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Einmal Torhüterdiskussion bitte

Da haben wir sie also endlich: Die Torhüterdiskussion. So sehr ich mich über den tollen Empfang für Tim Wiese im Weserstadion gefreut habe, so vorhersehbar war die folgende Themensetzung in den Medien: Der in Hoffenheim aussortierte Ex-Nationaltorwart soll bitte schön nach Bremen zurück kommen und den “Unsicherheitsfaktor” Mielitz ersetzen. Gute, alte Zeit.

Das Abschiedsspiel von Torsten Frings war eine schöne Gelegenheit, noch mal ein paar Werder-Legenden in Aktion zu sehen. Wer beim Empfang von Diego, Johan Micoud und Thomas Schaaf keine Gänsehaut hatte, muss schon sehr abgehärtet sein. Das darauf folgende Spiel war schön anzusehen, inklusive leichtfüßiger Offensivaktionen aus dem Hause Micoud, Ailton, Diego und Klasnic. Zum Schluss dann die obligatorische Auswechslung des eigentlichen Stars des Abends mit anschließender Lasershow und Musik. Ein rundum gelungener Abend, um kurzzeitig aus der tristen Gegenwart zu entfliehen und sich an der schönen Vergangenheit zu ergötzen. Nostalgie pur mit Klatschpappen und La Ola.

Wie man jedoch auf die Idee kommen kann, aus einem Kirmes-Kick im Altherren-Tempo irgendwelche Ableitungen auf Werders gegenwärtige Situation zu machen, ist mir schleierhaft. Aus lautem Beifall für Tim Wiese und gelegentlichen “Wiese für Bremen” Rufen (die jedoch deutlich leiser waren als die “Wiese für Deutschland” Rufe) wurde in der Regenbogenpresse nun also die Forderung nach einer Wiese-Rückkehr. Und tatsächlich gibt es nach wie vor Werderfans, die Wiese gerne wieder als Torwart in Bremen sehen würden. Das erklärt aber noch nicht, warum dies in den letzten Tagen zu einem öffentlich diskutierten Thema wurde.

Das Transferfenster ist geschlossen, Trainer Robin Dutt hat Mielitz früh in der Vorbereitung zu seiner Nummer Eins erklärt und es gab und gibt keinerlei Anzeichen, dass Werder auf der Torwartposition in näherer Zukunft eine Veränderung anstrebt. Im Gegenteil, wurden doch mit Wolf und Strebinger vor einem Jahr gleich zwei Torhüter verpflichtet, die als Ersatz und Konkurrenten für Mielitz herhalten sollen. Doch selbst wenn man diese Punkte ausblendet und unterstellt, dass Werder zukünftig nicht auf Mielitz setzen will und auf der Suche nach einem Nachfolger ist, warum um alles in der Welt sollten sie dann Tim Wiese zurückholen?

Die beiden häufigsten Kritikpunkte an Mielitz sind seine angeblich fehlende Ausstrahlung sowie eine zu hohe Fehlerquote, weshalb er für das Team kein echter Rückhalt sei. Während man Wiese in puncto Ausstrahlung durchaus hinterher trauern kann, leistete er sich in Bremen doch auch immer wieder kleinere wie größere Fehler. Trotz folgenschwerer Aussetzer wie in Turin und Glasgow kommen bei Wiese zuerst die Derby-Wochen 2009 gegen den HSV in Erinnerung. Damals war Wiese auf dem Höhepunkt seiner Karriere, stand im Kader der Nationalmannschaft und war trotz einer starken nachwachsenden Torhütergeneration unumstritten einer der besten deutschen Torwärte.

Schon damals war jedoch absehbar, dass Wiese auf kurz oder lang durch seine limitierten Fähigkeiten jenseits der Torlinie von jüngeren Konkurrenten überholt werden würde. Ab der Saison 2010/11 kamen seine Schwächen bei hohen Bällen, beim Herauslaufen und vor allem beim Mitspielen immer mehr zur Geltung – auch weil immer mehr andere Torhüter in der Bundesliga in diesen Bereichen gut waren. Offensichtlich wurde jedoch auch, dass das Bremer Umfeld Wiese seine Fehler lange Zeit schnell und gerne verzieh, was zunächst einmal ein positives Zeichen ist. Im Verein selbst sieht es jedoch anders aus, hier konnte man sich schon fragen, ob man den richtigen Zeitpunkt zum Wechsel auf der Torhüter-Position nicht verpasst hatte. Mielitz zeigte zwischen 2010 und 2012 gute bis sehr gute Leistungen in den Spielen, in denen er den verletzten oder gesperrten Wiese vertreten durfte. Aus sportlicher Sicht wäre der Wechsel ab Winter 2010 vertretbar, aus perspektivischer Sicht sogar angebracht gewesen.

Dehnen wir die Torwartdiskussion ein wenig allgemeiner aus

Es ist schon erstaunlich, dass bei einem ehemaligen Vorreiter des modernen Fußballs innerhalb weniger Jahre die meisten Entwicklungen verschlafen oder sogar bewusst ignoriert wurden: Modernes Aufbauspiel, moderne Sechser, modernes Flügelspiel, modernes Pressing, modernes Torwartspiel. Fast so, als wolle man sich plakativ den Trends im Fußball verweigern. Torsten Frings war Anfang des letzten Jahrzehnts eine fast schon revolutionäre Besetzung auf der Sechserposition – 2010 war er es nicht mehr. Im neuen Jahrzehnt zeichnete sich Werder vor allem dadurch aus, dass man der guten, alten Zeit hinterhertrauerte und sich sehnlichst die alten Verhältnisse zurückwünschte. Fast so, als hätte man im Biotop Bremen die Entwicklungen des deutschen wie europäischen Fußballs der letzten fünf Jahre nicht mitbekommen. Als Dortmund mit perfektem Pressing und Gegenpressing deutscher Meister wurde, sehnten wir uns nach einem neuen Spielmacher in der Tradition von Micoud und Diego. Als unterklassige Gegner Werder reihenweise mit Tempofußball auskonterten, sehnten wir uns nach einem besseren Sturmpartner für Claudio Pizarro, der ebenfalls 20 Tore pro Saison schießt. Als hoch-pressende Gegner unser Aufbauspiel völlig lahmlegten, wünschten wir uns einen Führungsspieler wie Frings im Mittelfeld zurück. Und nun, wo wir nach und nach endlich auf dem Weg sind, diese ganzen Versäumnisse langsam aufzuholen (dazu zähle ich die letzte Saison schon mit; Stichpunkte Pressing und Flügelspiel), möchten wir also einen Torwart zurück, der wie kaum ein anderer aktiver Bundesligatorwart noch die “alte” Torhüterschule repräsentiert.

