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Der Schaaf im Wolfspelz

Einer der Kritikpunkte, die sich Thomas Schaaf in der letzten Saison gefallen lassen musste, war, dass er seine Spieler nicht mehr so richtig im Griff habe. Undiszipliniertheiten auf und neben dem Platz sorgten bei Werder vor allem rund um die Weihnachtszeit für Aufsehen. Dies führte zu roten Karten, unangenehmen Zeitungsschlagzeilen und unerklärlichen Aussetzern auf dem Spielfeld. Es wurde die Frage laut: Erreicht Schaaf die Spieler noch? Nun nähert sich wieder die Weihnachtszeit und in Bremen ist es ruhig, fast andächtig – zu hören ist nur der Jubel über die konstant guten Leistungen der Werdermannschaft. Was ist passiert? Wer Erfolg hat, der hat immer Recht. Wenn es gut läuft, bleiben die Kritiker stumm und selbst die unzufriedenen Spieler halten die Füße still.

Ist das wirklich so? In München oder auf Schalke wird man über derartige Blauäugigkeit nur lachen können. Auch in guten Phasen melden sich die Lümmel von der Ersatzbank gerne mal zu Wort, sei es, um sich über ihr ungerechtes Los zu beschweren, sei es, um sich bei anderen Vereinen ins Gespräch zu bringen. In Bremen ticken die Uhren bekanntlich ein wenig anders, doch auch hier kennen die Spieler die Durchwahl zu den Sportabteilungen der Gazetten. Und die Liste der Unzufriedenen ist auch bei Werder nicht kurz.

Da wäre zunächst die “Balkan-Connection”, bestehend aus Jurica Vranjes, Dusko Tosic und Said Husejinovic. Jeder hat es auf seine Art auf die Bremer Abschussliste geschafft. Tosic brachte es in zwei Jahren nur auf wenige bundesligataugliche Spielminuten, Husejinovic enttäuschte beim Zweitligisten Kaiserslautern, an den er ausgeliehen war und Vranjes legte sich dem Vernehmen nach zu vehement mit Thomas Schaaf an. Alle drei sollten im Sommer verkauft werden, alle drei stellten sich quer, alle drei finden sich in schöner Regelmäßigkeit auf der Tribüne wieder. Ohne im einzelnen beurteilen zu wollen, wie gerecht oder ungerecht diese Maßnahmen sind, lässt das auf ein hohes Unzufriedenheitspotential schließen.

Ebenfalls nicht zufrieden mit seiner Situation dürfte Markus Rosenberg sein. Nach schwacher Saison schienen seine Tage bei Werder gezählt. Eine langwierige Verletzung erschwerte einen Verkauf in der Sommerpause, was einer der Gründe für seinen Verbleib sein könnte. Er kämpfte sich nach der Reha langsam an die Mannschaft heran, wirkte bei seinen ersten Saisoneinsätzen schon wieder auf einem guten Niveau. Vor einigen Wochen fand er sich dann plötzlich im Abschlusstraining alleine neben dem Spielfeld wieder: Sprintübungen. Keine Nominierung für das Bochum-Spiel. Im Pokal trotz Personalsorgen im Sturm nur 90 Minuten auf der Bank. Rosenberg selbst sagte, er sei fit.

Auffällig ist es schon, dass Werder in dieser Saison nur in Ausnahmefällen das volle Kontingent von 18 Spielern für den Spieltagskader in Anspruch genommen hat. Die Gründe dafür liegen nicht nur in der zwischenzeitlich langen Verletztenliste. Vor einigen Wochen hatte Schaaf  zum ersten mal vor einem Spiel alle 23 Profis zur Verfügung, dennoch blieben 7 außen vor. Die Ansprüche, die an die Spieler gestellt werden, wurden anscheinend deutlich erhöht. Insbesondere im körperlichen Bereich werden keine Kompromisse mehr eingegangen. Man hat aus den Verletzungsserien vergangener Jahre den Schluss gezogen, dass es im Zweifel besser ist, einen Spieler einige Wochen länger pausieren zu lassen. Voller Einsatz im Training wird vorausgesetzt. Wer ihn vermissen lässt, wer nicht richtig mitzieht, der findet sich schnell auf der Tribüne wieder. Das Ergebnis ist eine Mannschaft, die trotz Dreifachbelastung lange sehr frisch wirkte, die in den letzten Spielen vor der Länderspielpause jedoch merklich abbaute. Eine Folge ist nämlich auch eine dünne Ersatzbank, die Ausfälle wichtiger Spieler kaum kompensieren kann und eine Rotation ohne spürbare Qualitätseinbußen nicht zulässt.

Dennoch scheint die sportliche Führung auf dem richtigen Weg. Das erste Spiel nach der Pause war eines der besten in dieser Saison. Weniger kann auch mehr sein, denn wer profitiert schon von demotivierten und formschwachen Spielern, die nur als Füllmaterial auf der Bank sitzen? Die Regeln scheinen klar und jedem bekannt zu sein. Jedes gute Ergebnis bestätigt die Linie des Trainers und Spieler sind entgegen ihrem Ruf manchmal eben doch lernfähig. Doch selbst wenn nicht, droht kein unmittelbarer Aufstand der Unzufriedenen. Die “Balkan-Connection” dürfte in der Winterpause weg sein (was ich in Vranjes Fall wirklich schade finde, aber das ist ein Thema für sich). So lange Werder den Anschluss an die Bundesligaspitze hält, wird es höchstens das ein oder andere kleine Störfeuer durch Einzelkämpfer geben. Die anderen werden “Papa Schaaf” am Ende wieder auf die Schultern klopfen. Er hat eben doch alles fest im Griff.