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Abteilung Attacke

Bin ich eigentlich der einzige verbliebene Fußballfan in Deutschland, der keine Angst vor den Bayern hat?

Um es klarzustellen: Die Bayern hatten einen starken, ja sogar einen brillanten Start in die Saison. Man kann den Fußball, der in München derzeit gespielt wird, bewundern und vielleicht sogar ein bisschen neidisch sein auf die Spielfreude, die Heynckes Truppe versprüht. Aber müssen wir in Ehrfurcht erstarren, weil die Bayern mit zwei Punkten Vorsprung die Tabelle anführen und voraussichtlich die Gruppenphase der Champions League überstehen werden?

Weihnachtsmann und Osterhase

Der Weihnachtsmann ist nicht der Osterhase, hat Uli Hoeneß einst gesagt. Die Oktoberfest-Maß ist aber erst recht nicht der Meisterschaftssekt. Schauen wir einmal nüchtern die Zahlen an: Bayern hat nach sieben Spieltagen drei Punkte weniger auf dem Konto als Mainz 05 vor einem Jahr. Meister wurde, wie man in Teilen Fußballdeutschlands offenbar schon vergessen hat, am Ende der BVB. Im Gegensatz zu Mainz scheinen die Bayern jedoch unangreifbar: Erst ein Gegentor hat man bisher kassiert – eines mehr als der VfB Stuttgart nach sieben Spieltagen der Saison 2003/04. Zur Meisterschaft hat es für Magaths Defensivkünstler dennoch nicht gereicht, wie jeder Werderfan weiß. Nun mag man einwenden, dass die Bayern eben die Bayern sind und nicht Mainz oder Stuttgart. Wenn die Bayern einmal oben stehen, dann bleiben sie auch oben. Allein diese Erkenntnis reicht aus, um den Meisterschaftskampf nach knapp 21% absolvierter Saisonspiele für beendet zu erklären.

Wer, so lautet die üblicherweise gestellte Gegenfrage, wenn man Bayerns Omnipotenz dieser Tage in Frage stellt, soll denn mit diesen Bayern mithalten? Bezogen auf die Bundesliga fällt es nicht leicht, eine positive Antwort darauf zu geben. Die einzige Mannschaft, der man es zutraut, einen davoneilenden Konkurrenten im Laufe der Saison noch einzuholen, ist eben der FC Bayern. Der Favorit holt den Underdog meistens noch ein, der Underdog den Favoriten jedoch fast nie. Genau deshalb ist die Resignation gerade so groß. Vielleicht ist die Frage aber auch ganz einfach falsch gestellt.

Dominanz als self-fulfilling prophecy

An 32 von 34 Spieltagen hat jedes andere Team der Liga nichts mit den Bayern zu tun. Es werden in dieser Zeit 96 Punkte vergeben, an deren Eroberung auch ein noch so starker FCB kein Team der Liga hindern kann. Es ist als völlig unnötig, sich abgesehen von den beiden direkten Duellen übermäßig mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Fixierung auf die Bayern ist im Gegenteil sogar hinderlich. Deswegen ist es durchaus verständlich, dass Klaus Allofs Werder neulich ausweichend als „Punktejäger“ bezeichnet hat, als er nach Werders Rolle gefragt wurde. Zum jetzigen Zeitpunkt muss noch keine Mannschaft „gejagt“ werden, denn das Feld ist noch dicht beisammen.

Wie wäre wohl die letzte Saison ausgegangen, hätte die Konkurrenz nach dem makellosen Saisonstart der Mainzer deren Überlegenheit einfach akzeptiert und fortan nur noch maximal um Platz 2 gespielt und Schadensbegrenzung betrieben? Vielleicht wäre Mainz deshalb nicht unbedingt Meister geworden, aber sie hätten es wesentlich leichter gehabt. Indem man die Vorherrschaft der Bayern als gegeben hinnimmt, macht man sie zur self-fulfilling prophecy.

Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass Bayern am Ende dennoch Meister wird. Deshalb braucht sich aber nicht die gesamte Liga nach sieben Spieltagen mit heruntergelassenen Hosen vor Ihnen zu bücken und es willenlos über sich ergehen lassen.

