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Betriebsausflug

Bayern München – Werder Bremen 6:0 (4:0)

Man sollte meinen, dass man als Werderfan nach den letzten Jahren seine Erwartungen und Ansprüche schon genug heruntergeschraubt hätte. Nach der fußballerisch miserablen letzten Hinrunde und dem ebenso schwachen Start ins Jahr 2014 dachte ich, dass wir die Talsohle des Bremer Niedergangs inzwischen durchschritten hätten. Nach acht Spieltagen der neuen Saison muss man festhalten, dass die Leistungssteigerung im Frühling und die damit verbundenen Hoffnungen für 2014/15 wohl nur ein Zwischenhoch waren. Werder steht auf dem letzten Platz der Tabelle und das zu Recht.

Kein Torschuss, kein Offensivkonzept

Ein Spiel in München, gegen den nominell haushoch überlegenen ehemaligen Konkurrenten FC Bayern, taugt nach Meinung vieler nicht als Maßstab für Werders Leistung und ist insofern ein Spiel außer Wertung. Das sehe ich komplett anders. Zwar machte die Mannschaft durchaus den Eindruck, dass dieses Spiel und das Ergebnis für Werder nicht groß von Bedeutung wären, doch gerade das macht es so wichtig: Das letzte Feigenblatt, das Robin Dutt zuletzt als letztes Argument gegen eine Entlassung noch vorgehalten wurde, nämlich die gute Einstellung und Mentalität der Mannschaft, ist nun weggefallen.

Zur Einordnung der Niederlage genügen die nackten Zahlen nicht, obwohl die zweifelhafte Ehre, als erstes Team seit Anbeginn der Datenerhebung 1993 ohne einen einzigen Torschuss ein Spiel bestritten zu haben, bereits für sich spricht. Vor einem Jahr durfte ich das historische 0:7 gegen die Bayern im Stadion verfolgen, doch selbst in jenem Spiel zeigte Werder eine marginal bessere Leistung als an diesem achten Spieltag. Offensiv lässt sich Werders Spiel mit dem Hinweis auf das einzige Stilmittel, das seit Dutts Amtsantritt konsequent zur Anwendung kommt, vollständig beschreiben: Abstöße, Abschläge und lange Pässe an die linke Seitenauslinie bei gleichzeitiger Überladung der linken Spielfeldhälfte. Das Problem ist nicht, dass dieses Stilmittel per se schlecht wäre (auch wenn es freilich gegen Bayern nicht funktionierte), das Problem ist, dass es, wie leider viel zu oft, das einzige erkennbare offensive Stilmittel war. Die Offensive kann daher getrost als nicht existent bezeichnet werden.

Angst fressen Defensive auf

Gegen den Ball, was gegen Bayern fast die gesamte Spielzeit beinhaltet, spielte Werder zu Beginn noch einigermaßen variabel und versuchte bei Gelegenheit, etwas weiter in die gegnerische Hälfte zu verschieben und mutiger den Spielaufbau der Bayern anzulaufen (von Angriffspressing will ich nicht unbedingt sprechen). Spätestens nach dem 0:1 war es damit jedoch vorbei. Werder verteidigte passiv in einem tiefen 4-5-1 mit dennoch absurden Lücken im zentralen Mittelfeld. Soll es Hoffnung machen, dass die Vereinsführung nach dem Ruiz-Transfer in der Winterpause lechzt, während man vor der Abwehr Woche für Woche vor Augen geführt bekommt, dass man den Ausfall von Bargfrede nicht kompensieren kann? Ich kann mir kaum vorstellen, dass Eggestein und Fröde aus Werders U23 in der Bundesliga ein schwächere Leistung auf den Platz bringen könnten, als Kroos und Makiadi es als Doppel-Nicht-Sechs gegen Bayern getan haben. Wie man sich in einer so tief verteidigenden Mannschaft als defensiver Mittelfeldspieler so häufig aus der Position ziehen lassen kann, ist mir ein Rätsel.

Es wäre jedoch unfair, nur die beiden hervorzuheben, denn Normalform erreichten gegen die Bayern höchstens Di Santo und Lukimya – was bei Letzterem bedeutete, dass er sich nahtlos ins Leistungsgefüge einreihte. Fußballclown Elia demonstrierte bis zur Pause einige Male seine Schwächen in der Ballverarbeitung und durfte danach duschen gehen. Die Einwechslung von Busch als zweiten Rechtsverteidiger neben Fritz kann man mit sehr viel gutem Willen als taktischen Kniff bezeichnen, um ein noch schlimmeres Debakel zu verhindern. Ich frage mich vielmehr, wie Dutt auf die wahnsinnige Idee kommen konnte, wieder jeglicher Vernunft die rechte Seite mit Fritz und Bartels zu besetzen, einer Kombination, die schon mehrfach ihre Untauglichkeit bewiesen hat.

In der Defensive – also jenem Mannschaftsteil, der laut Dutts Aussage immer mehr Fortschritte macht – stehen inzwischen alle Spieler neben sich. Garcia spielt eine bislang unterirdische Saison, Prödl knüpft langsam an seine Leistungen aus der Spielzeit 2012/13 an und Lukimya ist nun einmal Lukimya. Fritz ging bei seinem Comeback als Kapitän voran und hob vor dem 0:5 vorbildlich den Arm, nachdem er zuvor selbst das Abseits aufgehoben hatte (Gerüchten zufolge gibt es zwischen ihm und Prödl einen Urheberrechtsstreit um dieses Markenzeichen). Caldirola ist nach seinen schwachen Leistungen zum Saisonstart bei Dutt anscheinend dauerhaft in Ungnade gefallen, während Galvez, dem sein Wechsel zu Werder langsam wie ein böser Traum vorkommen dürfte, weiterhin den Aushilfssechser spielen muss. Ob Wolf wenigstens einen der sechs Schüsse auf sein Tor hätte halten müssen, möchte ich an dieser Stelle gar nicht diskutieren, aber auch er spielt, trotz eines Ausreißers nach oben gegen Freiburg, eine deutlich schlechtere Saison.

Die Krise verschärft sich

Wer angesichts dieser Leistung weiterhin auf die Idee kommt, dass Werder aktuell nicht wie ein Tabellenletzter spiele, sollte mehr Bundesligaspiele schauen. Der vor der Saison als sicherer Absteiger gehandelte SC Paderborn ist in München weitaus besser aufgetreten. Gegen Werder musste Bayern in den 90 Minuten nur selten das eher gemächliche Spieltempo erhöhen und konnte Werder quasi im Vorbeigehen aus dem Stadion passen. Ein einfacheres Spiel werden sie in dieser Saison kaum noch absolvieren dürfen und vermutlich auch keine einfachere Trainingseinheit. Vermutlich hätte man gegen Bayern auch mit einer deutlich besseren Leistung nicht gepunktet, doch das Ergebnis ist für die Bestandsaufnahme tatsächlich zweitrangig.

Es lässt sich immer mehr erkennen, dass Werder einem gefährlichen Trend folgt: Erst hielten sich Stärken und Schwächen noch die Waage, dann verschärften sich die Unzulänglichkeiten, während die Stärken nicht über ein paar Ansätze hinausgingen – gerade noch sichtbar genug, um sich öffentlich darauf zu berufen. Wie zu befürchten war, hinterlassen die ständigen Rückstände langsam Spuren bei der Mannschaft. Werder lag in dieser Saison von 720 Spielminuten ganze 15 in Führung. Das ängstliche Spiel gegen Bayern hat gezeigt, dass der Glaube an die eigene Stärke schwindet, was angesichts der Ergebnisse nicht verwunderlich, trotzdem aber sehr gefährlich ist. Neben der strukturellen Krise, in der sich Werder nach wie vor befindet, steckt man derzeit auch in einer ganz akuten sportlichen Krise, die keineswegs nur eine Ergebniskrise ist. Die Mannschaft mag vom Potenzial her ins Mittelfeld der Liga gehören, von den durchschnittlich gezeigten Leistungen her jedoch nicht.

Dutt muss gehen – doch wann?

