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Ausgelutscht

Der Vertrag zwischen Werder und Torsten Frings wird nicht verlängert. Zugleich eine gute und traurige Nachricht. Aus sportlicher Hinsicht ist es meiner Meinung nach die einzige richtige Entscheidung gewesen. Trotzdem hinterlässt es immer ein schales Gefühl, wenn ein solch verdienter Spieler aufhört. Zum Abschied ein (nicht wirklich) kurzer Rückblick auf seine Karriere.

Vom Stürmer zum Rechtsverteidiger

Torsten Frings kommt in der Winterpause der Saison 1996/97 von Alemannia Aachen zu Werder, derselben Saison, in der Werder Viktor Skripnik, Jens Todt und Heimo Pfeifenberger verpflichtet. Derselben Saison, in der Andi Herzog von den Bayern zurückkehrt. Im Jahr 2 nach Rehhagel. Die vielbesungenen “Jahre voller Frust”. Werders Trainer heißt damals Dixie Dörner und der junge Stürmer muss sich vorerst hinter den arrivierten Marco Bode, Bruno Labbadia und Bernd Hobsch einreihen. Frings fällt in seiner ersten halben Saison durch zwei Dinge auf: Seine für einen Stürmer nicht unbedingt förderliche Torungefährlichkeit und seine für einen Fußballer allgemein sehr förderliche Vielseitigkeit. So stehen am Ende 15 Einsätze zu Buche, teils im Angriff, teils im Fünfermittelfeld in Werders 3-5-2-System.

Auf Dixie Dörner folgen Wolfgang Sidka und schließlich Felix Magath, bei dem Frings aneckt und in seiner Entwicklung stehenbleibt. Trotz einiger Lichtblicke, wie seinem Doppelpack im Pokalspiel gegen Fortuna Düsseldorf (damals trainiert von einem gewissen Klaus Allofs) im Oktober 1998, kommt er nicht über die Rolle des Ergänzungsspielers hinaus, zumal Magath ihn meistens in der Sturmspitze spielen lässt. Für einen Stürmer ist Frings Trefferquote jedoch weiterhin blamabel: Als Thomas Schaaf im Mai 1999 den Trainerposten übernimmt, hat Frings gerade einmal 5 Bundeligatore erzielt – in zweieinhalb Jahren. In Schaafs erstem Spiel für Werder, dem zum Abstiegsendspiel hochstilisierten Nachholspiel gegen den FC Schalke, läuft Frings wieder im rechten Mittelfeld auf, wo er in der folgenden Saison seinen Stammplatz innehat.

Unter Schaaf spielt Frings konstant, steht jedoch im Schatten der Mittelfeldstars Herzog und Dieter Eilts sowie des neuen Traumsturms Ailton und Claudio Pizarro. Die Versetzung auf die rechte Verteidigerposition hat er den Undiszipliniertheiten des jungen Razundara Tjikuzu zu verdanken, der sich in der Saison 2000/01 aus dem Team katapultiert. Schaaf experimentiert damals in der Abwehr noch mit Viererkette, Dreierkette und Libero und Frings ist mit seiner Vielseitigkeit genau der richtige Mann für die vakante Position hinten rechts. Vielleicht wäre Frings einer der vielen zum Rechtsverteidiger umgeschulten Stürmer der Ära Schaaf geblieben (Stalteri, Fritz, Harnik), wenn es im Herbst 2001 nicht ganz anders gekommen wäre.

Die Geburt eines Mittelfeldmotors

Meistens sind es dramatische Ereignisse, die zum Umdenken eines Trainers führen, wie Frings nun am eigenen Leib erfahren muss. Vor zehn Jahren war er einer der Profiteure von Thomas Schaafs Umdenken. Nach Werders Fehlstart in die Saison 2001/02 setzt Schaaf kurzerhand Eilts und Herzog auf die Bank und holt Frings zurück ins Mittelfeld, nun in verantwortungsvollerer Position vor der Abwehr. Das Experiment geht zunächst schief, gegen den 1. FC Kaiserslautern verliert man mit 0:1 und im folgenden Spiel gegen den 1. FC Köln gibt es nur ein 1:1. Schaaf bleibt jedoch stur, lässt Eilts und Herzog auf der Bank und wird schließlich für sein konsequentes Handeln belohnt. In Hamburg und beim “Meister der Herzen” Schalke feiert Werder Kantersiege, Weltpokalsieger Bayern München wird geschlagen und schließlich fügt man auch Tabellenführer Bayer Leverkusen die erste Saisonniederlage zu.

Mit Ivica Banovic und Krisztian Lisztes hat Werder zwei junge, potentielle Spielmacher im Kader, von denen nur der Letztere überzeugen kann. Der wahre Mittelfeldmotor heißt jedoch Torsten Frings. Werder wird “Ganzjahresmeister” 2001 und Frings ist einer der Hauptgründe dafür, dass man nach Pizarros Verkauf nicht in ein Loch gefallen ist. Die überragenden Leistungen sorgen jedoch für Begehrlichkeiten anderer Clubs. Als der frisch gebackene Deutsche Meister Borussia Dortmund die Finger nach ihm ausstreckt wird er schwach. Es beginnt ein unwürdiges Schachern zwischen den Vereinen und dem Spieler, bei dem Werder letztlich als Verlierer dasteht, auch weil Frings sich öffentlich zu seinen Wechselabsichten bekennt und damit Druck auf Werder ausübt.

Von den Werderfans als Verräter geächtet wechselt Frings schließlich zum BVB. Eine sportliche Verbesserung ist es für ihn jedoch nur kurzzeitig. Während Werder mit der Mittelfeldraute um Frank Baumann, Fabian Ernst und Johan Micoud den deutschen Fußballgipfel erklimmt, rutscht der BVB langsam ab. Es sind die letzten Zuckungen vor dem finanziellen Kollaps, dem Frings mit seinem Wechsel zum FC Bayern im Sommer 2004 gerade noch entgeht. Seine früheren Kollegen haben gerade das Double gewonnen und er hat nichts dazu beigetragen (auch wenn man argumentieren könnte, dass es ohne seinen Wechsel zum BVB möglicherweise nicht zur Verpflichtung von Micoud wenige Monate später gekommen wäre), obwohl er doch nach Dortmund gewechselt war, um seine Chancen auf eine Meisterschaft zu erhöhen. Ein Jahr später ist er dann tatsächlich Deutscher Meister. Es ist die einzige Meisterschaft seiner Karriere, doch einen Grund zur Freude hat er nicht. Kurz nach seiner Unterschrift beim Rekordmeister verpflichtet dieser Felix Magath als Trainer, mit dem Frings schon in Bremen nicht zurecht gekommen ist. Er spielt in der folgenden Saison zwar regelmäßig, doch auf der Spielmacherposition, die Magath ihm zeitweise zuweist, kann er nicht wirklich überzeugen und findet sich nach nur einem Jahr auf dem Abstellgleis wieder.

Rückkehr und Zenit

Die Rückkehr nach Bremen kommt eher unerwartet zustande. Wochenlang halten sich die Gerüchte um einen Wechsel des Bremer Abwehrchefs Valerien Ismael zu den Bayern, bis am 10. Juni 2005 ein Tauschgeschäft zustande kommt. Im besten Fußballeralter von 28 Jahren kommt Frings zurück an die Weser, wo er zunächst auf Skepsis bei den Fans stößt, die ihm seinen Abgang drei Jahre zuvor noch nicht verziehen haben. Auch sportlich ist die Aufgabe nicht leicht, denn Frings soll den nach seinem Abgang aufgeblühten Fabian Ernst ersetzen. Doch schon nach wenigen Spielen zeigt sich, dass Frings Verpflichtung ein Volltreffer ist, sowohl für den Verein als auch für den Spieler. Rechts in der Mittelfeldraute kommen Frings Stärken voll zur Geltung. Mit Frank Baumann hat er einen verlässlichen Sechser hinter sich und kann mit seiner Dynamik und seinem Kampfgeist Werders Spiel antreiben. Frings findet endlich das, was er bei seinem Weggang aus Bremen gesucht hat: Eine Schlüsselrolle in einer Spitzenmannschaft.

Der Sommer 2006 kommt und in Deutschland bricht mit Oliver Neuvilles Tor gegen Polen die WM-Begeisterung aus. Das Sommermärchen wird geschrieben. Torsten Frings ist fester Bestandteil der Nationalmannschaft und rückt nach dem Systemwechsel zum 4-4-2 mit Doppelsechs mehr in den Fokus. Neben Kapitän Michael Ballack avanciert Frings immer mehr zum Chef im deutschen Mittelfeld, steigert sich von Spiel zu Spiel und liefert im Viertelfinale gegen Argentinien eines der besten Spiele seiner Karriere ab. Fans und Experten sind begeistert und überschütten ihn mit Lob und Anerkennung. Vor dem Halbfinale kommt es jedoch zum Eklat: Italienische Medien zeigen einen Videoausschnitt, in dem zu sehen ist, wie Frings einem Argentinier ins Gesicht schlägt. So lautet zumindest die Interpretation der FIFA, die Frings für ein Spiel sperrt – das Halbfinale gegen Italien. Die Unverhältnismäßigkeit gegenüber den Strafen gegen die Argentinier, von denen die Aggressionen auf dem Spielfeld ausgehen, und die Tatsache, dass es eine italienische Medienkampagne ist, die zu den Ermittlungen gegen Frings führt, nähren in Deutschland die Verschwörungstheorien. Nicht wenige Stimme melden sich nach dem verlorenen Halbfinale, die behaupten, mit Frings hätte Deutschland das Spiel gewonnen.

Im Jahr 2006 erreicht die Entwicklung der Ära Schaaf ihren Höhepunkt. Werder ist drauf und dran den Bayern dauerhaft auf die Pelle zu rücken, holt im Kalenderjahr 2006 die meisten Punkte aller Bundesligisten und steht zu Weihnachten auf Platz 1. Torsten Frings ist einer der absoluten Stars der Mannschaft und meldet sich auch häufig außerhalb des Platzes zu Wort. Als es im Endspurt der Saison 2006/07 zum Transfertheater um Miroslav Klose kommt, gibt er den Lautsprecher des Teams und kritisiert Kloses Verhalten öffentlich. Nur wenige Wochen zuvor hat er sich medienwirksam zum SV Werder bekannt, nachdem er mit einem Wechsel zu Juventus geliebäugelt hatte und sogar zu einem Besuch in Turin war. Es bleibt der letzte Abwanderungsgedanke. Frings ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt und das verdankt er nicht zuletzt seiner Rückkehr nach Bremen. Der große Triumph bleibt ihm jedoch verwehrt, die Mannschaft kann den hohen Erwartungen nicht vollständig gerecht werden. In der Champions League scheitert man auf dramatische Weise an Juventus Turin bevor man ein Jahr später kurz davor ist den FC Barcelona rauszuwerfen. Am Ende gelingt der Sprung in die Fußballelite Europas nicht. Auch national bleibt der große Erfolg aus. 2007 verspielt man trotz großer Vorschusslorbeeren in der Rückrunde die Meisterschaft. Ein Jahr später bleibt man den übermächtigen Bayern mit dem geplünderten Festgeldkonto bis Weihnachten auf den Fersen, bevor nach der Winterpause der Einbruch kommt. Werder und Frings bleiben unvollendet.