So schön das Abschiedsspiel war, es sollte auch als Schlussstrich dienen. Die Zeit damals war toll und wird schwer jemals zu toppen sein. Aber sie ist Vergangenheit und wir werden sie nicht dadurch zurückbekommen, dass wir uns krampfhaft an sie zu klammern versuchen. War Werder unter Schaaf etwa erfolgreich, weil er versucht hat, die Tugenden der Rehhagel-Zeit wieder aufleben zu lassen? Hat er Bratseth als Libero und Borowka als Vorstopper zurückgeholt? Im Gegenteil, Schaaf hat ein Spielsystem perfektioniert, mit dem Frankreich ein Jahr vor seiner Amtsübernahme Weltmeister geworden ist, hat auf Viererkette, flexible Stürmer (Pizarro, Klasnic, Klose) und spielstarke Sechser (Baumann, Ernst, Frings) gesetzt. Er hat als einer der ersten deutschen Profitrainer Angriffspressing spielen lassen. Das war damals alles state of the art. Werder wurde nicht zu einem der beliebtesten Vereine der Liga, weil der Fußball so schön an die 80er und 90er Jahre erinnert hat, sondern weil er erfrischend neu und anders war, als das, was viele andere Vereine gemacht haben. Nur: Er ist es nicht mehr, das sollte nach ein paar Jahren so langsam jeder verstanden haben. Die Phase der Neu(er)findung ist selten schön, aber sie ist wichtig. Ein nostalgischer Blick zurück hingegen ist immer schön, sollte jedoch nicht den Blick voraus trüben.

Danke, Jungs, für das tolle Abschiedsspiel. Es war schön euch wieder zu sehen und ich denke gerne an euch zurück. Aber ihr seid unsere Vergangenheit, nicht unsere Zukunft. So long, and thanks for all the fish.

Meine Top 10 der Hinrunde

Zum Jahresabschluss noch ein kleiner Countdown: Meine Top 10 Themen der Hinrunde

10. Tim Wiese

Für Wiese war es eine katastrophale Hinrunde, mit einer Flut von Gegentoren, etlichen Patzern, Verletzungen und letztlich dem Verlust des Stammplatzes. Das Kapitel Hoffenheim könnte schon bald vorbei sein. Die Häme aus Bremen geht mir aber fast schon etwas zu weit. Im Sommer regt man sich über die “blöden Hamburger” auf, die Elia unnötigerweise auspfeifen, und ein paar Monate später singt man Tim Wiese in die zweite Liga? Guter Stil geht anders.

9. Pyrotechnik

Allein heute Nacht werden sich wieder mehr Menschen an Feuerwerkskörpern verletzen, als in der gesamten Bundesligageschichte. Das soll kein Plädoyer für Pyrotechnik im Stadion sein, nur die absurden Ausmaße aufzeigen, die dieses eigentlich kleine Thema inzwischen erreicht hat. Ich wünsche mir für 2013 ein wenig mehr Sachlichkeit von allen Beteiligten beim Thema Stadionsicherheit.

8. Schiedsrichterdiskussionen

Ein leidiges Thema. Diskussionen über den Schiri gehörten schon immer zum Fußball, aber die hysterischen Züge, die sie in dieser Saison annahmen, gingen zu weit und waren am Ende einfach nur noch nervig. Grundtenor: Fehler macht jeder mal, aber bitteschön nicht gegen meine Mannschaft! Vielleicht sollten sich Spieler und Trainer zur Abwechslung mal selbst hinterfragen, ob und wie sie durch ihr ständiges täuschen, lamentieren und diskutieren zu der von ihnen kritisierten Situation beitragen.

7. Eintracht Frankfurt

Die (neben Freiburg) Überraschungsmannschaft kommt aus Frankfurt. Als Aufsteiger in die Bundesligaspitze vorgedrungen, lange Zeit Verfolger Nummer 1 der Bayern gewesen und dabei schönen Offensivfußball gespielt. Vehs Ansatz ist für die Bundesliga eher untypisch. In den letzten Jahren waren es eher die defensivstarken und offensiv effizienten Mannschaften mit gutem Umschaltspiel, die die Liga aufmischten. Frankfurt zeigt, dass es auch anders geht. Mal sehen wie lange.

6. Thomas Eichin

Kurz vor Jahresende wurde dann doch noch der neue Geschäftsführer Sport vorgestellt. Letztlich hat Werder hier vieles richtig gemacht, kühlen Kopf bewahrt, zunächst die wichtigsten internen Entscheidungen (Filbry, Baumann) getroffen und sich dann einen externen Mann mit gutem Profil dazu geholt. Schon bei den anderen Kandidaten hat sich gezeigt, dass man nicht weiter im eigenen Saft garen will, sondern dass frischer Wind von außen erwünscht ist. Dass Eichin erst nach Beendigung der DEL-Saison kommt, weil er dort noch seine “Mission zu Ende führen” will, macht ihn nicht unsympathischer.

5. 12:12

Die Stille war beeindruckend, fast schon beängstigend. Ein völlig neues Gefühl in einem Bundesligastadion, das an Sonntagnachmittage auf Amateurplätzen erinnerte. Beeindruckend auch, dass die Fans verfeindeter Vereine durchaus zusammenhalten, wenn es um eine gemeinsames Ziel geht. Beim letzten Heimspiel in Bremen kam es jedoch zu Auseinandersetzungen zwischen Unter- und Oberrang der Ostkurve, die sich gegenseitig auspfiffen.

4. Die deutsche Champions League

Alle drei deutschen Teams als Gruppensieger weiter. Wer hätte das nach der Auslosung schon gedacht? Die Bayern bis auf den Aussetzer gegen BATE gewohnt souverän, Schalke lässt Arsenal hinter sich und Dortmund macht endlich den Qualitätssprung auf internationaler Ebene. Sehr erfreulich für den deutschen Fußball. Auch wenn ich international nicht per se zu den deutschen Teams halte, gönne ich zumindest Schalke und Dortmund den Erfolg und hoffe, dass sie möglichst weit im Wettbewerb kommen.

3. Bayerischer Verfolgungswahn

Souveräner Herbstmeister. In Pokal und Champions League problemlos weiter. Dennoch wird man bei den Bayern das Gefühl nicht los, dass sie die Situation kaum genießen können. Nervöse Blicke über die Schultern, ob da nicht doch ein Klopp oder ein Di Matteo aus dem Windschatten heran gerauscht kommt. Dabei könnte man sich über das Erreichte durchaus jetzt schon freuen, denn nach dem Vize-Triple letzte Saison war das (trotz großem Portemonnaie) nicht selbstverständlich.

2. SC Freiburg

Absolut beeindruckend, was man in nur einem Jahr als Trainer bewirken kann. Streich hat sein Team innerhalb kurzer Zeit zu einer echten Pressingmaschine gemacht, die zuletzt ein bis zwei Klassen über der individuellen Stärke der Spieler agierte. Ich habe mir Streich im Sommer als Werdertrainer gewünscht und könnte mir immer noch gut vorstellen, dass sein System gut zu den Spielern hier passen würde. Zu der Hinrunde kann man Streich und den Freiburgern jedenfalls nur gratulieren.

1. Klaus Allofs

Erfüllte sich seinen Kindheitstraum und wurde Manager beim VfL Wolfsburg, in dessen Bettwäsche er große Teile seiner Jugend verbracht hatte. Hilft nun anderen Wölfe-Fans (Hecking, Arnautovic, De Bruyne) dabei, sich ebenfalls ihre Kindheitsträume zu erfüllen. Herzlichen Glückwunsch!

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen guten Rutsch und ein tolles, grünweißes Jahr 2013!

