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Ist Dutt in Bremen schon am Ende?

In meinem letzten Beitrag habe ich anklingen lassen, dass die Luft für Robin Dutt als Werder-Trainer langsam dünn wird und mein Vertrauen darin, dass er Werder zurück auf den richtigen Weg führen kann, schwindet. Dafür wurde mir von manchen Lesern ein zu hartes und von manchen ein zu weiches Urteil vorgeworfen. Deshalb soll es hier statt um die wie erwartet deutliche Niederlage gegen Borussia Dortmund um eine etwas detailliertere Bewertung von Robin Dutts Arbeit gehen. Dabei sind für mich zwei Punkte entscheidend: Wie groß ist Dutts Anteil an der sportlich schlechten Situation und welche Argumente sprechen noch für den Trainer?

Ist das Fußball oder kann das weg?

Spielerisch gehört Werder in dieser Saison zu den schlechtesten Mannschaften der Bundesliga. Bei Ballbesitz und Passquote liegt das Team auf dem letzten Platz. Gerade Werder ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, dass gute Werte bei Ballbesitz und Passquote keinen Erfolg garantieren, bzw. nur begrenzt als Qualitätsbeweis taugen. In der Vergangenheit wurde Werder oft genug von Mannschaften geschlagen, die deutlich schlechtere Passquoten und wesentlich weniger Ballbesitz hatten. Das Paradebeispiel dafür war FSV Mainz, die bei ihren Auswärtssiegen in Bremen 2013/14 (69% Passquote, 43% Ballbesitz) und 2011/12 (64% Passquote, 35% Ballbesitz) in diesen Kategorien jeweils deutlich schlechter abschnitten, als ihr Gegner.

Die schlechten Werte sind nicht nur Resultat einer allgemeinen Verschlechterung des Bremer Passspiels, sondern auch einer Abkehr von Schaafs Kurzpassfußball hin zu einem reaktiven Stil. Dieser Stilwechsel kam nicht überraschend und ich halte ihn auch nach wie vor für richtig. Die Grundlagen, die Werder in den letzten Jahren der Ära Schaaf fehlten, und die noch immer fehlen, waren eher im taktischen Bereich und in der Defensivorganisation zu suchen, während man spielerisch noch immer konkurrenzfähig war. Man geht nun also bewusst einen Schritt zurück. Der Aufbau einer neuen spielerischen Identität, so das Kalkül dahinter, braucht weitaus mehr Zeit, als die Vermittlung einer pragmatischen Spielweise, die mangelnde Klasse durch hohe Bälle und viel Kampf zumindest vorübergehend wettmachen kann. Deshalb ist die desolate spielerische Verfassung der Mannschaft für mich derzeit nicht der Maßstab, um Dutts bisherige Arbeit zu bewerten – wohl aber seine zukünftige Arbeit, sofern er in der nächsten Saison noch Trainer ist, denn die momentane Spielweise darf nur eine Momentaufnahme, ein Mittel zum Zweck sein.

Verzweifelt gesucht: Defensive Stabilität

Ist also alles Gut im Werder-Land? Nein, denn die Ausführung der beschriebenen pragmatischen Spielweise lässt noch zu wünschen übrig. Bei 45 Gegentoren in 20 Spielen lässt sich nicht von einer defensiven Stabilisierung sprechen. Normalerweise müsste diese Bilanz in Verbindung mit den oben genannten spielerische Schwächen dazu führen, dass Werder chancenlos absteigt. Warum aber steht Werder auf dem 13. Platz? Zum einen liegt es an der Schwäche der Konkurrenz. Am gleichen Spieltag der Vorsaison hätten Werders 20 Punkte den Relegationsplatz bedeutet. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass Werder allen Gegentoren zum Trotz bereits sechs Mal ohne Gegentor blieb, was seit vier Jahren nicht mehr gelungen ist.

Diese Spiele ohne Gegentor sind der (einzige?) Schlüssel zum Erfolg in dieser Saison. 14 der 20 Punkte wurden in diesen Spielen geholt. Es versteht sich von selbst, dass Spiele ohne Gegentor zu Erfolg führen, doch für Werder gilt dies in besonderem Maße, weil offensiv so wenig Gefahr ausgestrahlt wird, dass es kaum möglich ist, einen Rückstand aufzuholen. Darum verwundert es umso mehr, dass Dutt zur Hälfte der Hinrunde vom bis dahin recht erfolgreichen Defensivstil abwich und sich an einer offensiveren Ausrichtung versuchte. Statt tief zu verteidigen wollte man nun im Mittelfeld das Gegenpressing suchen und dadurch zu höheren Ballgewinnen kommen. Wenn schon kaum einmal drei Pässe in Folge ankommen, dann soll wenigstens der Ball höher auf dem Spielfeld gewonnen werden, um den Weg zum Tor gering zu halten. Paradebeispiel dafür war Kroos Tor auf Schalke. Zwischen dem 11. und dem 16. Spieltag erzielte Werder die Hälfte aller Saisontore. Allerdings kassierte man zu dieser Zeit auch die Hälfte aller Saisontore. Bei einem Torverhältnis von 24:45 kann das nicht wünschenswert sein.