Noch scheuen sich die Verantwortlichen die Reißleine zu ziehen. Man will schließlich nicht Werders guten Ruf als langfristig denkender Verein, bei dem einem Trainer Zeit gegeben wird, weiter ramponieren und mit jeder Trainerentlassung wird man mehr zu einem “normalen” Verein. Und wenn man angesichts von 43 Punkten und 88 Gegentoren in 42 Bundesligaspielen unter Dutt auch bei einer weniger kurzfristigen Betrachtung wenige Argumente für den Verbleib des Trainers findet, ist im Fußball manchmal trotzdem kurzfristiges Handeln gefragt. Werder ist nach durchaus vielversprechendem Saisonbeginn in eine Krise geschlittert und kann sich schlichtweg nicht erlauben, bis zur Winterpause auf eine Kehrtwende zu hoffen und dann erst zu reagieren. Anders als die meisten anderen Vereine läuft Werder nicht Gefahr, einen Trainer zu früh oder unüberlegt zu entlassen, sondern, aus oben genannten Gründen, zu lange an ihm festzuhalten. Hinzu kommt, dass Eichin wohl selbst nicht so sicher im Sattel sitzt, dass er mehr als einen Trainerwechsel in dieser Saison überstehen würde, von den finanziellen Implikationen ganz abgesehen. Der Trainerwechsel, egal wann er kommt, muss sitzen.

Das Spiel gegen Köln dürfte dennoch zum Endspiel für Robin Dutt werden. Ich kann diese Entscheidung aus Sicht des Vereins verstehen, halte sie sportlich aber für falsch. Unabhängig vom Ausgang des Spiels gegen Köln braucht Werder einen neuen Trainer. Robin Dutt hat sich durch einige fragwürdige Entscheidungen in eine Sackgasse manövriert. Er hält an einem defensiv anfälligen 4-4-2 ohne eigenen Spielaufbau fest und setzt auf eine Spielweise mit vielen hohen Bällen, bei der man selbst als Fan des Vereins kaum darauf hoffen mag, dass sie Erfolg hat. Moderner Fußball – Gegenpressing hin oder her – sieht anders aus. Hinzu kommen fragwürdige Personalentscheidungen und zunehmende Sturheit, die ich beim Pragmatiker Dutt in der letzten Saison so nicht erlebt habe. Auf der Habenseite stehen Verbesserungen im Gegenpressing und (im Vergleich zur letzten Saison) bei den Abläufen im Angriffsdrittel. Das ist, mit Verlaub, eine ziemlich schlechte Bilanz für einen Trainer.

Es liegt mir eigentlich fern, den Kopf eines Trainers zu fordern, doch meiner Meinung nach führt kein Weg daran vorbei, Robin Dutt zu entlassen – und das möglichst bald.

Kein Abschied von Thomas Schaaf

“I don’t know why you say goodbye, I say hello.”

- Paul McCartney

Zu Beginn eine Klarstellung: Ich stimme inhaltlich mit vielen der Punkte überein, die der geschätzte Kollege Johan Petersen im oben verlinkten Blogeintrag als Gründe für einen angeblich benötigten Trainerwechsel anbringt. Ich komme dabei allerdings zu einem völlig anderen Schluss: Wir brauchen keinen neuen Trainer. Nicht jetzt und auch nicht in unmittelbarer Zukunft.

Ich sage das jedoch nicht aus einer Nibelungentreue heraus, sondern weil es meine Überzeugung ist, die ich auch begründen möchte.

Johans Argumente

Bevor ich beginne, fass ich kurz Johans Argumente zusammen: Werders Passspiel habe sich in den letzten anderthalb Jahren verschlechtert, sei langsamer und technisch schlechter geworden. Es gäbe zu wenig Automatismen und es würden zu häufig lange Bälle gespielt. Werder stagniere spielerisch, technisch und taktisch, weil die flexible Spielweise aus den Jahren der Raute im 4-2-3-1 nicht funktioniere. Der “Kreisel” schwäche das Team sogar. Dazu würden die spielerischen Trends der letzten Monate (einer der Sechser geht aggressiv mit nach vorne, Pressing in der gegnerischen Hälfte, schnelle Seitenwechsel) bei Werder nicht umgesetzt. Mesut Özil habe diese Fehlentwicklung lange überdeckt, doch seit seinem Weggang sei der Trend offensichtlich. Schaaf sei daran gescheitert, aus einem starken Kader eine funktionierende Mannschaft aufzubauen. Er habe das Team einige Male völlig falsch eingestellt und sei inzwischen auch bei seinen Umstellungen während des Spiels unglücklich – anders als etwa Louis van Gaal. Ein Beispiel für Schaafs Schwäche sei das Festhalten an Torsten Frings, der nicht mehr in die Startelf einer ambitionierten Bundesligamannschaft gehöre. Andere Mannschaften hätten sich weiterentwickelt, während Werder stagniere, was den großen Unterschied zu Mannschaften wie Mainz oder Dortmund erkläre.