Werder-News 11/09/20

Ich habe mal einen neuen Bereich hier angelegt, in dem ich in regelmäßigen Abständen (wie häufig wird sich zeigen) kurz zusammengefasst die wichtigsten Neuigkeiten über Werder poste. Heute wären das z.B.:

  • DFB sperrt Wiese nach seiner roten Karte gegen Nürnberg für drei Spiele. Für Wiese kein Grund, seine Spielweise zu ändern. Er entschuldigte sich beim Team, gibt aber auch Prödl und dem Rasen eine Mitschuld.
  • Sokratis hat trotz seines Muskelfaserrisses noch Hoffnung, gegen Hertha am Sonntag schon wieder dabei zu sein. Sein Einsatz ist aber unwahrscheinlich.
  • Der Weser Kurier sieht Naldo schon bald wieder in der Startelf, vielleicht schon am Wochenende. Wäre nach seinen letzten Leistungen nicht überraschend.
  • Der HSV entlässt Michael Oenning, Bulgarien entlässt Lothar Matthäus. Zufall? In jedem Fall ein Anlass für Spott und Häme gegen die Hamburger und den überaus konsequenten Frank Arnesen (“Oenning flieg auf jeden Fall mit nach Stuttgart!”).

Fünf Erkenntnisse der letzten Wochen

1. Jedes Unentschieden ist ein gewonnener Punkt

Es fällt schwer, sich an diesen Umstand zu gewöhnen, wenn man jahrelang um die Champions League Plätze gespielt hat: Im Abstiegskampf ist ein Unentschieden ein gutes Ergebnis – zumindest wenn es so eng zugeht, wie in diesem Jahr. Wir sind es gewohnt, uns nach einem Remis über die beiden verlorenen Punkte zu ärgern, statt uns über den einen gewonnenen Punkt zu freuen. Im oberen Tabellendrittel verliert man mit einem Unentschieden in der Regel Punkte auf die Konkurrenz. Im unteren Drittel kann man zumindest den Abstand zu den Abstiegsplätzen konstant halten. Die Mannschaften auf den Plätzen 16 bis 18 haben im Schnitt weniger als einen Punkt pro Spiel geholt. Spielt Werder auch gegen St. Pauli und Wolfsburg jeweils Unentschieden, dürfte der Klassenerhalt gesichert sein. Ein Sieg fühlt sich natürlich besser an, doch letztlich ist das in dieser verdammten Saison nur noch Zugabe.

2. Marin auf der 10 kann funktionieren

Mit der Betonung auf „kann“. Es wurde schon lang und breit diskutiert, dass Marin kein Spielmacher ist und seine Stärken im Zentrum kaum zur Entfaltung bringen kann. Dieser Umstand machte Werder immer wieder zu schaffen, wenn Schaaf ihn auf der 10er-Position einsetzte. Es ist ein Dilemma: Hält Marin seine Position im Zentrum, geht er weitgehend unter. Weicht er zu häufig auf die Flügel aus, destabilisiert er damit das Mittelfeld. An diesem Umstand hat sich grundsätzlich nichts geändert. Trotzdem funktioniert Werders Mittelfeld derzeit wesentlich besser als vor einigen Monaten. Dafür gibt es aus meiner Sicht zwei Gründe: Erstens macht es der generelle Formanstieg bei vielen Spielern einfacher, vorhandene Ungereimtheiten im System zu kompensieren. Das Mittelfeld mit Frings, Borowski und Wesley/Bargfrede wirkt gefestigt und kann Marin ein Stück weit den Rücken freihalten. Zweitens habe ich den Eindruck, dass Marin inzwischen etwas disziplinierter spielt und sein Spiel ohne Ball etwas verbessert hat. Er bewegt sich nicht mehr 90 Minuten vogelfrei übers Feld, sondern streut seine Ausflüge auf die Außen dosierter ein und hält bei Ballbesitz des Gegners häufig die Position im Zentrum.

Für mich ist das nach wie vor keine Dauerlösung, aber für die letzten Wochen der Saison scheint es eine vernünftige Entscheidung gewesen zu sein – auch wenn ich es immer noch schade finde, dass man Trinks nicht weiterhin die Chance gegeben hat.

3. Torsten Frings ist wertvoll im Abstiegskampf

Ich habe ihn viel kritisiert in dieser Saison und bleibe auch bei meiner Meinung, dass für ihn im Sommer Schluss sein sollte. Dennoch habe ich großen Respekt für seine Leistungen in den letzten Wochen. Natürlich ist Frings nicht mehr der Spieler, der er vor 3-4 Jahren war, aber seine Erfahrung, sein Einsatz und sein Kampfgeist machen ihn zu einer wertvollen Waffe im Abstiegskampf. Momentan gucke ich gerne über seine Unzulänglichkeiten hinweg, denn es imponiert mir, wie er sich gegen den Abstieg seiner Mannschaft und auch seiner eigenen Person wehrt. Frings profitiert dabei auch von der Raute, die ihn ein wenig vor seiner eigenen Spielweise schützt. Er spielt nun etwas tiefer als früher und es entstehen nur noch selten große Lücken vor Werders Abwehr. Nun hoffe ich, dass Frings den Abschied bei Werder bekommt, der einem Spieler wie ihm gebührt. Allerdings hoffe ich auch, dass man bei Werder nicht die falschen Schlüsse zieht und mit ihm in die neue Saison geht. Es braucht einen Neuanfang, auch und gerade auf der 6er-Position.

4. Tim Wiese ist kein Weltklassetorwart

Es ist schon komisch: Ein sehr gutes Spiel von Wiese genügt, um ihn in den Augen mancher Werderfans schon wieder zum Weltklassetorwart werden zu lassen. Seine Leistung gegen Frankfurt war stark, ohne Frage. Er hat uns an diesem Tag das Unentschieden gerettet und hatte einige tolle Aktionen. Dennoch ist sein Torwartspiel nach wie vor alles andere als perfekt. Gerade im Spiel gegen Schalke wurde wieder deutlich, wie sehr ihm Neuer in vielen Belangen voraus ist: Hohe Bälle abfangen, das Spiel direkt wieder schnell machen, Bälle mit dem Fuß kontrolliert verteilen, in Eins gegen Eins Situationen lange oben bleiben, um den Gegner zum Handeln zu zwingen. Alles Dinge, die Wiese nicht sonderlich gut kann. Solange er in anderen Bereichen herausragend gut ist, mag man diese Dinge in Kauf nehmen. Allerdings war Wiese in dieser Saison – gerade im Vergleich zu den beiden Jahren davor – kaum mal herausragend gut. Seit Oliver Kahn hat es sich bei vielen Fans eingebrannt, dass ein Torwart auch mal unhaltbare Bälle abwehren muss, um für sein Team besonders wertvoll zu sein. Ich bin eher Fan von konstanten Torhütern, die unspektakulär spielen, aber dafür gegnerische Chancen schon früh zunichte machen. Dazu sollte ein Torwart als Anspielstation taugen und Bälle verteilen können. Bei Wiese landen viele Bälle im Nirgendwo oder (schlimmer noch) beim Gegner.

Ich möchte Wiese nicht schlecht machen, er ist nach wie vor ein guter Torwart, der in der Form von 2009 zu den besten Keepern der Bundesliga zählt, aber ein mitspielender, moderner Torwart wäre mir bei Werder in der kommenden Saison lieber, auch wenn er kein Reflexgott auf der Linie ist.

5. Die Raute ist zeitlos modern…

schrieb Kollege Petersen unlängst. Davon abgesehen, dass eine Formation an sich nur ein Knochengerüst ist, das erst durch die Spielweise der Mannschaften zum Leben erwacht, könnte er Recht haben. Während das klassische 4-4-2 trotz einiger Zuckungen im Weltfußball eine immer kleinere Rolle spielt, scheint die Raute gegen die modernen Ausprägungen des 4-5-1 und 4-3-3 noch immer eine Chance zu haben. Der strukturelle Schwachpunkt der Raute liegt bei diesem Duell auf den Außenbahnen, was jedoch leichter zu kompensieren ist, als die 2 gegen 3 Unterzahl im Zentrum beim Duell 4-4-2 gegen 4-5-1/4-3-3. Entscheidend ist das Zusammenspiel der Rautenspieler, das Verschieben auf die Außenpositionen und die Defensivarbeit der beiden Stürmer.