Bitte Umschalten

Im letzten Spiel vor der Winterpause korrigierte Dutt seinen Fehler und stellte sein Team gegen Bayer Leverkusen wieder sehr defensiv ein. Werder gewann das Spiel nicht einmal unverdient und besiegte damit zum ersten Mal seit Mai 2011 wieder ein Team aus den Top 4 der Tabelle. Dennoch scheint Dutt nicht richtig davon überzeugt zu sein, es bis auf weiteres bei dieser Spielweise zu belassen. Gegen Braunschweig zuhause erwies sie sich als ungeeignetes Mittel, in Augsburg bewegte ihn erst Garcias Platzverweis dazu. Gegen Dortmund pendelte Junuzovic in einer Rolle zwischen zweitem Sechser und vorderstem Angreifer im Pressing. Es gehört im heutigen Fußball zur Normalität, dass Teams zwischen verschiedenen Systemen wechseln. Dutt täte aus meiner Sicht jedoch gut daran, sein Team vorerst in einem einfachen System aufzustellen und es bei der besagten defensiven Spielweise zu belassen (wie es nebenbei bemerkt auch Schaaf am Ende der letzten Saison getan hat, was mMn. ein wichtiger Faktor für den Klassenerhalt war).

Zu den wichtigsten Eigenschaften erfolgreicher reaktiver Mannschaften gehört im modernen Fußball ein gutes Umschaltspiel. Dies ist aus meiner Sicht Werders größtes Versäumnis in dieser Saison. Wer wenig Ballbesitz hat, sich also nicht aus dem eigenen Aufbau in den gegnerischen Strafraum kombinieren kann, muss andere Wege finden, um zu Torchancen zu kommen. Ein hohes Pressing kann Werder nicht riskieren, wie die zweite Hälfte der Hinrunde gezeigt hat. Die Lösung müsste daher ein schnelles und direktes Umschaltspiel sein, bei dem der Ball über wenige Stationen direkt in die Spitze geleitet wird. Hierzu scheint Werders Kader nicht geeignet besetzt zu sein. Elia und Petersen sind zwar schnell, doch ihnen mangelt es an Spielintelligenz und cleveren Laufwegen. Im defensiven Mittelfeld fehlt dazu ein zuverlässiger Umschaltspieler. So ist es meistens Aaron Hunt, der gesucht wird. Mit seiner für Werder einzigartigen Technik und Ballbehauptung kann er in der gegnerischen Hälfte Bälle verarbeiten, die sonst meistens verloren gehen. Allerdings geht dabei zumeist das Tempo verloren. Der Ball wird mangels direkter Anspielstationen gehalten und bis Spieler nachrücken wurde Hunt bereits gedoppelt.

Ich könnte mir vorstellen, dass Werders Schwächen im Umschaltspiel der Hauptgrund dafür sind, dass Dutt nicht konsequenter auf ein tiefes Defensivsystem setzt. Vor diesem Hintergrund erscheint die Verpflichtung von Fin Bartels vielversprechend.

Leitwölfe und Nachwuchsspieler

Derzeit spalten sich die Fans zunehmend in diejenigen, die Dutt die (Haupt-)Schuld an Werders schlechter Saison geben und diejenigen, die Werders Kader als zu schwach ansehen, um sich aus dem Abstiegskampf heraushalten zu können. Ich halte Werders Kader für bestenfalls durchschnittlich, aber nicht so schwach, dass Platz 13 das höchste aller Gefühle ist. Ich teile Thomas Eichins Einschätzung, dass mit dem Kader Platz 8 bis 14 realistisch ist. Das Hauptproblem, gerade im Vergleich zu Mittelklasseteams wie Augsburg oder Mainz, ist, dass Werders Kader nicht gut ausgewogen erscheint. Während auf einigen Positionen ein Überangebot an Alternativen vorhanden ist, können andere über Monate nur notdürftig besetzt werden. Hervorzuheben wäre hier die Position des defensiven, sprich: aufbauenden Sechsers. Hier ist Felix Kroos die einzige echte Option, während für die Position des offensiveren Sechsers (oder Achters, Box-to-Box Spielers, wie auch immer man ihn nennen will) mit Makiadi, Bargfrede, Junuzovic und Ignjovski gleich vier Spieler zur Auswahl stehen. Mit Di Santo spielte lange Zeit ein Mittelstürmer auf der linken Außenbahn. Spieler wie Elia und Petersen sind trotz ihrer oben angesprochenen Schwächen gesetzt.

Trotz der beschränkten Möglichkeiten hat Dutt einige riskante Personalentscheidungen in dieser Saison getroffen. Die Ausbootung von Mielitz mag man menschlich für hart und sportlich für falsch halten, sie wird aber keinen allzu großen Einfluss auf den Saisonverlauf haben. Das Festhalten an Fritz und Makiadi hingegen ist bzw. war ein Risiko. Zwar hat keiner von beiden in der Hinrunde durchgehend schlecht gespielt (bei Fritz wird gerne seine starke Form zu Saisonbeginn übersehen), doch die von Dutt auserkorenen Führungsspieler sind in dieser Saison keine Leistungsträger. Das Zögern des Trainers ist an dieser Stelle verständlich, da solche Wechsel mehr als nur sportliche Auswirkungen haben. Ich sehe es aber als positives Zeichen, dass Dutt Makiadi gegen Dortmund auf die Bank gesetzt hat, allein schon als Signal, dass sich die Mannschaft nicht von selbst aufstellt und die Lieblinge des Trainers eine Einsatzgarantie haben.

