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UEFA-Cup Finale: Italien

Schachtar Donezk – Werder Bremen 2:1 n.V.

Was macht man am Tag nach dem Finale? Sich davon überzeugen, dass das Leben um einen herum weitergeht? Tut es das denn? Ein Blick nach draußen sagt: ja. Die Vögel zwitschern, die Freunde und Bekannten ebenfalls. Das Weserstadion steht immer noch dort, wo die Weser einen großen Bogen macht. Auch die Scharen gläubiger Menschen, die sich zum Kirchentag versammelt haben, sind noch da. Für heute werden 500.000 Teilnehmer erwartet. Damit wäre Bremen heute eine Millionenstadt. Doch was ist schon eine Millionenstadt ohne Titel? Hamburg? Berlin?

Werder hat die erste von zwei Chancen auf einen Pokal in dieser Saison vergeben. Zu keiner Zeit hat man im Finale von Istanbul den Offensivdruck entwickeln können, mit dem man den HSV und AC Milan in  den Runden zuvor niedergerungen hatte. In einem insgesamt eher mäßigen Spiel war Donezk die bessere, die leichtfüßigere Mannschaft. Ein spielerischer Klassenunterschied, der einem beim Zuschauen wehtat. Vorbei die Zeiten, da Werder für sein technisch anspruchsvolles Kurzpassspiel Schönheitspreise gewann. Da half es auch nichts, dass Claudio Pizarro in der letzten Minute der Verlängerung ein vermeintlich reguläres Tor erzielte, dem Schiedsrichter Cantalejo die Anerkennung verweigerte. Ein harter Brocken, hier auf Foul zu entscheiden. Nüchtern betrachtet wohl vertretbar, aber nicht seiner vorherigen Linie entsprechend. Hätte es in der Situation mit vertauschten Rollen Elfmeter gegeben? Wohl kaum.

Der größte Respekt gebührt sicherlich Donezks Trainer Lucescu. Seine Offensivtaktik mit allen fünf Brasilianern in der Startaufstellung ging voll auf. Dazu schaffte man es im Mittelfeld, Mesut Özil weitgehend zu isolieren. Die restlichen Bremer Offensivbemühungen konnten Schachtar nur selten in Bedrängnis bringen. Schaaf kann man kaum einen Vorwurf machen. Seine Alternativen bei der Personalentscheidung waren sehr begrenzt, was man auch bei den Einwechslungen sehen konnte. Ob Tim Wiese nun beim ersten, beim zweiten oder bei beiden Gegentoren nicht gut aussah, ist mir egal. Kein anderer Torwart in der Bundesliga hat sich im letzten Jahr so weiterentwickelt wie er. Wenn er sich nicht zufrieden gibt und weiter so an sich arbeitet, hat er eine realistische Chance in der Nationalmannschaft.

Das Spiel erinnerte mich in merhfacher Hinsicht an das Halbfinalaus der deutschen Mannschaft bei der WM 2006 gegen Italien. Auch damals hatte ich vor dem Spiel ein gutes Gefühl, dachte den stärksten Gegner schon in der Runde zuvor besiegt zu haben. Auch damals fiel der vielleicht entscheidende Spieler unter umstrittenen Umständen für das Spiel aus und konnte nicht adäquat ersetzt werden. Auch damals überraschte der gegnerische Trainer durch eine erstaunlich offensive Ausrichtung seiner Mannschaft. Auch damals hatte man das sichere Gefühl bei einem möglichen Elfmeterschießen siegreich vom Platz zu gehen.

Letztendlich verlor man das Spiel heute wie damals verdient in der Verlängerung und am Ende bleibt nur eine große Leere, ein Nichts, das nur schwer wieder aufgefüllt werden kann. Damals gab es ein versöhnliches Spiel um Platz 3, das die Enttäuschung über das verpasste Finale bei vielen Zuschauern milderte. Gestern gab es nur Medallien, einen feuchten Händedruck von Michel Platini und einen flüchtigen Blick auf das Objekt der Begierde, den Pokal. Nur gucken, nicht anfassen. Vielleicht hätte man noch jedem Spieler eine Teilnehmerurkunde überreichen können, um noch weiter in den Wunden zu bohren.