Der Kampf gegen das Abstellgleis

Der Anfang vom Niedergang kommt in Form einer Verletzung. Es ist Herbst 2007 und Werder wird von der vielleicht schlimmsten Verletzenmisere der Vereinsgeschichte heimgesucht. Frings fällt 10 Wochen lang aus, kommt in der Winterpause zurück und verletzt sich direkt wieder. Erst Ende März 2008 kann er wieder für Werder auflaufen. Das Team befindet sich zu diesem Zeitpunkt im freien Fall und droht auch die letze Chance auf die Champions League zu verspielen. Frings findet schnell zu seiner alten Form zurück und trägt entscheidend mit dazu bei, dass sich Werder im Saisonendspurt doch noch die Vizemeisterschaft sichern kann. Die Europameisterschaft im Sommer verläuft für ihn jedoch enttäuschend. Durch einen Rippenbruch verpasst er nach einer durchwachsenen Vorrunde das Viertelfinale gegen Portugal und zwingt Trainer Jogi Löw damit zu seiner taktischen Meisterleistung im Turnier, dem Umstieg vom 4-4-2 zum 4-2-3-1. Statt Frings spielen nun Thomas Hitzlsperger und Simon Rolfes auf der Sechserposition und sichern hinter Michael Ballack ab. Zum Halbfinale ist Frings wieder zurück, doch es bleiben Zweifel an seiner Fitness. Löw lässt ihn zunächst auf der Bank, bringt ihn jedoch zur Halbzeit für Rolfes. Deutschland zieht ins Finale ein, wo Frings wieder in der Startelf steht. Deutschland ist den Spaniern spielerisch klar unterlegen und auch läuferisch kann das Mittelfeld mit den angeschlagenen Frings und Ballack nicht gegenhalten. Nach dem Turnier ruft Löw das Leistungsprinzip aus, dem sich nun auch Ballack und Frings zu unterwerfen hätten. Ein unverhohlener Vorwurf an seine Stars.

Bei Werder und Frings verläuft die folgende Saison holprig. In der Liga bleibt die Mannschaft klar hinter den Erwartungen zurück, auch wenn spektakuläre Siege gegen die Bayern, Hoffenheim und Hertha BSC für Aufsehen sorgen. Besser läuft es dagegen in den Pokalwettbewerben, wo nicht zuletzt die Derbysiege gegen den HSV die Saison aus Bremer Sicht retten. Im UEFA-Cup erreicht Werder das Finale. Für Frings ist es das einzige internationale Finale auf Clubebene und es geht in die Hose. Besser läuft es im DFB-Pokal, wo Werder das Finale gegen Bayer Leverkusen gewinnt und Frings seinen zweiten Titelgewinn mit Werder nach dem Pokalsieg 1999 feiern kann. Im Sommer beendet Kapitän Frank Baumann seine Karriere. Torsten Frings übernimmt sein Amt und seine Position auf dem Spielfeld. Die Verletzungen der letzten Jahre haben jedoch Spuren hinterlassen. Frings wirkt nicht mehr so spritzig wie in den Jahren zuvor und hat sichtlich größere Probleme, nach Verletzungspausen zurück zu seiner Topform zu finden. Im Verein bekommt er mit Philipp Bargfrede einen jungen Spieler an die Seite gestellt, der sofort einschlägt und Frings in der neu eingeführten Doppelsechs unterstützt.

Weniger Unterstützung erfährt er in der Nationalmannschaft, wo Löw im Vorfeld der WM 2010 auf andere, jüngere Spieler setzt und Frings lange Zeit ignoriert. Spätestens als Bastian Schweinsteiger bei den Bayern zum Sechser umgeschult wird und dort überragende Leistungen zeigt, ist Frings Zeit als Nationalspieler abgelaufen. Bei einem Treffen im Bremer Parkhotel teilt der Bundestrainer dem Spieler seine Entscheidung mit, knapp ein Jahr nachdem Frings sein letztes Spiel für den DFB absolviert hat. Zuvor hat Frings mehrfach in der Öffentlichkeit seine Ansprüche angemeldet. Im Endspurt der Saison 2009/10 kann er endlich auch wieder auf dem Rasen überzeugen. Er profiliert sich als Antreiber, Tor- und sicherer Elfmeterschütze und hat wie schon zwei Jahre zuvor großen Anteil daran, dass Werder die Saison noch retten kann. Seine Defizite im taktischen Bereich kann er jedoch immer weniger durch seinen Kampfgeist kompensieren. Die Saison 2010/11 wird zur bittersten in Frings Karriere. Er verkörpert nicht den modernen Sechser, der Werders Spiel in den letzten Jahren abgeht. Sein Status im Team und beim Trainer ist jedoch gefestigt und trotz anhaltender Probleme gerät sein Stammplatz nie in ernsthafte Gefahr.

Abschied nach zwölf Jahren Werder

Es kann auch Thomas Schaaf und Klaus Allofs trotz aller Treueschwüre nicht verborgen geblieben sein, dass Frings spätestens in seiner letzten Saison zum Problemfall geworden ist. Diesen Umstand kann man kaum dem Spieler zuschreiben, denn es ist nur logisch, dass sein Körper diese kraftaufwändige Spielweise nicht ewig auf höchstem Niveau durchhalten kann. Den rechtzeitigen Umbruch hat Werder verpasst und muss in der nun abgelaufen Saison den Preis dafür zahlen. Shootingstar Bargfrede lange im Leistungsloch, Ersatzmann Niemeyer ohne Not abgegeben, die erfahrenen Borowski und Jensen dauerverletzt. Torsten Frings hat sich nie davor gescheut, Verantwortung zu übernehmen, wenn er dies auch nach meinem Geschmack häufig zu sehr medial inszenierte. Er hat sich für Werder aufgerieben und muss nun seinem Alter Tribut zollen. Die sportliche Führung scheint es mit dem Umbruch nun ernst zu meinen. Schaafs engster Vertrauter im Team ist nach Jensen und Pasanen nun der nächste, der diesem Umbruch zum Opfer fällt.

Kaum ein Spieler stand in den letzten 10 Jahren so sehr für Werder Bremen, wie Torsten Frings. Er hat eine sehr bewegte Karriere hinter sich und konnte sich trotz seines unrühmlichen Abgangs 2002 nach seiner Rückkehr schnell wieder in die Herzen der Fans spielen. Dort wird er auch in Zukunft immer einen Platz haben. Danke für deinen unermüdlichen Einsatz für Werder Bremen. Mach’s gut, Lutscher!

Endlich Klassenerhalt

Werder Bremen – Borussia Dortmund 2:0

Der Klassenerhalt ist perfekt. Wie erwartet hätte dazu auch ein Punkt gegen den Deutschen Meister gereicht, doch Werder machte durch die Tore von Silvestre und Pizarro alles klar und kann nun endlich die Vorbereitungen für die neue Saison konkretisieren.

Bremer Entschlossenheit gegen Dortmunder Sektlaune

Es wäre unfair den Borussen eine unprofessionelle Einstellung vorzuwerfen, doch es war der Mannschaft von Jürgen Klopp anzumerken, dass es für sie nicht mehr um viel ging. Der Dortmunder Tempofußball lässt sich ohne absolute Konzentration und Laufbereitschaft nicht spielen. Nach Silvestres frühem Führungstreffer hatte man nur selten das Gefühl, dass die Dortmunder mit aller Macht auf den Ausgleich drängten.

An dieser Stelle möchte ich dem BVB zur Meisterschaft gratulieren. Über die gesamte Saison hinweg hat Dortmund den besten Fußball gespielt und wird deshalb völlig zurecht am kommenden Samstag die Meisterschale erhalten. Der BVB hat in den letzten Jahren sehr viel richtig gemacht, ein glückliches Händchen auf dem Transfermarkt gehabt und mit Jürgen Klopp auf einen Trainer gesetzt, der nun allen Zweiflern bewiesen hat, dass er seine Vorstellungen vom modernen Fußball auch auf höchstem Niveau umsetzen kann. Dortmund spielt schnellen, schnörkellosen Fußball, der auch ästhetisch anspruchsvoll ist. Die Ballsicherheit der jungen Mannschaft ist sicher ein entscheidender Faktor für den großen Erfolg.

Ein anderer ist die Zusammenstellung der Mannschaft: Sahin, der Ballverteiler (für mich Spieler der Saison). Bender, das Powerhouse im Mittelfeld. Hummels mit seinen Qualitäten im Spielaufbau. Kagawa und Götze mit ihrem intelligenten Spiel zwischen den Linien. Torjäger Barrios. Dazu die vor Energie strotzenden Großkreutz, Kuba, Piszceck und Schmelzer auf den Außenbahnen (die ungemein von Sahin, Kagawa und Götze profitiert haben). Einziger Schwachpunkt ist für mich Torhüter Weidenfeller, der zwar eine gute Saison gespielt hat, aber (ähnlich wie Wiese) Probleme beim Mitspielen hat. In der neuen Saison wartet die nächste große Herausforderung auf den BVB: Die Etablierung in der Spitze. Wie kommt die junge Mannschaft mit Abgängen (Sahin), Meisterschaftskater und der Doppelbelastung durch die Champions League zurecht? Ich bin sehr gespannt.

Abstiegskrimi verkommt zum lauen Sommerkick

Damit aber genug der Lobhudelei und zurück zum Spiel. Werder machte in der Anfangsphase viel Druck und spielte sich über Marin, der im Rücken des BVB-Mittelfelds zunächst viel Platz fand, einige Male vielversprechend vors Dortmunder Tor. Die Führung kam durch eine Standardsituation unter Mithilfe von Weidenfeller zustande, der Silvestres Ecke schwach klärte und beim Schuss des Franzosen durch viele Beine dann kaum noch eine Chance hatte. Werder drängte zunächst auf das zweite Tor, unterstützt durch einige Unsicherheiten in der Dortmunder Abwehr, und hatte durch Marin und Fritz gute Chancen. Nach einer Viertelstunde stellten die Bremer die Offensivbemühungen jedoch weitgehend ein und ließen Dortmund mehr Zeit am Ball. Hier mag eine Portion Kalkül mit dabei gewesen sein, dass es die Dortmunder nicht allzu ernst mit einer Aufholjagd meinen würden, aber Werders Umschalten nach Ballgewinn wies in dieser Phase gravierende Mängel auf. Das Mittelfeld wurde häufig überbrückt, doch die langen Bälle auf Wagner und Pizarro fanden nur selten das Ziel und der BVB konnte sich die Bälle problemlos zurückholen.

Defensiv standen die Bremer weitgehend sicher und Dortmund kombinierte sich nur selten durchs Mittelfeld vors Bremer Tor. Zwei starke vertikale Pässe durch die Schnittstellen der Bremer Innenverteidigung führten zu den beiden gefährlichsten Szenen der Borussia vor der Pause. Dazwischen gab es viel Leerlauf, mit dem Werder dank der Führung gut leben konnte. Nach dem Seitenwechsel änderte sich wenig an diesem Bild. Die Großchance für Barrios kam eher zufällig zustande und auf der anderen Seite war es Pizarros individuelle Klasse, die das Spiel für Werder entschied. Aus Werdersicht mag man sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr über spielerische oder taktische Defizite der eigenen Mannschaft ärgern. Wichtig ist der nun endgültig feststehende Klassenerhalt durch diesen Sieg gegen am Ende zu passive Dortmunder, die gegen einen tief stehenden Gegner zu wenig taten, um noch einmal ins Spiel zurück zu kommen. In der Nachspielzeit bekam der BVB noch einen glasklaren Elfmeter verweigert, doch das interessierte schon fünf Minuten später niemanden mehr.

