktisch disziplinierten und schwer zu schlagenden Einheit geformt. Benitez kann auf fast den gesamten Kader der letzten Saison zurückgreifen. Die Problemfälle Balotelli und Arnautovic wurden abgegeben, ebenso Ricardo Quaresma – ansonsten blieb das Team beisammen. Namhafte Neuzugänge sucht man ebenso vergeblich. Inter war für die eigenen Verhältnisse extrem zurückhaltend auf dem Transfermarkt. Der Grund dafür ist jedoch weniger Bescheidenheit als die vielen wichtigen Verpflichtungen der letzten Transferperiode (namentlich Eto’o, Sneijder, Milito, Pandev und Lucio).

Tor

Die Nummer Eins bei Inter ist ein ganz großer des internationalen Fußballs. Julio Cesar ist brasilianischer Nationaltorwart und gilt als einer der besten Torhüter der Welt. Er bildet den sicheren Rückhalt hinter einer ohnehin sehr sicheren Abwehr. Als Ersatzmann wurde Luca Castellazzi, langjährige Nummer Eins bei Werders Quali-Gegner Sampdoria, verpflichtet. Mit 35 Jahren liegt er knapp über Inters gefühltem Durchschnittsalter.

Abwehr

Spätestens nach dem Halbfinal-Rückspiel gegen Barcelona in der Champions League hat Inters Defensive Legendenstatus erreicht. Die Mannschaft arbeitet enorm gut gegen den Ball und kann damit selbst die beste Offensive der Welt zermürben. Kernstück dieser Defensive ist eine Viererkette mit einer Menge Qualität und Erfahrung.

Die A-Besetzung der Innenverteidigung besteht aus den beiden 32-Jährigen Lucio und Walter Samuel. Ersterer ist aus Bundesligazeiten bestens bekannt. Letzterer ist ein Verteidiger alter Schule, der keine Gefangenen macht. Fehlende Größe macht der Argentinier mit extremer Robustheit weg. Die beiden ergänzten sich letzte Saison hervorragend und geben in dieser Form eines der besten Innenverteidigerpärchen im Weltfußball ab. Hinter den Beiden stehen die noch erfahreneren Ivan Cordoba (33) und Marco Materazzi (36) als Ersatzkräfte zur Verfügung. Cordoba ist nur unwesentlich größer als Marko Marin, jedoch eine sprungkräftige Urgewalt und daher fast so kopfballstark wie Sebastian Prödl. Dazu ist er auch vielseitig wie Petri Pasanen und kann im Notfall auf beiden Außenverteidigerpositionen aushelfen. Materazzi ist vor allem durch sein Tête-à-tête mit Zinedine Zidane im WM-Finale 2006 in Erinnerung geblieben. Er ist ein beinharter Spieler, der nicht selten den Bogen überspannt, aber dazu ist er eben auch ein richtig guter Verteidiger, der in den letzten beiden Jahren Platz gemacht hat für den “Nachwuchs”.

Physis ist in Inters Viererkette Trumph, das gilt auch für die Außenverteidiger. Kapitän Javier Zanetti darf man mit Fug und Recht als einen der vielseitigsten Fußballer unserer Zeit bezeichnen (übertroffen nur vom einzigartigen Paul Stalteri). Er kann auf beiden Außenbahnen spielen, ist dabei defensiv wie offensiv zu gebrauchen und gibt darüber hinaus auch einen hervorragenden defensiven Mittelfeldspieler ab (wie die Bayern im Champions League Finale erfahren durften). Sein Alter merkt man dem 37-Jährigen kaum an, dafür kann der argentinische Rekordnationalspieler auf die Erfahrung aus 15 Jahren bei Inter und 137 Länderspielen zurückgreifen. Sein 700. Spiel für die Nerazzurri wurde mit dem Gewinn der Champions League gekrönt. Cristian Chivu ist die zweite Option auf der linken Seite der Viererkette. Letzte Saison wurde er meistens dort eingesetzt. Zuvor spielte er auch häufig in der Innenverteidigung. Der Rumäne geht neben den vielen bekannten Namen fast ein wenig unter, dabei ist er Kapitän der Nationalmannschaft und hat bei Ajax, Roma und nun Inter viele Jahre auf höchstem Niveau gespielt. Auf der rechten Seite ist Inters Viererkette noch besser besetzt: Der Brasilianer Maicon gilt zu recht als bester Rechtsverteidiger der Welt und lässt in seinem Spiel wenig Raum für Verbesserungen. Defensiv zuverlässig, zweikampf- wie laufstark, unbändige Energie, sicheres Kombinationsspiel, gute Flanken, unberechenbare Dribblings und dazu noch Torgefahr (beim letzten Aufeinandertreffen mit Werder schoss er das 1:0 im Hinspiel). Er ist der Prototyp des modernen Außenverteidigers und dazu mit gerade mal 29 Jahren der Jungspund in Inters Abwehr.