Es wird mit Sicherheit der Tag kommen, wenn die Freude, dieses Finale überhaupt erreicht zu haben, überwiegen wird. Vielleicht wird es morgen sein, vielleicht erst in einigen Wochen. Zum Glück bleibt nicht viel Zeit zum Trübsal blasen. Das nächste Finale wartet schon in neun Tagen. In Berlin wird für Werder eine Ära zu Ende gehen. Ich fordere nicht den Titel, doch ich wünsche mir ein tolles und begeisterndes Spiel, in dem Werder eine Leistung zeigt, auf die jeder Spieler und jeder Fan stolz sein kann. Vor fünf Jahren haben wir schon einmal einen kleinen Brasilianer unter Tränen in Berlin verabschiedet. Es war ein gutes Pflaster.

UEFA-Cup Finale: Live-Blog

Schachtar Donezk – Werder Bremen

Ab kurz nach 19 Uhr blogge/twittere ich live vom UEFA-Cup Finale in Istanbul.

Darf ich vorstellen: Schachtar Donezk

Es ist soweit. Heute ist UEFA-Cup-Finale. 5.000 Werderfans sind mit nach Istanbul gereist und werden die Mannschaft bestimmt nach Leibeskräften unterstützen. Die reine Anzahl der mitgereisten Fans ist nicht hoch, was sicher auch an der weiten Entfernung liegt, doch wenn ich die Begeisterung bei unseren bisherigen Auswärtsspielen gesehen habe, dann mache ich mir keine Sorgen, auch wenn 7.000 Zuschauer aus Donezk da sein werden. In Bremen selbst wird viel los sein. Heute beginnt der Deutsche Evangelische Kirchentag, zu dem über 100.000 Gäste erwartet werden. Eine größere Public Viewing Veranstaltung findet daher nur etwa außerhalb in der Waterfront in Bremen-Gröpelingen statt, denn alle zentralen Plätze sind bereits durch Veranstaltungen des Kirchentages belegt.

Über Werders Gegner habe ich in den letzten Tagen viel gelesen und mal wieder festgestellt: Lesen bildet! Ich nehme an, der Name unseres Gegners war nicht nur für mich verwirrend. In Deutschland ist die Mannschaft gemeinhin unter dem Namen Schachtjor Donezk bekannt. "Schachtjor" bezieht sich auf den russischen Namen (?????? ??????). Im Ukrainischen heißt die Mannschaft hingegen ?????? ???????, was im Deutschen "Schachtar" heißt (Quelle ist zwar nur Wikipedia, aber dafür reichen selbst meine Kyrillischkenntnisse noch). Auch in der international verwendeten englischen Version Shakhtar Donetsk bezieht man sich auf den ukrainischen Namen.

Aber Namen sind Schall und Rauch. Viel wichtiger ist natürlich, zu welcher Leistung diese Mannschaft auf dem Platz fähig ist. Schaut man sich die letzten Jahre an, dann muss man Schachtar sicherlich Respekt zollen, aber nicht vor Ehrfurcht im Boden versinken. Wie Werder spielte Donezk in dieser Saison zum fünften Mal in Folge in der Champions League. Allerdings reichte es nie für ein Weiterkommen über die Gruppenphase hinaus. In der ukrainischen Liga konnte man Rekordmeister Dynamo Kiew in den letzten Jahren etwas auf Distanz halte und wurde in drei der letzten vier Jahre Meister, doch in dieser Saison steht Donezk mit deutlichem Rückstand auf Kiew nur auf Platz 2.

Da ich mich weder in der ukrainischen Liga, noch mit Schachtars Kader wirklich gut auskenne, möchte ich auf einen Eintrag im Worum-Blog verweisen, in dem zwei Kenner dieser Mannschaft, deren Stärken und Schwächen anschaulich beschreiben. Ich habe Donezks Spiele im Halbfinale gegen Kiew gesehen und war ehrlich gesagt ein wenig enttäuscht. Das Niveau der Spiele war nicht schlecht und Donezk insgesamt auch die bessere Mannschaft, aber insgesamt lag das schon etwas unter der Klasse der Nordderbys im anderen Halbfinale. Ansonsten habe ich ein Spiel aus der UEFA-Cup Saison 2006/2007 vor Augen, als Donezk auf gutem Weg war, Titelverteidiger FC Sevilla aus dem Wettbewerb zu schmeißen, bevor Torhüter Palop seine Mannschaft durch ein Tor in der Nachspielzeit noch in die Verlängerung rettete, wo man sich dann letztendlich durchsetzte. Matuzalems 1:0 war sicher eines der schönsten Tore jener Saison.