Schwache Gesten statt harter Entscheidungen?

Vor dem Spiel wurden mit Petri Pasanen und Daniel Jensen zwei Spieler geehrt, die jeweils sieben Jahre lang bei Werder gespielt haben und im Sommer den Verein verlassen werden. Torsten Frings war nicht unter den Geehrten. Es ist zu befürchten, dass er seinen Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert. Ich schreibe bewusst „befürchten“, auch wenn es mir wehtut. Ich habe großen Respekt vor dem Fußballer Torsten Frings und bin ihm sehr dankbar für alles, was er für Werder geleistet hat. Ich bin allerdings nicht der Ansicht, dass man mit (und schon gar nicht um) Frings noch einmal eine große Mannschaft aufbauen kann. Dazu ist er nicht mehr gut genug, dazu ist sein Status im Team zu verfestigt, dazu ist er zu wenig Lenker aus dem Hintergrund. Er hat in der Schlussphase der Saison noch einmal seinen Beitrag zum Klassenerhalt geleistet, aber seine Schwächen waren auch in den letzten Wochen nicht mehr zu übersehen. Es wäre ein guter Zeitpunkt aufzuhören. Mir scheint es jedoch, dass man bei Werder die großen Einschnitte weiterhin scheut, wenn sie nicht durch externe Gegebenheiten (Verletzungen, hohe Transfererlöse) unvermeidbar werden. Die wäre kein gutes Zeichen für die neue Saison.

Als schlechtes Zeichen habe ich auch die Nichtberücksichtigung Daniel Jensens in den Kader empfunden. Es wäre ein Platz auf der Bank freigewesen und auch wenn Jensen nach Schaafs Dafürhalten nicht richtig fit ist, hätte man ihn zum Abschied wenigstens eine Berufung in den Kader schenken können. Gegen eine Einwechslung in der 90. Minute hätte bei entsprechendem Spielstand auch nichts gesprochen. Petri Pasanen durfte dagegen 90 Minuten durchspielen und zeigte eine gute Leistung in der Innenverteidigung. Ihm hätte ich in der letzten Minute ebenfalls den Applaus einer Auswechslung gegönnt. Diese Gesten mögen nicht wichtig sein für den Verein, aber sie wären ein schönes Signal an die Spieler und an die Fans gewesen. Vielleicht darf Jensen wenigstens am letzten Spieltag in Kaiserslautern noch einmal für Werder auflaufen. Zu gönnen wäre es ihm in jedem Fall.

Fünf Erkenntnisse der letzten Wochen

1. Jedes Unentschieden ist ein gewonnener Punkt

Es fällt schwer, sich an diesen Umstand zu gewöhnen, wenn man jahrelang um die Champions League Plätze gespielt hat: Im Abstiegskampf ist ein Unentschieden ein gutes Ergebnis – zumindest wenn es so eng zugeht, wie in diesem Jahr. Wir sind es gewohnt, uns nach einem Remis über die beiden verlorenen Punkte zu ärgern, statt uns über den einen gewonnenen Punkt zu freuen. Im oberen Tabellendrittel verliert man mit einem Unentschieden in der Regel Punkte auf die Konkurrenz. Im unteren Drittel kann man zumindest den Abstand zu den Abstiegsplätzen konstant halten. Die Mannschaften auf den Plätzen 16 bis 18 haben im Schnitt weniger als einen Punkt pro Spiel geholt. Spielt Werder auch gegen St. Pauli und Wolfsburg jeweils Unentschieden, dürfte der Klassenerhalt gesichert sein. Ein Sieg fühlt sich natürlich besser an, doch letztlich ist das in dieser verdammten Saison nur noch Zugabe.

2. Marin auf der 10 kann funktionieren

Mit der Betonung auf „kann“. Es wurde schon lang und breit diskutiert, dass Marin kein Spielmacher ist und seine Stärken im Zentrum kaum zur Entfaltung bringen kann. Dieser Umstand machte Werder immer wieder zu schaffen, wenn Schaaf ihn auf der 10er-Position einsetzte. Es ist ein Dilemma: Hält Marin seine Position im Zentrum, geht er weitgehend unter. Weicht er zu häufig auf die Flügel aus, destabilisiert er damit das Mittelfeld. An diesem Umstand hat sich grundsätzlich nichts geändert. Trotzdem funktioniert Werders Mittelfeld derzeit wesentlich besser als vor einigen Monaten. Dafür gibt es aus meiner Sicht zwei Gründe: Erstens macht es der generelle Formanstieg bei vielen Spielern einfacher, vorhandene Ungereimtheiten im System zu kompensieren. Das Mittelfeld mit Frings, Borowski und Wesley/Bargfrede wirkt gefestigt und kann Marin ein Stück weit den Rücken freihalten. Zweitens habe ich den Eindruck, dass Marin inzwischen etwas disziplinierter spielt und sein Spiel ohne Ball etwas verbessert hat. Er bewegt sich nicht mehr 90 Minuten vogelfrei übers Feld, sondern streut seine Ausflüge auf die Außen dosierter ein und hält bei Ballbesitz des Gegners häufig die Position im Zentrum.

Für mich ist das nach wie vor keine Dauerlösung, aber für die letzten Wochen der Saison scheint es eine vernünftige Entscheidung gewesen zu sein – auch wenn ich es immer noch schade finde, dass man Trinks nicht weiterhin die Chance gegeben hat.

3. Torsten Frings ist wertvoll im Abstiegskampf

Ich habe ihn viel kritisiert in dieser Saison und bleibe auch bei meiner Meinung, dass für ihn im Sommer Schluss sein sollte. Dennoch habe ich großen Respekt für seine Leistungen in den letzten Wochen. Natürlich ist Frings nicht mehr der Spieler, der er vor 3-4 Jahren war, aber seine Erfahrung, sein Einsatz und sein Kampfgeist machen ihn zu einer wertvollen Waffe im Abstiegskampf. Momentan gucke ich gerne über seine Unzulänglichkeiten hinweg, denn es imponiert mir, wie er sich gegen den Abstieg seiner Mannschaft und auch seiner eigenen Person wehrt. Frings profitiert dabei auch von der Raute, die ihn ein wenig vor seiner eigenen Spielweise schützt. Er spielt nun etwas tiefer als früher und es entstehen nur noch selten große Lücken vor Werders Abwehr. Nun hoffe ich, dass Frings den Abschied bei Werder bekommt, der einem Spieler wie ihm gebührt. Allerdings hoffe ich auch, dass man bei Werder nicht die falschen Schlüsse zieht und mit ihm in die neue Saison geht. Es braucht einen Neuanfang, auch und gerade auf der 6er-Position.

4. Tim Wiese ist kein Weltklassetorwart

Es ist schon komisch: Ein sehr gutes Spiel von Wiese genügt, um ihn in den Augen mancher Werderfans schon wieder zum Weltklassetorwart werden zu lassen. Seine Leistung gegen Frankfurt war stark, ohne Frage. Er hat uns an diesem Tag das Unentschieden gerettet und hatte einige tolle Aktionen. Dennoch ist sein Torwartspiel nach wie vor alles andere als perfekt. Gerade im Spiel gegen Schalke wurde wieder deutlich, wie sehr ihm Neuer in vielen Belangen voraus ist: Hohe Bälle abfangen, das Spiel direkt wieder schnell machen, Bälle mit dem Fuß kontrolliert verteilen, in Eins gegen Eins Situationen lange oben bleiben, um den Gegner zum Handeln zu zwingen. Alles Dinge, die Wiese nicht sonderlich gut kann. Solange er in anderen Bereichen herausragend gut ist, mag man diese Dinge in Kauf nehmen. Allerdings war Wiese in dieser Saison – gerade im Vergleich zu den beiden Jahren davor – kaum mal herausragend gut. Seit Oliver Kahn hat es sich bei vielen Fans eingebrannt, dass ein Torwart auch mal unhaltbare Bälle abwehren muss, um für sein Team besonders wertvoll zu sein. Ich bin eher Fan von konstanten Torhütern, die unspektakulär spielen, aber dafür gegnerische Chancen schon früh zunichte machen. Dazu sollte ein Torwart als Anspielstation taugen und Bälle verteilen können. Bei Wiese landen viele Bälle im Nirgendwo oder (schlimmer noch) beim Gegner.

Ich möchte Wiese nicht schlecht machen, er ist nach wie vor ein guter Torwart, der in der Form von 2009 zu den besten Keepern der Bundesliga zählt, aber ein mitspielender, moderner Torwart wäre mir bei Werder in der kommenden Saison lieber, auch wenn er kein Reflexgott auf der Linie ist.

5. Die Raute ist zeitlos modern…

schrieb Kollege Petersen unlängst. Davon abgesehen, dass eine Formation an sich nur ein Knochengerüst ist, das erst durch die Spielweise der Mannschaften zum Leben erwacht, könnte er Recht haben. Während das klassische 4-4-2 trotz einiger Zuckungen im Weltfußball eine immer kleinere Rolle spielt, scheint die Raute gegen die modernen Ausprägungen des 4-5-1 und 4-3-3 noch immer eine Chance zu haben. Der strukturelle Schwachpunkt der Raute liegt bei diesem Duell auf den Außenbahnen, was jedoch leichter zu kompensieren ist, als die 2 gegen 3 Unterzahl im Zentrum beim Duell 4-4-2 gegen 4-5-1/4-3-3. Entscheidend ist das Zusammenspiel der Rautenspieler, das Verschieben auf die Außenpositionen und die Defensivarbeit der beiden Stürmer.

Der FC Barcelona macht gerade vor, wie das aussehen kann: Seit Lionel Messi den Mittelstürmer gibt und sich dabei sehr weit nach hinten fallenlässt, wird aus dem 4-1-2-3 häufig effektiv ein 4-4-2 mit Raute. Für den Gegner ist es sehr schwer, sich auf dieses System einzustellen. Messis Rolle als spielmachender Mittelstürmer macht es schwer ihn zu fassen (wer ist zuständig, Innenverteidiger oder defensives Mittelfeld?), was Räume für die beiden Außenstürmer Villa und Pedro schafft, die in die Mitte ziehen können, was wiederum Räume für die aufrückenden Außenverteidiger schafft. Nun ist Werder nicht Barcelona, aber ich bin sehr gespannt, welchen Weg man in der kommenden Saison einschlagen wird: Weiter mit der Raute oder endgültig den Schritt zum 4-2-3-1 wagen? Von dieser Frage wird die Personalplanung im Sommer maßgeblich abhängen.

Unsere Problemfälle

Eigentlich könnte man derzeit fast den gesamten Kader als Problemfall bezeichnen. Ich habe mir einfach mal ganz willkürlich vier Spieler herausgegriffen und versucht, ihre derzeitige Situation zu beleuchten.

