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5. Spieltag: Wir lassen den Dom in Köln und die Kirche im Dorf

Werder Bremen – Hannover 96 0:0

Am Wochenende stand für mich ein Ausflug nach Köln auf dem Programm. Dank mehrerer Staus auf der Hinfahrt und Razorlight-Konzert am Abend blieb leider nicht viel Zeit für einen Stadtbummel. Nicht einmal der Kölner Dom, der in unmittelbarer Nähe des Hotels steht, konnte besichtigt werden. Was das nun mit Werder zu tun hat? Nun, da das kleine Nordderby gegen Hannover 96 dank neuer Anstoßzeiten schon um 15:30 angepfiffen wurde, blieb der Dom auch am Sonntag unbesichtigt. Stattdessen ging es nach dem Abgrasen des üppigen Frühstücksbuffets schnell wieder auf die Autobahn, um pünktlich zum Anpfiff zurück zu sein. Leider klappte das nicht ganz und ich konnte erst zur 10. Minute einschalten. Viel verpasst habe ich dabei nicht. Hätte ich vermutlich auch nicht, wenn ich dem Dom doch den Vorzug gegeben hätte.

Nachdem man am letzten Spieltag mit einem gewaltigen Satz auf Platz 3 gesprungen war, waren die Stimmen schon wieder lauter geworden, die Werder zum sicheren Kandidaten für die Champions League Plätze herreden wollten (wovon ich mich selbst nicht vollständig frei sprechen kann/will). Wie so häufig wurde man nach einer längeren (in diesem Fall: Länderspiel-)Pause wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Ein 0:0 gegen Hannover im eigenen Stadion ist eine Enttäuschung, wie man es auch dreht und wendet. Man sollte sich davor hüten, dieses Resultat nur auf das fehlende Glück im Torabschluss oder die gute Leistung von Gästekeeper Fromlowitz zu schieben. Mit der Effizienz, die man beispielsweise gegen Hertha BSC an den Tag legte, hätte man das Spiel zwar höchstwahrscheinlich gewonnen. Die Anzahl der wirklich guten Torchancen hielt sich aber in Grenzen und Werder schaffte es nicht, den Druck gegen Ende des Spiels, als die Zeit knapp wurde, noch zu erhöhen. Man braucht sich keine Illusionen zu machen. Momentan ist Weder ein gutes Stück davon entfernt, eine der dominierenden Kräfte in der Bundesliga zu sein.

Das soll nun aber nicht heißen, dass plötzlich wieder alles schlecht ist. Denn schlecht hat Werder – mit Ausnahme der Schlussphase der ersten Halbzeit – nun wirklich nicht gespielt. Man war Feldüberlegen, hatte gegen defensiv recht stabile Hannoveraner fast immer die Spielkontrolle und ließ hinten nicht viel zu. Positiv herauszuheben ist die positive Entwicklung bei Philipp Bargfrede, der immer mehr zur festen Größe im Bremer Kader heranwächst und gegenüber Tim Borowski gestern den deutlich engagierteren Eindruck machte. Ebenfall gefreut hat mich die Tatsache, dass sich der von mir zuletzt kritisierte Torsten Frings wieder schneller vom Ball getrennt hat und unnötige Dribblings vermied. Lassen wir also die Kirche im Dorf. Von fünf Heimspielen mit einer Leistung wie gegen Hannover gewinnt man vielleicht drei. Damit wird man wahrscheinlich nicht Deutscher Meister, kann sich aber Hoffnungen auf das internationale Geschäft machen. Das kommende Auswärtsspiel gegen Leverkusen wird mehr Aufschluss über die wirkliche Leistungsfähigkeit der Mannschaft geben.

Die Kirche nicht im Dorf ließ wie gewohnt Uli Hoeneß, der vor dem Spiel seiner Bayern in Dortmund gegen die hohe Anzahl an Länderspielen wetterte, von welchen die Spieler dann auch noch verletzt zurückkämen:

“Wir müssen uns alle miteinander dagegen wehren, dass die Bundesliga jetzt zum 98. Mal unterbrochen wird wegen dieser Länderspiele. Da muss sich etwas ändern, sonst geht die Bundesliga kaputt.”

