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Thomas-Schaaf-Nachfolge-Diskussionen

…wird es hier im Blog nicht geben.

Ich kann es nicht mehr hören. Diese ganzen Namen, die derzeit durchs Dorf getrieben und die ganzen Säue, die gehandelt werden – ich will das nicht. Vielleicht bin ich durch 14 Jahre – quasi mein gesamtes Erwachsenenleben – mit nur einem Trainer verweichlicht. Für Fans anderer Vereine mag das Alltag sein, dass ihr Verein jeden Tag mit einem anderen Trainer in Verbindung gebracht wird; mir ist es zu viel.

Alles, was ich zu dem Thema derzeit zu sagen habe, sage ich beim Grünweiß-Stammtisch. Die Boulevardmechanismen der ewigen Spekulationen und Gerüchte und Dementis und Dementis von Gerüchten, die nur nötig waren, weil überhaupt Gerüchte in die Welt gesetzt wurden und dann unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt als weitere spektakuläre Schlagzeile verkauft werden, diese Mechanismen also, die selbsttätig eine sogenannte “Absagewelle” für Werder generieren, die sich wiederum als Schlagzeile oder noch besser Bilder-Klickstrecke zweitverwerten lässt, die Mechanismen, die unser aller Neugier und Voyeurismus, aber auch unser aufrichtiges Interesse an der sportlichen Zukunft unseres Vereins bedienen und von ihm bedient werden, möchte ich hier im Blog nicht bedienen.

Wenn ihr also auf der Suche nach Informationen oder Spekulationen zur Schaaf-Nachfolge seid, wendet euch an die üblichen Verdächtigen. Ich weiß nicht, wer nächste Saison auf Werders Trainerbank sitzen wird und ich werde hier auch nicht über einen der genannten Namen spekulieren, bis es eine offizielle Vollzugsmeldung gibt.

Was es hier in den nächsten Tagen aber geben wird, sind ein Saisonrückblick, eine Einzelkritik und eine Fehleranalyse der abgelaufenen Spielzeit.

Doch zunächst zu den Breaking News…

Abschied von Thomas Schaaf

Was soll ich schreiben? Thomas Schaaf verlässt Werder Bremen nach 14 Jahren als Cheftrainer, 13 Jahren als Nachwuchstrainer, die sich mit seiner 17-jährigen Profikarriere überschnitten, sowie insgesamt 41 Jahren Vereinszugehörigkeit. Bis auf den Pokalsieg 1961 und die Meisterschaft 1965 war Thomas Schaaf an jedem großen Erfolg des Vereins als Spieler oder Trainer beteiligt. Dazu zählen drei Deutsche Meisterschaften, fünf DFB-Pokalsiege und ein Europapokalsieg der Pokalsieger.

Ich halte die Trennung (vom merkwürdigen Zeitpunkt einmal abgesehen) für richtig, wie ich hier seit längerer Zeit geschrieben habe. Trotzdem macht mich die Meldung ein Stück weit sprachlos. Eigentlich hatte ich für den Tag der Tage einen längeren Blogpost vorgesehen, inklusive Rückblick auf Schaafs Amtszeit in Bremen. Dazu bin ich im Moment nicht in der Lage. Im Moment spüre ich nur Trauer und Dankbarkeit. Und da diese Saison de facto für Werder gelaufen ist, nehme ich mir Zeit bis zu einer Einordnung, einem Rückblick oder gar einem Ausblick.

Heute möchte ich nur eines sagen: Danke, Thomas Schaaf!

 

Ein großer Schritt in Richtung Klassenerhalt?

Werder Bremen – VfL Wolfsburg 0:3

Dank der Schützenhilfe aus Gladbach, Leverkusen und Hamburg bleibt Werders 5-Punkte-Vorsprung auf den Relegationsplatz nach dem 30. Spieltag erhalten. Dabei lieferte man selbst im Heimspiel gegen Wolfsburg eine der schlechtesten Saisonleistungen ab und verlor folgerichtig mit 0:3. Auf dem Papier ist die Abstiegsgefahr für Werder zwar gesunken (gleicher Vorsprung bei weniger verbleibenden Spielen), doch darüber sprach in Bremen nach dem Spiel zu Recht niemand.

Umstellungen und Korrekturen

Das Team wurde im Vergleich zu den letzten Spielen erneut durcheinander gewürfelt. Petersen blieb auf der Bank, dafür durfte sich Arnautovic in der Spitze versuchen. Kapitän Clemens Fritz verdrängte nach überstandener Verletzung Felix Kroos wieder auf die Bank und lief neben Bargfrede als Sechser auf. Auch in der Viererkette gab es eine Veränderung: Statt Innenverteidiger Pavlovic spielte Innenverteidiger Sokratis als Linksverteidiger, nachdem er zuletzt noch als Rechtsverteidiger aushelfen musste.

Werders Offensivtaktik ging nicht auf, das wurde recht schnell deutlich. Arnautovic wich viel auf seinen gewohnten rechten Flügel aus. Die nachrückenden De Bruyne und Junzovic wurden im Strafraum mit hohen Bällen gefüttert – gegen die Wolfsburger Innenverteidigung um Naldo keine vielversprechende Tatik. Es krankte wie so oft jedoch schon im Aufbauspiel, was auch ein Verdienst der Wolfsburger war, deren Pressing die Handschrift von Dieter Hecking langsam erkennen lässt. Werder leitete die Bälle wie gewohnt meistens auf die Außenverteidiger, denen die aufrückenden Wolfsburger konsequent die Passwege zustellten. Werder Passquote war zudem mit 75% nicht gut genug, um das Kurzpassspiel durch die Mitte erfolgreich durch zu bringen. So konnte Wolfsburg mit relativ wenig Risiko Werder vom eigenen Tor fernhalten. Auf der anderen Seite freute sich Wolfsburg über die üblichen Lücken in Werders System. Beim 0:1 reichen ein Vertikalpass von Kjaer und eine schnelle Drehung von Arnold, um in das Loch vor Werders Viererkette zu kommen. Zudem stehen die Innenverteidiger in der Situation zu weit auseinander, so dass dem Wolfsburger viel Platz für den Torabschluss bleibt. Beim 0:2 spielt Prödl in einer 3 gegen 2 Situation auf Abseits, während Lukimya versucht abzusichern. Olic startet im richtigen Moment, um dies auszunutzen.

Nach einer halben Stunde korrigierte Schaaf seine Aufstellung, brachte Petersen für Prödl und schob Sokratis und Arnautovic auf ihre gewohnten Positionen. Da war das Spiel aber schon fast entschieden, die Bremer Moral erst einmal gebrochen. Torchancen blieben Mangelware. In der zweiten Halbzeit konnte man Werder ansehen, dass man sich nicht aufgeben wollte und den VfL nun noch aggressiver und höher pressen wollte. Die Kompaktheit fehlte dabei jedoch weiterhin, was zu einem gestreckten Spiel mit vielen Räumen im Mittelfeld führte. In dieser Phase konnte man sehen, dass Wolfsburg noch lange keine Spitzenmannschaft ist, denn sie kamen kaum einmal zu guten Kontergelegenheiten. Defensiv gerieten die Wölfe jedoch kaum in Bedrängnis. Die einzige echte Chance für Werder hatte Arnautovic, der jedoch einen Meter vor dem Tor spektakulär den Ball verfehlte. Spätestens als kurz darauf der eingewechselte Yildirim Vierinha im Strafraum foulte und Diego den fälligen Elfmeter verwandelte, war Werders Widerstand gebrochen.

Bewegung in der Trainerfrage

Was bleibt festzuhalten? Werder spielt eine der schlechtesten Saisons der eigenen Bundesligageschichte. Seit Gründung der Bundesliga 1963 hatte man lediglich 1998/99 nach 30 Spielen noch weniger Punkte. Ironischerweise war das der Zeitpunkt, zu dem Thomas Schaaf verpflichtet wurde. Selbst in der Abstiegssaison 1979/80 hatte Werder nach 30 Spieltagen (auf die 3-Punkte-Regel umgerechnet) 4 Punkte mehr auf dem Konto, als heute. Damals verlor man die restlichen vier Spiele. Nach dem Spiel gegen Wolfsburg muss man befürchten, dass dies auch in dieser Saison im Bereich des Möglichen liegt. Am Wochenende hat sich zu den allgemeinen Problemen nun auch noch die befürchtete akute Krise eingestellt.

Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob ein sofortiger Trainerwechsel weiterhelfen würde. Ohne einen geeigneten Nachfolger in der Hinterhand wäre dies wohl reiner Aktionismus. Eine Interimslösung aus den eigenen Reihen halte ich für unwahrscheinlich. Am ehesten käme wohl Viktor Skripnik in Frage, für den der Sprung aber sehr groß wäre. Soll man für die restlichen vier Spiele einen Trainer vom Typ “Retter” von außen verpflichten? Wer käme da überhaupt in Frage? Die Gerüchte, Thomas Schaaf könnte noch vor dem Spiel in Leverkusen entlassen werden, wurden denn auch schnell entkräftigt. Wie es nach einem erneuten desolaten Auftritt am kommenden Wochenende aussehen würde, ist jedoch eine andere Frage. Die Tabellenkonstellation erfordert eine sofortige Stabilisierung. Es wäre fahrlässig, den Klassenerhalt für einen einigermaßen versöhnlichen Abschied zum Saisonende aufs Spiel zu setzen. Dass dieser Abschied kommen wird, dürfte inzwischen sehr wahrscheinlich sein. Die Aussagen seitens der Geschäftsführung haben sich in den letzten Wochen deutlich geändert. Inzwischen vermeidet man es tunlichst, von der nächsten Saison zu sprechen. Man spricht Schaaf noch immer das Vertrauen aus, aber nur noch auf die Gegenwart bezogen. Alle weiteren Fragen werden abgewiegelt.