Mutlosigkeit statt Gladiolen

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle eine Vorschau aufs Rückspiel zwischen dem FC Bayern und Inter Mailand heute Abend schreiben. Eigentlich. Nun ist die letzte Woche bekanntgewordene Trennung zwischen den Bayern und Louis van Gaal dazwischen gekommen und mir ist die Lust dazu vergangen.

Eigentlich könnte es mir ja völlig egal sein, ob die Bayern van Gaal entlassen, bzw. ich freue mich als Werderfan sogar darüber, denn wenn die Bayern ihren zuletzt beschrittenen Weg aufgeben und zurück zum konzeptlosen Zweijahreskaufrausch mit fünfzigprozentiger Meisterschaftsausbeute kehren, dann kann das für uns nur gut sein. Trotzdem ärgert es mich. Es hat mich schon im November 2009 geärgert und wenn die Mannschaft nicht unerwartet doch noch in der Champions League weitergekommen wären, dann würde heute niemand über die ach so tolle letzte Saison reden. Zur Erinnerung: Bayern hat die Gruppenphase nur deshalb überstanden, weil Juve in Bordeaux verloren hat. Hätten sie gewonnen, wäre es am letzten Spieltag in Turin um nichts mehr gegangen.

Damals hing Louis van Gaals Bayernkarriere am seidenen Faden. Im Sommer darauf war er der neue Fußballmessias. Das Feierbiest. In dieser Saison ist er wieder der alte Sturkopf, der nicht auf die Weisheit der Bayernoberen hört und unbelehrbar ist. Diese Entwicklung sagt viel mehr über den Verein FC Bayern als über den Trainer van Gaal.

Man wusste schon vorher, dass van Gaal kein ganz einfacher Mensch ist, dass er gewisse Vorstellungen vom Fußball hat, die nicht unbedingt mit dem Fußballstammtisch harmonieren. Als van Gaal verpflichtet wurde war ich beeindruckt. Beeindruckt davon, dass die Bayern sich einen solchen Querkopf in Haus holen und ihn seine Ideen umsetzen lassen. Nach dem gescheiterten Experiment Jürgen Klinsmann sollte es ein Fußballlehrer sein, aber eben einer mit neuen Ideen, der den Verein nicht zurück in die Lethargie der zweiten Hälfte der Ära Hitzfeld fliehen ließ. Der Verein schien bereit für Veränderung, für einen großen Plan. Vor allem deshalb wirkt es so bizarr, dass van Gaals Leistung nun vor allem an den Ergebnissen festgemacht werden. Nicht, dass die Ergebnisse bei der Bewertung eines Trainers egal wären, aber was kann man als Trainer in knapp zwei Jahren eigentlich erreichen? Eine Meisterschaft gewinnen? Einen Pokal holen? Die Champions League? Das ganze noch mal? Vielleicht, aber einem Vereine eine Idee vom Fußball einpflanzen? Das ist ein langfristiger Prozess.

Aber war nicht genau das van Gaals Mission? Eine “Fußballphilosophie”, seine Fußballphilosophie bei den Bayern umsetzen? Das hat er getan. Konsequent und ohne Kompromisse. Mit Kompromissen kommt man in einem festgefahrenen System nicht weiter. Kompromisse weichen die Philosophie auf. Es war klar: Der Trainer hat das alleinige Sagen. Es war auch klar: Das wird bei den Bayern bestenfalls geduldet, aber niemals akzeptiert. Im Sommer wurden van Gaals Verdienste noch im Detail aufgelistet: Er hat ein passendes System gefunden, Spieler aus ihrer comfort zone bewegt (Lahm, Schweinsteiger), auf die Jugend gesetzt (Müller, Badstuber) und dazu seine offensive Spielidee umgesetzt.

Es mag im Sommer schon manche gegeben haben, die eine nahtlose Fortsetzung dieser Entwicklung in dieser Saison erwartet oder sogar verlangt haben. Solch eine Annahme ist völlig unrealistisch. Im Fußball läuft nichts linear, nach der überaus erfolgreichen Saison war ein gefühlter Rückschritt fast unvermeidbar. Es ist nicht diese Saison, die enttäuschend ist (auch wenn einige Ergebnisse es unzweifelhaft sind) – es war die letzte Saison, die eigentlich zu gut war. Bayern ist noch nicht die beste Mannschaft Europas. Auch nicht die zweitbeste. Aber Bayern ist auf einem guten Weg dorthin, trotz und auch wegen der Rückschritte.

