Schlagwort-Archiv: Tiki Taka

Meine EM: Boring, boring, España?

Portugal – Spanien 0:0 (2:4 i.E.)

Spanien besiegt Portugal im Elfmeterschießen, nachdem in einem über lange Strecken hochklassigen Spiel mit wenigen Torchancen kein Sieger gefunden wurde. Nach dem Spiel wird mehr über mangelnden Unterhaltungswert gesprochen, als über den Finaleinzug der Spanier. Eine Siegesformel gegen den Welt- und Europameister wird immer noch vergeblich gesucht, auch wenn Portugal nah dran war.

Der Tikinaccio

Es fällt noch immer vielen Beobachtern schwer, die defensive Brillanz des Tiki Taka zu erkennen. Vielleicht will man sie auch nicht erkennen. Man interpretiert die spanischen Passorgien im Mittelfeld lieber als Arroganz oder die hohe Ballbesitzquote als Selbstzweck. Dabei ist der “Tikinaccio” in den letzten Jahren das europaweit erfolgreichste Defensivsystem gewesen. Keine Vereinsmannschaft aus den fünf Top-Ligen hat in den letzten vier Jahren weniger Gegentore kassiert, als der FC Barcelona. Auf internationaler Ebene steht Spanien zum dritten Mal in Folge in einem Finale – zum dritten Mal ohne Gegentor in der K.O.-Runde.

Die geringe Beachtung der defensiven Komponente im Spiel der Spanier ist zum Teil Folge des Offensivspektakels, das mitunter dabei herauskommt. Doch gerade gegen ultradefensive Gegner steht nicht die Offensive im Vordergrund, auch wenn dies immer wieder behauptet wird. Weder Spanien noch Barcelona haben ein grundsätzliches Problem mit dem Toreschießen gegen defensive Gegner. Barcelona ist weder gegen Inter 2010 noch gegen Chelsea in diesem Jahr ausgeschieden, weil sie zu wenig Tore geschossen haben. Sie sind ausgeschieden, weil sie zu viele kassiert haben. Das Rückspiel gegen Chelsea hatte Barcelona bereits gedreht, bevor man übermütig in einen Konter lief. Phasen, in denen vorne nicht alles klappt, gibt es immer wieder mal. Trotzdem schafft es der Gegner fast nie, ein Gegentor zu verhindern. Das wiederum schafft Spanien seit Jahren in jedem wichtigen Spiel. Ich wäre sehr gespannt gewesen auf Chelseas Plan B, hätte Barcelona nach der 2:0-Führung gegen einen dezimierten Gegner den Ball so kontrolliert durchs Mittelfeld geschoben, wie Spanien häufig bei dieser EM.

Wir haben den Ansatz des ballbesitzlosen Spiels in seiner Extremform als wirksame Defensivtaktik anerkannt, auch wenn er nur höchst selten funktioniert. Warum erkennen wir den Ansatz des Verteidigens mit Ball nicht endlich an? Oder wollen wir damit warten, bis auch Deutschland wieder einmal daran gescheitert ist? (Was ich nicht hoffe und wo ich auch gute Chancen sehe, dies zu verhindern.)

Frühes Stören, schwacher Abschluss

Viel spannender als die Frage nach der Attraktivität des spanischen Spiels ist die Frage, wie man es bezwingen kann. Hier sind einige Mannschaften bei diesem Turnier bereits auf einem guten Weg gewesen. Auch Portugal lieferte lange Zeit ein hervorragendes Spiel gegen die Spanier ab und brachte sie an den Rand der Niederlage. Wie Italien und Kroatien vor ihnen, versuchte auch Portugal das Aufbauspiel der Spanier früh zu stören. Busquets und Xabi Alonso wurden bei der Ballverarbeitung direkt unter Druck gesetzt. Xavi musste viel nach hinten und zur Seite ausweichen und konnte dem Spiel nicht wie gewohnt seinen Stempel aufdrücken. Die überraschende Spitze Negredo war somit weitgehend isoliert und blieb völlig wirkungslos. Die Entwicklung des portugiesischen Mittelfelds ist beeindruckend. Die Mechanismen zwischen Veloso, Mereiles und Moutinho funktionierten hervorragend und man schaffte es durch geschickte Raumaufteilung auch die Löcher zu stopfen, die Cristiano Ronaldo offen lässt.

Das Spiel war in der ersten Halbzeit auch deswegen so interessant, weil die Außenverteidiger auf beiden Seiten weit aufrückten. Besonders auffällig war dies bei Arbeloa, der auf der rechten Seite teilweise bis auf Höhe der offensiven Dreierreihe vorschob, wodurch Silva weiter im Zentrum agieren konnte. Nicht zufällig hatte der spanische Rechtsverteidiger die erste hochkarätige Chance im Spiel. Auf der anderen Seite hatte Ronaldo dadurch einigermaßen viel Platz und Piqué hatte Mühe und Not gegen ihn zu verteidigen. Spanien fehlte insgesamt die Spielkontrolle, um die Breite durch die aufrückenden Außenverteidiger auszunutzen. Dafür ging man defensiv ein hohes Risiko ein. Del Bosque reagierte in der zweiten Hälfte darauf und stellte seine Offensive nach und nach um.

Mit Fabregas als (falschem) Neuner wurden die Passoptionen im Zentrum erhöht und Spanien bekam mehr Sicherheit ins Spiel. Mit Navas und Pedro bekam die offensive Dreierreihe mehr Breite, wodurch man weniger auf aufrückende Außenverteidiger angewiesen war. Portugals Konter wurden weniger und ebbten in der Verlängerung völlig ab, während bei Spanien vor allem Pedro einige gute Aktionen im Angriffsdrittel hatte.

Späte Dominanz, verdienter Sieger in der Lotterie

Wie zuvor gegen Italien und Kroatien wankte Spanien ein wenig, doch es fiel nicht. Es fiel auch deshalb nicht, weil Portugal es über 120 Minuten nicht fertig brachte, einen Schuss auf Cassillas Tor abzugeben. Torchancen waren ohnehin Mangelware, doch bei allem Lob, das man Bentos Mannschaft für den mutigen Ansatz und das hohe Pressing machen muss, kann man den Torabschluss nur als mangelhaft bezeichnen. Die beste Chance vergab Ronaldo in der Schlussminute  mit einem miserablen Schuss im Strafraum. Deshalb kann ich auch nicht ganz verstehen, dass manche den spanischen Sieg als unverdient bezeichneten. Auch Spanien hatte wenig Torchancen, aber sie zwangen Patricio wenigstens zu einigen guten Paraden und erspielten sich in der Verlängerung ein deutliches Übergewicht, während Portugal das Elfmeterschießen herbeisehnte.

Portugal hat sich bei diesem Turnier ein großes Lob verdient, da man sich von Spiel zu Spiel gesteigert hat und Spanien bis ins Elfmeterschießen zwang. Man war über weite Strecken des Halbfinales ebenbürtig, doch wenn man den Außenseiter-Bonus abzieht, ist die bessere Mannschaft ins Finale eingezogen.