Ob Werder nun leichter Favorit ist oder nicht, spielt in so einem Finale keine Rolle. Es wird ein großer Kraftakt nötig sein um den Pokal zu gewinnen und ich hoffe unsere Spieler sind bereit für diese Aufgabe. Diegos Ausfall ist bitter, da er selbst an einem schlechten Tag ein Spiel durch eine Einzelaktion entscheiden kann und Freiräume für seine Mitspieler schafft. Nun hängt vieles an Özil, aber auch an Frings. Das Mittelfeld ist bei beiden Mannschaften der beste Mannschaftsteil. Hier muss Werder die physischen Vorteile ausnutzen und spielerisch mit Donezk mithalten. Donezk wird sicherlich am Ausfall von Thomas Hübschman zu knabbern haben (daher ist Diegos Ausfall gleich doppelt schade). Großen Respekt habe ich vor Darijo Srna, der auch zu den Leistungsträgern der kroatischen Nationalmannschaft gehört. Ihn würde ich sogar als eine größere Bedrohung für Werder einstufen, als etwa Fernandinho oder Jadson.

Doch nun genug der vielen Worte. Geht's raus und spuits Fußball!

UEFA-Cup Halbfinale, Rückspiel: Der Norden der Welt

Hamburger SV – Werder Bremen 2:3

Auch mit zwei Tagen Abstand habe ich noch nicht ganz realisiert, was eigentlich passiert ist. Lässt man Papierkugeln, Torwartfehler und sonstige Gehässigkeiten mal weg, bleibt unterm Strich die zweite Finalteilnahme dieser Saison und die zweite Finalteilnahme der Vereinsgeschichte im Europapokal. Bei allem was man in dieser Saison als erfolgsverwöhnter Werderfan über sich ergehen lassen musste, war dieses Spiel der vorläufige Höhepunkt an Spannung, vorübergehender Hilflosigkeit und schlussendlich grenzenloser Freude.

Wie soll man das alles auch einfach so wegstecken? Innerhalb weniger Tage der angeblich feststehende Weggang Diegos, der Sieg in Hamburg, Diegos Finalsperre, Mertesackers Saisonaus, Spekulationen über einen Wechsel Thomas Schaafs zu Wolfsburg und dazu dessen zehnjähriges Jubiläum als Werders Cheftrainer. Reicht eigentlich für mehrere Wochen und will in kurzer Zeit verarbeitet werden. Denn es steht bereits das nächste Nordderby auf dem Programm. Mit einem erneuten Sieg könnte man den HSV vorübergehend sogar aus den UEFA-Cup-Plätzen kegeln. Es wäre die ultimative Demütigung, wenn die Hamburger am Ende mit ganz leeren Händen dastünden.

Doch noch ist dies auch für Werder möglich. Im Finale gegen Donezk kann Werder ohne Diego und Mertesacker kaum als Favorit gelten. Selbst Almeidas Sperre wiegt ob Rosenbergs nicht enden wollender Formschwäche schwerer als nötig. Nun wird es Werder doch zum Verhängnis, nur mit drei Stürmern (plus Harnik) in die Rückrunde gegangen zu sein. Die gelbe Karte gegen Diego war unverständlich, taugt jedoch nicht zur Legendenbildung. Er hätte bereits vorher für eine Schwalbe verwarnt werden können, stattdessen bekam er einen Freistoß. Es ist mir trotzdem unbegreiflich, wie ein Spieler, der mit David Jarolim in einer Mannschaft spielt, ernsthaft einem anderen Spieler Fallsucht vorwerfen kann. Egal. Mund abputzen und weiter geht’s.

Franz Beckenbauer zeigte sich nach dem Spiel wieder einmal herrlich uninformiert. Nicht, dass ich mich darüber noch wundern oder gar ärgern würde. Ganz im Gegenteil fand ich es äußerst lustig wie der Kaiser nach dem Spiel überrascht feststellte, dass Bremen entgegen seiner Annahme ja doch eine Pokalmannschaft sei. Und das zwei Wochen nachdem Werder die achte Finalteilnahme der letzten 20 Jahre im DFB-Pokal sichergestellt hatte. Zur Einordnung (auch wenn die Zeitspanne willkürlich ist): Im selben Zeitraum standen die Bayern “nur” sieben mal im Pokalfinale.

Die (Un-)Logik des Pokals widerspricht dem über Monate gelernten Eindruck aus der Bundesliga, dass Werder eben keine Spitzenmannschaft mehr sei. In der Meisterschaft schon früh abgeschlagen, in der Champions League blamabel ausgeschieden. Und nun? Mittelmaß my ass! Es könnte eine der erfolgreichsten Spielzeiten der Vereinsgeschichte werden. Es ist noch nichts Greifbares gewonnen, doch trotzdem sollte man die Saison insgesamt nicht mehr als Misserfolg werten. Das heißt bei weitem nicht, dass alles in Ordnung wäre und die offensichtlich gewordenen Probleme einfach ignoriert werden könnten. Doch ein Rückfall in die Jahre voller Frust ist zumindest vorerst abgewendet.