Man sollte sich nicht vom typisch Hoeneß’schen Fatalismus blenden lassen. Die Grundaussage dieses Satzes könnte auch Klaus Allofs über die Lippen kommen. Mal ganz davon abgesehen, dass Verletzungen von Spielern in der Nationalmannschaft für die betroffenen Vereine ärgerlich sind, zweifle ich doch sehr stark an dem Schaden, der ihnen durch die Länderspiele entsteht. Es ist für einen Verein ein Aushängeschild, viele Nationalspieler in den eigenen Reihen zu haben. Sie sorgen im In- und Ausland für zusätzliche Aufmerksamkeit für einen Verein, aus der dieser wiederum neue Vermarktungsmöglichkeiten erschließen kann. Gerade Uli Hoeneß sollte sich dem bewusst sein. Könnte sich jemand einen FC Bayern ohne Nationalspieler vorstellen?

Die Auffassung, dass die insgesamt hohe Anzahl an Spielen schlecht für den Fußball sei, setzt sich anscheinend immer mehr durch. Das Hauptargument dafür ist eine angebliche Überlastung der Spieler. Es leuchtet mir nicht ein, dass zwei Spiele pro Woche über 90 Minuten aus physischer Sicht ein Problem darstellen sollen. Problematisch wird es erst dann, wenn Spieler trotz körperlicher Blessuren unter Anwendung von Schmerzmitteln Woche für Woche auf dem Feld stehen. Es ist kein Geheimnis, dass dies die Merhzahl der Spieler im Profibereich betrifft. Allerdings wird häufig übersehen, dass eine hohe Anzahl an Spielen auch hohe Einnahmen mit sich bringt, die wiederum in neue Spieler investiert werden können. Ein großer, qualitativ ausgeglichener Kader bietet vor allem den Spitzenvereinen die Möglichkeit, ihre Stars in unwichtigen Spielen häufiger zu schonen, wie es z.B. in Spanien und England nicht unüblich ist und bei den Bayern unter Hitzfeld auch praktiziert wurde. Hier zeigen sich dann auch Hoeneß’ wahre Beweggründe: Statt Länderspielpause könnte man die Zeit besser mit lukrativen Freundschaftsspielen der eigenen Mannschaft auffüllen. Die bergen zwar ebenfalls ein Verletzungsrisiko für die Spieler – sorgen aber für volle Vereinskassen.

DFB-Pokal, 1. Runde: Leichtigkeit

FC Union Berlin – Werder Bremen 0:5

Das nennt man wohl Auftakt nach Maß. Mit einem lockeren und verdienten Sieg zieht Werder in die zweite Runde des DFB-Pokals ein. Nach den letzten Testspielen konnte man nicht unbedingt damit rechnen, dass die Mannschaft gegen Union so ein leichtes Spiel haben würde. Dies lag natürlich nicht nur an Werders starker Leistung, sondern auch an einem enttäuschenden Auftritt des Zweitligaaufsteigers. Trotz eines fanatischen Publikums im Rücken, hatte Union Berlin nicht den Hauch einer Chance.

Daher sind auch die Schlüsse, die man aus dem Spiel ziehen könnte, mit Vorsicht zu genießen. Eines scheint jedoch schon jetzt deutlich: Werder verfügt wieder (bzw. trotz Diegos Abgang immer noch) über große Qualität im Mittelfeld. Dass Tim Borowski nach wenigen Wochen schon so dominant agiert, ist erstaunlich. Defensiv kompromisslos und mit gutem Auge im Spielaufbau war er die zentrale Figur in Werders Mittelfeld. Den Späteinsteigern Mesut Özil und Marko Marin war anzumerken, dass sie körperlich noch nicht auf dem Stand sind, den sie für die lange Saison benötigen. Hier wird es in ein paar Wochen hoffentlich noch eine Steigerung geben. Sehr positiv war allerdings die Raumaufteilung zwischen den beiden, die ständig unterwegs waren, Positionen getauscht haben und sich nur schwer auf eine Formation festnageln ließen. Classic Schaaf.