Mit Glück, Können und einem wahnsinnigen Lauf ging es letzten Frühling bis ins Champions League Finale. Eine Mannschaft entwickelt sich aber in erster Linie indem sie schwierige Phasen übersteht und Hindernisse überwindet. Der Sieg über Juve letzte Saison war ein entscheidender Moment. Die Niederlage gegen Dortmund könnte ein weiterer entscheidender Moment sein. Wie geht die Mannschaft damit um, nicht unmittelbar sondern mittelfristig? Welche Strategien werden entwickelt, um nächste Saison besser zu sein? Dem Fortschritt der letzten Saison folgte die Reaktion der Konkurrenz in dieser Saison. Ist es auch nur ansatzweise überraschend, dass die Gegner in dieser Saison besser mit der Spielweise der Bayern zurechtkommen? Und genau darauf sollte es beim Rekordmeister nun ankommen, nämlich eine passende Antwort zu finden. Rasenschach.

Die Crux bei der Sache ist: Diese Entwicklung ist nur langfristig zu erkennen, bereinigt um “konjunkturelle Effekte” sozusagen. Stattdessen schaukeln sich die Bayern an den letzten drei bis vier Ergebnissen und van Gaals Sturheit hoch. Ich kann gut verstehen, dass einige Bayernfans gerade an ihrer Vereinsführung verzweifeln.

Und wie sieht es mit der Implementierung der Fußballphilosophie aus? Noch bevor sie im Verein in Fleisch und Blut übergegangen ist, wird sie bereits als selbstverständlich hingenommen. Wo genau standen die Bayern noch mal im Sommer 2009? Was hat sich seitdem geändert? Alles vergessen. Xavi Hernandez vom großen Vorbild FC Barcelona hat vor kurzem in einem Interview gesagt, dass nie die Identität geändert werden darf. Personal könne man austauschen, auch Trainer, aber nie die Identität. Das Problem bei den Bayern: Die Identität ist gerade erst in der Entstehungsphase. In Barcelona hatte Johan Cruyff acht Jahre lang Zeit, um seine von Rinus Michels übernommene Idee vom Fußball umzusetzen und zu verfeinern. Van Gaal hat sie fortgesetzt und heute ist es so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass man sich fast automatisch den passenden Trainer und die passenden Spieler dazu auswählt.

Wer formt nach van Gaal die Identität der Bayern weiter? Präsident Hoeneß? Vorstandsvorsitzender Rummenigge? Manager Nerlinger? Heynckes ist ganz sicher kein schlechter Trainer, aber er wird den Umbruch bei den Bayern nicht fortsetzen. Eher scheint er der größte gemeinsame Nenner zu sein, auf den sich die Clubführung einigen kann. Es ist ein: ja, wir wollen schon irgendwie, aber nicht so richtig. Eine solide Lösung, aber keine mutige. Ich hoffe sehr, dass sie dafür nicht belohnt werden.

Mein Senf zum Münchner Weißwurstfrühstück

Es liegt mir eigentlich fern, mich hier im Blog zum FC Bayern zu äußern, zumindest wenn es nicht in Zusammenhang zu einem Spiel gegen Werder steht. Einen eigenen Eintrag wollte ich dem Rekordmeister schon gar nicht widmen, doch heute muss es einfach mal sein.

Es ist kein Geheimnis, dass ich dem FC Bayern trotz meiner bayerischen Wurzeln keine große Sympathie entgegen bringe, um es vorsichtig auszudrücken. Allerdings muss ich gestehen, dass mich die Vepflichtung van Gaals als Trainer und die scheinbare Bereitschaft zum Neuaufbau einer Mannschaft überzeugt haben. Ich kann nicht sagen, dass ich dem “Projekt” Erfolg gegönnt hätte, aber zumindest hätte ich mich über eine bajuwarische Dominanz nicht zu sehr geärgert. Ganze vier Monate später präsentiert sich der große FCB als zertstrittener Scherbenhaufen.