UEFA-Cup Halbfinale, Rückspiel: Live-Blog

Heute findet bekanntlich das Rückspiel zwischen Werder und dem Hamburger SV statt. Der SVW muss im Volksparkstadion in der HSH Nordbank Arena einen 0:1 Rückstand aus dem Hinspiel aufholen. Die Bedeutung des Spiels dürfte jedem klar sein. Für Werder wäre ein Sieg der größte internationale Erfolg seit 1992, für den HSV sogar seit 1983.

Deshalb wird es von mir neben der gewohnten Berichterstattung bei Twitter auch ein Live-Blog geben. Technik sei dank lassen sich Tweets und Live-Blog ja super kombinieren, so dass sowohl im Blog als auch bei Twitter mitgelesen und kommentiert (Hash Tag #svwx) werden kann. Ab ca. 19 Uhr geht es los.

UEFA-Cup Halbfinale, Hinspiel: Mach’s noch einmal, Tim

Werder Bremen – Hamburger SV 0:1

Nach dem Spiel sprach Torsten Frings von diesem einen Fehler, den Werder gemacht und den der HSV bestraft habe. Ich fragte mich in dem Moment, ob der Lutscher vom selben Spiel sprach, das ich gerade am Bildschirm verfolgt hatte. Denn egal wie man das Spiel bewertet, eine nahezu fehlerfreie Leistung kann man Werder nun wirklich nicht bescheinigen.

Ich sah ein Spiel, in dem Werder 45 Minuten lang große Probleme hatte, gegen einen konzentriert agierenden Gegner auch nur in die Nähe dessen Tors zu kommen. Im Aufbauspiel machte die Elf von der Weser zu viele Fehler und kam bei den wichtigen Zweikämpfen meist einen Tick zu spät (Frings!). Man hatte es dem erneut starken Tim Wiese zu verdanken, dass es zur Pause bei einem Gegentor geblieben war. Die Führung war für den HSV zur Halbzeit denn auch eindeutig verdient.

Das Tor von Piotr Trochowski war kurios, weil der nur 169 cm kleine Mittelfeldspieler nicht unbedingt als Kopfballungeheuer gilt. Clemens Fritz hatte durch einen Stellungsfehler den Kopfball überhaupt nur ermöglicht. Doch in der Entstehung war es ein wirklich gut herausgespielter Treffer. Pitroipa verzögert gut und nimmt Demel mit, der dann – Stellungsfehler hin oder her – eine ganz starke Flanke schlägt. So sieht gutes Flügelspiel aus.

In der zweiten Hälfte zeigte die Mannschaft dann fast alles, was sie in dieser Saison in den Pokalwettbewerben so weit gebracht hat – bis auf den Torabschluss. Das Spiel, das in der ersten Halbzeit insgesamt schon überdurchschnittlich war, wurde nun noch besser und packender. Ich kann die negativen Bewertungen seitens des Kommentators und einiger meiner Mitgucker nicht verstehen. Spiele dieser Intensität und Geschwindigkeit gibt es in der Bundesliga vielleicht fünf pro Saison. Eines Halbfinales war das absolut würdig. Eines Halbfinales ganz und gar nicht würdig war Premieres Bildregie. Ich weiß nicht welcher betrunkene Aushilfspraktikant dort hinter den Reglern saß, doch mein vierjähriger Neffe hätte vermutlich keinen schlechteren Job gemacht.

Werder schaffte es mit zunehmender Spieldauer immer besser, die taktisch gut arbeitenden Hamburger hinten rein zu drängen und sich eigene Chancen zu erspielen. Der HSV blieb bei Kontern gefährlich. Vom Spielverlauf her hätten gut und gerne 3-4 Tore mehr fallen können. Man konnte allerdings auch sehen, dass bei der hohen Geschwindigkeit beide Mannschaften ihre Angriffe nicht mit der notwendigen Präzision abschließen konnten. Die Hamburger ließen einige sehr vielversprechende Konterchancen liegen, während Werder der Ausgleich einfach nicht gelingen wollte. So war der Hamburger Sieg am Ende zwar glücklich, aber dennoch nicht ganz unverdient.