Der FC Barcelona macht gerade vor, wie das aussehen kann: Seit Lionel Messi den Mittelstürmer gibt und sich dabei sehr weit nach hinten fallenlässt, wird aus dem 4-1-2-3 häufig effektiv ein 4-4-2 mit Raute. Für den Gegner ist es sehr schwer, sich auf dieses System einzustellen. Messis Rolle als spielmachender Mittelstürmer macht es schwer ihn zu fassen (wer ist zuständig, Innenverteidiger oder defensives Mittelfeld?), was Räume für die beiden Außenstürmer Villa und Pedro schafft, die in die Mitte ziehen können, was wiederum Räume für die aufrückenden Außenverteidiger schafft. Nun ist Werder nicht Barcelona, aber ich bin sehr gespannt, welchen Weg man in der kommenden Saison einschlagen wird: Weiter mit der Raute oder endgültig den Schritt zum 4-2-3-1 wagen? Von dieser Frage wird die Personalplanung im Sommer maßgeblich abhängen.

Talking Points

1. Kung-Fu Wiese

Es ist leider nicht das erste mal, dass Tim Wiese in dieser Hinsicht negativ auffällt, wenn das üble Foul an Olic auch schon knapp drei Jahre her ist. Für mich ist eine solche Aktion ein Zeichen, dass er nervlich eben doch nicht so über den Dingen steht, wie ich früher mal dachte. Ich kann auch nicht verstehen, dass manche Werderfans Verständnis für Wiese haben, weil er als einziger Rückhalt der Mannschaft von seinen Mitspielern immer wieder allein gelassen werde. Es sollte nun doch jeder bemerkt haben, dass auch Wiese nicht seine beste Saison spielt. Es gibt inzwischen in jedem Spiel mindestens eine Szene, bei der ich mir einen besser mitspielenden Torhüter wünschen würde, und da sind Wieses zahlreichen langen Bälle ins Nichts noch nicht mal mit berücksichtigt.

Nun darf Mielitz wieder für drei Spiele ran, der in der Hinrunde überragend gehalten hat. Wenn er nun ähnlich gute Leistungen abliefert, gibt es eigentlich keinen Grund, ihn nach Wieses Sperre wieder raus zu nehmen. Abgesehen davon, dass ich ihn für den besseren Torhüter halte, hat sich Wiese mit seiner Aktion auch das Argument verbaut, dass er dem nervlichen Druck besser gewachsen sei. Hugo Almeida wurde nach seiner roten Karte gegen St. Pauli öffentlich abgewatscht und in der Winterpause verkauft – Wiese wurde von Schaaf nach dem Spiel in Schutz genommen. Nach außen hin mag das (gerade kurz nach dem Spiel) noch vertretbar sein, aber intern muss es klare Worte geben. Ich glaube allerdings nicht, dass Schaaf Wiese wirklich auf die Bank setzt. Hier würde ich mir etwas mehr Vangaalismus wünschen.

2. Abschied von Dominik Schmidt?

Dominik Schmidt gehörte zu den wenigen positiven Figuren der Hinrunde. Mit seiner Entwicklung dürfte kaum noch jemand gerechnet haben. Als die Verletzungsprobleme am größten waren bekam er seine Chance und hat sie auf Anhieb genutzt. Eigentlich sollte die Verlängerung des zum Saisonende auslaufenden Vertrags längst unter Dach und Fach sein. Nun liegen die Verhandlungen darüber erstmal auf Eis und es sieht so aus, als würde Schmidt Werder zum Saisonende ablösefrei verlassen. Die finanziellen Vorstellungen liegen nach Aussagen beider Parteien “meilenweit” auseinander. Ob Werder nun besonders knauserig oder Schmidt besonders gierig ist, kann man ohne die Zahlen zu kennen nicht beurteilen (kolportiert werden bei 120.000 € derzeitigem Gehalt eine Forderung von 840.000 € und ein Angebot von 420.000 € jährlich).

Man fragt sich allerdings, wo Werders Schmerzgrenze liegt bei einem Spieler, der lange Zeit in der 3. Liga zu versauern drohte und sicher nicht zu den Topverdienern gehört. Schmidt ist nicht mehr der jüngste und möchte nun auch finanziell einiges aufholen. Allofs Signal ist klar: Die Zeiten, in denen auch Spieler aus der zweiten Reihe mit lukrativen Verträgen langfristig gebunden wurden, sind nach den schlechten Erfahrungen der letzten Jahre vorbei. Dass dabei ein selbst ausgebildetes Talent ablösefrei den Verein verlässt, nachdem es den Durchbruch in die erste Reihe geschafft hat, hinterlässt jedoch mehr als nur einen schlechten Nachgeschmack. Schmidt ist ein Spieler, der für einen Neuanfang in der kommenden Saison ideal geeignet wäre. Hat hier ein Spieler seinen Marktwert überschätzt oder spart Werder am falschen Ende?

3. Jesus

Nach Denni Avdic und Predrag Stevanovic hat Werder mit Samuel Firmino de Jesus seinen dritten Neuzugang der Winterpause verpflichtet. Der Brasilianer, der vom FC Sao Paolo ablösefrei verpflichtet wurde, ist als zusätzliche Option für die Innen- und Außenverteidigung vorgesehen. Über den Leistungsstand des 24-Jährigen lässt sich derzeit noch nicht viel sagen, doch es dürfte sich eher um eine Option für die Zukunft denn eine sofortige Verstärkung handeln. Damit bestätigt seine Verpflichtung den Kurs, den Werder in der Winterpause eingeschlagen hat: Perspektivisch den Kader verändern, statt ihn für die Rückrunde zu verstärken.

Wer auf qualitativ hochwertigen Ersatz für Hugo Almeida, den langfristig verletzten Naldo oder gar Mesut Özil gehofft hat, dürfte darüber enttäuscht sein. Finanziell scheint Werder nicht auf Rosen gebettet, wobei sich die Frage stellt, ob tatsächlich kaum Geld zur Verfügung steht oder man ein Polster für die magere Zeit ohne internationales Geschäft behalten möchte. Letzteres wäre bei der akuten Abstiegsgefahr nicht unbedingt verständlich, doch angesichts Werders konservativen Finanzpolitik durchaus vorstellbar. Andererseits muss man sich gerade wegen dieser konservativen Finanzpolitik die Frage stellen, warum in einer solchen Krise kein Geld für Verstärkungen vorhanden ist. Ist Werder wirklich einer der finanziell “gesündesten” Vereine Europas? Und falls ja, was nützt einem das, wenn man dafür sehenden Auges in Richtung zweiter Liga marschiert?

4. Problemzone Mittelfeld

Jahrelang war das Mittelfeld Werders Prunkstück. Heute sieht das anders aus. Der Abgang von Mesut Özil konnte bislang nicht kompensiert werden, weshalb die Rufe nach der Verpflichtung eines echten Zehners nicht verstimmen. Ich sehe Werders größeres Problem jedoch schon seit einiger Zeit eine Reihe dahinter. Seit Baumanns Rücktritt hat Werder ein Problem im defensiven Mittelfeld, das durch Bargfredes überragende erste Saison und Frings Formanstieg in der letzten Rückrunde ein Jahr lang kompensiert werden konnte. In dieser Saison überzeugt mich Frings überhaupt nicht und Bargfrede hatte in der Hinrunde ein kleines Formtief zu überwinden.