Im Sturm wusste vor allem Boubacar Sanogo zu gefallen. Er hat eine starke Vorbereitung gespielt und stand zu Recht in der Anfangsformation. Nach dem Spiel gestern dürfte er für den Bundesligaauftakt gesetzt sein. Er spielte wie zu seinen besten Zeiten im Herbst 2007, mit viel Einsatz und einem guten Gespür für die richtigen Laufwege. Hugo Almeida wirkte dagegen etwas blass (und nein, dass ist keine rassistische Bemerkung), hatte aber dennoch einige gute Aktionen. Marcelo Moreno durfte in der Schlussphase ran und zeigte endlich seine Qualitäten als Vollstrecker. Vier Stürmertore gegen einen Zweitligisten sind eine Ansage, sollten aber nicht über den Handlungsbedarf im Angriff hinwegtäuschen.

Die Abwehr stand – bis auf eine zehnminütige Auszeit um die 60. Minute herum – sicher und ließ den zaghaften Berliner Vorstößen kaum Raum zur Entfaltung. Clemens Fritz wirkt auf der rechten Seite um Lichtjahre besser drauf, als zu Beginn der letzten Saison. Pasanen spielte auf der anderen Seite solide, wie man ihn kennt. Er dürfte zunächst nur Platzhalter für Sebastian Boenisch sein, so lange dieser die nötige Fitness für sein kraftaufwändiges Spiel sammelt. Vielleicht wird er in Zukunft aber auch wieder zur ernsthaften Option für die Startelf, sollte Boenisch nicht den erhofften Leistungsschub bekommen.

Insgesamt war es ein Spiel, das Vorfreude auf die kommende Saison machte. Spätestens in zwei Wochen, nach dem Auswärtsspiel bei den Bayern, wird man den Leistungsstand etwas genauer einschätzen können. Bis dahin darf geträumt werden, warum auch nicht? Die letzte Saison, die mit einem klaren Auswärtssieg in Berlin begann, war schließlich 2003/2004.

Der schlechteste Kader seit 2003

Noch 10 Tage, bis das Pokalspiel bei Union Berlin die neue Werdersaison offiziell eröffnen wird. Die konditionellen Grundlagen sollten zu diesem Zeitpunkt der Saison bereits gelegt sein und das taktische und spielerische Konzept langsam zum Vorschein kommen. Langsam aber sicher nimmt auch der Kader, mit dem Werder in die neue Saison geht, erkennbare Formen an. Tim Borowski, das steht seit gestern fest, ist zurück in Bremen. Der Transfer war keine wirkliche Überraschung mehr. Eine Rückkehr Claudio Pizarros kann ebenfalls als wahrscheinlich angesehen werden. Und sonst?

Weitere Transfers scheinen vorerst nicht geplant zu sein. Der Kader hat bereits eine stattliche Größe. Es ist schon aus finanziellen Gründen wahrscheinlich, dass noch der eine oder andere Spieler abgegeben wird. Der Verkauf von Diego hat Geld in die Kasse gespült. Das Gehaltsniveau dürfte mit Neulingen wie Marin, Moreno, Borowski und unter Umständen Pizarro jedoch kaum gesunken sein. Aus sportlicher Sicht wären Spielerverkäufe ebenfalls sinnvoll. Zum einen braucht man keinen aufgeblähten Kader mit 5-6 unzufriedenen Spielern, die nie zum Einsatz kommen und zum anderen sind einige Spieler in den letzten Monaten auf dem sportlichen Abstellgleis gelandet. Zu nennen wären hier Boubacar Sanogo, Dusko Tosic, Markus Rosenberg oder auch Jurica Vranjes. Die Gründe dafür sind von Spieler zu Spieler unterschiedlich. Eigentlich haben (mit Ausnahme von Tosic) alle dieser Spieler ihre Klasse in der Vergangenheit schon im Werdertrikot nachgewiesen. Spielten sie bei einem anderen Verein, würden sie also perfekt in Werders Beuteschema passen.