Aus all diesen Dingen folgert Johann, dass Werder jetzt einen neuen Trainer brauche.

Langfristige Erfolge

Thomas Schaaf ist seit nunmehr 11 1/2 Jahren Werdertrainer. In dieser Zeit machte er aus einer spielerisch unterdurchschnittlichen Mannschaft eine der aufregendsten Fußballattraktionen des Landes. In dieser Zeit machte er aus einer grauen Maus einen der erfolgreichsten Fußballvereine der Bundesliga – nicht im Alleingang, aber in Zusammenarbeit mit Klaus Allofs. Mit alten Verdiensten ist es so eine Sache. Sie können den Blick auf die aktuelle Situation verklären und einen notwendigen Schnitt verhindern. Eine Betrachtung der aktuellen Situation sollte trotzdem im Kontext der (zumindest) letzten paar Jahre erfolgen. Nicht aus Fairness dem Trainer gegenüber, sondern aus Eigeninteresse des Vereins.

Werder ist mit seiner langfristigen Ausrichtung in den letzten 10 Jahren sehr gut gefahren und konnte so andere Vereine trotz schlechterer Ressourcen hinter sich lassen. Nicht nur sporadisch, sondern dauerhaft. Wir bekommen es in der Bundesliga immer wieder vorgeführt, wie gut eine auf kurzfristige Erfolge ausgerichtete Denkweise bei Personalentscheidungen funktioniert. Ein Umdenken in dieser Hinsicht wäre für Werder ein großer Rückschritt und ein Verlust eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale.

Es wird in den Medien häufig behauptet, Thomas Schaaf sei bei Werder per se unantastbar. Das ist falsch und war auch noch nie richtig. Thomas Schaaf hat diesen Status nur deshalb inne, weil er mit seinem Verein langfristig erfolgreich war und ist. Welcher andere Bundesligatrainer kann das von sich behaupten? Klopp ist auf gutem Wege dorthin, aber kann er Dortmund in den nächsten fünf Jahren auch in der Spitze etablieren? Im Sommer 2003, kurz vor der Double-Saison also, stand Schaaf von Seiten der Fans unter Beschuss, weil er die Mannschaft angeblich nicht mehr weiterentwickle und trotz guter Ansätze keine entscheidende Verbesserung erreiche.

Ein Trainerwechsel wäre nur dann gerechtfertigt, wenn er langfristig, also über diese Saison hinaus, die Erfolgsaussichten von Werder Bremen verbessern würde.

Die Risiken des Neubeginns

Einer Trainerdiskussion folgt zwangsläufig die Frage nach einer Alternative. Wer soll Thomas Schaaf beerben? Dieser Frage geht Johan am Ende seines Beitrags nur kurz nach: Einen neuen Dutt oder Tuchel, einen jungen Klopp müsse Werder entdecken. Ein junger Trainer also, ein Unbekannter, der bei Werder richtig durchstartet. Man könnte auch sagen: Ein neuer Thomas Schaaf. Dabei frage ich mich: Kann der alte Thomas Schaaf auch der neue Thomas Schaaf sein? Thomas Schaaf ist nun 49 Jahre alt. Er ist kein junger Hund mehr, aber er ist noch längst nicht so alt, dass man ihm eine Neuerfindung seiner Trainerpersönlichkeit nicht mehr zutrauen sollte.

Wenn man einen langjährigen Trainer ersetzt, geht man immer ein großes Risiko ein. Die Strukturen des Vereins sind über die Jahre mit Thomas Schaaf gewachsen, aber auch in ihm verwachsen. Wer Thomas Schaaf – noch dazu mitten in der Saison – entfernt, entfernt damit auch ein Stück unserer Wurzeln und einen Teil von Werder Bremens Fundament. Thomas Schaaf ist in Bremen mehr als nur Fußballtrainer. Er hat die Identität des Vereins über Jahrzehnte mitgeprägt und dabei Spuren auch außerhalb des Trainingsplatzes hinterlassen. Sein Status ist ähnlich einzuschätzen, wie der von Otto Rehhagel vor 15 Jahren, wobei jener sich deutlich mehr Feinde gemacht hat während seiner Zeit in Bremen. Die Probleme, die Werder nach Ende der Amtszeit von König Otto hatte, sollten noch nicht in Vergessenheit geraten sein. Werder brauchte Jahre, um sich davon richtig zu erholen. Schaafs Nachfolger wird ein überaus schweres Erbe anzutreten haben. Er wird sich nicht nur an dessen sportlichen Erfolgen messen lassen müssen, sondern auch an seinem Status als Identifikationsfigur.

Bevor Werder sein eigenes Fundament zum wanken bringt, sollte man sich gut überlegen, ob das Bauwerk eine Generalüberholung wirklich benötigt, oder ob es nicht mit gezielten punktuellen Ausbesserungen getan ist (und nein, wir brauchen dazu keinen Raumausstatter). Eine Demission Schaafs stellt fast zwangsläufig auch die Frage nach der Zukunft von Klaus Allofs. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass Allofs sein Schicksal von dieser Personalie abhängig macht, aber er würde sicherlich stürmischeren Zeiten entgegenblicken, erst recht wenn Schaafs Nachfolger nicht einschlägt.

Die Werderkrankheit

Seit Thomas Schaafs ersten Erfolgen hat er jedes Jahr erneut mit den gleichen Problemen zu tun: Die besten Spieler werden von der Konkurrenz weggekauft und müssen ersetzt werden: Pizarro (2001), Frings und Rost (2002), Ailton und Krstajic (2004), Ernst und Ismael (2005), Micoud (2006), Klose (2007), Borowski (2008), Diego (2009), Özil (2010). All diese Abgänge konnte Werder in irgendeiner Weise kompensieren, mal mehr, mal weniger problemlos. Klaus Allofs versorgte Schaaf mit den Rohstoffen, um seine Mannschaft immer wieder neu zusammenzusetzen. Hier ist er auch ein “Opfer” seines Arbeitgebers: Werders wirtschaftliche Voraussetzungen haben sich trotz deutlicher Zuwächse nicht so entwickelt, dass man unabhängig von Transfereinnahmen wäre. Anders gesagt: Wären die Bayern Werder Bremen, hätten sie im Sommer Schweinsteiger und Müller verkauft (und Robben im letzten Jahr gar nicht erst bekommen).

Es ist für Vereine von Werders Standing normal, die großen Stars nicht lange halten zu können. Werder und Schaaf haben diese Stars immer wieder ausgebildet, weitergebildet, groß gemacht. Ein Hauptgrund war dabei der Ansatz, einen Spieler nie durch einen anderen ersetzen zu wollen, sondern jeden Spieler mit seinen individuellen Stärken und Schwächen anzunehmen und ins Team zu integrieren. Diese Arbeit gehört zu den schwierigsten, die es im Trainergeschäft gibt, zumal Werder über die Jahre gehobene Ansprüche entwickelte und sich unter den besten 20 Mannschaften Europas etablierte. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, musste Schaaf immer wieder Kompromisse eingehen, sich neu orientieren. Johan hat Schaafs Umstellungen in dieser Saison mit einem Puzzle verglichen.

Die Wahrheit ist: Thomas Schaaf hat jedes Jahr ein neues Puzzle zu bewältigen. Häufig hatte er daraus bereits ein stimmiges Bild zusammengesetzt, bevor andere die Puzzleteile überhaupt erkannt haben. In diesem Jahr ist das anders. Wir haben Herbst und Schaaf puzzelt noch. Wir sehen die Einzelteile und fragen uns, was am Ende überhaupt dabei herauskommen soll. Mal passt es hier nicht, mal dort nicht und wir fragen uns, ob der alte Puzzlemeister das Puzzeln verlernt hat. Vor ziemlich genau einem Jahr puzzelte Louis van Gaal an den Bayern herum und brachte dabei viele eigene Fans auf die Palme. Nicht wenige erklärten seine Arbeit im letzten November für gescheitert.

Hat Schaaf wirklich sein Mojo verloren oder hat er es in dieser Saison einfach nur mit einem besonders schweren Puzzle zu tun?

Wühlen unter der Oberfläche

Wenn man sich Johans Argumentationskette durchliest und jegliche Sentimentalität ablegt, kommt man fast nicht drumherum zu denken: Er könnte recht haben. Die meisten seiner Argumente lassen sich nur schwer widerlegen. Es ist die Kombination dieser Argumente, die mir etwas zu fatalistisch erscheint. In den letzten 18 Monaten, die Johan als Zeitraum für die Negativentwicklungen anführt, hat Werder in Diego und Özil gleich zweimal den zentralen Spieler seines Offensivspiels verloren. Während die “Ära Micoud” vier Jahre dauerte und die “Ära Diego” immerhin drei Jahre, ging die “Ära Özil” zu Ende, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Es wäre vermessen zu verlangen, dass Werder diese Abgänge völlig problemlos wegstecken müsse. Es muss jedoch ein Weg zu erkennen sein, ein Plan, eine Idee. Das vermisse ich in diesen Tagen und das ist auch mein Hauptkritikpunkt an Schaaf. Hat er noch keine Idee? Konnte er sie bloß noch nicht verdeutlichen? Hat sie sich im Laufe des ersten Saisondrittels geändert? Ich habe aber in dieser Hinsicht noch Geduld mit unserem Trainer. Ich gewähre ihm einen Vertrauensvorschuss, weil er mich in der Vergangenheit oft genug überzeugt hat.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Werder nicht nur in einer punktuellen Krise steckt, sondern auch strukturelle Probleme hat. Es ist in den vergangenen Monaten nicht gelungen, diese Probleme zu lösen. Ganz im Gegenteil haben sie sich augenscheinlich sogar verschlimmert. Doch wie groß ist der Abstand zur Bundesligaspitze wirklich? Und wie groß ist daran der Anteil kurzfristiger Effekte? Ist Mainz beispielsweise wirklich besser als Werder, so dass man sicher sein kann, dass Tuchels Team am Ende der Saison auch vor uns steht? Oder besteht der Unterschied nur in der aktuellen Form? Blicken wir einmal zwei Jahre zurück: Hoffenheim dominierte die Liga mit erfrischendem und taktisch ausgereiftem Offensivfußball und stand zur Winterpause mit neun Punkten Vorsprung vor dem Tabellenneunten Werder Bremen auf Platz Eins. Hat sich Hoffenheim seit dem in der Bundesligaspitze etabliert oder eine eindeutige spielerische Identität aufgebaut? Nein. Hat Wolfsburg nach der Meisterschaft vor 1 1/2 Jahren seine Zugehörigkeit zur Bundesligaspitze nachhaltig unter Beweis gestellt? Trotz Luxuskader: Nein. Haben Stuttgart, der HSV oder Schalke sich von Werder abgesetzt? Ebenfalls nein. Ich möchte Dortmund und Mainz weder ihre momentanen Erfolge noch ihren tollen Fußball in Abrede stellen, doch wie nachhaltig sind die Entwicklungen dort? Was passiert in Mainz im Sommer, wenn ihnen Holtby und Schürrle weggekauft werden? Kann Tuchel dann mit neuen Spielern ähnliche Erfolge feiern? Möglicherweise, doch als gesicherte Erkenntnis kann man dies vom heutigen Standpunkt aus nicht ansehen.

Ebenso würde ich nicht ausschließen wollen, dass in Bremen längst ein Umbruch im Gange ist, dessen Ausgang noch ungewiss ist. Vielleicht ergibt sich aus dem Puzzle noch ein stimmiges Bild. Häufig erkennt man dies als unbeteiligter Betrachter erst spät, obwohl schon viele Teile richtig liegen. Was fehlt beispielsweise einem Marko Arnautovic noch dazu, ein richtig guter Stürmer zu sein? Hätte er gegen die Bayern und Nürnberg zwei bis drei seiner Chancen genutzt, hätte Werder die beiden Spiele vermutlich gewonnen und von Arnautovic hätte man gesagt, er habe seinen Durchbruch geschafft.

Letztlich sind die entscheidenden Fragen: Hat Thomas Schaaf die Sache noch im Griff? Kann er Werders Spiel noch in die richtige Richtung lenken? Kann er den Spielern seine Vorstellungen vermitteln? Wenn die Antwort nein lautet, brauchen wir tatsächlich einen Wechsel. Lautet sie ja, sollte man ihm die Zeit geben, die er dafür benötigt.