Dahinter fehlen leider die Backups, die den Stammspielern Druck machen oder sie ersetzen könnten. Wesley kommt wohl am ehesten in Frage, doch der ist seit langer Zeit verletzt. Borowski und Jensen könnten dort aushelfen, spielten aus gesundheitlichen Gründen aber ebenfalls kaum eine Rolle. Niemeyer hat man vor der Saison nach Berlin verliehen, Nachwuchshoffnung Ikeng hat Probleme mit dem Kreuzband und der Disziplin.

Es krankt bei Werder in der Spieleröffnung. Die Bälle werden häufig nach außen oder lang in die Spitze gespielt, weil es im Mittelfeld kaum Anspielmöglichkeiten gibt. Frings ist immer für einen Zuckerpass gut, aber produziert zu viele Fehler und hat im Vergleich zu den Sechsern der Konkurrenz inzwischen deutliche Defizite. Es fehlt ein Passgeber im Mittelfeld, der im modernen Fußball meistens auf der (Doppel-)Sechs anzutreffen ist. Auf einen klassischen Zehner kann man verzichten (siehe Dortmund, Bayern oder Leverkusen), auf Sechser wie Sahin, Schweinsteiger oder Rolfes hingegen kaum. Vielleicht entwickelt sich Wesley in den nächsten Monaten dorthin. Auf dieser Position hat Werder im Sommer aber definitiv eine Baustelle.

5. Rangnick

Angeblich hat sich Klaus Allofs in einem Bremer Restaurant mit Ralf Rangnick getroffen, was zu vielen Spekulationen geführt hat (mehr Details dazu gibt es im Worum-Blog). Allofs bestreitet das und bezeichnet die Spekulationen als “Frechheit”. Einerseits wäre es schon ziemlich unvorsichtig, sich in einem bekannten Restaurant mitten in der Bremer Innenstadt mit einem potenziellen Schaaf-Nachfolger zu treffen. Andererseits kommt das Gerücht wohl von mehreren unterschiedlichen Quellen, was nahelegt, dass da zumindest ein Fünkchen Wahrheit dran sein könnte.

Ich finde es absolut nicht verwerflich, wenn sich unser Geschäftsführer auf die Zeit nach Thomas Schaaf vorbereitet. Es ist ja nicht völlig abwegig, dass Schaaf nicht über den Sommer heraus Werdertrainer bleibt. Den Markt sondieren und erste Gespräche mit potenziellen Kandidaten zu führen, gehört ganz einfach zu Allofs Aufgaben. Allerdings sollte dies auf diskrete Weise passieren und nicht bei einem Treffen im Madame Ho. Es würde jedoch zu Werders derzeitiger Außendarstellung passen.

6. Wohin geht der Trend?

Nüchtern betrachtet hat Werder in diesem Jahr eine solide (Hoffenheim), eine katastrophale (Köln) und eine über weite Strecken gute, am Ende aber schwache Partie (Bayern) abgeliefert. Während man zumindest in der Unbeständigkeit beständig ist, muss man sich langsam fragen, warum Werder seine Leistungen so schlecht dosiert. Lieber gegen die Bayern ohne Gegenwehr deutlich verlieren und dafür gegen Köln bis zum Umfallen kämpfen als andersherum. Zumindest punktetechnisch gesehen würde man damit besser fahren. Normalerweise müsste die Leistung der ersten 60 Minuten am Samstag Hoffnung für die kommenden Partien machen. Da Werder in dieser Saison jedoch kaum mal einen positiven Trend bestätigen konnte, glaubt kaum noch jemand an eine Fortsetzung gegen Mainz.

Das Programm der nächsten Wochen hat es in sich und weitere Aussetzer wie gegen Köln könnten dazu führen, dass Werder immer tiefer im Abstiegsstrudel versinkt. Auch Thomas Schaaf dürfte irgendwann der Geduldsfaden mit seinem Team reißen. Weder personell noch psychologisch bleiben ihm noch große Handlungsmöglichkeiten. Die siebenundzwanzigste Krisensitzung nimmt niemand mehr ernst und die weiterhin gut gefüllte Verletztenliste verhindert größere Umstellungen in der Mannschaft. Fraglich, ob Schaaf bei anhaltendem Misserfolg doch einen großen Umbruch (etwa durch Entmachtung von Frings und/oder Wiese) wagt oder sogar selbst zurücktritt.

Ein Abend mit den Göttern

“I don’t care!” Markus Rosenberg wirkte fast schon etwas zu lapidar, als er zum dritten Mal den Einwand der Frau neben ihm abwiegelte, dass sie ihn leider nicht kenne. Anna interessierte sich nicht für Fußball und lebte – obwohl in Bremen aufgewachsen – schon zu lange im Ausland, um auch als nicht Fußballinteressierte die Namen des aktuellen Werderkaders durch ständige Wiederholung in den Medien eingetrichtert bekommen zu haben. Sebastian Prödl zeigte sich sichtlich belustigt von dem Gespräch.

Werder hatte zum Saisonauftakt mit 2:3 gegen Eintracht Frankfurt verloren. Eine bittere Niederlage, mit der niemand so wirklich gerechnet hatte. Das Spiel durfte ich (dank der Dauerkarte des Vaters meiner damaligen Freundin) von der VIP-Tribüne aus verfolgen. Ein schlimmer Anblick, wie der haushohe Favorit von den schnellen Frankfurtern ein ums andere Mal ausgekontert wurde und am Ende ohne Punkte da stand.

Und nun, knappe sechs Stunden später, stand ich an dieser Bar und um mich herum die Werderprofis. Anna, die an diesem Abend ihren Junggesellinnenabschied feierte, verhandelte mit Markus Rosenberg um eine Unterschrift auf ihrem bereits weitgehend vollgekritzelten T-Shirt. Rosenberg war bereit, seine Unterschrift plus 50 Euro für die Abendkasse gegen einen Kuss einzutauschen. Letztlich einigte man sich auf eine Unterschrift, eine Runde Sambuca-Baileys für alle und einen Kuss auf die Wange.

Tim Wiese ließ sich seine Unterschrift nicht so leicht abtrotzen. Zwar war er auf Anfrage von Annas bester Freundin Stephi grundsätzlich bereit, auf besagtem T-Shirt zu unterschreiben, doch dazu wollte er den beschwerlichen Weg hinüber zur Bar (gut und gerne 10 Meter) nicht auf sich nehmen. Immerhin hatte der Mann gerade erst 10 Kilo abgenommen und somit keinen Bedarf an zusätzlicher Bewegung. “Soll sie halt hier her kommen.” Recht hatte er. Da Anna jedoch auch Tim Wiese nicht kannte, blieb ein weißer Fleck auf ihrem T-Shirt.

Draußen vor der Tür stützte sich ein sichtlich angetrunkener Hugo Almeida mit dem Rücken an der Wand ab und stellte seine Bierflasche ganz langsam neben sich auf den Asphalt. Er ignorierte mein Zuprosten und starrte mehrere Minuten lang regungslos in die Ferne. Seine Mannschaftskollegen beachteten ihn nicht weiter. Die minütlich anwachsende Schar an leicht bekleideten, untergewichtigen Gerade-Noch-Teenagern und Gern-wieder-Teenagern machte es ihnen ohnehin nicht leicht, den Überblick zu behalten.

