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Werder in Belek 2016

Gastbeitrag von Sebastian Cario

Nachdem ich im letzten Jahr keinen Bericht aus Belek beigesteuert habe, hat es jetzt doch wieder in den Fingern gejuckt. Es sind dieses Jahr auch einfach wieder einige Dinge passiert, die die Zuhausegebliebenen interessieren drüfte:

Die Testspiele

Werder – Adana Demirspor 7:0 (3:0)

Ein lockerer Aufgalopp gegen einen unterklassigen Gegner. Ein Muster ohne Wert aber möglicherweise wichtig für die Stimmung.

 Werder – Aue 1:3 (1:3)

Der zweite Anzug sitzt nicht. Es ist mehr als verwunderlich, dass die zweite Reihe die sich bietenden Chancen nicht nutzt. Die Überlegenheit Aues war frappierend. In allen Belangen (Passquote, Zweikämpfe, Chancen) wurde der Werder-Elf der Schneid abgekauft. Besonders enttäuschend wieder einmal Felix Kross, der als 6er nicht in die Zweikämpfe kam und dem Spiel keinerlei Struktur gab. Dies machte es dem Rest der Mannschaft auch nicht einfach und so endete das Aufbauspiel in Fehlpässen, die von den aufmerksamen Auern auch genutzt worden.

Einziger Lichtblick: Giorgi Papunashvili der hin und wieder Akzente setzen konnte und den Treffer beisteuerte. Aber auch er muss in Sachen Spielverständnis, körperliche Rebustheit und Spielgeschwindigkeit noch deutlich zulegen, um irgendwann eine Option für die Bundesliga werden zu können.

Werder – Sivasspor 0:0 (0:0)

Ok – das fasst diesen Test zusammen. Gegen den 15. der türkischen Liga lies Werder wenig zu, konnte aber selbst kein Tor erzielen. Die wenigen guten Chancen wurden vergeben oder vom starken Torwart der Türken pariert. Sympthomatisch der vergebene Elfmeter von Fritz in der 90. Minute, der einfach nur schwach geschossen war.

Des Weiteren wirkte die verletzungsbedingte Auswechselung von Bargfrede deutlich auf die Mannschaft ein und beeinflusste die Spieleröffnung negativ. Im zweiten Durchgang wechselte Skriptnik auf ein flaches 4-4-2 bei dem mit Fröde und Fritz zwei zentralere Anspielstationen zur Verfügung standen. Dies führte zwar zu einem verbesserten Aufbauspiel und weiteren Chancen, aber reichte am Ende nicht für ein Tor.

Werder – Baku 1:0 (1:0)

Wie Werders U23 einige Tage zuvor siegten auch die Profis mit 1:0. Baku zeigte sich merklich verbessert und motivierter, kann aber allenfalls mit einem deutschen Regionalligisten verglichen werden. Dafür war das Ergebnis schwach, denn ein wirkliches Mehr an Chancen konnte Werder nicht verbuchen. Die Partie hindurch spielte Werder mit einem 4-4-2 mit zwei zentralen sich offensiv und defensiv abwechselnden Mittelfeldspielern. Offensiv wurde zu harmlos agiert und auch defensiv erschien die Werde-Elf anfällig, wenn die Kommunikation im zentralen Mittelfeld nicht stimmte. Den Treffer des Tages erziele Pizzaro nach einem technisch starken Querpass von Testspieler Jordan Morris. Mit Lazlo Kleinheisler kam auch der zweite Testspieler zum Einsatz und war gerade in der ersten Halbzeit ein belebendes Element.

Werder – Austria Wien 2:2 (1:0)

Im finalen Test verschenkte Werder den Sieg in der Schlussphase, als die Kräfte nachließn und vorher gute Chancen liegengelassen worden sind. Wie schon beim ersten Test des Tages wurde durchgehend ein flaches 4-4-2 mit Kroos und Junuzovic gespielt. Im Gegensatz zu Baku hatte Bremen mit dem Österreicher jemanden drin, der das Spiel auch offensiv ankurbeln konnte. Werder war 60 Minuten lang die klar bessere Manschaft. Da die Wiener zur Pause komplett wechselten ging Werder zusehends die Puste aus, so dass der Ausgleich in der Nachspielzeit die logische Konsequenz darstellte. Randnotiz: Jasper Verlaat (Sohn von Ex-Werderaner Frank Verlaat) gab in der 83. Minute sein Profidebut für Werder.

Die Testspieler

Jordan Morris

Zeigte, dass er auch als College-Spieler konditionell mithalten kann, auch wenn ihm am Ende des Testspiels die Puste ausging. Im Training wirkte er sehr motiviert und mit viel Kraft und Willen ausgestattet. Er zeigte in einigen Einheiten, dass er weiß wo das Tor steht und war deutlich abschlussstärker als beispielsweise Lorenzen, Bartels und Eggestein. Verbesserungen im Bereich Dribbling (1 gegen 1) und dem taktischen Verständnis sind allerdings noch nötig.