Man kann Allofs in diesem Sommer nicht nachsagen, zu knauserig mit dem vorhandenen Geld umzugehen. Alle drei bisherigen Transfers sollen Werders Qualität verbessern und nicht nur die Breite des Kaders auffüllen. Allerdings verleiten die Namen kaum zum Träumen. Niemand wird ernsthaft daran zweifeln, dass Pizarro und Borowski in Normalform Werder weiterhelfen. Auch das Talent Marko Marins und Marcelo Morenos steht außer Frage. Dennoch garantiert das nicht, wie in der Vergangenheit, einen Platz im internationalen Geschäft. Neben den übermächtig scheinenden Bayern kann mit Schalke, Hamburg, Wolfsburg, Hoffenheim, Dortmund, Leverkusen, Berlin und Stuttgart gleich die halbe Bundesliga als ernsthafte Konkurrenz um die Champions- und Europaleague-Plätze angesehen werden. Alle diese Mannschaften standen letzte Saison in der Tabelle vor Werder und haben sich diesen Sommer personell kaum verschlechtert. Muss man also Angst um Werder haben?

Meine Antwort ist ein klares Nein! Zum Vergleich sollte man vielleicht einen Blick auf die Situation vor der Doublesaison 2003/2004 werfen: Im Tor hatte man mit Pascal Borel ein Nervenbündel, das zwar eine passable Rückrunde gespielt hatte, jedoch kaum als sicherer Rückhalt angesehen wurde. In der Abwehr verabschiedete sich Führungsspieler Frank Verlaat. Nun konnte Schaaf endlich auf Viererkette umstellen, was bei den Fans jedoch nicht nur zu positiven Reaktionen führte. Im Mittelfeld gab es mit Johan Micoud einen brillianten Regisseur, dazu zwei solide Abräumer (Baumann, Ernst) einen technisch starken Mitläufer (Lisztes) und ein phlegmatisches Talent (Borowski). Im Angriff hatte man neben dem alternden Ailton keine adäquate zweite Spitze (der langzeitverletzte Klasnic galt noch als verhindertes Talent). Und dann diese Neuverpflichtungen! Ein greiser Torhüter aus der zweiten spanischen Liga (Reinke), ein unbekannter Franzose, der bei keiner seiner bisherigen Stationen glücklich geworden war (Ismael) und ein türkischer WM-Held, der so gut nicht sein konnte, da Inter Mailand ihn ablösefrei ziehen ließ (Davala). Gesamtausgaben: 300.000 Euro.* Allofs raus!

Aus heutiger Sicht klingt das eigentlich viel zu unwahrscheinlich, um wahr zu sein. Anno 2003 passte bei Werder einfach vieles zusammen, was nicht als selbstverständlich anzusehen ist. Ein solcher Erfolg kann nicht kopiert werden. Dennoch ist die Situation heute nicht viel anders als damals. Es gibt mehr Fragezeichen hinter den Spielern, als in den letzten Jahren. Spielen Fritz und Frings noch einmal so unter ihren Möglichkeiten? Kann Boenisch sich steigern? Findet Borowski zu alter Stärke? Passt Marin ins System? Fällt Özil in ein Loch? Platzt bei Almeida endlich der Knoten? Wie gut ist Moreno wirklich? Und die vielleicht wichtigste Frage: Findet sich die Mannschaft wieder zu einer Einheit zusammen, die für einander kämpft und zusammen hält? Die letzte Frage klingt klischeehaft, ist es vielleicht auch, doch der Teamgeist zählt nun mal auch heute noch zu den elementaren Voraussetzungen für Erfolg im Fußball. Und hier könnte, ohne dem Brasilianer Unrecht tun zu wollen, eine große Chance im Jahr 1 nach Diego liegen.

* Für den ausgeliehenen Ismael zahlte man ein Jahr später weitere 750.000 Euro Ablöse.