Sandro Wagner

Man kann schon ein wenig Mitleid mit ihm haben. Zwei Tore im Finale der U21-EM, ansprechende Leistungen in der zweiten Liga, dann ein Kreuzbandriss, der Wechsel zu Werder, langsames Herantasten an den Profikader und dann ein ums andere Mal seine Chance nicht genutzt. Zuletzt wurde er nicht einmal in den Spieltagskader berufen, sondern musste mit der U23 in der dritten Liga ran. Kurzum: Es ist eine Saison zum vergessen für Sandro Wagner. Dass Wagners Situation jedoch nicht nur mit einer Mischung aus Pech und schlechtem Timing zu erklären ist, machte Klaus Allofs nun gerade wieder klar. Seine Aussage: Wagner ist selbst Schuld, hat genügend Chancen bekommen.

Die Bilanz des Stürmers ist ernüchternd: Kein Tor, keine Vorlage, kein überzeugendes Spiel gelang ihm bei seinen gar nicht so wenigen Einsätzen. Es wurde mehr als deutlich, dass Wagner Werder momentan nicht helfen kann. Der Glaube daran, dass er es jemals können wird, ist bei den meisten Fans längst verschwunden und auch bei der sportlichen Führung scheint sich diese Haltung nun zu verfestigen. Wenn sich bis Saisonende keine deutliche Verbesserung eingestellt hat, wird es an der Weser wohl keine Zukunft für Wagner geben. Fraglich jedoch, wie Werder den Spieler aus seinem Vertrag bis 2014 herauskomplimentiert. In der ersten Liga dürften sich kaum Vereine finden, die Ablöse und Gehalt für ihn zahlen möchten und zu großen Gehaltseinbußen wird der Spieler wohl auch nicht bereit sein. Es könnte also mal wieder auf ein Leihgeschäft hinauslaufen.

Wagners Verpflichtung war von Anfang an riskant. Trotz der Verletzung kaufte Werder ihn aus seinem Vertrag, der ein halbes Jahr später ausgelaufen wäre, damit er sich schon in Bremen eingewöhnen kann. Zu Saisonbeginn war Wagner fit, konnte jedoch nie überzeugen und musste trotzdem immer wieder als Notnagel im verletzungsgebeutelten Werderangriff ran. Wagner war zur falschen Zeit am falschen Ort und scheint mit der Situation völlig überfordert zu sein. Dass zuletzt auch seine Trainingsleistungen nachließen, ist ein deutliches Zeichen dafür. Die Situation scheint aussichtslos und keine zehn Tage nach Schließung des Transferfensters müssen sich Werders Verantwortliche nun die Frage stellen lassen, warum sie trotz Hugo Almeidas Abgang mit Denny Avdic nur einen Stürmer verpflichtet haben, bei dem ebenfalls noch nicht ersichtlich ist, ob er Werder in dieser Rückrunde weiterhelfen kann.

Marko Marin

Was genau bei Marko Marin falsch gelaufen ist, wird wohl nicht mal er selbst wissen. Vor Saisonbeginn von einigen Werderfans noch als der bessere Özil gefeiert, konnte er den großen Erwartungen an ihn nie gerecht werden. Im Sommer hatte er zunächst mit seiner enttäuschenden WM zu kämpfen und fand sich in den ersten Spielen auf der Bank wieder. Innerhalb weniger Wochen schien er jedoch auf dem Weg zu seiner Normalform, auch wenn er einige Male auf der für ihn nicht prädestinierten 10er-Position ranmusste. Irgendwann im September ging es dann jedoch abwärts mit den Leistungen. Marin fiel in ein Loch, aus dem er sich bis heute nicht befreien konnte.

Es wirkt fast so, als wäre der Spieler in einer Endlosschleife gefangen. Er versucht es immer wieder mit den gleichen Tricks, mit den gleichen Dribblings, doch sie wollen ihm einfach nicht mehr gelingen. Dazu kommt, dass sich sein ohnehin ausbaufähiges Spiel ohne Ball in dieser Saison noch verschlechtert hat. Marin nimmt nur am Spiel teil, wenn er die Kugel am Fuß hat. Anders als etwa Aaron Hunt, der häufig im Ansatz des Richtige tut, es dann aber schlampig ausführt, liegen bei Marin schon die Grundlagen brach. Sein Positionsspiel gleicht einem Jugendspieler und ein Defensivverhalten ist abgesehen von vereinzelten kurzen Sprints nicht existent. Die Laufwege in Werders Angriff sind dieser Tage wenig koordiniert und Marin scheint einen großen Anteil daran zu haben.

Man fragt sich schon so ein bisschen, was Marin die letzten sechs Monate im Training geübt hat. Es muss doch eigentlich möglich sein, einem so talentierten Spieler die Grundlagen des Fußballs beizubringen, so dass er auch bei einer Formkrise zumindest die Basics auf seiner Position abrufen kann. Bislang hat das – aus welchen Gründen auch immer – nicht funktioniert und deshalb ist Marin, wenn ihm seine Dribblings nicht gelingen, für Werder eine Belastung. Für den Spieler selbst ist die Situation ebenfalls eine große Belastung, was man an den krampfhaften Bemühungen erkennen kann, sein Spiel mit aller Macht wieder durchzusetzen. Leider gibt es bei Werder kaum personelle Alternativen und so lässt sich nur hoffen, dass sich bald eine Verbesserung einstellt. Marin muss an den Grundlagen seines Spiels arbeiten, wenn er ein großer Fußballer werden will. Momentan ist er davon meilenweit entfernt.

Torsten Frings

Die letzten Wochen könnten zu den schlimmsten in Torsten Frings Profikarriere gehört haben. Für einen so ehrgeizigen und kämpferischen Spieler ist es schwer zu verdauen, wenn man nach und nach immer mehr an Standing verliert. Im Fußball kann es ganz schnell gehen. Vor einem Jahr gelang ihm noch einmal eine beeindruckende Formsteigerung, mit der er Werder noch zum Sprung auf einen Champions League Platz verhalf. Nun scheint der Akku jedoch endgültig leer zu sein. Frings läuft und kämpft und grätscht und rackert und am Ende sieht trotzdem jeder, dass es einfach nicht mehr reicht. Das Thema Vertragsverlängerung dürfte intern längst vom Tisch sein, doch in der Außendarstellung wird man Frings sicher die Gelegenheit zu einem freiwilligen Rückzug geben.

Als Spieler ist Frings (ähnlich wie bei den Bayern van Bommel) immer sehr abhängig von seiner körperlichen Fitness gewesen. Sein Stellungsspiel war nie ganz optimal, aber das konnte er mit Zweikampfstärke und Einsatzbereitschaft lange Zeit ausgleichen. Dazu war er zu seinen besten Zeiten wie kaum ein anderer Sechser in der Lage, das Offensivspiel seiner Mannschaft anzukurbeln. Heute gibt es Spieler, die all diese Fähigkeiten vereinen und Frings inzwischen auch die körperliche Fitness voraus haben. Man muss Frings daraus keinen Vorwurf machen, diese Entwicklung ist normal und ließ sich seit etwa zwei Jahren bei ihm beobachten. Die Bayern hatten den Mut ihren Kapitän in der Winterpause gehen zu lassen, weil er nicht mehr den Anforderungen des Trainers genügte, doch die Bayern haben auch das Personal, ihn zu ersetzen (auch wenn hier einige Bayernfans bestimmt anderer Meinung sind). Bei Werder gibt es kaum eine Alternative zu Frings, solange Wesley verletzt ist.

Eigentlich müsste Schaaf nun die Reißleine ziehen und Frings auf die Bank setzen, doch zum einen wird er auf seinen verlängerten Arm auf den Platz nur dann verzichten wollen, wenn es (Achtung: Unwort!) alternativlos ist, und zum anderen bliebe ihm dann nur die Option, Clemens Fritz ins Mittelfeld zu stellen und auf Petri Pasanen (siehe unten) oder den in Ungnade gefallenen Dominik Schmidt als Rechtsverteidiger zu setzen. Felix Kroos würde die letzte freie Position in der Raute übernehmen und Werder hätte keine Alternativen mehr auf der Bank, solange Borowski, Jensen und Wesley nicht dabei sind. Bleibt also zu hoffen, dass Frings Energie zumindest noch reicht, um mit Werder am Saisonende nicht abzusteigen und er sich dann von selbst in eine Position im Werdermanagement verabschiedet. Der Abschied darf dann auch gerne so ausfallen, wie es sich bei einem Spieler mit seinen Verdiensten für den Verein gehört!

Petri Pasanen

Auch Petri Pasanen gehört zu der Kategorie “verdienter Spieler”, wenn er auch nie so richtig im Rampenlicht stand. Er war lange Zeit ein wertvoller Backup-Spieler, ein Defensivallrounder, auf den man sich verlassen konnte. Seine Aufgaben erfüllte er solide und wenn er denn mal auf seiner eigentlichen Lieblingsposition in der Innenverteidigung ran durfte, konnte man sehen, dass er dort eigentlich auch das Zeug zum Stammspieler hatte. So vergingen die Jahre, Pasanen kam regelmäßig auf über 20 Einsätze pro Saison und beide Seiten waren miteinander ganz zufrieden. Nun läuft der Vertrag aus und wird aller Voraussicht nach nicht verlängert. Im Sommer ist Pasanen sieben Jahre lang in Bremen, gemeinsam mit Daniel Jensen ist er der dienstälteste Spieler in Werders Reihen.

Zu häufig wurden Pasanen auf den Außenpositionen der Viererkette nun die Grenzen aufgezeigt, als dass sich noch jemand darüber freuen könnte, dass er dank seiner Vielseitigkeit überhaupt die Löcher im Kader einigermaßen stopfen kann. In der Innenverteidigung besteht trotz Naldos Verletzung kaum Bedarf, weil Schaaf lieber auf den jüngeren Prödl setzt. So sind es immer wieder die Positionen links oder rechts der Innenverteidiger, auf denen Pasanen spielen muss. Inzwischen haben immer mehr Mannschaften ihre kreativsten und individuell stärksten Spieler auf den Flügeln aufgestellt und spielen Systeme, bei denen von diesen Spielern mit die meiste Torgefahr ausgeht. Die Robbens und Riberys und Bales dieser Fußballwelt sind mit der Zeit einfach zu viel für ihn geworden. Am Samstag wurde er von der linken Mainzer Angriffsseite vorgeführt und musste zur Halbzeit raus.

Die Ansprüche an einen Notnagel sind nicht die höchsten, doch verlässlich muss er sein. Dem wird Pasanen nicht mehr vollständig gerecht. Ein Problemfall, der in den vergangenen Jahren wohl völlig untergegangen wäre. In dieser Saison kann Werder einen Leistungsabbau bei einem Ergänzungsspieler leider nicht kompensieren.

Tor der Hoffnung

Bundesliga, 18. Spieltag: Werder Bremen – 1899 Hoffenheim 2:1

Der befürchtete Fehlstart blieb aus: In letzter Sekunde sicherte sich Werder Bremen den insgesamt verdienten Sieg im Krisengipfel gegen Hoffenheim. Zumindest kurzfristig darf man als Fan wieder etwas entspannter in die Zukunft blicken.