Da wagt es der kleine Phlipp Lahm in einem Zeitungsinterview einfach so, die Clubführung zu kritisieren und alle geben ihm Recht. Alle? Nein, Uli Hoeneß wischt die Kritikpunkte mit einem Handstreich weg. Alles Kokolores, der hat doch keine Ahnung. Dahinter steckt der Berater, der sich profilieren möchte. Reicht als Begründung, um der Kritik sämtliche Rechtfertigung zu entziehen. Ohnehin: Wer will diesem Uli Hoeneß schon in die Parade fahren? 30 Jahre lang erfolgreicher Manager, den FC Bayern national und zeitweise auch international zum Branchenführer gemacht. Auf sein Lebenswerk kann Uli Hoeneß wirklich stolz sein. Doch woher nimmt er die Chuzpe jeden anderen zurecht zu weisen?

Real? Pah! Barca? Nichts als Schulden! Arsenal? Kein internationaler Titel! ManUtd? Lächerlich! Werder? Keine Titel und keine Boulevardmedien! Überhaupt, die Medien! Die überzogene Erwartungshaltung wird doch nur von außen geschürt. Und dann das Internet mit seinen anonymen Foren! Und ständig dieser Lärm! Was soll’n die Nachbarn sagen? Ein solcher Rundumschlag ist nichts neues. Nach außen. Wenn sein Baby angegriffen wird, schlägt Hoeneß um sich. Nicht umsonst hat sich die Bezeichnung “Abteilung Attacke” eingebürgert. Gerade das schätzen viele Fans an ihm, diese Mischung aus sozialer Wärme nach innen und überbordendem Selbstbewusstsein nach außen. Allerdings war die Kritik an der sportlichen Führung der Bayern selten größer als heute. In dieser Situation zeigt sich Hoeneß größte Schwäche: Mangelnde Selbstreflexion.

Kaum eine Woche später passiert dann aber etwas, das ich nicht für möglich gehalten hätte: Hoeneß und Franz Beckenbauer geben ein Interview in der Bild-Zeitung und demontieren ihren Trainer darin dermaßen, dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, wie eine langfristige Zusammenarbeit mit ihm aussehen soll. Van Gaal soll also ein anderes System spielen, einen Teil “Verantwortung” (sprich: Entscheidungsmacht) an die sportliche Führung abgeben, aber, hey, das lernt der schon noch. Wie kann man einen Trainer von der Reputation eines Louis van Gaal holen und ihn öffentlich derartig vorführen? Kommt es wirklich so überraschend, dass der Holländer so ist wie er ist? Wusste man das nicht, als man ihn verpflichtet hat? Oder hat sich der 58-jährige in seinen 5 Monaten München so sehr verändert? Und falls nicht, soll sich der 58-jährige nun für seinen Job bei den Bayern ändern? Was erwarten Hoeneß und Beckenbauer eigentlich?

Erfolg erwarten sie. Von Anfang an. Moment, waren das nicht die Medien? Ja, aber! Sämtliche Probleme, die der FC Bayern seit Jahren mit sich rumschleppt sind a) gar keine Probleme, werden b) nur von außen in den Verein getragen, kommen c) nur daher, dass alle anderen Unrecht haben und liegen im Zweifel d) in der Verantwortung des Trainers. Und e) seid ihr alle gemein und ich spiele jetzt nicht mehr mit euch. Kindergarten FC Bayern!

Es könnte mir eigentlich egal sein, ja eigentlich könnte ich mich sogar darüber freuen, macht es eine Münchner Aufholjagd doch nicht gerade wahrscheinlicher. Ich könnte mich genüsslich zurücklehnen, wenn Beckenbauer bei Sky90 über die gesamte Sendezeit nichts anderes zu Bayerns Problemen einfällt als “Ribery” oder wenn Verwaltungsbeirat Helmut Markwort einem von van Gaal verpflichteten Spieler die Bundesligatauglichkeit abspricht. Es freut mich aber nicht, es ärgert mich. Nicht, weil es die Bayern sind, sondern trotzdem. Weil es mich wütend macht, wenn die Arbeit eines Trainers, der viel riskiert, um den Verein aus seiner comfort zone zu treiben, so mit Füßen getreten wird.