Der Knackpunkt lag bei Werder meiner Meinung nach im defensiven Mittelfeld. Was im Hinspiel mit Baumann-Frings noch so super geklappt hatte, funktionierte gestern Abend mit Frings-Tziolis zumindest in der ersten Hälfte überhaupt nicht. Sollte Frings in Zukunft nicht mehr im zentralen Mittelfeld der Nationalmannschaft eingesetzt werden, kann er sich die Aufzeichnung dieses Spiels noch einmal anschauen, um zu verstehen warum. Er lief sich zwar einen Wolf, hatte aber die Antizipation eines Altherrenspielers. Eigentlich komisch, denn er hatte doch letzte Woche erst gezeigt, dass er noch zu großen Taten fähig ist. An Tziolis gefällt mir, dass er sich nicht verunsichern lässt, egal wie wenig ihm am Ball auch gelingt. Die Leistung gestern reichte jedoch nicht aus, um seine Aufstellung zu rechtfertigen.

Die vermeintlich offensivere Variante ging also nach hinten los, was zur Folge hatte, das Diego das Spiel deutlich tiefer gestalten musste, als es ihm (und mir) Recht sein konnte. Diegos Leistung würde ich als gut bewerten, doch in der ersten Halbzeit trug seine Arbeit kaum Früchte. Erst in der zweiten Hälfte, als Diego im offensiven Mittelfeld mehr Unterstützung vom nun immer stärker auftrumpfenden Mesut Özil bekam, erspielte sich Werder langsam ein Übergewicht. Eine Mischung aus Pech und Unvermögen im Abschluss verhinderte den Ausgleich, der Werder eine etwas erträglichere Ausgangssituation fürs Rückspiel beschert hätte.

Dennoch ist die Situation keineswegs aussichtslos. Die Vorzeichen sind klar: Werder braucht einen Sieg. Wenn Werder in Hamburg ähnlich konzentriert aufspielt wie vor einer Woche, könnte die niedrige Anzahl an Toren im Heimspiel – "Europapokalarithmetik" sei dank – zu einem Vorteil werden. Es wird Zeit für den ersten Auswärtssieg im UEFA-Cup. Bis dahin haben wir jedoch erstmal die Pappnase auf. Damit muss man leben. In der Vorbereitung auf das Spiel kann es sogar hilfreich sein.

Noch ein Wort zum Unparteiischen: Howard Webb war trotz einiger weniger umstrittener Entscheidungen ein guter Schiedsrichter. In der Bewertung des Handspiels in der Schlussphase kann man sicher anderer Meinung sein und Demel hatte großes Glück, dass Webb seinen Sprung mit Bein und Ellenbogen voraus nicht sah. Webb hätte vermutlich auch dann nicht mehr als Gelb gezeigt, doch die Aktion war dicht am Platzverweis. Insgesamt kann ich die deutsche Begeisterung für englische Schiris aber nicht so ganz nachvollziehen (die meisten Engländer wohl auch nicht), doch das ist ein Thema für sich, auf das ich zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht noch näher eingehen werde.

Muss ich nicht vorstellen: Hamburger SV

In den letzten UEFA-Cup-Runden habe ich an dieser Stelle immer unsere Gegner kurz vorgestellt. Beim HSV dürfte dies wohl kaum nötig sein, liegt das letzte Aufeinandertreffen doch gerade mal eine Woche zurück. In den drei Teilen meines ultimativen Schwanzvergleichs habe ich bereits alles zum Duell gesagt, was ich für wichtig halte. Deshalb als kleinen Appetitanreger für heute Abend nur ein kleines Video:

Arnd Zeigler hat sein Reimlexikon befragt und ausgespuckt hat es die neue Bremer Pokalhymne "Werder, mein Werder".

P.S. Von mir wird es heute Abend leider keine Live-Berichterstattung via Twitter geben. Haltet euch an einfach an @WerderNews auf Twitter, die 11 Freunde oder auch das Live-Blog von Bremen 4u.

Der ultimative Schwanzvergleich (Teil 1)

Gleich vier Nordderbys stehen in den nächsten drei Wochen bevor. Grund genug, die beiden Mannschaften einmal etwas genauer miteinander zu vergleichen. Heute geht es im ersten Teil um die Geschichte und statistischen Kram, morgen vergleiche ich dann im zweiten Teil die Spielstärke der beiden Mannschaften. Und los geht's.

Gründung

Werder Bremen wurde im Jahr 1899 gegründet. Der HSV beruft sich auf seine längere Geschichte und das Gründungsjahr 1887. Dabei weiß in Bremen jedes Kind, dass der Hamburg-Stellinger erst 1919 das aufrechte Gehen erlernt hat. Mit dem Fußball tut man sich hingegen noch etwas schwer.