Wie auch immer die Saison 2012/13 am Ende ausgeht, sie wird als das Jahr des Wandels und des Umbruchs bei Werder in die Geschichtsbücher eingehen. Wenn auch vermutlich nicht so, wie man sich das vor der Saison erhofft hat.

Ein Punkt für den Klassenerhalt

FSV Mainz 05 – Werder Bremen 1:1

Werder holt einen verdienten Punkt in Mainz. Nach dem schlechtestmöglichen Start und einer zähen ersten Halbzeit waren Keeper Mielitz und ein kluger Wechsel von Schaaf die Hauptgründe dafür, dass Werder noch zum Unentschieden kam.

Spiel mit Handicap

Ein Spiel, das quasi beim Stand von 0:1 beginnt, muss anders bewertet werden, als ein normales Fußballspiel. Unter üblichen Gesichtspunkten hätte Werder mit der ersten Halbzeit durchaus zufrieden sein können: Als Schießbude der Liga auswärts beim Tabellensechsten gut gestanden und kaum Torchancen zugelassen. Wäre man mit einem 0:0 in die Pause gegangen, hätte man eine gute Basis gelegt und den Gegner unter Zugzwang gesetzt. Durch den schlimmen Fehler von Lukimya direkt nach dem Anstoß war es aber eigentlich Werder, das eine Reaktion zeigen und das Heft in die Hand nehmen musste. Daher kann man die restliche erste Halbzeit bestenfalls als solide bezeichnen und sich darüber freuen, dass Werder nach dem Rückstand nicht auseinander brach.

Beide Teams neutralisierten sich auf taktisch gutem, spielerisch eher mäßigem Niveau. Werders Doppelsechs, in der Bargfrede sein Comeback gab, spielte relativ diszipliniert vor der Viererkette und ließ nur selten das altbekannte “Bremer Loch” entstehen. Davor spielte eine Dreierreihe aus Hunt, Ekici und De Bruyne, die eher schmal agierte und weit zur ballnahen Seite einschob – ein deutlicher Unterschied zum System der Hinrunde mit den breiten Flügelstürmern. Werder wollte offensichtlich Präsenz im Zentrum zeigen und sich nicht gänzlich auf die Außenbahnen pressen lassen, wie im Hinspiel. Mainz begnügte sich nach der frühen Führung damit, Werder vom eigenen Tor fernzuhalten und spielte kaum hohes Pressing. Der Spielentwurf der beiden Mannschaften war dennoch sehr unterschiedlich. Während Werder sich mit Kurzpässen durchs Mittelfeld kombinieren wollte, spielte Mainz viele lange Bälle, die nur selten zu gefährlichen Situationen führten. Immerhin nahm man Werder so die Chance auf hohe Ballgewinne. Tuchel schien durchaus Respekt vor dem Bremer Pressing zu haben.

Bis zur Pause gab es aus dem Spiel heraus keine echten Torchancen. Die gefährlichste Aktion hatte Ekici mit einem etwas überraschenden Freistoß. Ansonsten waren auch Werders Standards nicht sonderlich gefährlich. Acht Freistöße in der eigenen Hälfte ließen die Mainzer in der ersten Halbzeit zu, doch die Bremer Ausbeute war spärlich. Gerade in einem so chancenarmen Spiel wäre es wichtig gewesen, die Standardsituationen etwas effektiver zu nutzen. So ging es mit einem 0:1 in die Pause, von dem man nicht sagen konnte, dass es unverdient war. Werder hatte Mainz die Führung auf dem Silbertablett serviert und danach zu wenig getan, um sich den Ausgleich zu verdienen.

A Game of Two Halves

Nach der Pause änderte sich das Spiel komplett. Wo kurz zuvor noch die Vorsicht regiert hatte, gingen nun beiden Teams ein höheres Risiko. Pressing und Gegenpressing wurden intensiviert und es waren die Gastgeber, die zunächst einen Vorteil daraus erlangen. Sebastian Mielitz musste einige Male in höchster Not retten, blieb im Eins-gegen-Eins jedoch stets der Sieger. Mit seiner stärksten Rückrundenleistung war er einer der Garanten für den Punktgewinn auf Bremer Seite. Nach seinen zuletzt immer schwächeren Auftritten wird ihm das Spiel hoffentlich Auftrieb geben für die restliche Saison. Im Trainerduell war es Schaaf, der die erste (und seine einzige) Umstellung vornahm. Er brachte Arnautovic für Bargfrede und ließ Hunt als offensivorientierten Sechser neben Trybull spielen. Über den rechten Flügel kam bis dahin kaum Gefahr, weil Hunt sich offensiv eher in Richtung Mitte orientierte und bei Flügelläufen versuchte, den Ball auf seinen starken linken Fuß zu legen, was ihn für den Gegner leicht ausrechenbar machte. Bis zu Arnautovics Einwechslung gab es keine einzige Bremer Flanke von der rechten Seite.

Thomas Tuchel reagierte sofort, brachte mit Kirchhoff für Zimling einen weiteren Sechser und stellte auf eine Raute um. Es war dennoch Schaafs Team, das zunächst von dieser Umstellung profitierte. Nach einer starken Einzelaktion von Sokratis (diesen unbedingten Willen würde ich gerne bei mehr Spielern sehen) und einer Spielverlagerung auf den rechten Flügel waren es die angesprochenen Arnautovic und Hunt, die für den Ausgleich sorgten. Eine flache Hereingabe des Außenstürmers und ein Abschluss des vorrückenden Sechsers, der Petersen im Strafraum unterstützt – ziemlich genau so dürfte sich das der Trainer bei seiner Umstellung vorgestellt haben.

Fehlendes Vertrauen in die Bank

In der Folge war das Spiel offen, doch je näher der Schlusspfiff rückte, desto vorsichtiger wurden die Mannschaften. Thomas Tuchel wechselte mit Yunus Malli und Shawn Parker noch zwei Offensivleute ein, was dem Spiel jedoch keine Wendung mehr gab. Thomas Schaaf beließ es bei dem einem Wechsel. So durfte auch Mehmet Ekici durchspielen, der zuletzt nach seinem Zwischenhoch wieder auf die Bank verbannt wurde und in seinem Spiel noch immer die gleichen Schwächen durchblicken ließ, die ihm seit seiner Ankunft in Bremen vor knapp zwei Jahren das Leben schwermachen.

Schaafs Wechselpolitik ist in den letzten Wochen nicht einfach zu durchschauen. Einerseits wirkt es oft so, als fehle ihm das Vertrauen in seine Bank. Spieler wie Elia, Ekici, Yildirim und Selassie wandeln zwischen Startelf und kompletter Nichtberücksichtigung, während Ignjovski von einer Position auf die andere geschoben wird. Mag sein, dass dies direkte Reaktionen auf die Trainingsleistungen unter der Woche sind. Andererseits weiß Schaaf seine Wechseloptionen durchaus gut zu nutzen, wie er mit der Einwechslung von Arnautovic für Bargfrede unter Beweis stellte.

Da die Konkurrenz aus Augsburg, Düsseldorf und Stuttgart verlor, war es für Werder ein gewonnener Punkt. Auch wenn man nun seit fünf Spielen ohne Sieg ist, scheint die Mannschaft das tiefste Tal langsam durchschritten zu haben. Zwar ist man weiterhin für den einen oder anderen Totalaussetzer gut, doch moralisch wirkt das Team etwas gefestigter als noch vor ein paar Wochen, holte im dritten Spiel in Folge einen Rückstand auf. Thomas Schaaf darf sich dank seines Wechsels im Trainerduell als knapper Sieger fühlen, auch wenn Werder den Eindruck nicht korrigieren konnte, dass man die richtige Mischung aus Offensive und Defensive noch nicht gefunden hat.

Mutig nach Mainz?

Gegen Mainz sah Werder in den letzten Jahren selten gut aus. Tuchels Truppe schaffte es ein ums andere Mal, sich gut auf Werders Spiel einzustellen und unsere taktischen Schwachstellen aufzudecken. Das verwundert kaum, denn Mainz gehört seit dem Wiederaufstieg zu den flexibelsten Teams der Liga. Trainer Tuchel kann seine Mannschaft unglaublich gut an gegnerische Taktiken anpassen. In der Hinrunde gab es einen schmeichelhaften 2:1-Sieg für Werder, der vor allem auf Aaron Hunts Klasse zurückzuführen war (man erinnere sich an das wunderschöne Freistoßtor zum 2:1). Mainz hatte jedoch einen klar ersichtlichen Matchplan, der über weite Strecken aufging: Mit einer Raute positionierte man sich sehr zentral, stellte die Passwinkel auf Werders Dreiermittelfeld zu und lenkte das Spiel der Hausherren gezielt auf die Außenbahnen. Da Werder ohnehin meist über die Außenverteidiger eröffnet, gab es viele vertikale Pässe die Seitenlinie herunter. Auch Werders Außenstürmer wurden so gepresst, dass sie möglichst wenig Pässe ins Mittelfeld spielen sollten. Als Resultat spielte sich Werder häufig am Flügel entlang und versuchte es dann mit Flanken auf Petersen, die Mainz insgesamt recht wenig Probleme bereiteten. Wenn man von der Anzahl qualitativ hochwertiger Chancen ausgeht, hätte Mainz das Spiel gewinnen, zumindest aber einen Punkt holen müssen.

Duell der Ex-Rauten

Siebzehn Spieltage später hat sich Werders Ausrichtung leicht geändert. Man spielt insgesamt vorsichtiger, hält vorne weniger schematisch die Positionen an der Außenlinie. Was in der Hinrunde in Stein gemeißelt schien, wird nun von Woche zu Woche durcheinander geworfen: Elia, Arnautovic, Petersen, Yildirim, Ekici, De Bruyne, Junuzovic, Ignjovski – die Liste der Spieler, die sich in der Rückrunde schon als Außenstürmer versuchen durften, ist lang. Zuletzt setzte Schaaf in seiner Startaufstellung zwei mal auf eine defensive Variante mit Junuzovic und Ignjovski, die neben einer Doppelsechs zum Einsatz kamen. Hunt, Ekici, Elia und Arnautovic fanden sich auf der Bank wieder. Das Ergebnis war eine verbesserte defensive Stabilität, die auf Kosten der offensiven Durchschlagskraft ging. Was auswärts gegen Gladbach gut funktionierte, war zuhause gegen ein reaktives Greuther Fürth weitaus weniger brauchbar. In der Halbzeit stellte Schaaf daraufhin um, setzte auf mehr Offensive und direkt waren wieder die alten Defensivprobleme erkennbar. Einen gesunden Mittelweg, die viel besungene “richtige Balance”, sucht Werder weiterhin vergeblich. Das 2:2 war am Ende eher für Werder glücklich, als für die Gäste.

Mainz ist in letzter Zeit wieder von der Mittelfeldraute als Default-Formation abgewichen und agiert häufig in einem 4-2-3-1 oder flachen 4-4-2. Trotzdem ist zu erwarten, dass Mainz wieder versuchen wird, Werders Spiel früh auf die Außenbahnen zu lenken, wie sie es in dieser Saison auch wiederholt gegen andere Teams praktiziert haben. Die äußeren Mittelfeldspieler Müller und vor allem der von Werder umworbene Ivanschitz orientieren sich ohnehin eher in Richtung Zentrum und stehen gegen den Ball recht eng. Im Spielaufbau setzt Mainz auf Andreas Baumgartlinger als einrückenden Sechser und schiebt die Außenverteidiger vor, wenn auch nicht so aggressiv, wie beispielsweise Freiburg und Leverkusen. Interessant wird die Frage, ob Mainz es gegen Werders anfällige Viererkette mit einer Doppelspitze aus Parker und Szalai versuchen wird oder hinter Szalai auf einen eher gestaltenden Mittelfeldspieler (Zimling?) setzt. Gegen Werders Dreiermittelfeld würde sich eher letzteres anbieten, aber Tuchel ist für mutige Entscheidungen bekannt.

Schwierige Entscheidungen

Für Werder geht es in erster Linie darum, den richtigen Mittelweg aus den taktischen Ausrichtungen der vergangenen Wochen zu finden. In Mainz könnte man zur Not mit einem Punkt leben, kann dementsprechend zunächst auf eine Kontertaktik setzen. Zu tief sollte man sich gegen Mainz jedoch nicht hinten reinstellen. Zum einen steht bei Mainz mit Adam Szalai ein Mittelstürmer auf dem Platz, den Werder im Strafraum kaum über 90 Minuten in den Griff bekommen dürfte. Zum anderen würde man so die Möglichkeit auf hohe Ballgewinne herschenken, denn Mainz verfügt noch immer nicht über den besten Spielaufbau aus der Innenverteidigung. Ein situatives Angriffspressing sollte Werder daher im Gepäck haben. Der gegenwärtige (mentale) Zustand der Mannschaft legt einen vorsichtigen Beginn nahe, um zunächst etwas Selbstvertrauen zu sammeln und ein frühes Gegentor zu vermeiden.

Die Personalentscheidungen werden für Schaaf nicht leicht zu treffen sein. Geht er den Weg der letzten beiden Spiele weiter und setzt seine Stars weiterhin auf die Bank? Wie reagiert er auf die Ausfälle im Mittelfeld? Sokratis hat sich als Sechser gegen Fürth nicht bewährt, da ihm die Qualitäten als Ballverteiler sowie die Positionstreue im Mittelfeld abgehen. In einem Auswärtsspiel, in dem Werder nicht das Spiel machen muss, könnte dies jedoch anders aussehen. Als Kettenhund neben Trybull könnte er sich um die Läufe von Ivanschitz ins Zentrum kümmern. Durch die Verletzungen von Junuzovic, Fritz und Ignjovski sowie den langen Ausfall von Bargfrede gibt es dazu nicht viele Alternativen. Der Schlüssel zur Torgefahr dürfte dagegen mal wieder Kevin De Bruyne sein, der in den letzten Spielen als alleinige (Um-)Schaltzentrale agierte und dabei an fast allen gefährlichen Aktionen beteiligt war. Ihm kommt die verbesserte Absicherung durch die beiden Sechser zwar entgegen, doch fehlt ihm mit einer sehr defensiv-orientierten Aufstellung oft die Unterstützung bei Kontern. Auch hier wird die richtige Mischung noch gesucht.

Wegweiser für den Saisonendspurt

Nachdem man den Befreiungsschlag gegen Fürth verpasst hat, gilt es gegen Mainz und im darauffolgenden Heimspiel gegen die wiedererstarkten Schalker, nicht noch weiter in Richtung Relegationsplatz abzurutschen, bevor die Spiele gegen Düsseldorf, Wolfsburg und Hoffenheim wohl über den Bremer Saisonausgang entscheiden. Auf einen nachhaltigen Umschwung mag ich in dieser Saison nicht mehr hoffen. Es geht nur noch darum, über kleine Erfolgserlebnisse genug Selbstvertrauen zu sammeln, um nicht in eine noch tiefere, akute Krise gestürzt zu werden. Die tiefer gehende, strukturelle Krise droht sich jedoch auch über die Saison hinweg fortzusetzen.

Bremer Reflexe

Die Ente befindet sich im Umzugsstress, deshalb ist hier im Blog derzeit nicht viel los. Statt einzelner Spiele widme ich mich deshalb nur dem großen Ganzen.

Vor ein paar Tagen hat Werders Stadionsprecher Arnd Zeigler einen beachtlichen Artikel für den Weser-Kurier geschrieben. Er beschreibt dort etwas, das er den “mittlerweile legendären, bremen-typischen Reflex” nennt, den wir seit Beginn der Amtszeit von Thomas Schaaf 1999 etwa zwanzigmal erlebt hätten. Gemeint ist die Trainerdiskussion, die nun seit einigen Wochen immer kontroverser geführt wird. Der Inhalt des Textes lässt sich schnell zusammenfassen. Im Kern trifft Zeigler zwei Aussagen: Erstens sind Trainerdiskussionen normal und wir erleben sie ständig, zweitens beruhten Werders Erfolge darauf, sich stets selbst treu zu bleiben. Hätte man der Kritik am Trainer in den Jahren vor 2003/04 nicht standgehalten, hätte es die Erfolge in den Jahren darauf nicht gegeben.

Man kann von dem Text halten, was man will. Ich persönlich finde ihn argumentativ sehr dünn und sehe keinen großen Beitrag zur aktuellen Diskussion. Dennoch ist der Text alles andere als belanglos. Zeigler ist zwar nicht in verantwortungsvoller Position für den Verein tätig, doch er gehört zum engeren Zirkel, der viel beschworenen Werderfamilie. Der Text spiegelt ziemlich gut die Denkweise wider, die dem Verein und seinem Umfeld häufig unterstellt wird. Grundlage ist die Annahme, dass wir die Guten sind und deshalb das “Bremer Modell” von seinem Wesen her der Konkurrenz überlegen ist:

“Denn wir sind Werder Bremen. Und auch wenn man auf so manches neidisch sein kann, wäre niemand von uns gerne lieber Bayern München. Denn Werder Bremen steht für etwas. Ganz altmodisch gesagt: Werder steht für Werte, für eine Mentalität, für eine Philosophie, auf die wir alle stolz sein können. Alles, was Werder ist, verdanken wir der Tatsache, dass der Verein sich treu geblieben ist.”

Nun mag man es einem Fan nicht verübeln, den eigenen Verein als besser als den Rest anzusehen. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Denkweise den Bereich der Fanfolklore verlässt und zur scheinbar rationalen Maxime erhoben wird, von der jegliches Handeln und Denken innerhalb des Vereins ausgeht. Hier zeigt sich ein Weltbild, das dem von Religionen nicht unähnlich ist. Der eigene Überlegenheitsanspruch muss nicht begründet werden, denn er ist in sich selbst begründet. Die von Zeigler angesprochenen Werte, Philosophie und Mentalität leiten sich direkt hiervon ab.

Konkret auf die aktuelle Situation bezogen, lässt sich aus dem Text schließen, dass eine Entlassung des Trainers vor allem deshalb falsch wäre, weil sie Werders Philosophie widerspräche. Die sportlichen und wirtschaftlichen Kriterien, nach denen Sportunternehmen (und ein solches ist die Werder Bremen GmbH & Co KGaA ) ihre Entscheidungen für gewöhnlich ausrichten, spielen nur eine untergeordnete Rolle. Auch hier zeigt sich ein religionsähnlicher Ansatz: Wenn wir nur brav an unseren Werten und an unserem Weg festhalten, dann werden wir am Ende belohnt werden. So war es schon immer und so wird es auch immer sein. Jeder Stein, der uns auf dem Weg dorthin in den Weg gelegt wird, ist nur eine weitere Prüfung auf dem Weg zur Erlösung.

Es ist wohl kein Zufall, dass Zeigler in seinem Text nicht ins Detail geht, sondern im Allgemeinen bleibt, denn so kann man ihn nur schwerlich widerlegen. Doch auch wenn der “Bremer Weg” dem Verein viele Sympathien eingebracht hat, hält die Behauptung der moralischen Überlegenheit einer näheren Betrachtung kaum stand. Dafür braucht man nicht einmal die Kooperationen mit umstrittenen Unternehmen wie Wiesenhof oder Kik bemühen, dafür genügt es bereits, sich ein Spiel der D-Jugend anzuschauen. Schon dort zeigt sich im Umgang zwischen Trainern und Spielern eine extrem erfolgs- und wettbewerbsorientierte Haltung, ohne die Leistungssport kaum möglich ist.

In den guten Jahren wurde das “Bremer Modell” als Paradebeispiel für erfolgreichen Fußball dargestellt, das für den Rest der Liga ein leuchtendes Vorbild sein sollte. Werder war erfolgreich, weil man anders war, weil man langfristig dachte, weil man nicht bei jeder Minikrise den Trainer entließ. Weil man nicht Schalke, der HSV oder Bayern München war. In den schlechten Jahren dient es nun als Auffangnetz: War ja klar, dass das kleine Werder Bremen da oben nicht lange mitspielen kann, wir sind schließlich nicht Bayern München. Nun lässt sich der Standortnachteil gegenüber den Teams aus Hamburg, Berlin oder dem Ruhrgebiet mit allen damit verbundenen Folgen nicht wegdiskutieren. Dennoch gibt es für den sportlichen und damit auch finanziellen Niedergang des Vereins viele Gründe, die nichts mit den begrenzten “natürlichen” Möglichkeiten zu tun haben.

Der viel beschworene Umbruch im letzten Sommer war richtig und notwendig. Die Hoffnung auf eine neue, erfolgreiche Ära mit einem jungen, spielfreudigen Team bestand zurecht. So wagt auch Zeigler zum Ende seines Artikels nicht zufällig einen Vergleich mit Borussia Dortmund, das vor ein paar Jahren ebenfalls einen Umbruch durchführen musste:

“Eine ganz ähnliche Konstellation hat auch bei Borussia Dortmund in Jürgen Klopps Anfangszeit ganz und gar nicht sofort funktioniert.”

Der BVB wurde in Klopps erster Saison Sechster, in seiner zweiten Saison Fünfter und in der dritten Saison Meister. Es bleibt jedem selbst überlassen, dort die Parallelen zu Werders Entwicklung in dieser Saison zu suchen und finden. Die Anspruchshaltung ist bei den meisten Werderfans längst nicht mehr so groß, wie Zeigler uns glauben machen will. Hier erwartet niemand Champions League Siege und Meisterschaften in Serie. Die meisten wären mit einer leicht positiven Entwicklung und erkennbaren Fortschritten an den größten Problemstellen wohl vorerst schon zufrieden. Wie man mit geringen finanziellen Mitteln relativ erfolgreich sein kann, machen uns längst Vereine vor, die weitaus beschränkter in ihren Möglichkeiten sind, als Werder Bremen.

Letztlich muss sich der Verein entscheiden, ob und wie lange er der eigenen Folklore noch glauben will. Die Diskrepanz zwischen dem jährlich formulierten Ziel “internationaler Wettbewerb” und den tatsächlichen Ergebnissen ist inzwischen so groß, dass Männer wie Thomas Eichin und Klaus Filbry (die mir nicht übermäßig affin für sentimentale Entscheidungen zu sein scheinen) ins Grübeln geraten werden. Der immer noch zweiterfolgreichste Fußballverein Deutschlands in den letzten 50 Jahren hat schon schlimmere Krisen erlebt, als die derzeitige. Werder ist nicht dazu verdammt, auf Jahre hinweg im Niemandsland der Tabelle zu versauern. Dazu müssen jedoch die richtigen Entscheidungen getroffen werden, die bekanntlich nicht immer die bequemsten sind. Manchmal ist die bequemste Entscheidung, bei Misserfolgen den Trainer zu entlassen. Manchmal ist die bequemste Entscheidung, an einem langjährigen, fest verwurzelten Trainer festzuhalten.

Was Arnd Zeigler sagen wollte, war wohl: Man darf als Verein nicht immer dem Druck der Straße nachgeben, wenn man erfolgreich sein will. Man muss an den eigenen Werten und Zielen festhalten. Was er gesagt hat, war: Jegliche Diskussion um Thomas Schaaf war falsch, ist falsch und wird auch immer falsch bleiben. Bis in alle Ewigkeit, Amen.

Mit neuem System zu neuen Höhen?

Bevor Sebastian hier ab morgen wieder exklusiv aus dem Trainingslager in Belek berichtet, bringe ich schnell noch meine Hinrundenanalyse. Nachdem der erste Teil rein auf Zahlen basiert war, habe ich im zweiten Teil versucht, Werders neues Spielsystem ein wenig auseinander zu nehmen. Fangen wir ganz hinten an.

Torwartspiel

Der Unterschied zwischen Sebastian Mielitz und Tim Wiese ist offensichtlich. Man hatte sich schon so sehr an die “alte” Torwartschule gewöhnt, dass es nun fast wie eine Revolution wirkt. Dabei spielt Mielitz gar nicht so “modern” wie manch anderer Keeper der Liga. Ein mitspielender Torwart ist er aber in jedem Fall. Er antizipiert gut und versucht häufig, Chancen durch frühes Rauslaufen direkt zu unterbinden. Das wirkt manchmal noch etwas ungestüm, doch ist insgesamt schon ziemlich gut.

Ein weiterer großer Unterscheidungspunkt zur Vorsaison sind die Abwürfe. Mielitz schlägt nur selten lang ab, sondern baut das Spiel meistens durch einen kurzen Abwurf auf. Dieser geht häufig auf einen der Außenverteidiger, insbesondere auf die linke Seite. Allerdings versucht Mielitz häufig, das Spiel durch einen schnellen, langen Abwurf zu beschleunigen. Das Umschalten der Mitspieler klappt jedoch noch zu selten, so dass meistens der Gegner schon alle gefährlichen Räume zugestellt hat, bis ein Mitspieler anspielbar ist.

Aufbauspiel

In der Spieleröffnung ist kaum eine Weiterentwicklung zu erkennen. Werders erfolgreiche Aufbauvariante früherer Jahre, der Vertikalpass vom Innenverteidiger ins (defensive) Mittelfeld, ist im heutigen Fußball kaum noch möglich. Wie schon in der Vorsaison baut Werder das Spiel daher meistens über die Außenverteidiger auf. Das überrascht, denn bei vielen Konkurrenten ist es inzwischen Standard, dass ein “abkippender Sechser” aus dem Mittelfeld die Schaltzentrale im Aufbauspiel übernimmt. Dabei nutzen sie den Außenverteidigerraum, die Außenverteidiger selbst schieben hingegen ins Mittelfeld vor. Bei Werder tun sie dies erst im laufe eines Angriffs, nicht aber in der ersten Aufbauphase.

Der Außenverteidiger wird also vom Torwart oder vom Innenverteidiger angespielt. Letzte Saison hatte dieser nun die Option, das Spiel durch einen Diagonalpass auf einen der Achter zu eröffnen oder selbst den Freiraum zu nutzen, den eine 4-4-2 Defensivformation dem Außenverteidiger gewährt, und den Ball am Fuß nach vorne zu tragen. Im Gegensatz zur Vorsaison hat er nun noch eine Option mehr: Vor ihm steht ein Flügelstürmer, der den direkten Pass nach vorne ermöglicht. Letzte Saison stand ihm diese Möglichkeit erst zur Verfügung, wenn einer der beiden Spitzen den Weg an die Außenbahn gefunden hatte.

Da viele Teams vor allem darauf bedacht sind, das Zentrum dicht zu halten, ist der Vertikalpass auf den Außenstürmer häufig einfacher, als der Pass auf den Achter. Manche Gegner (Mainz, Leverkusen) versuchen durch ihre Spielweise, diese Pässe geradezu zu provozieren, um dann gezielt auf den Außenstürmer pressen zu können. Wenn möglich versucht Werder daher trotzdem, das Spiel nicht einseitig entlang einer Linie aufzubauen, sondern die beiden Achter Hunt und de Bruyne ins Spiel zu bringen. Somit wird das Spiel über den Umweg der Außenverteidiger ins zentrale Mittelfeld getragen.

Von dort sollen nun die Angriffe eingeleitet werden. Hierbei kommt wiederum den Flügeln große Bedeutung zu. Neben dem gewohnten Kurzpassspiel sind lange Diagonalpässe auf die Flügel ein wichtiges Element in Werders Spiel geworden. Die Flügel sind offensiv immer besetzt, da Elia und Arnautovic häufig an der Außenbahn kleben. Den Achtern kommt damit nicht nur die Rolle des Ballverteilens zu. Sie müssen auch die Außenstürmer auf den Flügeln unterstützen, damit diese dort nicht isoliert werden. Der einziger Sechser Junuzovic hat daher auch die Aufgabe, den Achtern zumindest einen Teil dieser Arbeit abzunehmen und schiebt in Ballbesitz mit nach vorne. Wenn nun noch der jeweilige Außenverteidiger nachrückt, kann die Seite “überladen” werden, d.h. Werder hat Überzahl in Ballnähe.

Ich sehe derzeit zwei Grundprobleme in Werders Spielaufbau: Zum einen ist der Aufbau über die Außenverteidiger zu ineffizient. Werders Aufbau ist relativ “linkslastig”, vor allem Mielitz wirft den Ball viel häufiger auf Schmitz als auf Selassie. Es erschließt sich mir nicht, warum der “einfüßigste” Spieler im Team mit der Spieleröffnung betraut werden sollte, wenn man drei kreative Mittelfeldspieler auf dem Platz hat. Zudem ist es für den Gegner relativ einfach, den Weg zurück in die Mitte dicht zu machen, da Werders Spieler statisch ihre Positionen halten und selbst Gegner mit hoher Mannorientierung kaum in ihrer Formation durcheinander gebracht werden. Wie man mit aggressivem Pressing auf die Außenverteidiger jegliche Luft aus Werders Aufbauspiel nehmen kann, hat Freiburg bei Werders doch sehr schmeichelhaften Auswärtssieg dort gezeigt.

Der zweite Schwachpunkt ergibt sich ein Stück weit aus dem ersten: Die Außenstürmer kleben fast immer am Flügel. Dadurch wird das Spiel breit gemacht und theoretisch sollte sich durch die Streckung der gegnerischen Viererkette häufiger Lücken in der Mitte finden lassen. Wenn der Gegner kompakt verteidigt, “verhungert” der Außenstürmer auf der gegenüberliegenden Seite jedoch häufig. Er ist für seine Mitspieler nur mit langen, horizontalen oder diagonalen Bällen erreichbar und muss dann in Ballbesitz erst warten, bis ein Teamkollege auf die Seite gerückt ist, um eine Anspielstation zu haben. Hierdurch vergeht zu viel Zeit, die der Gegner nutzen kann, um kompakt auf seine Seite zu verschieben. Paradoxerweise hatte Werder in der Hinrunde zu viel Breite, während man in der Vorsaison häufig zu wenig Breite im Spiel hatte.

In der Rückrunde sollte man meiner Meinung nach versuchen, den Spielaufbau mehr über Junuzovic oder de Bruyne laufen zu lassen, die Außenverteidiger im Aufbau ein Stück weiter nach vorne schicken und die Flügelstürmer von ihren Fesseln an der Außenlinie befreien. Vor allem Elia dürfte davon profitieren. Allerdings würde diese eigentlich kleine Änderung Auswirkungen auf quasi jeden Mannschaftsteil haben, bräuchte also erneut eine gewisse Zeit, bis alle Abläufe sitzen. Für realistisch halte ich es bei Schaaf aber sowieso nicht.

Flügelspiel

Durch die doppelte Besetzung der Außen hat das Flügelspiel bei Werder deutlich an Bedeutung gewonnen. Dennoch kann man bei Werder nicht wirklich von einer Flügelzange sprechen. Wie eben erwähnt machen Elia und Arnautovic das Spiel meistens sehr breit, wodurch sie immer auch der Gefahr ausgesetzt sind, auf ihren jeweiligen Flügeln isoliert zu werden. Der Vorteil, beide Flügel jederzeit anspielbar zu haben, verringert sich immens, wenn der Ball tatsächlich auf einer der Außenbahnen ist: Der andere Flügel ist dann weit weg und in der Zeit, der der Ball für einen Seitenwechsel braucht, könnte auch der Außenverteidiger nachrücken und die Position einnehmen. Es wäre also vermutlich effektiver, wenn die Außenstürmer zumindest dann wesentlich zentraler agieren würden, wenn der Ball auf dem gegenüberliegenden Flügel ist.

Das Flügelspiel selbst ist vor allem auf Hereingaben von Höhe des Sechzehners ausgerichtet. Sololäufe parallel zur Strafraumlinie mit Torabschluss sieht man eher selten bei Werder. Stattdessen findet sich häufig ein Dreieck aus Flügelstürmer, Außenverteidiger und Achter, das Versucht, sich in Richtung Grundlinie zu kombinieren und von dort aus Petersen per Flanke ins Spiel zu bringen. Eher selten gelingt es dabei (wie bei Elias Torvorlage von der Torauslinie) hinter die Abwehr zu kommen.

Insgesamt verströmen Werders Flügels trotz Arnautovics passabler Torquote zu wenig Torgefahr. Im ersten Halbjahr des Bremer Flügelrevivals hat man noch nicht den Bogen raus, wie man über die Außenstürmer echte Torgefahr erzielt. Auch hier denke ich, dass es förderlich wäre, wenn Elia und Arnautovic nicht so sehr an den Außenbahnen kleben würden und den Ball häufiger in tornaher Position erhalten.

Abschluss

Nils Petersen ist insgesamt ein guter Strafraumstürmer und enorm kopfballstark, aber technisch vor allem im Vergleich zu einem Claudio Pizarro doch limitiert. Auch wenn Werders “schlechte Chancenverwertung” (wie im letzten Post gezeigt) vor allem in den Köpfen von uns Fans existiert, hätte vor allem Petersen mit einer besseren Grundtechnik sicher 2-3 Tore mehr erzielt.

Ansonsten fehlt es Werder teils an Präsenz im Strafraum. Der Weg für die Außenverteidiger ist weit, so dass Petersen teilweise auf sich allein gestellt ist, wenn keiner der Achter schnell mit vorstößt. Hier ist vor allem bei Aaron Hunt auffällig, dass er den Weg in den Strafraum scheut, sei es auf Anweisung oder aus eigenem Antrieb. Er bleibt fast immer an der Strafraumgrenze stehen, auch wenn die Spielsituation etwas anderes erfordern würde. Somit ist Werder noch zu sehr von Petersen oder individuellen Geniestreichen von Hunt oder de Bruyne abhängig.

Pressing

Einer der größten Unterschieden zur Vorsaison ist das deutlich verbesserte Pressing. Letzte Saison zählte Werder zu den pressingschwächsten Teams der Liga. Man verzichtete (besonders in der Rückrunde) fast völlig auf Angriffspressing und auch das Gegenpressing war nicht gut. In der Hinrunde 11/12 kassierte man in Kombination mit einer hoch stehenden Viererkette so viele Kontertore. In der Rückrunde verteidigte Werder tiefer, doch trotzdem blieb man anfällig für Gegentore.

In dieser Saison wollte man das Spiel wieder mehr in die gegnerische Hälfte verlagern. Das gesamte Team beteiligt sich am Pressing. Petersen ist hierbei eine große Bereicherung, weil sein Spiel ohne Ball auf gutem Niveau ist und er viele Wege gegen die gegnerischen Innenverteidiger macht. Meistens presst Werder in einem 4-1-4-1, wobei die beiden Außenstürmer sehr mannorientiert verteidigen. Je höher die gegnerischen Außenverteidiger angreifen, desto tiefer stehen Elia und Arnautovic. Mitunter ergibt sich so (wie z.B. gegen Leverkusen) eine Art 6-1-2-1 Defensivformation. Ein 4-3-3 sieht man im Pressing dagegen eher selten. Es sind meist die Achter, nicht die Außenstürmer, die Petersen an vorderster Front unterstützen. Gelegentlich presst Werder auch in einem 4-4-2, am deutlichsten wohl gegen Hoffenheim, wo Ignjovski und Fritz meist eine Doppelsechs gaben.

Mit dem Pressing hat sich auch das Umschaltspiel nach Ballgewinn verbessert. Gerade wegen den oben besprochenen Problemen im Aufbauspiel haben die Konter einen höheren Stellenwert in Werders Spiel bekommen. Besonders auswärts spielt Werder in dieser Saison häufig mit einer Kontertaktik. Die nötigen Umschaltspieler dafür hat man in den Reihen. Besonders Junuzovic ist hier hervorzuheben, der das Spiel nach Ballgewinn oft schnell macht. Allerdings spielt Werder viele gute Kontergelegenheiten unsauber zu Ende. Auf mich wirkt es nicht selten so, dass die Spieler nicht genau wissen, welchen Laufweg sie wählen sollen, was es dem ballführenden Spieler erschwert, den Angriff schnell zum Abschluss zu führen.

Das Umschaltspiel nach Ballverlust ist noch immer ausbaufähig. Insbesondere die beiden Achter schalten hier gerne mal ab und brauchen zu lange, um nach verloren gegangenen Bällen den Defensivmodus zu finden. Gerade wenn man sieht, wie hart und unermüdlich bei vielen Top-Teams gegen den Ball gearbeitet wird, sollten Spieler in unmittelbarer Ballnähe sofort ins Gegenpressing übergehen, bzw. den Weg zurück in die Defensivordnung finden. Abwinken und unbeteiligtes nebenher Traben möchte ich in der Rückrunde nicht mehr sehen.

Defensives Mittelfeld

Die meisten Trainer hätten auf Werders langjährige Probleme im defensiven Mittelfeld wohl reagiert, indem sie zunächst eine solide Doppelsechs mit wenig Offensivdrang installieren. Schaaf bleibt auch im neuen System bei einer Lösung mit nur einem nominellen Sechser. Dass dieser im Normalfall Zlatko Junuzovic heißt und eigentlich bislang im offensiven Mittelfeld anzutreffen war, macht die Sache nicht uninteressanter. Junuzovic spielt eine starke Saison, ist sehr fleißig und laufstark. Als Staubsauger und Lückenfüller hat er einen großen Aktionsradius.

Durch das weite Aufrücken der beiden Achter im Pressing bleibt für Junuzovic aber häufig extrem viel Raum zum Abdecken. Eigentlich müsste er ein Stück nachrücken, um den Abstand zu Hunt und de Bruyne gering zu halten. Das dabei entstehende und an dieser Stelle häufig diskutierte Loch vor der Viererkette kann von clever agierenden Gegnern ausgenutzt werden. Werders Antwort darauf besteht darin, dass die Innenverteidiger häufig antizipativ aus der Kette herausrücken, was jedoch in ihrem Rücken eine neue Lücke entstehen lässt.

Auch offensiv kommt Junuzovic eine tragende Rolle zu. Im Spielaufbau rückt er häufig weit auf und überlässt de Bruyne den defensivsten Part im Mittelfeld. Im Laufe des Angriffs nimmt er dann jedoch meistens wieder die tiefste Mittelfeldposition ein.

Insgesamt ist Werders Problem vor der Abwehr alles andere als gelöst. Dank Junuzovics individueller Stärke funktioniert das System einigermaßen, aber insgesamt wirkt Werders Mittelfeld zu unausgeglichen und zu offensivorientiert. Hier holen andere Mannschaften mit individuell schwächeren Spielern mehr heraus.

Abwehrkette

Früher galten die Außenbahnen als Werders große Schwäche, weil hinter den aufgerückten Außenverteidigern und der generell sehr hoch verteidigenden Viererkette Raum für Konter bestand. Heute verteidigt Werder generell tiefer und im Gegensatz zu vielen anderen Mannschaften rücken die Außenverteidiger erst spät mit auf. Zudem werden sie defensiv seit dieser Saison von den Außenstürmern gut unterstützt. Eigentlich sollte diese Schwachstelle nun also behoben sein. Dennoch kassiert Werder häufig Gegentore über die Außen. Es sind allerdings weniger die Konter, die Werder das Leben schwer machen, sondern mehr die Flanken. Etliche Male musste man Gegentore nach Flanken hinnehmen, obwohl man im Strafraum in Überzahl war. Das Zentrum wird hierbei nicht gut verteidigt. Es fehlt an Ballorientierung, vor allem wenn die Flanken in die Schnittstellen zwischen Innen- und Außenverteidiger kommen.

Fazit

Werder hat sich in einigen Belangen deutlich verbessert. Hierzu zählen Flügelspiel, Pressing und teilweise auch das Umschaltspiel. In anderen Bereichen ist hingegen kaum ein Fortschritt zu erkennen. Das Loch im Zentrum besteht noch immer und kann nur durch die Aufmerksamkeit von Junuzovic und den Innenverteidigern partiell geschlossen werden. Das Aufbauspiel ist relativ leicht zu unterbinden und es fehlt an Alternativen. Das defensive Umschalten ist ebenfalls noch nicht so gut, wie es sein sollte.

Dazu haben sich ein paar neue Probleme aufgetan. Statt zu wenig hat man nun eher zu viel Breite im Spiel, dafür fehlt in der Mitte die Präsenz im Strafraum, für die zu oft allein Petersen zuständig ist. Es gibt jedoch auch neue Chancen, die der Umbruch mit sich bringt. Werder hat ein junges und lernfähiges Team. Die meisten Spieler sind taktisch gut ausgebildet und es gibt nur wenige Stars, bzw. solche, die sich dafür halten.

Wie in den letzten beiden Halbserien zeigte sich auch diesmal, dass vor allem in der Vorbereitung gut gearbeitet wurde. Der Umbruch ist auch im Spielsystem gelungen und die ersten Fortschritte waren (trotz meiner Skepsis) zu Saisonbeginn erkennbar. Leider war es dann wie auch schon in der letzten Saison: Im Laufe der Hinrunde gab es viel Stagnation. Der Spielaufbau wurde kaum verfeinert, die Effizienz der Konter nicht gesteigert und auch defensiv ist man weiterhin so anfällig, wie in den letzten beiden Jahren. Es wirkt auf mich so, als warte man einfach darauf, dass sich das Team besser einspielt und dann schon alles besser klappt.

Vor der Rückrunde stellt sich nun die Frage, wie Thomas Schaaf diese Defizite beheben will. Es muss vor allem defensiv eine deutliche Steigerung her, wenn man den vielen Worten Taten folgen lassen und ins internationale Geschäft einziehen will. Mit ein paar guten Ansätzen wird sich am Saisonende niemand zufrieden geben wollen, erst recht nicht, wenn dies die gleichen Ansätze sind, die so schon im September zu sehen waren und seitdem nicht weiterentwickelt wurden.

Die Hinrundenbilanz:

Teil 1: Werders Hinrunde in Zahlen
Teil 2: Mit neuem System zu neuen Höhen?
Teil 3: Zeugnisausgabe – Die Einzelkritik

Verdienter Punkt und Punktsieg

VfL Wolfsburg – Werder Bremen 1:1

Regelmäßige Leser dieses Blogs werden wissen, dass ich mit gemischten Gefühlen und einer gehörigen Portion Skepsis durch diese Saison gehe. Das Spiel gegen Wolfsburg könnte dabei in gewisser Hinsicht ein Wendepunkt gewesen sein.

Gutes Bremer Pressing hält Wolfsburg in Schach

Werder spielte gegen Wolfsburg eigentlich wie immer in dieser Saison in einem 4-3-3 / 4-1-4-1 mit breit stehenden Außenstürmern und einem flexiblen Mittelfeld, in dem diesmal de Bruyne etwas höher agierte als Hunt. Inzwischen scheint die Mannschaft eine gute Balance zwischen Pressing und tiefem Verteidigen gefunden zu haben. Im Spiel gegen Wolfsburg rückten die Achter beispielsweise häufiger und aggressiver neben Petersen ins Angriffspressing als im Spiel auf Schalke, wo man insgesamt tiefer stand. Teilweise presste Werder mit vier Spielern auf einer Linie hinter Petersen und verhinderte damit ein konstruktives Zusammenspiel zwischen Innenverteidigern, Außernverteidigern und Sechsern. Wolfsburg verstand es auch kaum, die daraus resultierenden Lücken zu nutzen. Junuzovic hatte enorm viel Raum abzudecken und ist mit seiner Laufstärke und guten Antizipation wohl der einzige im Bremer Kader, der diese Rolle so ausfüllen kann. Gegen Diego machte er ein gutes Spiel und die Flügelstürmer der Wolfsburger taten letztlich zu wenig, um den Brasilianer zu unterstützen. Werders Innenverteidiger ließen sich von Dost häufiger aus der Position ziehen, doch da Wolfsburgs Spiel nicht auf diese Lücken in der Viererkette ausgerichtet war, resultierten hieraus kaum gefährliche Situationen. Im Gegenteil konnte Werder so den Raum vor der Viererkette gut zustellen und die Luft aus den Wolfsburger Angriffen lassen.

Offensiv spielte Werder weitestgehend so, wie man es in dieser Saison kennt. In Ballbesitz ist häufig de Bruyne der tiefste Mittelfeldspieler (in diesem Spiel war es oft auch Hunt), während Junuzovic mit seinen Läufen für Überzahl sorgt. Arnautovic und Elia kleben meistens am Flügel, worunter vor allem Elia zu leiden scheint. Er wirkt teilweise wenig ins Spiel eingebunden und isoliert, wenn die Unterstützung der Achter oder des Außenverteidigers fehlt. In den letzten Spielen hat man das Problem aber anscheinend erkannt und die Außenstürmer streuen mit zunehmender Spieldauer mehr horizontale Läufe ein, wodurch sie auch immer mal wieder im Zentrum zu finden sind und sich besser ins Kombinationsspiel einbringen können. Die Führung fiel nach einem starken Dribbling von Elia, das an Marko Marin erinnerte. Bei Marin war dann jedoch häufig die Hereingabe schwach. Elia fand genau den richtigen Moment und legte den Ball zurück auf Arnautovic.

Platzverweis kippt das Spiel

Die Führung war angesichts der beiden Wolfsburger Pfostenschüsse etwas glücklich, aber vom Spielverlauf her absolut verdient. Daran änderte sich auch nach der Pause zunächst nicht viel. Im Gegenteil, die ersten 10 Minuten nach Wiederanpfiff waren Wolfsburgs schlechtesten im gesamten Spiel. Werder kam mehrfach zu guten Kontergelegenheiten, die das Team jedoch zu zögerlich anging und dann letztlich nicht mehr zu Ende spielen konnte. Die Top-Teams der Liga hätten in dieser Phase wohl das Spiel für sich entschieden.

Nach dem Platzverweis gegen Schmitz kippte das Spiel. Schon kurz vorher hatte Werder Glück, als beide Innenverteidiger aus der Position gezogen wurden und plötzlich eine riesige Lücke im Zentrum entstand, der Angriff jedoch wegen einer Abseitsstellung unterbrochen wurde. Kurz danach schlug Wolfsburg dann so zu, wie man es das ganze Spiel über gerne getan hätte. Diego hatte im Zentrum zu viel Zeit am Ball und spielte ihn in die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenverteidiger. Elia stand in der Situation meiner Meinung nach ein Stück zu weit außen, was den Pass in Vierinhas Lauf ermöglichte. Man kann das Tor also als eine direkte Folge des Platzverweises bezeichnen. Andererseits bestand Schmitz Schwäche in der Vergangenheit auch häufig darin, dass er nicht weit genug einrückte und Vierinhas Einwechslung für den doch eher blassen Hasebe hätte wohl auch bei 11 gegen 11 für mehr Schwung in Wolfsburgs Spiel gesorgt.

Schaaf reagierte meiner Meinung nach richtig, brachte Ignjovski für Elia und später noch Fritz für Arnautovic um die Stabilität im 4-4-1 zu erhöhen. Die Unterzahl im Mittelfeld machte sich in der Folge jedoch bemerkbar, Wolfsburg war jetzt klar die dominierende Mannschaft und zeigte, dass sie in den 60 Minuten davor weit unter ihren Möglichkeiten gespielt hatte. Werder hielt vor allem kämpferisch dagegen (trotz 30 Minuten in Unterzahl ist das Team insgesamt mehr gelaufen als Wolfsburg).

Punktsieg und Lob für Schaaf

Das Unentschieden geht am Ende in Ordnung, wobei ich gerne gesehen hätte, ob Wolfsburg auch ohne den fragwürdigen Platzverweis so ins Spiel gefunden hätte. Das Trainerduell geht in diesem Fall an Schaaf, der sich entgegen meiner Befürchtungen doch weiterentwickelt hat und sein System weiter verfeinert. Spiele, in denen Werder über 90 Minuten taktisch unterlegen war, gab es in dieser Saison jedenfalls wenige (Freiburg, Mainz). Zwar können Gegner gegen Werder noch immer zu häufig mit relativ einfachen Mitteln zum Torerfolg kommen, aber insgesamt ist doch eine taktische Weiterentwicklung zu erkennen, die über die reine Umstellung auf ein System mit Flügelstürmern hinaus geht. Schaaf geht weiterhin seinen eigenen Weg und so langsam habe ich wieder etwas mehr Vertrauen darin, dass er nicht in eine Sackgasse führt.

Die nächsten Spiele werden zeigen, wie gefestigt Werder schon ist. Leverkusen ist in guter Form und wird mit seinem sehr soliden und ebenfalls Laufstarken Mittelfeld eine harte Nuss für Werder. Danach kommen zwei Auswärtsspiele, wobei das Spiel in Frankfurt ein Offensivspektakel werden könnte. Angesichts der Bremer Auswärtsbilanz in diesem Jahr gibt es eigentlich nur noch ein Spiel, in dem Werder Favorit ist: Das Heimspiel gegen Nürnberg am 17. Spieltag. Und gerade gegen Heckings Team tat sich Werder zuletzt sehr schwer und musste zwei Heimpleiten in Folge einstecken. Wenn man danach noch in Schlagdistanz zu Platz 6 liegt, darf man die Hinrunde unterm Strich als Erfolg verbuchen.

Von Tristesse, Umbrüchen und Achterbahnen

Der Bremer Herbst ist gewohnt grau. Für Farbtupfer sind in dieser Jahreszeit zwei Institutionen mit langer Tradition verantwortlich. Die eine blickt auf eine fast tausendjährige Geschichte zurück, die andere ist knapp 900 Jahre jünger: Der Freimarkt und Werder Bremen.

Eine Tradition endete im vergangenen Jahr. Durfte man in den Herbsten des vergangen Jahrzehnts häufig die Topclubs des Kontinents im Weserstadion begrüßen, hat Werder inzwischen in internationalen Wochen spielfrei. Im Frühherbst, wenn man in der Gruppenphase der Champions League noch nicht aussichtslos hinten lag, waren die Spiele gegen Barcelona, Chelsea und Inter Mailand besonders prickelnd. Nun sticht als Highlight ein Heimspiel gegen Gladbach gegenüber den Partien in Augsburg und Fürth heraus. Nostalgisch könnte man sagen: Früher hatte man die Wahl, ob man Lionel, den Löwenmenschen auf der Bürgerweide oder Lionel Messi am Peterswerder bestaunen wollte. Heute hingegen gibt es Hau den Lukas nur noch auf dem Freimarkt, während das fußballerische Pendant den Schalkern vorbehalten bleibt.

Völlig unpassend zur allgemein vorherrschenden Tristesse ist das Spektakel in den letzten Wochen an die Weser zurückgekehrt. Zumindest in Ansätzen zeigt Werder wieder den Spaßfußball, den man unter Thomas Schaaf lange Jahre gewohnt war. Ob sich mit ihm auch ernsthaft gute Platzierungen erzielen lassen, muss sich erst noch zeigen. Dennoch ist die Stimmung nach dem erwartet schweren Saisonstart mit sieben Punkten aus sechs Spielen gut. Das Anspruchsdenken wurde zurückgeschraubt, die junge Mannschaft genießt schon jetzt mehr Vertrauen, als die auf dem Papier hochklassigeren Teams der letzten beiden Jahre. Endlich – so hört man immer wieder – macht es wieder Spaß Werder zuzuschauen. Endlich steht auf dem Platz wieder eine Mannschaft, mit der man sich identifizieren kann.

Und dennoch fällt es mir schwer, in die allgemeine Begeisterung einzustimmen. Ich sehe die guten Ansätze und die Spielfreude, die Werder verbreitet. Die eher magere Punkteausbeute und die deutlichen Leistungsschwankungen sind Dinge, mit denen man rechnen musste. Im Gegensatz zum Traumstart der letzten Saison, als man nach sechs Spielen mit 13 Punkten auf Platz 2 stand, hat man das Gefühl, dass sich tatsächlich etwas geändert hat. Dass tatsächlich ein Umbruch stattgefunden hat. Neues System mit neuem Personal. Ein Versprechen für die Zukunft.

Doch ich mag diesem Versprechen nicht trauen. Der Grund dafür ist ausgerechnet eine der größten Identifikationsfiguren des Vereins und gleichzeitig eine der wenigen Persönlichkeiten in der Welt des Fußballs, die ich tatsächlich als gutes Vorbild bezeichnen würde: Thomas Schaaf. Seit 40 Jahren ist Schaaf im Verein, die letzten 13 davon als Cheftrainer. Schaafs Verdienste für Werder sind so groß, dass ich jede Kritik an ihm schmerzvoll finde. Über die Jahre habe ich Schaaf so häufig in Schutz genommen, dass ich nicht mehr genau sagen kann, zu welchem Zeitpunkt das Pendel in mir begann, in die Gegenseite zu schwingen. Und nun, da die allgemeine Stimmung wieder ein Stück weit zu Schaafs Gunsten gekippt ist, finde ich mich plötzlich auf der Seite der Kritiker, vielleicht sogar der Nörgler wieder. Und fühle mich schlecht dabei.

Ja, ich hätte im Sommer gerne einen Trainerwechsel gesehen. Zum ersten Mal in Schaafs Amtszeit. Vielleicht ist es genau die Tatsache, dass ich innerlich so lange an ihm festgehalten habe, die es mir jetzt so schwer macht, den Schritt zurück zu gehen. Dabei bin ich mir voll bewusst, dass ein Austausch des Trainers derzeit keinerlei Sinn ergäbe. Der richtige Zeitpunkt dafür ist verstrichen. Nun, da man mit Schaaf in diese erste Saison nach dem Umbruch gegangen ist, muss man ihm auch Zeit geben, die neue Mannschaft zu formen. Wie lange, darüber lässt sich streiten. Jedoch eindeutig länger als die bisherigen sechs Spieltage. Und trotzdem kann ich meine Voreingenommenheit nicht beiseite schieben.

Wenn das defensive Mittelfeld mal wieder entblößt wird und der Gegner in den freien Raum stößt, dann könnte man dies der mangelnden Erfahrung der Spieler zuschreiben. Für mich ist es die Fortführung eines Problems, das Werder seit Jahren mit sich herumschleppt. Wenn man wieder einmal ein Gegentor nach einer eigenen Ecke kassiert, dann kann man die Konzentration der einzelnen Spieler in Frage stellen. Ich sehe ein grundsätzliches Problem im defensiven Umschalten und eine schlechte Staffelung der absichernden Spielern bei eigenen Standards. Kurzum: Alles, was man einer jungen, neu-formierten Mannschaft in einem neuen Spielsystem an Fehlern zugestehen müsste, kann ich derzeit nicht losgelöst von den Entwicklungen der letzten Jahre sehen.

Vielleicht macht mich das zu einem Pessimisten, vielleicht auch nur zu einem Realisten. Vielleicht auch zu einem Pessimisten, der sich selbst als Realisten sieht. In jedem Fall aber verhindert es bislang, dass ich die immerhin schon zu über einem Sechstel absolvierte Saison genießen kann. Auch die positiven Ansätze, die ich sehr wohl erkennen kann, werden vom Gehirn direkt unter der Prämisse der verkorksten Gesamtsituation bewertet und einsortiert.

Was bleibt mir also übrig? Wäre ich zynischer veranlagt könnte ich sagen: Das Warten auf das Ende der Amtszeit von Thomas Schaaf. Doch eigentlich würde ich viel lieber das können, was vielen Werderfans in dieser Saison wieder so leicht zu fallen scheint: Hoffen und Freuen. Auf die Zukunft, über die Gegenwart. Vertrauen zurückzugewinnen, in die junge Mannschaft unter ihrem alten Trainer. Vielleicht eines Tages sagen zu können, dass ich Unrecht hatte.

Bis dahin bleibt mir nur, mit demselben merkwürdig beklemmenden Gefühl im Magen auf das Spiel in Augsburg zu warten, das mich schon die gesamte Saison über begleitet. Ein Gefühl, wie beim Blick aus der Achterbahn kurz vor der ersten Abfahrt. Wenigstens eine Parallele zum Freimarkt ist mir geblieben.

Fünf Fragen zwischen den Nordderbys

Wie schwach war der HSV?

Im Überschwang eines siegreichen Nordderbys kann man die Realität schon mal etwas verzerrt wahrnehmen. So wie die Kreiszeitung, die einen „chancenlosen HSV“ gesehen haben will. Dabei waren die Hamburger über weite Strecken ein ebenbürtiger Gegner, kamen nach Werders starker Anfangsphase gut in die Partie und fielen auch nach den Gegentoren nicht in sich zusammen. Im Vergleich zum Spiel gegen Nürnberg war das eine deutliche Leistungssteigerung.

Dennoch sollte man den HSV nicht als Maßstab für die nächsten Spiele sehen. Bei Werders Toren sah man sehr gut, dass alle guten Ansätze wenig nützen, wenn man solche einfachen Fehler macht. Auf der anderen Seite wusste der HSV mit den immer wieder vorhandenen Lücken zwischen Werders Linien nicht allzu viel anzufangen und schenkte viele Kontergelegenheiten leichtfertig her. Daher war Werders Sieg absolut verdient.

Gegen die meisten Bundesligisten ist es inzwischen jedoch sehr gefährlich, vor der eigenen Viererkette so offen zu spielen. Gegen den HSV konnte man dieses Risiko in Kauf nehmen.

Wer zweifelt noch an Aaron Hunt?

Hunts Standing bei den Werderfans ist seit vielen Jahren eher schlecht. Negativer Höhepunkt waren dabei die ständigen Pfiffe in der vorletzten Saison, als Hunt erschreckend schwache Leistungen zeigte. Seit der letzten Saison ist eine Verbesserung des Verhältnisses zu beobachten, zu der vielleicht auch die Aktion „Mit Herz und Hunt“ etwas beigetragen hat. Trotz der deutlichen Leistungssteigerung in der letzten Spielzeit ist die Zahl der Hunt-Kritiker auf der Tribüne noch immer groß.

Nun soll Hunt das tun, was er in den Augen seiner Kritiker niemals können wird: Verantwortung übernehmen. Vor einem Jahr verwandelte er in der Schlussphase der Partie gegen den SC Freiburg beim Stand von 3:3 einen Elfmeter vor der Ostkurve. Gegen den HSV trat er nach seinem ersten verschossenen Elfmeter erneut an den Punkt und versenkte den Ball. Man kann es durchaus eine Demonstration mentaler Stärke nennen. Rein spielerisch sollte es ohnehin keine Zweifel mehr an seiner Wichtigkeit für die Mannschaft geben.

Doch auch das wird die besonders Hartnäckigen unter seinen Kritikern nicht überzeugen. Da wird selbst noch bei einer Passquote von 93% (wie gegen Dortmund) behauptet, Hunt würde zu viele Fehlpässe spielen. Man merkt jedoch, dass bei vielen langsam ein Umdenken stattfindet. In seiner neunten Saison als Fußballprofi könnte sich Hunt endlich zu dem Spieler entwickeln, den viele Experten und nicht zuletzt auch Thomas Schaaf schon seit langem in ihm sehen.

Was ist mit Werders Linksverteidigern los?

Vor der Saison lautete die große Frage: Hartherz oder Schmitz? Für viele – mich eingeschlossen – galt der junge Hartherz dabei als leichter Favorit. In den ersten beiden Saisonspielen durfte dann aber Aleksandar Ignjovski ran. Der in der Vorbereitung überzeugende Schmitz musste auf der Bank Platz nehmen, während Hartherz erst gar nicht im Kader stand. Nach Ignjovskis Blackout in Dortmund spielte gegen den HSV Clemens Fritz als Linksverteidiger. Dabei konnte man trotz einer ordentlichen Leistung sehen, dass sich der Kapitän auf der Position nicht sonderlich wohlfühlt.

Nach einer Saison, in der die ewige Baustelle hinten links endlich geschlossen schien, steht man nun wieder an dem Punkt, dass man solide Allrounder den Spezialisten für die Position vorzieht. Was macht eigentlich Petri Pasanen? Schaaf hat Schmitz zuletzt ungewohnt deutlich kritisiert und klar gesagt, dass er mit der Leistung der letzten Wochen nicht zufrieden war. Nun darf man gespannt abwarten, ob sich Schmitz in den nächsten Wochen zurück ins Team kämpft. Hartherz muss sich hingegen über gute Leistungen in der U23 anbieten, um überhaupt in den Kader zurückzukehren.

Oder kommt Schaaf die Situation sogar ganz gelegen, kann er so doch alle drei kreativen Mittelfeldspieler aufbieten, ohne dabei seinen Kapitän mit einem Platz auf der Bank brüskieren zu müssen? Eine reine Bewegungstherapie ist es für Fritz jedenfalls nicht: Den – rein nach statistischen Daten ermittelten – Noten von whoscored.com zufolge, war Fritz am Samstag der zweitbeste Spieler auf dem Platz.  Den Sinn oder Unsinn dieser Noten möchte ich an dieser Stelle nicht ausdiskutieren.

Lässt Schaaf gegen Hannover vorsichtiger agieren?

Hannover war jahrelang ein gutes Pflaster für Thomas Schaafs Werder. In den letzten beiden Jahren gab es jedoch zwei herbe Niederlagen für Werder. Herb vor allem deshalb, weil man sich an der Weser beide Male vor dem Spiel im Aufschwung wähnte und dann jeweils vom schlau konternden Gegner auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde. Vor zwei Jahren fing man sich, übrigens direkt nach einem Heimsieg gegen den HSV, eine 1:4-Packung ein (bevor jemand auf die Idee kommt, dies auf die Raute zu schieben: Werder begann damals im 4-2-3-1). Letztes Jahr reiste man als Tabellenzweiter an die Leine und fuhr mit einem schmerzhaften 2:3 im Gepäck zurück nach Hause.

Beide Male hatte Werder großen Aufwand betrieben und zahlte gegen clevere 96er Lehrgeld. Auch wenn Werder seitdem das System und Teile des Personals ausgetauscht hat, wäre es leichtsinnig, diese beiden Spiele nicht als Warnsignale zu interpretieren. Auch wenn es schwer fällt, muss man akzeptieren, dass Hannover inzwischen die reifere und gefestigtere Mannschaft hat. Der offene Schlagabtausch ist daher nicht unbedingt die beste Option. Durch das verbesserte Umschaltspiel und die doppelt besetzten Außenbahnen sollte man auch bei einer vorsichtigen und defensiven Herangehensweise eine Chance auf Tore haben.

Fehlende Kompaktheit wird von Slomkas Hannover hingegen meistens bestraft. Anstatt das Spiel in die Länge zu ziehen, wie gegen den HSV, sollte man darauf achten, den Raum im Zentrum zu verengen. Beim Pressing müsste man sich dann an vorderster Front auf zwei Spieler beschränken (der Stürmer und einer der Achter) und nicht wie gegen Hamburg beide Achter vorschieben. Sonst ergibt sich jedes Mal, wenn 96 die Pressinglinie überspielt eine Unterzahlsituation für den jeweiligen Sechser. Und im Gegensatz zum HSV weiß Hannover damit auch etwas anzufangen.

Was ist in dieser Saison drin für Werder?

Die bisher gezeigten Leistungen entsprechen in etwa dem, was man zu diesem Zeitpunkt von Werder erwarten konnte. Spielerisch ist sehr großes Potenzial im Kader vorhanden. Das Team ist im Offensivspiel sogar schon etwas weiter, als ich gedacht hätte. Defensiv ist man aber auch anfälliger, als ich gehofft hätte. Alles in allem könnte man also sagen: Typisch Werder, typisch Thomas Schaaf.

Durch die vielen Optionen in der Offensive sollte man eine etwas bessere Saison spielen, als in den letzten beiden Jahren. Wenn man wieder in die erweiterte Spitze möchte (was ja offenkundig zumindest mittelfristig der Anspruch des Vereins ist), wird man sich vor allem auf der Sechserposition verbessern müssen (vor allem taktisch, nicht unbedingt personell). Es ist bei aller Freude über die positive Stimmung im Verein bitter, dass man eines der größten Probleme der letzten Jahre nicht gelöst bekommt.

Derzeit geht man hohes Risiko, um das eigene Offensivspiel durchzusetzen. Mit etwas Glück kann man damit in die Europa League kommen. Man kann damit aber auch gegen Hannover oder Mainz 0:4 verlieren. Für die junge Mannschaft wird es wichtig sein, die Spielfreude und gute Stimmung beizubehalten und sich nach und nach eine bessere Balance zwischen Offensive und Defensive anzueignen. Dazu muss man hoffen, dass der Konkurrenzkampf hoch bleibt und die Verletzungsmisere nicht wieder zuschlägt. Auch am Anfang der letzten Saison lief es gut, als die Ersatzbank noch gut besetzt war.

Wenn ich heute eine Prognose abgeben müsste, würde ich sagen: Platz 7 bis 9.