Lazlo Kleinheisler

Im Training zeigte er sich nicht auffällig, überzeugte aber dafür im Test gegen Baku mit guter Ballbehandlung, Spielübersicht und Wuseligkeit. Suchte zudem den Abschluss und war in der ersten Halbzeit klar der beste Mann auf dem Platz. Ein Fragezeichen bleibt hinter der körperlichen Robustheit. Gegen Baku konnte er auf Grund seiner Technik vielen Situationen aus dem Weg gehen. Es ist aber gut vorstellbar, dass er bei einem schnellen Bundesligaspiel intensiver attackiert wird und so den Mut zum Dribbling verliert.

Testspieler Fazit

Es wurde deutlich, dass beide nicht ohne Grund zu Werder eingeladen wurden. Es sind beides Spielertypen, die Werder so im Kader nicht hat und etwas mehr Flexibilität bringen würden. Es wäre nicht überraschend, wenn es – vorausgesetzt der Verpflichtung – bei beiden zu einigen Einsätzen in der Rückrunde reicht.

Die Transfergerüchte

Fehlanzeige. Eichin wiegelte schon im Vorfeld ab, da einfach kein Geld zur Verfügung steht. So konzentrierte man sich auf die beiden Testspieler (siehe oben). Immerhin wurde die Sommerverpflichtung von Thanos Petsos unter Dach und Fach gebracht und war damit schon das Highlight in dieser Hinsicht.

Der Trainerstab

Skripnik wirkte sehr entspannt und hatte sichtlich Spaß an der Arbeit, mischte hin und wieder auch kräftig mit. Auch seine Aussagen und Umgang mit der Presse haben sich merklich verbessert. Die Zeit der Dünnhäutigkeit und der patzigen Kommentare ist anscheinend erst einmal vorbei. Es bleibt allerdings abzuwarten, wie es sich im weiteren Saisonverlauf verhält.

Frings hielt sich mekrlich zurück und fokussierte sich auf die Trainingsarbeit. Hier korrigierte er immer wieder die Spieler und nutze sein Können, um bei Übungen den Defensivpart oder den Flankengeber zu spielen. Insgesamt eine sehr zurückhaltende Rolle, auch und gerade während der Testspiele.

Kohfeld zeigte sich einmal mehr für die Taktik verantwortlich und übernahm auch taktische Korrekturen während Training und Spiel.

Die Mannschaft

Ich kann nicht zu jedem Spieler etwas schreiben, deshalb ist die Liste unvollständig:

Oelschlägel: Ersten Profivertrag unterschrieben und gute Torwartleistungen im Training gezeigt. Stark auf der Linie, muss allerdings an Strafraumbeherrschung und Spiel mit dem Fuß arbeiten.

Guwara: War nach guten Leistungen in der U23 bei den Profis dabei. Seine Beidfüßigkeit kann eine Waffe werden. Körperlich robuster als Zander, technisch besser als Busch. Von den Jungprofis als rechter Verteidiger wohl der kompletteste Spieler. Könnte einer für die Zukunft sein.

Junuzovic: Zurück nach Verletzung und ohne Angst vor dem Zweikampf. Nur wenn auch er eine bessere Rückrunde spielt, wird Werder die Klasse halten.

Bargfrede: Fast schon klassisch ohne die Mannschaft zurückgeflogen. Gestern dann die Entwarnung, es ist wohl nicht so schlimm. Wenn fit, ist er unersätzlich.

Kroos: Ganz schlimme Leistung gegen Aue, verbessert gegen Wien. Scheint auch seine Einstellung zum Profileben überdacht zu haben und zog in den Trainings voll mit. Vermutlich weiß er, was die Uhr geschlagen hat.

Lorenzen: Was ist nur mit diesem Jungen los? Das war gar nichts. In dieser Form hat er bei den Profis nichts zu suchen. Abschlussschwach, keine Chance im 1 gegen 1 und auch seine Schnelligkeit konnte er nie ausspielen.

Galvez: Leistete sich in den Tests immer wieder böse Fehlpässe, die auch mit nachlassender Kondition nicht zu erklären sind. Setzt dafür immer wieder auf lange diagonale Bälle, die zumeist auch den Mitspieler finden. Auch im Zweikampf gewohnt robust. Solide Leistung, wenn er die Fehler abstellt wird er richtig wichtig.

Pizarro: Wirkte müde. Weiß zwar nach wie vor, wo das Tor steht, allerdings kommen Zweifel auf, ob es für weitere Startelfeinsätze reicht.