Titelsammlung

Hier hat der HSV eindeutig die dickeren Kronjuwelen vorzuweisen: 6 Deutsche Meisterschaften, 1 Sieg im Europapokal der Landesmeister, 1 Europapokal der Pokalsieger, sowie diverse Wald- und Wiesenpokale. Werder steht mit 4 Deutschen Meisterschaften und nur einem Europapokalsieg hinten an. Im DFB-Pokal liegt man jedoch mit 5 zu 3 Siegen in Front. Von Hamburger Seite werden gerne die unzähligen Norddeutschen Meisterschaften zwischen 1948 und 1963 hervor gekramt, in denen man Werder regelmäßig den Hintern versohlte. Selbst Schuld, wenn man sein Pulver so früh verschießt.

Ewige Tabelle

Werder hat in der Bundesliga mehr Punkte geholt, mehr Siege gefeiert, weniger Niederlagen betrauert, mehr Tore geschossen, weniger Gegentore kassiert als der HSV. Deshalb steht Werder (2.) in der ewigen Bundesligatabelle trotz einer gespielten Saison weniger auch vor dem HSV (3.). Dieser Umstand könnte sich jedoch schon während des Nordderby-Marathons ändern, da der Vorsprung derzeit nur noch vier Punkte beträgt. Immerhin bei den Unentschieden haben die Hamburger die Nase vorn. Glückwunsch!

Die jüngere Geschichte

Die Gnade der späten Geburt ersparte es mir bislang, einen Titelgewinn des Hamburger SV bewusst mitzuerleben. 1987 wurde der letzte Pott in die Höhe gestemmt. 1987 spielte beim HSV noch Manfred Kaltz, der Kaiser war Bundestrainer, in Berlin stand eine Mauer und ein Liter Normalbenzin kostete 99 Pfennig. Seitdem hat sich viel getan. Zum Beispiel 3 Deutsche Meisterschaften, 4 Pokalsiege und 1 Europapokalsieg der Pokalsieger des SV Werder Bremen.

Die letzten Begegnungen

Von den letzten zehn Spielen der beiden Mannschaften gewann Werder fünf, der HSV zwei und drei gingen Unentschieden aus. In der Hinrunde siegte Hamburg nach einem Traumtor von Olic mit 2:1. Letzte Saison gewann Werder beide Spiele (2:1, 1:0).

Die letzten wichtigen Begegnungen

Am 1. Mai 2004 schoss Werder den HSV mit 6:0 aus dem Stadion und sich selbst schon einmal warm für den Gewinn der Meisterschaft eine Woche später in München. Uli Hoeneß sah sich daraufhin genötigt, den beiden Vereinen indirekt Absprachen zu unterstellen. Ähnliches hatte es schon 1993 bei Werders 5:0 Sieg im Nordderby gegeben, der Werder mit einem Tor Vorsprung vor dem FC Bayern an die Tabellenspitze bugsierte. Am 13. Mai 2006 siegte Werder mit 2:1 in Hamburg und zog so am letzten Spieltag noch am HSV vorbei auf Platz 2, der die direkte Teilnahme an der Champions League bedeutete. Der HSV bewies wenige Monate später, dass Werder ihm damit eigentlich einen Gefallen getan hatte. Auch letztes Jahr, wiederum im Mai, siegte Werder in der HSH-Nordbank-Arena im Spiel um die Champions League Plätze. Hugo Almeida stellte mit seinem Hammer von der Strafraumgrenze den 1:0 Sieg sicher, ehe Tim Wiese mit seinen Stollen Ivica Olics ohnehin nicht üppiges Haupthaar rasierte.

Diese Saison

Die Ausgangspositionen vor den Spielen könnte unterschiedlicher nicht sein. Während der HSV, unabhängig vom Ausgang, die erfolgreichste und beste Saison seit über zwanzig Jahren spielt, findet sich Werder erstmals seit der Doublesaison 03/04 im Mittelfeld der Tabelle wieder. Trotzdem haben beide Vereine noch Aussichten auf reichlich Gold- und Silberware. Der HSV hat noch in drei Wettbewerben Titelchancen, Werder in zwei. Durch diesen Saisonverlauf geht Werder als leichter Außenseiter in die Spiele gegen Hamburg. Die Spielansetzungen (DFB-Pokalspiel in Hamburg, Rückspiel im UEFA-Cup in Hamburg) sind ein kleiner Vorteil für den HSV, auch wenn Werder in Pokal (4 Siege) und Europapokal (6 Unentschieden) noch ohne Auswärtsniederlage ist. Werder konnte die Liga schon relativ früh abhaken, kann sich zwischen den Pokalspielen mehr oder weniger ausruhen, so dass die Frische ein Vorteil für den SVW sein könnte.