Kein Wort mehr davon, dass van Gaal viele Probleme zu seinem Amtsantritt geerbt hat. Übernommen hat er auch einen sehr starken Kader, keine Frage. Einen Kader jedoch, der unausgewogen wirkt, noch nicht so harmoniert, wie er es müsste, um Titel zu gewinnen. Wird es gewürdigt, dass van Gaal mit Badstuber und Müller zwei junge Talente ins Team integriert hat? Dass er den Bayern ein System und eine spielerische Identität zu verleihen versucht? Es wird ihm lieber vorgeworfen, dass er in der Anfangszeit vieles ausprobierte und keine klare Vorstellung davon hatte, wie das Team spielen soll. Doch wozu holt man einen Fachmann wie van Gaal zum Verein, wenn man gar nicht möchte, dass etwas verändert, dass etwas neu aufgebaut wird? Wenn man auf sein Urteil nicht vertraut? Ein großer Umbruch geht nie ohne Scherben vonstatten. Hätte man Sicherheit gewollt, hätte man damals Hitzfeld behalten müssen. Stattdessen holte man mit Klinsmann einen Erneuerer. Der Mut zum Risiko überraschte viele, mich eingeschlossen. Auch van Gaal ist ein Experiment. Allerdings ist hier nicht der Trainer das Versuchsobjekt, sondern der Verein. Kann Bayern mit einem solch knorrigen, sturen und kauzigen Trainer Erfolg haben?

Ich glaube leider, dass die sportliche Führung die Antwort auf diese Frage bereits gegeben hat.

5. Spieltag: Wir lassen den Dom in Köln und die Kirche im Dorf

Werder Bremen – Hannover 96 0:0

Am Wochenende stand für mich ein Ausflug nach Köln auf dem Programm. Dank mehrerer Staus auf der Hinfahrt und Razorlight-Konzert am Abend blieb leider nicht viel Zeit für einen Stadtbummel. Nicht einmal der Kölner Dom, der in unmittelbarer Nähe des Hotels steht, konnte besichtigt werden. Was das nun mit Werder zu tun hat? Nun, da das kleine Nordderby gegen Hannover 96 dank neuer Anstoßzeiten schon um 15:30 angepfiffen wurde, blieb der Dom auch am Sonntag unbesichtigt. Stattdessen ging es nach dem Abgrasen des üppigen Frühstücksbuffets schnell wieder auf die Autobahn, um pünktlich zum Anpfiff zurück zu sein. Leider klappte das nicht ganz und ich konnte erst zur 10. Minute einschalten. Viel verpasst habe ich dabei nicht. Hätte ich vermutlich auch nicht, wenn ich dem Dom doch den Vorzug gegeben hätte.

Nachdem man am letzten Spieltag mit einem gewaltigen Satz auf Platz 3 gesprungen war, waren die Stimmen schon wieder lauter geworden, die Werder zum sicheren Kandidaten für die Champions League Plätze herreden wollten (wovon ich mich selbst nicht vollständig frei sprechen kann/will). Wie so häufig wurde man nach einer längeren (in diesem Fall: Länderspiel-)Pause wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Ein 0:0 gegen Hannover im eigenen Stadion ist eine Enttäuschung, wie man es auch dreht und wendet. Man sollte sich davor hüten, dieses Resultat nur auf das fehlende Glück im Torabschluss oder die gute Leistung von Gästekeeper Fromlowitz zu schieben. Mit der Effizienz, die man beispielsweise gegen Hertha BSC an den Tag legte, hätte man das Spiel zwar höchstwahrscheinlich gewonnen. Die Anzahl der wirklich guten Torchancen hielt sich aber in Grenzen und Werder schaffte es nicht, den Druck gegen Ende des Spiels, als die Zeit knapp wurde, noch zu erhöhen. Man braucht sich keine Illusionen zu machen. Momentan ist Weder ein gutes Stück davon entfernt, eine der dominierenden Kräfte in der Bundesliga zu sein.

Das soll nun aber nicht heißen, dass plötzlich wieder alles schlecht ist. Denn schlecht hat Werder – mit Ausnahme der Schlussphase der ersten Halbzeit – nun wirklich nicht gespielt. Man war Feldüberlegen, hatte gegen defensiv recht stabile Hannoveraner fast immer die Spielkontrolle und ließ hinten nicht viel zu. Positiv herauszuheben ist die positive Entwicklung bei Philipp Bargfrede, der immer mehr zur festen Größe im Bremer Kader heranwächst und gegenüber Tim Borowski gestern den deutlich engagierteren Eindruck machte. Ebenfall gefreut hat mich die Tatsache, dass sich der von mir zuletzt kritisierte Torsten Frings wieder schneller vom Ball getrennt hat und unnötige Dribblings vermied. Lassen wir also die Kirche im Dorf. Von fünf Heimspielen mit einer Leistung wie gegen Hannover gewinnt man vielleicht drei. Damit wird man wahrscheinlich nicht Deutscher Meister, kann sich aber Hoffnungen auf das internationale Geschäft machen. Das kommende Auswärtsspiel gegen Leverkusen wird mehr Aufschluss über die wirkliche Leistungsfähigkeit der Mannschaft geben.