Eggestein: Fleißig wie eh und je, fehlt ihm nach wie vor etwas Physis. Zudem zögerlich beim Abschluss und schwach, wenn er es doch einmal versucht.

Sternberg: Machte einen guten Eindruck im Training. Bitter die Verletzung im Test, das wird ihn leider deutlich zurückwerfen.

U. Garcia: Als Linksverteidiger nicht zu gebrauchen. Nach Sternbergs Aus liefen alle Angriffe über seine Seite. Nach vorne leider immer noch etwas zu langsam im Abspiel. Ist aber auch erst 19 und sein Talent ist unübersehbar. Durch Sternbergs Ausfall erst einmal auf der Bank gesetzt.

Grillitsch: Bester Mann bei den Abschlussübungen im Training. Seine Standards sind auch häufig gefährlich, wenn er sie scharf genug hereinbringt. Wird zur Rückrunde wohl sicher in der Startelf stehen.

Fritz: Will es weiter wissen. Ackert, kämpft, rennt, treibt an. Wichtig auf und neben dem Platz.

Ötztunali: Zeigt sich weiter verbessert. Stark auf dem Flügel, kommt ihm das flache 4-4-2 eher entgegen. Seine Hereingaben müssen allerdings noch schärfer und präziser werden.

Papunashvili: Gute Ansätze, aber sollte noch keine Option für die Rückrunde werden. Es fehlt noch an Physis und Schnelligkeit im Spiel.

Das Training

Neben den üblichen konditionellen Übungen war klar ersichtlich, dass ein Fokus im Aufbauspiel aus der Defensive heraus liegen sollte. Hierzu wurden verschiedene Übungen und Situationen trainiert. Auch das Gegenpressing und Zustellen bei Abstoß des Gegners (Manndeckung) wurden sowohl im Training, als auch in den Tests praktiziert. Es bleibt allerdings abzuwarten, in wie fern die Spieler das auch unter Bundesligabedingungen umsetzen können, denn das Tempo dieser Übungen war mäßig bis schleppend und die Klasse der Testspielgegner sehr überschaubar.

Standards standen ebenfalls auf dem Plan und wurden als Schwäche ausgemacht. Anscheinend hatte man sich auf die guten Standards der Vorsaison verlassen und auch unter der Formschwäche Junuzuvics zu leiden. Dieser schob Sonderschichten um das Gefühl für den Freistoß zurückerlangen zu können. Ecken wurden zunehmend auch kurz ausgeführt, der Erfolg blieb allerdings auch hier aus.

Tino Polster

Werder trennt sich von Polster. So weit, so bekannt geworden. Dennoch wirft diese Personalie Fragen auf. Ja, Polster war extern nicht unumstritten. Auch ich persönlich bin einige Male mit ihm in Konflikt gekommen und wurde beospielsweise 2010 angefeindet, dass Zitate und Vorkommnisse aus dem Trainingslager erst der Presse vorbehalten sein müssen und kein dahergelaufener Blogger (oder noch schlimmer: Twitterer) diese vorher veröffentlichen sollte. Etwas, das Werder ein Jahr später dann selbst übernahm.

Ich erinnere mich auch zudem an Twitter Accounts von Fans, die aufgrund von fragwürdigen Markenrechtsverletzungen geschlossen worden und Auseinandersetzungen mit dem Worum, das Teile der Werder-Raute im Logo verwendete bzw. verwenden wollte, welches Polster grundlos verneinte. Hier war ersichtlich, das Polster ein Kontrollfreak ist, wenn es um „seinen“ Verein geht.

Der Grund für diese Auseinandersetzungen ist einfach. Polster fühlte sich mit Werder verbunden und projezierte seine eigene Eitelkeit auch auf die Belange des Vereins, ohne dabei ein gewisses Maß an Fingerspitzengefühl und Empathie mitzubringen. Das ist nicht schlimm und vor allem keinerlei Qualitätsmerkmal für seine Arbeit im Verein, sondern lediglich eine subjektive Wahrnehmung. Denn hier muss schon gesehen werden, dass Werder mit Werder.de, Werder.tv und dem Social Media („Club Media“) Team einer der Vorreiter in der Bundesliga war und für die Arbeit mehrfach ausgezeichnet wurde. In wie fern er für all das maßgeblich war, lässt sich allerdings kaum beurteilen.

Auf der Habenseite für Polster stehen ebenfalls die Mitgliederkampagne „Werder will dich“ und die Aktion/der Claim „100% Werder“, welche zweifelsohne ebenfalls sehr erfolgreich verliefen. Auf der anderen Seite wurde Polster nach seiner Erkrankung zum Großteil aus der Öffentlichkeit herausgenommen und konnte sich auf sein Kerngebiet Markenkommunikation konzentrieren. Zudem Spaß und Freude am Job zurückfinden, indem er als Co-Kommentator bei Werder.tv Live-Spielen auftrat.