Kurzer Moment des Glücks

Ich habe mich nur kurz gefreut. Ein kurzer, intensiver Moment des Glücks, nachdem Torsten Frings den Ball in der Nachspielzeit in die Maschen gehämmert hatte. Es war nur ein Tor gegen den Abstieg. Drei Punkte gegen einen erstaunlich harmlosen Gegner, der trotzdem kurz vor Schluss noch Pizarros Führung ausgleichen konnte. Ein Tropfen auf dem heißen Stein im Gesamtbild dieser enttäuschenden Saison.

Doch das Tor hat einen symbolischen Wert. Vielleicht wird ihm dieser Wert in den nächsten Wochen wieder genommen, falls die Mannschaft zurück in ihre Lethargie verfällt. Vielleicht wird er am Ende der Saison als der Wendepunkt angesehen, der Werder zurück in die Erfolgsspur führen sollte. Im Moment steht das Tor einfach nur für die Hoffnung. Die Hoffnung von uns allen, dass dieses Team noch lebt, atmet und um seine Daseinsberechtigung kämpft. Die Hoffnung, dass die schlimmen Befürchtungen bezüglich des Zustands der Mannschaft sich doch nicht bewahrheiten. Wenn selbst dieses bereits abgeschriebene, von inneren Zerwürfnissen aufgezehrte Werder, in diesem zum erneuten Ärgernis zu werden drohenden Spiel, in den letzten Sekunden mit einem Tor des Willens noch den Sieg holen kann, dann gibt es wohl nichts auf das es sich nicht zu hoffen lohnt.

Kompaktheit und Stabilität als Überraschungselement

Es war kein sonderlich gutes Spiel von Werder, bei weitem kein Fußballfest. Der Ball lief einigermaßen flüssig durch die eigenen Reihen, doch gerade im Angriffsdrittel fehlte noch die Feinjustierung. Hier und da taten sich auch die Lücken zwischen Abwehr und Mittelfeld auf, die Werder schon seit längerem das Leben schwermachen. Doch insgesamt spielte die Mannschaft sehr konzentriert, kompakt und mutig gegen einen Gegner, der nur selten Räume in der eigenen Defensive offenbarte.

Niemand stach so richtig aus der Mannschaft hervor, aber es fiel auch keiner deutlich ab. Die Teamperformance stimmte also. Der kollektive Torjubel am Ende sollte wohl auch ein Statement nach außen sein, dass hier doch kein zerstrittener Haufen unterwegs ist und dass es ein gemeinsames Ziel gibt. Diesem schienen sich zumindest am Samstag alle unterzuordnen. Werders Stabilität überraschte Gegner und Fans. Man ist diese Kompaktheit und Disziplin aus den letzten Monaten nicht mehr gewohnt.

Kroos und Silvestre überzeugen

Auch taktisch zeigte sich Werder verändert. Thomas Schaaf griff wieder auf die Raute im Mittelfeld und zwei echte Stürmer zurück. Mit Pizarro und Arnautovic im Sturmzentrum kann Werder sehr variabel spielen, auch wenn es bei der Abstimmung zwischen den beiden noch Optimierungsbedarf gibt. Mit Frings als alleinigem Sechser muss Werder zudem aufpassen, keine zu großen Räume vor der Abwehr entstehen zu lassen. Der Kapitän täte gut daran, seine Vorstöße weitgehend einzuschränken und wenn dann nur im Wechselspiel mit Bargfrede mit nach vorne zu gehen. Die Hoffnung auf ein längerfristiges Comeback der Raute wurde jedoch hauptsächlich durch Felix Kroos befeuert. In Borowski und Jensen sind die nahe liegenden Optionen für die Halbpositionen (wieder einmal) verletzt. Kroos lieferte eine unspektakuläre Leistung ab, doch sein Passspiel überzeugte. In manchen Situationen darf er gerne die Bälle noch schneller verarbeiten und das Spiel schneller machen. Mit seinen technischen Fähigkeiten und seinem Spielverständnis könnte er schon bald zum Nachfolger von Tim Borowski werden.

In der Viererkette waren viele von Mikael Silvestres grundsolider Leistung überrascht. Ich kann nicht sagen, dass ich den Auftritt genau so erwartet habe, aber gänzlich unerwartet kam er nicht. Es ist deutlich zu sehen, dass er körperlich auf einem viel besseren Level ist als zu Beginn der Saison. Das konnte man auch schon gegen Ende der Hinrunde (vor seiner Verletzung) beobachten, doch damals war er schon so verunsichert, dass er weiterhin Fehler am laufenden Band produzierte. Sein letzter Auftritt gegen Frankfurt war hingegen schon ähnlich souverän wie am Samstag. Wenn er weiter in dieser Verfassung spielt, ist er zumindest kurzfristig ein Gewinn für Werder.

Und nun?

Unter anderen Voraussetzungen könnte man nun schon wieder etwas mutiger nach vorne schauen. Der Rückstand auf die internationalen Plätze ist nicht so groß, dass man die Saison nach 40 Punkten schon abhaken müsste. Wenn die Bayern bei (ehemals) 13 Punkten Rückstand auf Dortmund eine Kampfansage abgeben, warum dann nicht auch Werder bei 11 Punkten Rückstand auf Mainz? Weil wir noch weit davon entfernt sind, die Kurve schon gekriegt zu haben. Wir biegen gerade erst ein.

Werder hat in der letzten Saison mit einem Kraftakt in kürzerer Zeit einen größeren Rückstand aufgeholt. Wenn die Mannschaft erst einmal Blut geleckt hat, wer weiß wozu sie dann noch fähig ist? Ein Tor der Hoffnung. Die Realität heißt: Platz 12 und 6 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz.

Never Dreamed You’d Leave in Summer

Bundesliga, 17. Spieltag: Werder Bremen – 1. FC Kaiserslautern 1:2

Nachdem mich die letzten Wochen einigermaßen zuversichtlich stimmten, dass sich Werder auf einem guten Weg aus der Krise befände, hat die Mannschaft diese Zuversicht mit einem erneuten Offenbarungseid zum Ende der Hinrunde weggewischt. Nach der verdienten Heimniederlage gegen den Aufsteiger aus Kaiserslautern bleiben eine Menge offene Fragen, die es in der Rückrunde zu beantworten gilt.

Anhaltende Konzentrationsmängel

Es ist die ewig gleiche Mischung aus defensiver Fragilität und offensiver Einfallslosigkeit, die Werder in dieser Saison vor Probleme stellt. Es fehlt an Struktur im Spielaufbau, an Automatismen in der offensiven Mittelfeldreihe, an gefährlichen Standardsituationen. Dazu kommen die anhaltenden Personalprobleme, mit immer neuen Ausfällen, die zu ständig wechselnden Startformationen führen. Kaiserslautern hat im Weserstadion gut gespielt, immer wieder gefährlich gekontert und Werder im zentralen Mittelfeld weitgehend kontrolliert. Es wurde ihnen von Werder allerdings auch einfach gemacht.

Das Gegentor in der ersten Minute war ein weiteres Exemplar Bremer Konzentrationsschwäche, die bei Torsten Frings anfing, sich über Petri Pasanen fortsetzte und in Per Mertesacker kulminierte. Leider ist unser Abwehrturm nicht nur körperlich manchmal zu unflexibel. Als er Lakics Laufweg erkannte und darauf reagierte, war schon alles zu spät. Über weite Strecken der 1. Halbzeit fand Werder überhaupt nicht ins Spiel, was nicht allein durch Verunsicherung wegen des frühen Rückstands zu erklären ist. Weder Marin noch Hunt konnten für Impulse sorgen und das zuletzt gefestigte defensive Mittelfeld wies dieselben strukturellen Mängel auf, die schon über weite Strecken der Hinrunde Werder das Leben schwer gemacht haben.

Ausgelutscht?

Auch nach dem frühen Wechsel und der Systemumstellung tat sich Werder weiterhin schwer. Zwar gab es nach dem Ausgleich durch Hunt einige starke Minuten, in denen (meist durch Einzelaktionen) Torgefahr entstand, doch das war – wie sich schon kurz nach Wiederanpfiff zeigte – bloß ein Strohfeuer. Der erneute Rückstand war sinnbildlich für Torsten Frings Hinrunde. Zunächst traf er die falsche Entscheidung, als er statt des einfachen Balls eine Pirouette drehte, mit der er sich in eine gefährliche Situation brachte. Dann kam noch Pech dazu, weil er auf dem glatten Boden den Halt und damit auch den Ball verlor. Natürlich ist es nicht Frings Schuld, dass Sekundenbruchteile später auch noch Fritz ausrutschte, aber ein Spieler mit seiner Erfahrung sollte solche kritischen Situationen von vornherein verhindern. Alle großen Defensivspieler, die bis ins hohe Alter ihre Klasse halten konnten, verstanden sich hervorragend darin, gefährliche Situationen zu antizipieren und zu verhindern, bevor ihnen ein junger Gegenspieler ihre nachlassende Schnelligkeit um die Ohren hauen konnte. Genau dies scheint Frings nicht zu gelingen und deshalb hoffe ich sehr für ihn, dass er die Zeichen der Zeit erkennt und seine Karriere im Sommer beendet.

Ich möchte kein Frings-Bashing betreiben, denn er hat sehr viel für unseren Verein geleistet, aber es reicht einfach nicht mehr, um bei einem Verein mit Werders Ansprüchen eine Führungsrolle auszuführen. Leider. Noch reicht es aber dazu, sich in Würde zu verabschieden und vielleicht dem Verein in einer anderen Rolle weiterzuhelfen. In der letzten Rückrunde war Frings noch unsere Lebensversicherung in der Schlussphase vieler Spiele, in denen er als Antreiber und kühler Vollstrecker überzeugte. Am Samstag wurde er nicht zum ersten Mal in dieser Phase ausgewechselt. Sein Gesichtsausdruck beim Verlassen des Spielfelds war die bildliche Untermalung der Schlagzeilen, für die er unter der Woche gesorgt hatte. Für ihn kam Said Husejinovic in die Partie – nicht unbedingt ein Hoffnungsträger.

Doppelnull statt Doppelsechs

Der Wechsel war ein weiterer Ausdruck der Verzweiflung unseres Trainers. Nachdem die Umstellung in der ersten Halbzeit noch für eine gewisse Belebung gesorgt hatte, brachten die beiden Wechsel in der zweiten Halbzeit kaum einen Effekt. Mit Bargfrede und Frings nahm Schaaf beide Sechser vom Feld und brachte zwei weitere Offensivspieler. Man kann darüber diskutieren, ob es bei Werders Harakiri-Stil überhaupt noch einen Unterschied macht, ob die Positionen vor der Abwehr nominell besetzt sind oder nicht. Wenn beide Sechser so weit aufrücken, dass Abstände jenseits von Gut und Böse zwischen Viererkette und Mittelfeld entstehen, kann man auch gleich die Zone vor dem Strafraum mit dribbelstarken Kreativspielern bevölkern. Dumm nur, wenn den Innenverteidigern die kurzen Anspielstationen im Aufbau fehlen und mit Wagner und Arnautovic nur eineinhalb Spieler mit langen, hohen Bällen anspielbar sind. Ein stärkerer Gegner hätte Werder mit drei, vier präzisen Kontern eine richtige Abreibung verpasst.

Das Brechen und Würgen hätte für Werder in der Tat noch mit einem Punkt belohnt werden können, wenn Wagner den Kopfball aus kurzer Distanz am Torwart vorbei bekommen hätte. Einzelaktionen, die mit einem Anspiel auf Wagner endeten, waren an diesem Tag Werders einzige Waffe. Leider bleibt Wagner noch immer den Beweis schuldig, dass er ein guter Bundesligastürmer sein kann. Die Kritik an ihm finde ich insgesamt zu hart (immerhin ist er auf Bundesliganiveau ein Neuling und für Werder eigentlich Stürmer Nummer 4), aber außer ein paar guten Ansätzen ist noch keine Entwicklung erkennbar. Wagner kann als Stürmer eigentlich alles – irgendwie – aber nichts davon so gut, dass es ihn zu einer Bereicherung für unser Spiel machen würde.

Saisonziel: 40 Punkte

Noch vor dem Spiel sprach Klaus Allofs vom Anschluss an Platz 5. Angesichts der vielen Überraschungsmannschaften in der oberen Tabellenhälfte ist dieses Ziel nicht völlig unrealistisch. Die letzte Saison hat gezeigt, wie schnell man in dieser ausgeglichenen Liga einen Rückstand aufholen kann. Trotzdem halte ich es für ein falsches Signal, weil es die vorhandenen Probleme überspielt und suggeriert, wir wären schon wieder auf dem Weg nach oben. Es ist nicht das erste Mal, dass Allofs mit solchen Ansagen auffällt und ich würde mir wirklich wünschen, dass er sich mit damit in Zukunft etwas zurückhält. Mit 19 Punkten aus der Hinrunde heißt das erste und einzige Ziel, den Klassenerhalt zu sichern. Wenn die 40 Punkte früh erreicht werden sollten, kann man sich immer noch nach oben orientieren. Zum jetzigen Zeitpunkt wirkt es bestenfalls verzweifelt und im schlechtesten Fall wie einsetzender Realitätsverlust. Also Herr Allofs, bitte in der Winterpause etwas zurückhalten mit den Kampfansagen!

Für Thomas Schaaf geht es in der Rückrunde indes um mehr als nur den Klassenerhalt. Er muss beweisen, dass es sich bei ihm in der Hinrunde nur um eine Formkrise handelte, und er die Mannschaft wieder zurück zu alter spielerischen Klasse führen kann. Er muss beweisen, dass er noch immer talentiertes Personal weiterentwickeln und zu Spielern internationaler Klasse formen kann. Und er muss beweisen, dass er seiner Mannschaft ein geeignetes Post-Rauten-System verpassen kann.

Diese schlechte Hinrunde würden wir alle gerne vergessen. Ich erwarte von jedem einzelnen Werderaner, dass er alles dafür gibt, dass wir das schon bald guten Gewissens tun können.

Maurermeister Schaaf?

Bundesliga, 15. Spieltag: VfL Wolfsburg – Werder Bremen 0:0

Ein 0:0 auswärts in der Bundesliga ist für Werder in dieser Hinrunde ein gutes Ergebnis, egal gegen welchen Gegner. Man hat es schon zu sehr akzeptiert, als dass man sich über diese Tatsache noch richtig ärgern müsste. Gegen Wolfsburg war mehr als ein Punkt drin, weil Werder einen weiteren Schritt zu mehr defensiver Stabilität tat und trotzdem mehrere richtig gute Torchancen hatte. Allerdings hatte dieses Spiel eigentlich keinen Sieger – und wenn man ehrlich ist auch keine Tore – verdient.

Wolfsburg spielte über weite Strecken erschreckend schwach. Ein spielerisches Konzept konnte ich bei Steve McClarens Truppe nicht erkennen, vielmehr hieß die einzige Waffe im Offensivspiel Diego. Edin Dzekos Leistung war eine absolute Frechheit und die Wolfsburger scheinen gut darin beraten, den Ausnahmestürmer in der Winterpause für eine fürstliche Ablöse nach Madrid gehen zu lassen (falls ihm Hugo Almeida schwimmender Weise nicht zuvor kommt, har har). Wolfsburg war in den ersten 20-30 Minuten gefährlich, weil Diego gefährlich war. Danach kam nur noch sehr wenig. Das Spiel zeigte ganz gut, warum es für Werder in dieser Saison Gift wäre, Diego in der Mannschaft zu haben – auch wenn mir hierbei viele Fans widersprechen werden. Diego könnte mit seiner individuellen Klasse einige unserer strukturellen Defizite überdecken (wie auch schon zum Teil 2008/09), doch genau das wäre das Problem. Die Abhängigkeit von seinen genialen Ideen ist nichts, worum man Wolfsburg beneiden müsste. Unsere strukturellen Probleme (Spieleröffnung, Raumaufteilung) liegen momentan offener denn je und inzwischen habe ich auch das Gefühl, dass an ihnen gearbeitet wird. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit einem Diego, der als Alibi für andere Spieler fungieren kann, auch so wäre.

Politik der kleinen Schritte

Wenn das Spiel gegen St. Pauli ein kleiner Schritt nach vorne war, kann man das Wolfsburgspiel zumindest als einen Schritt zur Seite betrachten. Und da sich momentan alles, was kein weiterer Rückschritt ist, wie ein Fortschritt anfühlt, darf das Team aus diesem Spiel auch gerne etwas Selbstvertrauen schöpfen, bevor es gegen Inter und Dortmund wieder erschüttert zu werden droht. Es gibt in diesem Jahr noch ein wichtiges Spiel und das findet am 17. Spieltag gegen Kaiserslautern statt. Heute in der Champions League geht es wie schon in London darum, das Gesicht zu wahren. Gegen Dortmund befürchte ich kein Debakel, denn dafür werden sie uns für zu leicht befinden und ihre Kräfte für die Europa League schonen. Dortmund hat übrigens 7 Punkte mehr auf dem Konto als Werder zum selben Zeitpunkt in der Doublesaison. An dieses Spiel sollte man als Fan völlig erwartungslos herangehen.

Spielerisch geht es bei Werder noch nicht wirklich vorwärts, doch das kann man in dieser Hinrunde auch nicht mehr verlangen. Die personelle Situation, die kurzen Pausen zwischen den Spielen, die zwischenzeitliche Unruhe in Mannschaft und Umfeld – da kann man sich eigentlich nur die Wunden lecken und nach der Winterpause einen Neustart versuchen. Bei aller berechtigten Kritik darf man eben auch nicht vergessen, dass da teils Spieler auf dem Platz stehen, die eigentlich nur vierte oder fünfte Wahl auf ihrer Position sind. Wie würde sich ein Sandro Wagner wohl präsentieren, wenn er bei Dortmund in der 75. Minute eingewechselt werden würde, statt bei Werder den Lückenbüßer für unsere Ausfälle im Sturm zu geben? Die Übergänge vom vielversprechenden Sturmtalent zum scheinbaren Nichtskönner sind fließend, gerade für neue Spieler.

Der dritte Mann im Zentrum

Schon allein deshalb ziehe ich meinen Hut vor Dominik Schmidt. Dank seinen soliden Leistungen als Außenverteidiger (nicht mehr und nicht weniger sind sie) haben wir Clemens Fritzs Fähigkeiten als Sechser kennengelernt. Wenn die Aufstellung vor dem Spiel (Fritz als 6er, Bargfrede als offensiver rechter Mittelfeldspieler) noch überraschte, ergab die letztliche Aufteilung auf dem Spielfeld doch mehr Sinn. Werder spielte mit drei zentralen Mittelfeldspielern, um Wolfsburgs Raute im Schach zu halten und hatte in Hunt, Marin und Arnautovic drei variable Spieler in der Offensive, die ihre Sache ordentlich machten. Ein Problem ist in dieser Zusammensetzung die fehlende Präsenz in der Sturmspitze. Arnautovic spielt raumgreifend, weicht auf die Flügel aus und bräuchte dann eine Anspielstation im Strafraum. Da Hunt und Marin dafür kaum in Frage kommen, war es einige Male Bargfrede, der an der Strafraumgrenze angespielt wurde (bin ich der Einzige, der sich für diese Situationen einen fitten Tim Borowski gewünscht hätte?). Aus einer solchen Situation entstand schließlich auch der Elfmeter für Werder.

Leider verschoss Frings zum zweiten Mal in Folge, was für Sky Grund genug war, die Interviews nach dem Spiel auf diese Tatsache auszurichten. Wer aus diesen beiden Fehlschüssen eine Tendenz herauslesen möchte – bitteschön. Ich glaube eher, dass die 20er Serie ein statistischer Zufall war, denn obwohl Frings insgesamt gute Elfmeter schießt, war da auch der eine oder andere schwache Schuss dabei, der mit Glück trotzdem ins Tor ging. Dass das nicht immer klappen kann, ist eigentlich klar. Wollen wir hoffen, dass der Lutscher das mental wegsteckt und keine Serie daraus wird, denn seine Reaktion hinterher wirkte schon ein wenig dünnhäutig.

Übergangsjacke oder Wintermantel?

Hätten Arnautovic oder Hunt ihre Großchancen kurz vor Schluss genutzt, wäre das Fazit noch etwas positiver ausgefallen. So bleibt ein weiteres Zu-Null-Spiel, auf das man sich nicht viel einbilden darf, aber das der geschundenen Verteidigerseele sicherlich gut tut. Wenn Per Mertesacker jetzt noch seinen obligatorischen Katastrophenpass in den Fuß eines Gegenspielers aus dem Repertoire streicht, sieht das doch schon wieder nach einem Nationalspieler aus. Ansonsten fragt man sich natürlich, welche Elemente aus Werders Spiel Zukunft haben. Ist Schmidt mehr als nur eine Übergangslösung? Damit verbunden: Sehen wir Fritz noch häufiger im defensiven Mittelfeld? Ist die Lösung mit dem dritten zentralen Mittelfeldspieler ein Fortschritt oder ein Rückschritt? Können nicht gerade Marin und Hunt mit ihrer Spielweise davon profitieren? Und was platzt bei Arnautovic zuerst? Der Knoten oder der Kragen? Man hat bei ihm ja so den Eindruck, dass er noch gut auf 12-15 Saisontore kommen könnte, wenn er denn mal einen Lauf bekommt. Warum nicht gleich heute gegen Inter?

Tatort: Weserstadion

Champions League, Gruppe A, 4. Spieltag: Werder Bremen – FC Twente 0:2

Zweimal die Griechen, jetzt die Holländer. Bei den letzten drei Teilnahmen hat Werder das Achtelfinale jeweils im eigenen Stadion verpasst. Dem 1:3 gegen Olympiakos (2007) und dem 0:3 gegen Panathinaikos (2008)  folgte nun also ein 0:2 gegen Twente. Eine bittere Niederlage in einem packenden, chancenreichen, aber nicht hochklassigen Spiel, in dem Werder wieder einmal mit Chancenverwertung und Abwehrverhalten hadern muss.

Thomas Schaaf überraschte mit einer sehr ungewöhnlichen Aufstellung in der Defensive. Nachdem Silvestre beim Publikum nicht mehr untragbar wurde, stellte Schaaf die Viererkette komplett um. Allrounder Wesley wechselte von der rechten auf die linke Seite, Innenverteidiger Prödl gab den Rechtsverteidiger und Kapitän Frings rückte in die Innenverteidigung. Daniel Jensen kam dafür neu in die Mannschaft und spielte als einziger Sechser vor der Abwehr. Ansonsten gab es personell nur eine Umstellung im Vergleich zum Nürnberg-Spiel: Hunt spielte für Arnautovic. Was sich ebenfalls änderte, war die taktische Ausrichtung. Thomas Schaaf reaktivierte die Raute, in der Marin hinter den Spitzen spielte und Hunt / Bargfrede die Halbpositionen besetzte. Auch Twente hatte (teils aufgrund von Verletzungen) auf mehreren Positionen umgestellt, am auffälligsten im 3er-Mittelfeld. Neben Landzaat spielte Bengtsson und leicht davor versetzt de Jong.

Werder spielte von Beginn an engagiert nach vorne und versuchte, die Niederländer durch die Überzahl im Mittelfeld unter Druck zu setzen. Wesley und nach einiger Zeit auch Prödl gingen häufig mit nach vorne und sorgten für einige Flanken (Prödl) und Torschüsse (Wesley). Insgesamt stimmte jedoch die Abstimmung in den einzelnen Mannschaftsteilen nicht. Marin hielt seine Position im Zentrum zwar besser als in seinen letzten Spielen auf der Position, konnte aber nur selten gefährliche Situationen einleiten, weil er noch immer den Ball zu lange hält, statt das Spiel schnell zu machen. Hunt zog es häufig in die Mitte, doch die flüssigen Wechselspiele im Mittelfeld waren auch für die eigene Mannschaft ein Risiko. Obwohl Jensen vor der Abwehr ein gutes Spiel machte, kam Twente immer wieder in hohem Tempo auf die Innenverteidiger zu. Mit ein, zwei vertikalen Pässen ließ sich Werder komplett überspielen und bei besserer Chancenverwertung hätte Twente schon zur Halbzeit den einen oder anderen Konter nutzen können. Neben dem eigenen Unvermögen der Stürmer war es auch der (wieder einmal) bärenstarke Mielitz, der für Werder hinten die Null festhielt.

Auf der anderen Seite hatte auch Werder genügend Chancen, um das Spiel in die richtige Richtung zu lenken. Die größte davon vergaben kurz vor der Pause Pizarro, der mit seinem Schuss den Pfosten traf, und Almeida, der den Abpraller aus fünf Metern nicht verwerten konnte, weil er den Ball nicht unter Kontrolle bekam. Zur Pause war das Unentschieden für beide Mannschaften durchaus verdient, wobei das 0:0 als Ergebnis angesichts des Spielverlaufs etwas absurd erschien. Nach dem Wechsel ging es in hohem Tempo weiter und beide Teams taten viel dafür, die Eindrücke aus der ersten Hälfte zu bestätigen. In Person von Hugo Almeida vergab Werder auch die größten Chancen und brachte die Fans zum Verzweifeln. Erst köpfte der Portugiese nach dem einzigen gefährlichen Freistoß des Abends aus fünf Metern in die Arme des Twente-Keepers, dann vergab er eine Eins-gegen-Eins-Situation, in der er versuchte, den Schlussmann zu umspielen und dann den Ball nicht ins Tor schieben konnte. Auf der anderen Seite lenkte Mielitz einen Schuss des frei vor ihm auftauchenden Chadli gerade noch an den Pfosten.

Langsam machte sich Resignation breit bei Werder. Schaaf brachte Arnautovic für Bargfrede und somit noch mehr Offensivpower, doch Werders Aktionen wirkten zunehmend verzweifelt. Eine Viertelstunde vor Schluss kam Twente ein weiteres Mal mit einem Konter vors Bremer Tor und Frings musste sich als letzter Mann mit einem Foul kurz vor dem Strafraum behelfen. Die folgende rote Karte war für Werder zuviel an diesem Abend und Twente setzte in der Schlussphase den Todesstoß. Erst verpasste Wisgerhof auf freundliche Einladung von Jensen beim Freistoß nach Frings Herausstellung völlig frei aus 10 Metern die Führung. Doch dann fiel das Tor, wie es in diesem Spiel wohl nur fallen konnte: Ein Schuss von Chadli wurde von Jensen abgefälscht und trudelte vorbei an Mielitz ins Tor. Werder fand nicht mehr zurück ins Spiel und musste kurze Zeit später durch einen Kopfball von de Jong noch das 0:2 hinnehmen.

Warum hat Werder dieses Spiel verloren?

Grund 1: Chancenverwertung. In einem solch offenen Spiel muss man seine Chancen besser nutzen, als es Werder tat. Schon gegen die Bayern und gegen Nürnberg konnte man selbst beste Torgelegenheiten nicht nutzen. Gegen Twente erfuhr dies noch einmal eine Steigerung. Die beiden Torhüter waren herausragend, Mielitz gehört für mich jetzt schon zu den besten Werderspielern dieser Saison. Schaut man sich die Torschüsse an, sieht man jedoch einen Unterschied zwischen den beiden Mannschaften*:

Torschüsse Werder Bremen

Werder Bremen: 22 Schüsse, 9 davon aufs Tor

Werder bekam kaum Schüsse innerhalb des Strafraums auf Twentes Tor. Die platzierten Schüsse kamen fast alle von außerhalb. Ausnahme: Die Kopfballchance von Almeida in die Arme des Torhüters. Vor dem Tor versagten Werder die Nerven.

Torschüsse FC Twente

FC Twente: 16 Schüsse, 7 davon aufs Tor

Twente war im Strafraum gefährlicher, zwang Mielitz zu mehr Paraden aus kurzer Distanz. Dem Torwart ist es zu verdanken, dass die Führung erst durch einen abgefälschten Schuss aus der Distanz zustande kam.

Grund 2: Starker Gegner. Twente ist international sicher nicht die ganz große Hausnummer, doch es gibt einen Grund dafür, dass das Team erst eine Pflichtspielniederlage in dieser Saison einstecken musste – und Werder derer schon acht. Die Mannschaft versteht sich blendend aufs Kontern. Im Gegensatz zum (enttäuschenden) Hinspiel zeigten sich die Holländer stark verbessert und hätten auch schon vor Frings Platzverweis das eine oder andere Tor machen können, wenn sie ihre Konter konsequenter zu Ende gespielt hätten. Der Unterschied zwischen dem Twente aus dem Hin- und aus dem Rückspiel wird am deutlichsten, wenn man sich die “Player Influence”, also den Einfluss der einzelnen Spieler auf das Spiel, anschaut:

Twente Spielereinfluss Hinspiel

FC Twente: Player Influence, Hinspiel

Im Hinspiel waren Spieler der Viererkette die einflussreichsten Spieler bei Twente (ohne Wisgerhofs Verletzung wäre vermutlich auch der rechte Innenverteidiger darunter). Es wurde auf Höhe der Mittellinie viel quer gespielt und kaum ein vernünftiger Angriff aufgebaut.

Twente Spielereinfluss Rückspiel

FC Twente: Player Influence, Rückspiel

Im Rückspiel war Ruiz die überragende Figur in Twentes Spiel. Nach Ballgewinn wurde schnell und vertikal nach vorne gespielt (daher die “kleinen” Innenverteidiger) und Werders Mittelfeld schnell überbrückt. Damit kam Werder über die vollen 90 Minuten nicht klar.

Grund 3: Torsten Frings. Man kann ihm gar nicht viel vorwerfen, dass er kein guter Innenverteidiger ist. Er begann seine Karriere als Stürmer, spielte dann im rechten Mittelfeld und als Rechtsverteidiger, bevor er zum zentralen Mittelfeldspieler umgeschult wurde. Frings ist nicht mehr der Schnellste, verfügt für einen Sechser auch nicht über ein außergewöhnlich gutes Stellungsspiel und ist dazu auch nicht wirklich groß oder kopfballstark. Als Innenverteidiger war er völlig überfordert, ließ sich häufig schon hoch an der Mittellinie überspielen und bekam Ruiz, der immer wieder von rechts in die Mitte zog, zu keiner Zeit in den Griff. Exemplarisch für seine Probleme hier alle seine Tacklings:

Torsten Frings Tackles

Torsten Frings Tacklings: 1 erfolgreich, 4 unerfolgreich

Am Ende opferte sich Frings mit der roten Karte, nachdem ihn Schaaf schon vor dem Spiel geopfert hatte. Wenn dies die Alternative zu Silvestre ist, sollte man ihn wohl trotz Pfeifkonzert wieder spielen lassen.

Werder ist innerhalb einer Woche aus DFB-Pokal und Europapokal (wenn auch nicht rechnerisch) ausgeschieden und verpasste es, in der Bundesliga in die Spitzengruppe vorzustoßen. Noch dazu in drei Spielen, die man bei besserer Chancenverwertung wohl allesamt gewonnen hätte. Das muss erstmal verdaut werden, von Mannschaft und Fans.

* Alle Grafiken: Total Football

Finalfieber: Die Schlüsselduelle

Nachdem der Fokus gestern auf den möglichen taktischen Formationen lag, schauen wir uns heute die direkten Duelle der Partie an. Es gibt für mich drei Schlüsselduelle, die im wesentlichen den Ausgang dieses Spiels beeinflussen werden:

Petri Pasanen vs. Arjen Robben

Die rechte Seite mit Lahm und Robben ist das Prunkstück der Bayern. Robben ist seit seiner Ankunft zu Saisonbeginn der Star bei den Bayern. Nach ein paar gesundheitlichen Problemen ist er der Mann für die entscheidenden Spielsituationen und hat mit einem grandiosen Solo für den Finaleinzug gegen Schalke gesorgt. Mit 16 Saisontoren war er als nominell rechter Mittelfeldspieler genau so erfolgreich, wie Werders Claudio Pizarro. Robbens Torgefahr geht von seinem starken linken Fuß aus. Er zieht von der Außenbahn nach innen, verwendet dabei fast immer den gleichen Trick, der erstaunlicherweise jedes Mal wieder funktioniert. Beim Torabschluss hat er aus dieser Position alle Möglichkeiten und die nötige Schusstechnik, diese auch auszuschöpfen.

Petri Pasanen ist ein erfahrener, routinierter und abgeklärter Spieler. Er hat es in seinen fünf Jahren bei Werder nicht längerfristig zum Stammspieler geschafft, kommt aufgrund seiner vielseitigen Einsetzbarkeit und Verlässlichkeit jedoch regelmäßig zu seinen Einsätzen. In der Rückrunde kam er nach Boenischs Verletzung und Abdennours Wacklern in die Startformation und spielt seit dem einen soliden Part auf der linken Seite der Viererkette. Pasanen ist kein gelernter linker Verteidiger, ist im Spiel nach vorne limitiert und hat als Rechtsfuß auch wenige Optionen beim flanken. Er ist nicht der schnellste, geht auch deshalb wenige Risiken nach vorne ein und verfügt über ein starkes Stellungsspiel.

Auf dem Papier ist Arjen Robben durch seine Technik und Schnelligkeit in diesem Duell klar überlegen. Pasanen hat jedoch einen wichtigen Vorteil: Als Rechtsfuß fällt es ihm leichter, Robben an seinen Sololäufen in die Mitte zu hindern. Er lässt sich nicht auf Spielereien ein und beschränkt sich auf das Wesentliche. Sicherlich wird Pasanen die von Robben ausgehende Gefahr nicht komplett neutralisieren können, doch wenn er einen guten Tag hat, kann er sie vielleicht so weit eindämmen, dass Robben wesentlich weniger Chancen bekommt, als im letzten Aufeinandertreffen der Mannschaften, wo Robben dem überforderten Abdennour Knoten in die Beine dribbelte.

Torsten Frings vs. Thomas Müller

Thomas Müller ist der Shooting-Star der Saison beim Rekordmeister. Er zeigt für einen so jungen Spieler eine ungewöhnliche Abgeklärtheit und nutzt den Platz zwischen Viererkette und Mittelfeld des Gegners clever aus. Er ist weder ein richtiger Stürmer, noch ein Mittelfeldspieler und so für seine Gegenspieler schwer auszurechnen. Im Gegensatz zu Werders jungen Offensivspielern bewegt sich Müller auch bei Ballbesitz des Gegners sehr gut, stellt Passwege zu und setzt die defensiven Mittelfeldspieler unter Druck. Dazu ist er ein guter Vollstrecker, der vor dem Tor die Übersicht behält. Diese außergewöhnliche Kombination hat ihn nicht nur bei den Bayern trotz starker Konkurrenz zum unumstrittenen Stammspieler gemacht, sondern auch zu einem Platz im WM-Kader von Joachim Löw verholfen.

Torsten Frings wurde von vielen schon zum alten Eisen gezählt. Nach einer insgesamt schwachen Vorsaison bekam der Bremer Kapitän seine neue Rolle als Baumann-Nachfolger immer besser in den Griff. Im Winter sortierte ihn Löw endgültig aus dem Kreis der Nationalmannschaft aus und Frings reagierte endlich mit der lange erhofften Leistungssteigerung. In der Schlussphase der Saison erreichte Frings seine Topform und zählt so wieder zu den besten defensiven Mittelfeldspielern der Liga. Mit dem starken Newcomer Bargfrede an seiner Seite prägt er den Spielaufbau seiner Mannschaft und hat auch zum sicheren und überlegten Passspiel zurückgefunden. Daneben machen ihn seine Zweikampfstärke und sein nie enden wollender Kampfgeist für das Team äußerst wertvoll.

In der Grundformation treffen Frings und Müller nicht unmittelbar aufeinander. Zwar wird Frings sicher den einen oder anderen Zweikampf mit Müller suchen, wenn dieser sich zurückfallen lässt, doch in erster Linie werden sie es wohl bei Ballbesitz des Bremer Kapitäns miteinander zu tun bekommen. Frings größte Schwäche ist das schnelle Kombinationsspiel. Er nimmt die Bälle, die von den Innenverteidigern zu ihm geleitet werden, in der Regel erst an, schaut sich um und leitet sie erst dann weiter. Wird er sofort unter Druck gesetzt, geht er schon mal ins Dribbling oder versucht, einen Freistoß herauszuholen. Darunter leidet dann Werders Aufbauspiel. Thomas Müller hat genau hier seine Stärke. Frings ist daher auf seinen Nebenmann Phillipp Bargfrede angewiesen, der ihn entlasten und so die Gefahr durch Müllers frühes Stören abmildern kann.

Mesut Özil vs. Mark Van Bommel

Mark Van Bommel gilt bei den gegnerischen Fans vor allem als unfairer Spieler, der gerne mal über die Strenge schlägt. Es lässt sich schwer abstreiten, dass seine Spielweise hart ist und die Grenzen des Fair Plays mitunter überschreitet. Dazu ist er auch sehr geschickt darin, gegnerischen Spielern zu Karten zu “verhelfen”. Es wäre jedoch sehr kurz gedacht, ihn auf diese Eigenschaften zu beschränken. Ähnlich wie Frings bei Werder ist Van Bommel ein unermüdlicher Antreiber, der nie aufgibt und seiner Mannschaft als gutes Vorbild voran geht. Mit Schweinsteiger hat er nun wieder einen spielstarken Nebenmann, der seine Mankos in der Offensive überdeckt. In Van Gaals System muss er das Spiel nicht gestalten, sondern die Bälle in erster Linie auf die Außenpositionen verteilen. In der Defensive kommen seine Stärken dagegen voll zum Vorschein. Als Ausputzer vor der Viererkette spielt er seine vielleicht beste Saison bei den Bayern und macht seinen Gegenspielern das Leben schwer.

Mesut Özil trat in der Hinrunde endgültig aus Diegos Schatten. Gemeinsam mit Marin und Hunt machte er den brasilianischen Spielmacher vergessen. Seine brillante Technik und die Fähigkeit, den entscheidenden Pass in die Spitze zu spielen, machten ihn auch zum Hoffnungsträger der Nationalmannschaft. Dazu zeigte er sich auch im Torabschluss verbessert und traf regelmäßig selbst. Im Winter folgte dann jedoch ein Leistungseinbruch, der wahlweise auf sein Privatleben, die andauernden Vertragsverhandlungen oder seine körperliche Fitness geschoben wurde. Thomas Schaaf hielt jedoch an seinem Spiegestalter fest, gönnte ihm einige frühe Auswechslungen und hat so großen Anteil daran, dass Özil nun schon seit einigen Monaten aufsteigende Form zeigt. Zum Saisonende wirkt er wieder so dominant, wie über weite Strecken der Hinrunde und könnte im Pokalfinale wieder zum entscheidenden Mann werden.

Özil lässt sich noch zu leicht die Spielfreude nehmen, wenn seine Gegenspieler ihm wenig Freiräume lassen und er kaum Ballbesitz hat. Gegen Schalke zeigte er jedoch, dass er dazugelernt hat und auch auf seine Chance warten kann, ohne das nötige Selbstvertrauen zu verlieren. Die hängenden Schultern, die seine Resignation signalisieren, sind seltener geworden. Gegen die Bayern könnte er den nächsten Schritt in diese Richtung machen. Der Defensivverbund aus Van Bommel und Schweinsteiger ist der beste der Liga und wird ihm alles abverlangen. Besonders der Niederländer wird ihn mit allen legalen und halblegalen Mitteln bearbeiten, um ihm die Lust am Fußballspielen zu nehmen. Kann Özil diesem Druck standhalten?

Selbstverständlich gibt es daneben noch weitere Duelle, die das Spiel entscheiden könnten, vor allem, wenn die oben genannten keine klaren Sieger aufweisen. Olic bereitet Mertesacker schon seit Jahren Kopfschmerzen, Pizarro und Almeida sind im Verbund nur schwer zu stoppen und dann gibt es ja auch noch Ribery, der in seinem einzigen Finale sicher groß aufspielen will. Und nicht zuletzt hätten wir dann noch das Torhüterduell: Auf der einen Seite Jogi Löws neue Nummer 3 – und auf der anderen Seite Jörg Butt…

Werder muss gewonn!

Am Samstag steigt im Bremer Weserstadion der sogenannte “Nord-Süd-Schlager” und er steigt unter ungewöhnlichen Voraussetzungen. Normalerweise sind wir es von den Bayern gewohnt, dass reichlich Nebengeräusche in den Medien mitklingen, bevor ein solches Spiel stattfindet und vor gar nicht langer Zeit wäre es auch noch so gewesen: Im November 2009 verzauberte Werder die Liga und beim Rekordmeister stand Trainer Louis Van Gaal mächtig in der Kritik. Dieser Tage stehen die Bayern zwar noch immer nicht da, wo sie hinwollen, doch sie haben eine – aus Bremer Sicht zwar kurze, aber dennoch beeindruckende – Siegesserie hingelegt. Es waren zwar bis auf Juventus Turin (an jenem Abend grottenschlecht) und mit Abstrichen Hoffenheim keine wirklich starken Gegner dabei, aber trotzdem sind die Münchner beständig in der Tabelle nach oben geklettert. Dazu kommt mit Ribery der Star der vergangenen beiden Jahre zurück in den Kader. Muss Werder Angst und Bange werden?

Vielleicht, doch das liegt nicht in erster Linie an der Stärke der Bayern, die erst noch beweisen müssen, dass sie wirklich schon so gut sind, wie sie momentan in jedes sich bietende Mikrofon diktieren. Werder muss vor allem Angst vor sich selbst haben. Angst vor dem Schlendrian, der in den letzten beiden Monaten in die Mannschaft Einzug erhalten hat und aus dem Titelaspiranten eine ziemlich biedere Durchschnittsmannschaft machte. Angst davor, dass sich das Theater um Mesut Özil in den Medien noch weiter verselbständigt und jede schlechte Leistung des Nationalspielers mit dessen Vertragspoker in Verbindung bringt. Angst vor der Abhängigkeit von Claudio Pizarro, der im Angriff weiterhin unersetzlich ist und selbst mit einer deutlich sichtbaren Verletzung besser spielt als seine Ersatzleute. Angst vor den alten Fehlern in der Abwehr, wo die mannschaftliche Geschlossenheit inzwischen ebenso fehlt wie in der Offensive. Angst vor einer erneuten Saison im Mittelmaß der Liga, die nur mit viel Willen und Glück erneut durch Erfolge in den Pokalwettbewerben wettgemacht werden könnte.

All das kann die Mannschaft auf dem Platz lähmen oder zu einer Höchstleistung gegen die Bayern anspornen. Vielleicht spielt es auch gar keine große Rolle, doch je nach Ergebnis wird es entsprechend interpretiert. Das trägt natürlich immer mehr dazu bei, dass sich die Prophezeiung selbst erfüllt. Herr Özil, wie sehr belastet sie die aktuelle Situation? Herr Frings, haben sie die Nichtnominierung durch den Bundestrainer verarbeitet? Natürlich machen sich die Spieler erst Recht darüber Gedanken, wenn sie zwölf mal am Tag danach gefragt werden. Objektiv gesehen könnte Özils Situation kaum besser sein, er hat schließlich viele Optionen für seine Zukunft, von denen keine ganz schlecht sein wird. Auch Torsten Frings dürfte die Ausbootung durch Joachim Löw eher als zusätzlichen Ansporn sehen, denn sein langsamer Abschied aus der Nationalelf hatte sich über 18 Monate mehr als nur angedeutet. Thomas Schaaf hat die Mannschaft den Spielern zufolge unter der Woche hart rangenommen. Nun wird es Zeit, auch den Gegner mal wieder hart ranzunehmen und damit meine ich keinesfalls eine unfaire Spielweise.

In der Hinrunde hat Werder im Spiel gegen die Bayern den ersten Schritt zur langen Serie ohne Niederlage getan. Es sah damals noch sehr nach harter Arbeit aus und längst nicht so leichtfüßig, wie die Spiele im Herbst. Will man in der Rückrunde wieder zu dieser Leichtigkeit und dem tollen Angriffsfußball zurückkehren, muss zuerst die harte Arbeit erledigt werden. Es geht nur auf diese Weise, das weiß Thomas Schaaf und das wissen inzwischen auch die Spieler. Ob sie es umsetzen können bleibt abzuwarten. Die Voraussetzungen sind gar nicht so schlecht, wie man denken könnte: Es soll schneien, Werder ist in der Außenseiterrolle und unser Lieblingsmaskottchen Ailton ist im Stadion. Musse mache gut Spiel un Feue mache mit Mannschaft! Ach, Toni…