Ein weiterer Kritikpunkt an Robin Dutt ist sein zögerliches Einbinden des eigenen Nachwuchses. Vor der Saison wurde die Wichtigkeit der Nachwuchsarbeit für Werders Zukunft propagiert und Dutts Fähigkeiten in diesem Bereich gepriesen. Verständlich also, dass die bislang nur partielle Einbindung von Jugendspielern für Irritationen sorgt. Allerdings sollte man dabei nicht übersehen, dass mit Kobylanski, Lorenzen, Selke und Aycicek bereits vier Spieler unter Dutt ihr Bundesligadebut gaben und auch andere Spieler wie von Haacke, Zander, Hilßner und Rehfeldt bereits im Kader standen. Mir erscheint die Kritik aber ohnehin zu kurz gedacht, denn das Heranführen der vorhandenen Jugendspieler an den Profibereich ist nur eines der Probleme in Werders Jugendarbeit. Mindestens ebenso wichtig ist die strukturelle Überarbeitung der Abteilung, die bereits begonnen hat und die mittelfristig zu Ergebnissen führen sollte. Die Vorgehensweise, junge Spieler erst bei den Profis reinschnuppern zu lassen und sie dann in der Folgesaison zu verleihen (siehe Füllkrug und Wurz), damit sie Spielpraxis auf höherem Niveau sammeln, scheint mir ebenfalls sinnvoll, um den Sprung aus der A-Jugend bzw. der Regionalliga in die Bundesliga zu schaffen.

Should he stay or should he go?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich weiterhin hinter Dutt stehe oder nicht. Zieht man die nüchternen Fakten heran, muss man klar zu dem Schluss kommen, dass Dutt den Erwartungen hinterherhinkt. Werder kassiert nicht weniger Gegentore als in den letzten Jahren, ist spielerisch so schwach wie noch nie zu meiner Zeit als Fußballfan und rückt immer näher an die Abstiegsplätze heran. Was also spricht noch für Dutt?

Der grundsätzliche Weg, den Werder vor einem Jahr mit dem Dienstantritt von Thomas Eichin eingeschlagen hat, ist nach wie vor richtig. Es war eine bewusste Entscheidung, sich von Thomas Schaaf zu trennen und einen Trainer zu verpflichten, der seine Stärken im analytischen und taktischen Bereich hat. Ich sehe Dutt noch immer als passenden Trainer für die Aufgabe, Werder zunächst taktisch und dann spielerisch wieder flott zu machen. Das wichtigste sportliche Ziel dieser Saison, der Klassenerhalt, ist zwar in Gefahr, aber noch nicht so akut, dass es ein Eingreifen der Geschäftsführung zwingend erforderlich macht. Das kann sich im Fußball schnell ändern, doch Eichin hat mit seinem letzten Treueschwur noch einmal deutlich gemacht, dass er einen Wechsel auf der Trainerbank nicht anstrebt.

Ob er diese Haltung bis zum Ende der Saison durchhalten kann, wird sich in den nächsten 5-6 Wochen entscheiden. Nach dem Spiel gegen Gladbach kommen gleich fünf Partien gegen direkte Konkurrenten (Frankfurt, Hamburg, Nürnberg, Stuttgart, Freiburg), in denen man sich entweder Luft verschaffen oder ganz tief in den Abstiegskampf rutschen kann. Übersteht Dutt diese Phase, wird er die Chance bekommen, die Mannschaft weiter nach seinen Vorstellungen zu formen und im Sommer weiter an der Neuaufstellung des Kaders zu arbeiten.

Auch wenn ich nicht zu einem endgültigen Urteil komme, ob Dutt weiterhin Trainer bleiben soll, muss ich feststellen, dass mir diese Frage gar nicht so wichtig ist. Entscheidend ist für mich, dass Werder den eingeschlagenen Weg weitergeht. Damit ist weniger das derzeitige Geschehen auf dem Platz gemeint, als die Umstrukturierung der wichtigen Bereiche im Verein: Die Vorbereitung auf den Abschied der alten Hasen Fischer und Lemke, die Anpassung der Jugendarbeit an die Anforderungen des Vereins oder auch die Neubesetzung im Scouting. Kurz: Die Beantwortung der Frage, wie Werder nach der Konsolidierung zu einem Mittelklasseverein wieder nach oben kommen kann, erscheint mir wichtiger, als die Trainerfrage. Deshalb war eine der wichtigsten Nachrichten der letzten Monate aus meiner Sicht auch diese hier.

Bremer Reflexe

Die Ente befindet sich im Umzugsstress, deshalb ist hier im Blog derzeit nicht viel los. Statt einzelner Spiele widme ich mich deshalb nur dem großen Ganzen.

Vor ein paar Tagen hat Werders Stadionsprecher Arnd Zeigler einen beachtlichen Artikel für den Weser-Kurier geschrieben. Er beschreibt dort etwas, das er den “mittlerweile legendären, bremen-typischen Reflex” nennt, den wir seit Beginn der Amtszeit von Thomas Schaaf 1999 etwa zwanzigmal erlebt hätten. Gemeint ist die Trainerdiskussion, die nun seit einigen Wochen immer kontroverser geführt wird. Der Inhalt des Textes lässt sich schnell zusammenfassen. Im Kern trifft Zeigler zwei Aussagen: Erstens sind Trainerdiskussionen normal und wir erleben sie ständig, zweitens beruhten Werders Erfolge darauf, sich stets selbst treu zu bleiben. Hätte man der Kritik am Trainer in den Jahren vor 2003/04 nicht standgehalten, hätte es die Erfolge in den Jahren darauf nicht gegeben.