Zwischenfazit

Klarer Vorteil Werder: "Naldo hat eine Riesenkeule." (Zitat: Thomas Schaaf, und der muss es wissen)

(Fortsetzung folgt)

UEFA-Cup Viertelfinale, Rückspiel: One Man Show

Udinese Calcio – Werder Bremen 3:3

Werder bleibt sich treu, in jeglicher Hinsicht: Sechstes Unentschieden im sechsten Auswärtsspiel in dieser Europapokalsaison, defensiv gerät man noch immer schnell ins Schwimmen, auch wenn die Gegentore weniger werden und den Unterschied macht vor allem ein Mann: Diego.

Wenn man sich immer noch darüber ärgern will, dass Diego das Spiel nicht schnell genug macht und sich zu oft in sinnlose Dribblings im Mittelfeld verrennt, dann kann man das nach wie vor tun. Doch was Diego in dieser Rückrunde leistet ist einfach großartig. Obwohl er am Donnerstag ganz offensichtlich nicht 100%ig fit war und das Spiel nicht wie gewohnt an sich riss, war er in den entscheidenden Situationen da und führte Werder ins Halbfinale. Es gibt nicht viele Spieler, die ein Tor wie das zum 1:1 schießen können. Gleiches gilt für das 2:0 im Hinspiel. 5 Tore hat Diego in seinen letzten 3 Spielen gemacht und dabei sogar noch 2 Elfmeter verschossen.

Diego geht mit Leistung voran und reißt dadurch die Mannschaft in dieser wichtigen Saisonphase mit. In allen wichtigen Spielen dieser Rückrunde hat er überzeugt, was für mich eine ganz wichtige Eigenschaft eines Führungsspielers ist. Es bleibt zu hoffen, dass er diese Form und diesen Killerinstinkt mit in die nächsten Spiele retten kann. Gegen den HSV wird man auf seine Genialität angewiesen sein, denn Hamburg wirkt vor allem mental sehr stark und wird darauf brennen, endlich wieder einmal ein wichtiges Spiel gegen Werder zu gewinnen.

Nun sehen wir also vier Nordderbys in den nächsten drei Wochen. Vier Chancen, die Vorherrschaft im Norden doch noch zu verteidigen, aber auch viermal die Gefahr, ausgerechnet gegen den großen Lokalrivalen die eigenen Saisonziele endgültig zu verspielen. Werder kommt diese Konstellation entgegen: In den Pokalwettbewerben hat die Mannschaft gezeigt, wozu sie fähig ist, wenn es ums Überleben geht und die Einstellung stimmt. In einem Nordderby wird es keiner der Spieler wagen, sich auch nur eine Sekunde lang hängen zu lassen (I'm looking at you, Hugo!). Auch würde sich niemand für die Halbfinalteilnahmen auf die Schulter klopfen lassen, wenn man ausgerechnet dem HSV den Weg in die Finals geebnet hätte. Das kann für Werder nur gut sein.

Am Mittwoch geht es los und ich freue mich auf drei spannende und hoffentlich erfolgreiche Wochen.

Das Leben der Anderen (4): CL Viertelfinale

Bayern München – FC Barcelona 1:1 / 0:4

Wie Barca im Hinspiel gegen chancenlose Bayern aufspielte, war nicht nur demütigend für den deutschen Rekordmeister, sondern auch eine Offenbarung für jeden Fußballfan. Kann Fußball wirklich so schön und erfolgreich sein? So ganz traue ich dem Braten noch nicht, wenngleich Barcelona in dieser Saison einfach phänomenal gut spielt. Bevor sie jedoch gegen eine der englischen Top 4 gespielt haben, lässt sich ihre Leistung nicht endgültig einordnen. Doch egal, wie der Rest der Saison verläuft, über Spieler wie Xavi, Iniesta und Messi wird man in 50 Jahren Gedichte schreiben.