Es dauerte nicht lange, da kam auch Julia um die Ecke, die seit Monaten unglücklich in Sebastian Boenisch verliebt war. Sie hoffte noch immer darauf, dass ihr Schwarm sie irgendwann einmal ansprechen würde, wenn sie nur beharrlich genug die selben Lokalitäten aufsuchte wie er. Sie erkundigte sich kurz, ob “Boeni” schon da sei und mokierte sich sogleich über die große Anzahl vermeintlicher Groupies, die nach und nach die Spieler einkreisten, in der Hoffnung darauf, einen von ihnen abzubekommen.

Stunden später traf man sich wieder in einer Disco südlich der Weser. Nur ein Teil der Spieler hatte den Weg hierher geschafft, der traditionell nach dem ersten Heimspiel der Saison angetreten wurde. Hier hatten einst Clemens Fritz und Patrick Owomoyela den Kampf um den Stammplatz auf der Rechtsverteidigerposition im Tequila Drink-off am Tresen ausgetragen. Auch in jenem Jahr gab es wieder Getuschel, wenn Werderspieler in der Nähe auftauchten: “Das ist doch…, ist das nicht…?” Ja, es war Mesut Özil, der Shooting-Star bei Werder. Als einziger Spieler hatte er am Nachmittag eine herausragende Leistung gezeigt. Nun wurde ihm von allen Seiten auf die Schultern geklopft und er strahlte wie ein Honigkuchenpferd.

Überstrahlt wurde er nur vom gewinnenden Lächeln des Bremer Abwehrriesen Naldo. Dieser hatte die silberne Kette am Handgelenk meiner Freundin entdeckt und fühlte sich genötigt ihr im Gegenzug das Geschmeide um sein Handgelenk zu präsentieren. Es glitzerte und funkelte in der Discobeleuchtung. Wir applaudierten ihm begeistert, suchten uns jedoch schleunigst ein Plätzchen, an dem weniger teure Juwelen unsere Augen blendeten. Es war schließlich schon spät und unsere Augen getrübt von Alkohol und dunklem Kneipenlicht.

Es war an der Zeit, den Ort zu verlassen, an dem sich die Fußballidole unter die Sterblichen gemischt hatten. Draußen begegnete uns erneut Mesut Özil, dessen schmale Schultern unter dem ständigen Klopfen zu zerbrechen drohten. Sein Mund lächelte noch immer, doch seinen Augen sah man ein gewisses Unwohlsein darüber an.

Heute steht er bei Real Madrid im großen Rampenlicht, Markus Rosenberg kämpft sich als Leihspieler durch die Primera Division, Naldo steht an der Schwelle zur Sportinvalidität, Julia ist in einer glücklichen Beziehung mit einem Nicht-Fußballer und Anna lebt mit ihrem Mann inzwischen in Freiburg. Sie interessiert sich noch immer nicht für Fußball. Manchmal denke ich, dass dies die bessere Alternative ist.

Sommerpause (Teil 3a): Personalplanung 2011 – Tor und Abwehr

Heute gibt’s den letzten Teil meiner Sommerpausen-Trilogie. Zur besseren Übersichtlichkeit habe ich zwei Posts daraus gemacht.

Tor:

Tim Wiese: Er ist die unangefochtene Nummer 1 bei Werder. Seine Leistungen sind beständig auf hohem bis sehr hohem Niveau. In den letzten beiden Jahren hat er sich vom „Reflexgott“ zu einem mitspielenden Torwart entwickelt und konsequent an seinen Schwächen gearbeitet. Gilt trotzdem als Torwart alter Schule und hat fußballerische Defizite sowie Probleme bei der Strafraumbeherrschung.

Christian Vander: Eine solide Nummer 2 – nicht mehr, nicht weniger. Hat die Wackler aus der Anfangszeit bei Werder weitgehend abgestellt. Übt jedoch keinen Druck auf Wiese als Nummer 1 aus. Momentan ist dies kein Problem, mittelfristig sollte Werder die Position überdenken.

Nachwuchs: Sebastian Miellitz (21) und Felix Wiedwald (20) stehen hinter den beiden etablierten Torhütern im zweiten Glied. Beide sammelten in der letzten Saison durch Verletzungen der Konkurrenten schon Erfahrungen im Spieltagskader der Profis. Miellitz kommt bereits auf drei Einsätze bei den Profis, doch in Wiedwald sehe ich (von den wenigen Eindrücken, die ich von beiden habe) das größere Potenzial. Langfristig wird sich höchstens einer von beiden bei Werder etablieren können. Ihr Ziel muss es zunächst sein, sich durch starke Leistungen in der U23 für die Profis zu empfehlen und die Position von Christian Vander anzugreifen. Fraglich, ob einer von beiden irgendwann Tim Wiese ersetzen kann.

Transfers: Im Tor sind keine Transfers geplant. Die vorhandenen Torhüter werden nicht abgegeben. Als einzigen möglichen Grund für eine Neuverpflichtung in letzter Minute könnte ich mir eine langfristige Verletzung von Tim Wiese vorstellen.

Abwehr:

Per Mertesacker: Gesetzt in der Innenverteidigung. Hat eine durchwachsene WM gespielt und auch seine letzte Saison war nicht die beste. Bei Fans und Trainer trotzdem unumstritten. Beeindruckt nach wie vor mit seiner Ruhe und Übersicht. Entgegen vieler Kritiken mit guter Spieleröffnung. Größte Schwäche ist seine fehlende Schnelligkeit, die er gerade bei der WM zu selten durch gutes Stellungsspiel wettmachen konnte. Stagniert etwas, allerdings auf hohem Niveau. Verbesserungspotenzial vor allem beim Antizipieren von Spielsituationen. Spekulationen um einen Wechsel zu Arsenal erteilte Klaus Allofs eine Absage.

Naldo: Hat zurück zu seiner Form gefunden. In der vergangenen Saison insgesamt der bessere der beiden Innenverteidiger. Trotz seiner Größe schneller als Mertesacker und technisch sehr beschlagen. Sein Offensivdrang ist Segen und Fluch zugleich, da Werder ohnehin sehr risikoreich spielt. Erzielte allerdings letzte Saison für einen Abwehrspieler sensationelle 13 Saisontore. Vom Gesamtpaket her einer der besten Innenverteidiger der Liga, mit leichtem Hang zu Unkonzentriertheiten. Leider seit Beginn der Sommerpause angeschlagen und mit großem Fragezeichen versehen, was seine Genesung angeht. Ein längerer Ausfall wäre für Werder ein herber Verlust.

Sebastian Prödl: Hat sich bei Werder bislang unter Wert verkauft. Ist nach wie vor ein großes Talent, musste jedoch immer wieder auf der rechten Außenbahn aushelfen, wo er Probleme hatte. In der Innenverteidigung kam er nur bei Ausfällen zum Einsatz und konnte dabei nicht immer überzeugen. Ähnlich kopfballstark wie Mertesacker und Naldo, dazu mit viel Dynamik und guter Antizipation. Für einen Stammplatz jedoch noch nicht beständig genug und unter normalen Bedingungen mit wenig Aussicht auf mehr Spielpraxis. Spielte eine gute Vorbereitung. Naldos Verletzung könnte seine Chance sein.

Petri Pasanen: Routinier und Defensivallrounder. In der letzten Rückrunde mal wieder solider Rückhalt auf der linken Abwehrseite. Seine Wunschposition ist jedoch die Innenverteidigung, wo er wegen der großen Konkurrenz aber nur selten eingesetzt wird. Hat sich mit seiner Rolle als Aushilfskraft arrangiert und kommt dank seiner Vielseitigkeit trotzdem regelmäßig zum Einsatz. Defensiv sehr solide und taktisch gut geschult. Auf der Außenbahn nach vorne eher zaghaft, wenn auch längst nicht so harmlos wie oft dargestellt. Hat zu Saisonbeginn einen kleinen Vorsprung vor Boenisch.

Clemens Fritz: Hat in der letzten Saison nach langer Schwächephase zurück in die Spur gefunden und zeigte als rechter Verteidiger überwiegend gute Leistungen. Vor allem defensiv verbessert. Offensiv noch mit Luft nach oben, gerade im Vergleich zu seiner ersten Saison bei Werder. Hat im aktuellen Kader keinen ernsthaften Konkurrenten um einen Stammplatz. Ist dazu mit den Innenverteidigern gut eingespielt. In der Vorbereitung sehr beständig.

Sebastian Boenisch: Nach einer ansprechenden Hinrunde in der letzten Saison nach seiner Verletzung nicht mehr richtig in Schwung gekommen. Noch immer sehr abhängig von seiner physischen Verfassung. Lauf-, Kopfball- und Zweikampfstark. Im Stellungsspiel verbessert, aber noch mit Defiziten. Wirkt gegen hochklassige Gegenspieler schnell überfordert. Muss in dieser Saison den Sprung vom soliden Linksverteidiger ins obere Bundesligadrittel schaffen, um seinen Stammplatz zu festigen. Bekommt womöglich neben Aushilfskraft Pasanen noch einen weiteren Konkurrenten vorgesetzt. Zudem in der Vorbereitung mit kleineren Verletzungsproblemen.

Nachwuchs: Niklas Andersen (21) kam bislang nicht über gelegentliche Kadernominierungen hinaus. In zwei Jahren kommt er auf nur einen Bundesligaeinsatz. In der U23 zeigt er ganz gute Leistungen, doch wenn nicht bald noch eine Leistungssteigerung kommt, dürfte der Zug zum Profikader abgefahren sein. Ähnliches gilt in noch stärkerem Maße für Dominik Schmidt (23). Er wird im Profikader geführt, hat aber kaum noch Chancen sich dort festzusetzen. Besser sieht es da schon für Timo Perthel (21) aus, der sich in der vergangenen Saison zum Linksverteidiger umschulen ließ und dort überzeugen konnte. Falls niemand mehr für die Position verpflichtet wird, könnte er hinter Boenisch zum festen Bestandteil des Profikaders werden.

Transfers: Bislang wurde kein Abwehrspieler verpflichtet. Der Kader ist auf den Außenbahnen jedoch etwas dünn besetzt. Testspieler Aldo Corzo aus Peru wurde nicht verpflichten, wohl auch, weil er für die U23 nicht spielberechtigt ist, was es erschwert hätte, ihm Spielpraxis zu geben. Gesucht wird vor allem ein Linksverteidiger, sei es für die Startelf oder um Boenisch Druck zu machen. Definitiv nicht verpflichtet wird Aymen Abdennour, der laut Allofs in der letzten Saison “verbrannt” wurde. Häufig genannte Namen waren Reto Ziegler, Pablo Armero und Nadir Belhadj, die jedoch allesamt aus dem Rennen sind. Der Brasilianer Rycharlyson (Sao Paolo) ist laut Allofs kein Thema, doch es gibt Gerüchte wonach er Werders Plan B ist. Bleibt die Frage: Wer ist Plan A?

Bereits erschienen:

Sommerpause (Teil 1): Der ganz normale Wahnsinn

Sommerpause (Teil 2): Die Systemfrage reloaded

Es folgt:

Sommerpause (Teil 3b): Personalplanung 2011 – Mittelfeld und Angriff

10. Spieltag: For the Record: No Record!

(Anmerkung: Ich hatte in den letzten Tagen einige Problem mit dem Blog. Es sollte nun endlich wieder alles normal funktionieren, aber mir sind leider einige Einträge und Kommentare flöten gegangen. Die Einträge habe ich zum Teil schon wiederhergestellt, der Rest folgt morgen, aber bei den Kommentaren geht das leider nicht. Also nicht wundern, falls dein Kommentar verschwunden ist!)

VfL Bochum – Werder Bremen 1:4

Puh! Achtunddreißig Sekunden dauerte es, bis das Gerede vom Rekord verstummt war. 619 Minuten war Tim Wiese in der Bundesliga ohne Gegentor geblieben – mehr wurden es nicht. Werder leistete sich einen kapitalen Fehler, wurde durch einen Steilpass durch die Mitte ausgehebelt und lag plötzlich hinten. Noch bevor die Spieler realisiert hatten, was eigentlich los war, hätte dieses Spiel schon vorbei sein können. Pfosten und Latte hielten Werder im Spiel und auf der anderen Seite nutzte Hunt ebenfalls gleich die erste Chance zum Ausgleich. Das bekannte Stilmittel Standardsituation Özil – Kopfball Pizarro führte wieder einmal zum Erfolg.

Das 1:1 war zu diesem Zeitpunkt äußerst glücklich, brachte Werder aber endlich ein Stück Sicherheit. Die Abstimmung in der Viererkette wurde in der Folge Schritt für Schritt besser. Bochum konnte nur noch selten so für Verwirrung sorgen, wie es in den ersten zehn Minuten. Die Spielweise der vergangenen Wochen kam wieder zum Vorschein: Konzentrierte Arbeit gegen den Ball, bei eigenem Ballbesitz ein Wechselspiel von träge wirkendem Aufbauspiel und blitzartigen Angriffen. Die Kombinationen zwischen Özil, Hunt und Marin liefen flüssig und letzterer belohnte sich endlich auch mal selbst. Die Halbzeitführung war somit trotz der katastrophalen Anfangsphase nicht unverdient.

Nach dem Wechsel wollte Werder die Fehler der ersten Hälfte nicht wiederholen und begann hochkonzentriert. Man drückte auf das Tempo und versuchte, das Spiel schnell zu entscheiden. Als dies nicht gelang, stellte man sich tiefer hinten rein, ließ Bochum im Mittelfeld etwas mehr Platz und setzte auf Konter. Bochum nutzte den Platz jedoch in dieser Phase clever aus und setzte Werder unter Druck. Entlastung durch gefährliche Konter gab es nur noch selten. In der 76. Minute kam dann aber einer, der die Bochumer Schachmatt setzte: Torsten Frings führte einen Freistoß schnell aus und schickte den durchgestarteten Borowski steil. Der ließ sich die Chance nicht entgehen und schob den Ball an Heerwagen vorbei ins Tor. Man kann darüber streiten, ob sich der Ball beim Freitstoß noch um einige Zentimeter bewegt, aber einen Vorteil hat Werder daraus nicht gezogen. Getrumpft ist der Ball jedenfalls nicht mehr und einen Vorteil zog Werder lediglich aus der Bochumer Unaufmerksamkeit.

Danach war das Spiel gelaufen. Werder brachte den Sieg über die Zeit und erhöhte in der letzten Minute durch Özil noch zum 4:1. Ein wunderschönes Tor, mit dem Außenrist aus spitzem Winkel erzielt. Die Bedenken, die ich nach der Schlussphase in Wien und den ersten 10 Minuten heute hatte, sind nach diesem Spiel wieder weniger geworden. Auch wenn Bochum nicht der stärkstmögliche Gegner ist, haben mich die Entschlossenheit und die Ruhe, mit der Werder nach dem Rückstand das Spiel drehte, beeidruckt. Der Glaube an die eigene Stärke ist also nicht verloren gegangen. Und warum sollte er auch? Nur noch ein Punkt trennt Werder nun von der Tabellenspitze. Mit der wiedergewonnenen Auswärtsstärke, die in der vergangenen Saison völlig verloren gegangen war, kann man sich berechtigte Hoffnungen machen, bis zum Schluss um die Champions League Plätze mitspielen zu können.

Für Tim Wiese dürfte es zu verschmerzen sein, dass er Recks Rekord nicht geknackt hat. Erstens erscheint es nicht unmöglich mit dieser Mannschaft eine neue Serie zu starten und zweitens hat die wichtigere Serie weiterhin Bestand: Seit nunmehr 15 Spielen ist Werder ungeschlagen. Respekt!

8. Spieltag: Aus der Krise hilft nur Grün-Weiß

VfB Stuttgart – Werder Bremen 0:2

Viele Jahre lang hat sich Werder Bremen als dankbarer Aufbaugegner für Mannschaften aus den Niederungen der Tabelle bekannt gemacht. Vor allem bei den eigenen Fans. Auch wenn man das Fallobst reihenweise mit 4-6 Toren nach Hause schickte (bzw. ihm die Tore sogar vor der eigenen Haustür servierte), blieben doch die 0:1, 1:2 oder auch 0:2 Niederlagen gegen Bielefeld, Frankfurt oder Bochum mehr im Gedächtnis. Der erste Spieltag dieser Saison bestätigte all jene, die sich in den Nächten vor den “einfachen Spielen” unruhig in den Laken wälzen, aus Angst vor Arthur Wichniarek. Inzwischen lässt sich allenfalls noch das 0:0 gegen Hanover 96 in die Kategorie verpasste Großchance einordnen. Das restliche Programm wurde mehr oder weniger souverän heruntergespult, allerdings ohne irgend jemandem 4-6 Tore einzuschenken.

Dem VfB Stuttgart, jüngeren Ergebnissen zur Folge auf der Suche nach einem dankbaren Aufbaugegner, gab man gestern wenig Gelegenheit, die Pessimisten, zu denen ich mich selbst nur manchmal zähle, zu bestätigen. Werder spielte so, wie man es aus den letzten Wochen kennt: Souverän, kontrolliert, abgeklärt (mehr abgedroschene Schlagwörter aus dem Fußballvokabular fallen mir gerade nicht ein). Man hatte das Gefühl, dass dort eine Mannschaft auf dem Platz stand, die weiß, dass und wie sie ihren Gegner schlagen wird. Natürlich lässt sich nach einem so frühen Führungstor immer ganz hervorragend über die Hätte, Wäre und Wenns Diskutieren. Wenn Stuttgart gleich die erste Chance genutzt hätte, wäre alles anders gekommen. Isses aber nicht. Das wissen selbst die Fanta 4 und die kommen bekanntlich aus Stuttgart.

Nicht aus Stuttgart kommt Jens Lehmann, der aus reiner Nächstenliebe und Freude am Fußball jedoch gelegentlich mit dem Heli vorbeigeflogen kommt und mitunter auch noch hält, wie einer, der mal zu den besten Torhütern der Welt gehörte. Inzwischen hält ihn wohl kaum noch jemand (außer Lehmann selbst, natürlich) für einen der besten Torhüter der Welt, was ihn nicht daran hindert, sich auf dem Platz zu benehmen, wie Oliver Kahn (ausgerechnet!) auf Speed. Gegen Lehmann wirkt selbst Tim Wiese wie ein braves Schwiegersöhnchen. Nein, es kann unmöglich Wieses Verhalten sein, das seine Nationalmannschaftskarriere behindert. Ich hatte immer sehr viel Respekt vor Lehmann und insbesondere zu seiner Arsenal-Zeit auch Sympathie für ihn, die ewige Nummer 2. Neben dem Platz mag Lehmann ein netter Kerl sein oder auch nicht, ich weiß es nicht – auf dem Platz (inklusive seiner Interviews vor, zwischen und nach den Spielen) ist er ein unerträglicher, besserwisserischer, selbstgerechter und leider auch unfairer Sportler geworden. Das ist nicht nur schade sondern für seinen Arbeitgeber inzwischen auch schädlich.

Warum die Bremer Fans die Schweigeminute für Rolf Rüssmann nicht respektierten ist mir ein Rätsel. In jedem Fall eine unschöne Sache, wobei ich hier keine böse Absicht unterstelle. Unbedarftheit? Probleme mit den Ohren? Die Antwort kennt wohl nur der liebe Gott. Und Jens Lehmann, natürlich.

Wiese in den Sturm

Tim Wieses Chancen bei der WM 2010 im Tor der deutschen Nationalmannschaft zu stehen sind eher gering. Beim Training mit seinen Werder-Kollegen am Donnerstag überlegte man sich daher eine Geheimtaktik, die den sympathischen Rheinländer doch noch in Jogis Kader bringen soll: Wiese spielte im Trainingsspiel einen klassischen Rechtsaußen. Man kommt nicht umhin, diese Position als Schwachstelle in Löws neuem Vier-Drie-Drie-System zu erkennen. Hier sehen Wiese und Trainer Schaaf offenbar die größten Chancen, noch auf den WM-Zug aufzuspringen.

Wiese vergab in bester Werderstürmer-Manier zwar auch die besten Torchancen, ließ seinen Gegenspieler Niklas Andersen mit einigen Tempodribblings jedoch reichlich blöd aussehen. Alles in allem dürften Schaaf und sein Trainergespann deshalb sehr zufrieden gewesen sein. Das Einsetzen von Spielern auf anderen Positionen hat bei Werder Tradition. So wurden die ehemaligen Stürmer Torsten Frings, Paul Stalteri, Clemens Fritz und Martin Harnik (mal mehr, mal weniger erfolgreich) in defensivere Rollen umpositioniert. Warum sollte dies nicht auch anders herum funktionieren?

Mein Neffe – 4 Jahre alt und riesiger Werder- sowie Wiese-Fan – freute sich jedenfalls jedes Mal, wenn Wiese den Ball zugespielt bekam. Er fragte mich zwar wiederholt, warum “Timmey” keine Handschuhe anhabe und gab sich mit meiner Antwort (“Frag doch mal den grimmigen Mann mit dem Schnauzer und der grauen Trainingsjacke.”) auch nicht wirklich zufrieden, doch insgesamt überwog die Freude, sein Idol mal aus nächster Nähe anschauen zu dürfen. Als er dann nach dem Training noch ein Autogramm auf sein Trikot bekam, war er vollends dahin geschmolzen und blieb auf der gesamten Rückfahrt sprachlos.

Tim Wieses neue Position hat noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: Nun will mein Neffe nicht mehr unter allen Umständen Torwart werden, sondern liebäugelt mit einer Karriere als Torjäger. Gerd Müllers Rekord ist also wieder akut in Gefahr.