Man kann von dem Text halten, was man will. Ich persönlich finde ihn argumentativ sehr dünn und sehe keinen großen Beitrag zur aktuellen Diskussion. Dennoch ist der Text alles andere als belanglos. Zeigler ist zwar nicht in verantwortungsvoller Position für den Verein tätig, doch er gehört zum engeren Zirkel, der viel beschworenen Werderfamilie. Der Text spiegelt ziemlich gut die Denkweise wider, die dem Verein und seinem Umfeld häufig unterstellt wird. Grundlage ist die Annahme, dass wir die Guten sind und deshalb das “Bremer Modell” von seinem Wesen her der Konkurrenz überlegen ist:

“Denn wir sind Werder Bremen. Und auch wenn man auf so manches neidisch sein kann, wäre niemand von uns gerne lieber Bayern München. Denn Werder Bremen steht für etwas. Ganz altmodisch gesagt: Werder steht für Werte, für eine Mentalität, für eine Philosophie, auf die wir alle stolz sein können. Alles, was Werder ist, verdanken wir der Tatsache, dass der Verein sich treu geblieben ist.”

Nun mag man es einem Fan nicht verübeln, den eigenen Verein als besser als den Rest anzusehen. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Denkweise den Bereich der Fanfolklore verlässt und zur scheinbar rationalen Maxime erhoben wird, von der jegliches Handeln und Denken innerhalb des Vereins ausgeht. Hier zeigt sich ein Weltbild, das dem von Religionen nicht unähnlich ist. Der eigene Überlegenheitsanspruch muss nicht begründet werden, denn er ist in sich selbst begründet. Die von Zeigler angesprochenen Werte, Philosophie und Mentalität leiten sich direkt hiervon ab.

Konkret auf die aktuelle Situation bezogen, lässt sich aus dem Text schließen, dass eine Entlassung des Trainers vor allem deshalb falsch wäre, weil sie Werders Philosophie widerspräche. Die sportlichen und wirtschaftlichen Kriterien, nach denen Sportunternehmen (und ein solches ist die Werder Bremen GmbH & Co KGaA ) ihre Entscheidungen für gewöhnlich ausrichten, spielen nur eine untergeordnete Rolle. Auch hier zeigt sich ein religionsähnlicher Ansatz: Wenn wir nur brav an unseren Werten und an unserem Weg festhalten, dann werden wir am Ende belohnt werden. So war es schon immer und so wird es auch immer sein. Jeder Stein, der uns auf dem Weg dorthin in den Weg gelegt wird, ist nur eine weitere Prüfung auf dem Weg zur Erlösung.

Es ist wohl kein Zufall, dass Zeigler in seinem Text nicht ins Detail geht, sondern im Allgemeinen bleibt, denn so kann man ihn nur schwerlich widerlegen. Doch auch wenn der “Bremer Weg” dem Verein viele Sympathien eingebracht hat, hält die Behauptung der moralischen Überlegenheit einer näheren Betrachtung kaum stand. Dafür braucht man nicht einmal die Kooperationen mit umstrittenen Unternehmen wie Wiesenhof oder Kik bemühen, dafür genügt es bereits, sich ein Spiel der D-Jugend anzuschauen. Schon dort zeigt sich im Umgang zwischen Trainern und Spielern eine extrem erfolgs- und wettbewerbsorientierte Haltung, ohne die Leistungssport kaum möglich ist.

In den guten Jahren wurde das “Bremer Modell” als Paradebeispiel für erfolgreichen Fußball dargestellt, das für den Rest der Liga ein leuchtendes Vorbild sein sollte. Werder war erfolgreich, weil man anders war, weil man langfristig dachte, weil man nicht bei jeder Minikrise den Trainer entließ. Weil man nicht Schalke, der HSV oder Bayern München war. In den schlechten Jahren dient es nun als Auffangnetz: War ja klar, dass das kleine Werder Bremen da oben nicht lange mitspielen kann, wir sind schließlich nicht Bayern München. Nun lässt sich der Standortnachteil gegenüber den Teams aus Hamburg, Berlin oder dem Ruhrgebiet mit allen damit verbundenen Folgen nicht wegdiskutieren. Dennoch gibt es für den sportlichen und damit auch finanziellen Niedergang des Vereins viele Gründe, die nichts mit den begrenzten “natürlichen” Möglichkeiten zu tun haben.

Der viel beschworene Umbruch im letzten Sommer war richtig und notwendig. Die Hoffnung auf eine neue, erfolgreiche Ära mit einem jungen, spielfreudigen Team bestand zurecht. So wagt auch Zeigler zum Ende seines Artikels nicht zufällig einen Vergleich mit Borussia Dortmund, das vor ein paar Jahren ebenfalls einen Umbruch durchführen musste:

“Eine ganz ähnliche Konstellation hat auch bei Borussia Dortmund in Jürgen Klopps Anfangszeit ganz und gar nicht sofort funktioniert.”

Der BVB wurde in Klopps erster Saison Sechster, in seiner zweiten Saison Fünfter und in der dritten Saison Meister. Es bleibt jedem selbst überlassen, dort die Parallelen zu Werders Entwicklung in dieser Saison zu suchen und finden. Die Anspruchshaltung ist bei den meisten Werderfans längst nicht mehr so groß, wie Zeigler uns glauben machen will. Hier erwartet niemand Champions League Siege und Meisterschaften in Serie. Die meisten wären mit einer leicht positiven Entwicklung und erkennbaren Fortschritten an den größten Problemstellen wohl vorerst schon zufrieden. Wie man mit geringen finanziellen Mitteln relativ erfolgreich sein kann, machen uns längst Vereine vor, die weitaus beschränkter in ihren Möglichkeiten sind, als Werder Bremen.

Letztlich muss sich der Verein entscheiden, ob und wie lange er der eigenen Folklore noch glauben will. Die Diskrepanz zwischen dem jährlich formulierten Ziel “internationaler Wettbewerb” und den tatsächlichen Ergebnissen ist inzwischen so groß, dass Männer wie Thomas Eichin und Klaus Filbry (die mir nicht übermäßig affin für sentimentale Entscheidungen zu sein scheinen) ins Grübeln geraten werden. Der immer noch zweiterfolgreichste Fußballverein Deutschlands in den letzten 50 Jahren hat schon schlimmere Krisen erlebt, als die derzeitige. Werder ist nicht dazu verdammt, auf Jahre hinweg im Niemandsland der Tabelle zu versauern. Dazu müssen jedoch die richtigen Entscheidungen getroffen werden, die bekanntlich nicht immer die bequemsten sind. Manchmal ist die bequemste Entscheidung, bei Misserfolgen den Trainer zu entlassen. Manchmal ist die bequemste Entscheidung, an einem langjährigen, fest verwurzelten Trainer festzuhalten.

Was Arnd Zeigler sagen wollte, war wohl: Man darf als Verein nicht immer dem Druck der Straße nachgeben, wenn man erfolgreich sein will. Man muss an den eigenen Werten und Zielen festhalten. Was er gesagt hat, war: Jegliche Diskussion um Thomas Schaaf war falsch, ist falsch und wird auch immer falsch bleiben. Bis in alle Ewigkeit, Amen.

Kein Abschied von Thomas Schaaf

“I don’t know why you say goodbye, I say hello.”

- Paul McCartney

Zu Beginn eine Klarstellung: Ich stimme inhaltlich mit vielen der Punkte überein, die der geschätzte Kollege Johan Petersen im oben verlinkten Blogeintrag als Gründe für einen angeblich benötigten Trainerwechsel anbringt. Ich komme dabei allerdings zu einem völlig anderen Schluss: Wir brauchen keinen neuen Trainer. Nicht jetzt und auch nicht in unmittelbarer Zukunft.

Ich sage das jedoch nicht aus einer Nibelungentreue heraus, sondern weil es meine Überzeugung ist, die ich auch begründen möchte.

Johans Argumente

Bevor ich beginne, fass ich kurz Johans Argumente zusammen: Werders Passspiel habe sich in den letzten anderthalb Jahren verschlechtert, sei langsamer und technisch schlechter geworden. Es gäbe zu wenig Automatismen und es würden zu häufig lange Bälle gespielt. Werder stagniere spielerisch, technisch und taktisch, weil die flexible Spielweise aus den Jahren der Raute im 4-2-3-1 nicht funktioniere. Der “Kreisel” schwäche das Team sogar. Dazu würden die spielerischen Trends der letzten Monate (einer der Sechser geht aggressiv mit nach vorne, Pressing in der gegnerischen Hälfte, schnelle Seitenwechsel) bei Werder nicht umgesetzt. Mesut Özil habe diese Fehlentwicklung lange überdeckt, doch seit seinem Weggang sei der Trend offensichtlich. Schaaf sei daran gescheitert, aus einem starken Kader eine funktionierende Mannschaft aufzubauen. Er habe das Team einige Male völlig falsch eingestellt und sei inzwischen auch bei seinen Umstellungen während des Spiels unglücklich – anders als etwa Louis van Gaal. Ein Beispiel für Schaafs Schwäche sei das Festhalten an Torsten Frings, der nicht mehr in die Startelf einer ambitionierten Bundesligamannschaft gehöre. Andere Mannschaften hätten sich weiterentwickelt, während Werder stagniere, was den großen Unterschied zu Mannschaften wie Mainz oder Dortmund erkläre.

Aus all diesen Dingen folgert Johann, dass Werder jetzt einen neuen Trainer brauche.

Langfristige Erfolge

Thomas Schaaf ist seit nunmehr 11 1/2 Jahren Werdertrainer. In dieser Zeit machte er aus einer spielerisch unterdurchschnittlichen Mannschaft eine der aufregendsten Fußballattraktionen des Landes. In dieser Zeit machte er aus einer grauen Maus einen der erfolgreichsten Fußballvereine der Bundesliga – nicht im Alleingang, aber in Zusammenarbeit mit Klaus Allofs. Mit alten Verdiensten ist es so eine Sache. Sie können den Blick auf die aktuelle Situation verklären und einen notwendigen Schnitt verhindern. Eine Betrachtung der aktuellen Situation sollte trotzdem im Kontext der (zumindest) letzten paar Jahre erfolgen. Nicht aus Fairness dem Trainer gegenüber, sondern aus Eigeninteresse des Vereins.

Werder ist mit seiner langfristigen Ausrichtung in den letzten 10 Jahren sehr gut gefahren und konnte so andere Vereine trotz schlechterer Ressourcen hinter sich lassen. Nicht nur sporadisch, sondern dauerhaft. Wir bekommen es in der Bundesliga immer wieder vorgeführt, wie gut eine auf kurzfristige Erfolge ausgerichtete Denkweise bei Personalentscheidungen funktioniert. Ein Umdenken in dieser Hinsicht wäre für Werder ein großer Rückschritt und ein Verlust eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale.

Es wird in den Medien häufig behauptet, Thomas Schaaf sei bei Werder per se unantastbar. Das ist falsch und war auch noch nie richtig. Thomas Schaaf hat diesen Status nur deshalb inne, weil er mit seinem Verein langfristig erfolgreich war und ist. Welcher andere Bundesligatrainer kann das von sich behaupten? Klopp ist auf gutem Wege dorthin, aber kann er Dortmund in den nächsten fünf Jahren auch in der Spitze etablieren? Im Sommer 2003, kurz vor der Double-Saison also, stand Schaaf von Seiten der Fans unter Beschuss, weil er die Mannschaft angeblich nicht mehr weiterentwickle und trotz guter Ansätze keine entscheidende Verbesserung erreiche.

Ein Trainerwechsel wäre nur dann gerechtfertigt, wenn er langfristig, also über diese Saison hinaus, die Erfolgsaussichten von Werder Bremen verbessern würde.

Die Risiken des Neubeginns

Einer Trainerdiskussion folgt zwangsläufig die Frage nach einer Alternative. Wer soll Thomas Schaaf beerben? Dieser Frage geht Johan am Ende seines Beitrags nur kurz nach: Einen neuen Dutt oder Tuchel, einen jungen Klopp müsse Werder entdecken. Ein junger Trainer also, ein Unbekannter, der bei Werder richtig durchstartet. Man könnte auch sagen: Ein neuer Thomas Schaaf. Dabei frage ich mich: Kann der alte Thomas Schaaf auch der neue Thomas Schaaf sein? Thomas Schaaf ist nun 49 Jahre alt. Er ist kein junger Hund mehr, aber er ist noch längst nicht so alt, dass man ihm eine Neuerfindung seiner Trainerpersönlichkeit nicht mehr zutrauen sollte.

Wenn man einen langjährigen Trainer ersetzt, geht man immer ein großes Risiko ein. Die Strukturen des Vereins sind über die Jahre mit Thomas Schaaf gewachsen, aber auch in ihm verwachsen. Wer Thomas Schaaf – noch dazu mitten in der Saison – entfernt, entfernt damit auch ein Stück unserer Wurzeln und einen Teil von Werder Bremens Fundament. Thomas Schaaf ist in Bremen mehr als nur Fußballtrainer. Er hat die Identität des Vereins über Jahrzehnte mitgeprägt und dabei Spuren auch außerhalb des Trainingsplatzes hinterlassen. Sein Status ist ähnlich einzuschätzen, wie der von Otto Rehhagel vor 15 Jahren, wobei jener sich deutlich mehr Feinde gemacht hat während seiner Zeit in Bremen. Die Probleme, die Werder nach Ende der Amtszeit von König Otto hatte, sollten noch nicht in Vergessenheit geraten sein. Werder brauchte Jahre, um sich davon richtig zu erholen. Schaafs Nachfolger wird ein überaus schweres Erbe anzutreten haben. Er wird sich nicht nur an dessen sportlichen Erfolgen messen lassen müssen, sondern auch an seinem Status als Identifikationsfigur.

Bevor Werder sein eigenes Fundament zum wanken bringt, sollte man sich gut überlegen, ob das Bauwerk eine Generalüberholung wirklich benötigt, oder ob es nicht mit gezielten punktuellen Ausbesserungen getan ist (und nein, wir brauchen dazu keinen Raumausstatter). Eine Demission Schaafs stellt fast zwangsläufig auch die Frage nach der Zukunft von Klaus Allofs. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass Allofs sein Schicksal von dieser Personalie abhängig macht, aber er würde sicherlich stürmischeren Zeiten entgegenblicken, erst recht wenn Schaafs Nachfolger nicht einschlägt.

Die Werderkrankheit

Seit Thomas Schaafs ersten Erfolgen hat er jedes Jahr erneut mit den gleichen Problemen zu tun: Die besten Spieler werden von der Konkurrenz weggekauft und müssen ersetzt werden: Pizarro (2001), Frings und Rost (2002), Ailton und Krstajic (2004), Ernst und Ismael (2005), Micoud (2006), Klose (2007), Borowski (2008), Diego (2009), Özil (2010). All diese Abgänge konnte Werder in irgendeiner Weise kompensieren, mal mehr, mal weniger problemlos. Klaus Allofs versorgte Schaaf mit den Rohstoffen, um seine Mannschaft immer wieder neu zusammenzusetzen. Hier ist er auch ein “Opfer” seines Arbeitgebers: Werders wirtschaftliche Voraussetzungen haben sich trotz deutlicher Zuwächse nicht so entwickelt, dass man unabhängig von Transfereinnahmen wäre. Anders gesagt: Wären die Bayern Werder Bremen, hätten sie im Sommer Schweinsteiger und Müller verkauft (und Robben im letzten Jahr gar nicht erst bekommen).