Mittelfeld

Der Abräumer vor Inters Abwehr heißt Esteban Cambiasso. Der Argentinier – von Diego Maradona unverständlicherweise nicht für den WM-Kader nominiert – ist ein ungemein intelligenter Spieler, der mit seinem überragenden Stellungsspiel Löcher stopft und für die Balleroberung sorgt. Er ist jedoch nicht auf diese Aufgaben beschränkt sondern hat auch offensiv seine Qualitäten. Sein Passspiel ist selten spektakulär, doch für Inters Spiel äußerst wichtig. Er ist der Taktgeber und Motor des Mittelfelds. Für den Platz neben ihm kommen gleich vier Spieler in Frage. Zum einen der oben genannte Zanetti, wenn dieser nicht hinten links benötigt wird. Die zweite Option ist der Serbe Dejan Stankovic. Dies stellt eine etwas offensivere Variante dar. Der Serbe hat seine Qualitäten eher in der Spielgestaltung, doch er gibt auch einen passablen defensiven Mittelfeldspieler ab. Als dritte Option steht der Brasilianer Thiago Motta zur Verfügung, der vor einem Jahr gemeinsam mit Diego Milito aus Genua (nicht Sampdoria) zu Inter kam. Option Nummer 4 ist Sulley Muntari, ein Lauf und kampfstarker Ghanaer, der auch auf der linken Außenbahn eingesetzt werden kann. Mourinho wechselte die Saison über immer wieder zwischen diesen Varianten, abhängig von Gegner und der jeweiligen Form.

Der wichtigste Neuzugang im Mittelfeld war im Sommer 2009 Wesley Sneijder. Der von Real Madrid ausgemusterte Niederländer schlug in seiner ersten Saison in Mailand gleich voll ein und gab der Mannschaft das gewisse Etwas in der Offensive. Sneijder gibt den offensiven Part vor Cambiasso und seinem Nebenmann. Er ist kein Spielmacher im klassischen Sinne, doch vereint viele Eigenschaften, die ihn für den Gegner gefährlich machen. Neben einer guten Übersicht und starker Technik hat er das Auge für den entscheidenden Pass sowie eine gewisse Torgefährlichkeit (wenngleich er für Inter letzte Saison weit weniger torgefährlich war als für Holland bei der WM). Zu seinen größten Stärken gehört die Fähigkeit, aus dem Nichts spielentscheidende Situationen zu kreieren. Sneijder taucht ab und zu unter, um dann plötzlich und unerwartet zuzuschlagen. Mit Werder hat er Anfang 2007 schon Erfahrungen gemacht, als er Ajax fast zu einer unglaublichen Aufholjagd geführt hätte. Als Werderfan erinnert man sich lieber an das Hinspiel.

Angriff

Es wäre völlig falsch, Inter auf eine gute Defensive zu reduzieren. In der K.O.-Phase der Champions League spielte Inter sehr defensiv und destruktiv, doch konnte bei den wenigen Angriffen immer große Torgefahr versprühen. In der heimischen Liga spielt Inter deutlich offensiver, vor allem gegen die kleineren Teams. Die Mannschaft kann sehr wohl Fußball spielen und ist weit davon entfernt Catenaccio zu fabrizieren. In Diego Milito hat Inter einen echten Goalgetter fürs Sturmzentrum gefunden. Der inzwischen 31-Jährige hat im vergangenen Jahr endlich den Sprung zu einem Topteam gewagt, nachdem er zuvor in Zaragoza und Genua seine Torgefährlichkeit unter Beweis gestellt hatte. Als Spätstarter kämpfte er sich über die Serie B und die Niederungen der Primera Division zu Inter, wo er nicht nur den Weggang von Zlatan Ibrahimovic auffing, sondern auch das Champions League Finale, das Pokalfinale sowie das letztlich entscheidende Ligaspiel mit seinen Toren entschied. Seinen Legendenstatus hat er damit sicher. Bei ihm weiß man oft nicht so genau, warum er so torgefährlich ist, denn er wirkt häufig schlecht ins Spiel eingebunden. Vor dem gegnerischen Kasten ist er jedoch eiskalt und nutzt die sich ihm bietenden Chancen auf beeindruckende Weise. Für das Heimspiel gegen Werder ist sein Einsatz wegen muskulärer Probleme fraglich.