Die Lichtblicke

Normalerweise sucht man nach Anzeichen dafür, dass der Trainer die Mannschaft nicht mehr erreicht. Ich möchte heute das Gegenteil tun und nach Anzeichen suchen, die für Thomas Schaaf sprechen. Anzeichen jenseits der oben geäußerten Bedenken.

Lichtblick 1: Der Saisonauftakt. Sehen wir das Glas ausnahmsweise mal halbvoll. Werder hat im letzten Testspiel in der Sommerpause mit 1:5 gegen Fulham verloren und dabei zwei völlig unterschiedliche Gesichter gezeigt. Die erste Halbzeit war richtig gut und Werder spielte (mit Raute) guten Fußball. Die zweite Halbzeit war katastrophal und Werder ging (im 4-2-3-1) gnadenlos unter. Schaaf hielt zum Saisonstart deshalb an der Raute und den damals formstarken Borowski, Bargfrede und Hunt fest. Werder besiegte Sampdoria im ersten Spiel der Saison auf überzeugende Art und Weise, was vermutlich auch dem Trainer die falschen Signale sendete. Es schien aus damaliger Sicht völlig richtig, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Lichtblick 2: Bayern. Das Pokalspiel war der vorläufige Höhepunkt einer positiven Entwicklung im Monat Oktober. Innerhalb von drei Spielen steigerte sich Werder vom Trauerspiel gegen Freiburg zu einer starken Leistung beim Doublesieger der letzten Saison. Schaaf hat in diesem Spiel taktisch vieles richtig gemacht und erst in der Schlussphase mit seinen Wechseln das spielerische Element seiner Mannschaft untergraben. Nach Punkten führte er gegen Meister van Gaal, doch dann verpasste ihm Schweinsteiger den K.O.

Lichtblick 3: Twente. Parallelen zum Spiel gegen Valencia waren zu erkennen. Vorne wie hinten eine offene Angelegenheit. Wodurch unterschied sich das Werder der letzten drei Spiele vom Werder vor zwei oder drei Jahren? Mit besserer Chancenverwertung hätte man alle drei Spiele gewinnen können, die Mannschaft hätte Selbstvertrauen getankt und könnte die nächsten Schritte auf dem Weg zu alter spielerischen Klasse gehen. Vieles ist im Fußball abhängig von Erfolgen. Erfolg beflügelt, Misserfolg lähmt. Gegen Twente auszuscheiden ist bitter, aber nicht bitterer als gegen die Glasgow Rangers oder Espanyol Barcelona. Werder dürfte zum ersten Mal seit sieben Jahren in der zweiten Saisonhälfte nicht mehr international vertreten sein. Für die Bundesligasaison könnte dies ein Vorteil sein. Eine Aufholjagd in der Rückrunde halte ich nicht für unwahrscheinlich.

Fazit

Ich würde nicht ausschließen, dass dies Thomas Schaafs letzte Saison bei Werder ist. Nach dem Spiel gegen Nürnberg hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass er möglicherweise am Ende seines Weges in Bremen angekommen ist. Darauf wetten würde ich allerdings nicht. Schaaf ist niemand, der schnell aufgibt. Er ist trotz seiner Sturheit auch nicht zu verbohrt, seine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen und Dinge zu ändern. Vor vier Jahren äußerte er sich beispielsweise noch sehr abfällig über das 4-2-3-1-System, das er inzwischen selbst anwendet. Man sollte ihm die Gelegenheit geben, es uns allen noch einmal zu beweisen. Uns zu zeigen, dass er noch einmal eine Mannschaft formen kann, die mehr ist, als nur die Summe ihrer Teile. Zumindest diese Saison sollte man ihm noch Zeit und Vertrauen schenken. Wenn er bis dahin die Mannschaft nicht wieder in die Spur bekommt, kann man über seinen Abgang nachdenken. Ich denke aber, dass er dann von selbst gehen würde.

Am Ende ist es trotz aller Argumente eine Glaubensfrage: Ist Schaaf noch der richtige Mann?

“I say yes, you say no, you say why, and I say I don’t know.”