Es ist für Vereine von Werders Standing normal, die großen Stars nicht lange halten zu können. Werder und Schaaf haben diese Stars immer wieder ausgebildet, weitergebildet, groß gemacht. Ein Hauptgrund war dabei der Ansatz, einen Spieler nie durch einen anderen ersetzen zu wollen, sondern jeden Spieler mit seinen individuellen Stärken und Schwächen anzunehmen und ins Team zu integrieren. Diese Arbeit gehört zu den schwierigsten, die es im Trainergeschäft gibt, zumal Werder über die Jahre gehobene Ansprüche entwickelte und sich unter den besten 20 Mannschaften Europas etablierte. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, musste Schaaf immer wieder Kompromisse eingehen, sich neu orientieren. Johan hat Schaafs Umstellungen in dieser Saison mit einem Puzzle verglichen.

Die Wahrheit ist: Thomas Schaaf hat jedes Jahr ein neues Puzzle zu bewältigen. Häufig hatte er daraus bereits ein stimmiges Bild zusammengesetzt, bevor andere die Puzzleteile überhaupt erkannt haben. In diesem Jahr ist das anders. Wir haben Herbst und Schaaf puzzelt noch. Wir sehen die Einzelteile und fragen uns, was am Ende überhaupt dabei herauskommen soll. Mal passt es hier nicht, mal dort nicht und wir fragen uns, ob der alte Puzzlemeister das Puzzeln verlernt hat. Vor ziemlich genau einem Jahr puzzelte Louis van Gaal an den Bayern herum und brachte dabei viele eigene Fans auf die Palme. Nicht wenige erklärten seine Arbeit im letzten November für gescheitert.

Hat Schaaf wirklich sein Mojo verloren oder hat er es in dieser Saison einfach nur mit einem besonders schweren Puzzle zu tun?

Wühlen unter der Oberfläche

Wenn man sich Johans Argumentationskette durchliest und jegliche Sentimentalität ablegt, kommt man fast nicht drumherum zu denken: Er könnte recht haben. Die meisten seiner Argumente lassen sich nur schwer widerlegen. Es ist die Kombination dieser Argumente, die mir etwas zu fatalistisch erscheint. In den letzten 18 Monaten, die Johan als Zeitraum für die Negativentwicklungen anführt, hat Werder in Diego und Özil gleich zweimal den zentralen Spieler seines Offensivspiels verloren. Während die “Ära Micoud” vier Jahre dauerte und die “Ära Diego” immerhin drei Jahre, ging die “Ära Özil” zu Ende, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Es wäre vermessen zu verlangen, dass Werder diese Abgänge völlig problemlos wegstecken müsse. Es muss jedoch ein Weg zu erkennen sein, ein Plan, eine Idee. Das vermisse ich in diesen Tagen und das ist auch mein Hauptkritikpunkt an Schaaf. Hat er noch keine Idee? Konnte er sie bloß noch nicht verdeutlichen? Hat sie sich im Laufe des ersten Saisondrittels geändert? Ich habe aber in dieser Hinsicht noch Geduld mit unserem Trainer. Ich gewähre ihm einen Vertrauensvorschuss, weil er mich in der Vergangenheit oft genug überzeugt hat.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Werder nicht nur in einer punktuellen Krise steckt, sondern auch strukturelle Probleme hat. Es ist in den vergangenen Monaten nicht gelungen, diese Probleme zu lösen. Ganz im Gegenteil haben sie sich augenscheinlich sogar verschlimmert. Doch wie groß ist der Abstand zur Bundesligaspitze wirklich? Und wie groß ist daran der Anteil kurzfristiger Effekte? Ist Mainz beispielsweise wirklich besser als Werder, so dass man sicher sein kann, dass Tuchels Team am Ende der Saison auch vor uns steht? Oder besteht der Unterschied nur in der aktuellen Form? Blicken wir einmal zwei Jahre zurück: Hoffenheim dominierte die Liga mit erfrischendem und taktisch ausgereiftem Offensivfußball und stand zur Winterpause mit neun Punkten Vorsprung vor dem Tabellenneunten Werder Bremen auf Platz Eins. Hat sich Hoffenheim seit dem in der Bundesligaspitze etabliert oder eine eindeutige spielerische Identität aufgebaut? Nein. Hat Wolfsburg nach der Meisterschaft vor 1 1/2 Jahren seine Zugehörigkeit zur Bundesligaspitze nachhaltig unter Beweis gestellt? Trotz Luxuskader: Nein. Haben Stuttgart, der HSV oder Schalke sich von Werder abgesetzt? Ebenfalls nein. Ich möchte Dortmund und Mainz weder ihre momentanen Erfolge noch ihren tollen Fußball in Abrede stellen, doch wie nachhaltig sind die Entwicklungen dort? Was passiert in Mainz im Sommer, wenn ihnen Holtby und Schürrle weggekauft werden? Kann Tuchel dann mit neuen Spielern ähnliche Erfolge feiern? Möglicherweise, doch als gesicherte Erkenntnis kann man dies vom heutigen Standpunkt aus nicht ansehen.

Ebenso würde ich nicht ausschließen wollen, dass in Bremen längst ein Umbruch im Gange ist, dessen Ausgang noch ungewiss ist. Vielleicht ergibt sich aus dem Puzzle noch ein stimmiges Bild. Häufig erkennt man dies als unbeteiligter Betrachter erst spät, obwohl schon viele Teile richtig liegen. Was fehlt beispielsweise einem Marko Arnautovic noch dazu, ein richtig guter Stürmer zu sein? Hätte er gegen die Bayern und Nürnberg zwei bis drei seiner Chancen genutzt, hätte Werder die beiden Spiele vermutlich gewonnen und von Arnautovic hätte man gesagt, er habe seinen Durchbruch geschafft.

Letztlich sind die entscheidenden Fragen: Hat Thomas Schaaf die Sache noch im Griff? Kann er Werders Spiel noch in die richtige Richtung lenken? Kann er den Spielern seine Vorstellungen vermitteln? Wenn die Antwort nein lautet, brauchen wir tatsächlich einen Wechsel. Lautet sie ja, sollte man ihm die Zeit geben, die er dafür benötigt.

Die Lichtblicke

Normalerweise sucht man nach Anzeichen dafür, dass der Trainer die Mannschaft nicht mehr erreicht. Ich möchte heute das Gegenteil tun und nach Anzeichen suchen, die für Thomas Schaaf sprechen. Anzeichen jenseits der oben geäußerten Bedenken.

Lichtblick 1: Der Saisonauftakt. Sehen wir das Glas ausnahmsweise mal halbvoll. Werder hat im letzten Testspiel in der Sommerpause mit 1:5 gegen Fulham verloren und dabei zwei völlig unterschiedliche Gesichter gezeigt. Die erste Halbzeit war richtig gut und Werder spielte (mit Raute) guten Fußball. Die zweite Halbzeit war katastrophal und Werder ging (im 4-2-3-1) gnadenlos unter. Schaaf hielt zum Saisonstart deshalb an der Raute und den damals formstarken Borowski, Bargfrede und Hunt fest. Werder besiegte Sampdoria im ersten Spiel der Saison auf überzeugende Art und Weise, was vermutlich auch dem Trainer die falschen Signale sendete. Es schien aus damaliger Sicht völlig richtig, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Lichtblick 2: Bayern. Das Pokalspiel war der vorläufige Höhepunkt einer positiven Entwicklung im Monat Oktober. Innerhalb von drei Spielen steigerte sich Werder vom Trauerspiel gegen Freiburg zu einer starken Leistung beim Doublesieger der letzten Saison. Schaaf hat in diesem Spiel taktisch vieles richtig gemacht und erst in der Schlussphase mit seinen Wechseln das spielerische Element seiner Mannschaft untergraben. Nach Punkten führte er gegen Meister van Gaal, doch dann verpasste ihm Schweinsteiger den K.O.

Lichtblick 3: Twente. Parallelen zum Spiel gegen Valencia waren zu erkennen. Vorne wie hinten eine offene Angelegenheit. Wodurch unterschied sich das Werder der letzten drei Spiele vom Werder vor zwei oder drei Jahren? Mit besserer Chancenverwertung hätte man alle drei Spiele gewinnen können, die Mannschaft hätte Selbstvertrauen getankt und könnte die nächsten Schritte auf dem Weg zu alter spielerischen Klasse gehen. Vieles ist im Fußball abhängig von Erfolgen. Erfolg beflügelt, Misserfolg lähmt. Gegen Twente auszuscheiden ist bitter, aber nicht bitterer als gegen die Glasgow Rangers oder Espanyol Barcelona. Werder dürfte zum ersten Mal seit sieben Jahren in der zweiten Saisonhälfte nicht mehr international vertreten sein. Für die Bundesligasaison könnte dies ein Vorteil sein. Eine Aufholjagd in der Rückrunde halte ich nicht für unwahrscheinlich.

Fazit

Ich würde nicht ausschließen, dass dies Thomas Schaafs letzte Saison bei Werder ist. Nach dem Spiel gegen Nürnberg hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass er möglicherweise am Ende seines Weges in Bremen angekommen ist. Darauf wetten würde ich allerdings nicht. Schaaf ist niemand, der schnell aufgibt. Er ist trotz seiner Sturheit auch nicht zu verbohrt, seine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen und Dinge zu ändern. Vor vier Jahren äußerte er sich beispielsweise noch sehr abfällig über das 4-2-3-1-System, das er inzwischen selbst anwendet. Man sollte ihm die Gelegenheit geben, es uns allen noch einmal zu beweisen. Uns zu zeigen, dass er noch einmal eine Mannschaft formen kann, die mehr ist, als nur die Summe ihrer Teile. Zumindest diese Saison sollte man ihm noch Zeit und Vertrauen schenken. Wenn er bis dahin die Mannschaft nicht wieder in die Spur bekommt, kann man über seinen Abgang nachdenken. Ich denke aber, dass er dann von selbst gehen würde.

Am Ende ist es trotz aller Argumente eine Glaubensfrage: Ist Schaaf noch der richtige Mann?

“I say yes, you say no, you say why, and I say I don’t know.”