Die Kirche nicht im Dorf ließ wie gewohnt Uli Hoeneß, der vor dem Spiel seiner Bayern in Dortmund gegen die hohe Anzahl an Länderspielen wetterte, von welchen die Spieler dann auch noch verletzt zurückkämen:

“Wir müssen uns alle miteinander dagegen wehren, dass die Bundesliga jetzt zum 98. Mal unterbrochen wird wegen dieser Länderspiele. Da muss sich etwas ändern, sonst geht die Bundesliga kaputt.”

Man sollte sich nicht vom typisch Hoeneß’schen Fatalismus blenden lassen. Die Grundaussage dieses Satzes könnte auch Klaus Allofs über die Lippen kommen. Mal ganz davon abgesehen, dass Verletzungen von Spielern in der Nationalmannschaft für die betroffenen Vereine ärgerlich sind, zweifle ich doch sehr stark an dem Schaden, der ihnen durch die Länderspiele entsteht. Es ist für einen Verein ein Aushängeschild, viele Nationalspieler in den eigenen Reihen zu haben. Sie sorgen im In- und Ausland für zusätzliche Aufmerksamkeit für einen Verein, aus der dieser wiederum neue Vermarktungsmöglichkeiten erschließen kann. Gerade Uli Hoeneß sollte sich dem bewusst sein. Könnte sich jemand einen FC Bayern ohne Nationalspieler vorstellen?

Die Auffassung, dass die insgesamt hohe Anzahl an Spielen schlecht für den Fußball sei, setzt sich anscheinend immer mehr durch. Das Hauptargument dafür ist eine angebliche Überlastung der Spieler. Es leuchtet mir nicht ein, dass zwei Spiele pro Woche über 90 Minuten aus physischer Sicht ein Problem darstellen sollen. Problematisch wird es erst dann, wenn Spieler trotz körperlicher Blessuren unter Anwendung von Schmerzmitteln Woche für Woche auf dem Feld stehen. Es ist kein Geheimnis, dass dies die Merhzahl der Spieler im Profibereich betrifft. Allerdings wird häufig übersehen, dass eine hohe Anzahl an Spielen auch hohe Einnahmen mit sich bringt, die wiederum in neue Spieler investiert werden können. Ein großer, qualitativ ausgeglichener Kader bietet vor allem den Spitzenvereinen die Möglichkeit, ihre Stars in unwichtigen Spielen häufiger zu schonen, wie es z.B. in Spanien und England nicht unüblich ist und bei den Bayern unter Hitzfeld auch praktiziert wurde. Hier zeigen sich dann auch Hoeneß’ wahre Beweggründe: Statt Länderspielpause könnte man die Zeit besser mit lukrativen Freundschaftsspielen der eigenen Mannschaft auffüllen. Die bergen zwar ebenfalls ein Verletzungsrisiko für die Spieler – sorgen aber für volle Vereinskassen.

Bremer Transfers 1997-2009

Auf Anregung von Probek habe ich mal eine kleine Übersicht über die Bremer Einkäufe der letzten 12 Jahre angefertigt. Es ging dabei um die Frage, ob Bayerns Transferpolitik wirklich so schlecht ist, wie von vielen behauptet, und ob Werders Transferpolitik im Vergleich besser abschneidet. Die Frage kann hier natürlich nicht abschließend beantwortet werden, doch der Vergleich ist schon interessant:

Zunächst ein paar Anmerkungen zur Tabelle:

  • Alle Daten (Zugänge, Transfersummen) stammen von Transfermarkt.de.
  • Die Transfers wurden um die Spieler bereinigt, die ausschließlich für den Amateurbereich verpflichtet wurden.
  • Spieler, die zunächst auf Leihbasis geholt und später fest verpflichtet wurden, habe ich nur einmal berücksichtigt und Leihgebühr und Ablösesumme addiert.
  • Spieler, die während ihrer Zeit bei Werder verliehen wurden und danach zurückkehrten, habe ich ebenfalls nur einmal berücksichtigt.
  • Die Bewertung der Spieler ist natürlich subjektiv. Ich habe sie nach den von Probek verwendeten Kriterien vorgenommen (war das Geld wert, war das Geld nicht wert, hat sich durchgesetzt, kostete eh kaum etwas, bekam keine Chance, war dauerverletzt uswusf.).
  • Mir ist durchaus bewusst, dass es sich bei den Ergebnissen deshalb nicht um “harte” Daten handelt, aber hier werden ja auch keine wissenschaftlichen Ziele verfolgt.
  • Im Gegensatz zu Probek habe ich aus Zeitgründen die Anzahl der Spiele, die die Spieler für den Verein absolviert haben, nicht berücksichtigt.

Das Ergebnis:

  • Werder hat seit 1997 96 Spieler für den Profikader verpflichtet (zum Vergleich: Bayern: 94).
  • Die Transfers habe ich folgendermaßen bewertet: 27 positiv, 40 neutral (darunter die bisherigen 8 Neuzugänge dieser Saison), 29 negativ (Bayern: 30 – 35 – 29).
  • Insgesamt hat Werder 115,9 Mio. € für die Transfers ausgegeben (Bayern: 318,4 Mio. €). Im Schnitt sind dies 1,2 Mio € pro Spieler (Bayern: 3,4 Mio. €).
  • 73,2 Mio. € wurden in Spieler investiert, die ich positiv oder neutral bewertet habe (ausgenommen die Transfers dieser Saison), 26,8 Mio. € in Spieler, die ich negativ bewertet habe (Bayern: 173,5 Mio. € bzw. 94,2 Mio. €).
  • Relativ gesehen hat Werder 26,8 % der Transferausgaben für Fehleinkäufe ausgegeben (Bayern: 35,2 %).
  • Die Kosten pro erfolgreichem Transfer (Bewertung = positiv) liegen bei 3,7 Mio. € (Bayern: 8,9 Mio. €).
  • Die drei teuersten Fehleinkäufe sind: 1. Carlos Alberto (8,5 Mio. €), 2. Mohammed Zidan (3,5 Mio. €), 3. Manuel Friedrich (2,5 Mio. €).

Und was sagt uns das jetzt?

  • Die Transferbilanz ohne Berücksichtigung der Kosten ist sehr ausgeglichen und ähnelt der des FC Bayern.
  • Werder hat weder absolut noch relativ mehr geglückte Transfers zu verbuchen als Bayern.
  • Berücksichtigt man die Ausgaben kann man folgendes festhalten: Werder hat mit etwas mehr als einem Drittel des finanziellen Aufwands der Bayern ein ähnlich gutes Ergebnis erreicht.
  • Aber: Die Ansprüche der Vereine und deren Fans unterscheiden sich, was insbesondere für die Zeit vor 2003/2004 gilt. Die Bewertung der Spieler dürfte also nicht oder zumindest nicht durchgängig nach denselben Maßstäben erfolgt sein.
  • Bei vielen Spielern war eine Bewertung nicht einfach und kann sicher heftig diskutiert werden (z.B. Sanogo, Fritz, Jensen, Davala). Christoph Dabrowski habe ich bspw. vor allem deshalb positiv bewertet, weil uns sein Tor 1999 vor dem Abstieg bewahrt hat.
  • Ist der Felix Magath, der nun als bester Trainer der Bundesliga gilt, wirklich derselbe Felix Magath, der uns Spieler wie Pawel Wojtala und Dirk Weetendorf zugemutet hat? Eigentlich hätte dem HSV der Handel mit solchen Spielern untersagt werden müssen.
  • Die Betrachtung ist unvollständig, da weder Gehälter und Handgelder noch Transfererlöse berücksichtigt wurden.
  • Ein allgemeingültiges Urteil kann man auf Grundlage der Tabellen nicht fällen. Allerdings wird die pauschale Behauptung, Werder Bremen betreibe eine bessere Transferpolitik als Bayern München, nicht bestärkt.

Die Transfers anderer Vereine: