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Kleines Loblied auf die Europa League

Es wäre angesichts des Urteils gegen Uli Hoeneß fast etwas untergegangen, aber gestern wurde auch Fußball gespielt. In der viel gescholtenen Europa League und ohne Beteiligung deutscher Vereine wurden die Hinspiele im Achtelfinale ausgetragen.

Ich persönlich mag die Europa League. Vor allem in Zeiten, in denen die Champions League bis zum Viertelfinale sehr vorhersehbar ist und nur wenige Überraschungen bereit hält, ist die Europa League eine willkommene Abwechslung. Sie hat sich trotz Umbenennung und kontraproduktiver Gruppenphase ein Stück des alten Europacup-Charmes behalten. In der Europa League werden nicht die großen Schlagzeilen des europäischen Fußballs geschrieben und der Wettbewerb leidet unter seiner Funktion als Sammelbecken der Champions League Verlierer ebenso wie unter seinem vergleichsweise geringen Stellenwert. So kommt es vor, dass Vereine mit Champions League Ambitionen ihrer Spiele in der K.O.-Runde abschenken, um in der Schlussphase der Saison mehr Kraft für die Liga zu haben. Über das Niveau einzelner Spiele lässt sich daher trefflich streiten, doch einem gewöhnlichen Bundesligaspieltag steht so ein Achtelfinal-Spieltag der Europa League in nichts nach.

Ich kann einem taktisch hochwertigen 0:0 zwischen dem FC Basel und RB Salzburg genauso etwas abgewinnen, wie einem Stadtderby zwischen FC Sevilla und Real Betis oder der erneuten Lehrstunde für den englischen Fußball beim Tottenhams Heimniederlage gegen Benfica. Gut, bei Letzterem mag auch meine Antipathie gegen die Nord-Londoner eine Rolle gespielt haben. Mein Geheimfavorit Ludogorets Razgrad steht nach einer 0:3 Heimniederlage gegen Valencia hingegen leider vor dem Aus. Da spielt die No-Name-Truppe aus Bulgarien so eine tolle Saison, setzt sich gegen Teams wie PSV Eindhoven, Dinamo Zagreb und Lazio Rom durch und erwischt dann einen rabenschwarzen Tag, an dem man trotz langer Überzahl den frühen Rückstand nicht aufholen kann, einen Elfmeter verschießt und dann ins offene Messer läuft (well, sort of…). Aber so etwas kenne ich ja von anderen von mir favorisierten Mannschaften.

Persönliches Highlight war das Spiel zwischen Juventus und Fiorentina. Es ist zwar ein Klischee, aber Spiele zwischen italienischen Spitzenmannschaften sind taktisch noch immer höchst interessant. Juves System mit rustikaler Dreierabwehrkette und den Energiebündeln Vidal und Marchisio, die auf den Halbpositionen das ewige Genie Andrea Pirlo flankieren, hat es mir besonders angetan. International ist Juve damit nicht mehr allererste Güte, aber es reicht immer noch, um die Serie A klar zu dominieren. Dass es nun auf europäischer Bühne zu einer Wiederholung des Spiels vom Wochende kam, machte die Begegnung nicht uninteressanter. Und anders als am Sonntag hatte Fiorentina der Führung der Gastgeber in Gestalt des eingewechselten Torschützen Mario Gomez etwas entgegenzusetzen. Zumindest in Deutschland reicht dies dann doch zu einer größeren Schlagzeile.

Tottenham Hotspur – Werder Bremen (live)

Squirrel!

Champions League, 1. Spieltag: Werder Bremen – Tottenham Hotspur 2:2

Ein Heimsieg gegen Tottenham wäre ein perfekter Start und wichtig für den weiteren Verlauf dieser Gruppenphase gewesen. Nach einer halben Stunde schien selbst ein Unentschieden nicht mehr im Bereich des Möglichen. In dieser Rolle fühlt sich Werder allem Anschein nach am wohlsten und holte am Ende ein 2:2, das mehr Fragen offen lässt als es beantwortet.

Fehler im System oder nur in der Umsetzung?

Das 4-4-2 mit Raute sollte es im Heimspiel wieder einmal richten. Es zeichnet sich langsam ab, dass dies momentan Schaafs Vorstellung ist: Zuhause die Raute und auswärts das 4-2-3-1. Tottenhams Trainer Redknapp hatte schon vor dem Spiel die Lehren aus Werders Heimsieg gegen Sampdoria und der eigenen Pleite in Bern gezogen und sein System vom klassischen 4-4-2 auf eine Art 4-5-1 umgestellt. Huddlestone gab dabei einen sehr tief stehenden Ausputzer vor der Abwehr und vor ihm spielten vier Spieler leicht versetzt: Jenas in der Mitte (der einen guten Job machte, abwechselnd auf Werders Aufbau zu pressen und Räume zuzulaufen), Lennon auf rechts, Bale auf links etwas offensiver und van der Vaart überall zwischen den Linien. Es lässt sich im Nachhinein nicht einmal sagen, ob diese Taktik Werder den Zahn gezogen hat, denn von Anfang an war das Bremer Mittelfeld nicht richtig sortiert.

Werder begann das Spiel, wie schon so oft in letzter Zeit: Unkonzentriert und fehlerhaft. Thomas Schaaf hatte vor dem Spiel auf die Frage, ob Werder mit Raute spiele geantwortet: “Wenn wir es hinkriegen.” Sie kriegten es nicht hin. Wesley machte seine Sache auf der linken Seite der Raute insgesamt gut, doch ihm fehlt noch etwas die Abstimmung mit den Kollegen. Auf der anderen Seite musste Bargfrede immer wieder Fritz gegen den überragenden Bale unterstützen. Marin zog es wie zu erwarten immer wieder auf die linke Außenbahn, so dass hinter den Spitzen ein großes Loch klaffte, das Frings nach dem Rückstand immer wieder zu schließen versuchte. So fehlten schon im Aufbau für die Innenverteidiger die Anspielstationen. Erst nach der Einwechslung von Hunt für Bargfrede und der Systemumstellung auf 4-2-3-1 bekam Werder einen Dreh in das Spiel.

Wichtiger Rollentausch

Es ist vielleicht die entscheidende Stärke von Werder, auch nach desaströsen Auftritten noch irgendwie zurück in die Spur zu finden und aus bereits verloren geglaubten Spielen noch etwas mitzunehmen. Almeidas Anschlusstreffer war zur Pause schmeichelhaft, doch vor allem ein Zeichen dafür, dass die Umstellung die richtige Entscheidung war. Hunt spielte die Rolle im zentralen offensiven Mittelfeld um Längen besser als Marin, der dafür vom linken Flügel seine Stärken ausspielen konnte. Werder ersparte sich zudem eine Zitterpartie, da Marin schon kurz nach der Pause den Ausgleich erzielte und bei den Spurs van der Vaart verletzt ausgewechselt werden musste. Mit Keane kam ein zweiter Stürmer, den Werder besser im Griff hatte als den Holländer. Das defensive Mittelfeldduo Frings und Wesley machte seine Sache ganz gut, dafür dass man während des Spiels umstellen musste. Wesley hat nun in zwei Spielen auf drei unterschiedlichen Positionen gespielt und auf jeder gute Ansätze gezeigt. Allerdings war er auf keiner von ihnen so stark, dass man sagen kann: Das ist es! Er braucht sicherlich weitere Eingewöhnungszeit und es werden noch Gegner kommen, die sich zum Einspielen besser eignen als Bayern und die Spurs.

Was mich am meisten überraschte, war die Tatsache, dass Mikael Silvestre auf seiner Seite gegen den doppelt so schnellen Lennon deutlich weniger Probleme hatte, als Fritz mit den Flankenläufen von Bale. Für Werder war es ein Glück, denn da auch Fritz sich zurück ins Spiel kämpfte, konnte die Bedrohung über außen in der zweiten Hälfte in Grenzen gehalten werden. Nach dem Ausgleich hatte Werder das Spiel eine Viertelstunde lang im Griff, bis sich Tottenham aus der Umklammerung löste und wieder eigene Chancen herausspielte. Das Siegtor hätte beiden Mannschaften gelingen können, doch letztlich war kein Team konsequent genug vor dem Tor. Das Unentschieden war daher für beide Mannschaften am Ende verdient, was für Werders Steigerung in der zweiten Hälfte spricht. Das Ergebnis spricht insgesamt aber eher für die Spurs, die nun zumindest im direkten Vergleich schon ein kleines Plus stehen haben. Die Gruppe könnte am Ende enger werden als vorher erwartet, doch Favorit auf den Sieg ist Werder eigentlich nur noch im Heimspiel gegen Twente Enschede. Für diese Mannschaft muss das aber kein Nachteil sein.

Warum fehlt die Konzentration?

Welche Erkenntnisse bringt das Spiel? Marko Marin ist kein Spielmacher, doch das hätte Schaaf schon vorher klar sein müssen. In der Kombination aus Formation und Personalauswahl hat er sich verzockt und seinen Fehler zum Glück nach 35 Minuten korrigiert. Die verfehlte Taktik kann jedoch nur eine Teilerklärung für Werders unglaubliche Passivität in der ersten halben Stunde sein. Ähnliche Situationen kommen so häufig vor, dass man eher auf ein generelles Problem mit der Konzentration schließen kann. Vielleicht ist Werder wie der Hund aus dem Film Up.* Es ist endlich wieder Champions League, das Flutlicht ist an, die Hymne erklingt, jeder will alles besonders gut machen, ist voll konzentriert auf seine Aufgabe. Und dann kommt das Eichhörnchen. Wer hat das bloß mit ins Stadion gebracht?

* Die Idee habe ich aus dieser Folge der Daily Show übernommen.

Werder Bremen – Tottenham Hotspur (live)

Darf ich vorstellen: Tottenham Hotspur

Werders erster Gegner in der Gruppenphase der Champions League ist Tottenham Hotspur.

Der Verein

Im Gegensatz zu den Stadrivalen Chelsea und Arsenal bekommen die Hotspurs nicht den Zusatz “London” hinten drangehängt. Es geht also doch. Der Verein heißt Tottenham Hotspur FC, wird aber meistens in der Mehrzahl “Hotspurs” oder kurz “Spurs” genannt. Gegründet wurde der Club 1882 im Norden Londons. Der Name geht auf einen britischen Adeligen des 14. Jahrhunderts zurück. Wonach soll man einen Verein auch sonst benennen? Ursprünglich hieß der Verein einfach nur Hotspur Football Club, was später um den Zusatz “Tottenham” erweitert wurde, um eine Abgrenzung zum Verein London Hotspur zu schaffen. Sir Henry “Hotspur” Percy muss ein wirklich beliebter Adeliger gewesen sein damals.

Haupteigentümer der Spurs ist die englische Investmentgesellschaft ENIC. Deren Miteigentümer Daniel Levy ist praktischerweise auch gleich Vorstandsvorsitzender des Clubs. Finanziell steht Tottenham trotzdem im Schatten der Big Four und der Neureichen Citizens aus Manchester. Sportlich hat sich dies gerade geändert, doch dazu später mehr.

Die Heimspiele bestreiten die Spurs in der White Hart Lane, einem schnuckeligen Stadion mit 36.000 Plätzen. Durch das geringe Fassungsvermögen und das Alter des Stadions – das gebaut wurde, als unser Verein gerade erst in der Gründungsphase war – stellt es einen Nachteil gegenüber den Konkurrenten dar. Deshalb soll ein neues Stadion gebaut werden, das 55.000 Zuschauern Platz bietet und etwas moderner daherkommt. Bis dahin dauert es aber noch etwas, sodass Werder im November zu Gast in der White Hart Lane sein wird.

Historie

Schon vor 109 Jahren gewann Tottenham den ersten nationalen Titel: Im FA-Cup-Finale besiegten sie im Wiederholungsspiel Sheffield United und holten damit den Pokal. Insgesamt stehen heute acht FA-Cup-Siege auf dem Briefkopf, wovon der letzte jedoch schon 19 Jahre her ist. Seitdem kam an Titeln nur noch der Ligapokal (Carling Cup) 1999 und 2008 hinzu. Die große Zeit der Spurs liegt also schon einige Jahre zurück.

Eigentlich kann man nicht von einer großen Zeit der Spurs sprechen. Die Titelgewinne (2 Meisterschaften, 2 UEFA-Cup-Siege, 1 Europapokal der Pokalsieger-Sieg) liegen über mehrere Jahrzehnte verteilt. Tottenham war immer gut dabei, hatte jedoch nie eine herausragende Stellung im englischen Fußball. Die Meisterschaften 1951 und 1961 waren dennoch bemerkenswert: 1950 war Tottenham in die erste Liga aufgestiegen und marschierte in der folgenden Saison direkt zum Titel. Bekanntester Spieler der damaligen Mannschaft dürfte Alf Ramsey sein, der 1966 die Three Lions als Trainer zum ersten und einzigen Triumph bei einer Weltmeisterschaft führte. 1961 gewannen die Spurs als erste Mannschaft das Double aus Meisterschaft und FA-Cup. Ein ähnlicher Coup sollte danach nicht mehr gelingen, doch der Anfang der 1960er war die wohl beste Zeit der Nord-Londoner. Im folgenden Jahr schaffte man es bis ins Halbfinale des Europapokals der Landesmeister, wo gegen den späteren Sieger Benfica Feierabend war. Ein Jahr später gewann man als erstes britisches Team einen Europacup, nämlich den der Pokalsieger, durch ein 5:1 Feuerwerk gegen Titelverteidiger Atletico Madrid.

Die 70er waren international erfolgreich (UEFA-Cup Sieg 1972), doch national eher ernüchternd. 1977 stieg man in die Second Division ab. Ähnlich wie bei Werder 1980 wirkte der Abstieg wie eine Frischzellenkur. Anfang der 80er war Tottenham so stark wie lange nicht. Die Spurs gewannen den FA-Cup 1981 und 1982 sowie den UEFA-Cup 1984. Mit dem FA-Cup-Sieg 1991 endete die Phase der Titelgewinne. Mit Gründung der Premier League 1992 verloren die Spurs an Bedeutung und fanden sich Mitte des Jahrzehnts im Abstiegskampf wieder. Trotz namhafter Spieler, wie Jürgen Klinsmann, Paul Gascoigne, Teddy Sheringham, Sol Campbell und Gary Lineker kam Tottenham über Jahre nicht aus dem Mittelfeld der Liga hinaus.

Dies änderte sich erst 2005 unter dem späteren HSV-Trainer Martin Jol, der als Assistent von Jacques Santini in die Saison ging und nach dessen Rücktritt zum Cheftrainer wurde. 2006 stand das Team vor dem großen Durchbruch, doch mit einer Niederlage im letzten Spiel, bei dem die halbe Mannschaft infolge einer Viruserkrankung nicht antreten konnte, rutschte man noch hinter Arsenal auf Platz 5. In der Folge setzte sich Tottenham als größter Herausforderer der Big Four in der Spitzengruppe der Tabelle fest. Nur die Saison 2008/09 unter Juande Ramos bildete eine Ausnahme. Nach katastrophalem Start wurde Harry Redknapp neuer Trainer und sicherte am Ende immerhin Platz 8. In der vergangenen Saison konnte Tottenham zum ersten Mal in die Phalanx der Big Four eindringen und platzierte sich vor Liverpool sowie den Mitkonkurrenten Manchester City und Aston Villa auf Platz 4. Durch den Sieg über Young Boys Bern in der Qualifikation spielen die Spurs nun zum ersten Mal in der Champions League.

Die Mannschaft

Kurz vor (bzw. nach) Ende der Transferperiode fiel Tottenham durch einen spektakulären Transfercoup auf: Der Ex-Hamburger Rafael van der Vaart wurde für eine erstaunlich geringe Ablöse von Real Madrid verpflichtet. Ein Transfer, der das Team nach Ansicht von Bayernprofi Arjen Robben in der Premier-League-Hierarchie vor den FC Arsenal katapultiert. Nun ja. Die Stärken/Schwächen des Holländers sollten noch bekannt sein. Fraglich, wie sehr er schon im Spiel der Spurs integriert ist.

Tor

Erster Torwart ist seit zwei Jahren der Brasilianer Heurelho Gomes, der auch schon elf Einsätze in der Selecao hatte. Gomes hat sich nach eher schwachem Start zu einem überdurchschnittlichen Torhüter in der Premier League gemausert. Er hat nicht die ganz große Klasse eines Peter Cech oder Edwin van der Sar, aber er spielte letzte Saison sehr beständig und kann an guten Tagen schon mal zur unüberwindbaren Hürde werden. Nun ist er jedoch verletzt und wird am Dienstag vom ehemaligen Chelsea-Keeper Carlo Cudicini ersetzt, mit dem Werder in der Champions League schon gute Erfahrungen gemacht hat.

Abwehr

Tottenhams Defensive hat sich in den letzten Jahren stabilisiert. 2008 kassierte man in 38 Spielen noch 61 Gegentore – eine Quote, die selbst für Werder beschämend wäre. In der letzten Saison waren es nur noch 41 Gegentore; lediglich vier Mannschaften kassierten weniger. Mit William Gallas (der Mann, der Chelsea vor vier Jahren im Zorn darüber verließ, dass Michael Ballack seine Rückennummer 13 bekommen sollte, und angeblich damit drohte, Eigentore gegen seinen Verein zu schießen, falls er nicht wechseln dürfe) hat man einen sehr erfahrenen Mann für die Innenverteidigung verpflichtet. Der Franzose, der vom Erzrivalen Arsenal ablösefrei zu den Spurs wechselte, verfügt über große internationale Erfahrung und ist trotz einer eher unglücklichen Zeit als Arsenal-Kapitän ein potenzieller Führungsspieler. Schwächen er durch seine für einen Innenverteidiger geringe Körpergröße am ehesten in der Luft.

Gallas Konkurrenten um die beiden Plätze in der Innenverteidigung sind die Routiniers Ledley King und Michael Dawson, sowie der Kameruner Sébastien Bassong. Bei King, dem eigentlichen Kapitän der Mannschaft, ist die körperliche Fitness das größte Problem. Das Eigengewächs der Spurs leidet seit Jahren unter chronischen Knieproblemen und kann nur selten mit der Mannschaft trainieren. Sein Einsatz am Dienstag wäre wichtig, weil mit Dawson sein Stellvertreter verletzt ausfällt. Beide zählen zu den besten englischen Innenverteidigern und standen auch bei der WM im Kader der Three Lions. Außer Bassong kann auch der Franzose Younes Kaboul in der Innenverteidigung aushelfen, wie am letzten Samstag gegen West Brom. Kein Thema mehr ist Jonathan Woodgate, der seine größte Zeit zu Beginn seiner Karriere bei Leeds United hatte und auch einige Jahre bei Real Madrid unter Vertrag stand. Nun ist der 29-Jährige bei Tottenham auf dem Abstellgleis und weder in der Premier League noch in der Champions League in Redknapps 25er Kader.

Auf der linken Seite der Viererkette spielt der kameruner Nationalspieler Benoit Assou-Ekotto. Vor einem Jahr sorgte er mit seiner “Fußball ist nur ein Job”-Aussage für einiges Aufsehen auf der Insel. Seine Leistungen lassen jedoch keine Zweifel an seiner Professionalität aufkommen. Alternativ könnte auch Gareth Bale auf der Position spielen, der seinen Stammplatz inzwischen jedoch im linken Mittelfeld hat. Der Waliser hat eine rekordverdächtige Negativstatistik vorzuweisen: Er brauchte ganze zwei Jahre, bis er 2009 das erste Spiel mit Tottenham gewann. Assou-Ekotto tut auf seiner Seite mehr für die Offensive als sein Gegenpart Vedran Corluka. Der Kroate ist ein grundsolider und zweikampfstarker Rechtsverteidiger, der auch unter Slaven Bilic in der Nationalmannschaft eine wichtige Rolle spielt.

Mittelfeld

Für das defensive Mittelfeld hat Tottenham in Tom Huddlestone und Wilson Palacios zwei hochklassige Spieler im Kader. Huddelstone ist ein abgeklärter Spieler mit guter Übersicht und spielt zudem hervorragende lange Bälle in die Spitze. Palacios ist eher der Typ Wadenbeißer, der mit viel Laufarbeit und Zweikampfhärte agiert. Eine der beiden zentralen Positionen wird gelegentlich auch von Luka Modric eingenommen. Der Kroate, den Werder noch aus der CL-Quali vor drei Jahren kennen sollte, ist ein technisch brillanter Spielmacher, der Tottenhams Spiel ordnet und die Angriffe einleitet. Er kann sowohl aus der Tiefe als auch vom linken Flügel aus das Spiel lenken und könnte laut seinem Trainer in jedem Team der Welt spielen. Am Samstag wurde er mit Verdacht auf Beinbruch ausgewechselt, der sich zum Glück nicht bestätigt hat. Für die Partie am Dienstag ist er jedoch fraglich. Sein Landsmann Niko Kranjcar kann seinen Part ebenfalls ausfüllen, ist trotz seinerQualitäten im Passspiel und seiner guten Technik aber kein wirklicher Spielmacher. Der typische Box-to-Box-Spieler Jermaine Jenas ist in der Team-Hierarchie zuletzt ein wenig abgerutscht. Dank seiner Torgefährlichkeit ist er jedoch als Einwechselspieler immer eine Option. Neuzugang Sandro Ranieri von Copa Libertadores Sieger Internacional aus Brasilien ist erst seit wenigen Tagen in England und dürfte im Hinspiel noch keine ernsthafte Alternative sein. Seine Qualitäten wird der 21-Jährige allerdings haben – er stand immerhin im erweiterten WM-Kader Brasiliens.

In Aaron Lennon hat Tottenham einen schnellen und dribbelstarken Flügelspieler für die rechte Seite. Seine Tendenz im Agriffsdrittel nach Innen zu ziehen, hat ihm unter Capello bei der WM den Stammplatz gekostet. Bei Tottenham ist er jedoch eine feste Größe, obwohl in Giovani dos Santos ein starker Konkurrent hinzugekommen ist. Der Mexikaner aus der Jugend des FC Barcelona, der bei der WM überzeugte und für den Best Youth Player Award nominiert wurde, war zuletzt an Galatasaray ausgeliehen. In dieser Saison soll er die Offensivpalette der Spurs erweitern. Er gilt jedoch als undiszipliniert und holte sich gerade einen Rüffel des Trainers ab. Könnte mal ein Kandidat für Werder sein… Auf der anderen Seite lautet die Alternative zu den oben erwähnten Bale und Modric David Bentley. Der hochgelobte Arsenal-Nachwuchsmann konnte seine Vorschusslorbeeren nicht rechtfertigen und kam über die Blackburn Rovers 2008 zu den Spurs. Dort kommt er momentan nicht über die Rolle als Ergänzungsspieler hinaus.

Angriff

Offensiv steht Tottenham etwas im Schatten der Tormaschinen FC Arsenal und Manchester United, sowie in der letzten Saison vor allem dem 103-Tore-Team FC Chelsea. 67 Tore in der letzten Spielzeit sind jedoch ein gutes Ergebnis. Der Star im Angriff heißt seit der letzten Saison endültig Jermain Defoe. 18 Saisontore erzielte er in der Liga – davon alleine fünf beim 9:1 Torfestival gegen Wigan im letzten Herbst. Auch in der Nationalmannschaft zeigt er sich treffsicher und traf zuletzt gleich dreimal im Spiel gegen Bulgarien. Leider erlitt er nun eine schwerwiegende Knöchelverletzung, die ihn drei Monate pausieren lässt. Damit verpasst er beide Spiele gegen Werder. Defoes Sturmpartner heißt entweder Peter Crouch oder Roman Pavlyuchenko. Der 201 Zentimeter große Crouch dürfte nicht nur wegen seines Roboter-Tanzes den meisten ein Begriff sein. Er ist seit letzter Saison zurück in Tottenham, wo er vor zwölf Jahren seine Profikarriere begann (jedoch nie zum Einsatz kam) und schoss das Team mit seinem Treffer am 38. Spieltag gegen ManCity und einem Hattrick im Rückspiel gegen Young Boys Bern in die Champions League. Der Russe Pavlyuchenko ist der Hugo Almeida Tottenhams. Er ist weder unumstrittener Stammspieler noch zeigt er durchgehend Topleistungen, doch bei den Fans hat er einen gewissen Kultstatus erreicht. Seinen großen Auftritt hatte er bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren, wo er zu den auffälligsten Spielern der Russen zählte. Robbie Keane ist seit seiner Rückkehr aus Liverpool nicht mehr erste Wahl. Seine besten Zeiten hatte der irische Rekordtorschütze an der Seite von Dimitar Berbatov. In der letzten Rückrunde war er an Celtic Glasgow ausgeliehen.

Die Taktik

Trainer Harry Redknapp ist in taktischen Belangen ein britischer Coach alter Schule. Tottenham spielte unter ihm bislang eigentlich immer im klassischen 4-4-2, wobei manchmal einer der zentralen Mittelfeldspieler den kreativen Part übernimmt (Modric) und der andere ihn defensiv absichert (Palacios oder Huddelstone). Häufiger wird jedoch die defensivere Variante mit zwei Defensiven in der Mitte, Modric auf links und einem echten Flügelspieler auf der rechten Seite gewählt. Im Angriff sind die Aufgaben ebenfalls verteilt. Pavlyuchenko oder Crouch gibt die Sturmspitze und wird von einem der beweglicheren Defoe oder Keane flankiert.

Ohne Defoe haben die Spurs jedoch ein Problem: Eigentlich wäre Pavlyuchenko der nächste in der Hierarchie, der neben Crouch rücken würde, doch damit wäre der Angriff spielerisch stark limitiert. Am Wochenende gegen West Bromwich Albion ließ Redknapp daher Neuzugang van der Vaart als hängende Spitze in einem 4-4-1-1 spielen. Da sich Modric in dem Spiel am Bein verletzte und sein Einsatz am Dienstag fraglich ist, ist der Schritt zum 4-2-3-1 nicht mehr groß. Gegen Werder sicher ein erfolgsversprechenderes System, als das rigide 4-4-2. Mit Palacios, Huddelstone und Kranjcar hat man hervorragende Spieler, die Werder im Zentrum das Leben schwer machen können. Dazu Crouch als Prellbock vorne drin und den pfeilschnellen Lennon, der vom Flügel nachrückt. In van der Vaart hätte man zudem einen Spieler für die besonderen Momente, für die sonst Modric zuständig ist.

Tottenham ist in allen Mannschaftsteilen gut bis sehr gut besetzt und auch ohne Defoe und Modric keinesfalls ein einfacher Gegner. Der Kader hat die nötige Tiefe, die drohenden Ausfälle aufzufangen. Mit zwei defensiv ausgerichteten Mittelfeldspielern ist man im Zentrum stabiler als mit Modric, was gerade im Auswärtsspiel wichtig ist. Ich bin mir nicht sicher, ob Werder eher mit Raute oder eher im 4-2-3-1 spielen sollte. Nimmt man das Spiel gegen die Bayern zum Maßstab, müsste vor allem das Zusammenspiel zwischen Wesley und seinen Neben- wie Hinterleuten noch besser funktionieren. Spielt Tottenham ohne Modric bräuchte Werder zudem eher jemanden, der zwischen Viererkette und Mittelfeld der Londoner agiert. Ich bin gespannt, ob Wesley das im Repertoire hat. Die Raute hätte den Vorteil, dass ein zweiter Stürmer spielen kann. Arnautovic kann sein raumgreifendes Spiel besser zur Geltung bringen, wenn er einen Fixpunkt im Sturmzentrum hat. Pizarros Rückkehr ist unwahrscheinlich, daher kommt nur Almeida in Frage.

Der Ausblick

Mit Tottenham hat Werder einen guten Gegner zum Auftakt erwischt. Im direkten Duell gegen den vermeintlich größten Konkurrenten um Platz 2 weiß man somit früh wo man steht. Es braucht nicht taktiert werden, wie es vielleicht bei einem Auswärtsspiel am 1. Spieltag der Fall wäre. Mit einem Sieg kann man frühzeitig die Weichen auf Achtelfinale stellen. Genau diese Spiele haben Werder 2007 und 2008 das Weiterkommen gekostet: Gegen Olympiakos und Panathinaikos gab es bittere Heimpleiten. Noch einmal sollte dies nicht passieren.

Ich halte die Teams insgesamt für etwa gleichstark, wobei Tottenhams Bank etwas besser besetzt ist, wenn denn alle fit sind. Werder hat durch die vergangenen Champions League Teilnahmen einen Erfahrungsvorteil, die Spurs in Crouch, Gallas oder van der Vaart jedoch ebenfalls königsklassen-erprobte Spieler in den Reihen. Ich gehe in den beiden Spielen jeweils von einem Sieg für die Heimmannschaft aus. Sollte eines der beiden Teams sein Heimspiel nicht gewinnen, könnte dies am Ende über das Weiterkommen entscheiden.

So erwarte ich Tottenham:

Meine Tipps: Heimspiel 3:1, Auswärtsspiel 1:2

Die Probleme als Chance

Naldo noch lange verletzt. Mertesacker mit Augenhöhlenfraktur nicht einsetzbar. Auch Pizarro fällt aus. Es sieht nicht gut aus vor den schwierigen Spielen gegen Bayern und die Spurs. Werder kann nun entweder die nächsten Spiele freiwillig abschenken oder versuchen, die Personalprobleme als Chance zu begreifen.

Problem 1: Die Abwehr

Die Defensive ist bei Werder nicht erst seit dieser Saison ein Problem. Das liegt jedoch nicht zuletzt am Defensivverhalten der gesamten Mannschaft sowie einer sehr riskanten Defensivtaktik, die sich bei Fehlern leicht aus den Angeln heben lässt. In dieser Saison kommen nun auch Personalprobleme hinzu. Durch die Verletzung von Per Mertesacker bleiben für die Defensive kaum noch Optionen übrig. Ausgerechnet vor dem auf dem Papier schwierigsten Bundesligaspiel steht Werder ohne die beiden Stamm-Innenverteidiger der letzten vier Jahre da. Angesichts der beiden letzten beiden Spiele gegen die Bayern kann einem da schon Angst und Bange werden.

Muss es allerdings nicht. Auch in Bestbesetzung hatte Werder in diesen Spielen nicht gut ausgesehen. Dafür gab es mehrere Gründe, von denen fehlende Klasse der Spieler sicher nicht der wichtigste war. Robben gegen Boenisch war im Pokalfinale ein Missmatch, genau wie Robben gegen Abdennour einige Monate vorher. Dazu wird es am Samstag zum Glück nicht kommen. Der formstarke Fritz wird auf der anderen Abwehrseite mit Ribery mithalten können. Bleibt das Abwehrzentrum. Prödl hat bislang ordentliche Leistungen gezeigt, war sogar der stabilere der beiden Innenverteidiger. Trotz seiner Erfahrung und unbestrittenen Klasse war Mertesacker in der letzten Zeit kein zwingender Stammspieler. Nun kann er entweder durch den auf der Außenbahn zuletzt indisponierten Pasanen oder Neuzugang Silvestre ersetzt werden. Für Silvestre spricht die große internationale Erfahrung. Im Gegensatz zu Pasanen kann er bei seinem Debut außerdem unbelastet ins Spiel gehen. Eigentlich ist Silvestre eher für die Außenbahn vorgesehen, doch dazu scheint ihm auch noch etwas die Fitness zu fehlen. Prödl und Silvestre – Bei entsprechendem Defensivverhalten im Mitteldfeld ist diese Innenverteidigung konkurrenzfähig.

Problem 2: Das Mittelfeld

Im Gegensatz zu den anderen Mannschaftsteilen herrscht im Mittelfeld ein Überangebot an Spielern. Thomas Schaaf hat die Qual der Wahl: Lieber mit der in dieser Saison bewährten Raute spielen oder auf das in der letzten Saison favorisierte 4-2-3-1 setzen? Lieber auf Altbekanntes vertrauen oder Neuzugang Wesley ins kalte Wasser werfen? Lieber Flügeldribbler Marin wirbeln lassen oder die solide Variante mit Rautespieler Borowski wählen? Ein taktisches Experiment halte ich für unwahrscheinlich, nachdem Schaaf im Pokalfinale mit dem flachen 4-4-2 gnadenlos gescheitert ist. Frings und Bargfrede sind in beiden Systemen derzeit gesetzt. Nach meinem Empfinden würde Frings die Doppelsechs momentan ganz gut tun. Als einziger Defensivmann in der Raute gerät er zu oft in Bedrängnis und ein Spieler wie Thomas Müller nutzt das eiskalt aus. Taktisches Opfer wäre dann Borowski, der bislang solide gespielt hat, aber in der offensiven Dreierreihe nur in der Mitte zu gebrauchen ist. Dort führt nach überstandener Krankheit jedoch eigentlich kein Weg vorbei an Aaron Hunt. Wesley kommt prinzipiell für alle Positionen in Frage, aber ob Schaaf ihn in seinem ersten Spiel gleich auf die Spielmacherposition stellt? Marin war dort nur eine Notlösung, braucht die Außenbahn als Ausgangspunkt für seine Dribblings. Im 4-2-3-1 wäre auch Arnautovic eine Option für die rechte Außenbahn. Dies hängt jedoch nicht zuletzt von Schaafs Plänen im Angriff ab.

Problem 3: Der Angriff

Ohne Pizarro ist die Variante mit nur einem Stürmer weniger attraktiv. Almeida kann auch als einzige Spitze effektiv sein, braucht für seine große Stärke, die Verarbeitung von langen, hohen Bällen, jedoch einen Abnehmer. Arnautovic sehe ich eher als zweiten Stürmer und nicht so sehr als eigentliche Spitze. Nach seiner Gala gegen Köln kann ich mir kaum vorstellen, dass er am Samstag auf die Bank muss. Fragt sich also, ob er zusammen mit Almeida einen Zweiersturm bildet oder wie gegen Sampdoria über den rechten Flügel kommen soll. Ohne Pizarro fehlt Werders Angriff der wichtigste Spieler, doch die Klasse für ein oder zwei Tore gegen die wackelige Abwehr der Bayern ist allemal vorhanden.

Fazit

Allen Ausfällen zum Trotz: Der Ausgang des Spiels ist so offen, wie man aus Bremer Sicht nach der Lehrstunde im Pokalfinale nur hoffen konnte. Nicht nur die aktuelle Serie ohne Niederlage in München macht Hoffnung auf ein erfreuliches Spiel. Bayern ohne Robben und ohne den Lauf der vergangenen Rückrunde ist immer noch ein immens schwerer Gegner, aber längst nicht mehr so übermächtig. Werder kann trotz der Ausfälle ein schlagkräftige Truppe aufbieten.

Für das Spiel würde ich ein 4-2-3-1 vorziehen. Zum einen wegen der erwähnten Absicherung für Frings und zum anderen wegen Marins und Arnautovics guter Form. Mit Hunt in der Mitte hätte man eine gefährliche Offensive und zudem in Borowski und Wesley noch zwei echte Optionen auf der Bank.