Es bleibt die Frage, warum er nun gehen muss. Es wurde aus verschiedenen internen Quellen berichtet, dass nichts besonderes vorgefallen sein soll, welches eine unmittelbare Trennung forciert haben sollte. Auch die Mitarbeiter seiner Abteilung zeigten sich von der Entscheidung überrascht. Es geht anscheinend ums Geld, bzw. um das Gehalt. Seit 2002 im Verein und in den guten Zeiten sicher mit der einen oder anderen Gehaltserhöhung ausgestattet, wird die Belastung im Etat nicht unerheblich sein. Grob geschätzt sollte sich das Gehalt bei etwa 180.000 EUR per anno bewegen. Das ist für einen Direktor in einem Mittelständischen Unternehmen ein durchweg realistisches Gehalt.

Zudem macht das Wort vom Frühstücksdirektor die Runde, der sein kleines Aufgabengebiet mit zumeist rein repräsentativen Funktionen hat, aber dennoch sehr gut bezahlt wird. Selbst aber nur wenig zum Ergebnis beiträgt. Ein Luxus, den sich Werder Bremen heute einfach nicht mehr leisten kann. Wirtschaftlich nachvollziehbar, ist nach dem vorzeitigen Bekanntwerden vor allem die Kommunikation dieser Personalie ein Problem: Es kann nicht als echte Restrukturierung verkauft werden, da keine weiteren Personen betroffen sind. Es kann auch keine Trennung aus persönlichen Gründen erfolgen. Also bleibt die „einvernehmliche Trennung“ per Abfindung, die sicher die Höhe eines Jahresgehaltes übersteigen wird. Doch dazu müsste man sich erst einmal einigen…

Die Fans

In den vergangenen 6 Jahren war die Stimmung unter den Fans nie so schlecht wie diesmal. Das Abstiegsgespenst und die damit verbundene Angst vor der Versenkung in der Bedeutungslosigkeit war noch nie so weit verbreitet. Auch nur eine Spur von Optimismus sucht man vergebenes. Das ist schade, da der vom Verein eingeschlagene Weg (Sparkurs, Talente, Billigspieler) unausweichlich scheint. Hoffnungsvoll kann ein Blick nach Dortmund gehen, die aus einer ähnlichen Situation mit einem klaren Konzept herausgekommen sind. Ob das auch in Bremen gelingt, bleibt leider abzuwarten.

Die Systeme

Folgende Systeme hat Skripnik zur Auswahl:

4-4-2 (Raute offensiv)

Soll wieder in Heimspielen praktiziert werden. Leider kein System für Ötztunali.

Ujah (Pizarro)                                   Bartels (Johannsson)

Junuzovic (Kleinheisler*)

Grillitsch (U.Garcia)                          Fritz (Eggestein)

Bargfrede (Kroos)

Garcia (Sternberg) Vestergaard (Lukimya) Gàlvez (Hüsing) Gebre Selassie (Guwara)

Wiedwald (Zetterer)

4-4-2 (flach defensiv)

Option für Auswärtsspiele. Beide ZM schalten sich abwechselnd offensiv mit ein.

Ujah (Pizarro)                                Johannsson (Morris*)

 

Grillitsch (Ötztunali)                                                                                   Fritz (Bartels)

Junuzovic (Kleinheisler*)                Bargfrede (Kroos)

Garcia (Sternberg) Vestergaard (Lukimya) Gàlvez (Hüsing) Gebre Selassie (Guwara)

Wiedwald (Zetterer)

4-1-4-1 (defensiv)

Kann bei Führung in Auswärtsspielen zur Absicherung aus dem flachen 4-4-2 gestellt werden oder auch bei Heimspielen aus der Raute heraus.

Ujah (Pizarro)

Grillitsch (Ötztunali)    Junuzovic (U.Garcia)   Kleinheisler* (Eggestein)   Fritz (Bartels)

Bargfrede (Kroos)

Garcia (Sternberg) Vestergaard (Lukimya) Galvez (Hüsing) Gebre Selassie (Guwara)

Wiedwald (Zetterer)

* Vorbehalten der Verpflichtung

Das Fazit

Ein gutes Trainingslager mit idealen Bedingungen. Das Wetter hielt, die Spiele waren herausfordernd. Es bleibt allerdings auch noch viel Arbeit. Es schien fast so, als habe diese erst begonnen. Bis zum Bundesligastart muss allerdings noch etwas passieren.

Notizen aus Belek

Wie im letzten Jahr ist Sebastian Cario wieder vor Ort in Werder Bremens Trainingslager in Belek und wird hier im Blog in den nächsten Tagen regelmäßig seine Eindrücke niederschreiben. Ich freue mich schon sehr auf Einblicke in das direkte Umfeld der Mannschaft. Vor allem zum heute alles dominierende Thema, den Wechselgedanken von Naldo, erhoffe ich mir ein paar Erkenntnisse.

P.S. Werder-Fan Sebastian schreibt in seinem Blog über Online Marketing & Co. Schaut mal vorbei, wenn euch das Thema interessiert.

Quo Vadis Werder Bremen? Eine Analyse nach dem Trainingslager in Belek

Der Beginn der Rückrunde steht vor der Tür und es gab hier im Blog noch keine wirkliche Analyse der Situation bei Werder am Ende der Winterpause. Meine begrenzte Zeit ließ es leider nicht zu. Daher trifft es sich gut, dass Sebastian Cario (@elcario bei Twitter) einen Gastbeitrag geschrieben hat. Sebastian war beim Trainingslager in Belek vor Ort und hier ist seine – wie ich finde – sehr aufschlussreiche und fundierte Analyse:

Vom 03. Bis 11. Januar 2011 hatte ich die einmalige Möglichkeit mit Werder Bremen ins Trainingslager zu reisen und so hautnah an der Mannschaft zu sein. Insgesamt war das für mich persönlich eine großartige Erfahrung. Mehr als mein persönliches Befinden und den Spaß den ich dort hatte interessiert den geneigten Leser aber der Zustand des Teams und die Dinge, die man als daheimgebliebener und medial abhängiger Fan nicht zu sehen bekommt. In der guten Tradition dieses Blogs werde ich in den nun folgenden Zeilen eine Analyse wagen, die aus den Eindrücken des Trainingslagers (ich habe kein Training verpasst), kombiniert mit den Erkenntnissen aus Diskussionen mit Fans, Betreuern, Offiziellen und auch Spielern, ergeben hat.

An erster Stelle steht dabei die Suche nach den Ursachen der Krise.

Die Verletzten

Wir blicken heute auf die schlechteste Hinrunde einer Werdermannschaft unter Trainer Schaaf zurück und über die Umstände ist bereits viel geschrieben worden. Sicher ist, dass wir großes Verletzungspech hatten und wichtige Stützen des Teams häufig fehlten. Dabei schmerzt besonders der Verlust von Naldo, der ein viel wichtigerer Spieler ist, als es ich je vermutet hatte. Zum Einen weil er immer Torgefahr ausstrahlt, bei Freistößen, nach Eckbällen und aus dem Spiel (Sololäufe) heraus. Zum Anderen da er sein gutes Stellungsspiel hat, eine hohe Geschwindigkeit an den Tag legt und ein großartiges Spielverständnis aufweist. Er ist schlicht ein sehr guter Innenverteidiger. Zwar hatte Vertreter Prödl auch mal ein Klops in seinem Spiel, aber insgesamt machte er die Sache als Innenverteidiger meines Erachtens nach gut. Eines aber kann er noch nicht leisten, denn mehr als der Innenverteidiger Naldo, fehlte uns aber der Spielgestalter Naldo. Der strukturierte Spielaufbau aus dem Abwehrzentrum ist eine zentrale Aufgabe Naldos gewesen, die er gut meisterte, wie man heute erkennen muss. Auch durch seine gefürchteten Alleingänge musste er immer direkt gestellt werden und konnte so eine menge Räume im Mittelfeld schaffen. Merte mag ein zwar ebenfalls ein guter IV sein, aber sein Spielaufbau ist durchsichtig und fad. Frings kann dieser Aufgabe auch nicht gerecht werden, dafür scheint er in seinen Bewegungen mittlerweile einfach zu langsam.

Auch Pizarro fehlte an allen Ecken und Ende. Im Trainingslager wurde einmal mehr deutlich, das dieser Spieler für uns einfach unersetzlich. Trotz fortgeschrittenem Alter [sic] war er einer der wenigen, der sich in jedem Training und in jedem Testspiel voll reingehangen hat. Beim Torabschluss schaffte es nur Pizarro auf eine annehmbare Erfolgsquote zu erzielen. Alle Anderen erwiesen sich häufig genug als Chancentod. Marin lupfte mehr als dass er schoss, Arnautovic prügelte die Bälle zumeist einfach drüber, Hunt schoss auf den Mann und Wagner traf nur den Pfosten oder die Latte. Um es mit den Worten von Mitreisefan Frank zu sagen: „Ich könnte jedes Jahr kotzen, dass Pizarro schon wieder älter wird.“ Aber: Verletzungspech hatten auch andere. Der HSV beispielsweise steht trotzdem (für seine Verhältnisse) noch ganz passabel da, obwohl reihenweise Stammkräfte fehlen. Es zeigt sich also einmal mehr, dass Werder Ausfälle von Schlüsselspielern einfach nicht kompensieren kann. Als zum Ende der Hinrunde auch noch „Pferdelunge“ Almeida und der aufstrebende Wesley fehlten war das Team völlig aufgeschmissen. Es aber allein an Personalproblemen festzumachen, wäre zu einfach.

Das System

Erschwerend kommt auch hinzu, dass Schaaf in den letzten Jahren vom 4-4-2 mit Raute zu einem 4-2-1-3 System gewechselt ist, welches er sehr variabel während des Spiels mal als echtes 4-3-3, mal als 4-5-1 spielen lassen will. Das Problem, dass auch dieses System von einem starken Spielaufbau abhängig ist, zeigte sich besonders in den Partien, in denen Werder gefordert war die selbst Initiative zu übernehmen. Hier fehlte ein Spielmacher, der die Bälle verteilt und sich als Anspielstation permanent anbietet. Zu oft verkrochen sich die Außenstürmer auf den Flügeln. Erhielten sie dann doch mal den Ball, waren die Innenverteidiger und die Mittelfeldspieler nur selten bereit zu helfen und sich anzubieten. Besonders in den Testspielen fiel wiederholt auf, dass die Bälle einfach steckenblieben, weil ein konsequentes Nachrücken nicht stattfand. Manchmal hatte es den Anschein die Spieler würden sogar Angst davor haben durch zu das Aufrücken in einen Konter zu laufen. Hinzu kommt der – durch den Ausfall Naldos bedingte -mangelhafte Spielaufbau aus der Verteidigung und das Durcheinander auf der zentralen Position.

Gegen Eskisehirspor gab es einige Szenen, in denen das taktische Konzept völlig fehlschlug und sich bei Angriffen gleich 5 Spieler auf wenigen Metern vor dem Strafraum tummelten. Das Spiel wurde dadurch so eng, dass an eine Torchance nicht zu denken war. Man muss festhalten, dass es auch häufig an der taktischen Disziplin liegt, die bei Misserfolg von den Spielern selbst über den Haufen geworfen wird. Deshalb lässt sich hinterfragen, ob ein „einfacheres“ System nicht vielleicht die bessere Option wäre. Zwar waren wir im 4-4-2 mit Raute häufig leicht ausrechenbar, aber die Erfolge könnten wir uns bedingt durch die taktische Disziplin und Einzelaktionen oft genug trotzdem holen. Nicht, dass das 4-3-3 grundsätzlich schlecht wäre, es erscheint mir momentan einfach nicht als tragbar und zu komplex. Erst recht bedingt durch das Spielermaterial das derzeit zur Verfügung steht.

Die Problemkinder

Was auch als Fan außerhalb des Platzes deutlich zu sehen war: Werder hat einige Problemkinder, die sich nicht gerade als Motivationsbombe für die Mannschaft erweisen. Aaron Hunt beispielsweise, wirkte auf mich in diesen Tagen völlig abwesend. Klar, er war noch nie ein Sonnenschein, aber ich habe selten einen Menschen so wenig (gar nicht) lachen sehen. Ich weiß selbstverständlich nicht was in ihm vorgeht und eine Ferndiagnose ist sehr gewagt. Dennoch hat sein Verhalten auf und neben dem Platz für mich depressive Züge. Dies wird vor allem deutlich, dass er während des Spiels nur selten mit seinen Mitspielern kommuniziert, bei gelungenen und misslungenen Aktionen keine Reaktion zeigt. Seine Körperhaltung und sein Ausdruck sind so emotionslos, dass man das Gefühl haben muss, eine leere Hülle ohne Seele steht dort auf dem Platz.

Ein weiteres Problemkind ist für mich Sandro Wagner. Er scheint mir wenig in das Team integriert zu sein, redet außerhalb des Platzes kaum mit seinen Mitspielern und hat anscheinend kein Standing in der Mannschaft. Dazu kommt dann auch noch das viele Pech im Torabschluss, dass ihm in den vergangenen Monaten hold war. Nach so einer Verletzung ist es eh schon besonders wieder Anschluss zu finden. Und dies für ihn noch in einer völlig fremden Mannschaft. Auch im Training fehlten ihm im Torabschluss häufig nur wenige Zentimeter, dass er mir fast schon ernsthaft leid tat. Man hat die ganze Zeit das Gefühl, dass irgendwann der Knoten platzt und er dann nach Belieben trifft. Hoffen wir, es passiert bald. Immerhin hinterließ er auf mich einen besseren Eindruck, als Marko Arnautovic, der ebenfalls unter latenter Abschlussschwäche leidet. Aber nicht nur darunter. Arnautovic verhält sich auf dem Platz zumeist wie eine stolze Koryphäe. Aber neben dem Platz leidet er meiner Ansicht nach unter einem gewaltigen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, was ihn zu einer großen Belastung für die ganze Mannschaft machen kann. Dies merkt man auch als Außenstehender auch an seinem Verhalten neben dem Platz. Wenn keiner der anderen Spieler mit ihm spricht, beginnt er häufig damit andere anzustoßen, ihnen an das Ohr zu schnippen oder lauthals zu pfeifen. Das kann schon dazu führen, dass das Nervenkostüm der Mitspieler häufiger arg strapaziert wird und somit nicht zur Teamstimmung beiträgt.

Die Kaderplanung

Auch in Belek wurde viel zu Neuverpflichtungen spekuliert und täglich neue Namen gehandelt. Zu der Baumjohann-Geschichte habe ich ja getwittert,  auch die Reaktionen darauf im Worum sind mit nicht verborgen geblieben. Was durch diese Geschichte wieder einmal deutlich wurde ist, dass unser Gehaltsbudget ziemlich aufgebraucht ist. Das ist ein Problem, dass mit guten und teuren Spielern keines wäre, uns bei knappen Kassen aber besonders hart trifft. Wir haben beispielsweise in Jensen einen Spieler, der nach seiner Vetragsverlängerung sehr viel Geld verdient, aber derzeit keine Leistung bringt. Noch krasser ist dies im Fall von Vranjes, der noch immer auf unserem Gehaltszettel steht. Auch Silvestre wird nicht für einen warmen Händedruck spielen. Borowski möchte ich aus dieser Liste etwas heraushalten, denn sein Wert ist nicht nur auf das Spiel zu reduzieren. Er ist einer, der sich außerhalb des Platzes sehr einbringt und innerhalb der Mannschaft sehr wichtig ist, auch wenn er nicht in der Startelf steht. Das jedenfalls hört man aus dem Mannschaftsumfeld und ist auch beim Training zu beobachten. Das man aber auch auf dem Feld mehr von ihm erwartet sollte klar sein.

In einem optimalen Zukunftsszenario in Sachen Kaderplanung werden wir Jensen, Silvestre und Vranjes im Sommer los. Dazu triff Frings aus dem aktiven Geschäft zurück. Somit sollten uns dann brach liegende Gehaltsbudgets von 6 bis 8 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Man kann sicher Allofs den Vorwurf machen nicht weit genug gedacht zu haben, auf der anderen Seite würde uns ein Jensen in Topform schon ordentlich helfen und das Geschrei bei einem ablösefreien Weggang wäre groß gewesen. Auch die Abgabe von talentierten Jungspielern in der Vergangenheit tut in dieser Saison besonders weh, wie hilfreich hätte ein Dennis Diekmeier für uns heute sein können? Meiner Ansicht nach hat der Kader zu wenig „frisches Blut“ erhalten und benötigt dringend eine Selbstreinigung. Immerhin gibt es aber auch ein paar hoffnungsvolle Talente aus der Jugend.

Die Hoffnungsträger

In den Einheiten habe ich oft die mitgereisten Amateure und Jungspieler genauer beobachtet. Besonders gefallen hat mir vom Einsatz, Willen und Leistungsvermögen Clemens „Schoppe“ Schoppenhauer. Der achtzehnjährige Defensivspieler ging mit ordentlich Biss zur Sache und zeigte mit einigen starken Schüssen auch im Torabschluss sein Talent. Auch Lennart Thy zeigte sich mutig, versuchte auch in den Testspielen viel, auch wenn nicht alles gelang. Völlig klar ist aber auch, dass uns die beiden in der aktuellen Situation nicht helfen können und man bei jungen Spielern noch abwarten muss, ob der Sprung zu den Profis irgendwann gelingt. Von den Trainings- und Spieleindrücken der Spieler Testroet, Düke, Wiedwald und Balogun war ich nicht besonders angetan.

Die beiden besten Spieler des Trainingslagers waren für mich eindeutig Dominik Schmidt und Sebastian Mielitz. Der Vander-Ersatz zeigte einige überragende Paraden und war meiner Meinung nach auch deutlich stärker als Wiese. Hier ist es fast schade, dass Tim über eine absolute Stammplatzgarantie verfügt. Besonders aufgefallen ist mir die Spielkompetenz und die Beidfüssigkeit von Mielitz, der in Drucksituation oft eine fußballerische Lösung fand, wohingegen Wiese einfach nur den Ball wegdrosch. Auch die Abschläge und Abwürfe schienen mir wesentlich besser als die der Nummer Eins. Was ihm bisher fehlt ist die Erfahrung, generell sollten wir uns aber um unseren Ersatztorwart keine Sorgen machen. Bleibt zu hoffen, dass Sebastian uns noch länger erhalten bleibt.

Dominik Schmidt war für mich auf dem Feld klar der beste Mann, deshalb ist es umso bedauerlicher, dass er gegen Hoffenheim ausfällt. Hinten stand er bis auf wenige Ausnahmen sehr sicher und auch nach vorn schaltete er sich häufig mit ein. An seinen Flanken kann er zwar noch arbeiten, aber wenigstens sucht er die Möglichkeit. Etwas, was von den anderen Außenverteidigern nicht gerade zu behaupten ist. Ich persönlich bin sehr auf die Rückkehr von Boenisch gespannt, der in Schmidt einen ernstzunehmenden Konkurrenten gefunden hat. Wenn sich Dominik in seinen Leistungen stabilisieren kann und auch das Team insgesamt wieder besser zueinander findet, kann ich mir sogar vorstellen, dass er auch zukünftig der gesetzte LV sein wird und damit eine Baustelle stopft, die seit dem Weggang von Paul Stalteri besteht. Dann sollte aber auch die Vertragsverlängerung Schmidts in trockenen Tüchern sein.

Teamstimmung

In der Presse wurde häufig von „sehr guter“ Stimmung im Team berichtet, etwas, was ich nur teilweise nachvollziehen kann. Den Spielern war der Druck auch im Training stetig anzumerken, oft wurde gemeckert und moniert, sich verbal mit den Trainern und untereinander auseinandergesetzt. Im Kopf behalten haben ich zwei Szenen: Nach einem leichten Nachhaken von Thy an Kroos ging dieser auf den U-17 Europameister los und setzte sogar zu einem Kopfstoß an, der zum Glück nicht zum Ziel führte. In einer anderen Szene meckerte Jensen permanent über die Schiedsrichterentscheidungen von Wolfgang Rolff, was der mehrfach mit erbosten Worten konterte. Von „sehr guter“ oder „gelöster“ Stimmung kann auf dem Platz jedenfalls keine Rede sein. Wie es im Mannschaftshotel zugeht kann ich zwar nicht genau sagen, aber auch abseits des Platzes wirkte die Mannschaft nie wie ein echtes Team. So musste beispielsweise Neuzugang Danni Avdic immer alleine den Fußmarsch ins Hotel antreten, ohne dass sich ein anderer Spieler zu ihm gesellte oder sich mit ihm unterhielt. Integration sieht meiner Meinung nach anders aus, hier sind die Führungsspieler gefragt, die ihren Aufgaben anscheinend nicht nachkommen. Gleiches galt auch für Sandro Wagner, der ebenfalls völlig unintegriert erschien.

Die Führungsspieler

Werders Führungsspieler sind meiner Meinung nach nicht nur neben dem Platz, sondern auch auf dem Platz eine weitere Ursache für Werders Krise. Hier macht sich das Fehlen von Frank Baumann absolut bemerkbar, auch wenn ich bis vor kurzem nie geglaubt hätte so etwas einmal zu schreiben. Frings ist als Führungsspieler zwar ohne Frage wichtig, aber in entscheidenden Situationen oft überfordert (man denke an die WM2006 nach dem Spiel gegen Argentinien) und einfach nicht ruhig genug. Frings ist schnell mit sich selbst unzufrieden und wirkt statt beruhigend nur aggressiv auf seine Mitspieler ein. Baumann konnte auch bei einem Gegentor motivieren, die Lage beruhigen und das Spiel neu sortieren. Zusätzlich war er außerhalb des Platzes stets bemüht die Mannschaft zu einer Einheit zu formen. Auch an diesen Punkten sehe ich großes Verbesserungspotenzial. Spieler wie Mertesacker, Fritz und Wiese sind gefordert mehr Verantwortung zu übernehmen und das Team auf und neben dem Platz zu führen. Ohne eine echte Einheit werden wir keinen Erfolg haben (können).

Fazit

Insgesamt wurde für mich deutlich, dass die schlechte Hinrunde nicht auf einige wenige Ursachen zurückzuführen ist. Wir haben es hier eindeutig mit der Verkappung von etlichen Umständen zu tun, die allesamt auf unsere missliche Lage einzahlen. Deshalb wird es auch keine Patentlösung geben. Ich selbst habe die Hoffnung, dass wir die Saison auf Grund unserer individuellen Klasse noch halbwegs über die Runden (Platz 8 bis 12) bringen und dann im Sommer ein großer Schnitt gemacht wird. Im Idealfall können wir durch Abgänge unser Gehaltsgefüge wieder in die richtige Bahn bringen und einige junge, motivierte Spieler verpflichten, um dann zur Saison 2011/12 wieder voll anzugreifen. Ich hoffe, dass dieser Schnitt nicht ausbleibt, denn mit der aktuellen Personalsituation und Mannschaftsatmosphäre halte ich langfristigen Erfolg nicht für möglich.