FC Chelsea – FC Liverpool 4:4 / 3:1

7:5 nach zwei Spielen. Ich bin bestimmt nicht der Einzige, der sich darüber freut, dass Spiele zwischen den beiden Teams nicht mehr durch das erste Tor entschieden werden. Was war das für eine Schlacht am Dienstagabend in London? Nach Chelseas 3:1 Auswärtssieg konnte man nicht mehr unbedingt damit rechnen, ein spannendes Fußballspiel zu Gesicht zu bekommen. Und dann das. Chelsea mit einer ersten Halbzeit wie eine verunsicherte Schülermannschaft. Torwartfehler auf beiden Seiten. Plötzlich dreht Chelsea die Partie und Liverpool zeigt, warum man in den letzten Jahren die erfolgreichste Mannschaft in der Champions League war. Mit so viel Herz spielt kein anderes Team. Beim Stand von 2:2 habe ich aus Scherz zu einem Freund gesagt: Chelsea macht das 3:2 und am Ende gewinnt Liverpool 5:3. Keine 10 Minuten später stand es 3:4. Lampards Tor brachte dann die Entscheidung. Die Blues schmeißen zum zweiten Mal in Folge die Reds aus der Champions League und zeigen sich zum Ende der Saison wieder in ganz starker Form.

FC Arsenal – FC Villareal 3:0 / 1:1

Von den englischen Mannschafte in der Champions League machte Arsenal in dieser Saison den verletzlichsten Eindruck. Dabei ist man nun seit fast einem halben Jahr ungeschlagen. Sehr erfreulich, wie junge Leute wie Gibbs, Walcott und Fabianski gestern Abend aufspielten. Fabregas nähert sich seiner Bestform und auch ohne Gallas, Clichy, Sagna und Almunia steht die Null hinten. Von den verbleibenden Mannschaften ist Arsenal sicher Außenseiter, doch das scheint ihnen in der Champions League besser zu liegen als zu hohe Erwartungen (siehe 2006). Wenn diese lange enttäuschende Saison für Arsenal ein Happy End finden sollte, bauen sie Wenger endgültig ein Denkmal in Nord-London. Villareal musste indes feststellen, dass man ohne Senna nur die Hälfte wert ist.

FC Porto – Manchester United 0:1 / 2:2

Vor einigen Wochen galt Manchester noch als die derzeit wohl stärkste Mannschaft Europas. Der Titelverteidiger drehte in der Liga einsam seine Runden und ist auch in der Champions League seit knapp 2 Jahren ohne Niederlage. Dann folgte eine Schwächephase, die in einer 1:4 Heimklatsche gegen Liverpool kulminierte. Zuletzt fand man in die Erfolgsspur zurück, doch die Souveränität, die die Mannschaft ausstrahlte, ist verloren gegangen. Das 2:2 aus dem Hinspiel war eine schwere Bürde für United und Porto erwies sich als starker Gegner. Am Ende setzten sich individuelle Klasse und Erfahrung durch. Cristiano Ronaldos Tor aus 35 Metern war ein Hingucker. Ein Schuss wie von einem Präzisionsgewehr. Ob es zur Titelverteidigung reicht? Ich glaube eher nicht.

Vorschau auf den UEFA-Cup

Heute dürfen die letzten im Europapokal vertretenen deutschen Mannschaften ran. Sowohl Werder Bremen als auch der HSV müssen auswärts ein 3:1 verteidigen. Bei Werder fällt möglicherweise Diego aus, was die Chancen auf ein Weiterkommen senken würde. Das Gegentor aus dem Hinspiel war sehr ärgerlich. Dennoch sollte man in der Lage sein, auch in Udine zu bestehen. Der zweite Halbfinaleinzug innerhalb von 3 Jahren wäre einer der größten internationalen Erfolge der Vereinsgeschichte, auch wenn es sich noch nicht so anfühlt. Die Hamburger bekommen es in Manchester mit einer harten Nuss zu tun. Zuhause ist ManCity ein ganz anderer Gegner als auswärts. Der HSV wird eine ähnlich gute Leistung wie im Hinspiel benötigen, um sich dort durchzusetzen. 

In den letzten Jahren stand immer eine deutsche Mannschaft im UEFA-Cup Halbfinale (Schalke 2006, Werder 2007, Bayern 2008), um dann sang- und klanglos auszuscheiden. Sollten Werder und Hamburg weiterkommen, wäre auf jeden Fall eine deutsche Mannschaft im Finale. Zum ersten Mal seit 2002. Allein das müsste schon als Erfolg verbucht werden, wie ich überhaupt finde, dass sich der deutsche Fußball wieder im Aufwärtstrend befindet. Nicht im absoluten Spitzenniveau, doch in der Breite scheint es mehr international wettbewerbsfähige Teams zu geben.