In der Spitze gibt Milito seit der letzten Rückrunde meistens den Alleinunterhalter – obwohl zeitgleich mit Samuel Eto’o einer der besten Mittelstürmer der Welt verpflichtet wurde. Mourinho hatte mit dem Kameruner andere Pläne und schulte ihn im Schnelldurchlauf zu einem defensiv ausgerichteten Rechtsaußen um. Eto’o, der in den vergangenen fünf Jahren dreimal die Champions League gewann und für Barcelona in 145 Spielen 108 Tore schoss, zahlte es seinem Coach mit Topleistungen auf der Außenbahn zurück. Dabei büßte er etwas an Torgefährlichkeit ein. In seinem Fall bedeutet das: 17 Tore in 36 Spielen. Auf der anderen Seite setzte Mourinho ab der Rückrunde auf Goran Pandev, der in der Winterpause von Lazio verpflichtet wurde. Pandevs Rolle in Inters System wird gerne übersehen, da er für einen Stürmer sehr wenige Tore schießt. Doch seine unermüdliche Arbeit auf dem linken Flügel erwies sich defensiv wie offensiv als wertvoll. Unter Benitez haben die beiden bislang die Seiten getauscht und werden wohl auch gegen Werder so auflaufen.

Die Taktik

Inters System ist auch nach Mourinhos Abgang weiterhin geprägt von der Arbeit des Portugiesen. Sein Nachfolger Rafael Benitez hat das Erfolgssystem der Rückrunde erstmal übernommen. Das Offensivquartett aus Sneijder, Eto’o, Pandev und Milito stellt sich dabei fast von selbst auf. In der Regel spielt Inter ein 4-2-3-1 System, das formell wie ein 4-3-3 aussieht. Mit drei echten Stürmen auf dem Platz könnte man eine offensive Ausrichtung erwarten. Die Außenstürmer agieren jedoch wie Mittelfeldspieler, übernehmen viele Defensivaufgaben und sollen vor allem die Vorstöße der gegnerischen Außenverteidiger stoppen. Im Gegensatz dazu genießt der offensive Mittelfeldspieler eine Menge Freiheiten und muss weniger für die Defensive arbeiten. Das Ziel ist es, ihn bei Ballbesitz schnell auf Höhe der Mittellinie anzuspielen und dann den entscheidenden Pass auf Milito oder die nachrückenden Außenstürmer zu suchen. Dies macht Inter zu einer hervorragenden Kontermannschaft.

Vor allem in der Hinrunde (vor der Verpflichtung von Pandev) spielte Inter auch häufig ein 4-3-1-2, in Bremen besser bekannt als 4-4-2 mit Raute. Dabei erhält Milito im Sturmzentrum Unterstützung von Eto’o. In Stankovic, Motta und Muntari hat Inter genügend Spieler im Kader, die gut für die Halbpositionen der Raute geeignet sind. Inter interpretiert die Raute jedoch nicht so beweglich wie Werder, legt den Fokus weiterhin auf Raumkontrolle und die Absicherung vor der Abwehr. Dennoch ist die Ausrichtung mit dieser Formation meist offensiver. Unter Benitez dürfte dieses System allerdings nur in Ausnahmefällen zur Anwendung kommen.

Die Ausfälle von Naldo, Fritz, Frings und Pizarro sprechen dafür, Inter im eigenen Stadion zunächst das Spiel machen zu lassen. Das Ziel sollte es sein, Inters Viererkette so weit wie möglich nach vorne zu locken und dann über schnelle Konter und Vertikalpässe zu überwinden. Inter wird kaum mit einem Sturmlauf beginnen, so dass man sie ruhig etwas kommen lassen darf, wenn man die Konzentration aufrecht erhält. Sobald Inter die Sicherheitsstufen erhöht, wird es für Werder sehr schwierig werden sich Torchancen zu erspielen. Deshalb wäre ein frühes Gegentor, für das Werder wie wir alle wissen immer gut ist, in diesem Spiel besonders schlimm. So offensiv aufgestellt wie gegen den HSV sollte man auf keinen Fall beginnen. Bislang hat Schaaf in dieser Saison auswärts auf einen zweiten Stürmer verzichtet und wird dies beim Champions League Sieger sicher nicht ändern. Ich gehe von einem 4-2-3-1 aus, um Inters System möglichst gut zu neutralisieren. Spannender ist da schon die Frage nach dem Personal. Wesley muss nach Fritz Verletzung wohl wieder auf der rechen Seite ran, so dass im Mittelfeld ein Platz vakant ist. Neben Bargfrede könnte daher Borowski zurück in die Startelf rücken, vielleicht auch Daniel Jensen. Vorne rechts hofft Arnautovic auf einen Einsatz gegen sein Ex-Team, doch er scheint bei Schaaf momentan einen schweren Stand zu haben. Viele Alternativen gibt es auf der Position jedoch nicht.

Der Ausblick

Inters stärkste Elf besteht fast ausnahmslos aus Weltklassespielern und verfügt über immense Erfahrung. Hinter der Stammformation sieht man jedoch schon ein gewisses Leistungsgefälle. Bis zur Nummer 15 oder 16 sieht es noch sehr gut aus, doch danach kommen einige Namenlose und alte Recken, die nicht mehr erste Wahl sind (Cordoba, Materazzi). Inter hat es bislang verpasst, talentierte Nachwuchsleute wie Balottelli und Arnautovic ins Team zu integrieren und könnte in absehbarer Zeit ein Problem mit einer überalterten Mannschaft bekommen. Momentan muss man jedoch anerkennen, dass Inter ein hervorragendes Team hat, das mit zum Besten im Vereinsfußball zählt. Der Saisonstart ist geglückt: Inter ist Tabellenführer, auch wenn es am Wochenende die erste Niederlage gab. Beim AS Rom verlor Inter durch ein Last-Minute-Tor mit 0:1, wobei sich beide Teams über 90 Minuten neutralisierten.

Inter hat noch nicht wieder die Form der letzten Rückrunde erreicht und ist aktuell sicher nicht unschlagbar. Dennoch geht Werder als klarer Außenseiter in die Spiele gegen den Champions League Sieger. Besonders im Auswärtsspiel wird es für Werder mit den aktuellen Personalsorgen sehr schwer. Ein Unentschieden in San Siro wäre schon ein Achtungserfolg. Die (erfolgreichen) Spiele gegen Inter vor zwei Jahren sollte man nicht überbewerten, denn seitdem hat Inter die halbe Mannschaft (darunter die komplette Offensivabteilung) ausgetauscht. Am letzten Spieltag der Gruppenphase geht es zuhause gegen Inter hoffentlich noch ums Weiterkommen, deshalb hoffe ich auf ein überragendes Spiel von Werder und einen knappen Heimsieg.

So erwarte ich Inter:

Meine Tipps: Auswärtsspiel 1:1, Heimspiel 1:0.

Wie ich morgen spielen würde

Ich will ja nicht nur meckern. Die letzten Spiele waren fürchterlich, aber es muss ja weitergehen. Nordderby also. Heimspiel gegen den HSV. So würde ich die Mannschaft spielen lassen:

Formation

Wir spielen gegen eine Mannschaft, die ein 4-2-3-1 spielt, ohne bislang die mittlere Position der offensiven Dreierreihe überzeugend zu besetzen. Dennoch stellt diese Position eine potentielle Gefahr dar. Eine Raute funktioniert gegen solch ein System nur, wenn sich das Mittelfeld geschlossen verschiebt und aufeinander eingestellt ist. Ist im Moment nicht gegeben. Also spielen wir ebenfalls ein 4-2-3-1, nehmen eine vergleichsweise statischere Ausrichtung der Mannschaft in Kauf, um im Gegenzug mehr Stabilität ins Spiel zu bekommen.

Aufstellung

Der Torwart steht fest und in der Abwehr gibt es mangels Alternativen auch nur eine mögliche Aufstellung. Davor spielen trotz zuletzt schwacher Leistungen Frings und Bargfrede. Bei Wesley hätte ich in einem vermutlich körperbetonten Spiel noch Bedenken auf dieser Position. Borowski wäre eine Alternative, aber er ist auf dieser Position ebenfalls nicht wirklich zuhause und würde außerdem nach spätestens fünf Minuten das eigene Publikum gegen sich aufbringen. Jensen war so lange von der Stammelf weg, dass ich mir von ihm momentan nicht viel erhoffe. Schaaf hat offenbar große Vorbehalte gegen ihn und ich glaube nicht, dass die im menschlichen Bereich liegen. Drängt sich wohl im Training nicht wirklich auf. Also die zwei Platzhirsche der letzten Saison spielen lassen, auf dass sie sich fangen und zu alter Stärke finden. Beide mit der Anweisung, sich für das Aufbauspiel als Anspielstationen für die Innenverteidiger freizulaufen, sich ansonsten aber voll auf die Arbeit gegen den Ball zu konzentrieren und auch bei Ballbesitz Werder den Kontakt zur Viererkette beizubehalten (I’m looking at you, Lutscher!). Letztere stand in den letzten Spielen schon recht tief und sollte dies auch gegen den HSV tun.

Die offensive Dreierreihe besteht bei mir aus Marin, Hunt und Arnautovic. Marin und Arnautovic halten dabei ganz Werder untypisch ihre Positionen auf der linken, bzw. rechten Seite und versuchen mit Ball am Fuß in Richtung Strafraum zu ziehen. Rotiert wird erst – und ausschließlich dann! – wenn das Kombinationsspiel funktioniert und Werder ein Übergewicht hat. Aaron Hunt hat in der Mitte hingegen wesentlich mehr Freiheiten, darf auf die Außen ausweichen und sein gutes Spiel ohne Ball ausnutzen. Die einzige Spitze Pizarro muss daher wie gewohnt variabel agieren und sich gelegentlich ins Mittelfeld fallen lassen, um a) dafür zu sorgen, dass das Zentrum besetzt ist und b) Verteidiger aus der Kette zu locken und so Platz für die anderen Drei zu schaffen.

Taktik

Ich würde mit einer defensiven Grundausrichtung beginnen. Die Abwehr und die beiden defensiven Mittelfeldspieler sollen sich in erster Linie auf die Defensive konzentrieren. Marin und Arnautovic müssen keine defensiv keine Wunderdinge vollbringen, aber ihre Position auf den Flügeln halten und bei Ballverlusten auf Vorstöße der Hamburger Außenverteidiger achten. Hunt hat ein wenig Narrenfreiheit. Pizarro arbeitet sowieso immer gut mit nach hinten. Das Spiel gegen den Ball würde ich wie im Spiel gegen die Bayern variieren. Mal intensiv Pressing spielen, dann wieder weit zurückziehen. Bei einer Führung würde ich diese Taktik so beibehalten und irgendwann Wesley für einen der drei offensiven bringen. Bei Unentschieden das Risiko nur dann erhöhen, wenn man den Gegner wider erwarten im Griff haben sollte. Bei einem Rückstand würde ich in den letzten 30 Minuten auf Raute umstellen, d.h. entweder Marin oder Arnautovic raus, dafür Wesley oder Borowski rein. Nach einiger Zeit dann Almeida bringen (Pizarro wird kaum durchspielen können) und in den letzten 10 Minuten dann auch Wagner für Bargfrede und es mit hohen Bällen in den Strafraum versuchen.

So sieht es dann aus:

Weder meine Taktik noch meine Aufstellung sind sonderlich ausgefallen oder gar innovativ. Sollen sie auch gar nicht. Momentan geht es in erster Linie um Stabilität und nicht darum, den HSV aus dem Stadion zu schießen (auch wenn ich natürlich nichts dagegen hätte). Eine Siegesgarantie ist das natürlich noch lange nicht und sicher auch nicht die einzige richtige Lösung (sofern es überhaupt eine richtige Lösung ist). Thomas Schaaf wird schon wissen, wie er das Team einstellen muss. Zumindest hoffe ich das nach den letzten beiden Spielen sehr. Damit beenden wir dann auch den Klugscheißermodus, denn mit dem Trainer tauschen möchte ich in diesen Tagen nun wirklich nicht.